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Bailey Seybolt | Coram House

Bailey Seybolt | Coram House

Seit ich hier bin, habe ich mich als Unbeteiligte gesehen, die von außen auf die Geschichte schaut. Als eine neutrale Reporterin, die nichts mit der Geschichte zu tun hat. Doch das stimmt nicht mehr. Ich kann nicht sagen, wann genau es sich geändert hat. Vielleicht, als ich den Schrei im Wald gehört habe. Vielleicht heute Morgen, als ich Rooneys Leiche gefunden habe. (Auszug Position 4124 von 5095)

Im Mittelpunkt des Thriller-Debüts steht die frisch verwitwete Autorin Alex Kelley, die grade eine schwere Zeit durchlebt. Einst für ihre True-Crimes gefeiert, war sie mit ihrem letzten Roman aufgrund von Recherchefehlern in Misskredit gefallen. Hoffnungsvoll nimmt sie das Angebot an, als Ghostwriterin über die tragischen Ereignisse in einem von Nonnen und Priestern geführtem Waisenhaus namens Coram House im ländlichen Nordosten der USA zu schreiben und sich damit zu rehabilitieren. Es geht um einen vor Jahrzehnten vorgefallenen Missbrauchsskandal, dessen Gerichtsprozess in den 80er Jahren mit einem Vergleich endete. Der ehemalige Chefermittler und mittlerweile pensionierte Rechtsanwalt Alan Stedsan möchte sein Vermächtnis literarisch aufbereiten, besteht aber auf einer Verschwiegenheitsklausel, um sich die absolute Kontrolle über das Endprodukt vorzubehalten.

Alex reist ins winterliche Vermont und schon die ersten Akteneinsichten in alte Zeugenprotokolle deuten auf einen brisanten Fall hin. Generationen von Kindern wurden einer harten Erziehung ausgesetzt, es geht um Missbrauch, Misshandlungen und einem angeblichen Todesfall. Vor allem das Schicksal des damals neunjährigen Tommy, der an einem heißen Tag im Jahr 1968 spurlos verschwand, lässt Alex nicht mehr los. Sie verbeißt sich in den Fall, befragt ehemalige Waisenkinder, bekommt Unterstützung durch die Polizei, doch dann findet sie beim Joggen die Leiche einer Frau im See. Sie ist davon überzeugt, dass der Tod mit der dunklen Vergangenheit Coram Houses zusammenhängt und sie jemandem zu nahegekommen ist.

Coram House ist ein typischer Destination-Thriller, in dem der Schauplatz, das trostlose, inzwischen verlassene Kinderheim die Hauptrolle spielt und die bedrückende Stimmung enorm verstärkt. Das verschneite Vermont mit dem zugefrorenen Lake Champlain in der klirrenden Winterkälte ist treffend eingefangen. Alex als Protagonistin und Ich-Erzählerin ist der allzu bekannte Typ der „kaputten“ Thriller-Protagonistin. Sie reagiert oft überspannt, nervt die Polizei, trifft falsche Entscheidungen, bei denen sie unnötige Risiken eingeht und kreist um sich selbst. Sie trinkt zu viel, hat den zu frühen Tod ihres Mannes noch nicht überwunden und natürlich joggt sie exzessiv. Ihre Besessenheit, Tommys Schicksal zu klären war für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Gleichzeitig ist der Rechtsanwalt wenig kooperativ, seine Motivation, das Buch schreiben zu lassen, undurchsichtig.

Spannungstechnisch würde ich es als Slow-Burn bezeichnen, es ist eher mysteriös, teilweise zu dramatisch und pathetisch erzählt. Die Handlung entwickelt sich mit unerwarteten, teilweise konstruierten Wendungen, die in einem unvorhersehbaren, aber nicht abwegigen Ende gipfeln. Unterbrochen wird die gegenwärtige Geschichte immer wieder durch Vernehmungsvideos aus den 80ern, die sich organisch in die Handlung einfügen und einen erschütternden Blick auf die Zustände und Grausamkeiten in dem katholischen Kinderheim geben.

