Autor: Nora

Ivy Pochoda | Diese Frauen

Ivy Pochoda | Diese Frauen

Es ist hart da draußen. Es gibt Regeln. Es gibt Dinge die man tun kann, und Dinge, die man nicht tun darf. Wenn du mitspielen willst, musst du immer den Preis dafür zahlen….. Und du brauchst Glück…. Wenn du viel Glück hast, fahren sie mit dir sogar in ein Hotel. Und mit richtig viel Glück bringen sie dich in einem Stück zurück. (Auszug Seite 10)

Südlich vom Santa Monica Boulevard liegt West Adams, ein heruntergekommener, hauptsächlich von Latinos und Afroamerikanern bewohnter Stadtteil. Hier hat es vor 15 Jahren eine grausame Verbrechensserie gegeben, bei der 13 Frauen brutal ermordet wurden. Alle Opfer wurden entlang der Western Avenue mit durchgeschnittener Kehle und Plastiktüte über dem Kopf in der Gosse gefunden. Der Täter wurde nie gefasst, großes Engagement bei der Aufklärung kann man dem LAPD nicht unbedingt vorwerfen, es ging ja nur um „Diese Frauen“. Und das düster in Rot-Grüntonen gestaltete Cover deutet bereits an, welche Personen mit „Diese Frauen“ gemeint sind. Es sind Frauen am Rande der Gesellschaft, die in Bars arbeiten, die nachts auf der Straße zu Freiern ins Auto steigen, die ihre Körper für Drogen verkaufen, die sich prostituieren und damit einer Arbeit nachgehen, die von vielen in der Gesellschaft verachtet wird. Und bei denen man es offenbar als Berufsrisiko ansieht, wenn sie getötet werden.

Ivy Pochoda rollt die spannende Geschichte multiperspektivisch auf. Durch die verschiedenen, durch die Mordserie miteinander verbundenen weiblichen Erzählstimmen erfahren wir von mehreren Schicksalen und lernen unterschiedliche Lebensentwürfe kennen. Dorians Tochter Lecia war vor 15 Jahren das letzte Opfer des Täters, bevor die Mordserie abbrach. Das Mädchen war keine Prostituierte, aber das interessierte weder die Polizei noch die Medien. Wie viele Hinterbliebenen fand auch Dorian kein Gehör. Sie betreibt einen Fischimbiss und ist Anlaufstelle für viele Frauen von der Straße. Dorians Leid interessiert niemanden, aber er ist jederzeit durch die Zeilen spürbar. In Julianna, einer Striptease-Tänzerin sieht sie ihre Tochter und versucht diese zu beschützen. Doch die Latina aus einer sozialschwachen Familie will davon nichts wissen, betäubt sich mit Drogen, um die Männer in den Bars überhaupt ertragen zu können. Mit ihrem Smartphone schießt sie ständig Fotos von den Frauen in ihrer Umgebung und dokumentiert damit das Nachtleben hinter den Kulissen. Viel bessere Voraussetzungen hat ihre Nachbarin Marella aus einer weißen Mittelstandsfamilie, die sich als Performancekünstlerin verwirklicht. Sie eröffnet ihre erste Ausstellung mit Installationen, die die alltägliche Angst der weiblichen Opfer vor physischer und sexueller Gewalt thematisieren. Ihre Mutter Anneke, eine bürgerlich verklemmte Hausfrau mit eisernen Prinzipien tut alles, um Marella von der Straße fernzuhalten. Feelia war die einzige, die den Mordanschlag überlebte. Sie stieg vor 15 Jahren zu einem vermeintlichen Freier ins Auto und wurde später schwer verletzt aufgefunden und gerettet. Noch immer erinnert eine riesige Narbe an ihrem Hals an den Mordanschlag. Auch ihren Hinweisen ist die Polizei nie nachgegangen.

Da hat er mich geschlagen. Und für einen Augenblick dachte ich mir, hey du hast kein Recht dazu, weil ich gar nicht im Dienst bin. Das war mein abgefuckter Gedanke, bevor alles schwarz wurde. (Auszug Seite 15)

Als der Täter jetzt erneut zuschlägt und zwei Frauen brutal ermordet werden, ist Esmeralda Perry, ein Detective der Sitte, die einzige, die die Zusammenhänge erkennt. Die kleine, zierliche Latina ist erst vor kurzem von der Mordkommission zur Sitte versetzt worden und wird aufgrund ihrer unkonventionellen Art und ihrer Physis von ihren Kollegen nicht ernst genommen. Essie Perry analysiert die Beweisdaten und erkennt gegen alle Widerstände ein Muster und dass ein Serienmörder am Werk ist. Sie stellt sich die Frage, warum der Täter so lange pausiert hat. Zum Schluss kommt es zur überraschenden aber schlüssigen Aufklärung, wobei die Lorbeeren die männlichen Kollegen ernten.