Die Autorin Bailey Seybolt studierte u.a. kreatives Schreiben an der Concordia University und lebt heute mit ihrer Familie in Vermont, nicht weit vom Lake Champlain entfernt. Ihr fiktionaler Debüt-Roman wurde von einer historischen Geschichte inspiriert.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Coram House | Erschienen am 11. September 2025 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-26431-0
384 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Coram House | Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Goga-Klingenberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Michael Connelly | Der Inselcop von L.A.

Michael Connelly | Der Inselcop von L.A.

Die Station auf der abgelegenen Insel war ein Sammelbecken für die Loser und Freaks in den Reihen der Polizei, weshalb es den Einheimischen den Aufwand nicht wert schien, sie näher kennenzulernen. (Auszug Pos. 218 von 4529)

Nach internen Querelen mit einem Kollegen wird Detective Stilwell vom LAPD abgezogen und auf die kleine Pazifikinsel Catalina Island zwangsversetzt. Obwohl er sich nun statt mit Mordfällen nur noch mit banalen Ordnungswidrigkeiten wie Trunkenheit und Ruhestörung herumschlagen muss, fühlt er sich nach fast einem Jahr in der neuen Position ganz wohl. Mittlerweile ist er mit vielen, die innerhalb der kleinen Inselcommunity eine gewisse Machtposition innehaben, in Kontakt getreten. Die Einheimischen akzeptieren ihn und er hat in Natasha Dano von der Hafenmeisterei eine neue Liebe gefunden. Die Situation ändert sich, als kurz vor dem ersten richtigen Sommerwochenende mit den zahlreich zu erwartenden Ausflüglern vom Festland, eine in Plastiksäcken verpackte und mit einem Anker beschwerte weibliche Leiche im Hafenbecken entdeckt wird. Zunächst scheint niemand die Frau mit der auffälligen lila Haarsträhne zu kennen.

Zuständig für die Aufklärung sind die Mordermittler und Forensiker vom Festland. Die Bergung der Leiche, verankert unter Seegras gestaltet sich schwierig, doch Stilwell mit einer abgeschlossenen Taucherausbildung kann unterstützen. Den Fall übernimmt ausgerechnet Rex Ahern, ein arroganter und selbstgerechter Beamter, genau der, mit dem Stilwell aneinandergeraten war. Da er von Aherns Arbeitsweise nichts hält und sicherstellen will, dass der ermordeten Frau Gerechtigkeit widerfährt, geht Stilwell gegen den Willen seines Chefs seinen eigenen Spuren nach. Dabei verhält sich Ahern weiterhin unkooperativ und auch der Bürgermeister ist von dieser Art Publicity vor dem wichtigen Feiertagswochenende nicht begeistert. Zeitgleich muss sich Stilwell noch um einen Fall von Wilderei im Naturschutzreservat der Insel und um eine gestohlene Skulptur im elitären Black Marlin Club kümmern. Schon bald entdeckt er streng gehütete Geheimnisse, zahlreiche weitere Verbrechen und Korruption auf der friedlichen Insel.

Ein neuer Reihenauftakt von Michael Connelly, eine interessante Location mit einer kleinen vor der Küste von Los Angeles liegenden Pazifikinsel, ein toll gestaltetes Cover, was soll da schon schiefgehen? Die Inselkulisse mit seiner Kleinstadtidylle ist mal etwas erfrischend anderes. Dabei versteht Connelly es, sehr farbig das Leben auf der Insel, die nur per Boot oder aufgemotzten, elektrischen Golfwagen zu erkunden ist, und seine meist wohlhabenden Bewohner lebendig darzustellen. Wenn ein Richter mit seinem Boot zu den Verhandlungen fährt, ankert, dann im Neoprenanzug zum Steg schwimmt und sich dort die Robe überwirft, versprüht der Roman seine ganz eigene Atmosphäre.

Stilwell ist unverkennbar ein typischer Connelly Charakter, ein hartnäckiger Einzelgänger mit einer Besessenheit, die Wahrheit ans Licht zu bringen sowie mit einer unnachgiebigen Herangehensweise an die Ermittlungen. Mit einem ausgeprägten moralischen Kompass ist er bereit, die Grenzen des Gesetzes zumindest zu dehnen, um den Opfern von Verbrechen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Kommt einem bekannt vor! Leider konnte ich ihn nicht richtig fassen, hätte mir noch mehr Tiefe gewünscht, der Autor gönnt ihm noch nicht mal einen Vornamen. Mit seiner aus Catalina stammenden Freundin Tash lernen wir die Kultur und Lebensweisen auf der Insel kennen. Weiter wird sie nicht beleuchtet, wirkt auf mich wie ein Platzhalter. Der Romanze fehlte die Chemie, sie ist ständig genervt, wenn er seine Ermittlungen über sein Privatleben stellt! Auch alle anderen Figuren waren mir zu leblos und schematisch gestaltet.

Kennzeichnend für Connellys Erzählweise springen wir zwischen den unterschiedlichen Fällen hin und her. Mir fehlte hier aber der Sog, unbedingt weiterlesen zu müssen. Dafür war der Plot grade am Anfang sehr verwirrend mit der Einführung unzähliger Charaktere und vieler unbekannter Fachbegriffe aus der Bootswelt. Der Roman besteht größtenteils aus Polizeiarbeit mit zahlreichen Vernehmungen und vielen Reisen hin und her, sodass die Handlung eher gemächlich als spannend war. Ich brauchte etwas Zeit, um in die Geschichte hineinzukommen und langweilte mich stellenweise. Es fehlte einfach der zündende Funke.

Catalina Island besitzt als Schauplatz enormes erzählerisches Potenzial, ich hätte mir gewünscht, dass der Autor die Figuren so sorgfältig ausarbeitet wie die malerische Insel, dann könnte das eine tolle neue Serie werden. Ich würde dieses Werk als eins der Schwächeren bezeichnen, wäre aber bei einem weiteren Band noch mal dabei.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Inselcop von L.A. | Erschienen am 16.09.2025 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12112-1
384 Seiten | 23,00 €
Originaltitel: Nightshade | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Sophie Morton-Thomas | Das Nest

Sophie Morton-Thomas | Das Nest

In einem kleinen englischen Küstenort lebt Fran Redlock mit ihrem Mann Dom und dem 10-jährigen Sohn Bruno. Während Dom im naheliegenden Norwich arbeitet, kümmert sich Fran um den Campingplatz. Sie hat in eine Wohnwagensiedlung investiert und lebt nun von der Vermietung der Mobilheime. Frans Alltag ist von Routine und einer tiefen Bindung zur Natur geprägt. Zu ihrer großen Leidenschaft in der trostlosen Alltagsroutine gehört das akribische Beobachten von Vögeln, fast besessen ist sie von einem Nest seltener Zwergseeschwalben mit wertvollen weil seltenen Eiern.

Erste Unruhe kommt auf, als ihre Schwester Ros mit Partner Ellis und der 11-jährigen Tochter Sadie vorübergehend in einem Mobilheim Unterschlupf finden. Die Familie hat finanzielle Probleme, Ellis sucht nach einem Alkoholentzug nach einer neuen Arbeit. Bruno freut sich, zum Schulbeginn neben seiner Nichte Sadie sitzen zu können. Eine neue Lehrerin übernimmt eine Mutterschutzvertretung. Diese Ms. McConnell erfüllt mit ihrem unkonventionellen Aussehen nicht die Vorstellung aller Eltern. Besonders mit der aufmüpfigen Sadie gibt es Probleme und das Mädchen wird kurzzeitig von der Schule verwiesen.