Pochoda leuchtet das Innenleben der Figuren aus und beschreibt die Beziehungen untereinander, die Probleme und Sehnsüchte und dadurch ist man ganz nah an den Charakteren. Sie sind in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen vielschichtig angelegt und wirken auch durch die teils vulgäre Sprache absolut authentisch. Wie man sich den Ton auf den rauen Straßen Los Angeles eben vorstellt. Dabei ist der Erzählstil nie melodramatisch, sondern eher unterkühlt, klar und präzise und entwickelt eine große Tiefe. Die Frauen bewegen sich meistens zu Fuß durch die Großstadt, die eigentlich für den Autoverkehr geschaffen wurde und dadurch entsteht ein lebendiges Portrait einer Großstadt fernab vom Glamour.

Die Mütter. Die Mütter erheben ihre Stimmen. Die Mütter stören die Polizei mit Zwischenrufen. Die Mütter fordern Gerechtigkeit. Die Mütter halten Fotos ihrer Töchter hoch. Eine Mutter tritt nach vorne. Dorian. (Auszug Seite 337)

Diese kunstvolle Konstruktion ist ein intelligenter Mix aus Krimi, Gesellschaftskritik und Milieustudie, hochspannend und entwickelt eine große Intensität. Dabei hat Ivy Pochoda für einen Kriminalroman einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt. Es geht primär nicht um die Ermittlungsarbeit, es geht nicht um den Täter oder die Auflösung der Mordfälle. Wir befinden uns nicht im Kopf eines Serientäters, was ich sehr genossen habe, da ich diese Sichtweise als sehr ausgelutscht empfinde. Im Mittelpunkt stehen stattdessen die Opfer und die Hinterbliebenen, die mit ihrer Verzweiflung und ihrer Ohnmacht sehr nahbar dargestellt werden. Es geht aber auch um die, die Angst haben, die gejagt werden, die zum Opfer werden und sich als Beute sehen. Ein feministisches Manifest, dass eine düstere Welt zeigt, die in großen Teilen die traurige Realität abbildet. Es geht um Vorverurteilung, um Gleichgültigkeit, Frauenhass und um Gewalt.

Die amerikanische Schriftstellerin Ivy Pochoda war professionelle Squash-Spielerin, bevor sie 2009 ihren ersten Roman veröffentlichte. Sie wuchs in Brooklyn auf, studierte in Harvard und lebt mittlerweile in Los Angeles. „Diese Frauen“ war für den Edgar Award 2021 nominiert und soll demnächst als Fernsehserie verfilmt werden.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Diese Frauen | Erschienen am 07. September 2021 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0218-0
356 Seiten | 23,00 Euro
Originaltitel: These Women (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sigrun Arenz)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Besprechung zu „Diese Frauen“ auf dem Blog „buch-haltung“

Kathleen Kent | Die Tote mit der roten Strähne

Kathleen Kent | Die Tote mit der roten Strähne

Ich starre die riesige, rot weiß gespenkelte Kreatur an. Eigentlich hatte ich erwartet, dass ich Spott für diese Tiere empfinden würde, doch stattdessen regt sich sowas wie Ehrfurcht in mir, der Bulle wirkt würdevoll in seiner stillen Kontemplation… […]
„Du majestätischer alter Bastard“, sage ich.
Dann drehe ich mich um und recke mit einer solidarischen Geste beide Mittelfinger in die Luft.
„Die polnische Kavallerie ist gelandet“, flüstere ich. (Auszug S.25)

Detective Betty Rhyzyk arbeitet noch nicht sehr lange beim Dallas Police Department. In der Drogenfahndung leitet sie – zum gewissen Ärger mancher Kollegen – ihren ersten Einsatz. Das DPD fahndet nach dem Kokaindealer Tomás Ruiz. Der Mexikaner hat sich zum größten Dealer in Nordtexas aufgeschwungen. Nun bietet sich die Gelegenheit, Ruiz bei einem Deal festzusetzen, den er in Dallas mit dem lokalen Dealer William Bender machen will. Betty und ihr Team liegen vor Benders Haus auf der Lauer. Doch der Einsatz gerät völlig außer Kontrolle, als eine Passantin sich einmischt und ein lokaler Streifenwagen ebenfalls anhält. Die Folge sind drei Leichen und ein Drogenboss, der sich aus dem Staub gemacht hat.

Betty ist fest entschlossen, diesen Tiefschlag wieder wettzumachen. Hilfe zum Aufenthaltsort von Ruiz könnte dessen Freundin Lana Yu geben, doch diese wird wenig später brutal ermordet aufgefunden. Der Mörder hat ihr zudem eine rote Strähne abgeschnitten. Art und Weise des Mordes passen nicht zu Ruiz, sodass Betty vermutet, dass hier noch jemand Ruiz‘ Aufenthalthaltsort erfahren wollte. Und dieser jemand hat offenbar auch Betty im Blick, denn kurz darauf findet sie eine rote Strähne in ihrem Bett.