Das große Mysterium ihrer Herkunft. Ihr Akzent ist nicht von hier, genauso wenig wie meiner. Aber ich kann sie keinem Ort zuordnen, mit ihren lang gezogenen Vokalen und kehligen Formulierungen. (Auszug Seite 129)

Als die umstrittene Lehrerin überraschend verschwindet und später tot aufgefunden wird, gerät Frans fragile Welt endgültig aus den Fugen. Zur gleichen Zeit verschwindet ihr Schwager Ellis, nach dem später sogar gefahndet wird. Die Polizei geht von Mord aus und plötzlich sind alle verdächtig – auch Fran selbst. Alte Konflikte brechen auf, insbesondere in Bezug zu ihrer Schwester, mit der sie ein angespanntes Verhältnis pflegt, auch die Beziehung zu ihrem Mann wird immer schlechter.
Zeitgleich hat sich eine Gruppe Roma neben der Wohnwagensiedlung niedergelassen. Die Kinder Bruno und Sadie finden Vertrauen zu der Community und verbringen viel Zeit bei Tad, dem Ältesten der Roma-Gemeinschaft und seinem jüngeren Bruder Charlie. Fran findet bei ihren täglichen Vogelbeobachtungen immer öfter offensichtlich von Menschenhand getötete Vögel. Und dann ist das Nest mit den wertvollen Eiern leer.

Die Ereignisse werden abwechselnd in kurzen Kapiteln von Fran und Tad erzählt. Dabei wirken die Ausführungen von Tad, der mit einer nüchternen Distanz das Geschehene beobachtet, reflektiert und klar, während man bei Fran das Gefühl einer unzuverlässigen Erzählerin hat. Fran steigert sich immer mehr in einen übergriffigen Beschützerinstinkt hinein, da sie sich vor allem um ihre Nichte sorgt. Dabei scheint Sadie einfach in einem schwierigen Alter zu sein und sich mit ihrem Benehmen nach Aufmerksamkeit und Anerkennung zu sehnen.

Die britische Autorin Sophie Morton-Thomas schreibt in einem ruhigen, teilweise poetischen Stil. Von Beginn an entwickelt sich eine subtile Bedrohung, die sich immer mehr steigert und über die Seiten zuspitzt. Spannung entsteht dabei nicht aus Action oder Tempo, sondern aus der immer bedrückender werdenden Handlung. Der Roman, eher Familiendrama als Krimi ist nicht handlungsgetrieben oder rasant, eher bestimmen die präzise beobachteten Figuren den Plot. Dabei scheint das raue Marschland mit seinem ständigen Nebel und Regen zu einem eigenen Charakter. Sophie Morton-Thomas bricht mit einfachen Gut-Böse-Konstruktionen und vorhandenen Vorurteilen. Zum Schluss weiß sie noch mit einer furiosen Auflösung zu überraschen, die schwer zu fassen ist und mich zwiegespalten und etwas ratlos zurücklässt.  Zu wenig konnte ich mit den Figuren mitfühlen und emotionalen Kontakt herstellen. Zu groß ist mein Unverständnis über Frans mangelnde Handlungsbereitschaft und Kommunikationslosigkeit. Die exzessiven Vogelbeobachtungen und eindrucksvollen Naturbeschreibungen nehmen viel Raum ein, auf Kosten des eigentlichen Geschehens, dass recht zäh daherkommt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Das Nest | Erschienen am 02. Juli 2025 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-865-32909-7
304 Seiten | 22,00 €
Originaltitel: ‎Bird Spotting in a Small Town | Übersetzung aus dem Englischen von Lea Dunkel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Magdalena Parys | Der Magier

Magdalena Parys | Der Magier

Kowalski beeilte sich, nach Hause zu kommen. Im Bad stellte er seinen Laptop auf einen Schemel, ließ sich eine Wanne ein, in der er eine halbe Ewigkeit zubrachte. Immer wieder spulte er die Aufnahme ein Stück zurück, ließ ab und zu heißes Wasser nachlaufen. Der alte Stöpsel verschloss den Abfluss nicht mehr richtig. Als wäre es ein Bild für diesen Fall, dachte Kowalski tiefsinnig. Dass ständig irgendwo etwas durchsickert und verrinnt. (Auszug S. 386-387)

Der Roman beginnt in Sofia, Bulgarien, 2011. Mit einem Mord. Der ehemalige Fotoreporter Gerhard Samuel betreibt Recherchen und sucht nach Dokumenten zu einem alten Vermisstenfall. 1980 ist der polnische Ingenieur und Oppositionelle Piotr Boszewski bei einem Bulgarienurlaub spurlos verschwunden. Boszewski ist der Mann seiner Lebensgefährtin und Vater von Dagmara Bosch, einer bekannten TV-Journalistin und Moderatorin. Gerhard recherchiert gemeinsam mit Burkhard Seidel, dessen Söhne 1985 beim Versuch die bulgarische Grenze zu überschreiten ums Leben kamen. Beide vermuten, dass es damals nicht mit rechten Dingen zuging, sowohl bei Seidels Söhnen, bei Boszewski und bei einigen anderen. Sie wollen Beweise sammeln, dass damals unter Federführung der Stasi diese Menschen mit Absicht getötet wurden. Ebenfalls bei der Recherche dabei ist der ehemalige Stasi-Mitarbeiter Frank Derwald, seine Rolle bleibt allerdings lange unklar.

In Sofia wird Gerhard zunächst abgewimmelt, doch Derwald spielt ihm Unterlagen und Negative zu. Als er diese entwickelt, erhält er zum ersten Mal einen konkreten Hinweis auf Beteiligung eines Stasi-Offiziers, Christoph Schlangenberger, heute ein einflussreicher Politiker einer populistischen Partei mit guten Chancen auf ein Regierungsamt. Als Gerhard die Brisanz erkennt, will er schleunigst Bulgarien verlassen. Doch er kommt nur in eine Querstraße in der Nähe des Hotels, bricht dort tot zusammen. Seine Erkenntnisse konnte er jedoch noch an Seidel übermitteln und auch die Unterlagen sind noch nicht verloren: Der Mann von der Hotelrezeption soll diese nach Deutschland bringen.

Kurz darauf wird die Berliner Polizei in ein heruntergekommenes Wohnhaus gerufen, das inzwischen von Roma-Familien besetzt wird. Im Bad einer Wohnung ist die brutal verstümmelte Leiche von Frank Derwald gefunden worden. Derwald ist Mitarbeiter von Christoph Schlangenberger, die Ermittlungen werden von oben stark behindert. Kommissar Kowalski wird allerdings von seinem Vorgesetzten Tschapieski trotzdem auf den Fall angesetzt, denn Tschapieski war ein Freund der Familie Boszewski und hat Kenntnis über die Recherchen. Er stellt auch den Kontakt zu Dagmara Bosch her, die von den Unterlagen aus Sofia Kenntnis erlangt hat. Währenddessen versucht Schlangenberger mit Hilfe seiner Securityfirma und seiner rechten Hand Ernesto seine Spuren um jeden Preis weiter zu verwischen.

Die polnische Autorin Magdalena Parys ist gebürtig aus Danzig, lebt aber bereits seit ihrer Jugend Mitte der 1980er in (West-)Berlin und hat dort auch Polonistik und Erziehungswissenschaften studiert. Ihr Debütroman „Tunnel“ erschien 2014 in deutscher Übersetzung. Im gleichen Jahr erschien auch der vorliegende Roman „Magik“ im Original. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, gewann auch den Literaturpreis der Europäischen Union. Die vorliegende deutsche Übersetzung stammt von Lothar Quinkenstein, der auch schon Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk übersetzt hat.

Magdalena Parys schreibt hier einen Politthriller mit aktuellen (Rechtspopulismus) und historischen Bezügen (Verbrechen der Staatssicherheit). Die Ereignisse in „Der Magier“ sind zwar rein fiktiv, dennoch gab es schätzungsweise hundert Personen, die beim Versuch, die bulgarische Grenze zu überqueren, zu Tode gekommen sind. Und natürlich gab es auch tödliche Aktionen der Staatssicherheit sowohl in der DDR als auch in Polen gegen Oppositionelle. Diese Fakten verarbeitet die Autorin zu einer interessanten Handlung mit Bezügen zum aktuellen Politgeschehen. Es geht auch ums deutsch-polnische Verhältnis und der manchmal schwierige Bezug der Exilpolen zu ihrer Heimat.

Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven und mit einem Erzähler vorgetragen, der insbesondere Geschehnisse aus der Vergangenheit aus dem Blickwinkel der jeweiligen Person nacherzählt. Das ist allerdings auch mein größter Kritikpunkt an diesem grundsätzlich interessanten Roman: Es wird zu viel drumherum erzählt und eine gewisse Straffung hätte der Geschichte gut getan. Eigentlich ist es ja durchaus ein löbliches Unterfangen, den Figuren Leben und Hintergrund einzuhauchen. Aber hier wird es für meinen Geschmack zu sehr übertrieben. Da werden wichtige Szenen mit viel Hintergrundmaterial unterbrochen und damit zumindest mein Lesefluss etwas gestört. Die Spannungskurve verflacht dadurch ebenfalls manchmal fast völlig, zumindest in der ersten Hälfte des Romans. Das ist etwas schade, denn ansonsten fand ich Personal und Handlung ansprechend, das Thema interessant. So bleibt am Schluss aber trotz der genannten Schwächen dann doch ein überwiegend positives Fazit.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Der Magier | Erschienen am 22.01.2025 im Polente Verlag
ISBN 987-3-9505744-0-1
560 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Magik | Übersetzung aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Bernhard Aichner | Yoko

Bernhard Aichner | Yoko

Yokos Leben wird auseinanderbrechen wie ein Glas voller Erinnerungen, das zu Boden fällt. Sie wird es nicht verhindern können, egal, wie laut sie schreien und wie sehr sie sich wehren wird. Von einem Moment zum anderen wird alles, was schön war, verschwinden. (Auszug Seite 9)

Nachdem Yokos Mutter bei ihrer Geburt verstarb, hat ihr Vater Franz, ein Metzger, sie alleine großgezogen. Sie verzichtete auf ein Studium, machte eine Metzgerlehre und pflegte ihn, als er schwer krank wurde, fast sechs Jahre lang. Schon als Kind ging sie in der Fleischerei ein und aus, wobei das Töten und Schlachten der Tierkörper zu ihrem Alltag gehörte. Doch als ihr Vater stirbt, beschließt Yoko, ihr Leben anders auszurichten. Die Endzwanzigerin findet Gefallen daran, knusprige Teigtaschen zu backen, in denen sie selbst kreierte Spruchweisheiten schreibt. Zwei Jahre später hat sie in den ehemaligen Räumen der Metzgerei eine gutgehende Manufaktur für Glückskekse aufgezogen und in Maren ihre große Liebe gefunden.

Zur falschen Zeit am falschen Ort
Eines Tages liefert Yoko in ihrem Wagen eine Ladung Glückskekse an ein chinesisches Restaurant. In dessen Hinterhof wird sie zufällig Zeugin der Misshandlung eines kleinen Straßenhundes durch zwei düstere chinesische Männer, die aus reinem Spaß am Quälen auf das Tier eintreten. Yokos Unrechtsbewusstsein und ihr Mitgefühl treiben sie dazu, sich mutig in die Situation einzumischen. Dadurch gerät sie in eine gefährliche Lage, in der sie selbst in die Fänge der Peiniger gerät. Diese fackeln nicht lange, packen die wehrlose Frau in ihren eigenen Lieferwagen, entführen sie in den Wald und missbrauchen sie.

Yokos Leben wird danach zum Albtraum und nichts ist mehr so wie zuvor. Nicht nur, dass sie einem Exzess aus Gewalt ausgesetzt war, das erlittene Leid durch die Vergewaltigung hat ein Trauma wiederbelebt, dass Yoko schon seit langem verdrängt hatte. Sie beschließt nicht zur Polizei zu gehen, sondern greift zur Selbstjustiz. Nicht ahnend, dass sie dadurch ein Räderwerk in Gang setzt, das sich rasch ihrer Kontrolle entzieht und sie überrollen wird. Denn ihre Gegner sind eigentlich eine Nummer zu groß für sie. Es handelt sich um eine chinesische Triade, eine professionelle kriminelle Organisation, die vor nichts zurückschreckt.

Die chinesische Mafia
Der Thriller ist durchweg rasant erzählt, bietet eine Vielzahl an unerwarteten Wendungen und Überraschungsmomenten und, das sollte nicht unerwähnt bleiben, explizite Gewaltdarstellungen. Der Schreibstil des Autors ist speziell, er arbeitet mit kurzen prägnanten Sätzen. Erwähnenswert und gewöhnungsbedürftig sind die Dialoge. Diese werden nur durch Anstriche gekennzeichnet, wer spricht, ergibt sich aus dem Kontext. Für mich war diese Art des Dialoges, welches wohl ein Erkennungsmerkmal des Autors ist, sehr anstrengend und es fehlte mir an Tiefe. An einigen Stellen konnte ich nur mit dem Kopf schütteln, da Yoko als Figur übertrieben agiert und viele Situationen unrealistisch wirken. Die chinesischen Kriminellen werden einfach oft als tumbe Idioten dargestellt. Beispielsweise beobachtet Yoko zwei von ihnen, die offensichtlich Schutzgelder einkassieren. Als sie das China-Restaurant verlassen, fuchteln sie erstmal feixend mit einem Bündel Geld in der Hand herum. An einer anderen Stelle will Yoko in einem Club mehr über ihre Peiniger rausfinden. Verwandelt als Femme Fatale macht sie sich an den Barmann heran, mit dem sie spielt und den sie so lange an der Nase herumführen will, bis er tut was sie will. Der mäßig selbstbewusste Barmann mit der Hasenscharte ist scheinbar dankbar für die Aufmerksamkeit einer Frau.

Meine Meinung
Yoko ist der erste Roman des Tiroler Autors Aichner, den ich gelesen habe. Im Fokus steht eine starke Frauenfigur, die sich nicht mit der Opferrolle begnügen will. Das hat mir erst mal zugesagt. Allerdings erscheint die Art und Weise wie Yoko ihre Rache an den Tätern vollzieht, angesichts der Tatsache, dass sie es mit der chinesischen Mafia zu tun hat, also professionelle Kriminelle, etwas unrealistisch. Irgendwann wurden mir ihre Entscheidungen und Taten zunehmend unverständlich sowie die Handlung an vielen Stellen zu konstruiert und unglaubwürdig. Ein Zufall reiht sich an den nächsten und die Heldin kann sich durch teilweise unglaubwürdige Geschehnisse immer irgendwie aus der Affäre ziehen. Die Geschichte eines Rachefeldzuges hat mich in Teilen an „Kill Bill“ erinnert, aber in schlecht gemacht. Dabei hat die Idee eines Rache-Thrillers, in dem die Protagonistin keinerlei Skrupel kennt, durchaus ihren Reiz. Das auch noch mit einem in der Kindheit entstandenen Trauma zu verbinden, fand ich zu überfrachtet.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Yoko | erschien am 13. August 2024 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-805-20109-4
336 Seiten | 26,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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