Drogenfahndung, mexikanische Drogenbosse, der heiße und staubige Süden der USA – das sind alles wohlbekannte Themen, die erstmal kein Alleinstellungsmerkmal bieten. Warum hat sich die Autorin Kathleen Kent, bisher vor allem für historische Roman bekannt, dennoch diesen Stoff ausgesucht? Vielleicht weil sie die Idee zu einer wirklich erfrischenden Protagonistin hatte. Betty Rhyzyk, Ende 30, lange rote Haare, entspringt einer New Yorker Copfamilie von polnischen Einwandern – und sie ist offen lesbisch, lebt in einer längeren Partnerschaft mit der Ärztin Jackie. Betty ist eine leidenschaftliche, kämpferische Polizistin, durchsetzungsfähig, mit großer Schlagfertigkeit, aber dabei nicht völlig unnahbar und unfehlbar. Mit dieser wirklich gelungenen Hauptfigur wurde Kathleen Kent direkt bei ihrem Thrillerdebüt für den Edgar und Nero Award nominiert.

„Riz“, sagt Seth, „das ist so typisch Texas. Waffenschein, kein Problem – aber eine Erlaubnis, jemandem körperliche Erleichterung zu verschaffen? Fehlanzeige.“ (Auszug S.56)

„Die Tote mit der roten Strähne“ geht direkt ins Geschehen (ist auch im Präsens geschrieben), zeigt viel Action und eine gelungene Präzision zwischen Spannung und Entspannung. Dabei streut die Autorin bei aller Härte auch einiges an Humor, Selbstironie (immerhin ist sie selbst Texanerin) und Zwischenmenschlichem ein. Daneben hat sie immer wieder überraschende Einfälle, beispielsweise ein Schusswechsel zwischen einer mexikanischen Drogengang und eine Reenactmenttruppe, die die Mexikaner mit Bürgerkriegsflinten und einer Kanone in Schach hält. Das macht insgesamt doch sehr viel Spaß und sorgt für keine Langeweile. Und das ist ja kein schlechtes Zeugnis für einen Thriller.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die Tote mit der roten Strähne | Erschienen am 12.09.2021 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47170-8
364 Seiten | 14,95 €
Originaltitel: The Dime (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Andrea O’Brien)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Chris Whitaker | Von hier bis zum Anfang

Chris Whitaker | Von hier bis zum Anfang

Sie marschierten durch den Wald wie eine Armee, angeführt von Polizisten, Taschenlampenlicht überall, der Ozean hinter den Bäumen war noch ein ganzes Stück entfernt, aber das Mädchen konnte nicht schwimmen. (Auszug Seite 7)

Cape Heaven, eine fiktive, kleine Küstenstadt in Kalifornien, wird überschattet von einem tragischen Unglück, welches vor 30 Jahren stattfand. Damals verschwand ein kleines Mädchen und das erste Kapitel blickt auf das vergangene, tragische Geschehen zurück, denn die kleine Sissy Radley konnte nur noch tot geborgen werden. Gleich die ersten Sätze schüren eine bedrückende Atmosphäre und der empathische und tiefgründige Erzählstil hat mich total mitgerissen. Die Suche nach dem vermissten Kind durch das ganze Dorf in Form einer menschlichen Kette darzustellen, ist sehr bildgewaltig.

30 Jahre später sind die Auswirkungen immer noch zu spüren. Star Radley hat nicht nur im Teenageralter ihre kleine Schwester verloren, des Weiteren hat es ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, dass ihr damaliger Jugendfreund, der 15-jährige Vincent King als Täter für 30 Jahre hinter Gitter kam. Mittlerweile ist die schöne Star alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und sucht Vergessen in Drogen und Alkohol. Zwischen ihren depressiven Phasen tritt sie gelegentlich als Sängerin in einer heruntergekommenen Kneipe auf, zieht stets die falschen Männer an, während es die Aufgabe ihrer Tochter Duchess ist, die dysfunktionale Familie zusammenzuhalten. Die Dreizehnjährige muss sich um sich selbst, ihre Mutter und um den kleinen Bruder Robin kümmern, wobei ihre aufopferungsvolle Fürsorge im Besonderen dem Fünfjährigen gilt.

Ein unzumutbarer Zustand und nur der gutmütige Chief Walker, Polizist des Ortes und Teil der damaligen Freundschaftsclique hat zwischendurch ein Auge auf die Familie und kümmert sich nach seinen Möglichkeiten. Er ist auch der einzige, der seinen ehemaligen Freund Vincent King regelmäßig im Gefängnis besucht und sich um ihn bemüht und hilft, als der jetzt nach 30 Jahren entlassen wird und nach Cape Heaven zurückkehrt.

Haftentlassung nach 30 Jahren
Die Haftentlassung Kings schürt zusätzliches Konfliktpotenzial und setzt sich überschlagene Ereignisse in Gang. Es kommt zu einigen Tötungsdelikten, aber es ist schwierig, die Geschehnisse in Worte zu fassen, ohne zu viel zu spoilern. Denn für mich waren es grade die vielen überraschenden Wendungen sowie die Verkettung der verschiedenen Kriminalfälle, die mich an die Seiten fesselten und einen Sog entwickelten, dem ich mich nicht entziehen konnte. Insbesondere das Leben der beiden Kinder wird komplett auf den Kopf gestellt und es geht nur noch rasant bergab. Die unverhofften Schicksalsschläge erschüttern nicht nur die Figuren, sondern gehen auch der sensiblen Leserin ans Herz.

Die Ereignisse in der Vergangenheit werden nach und nach enthüllt und mit den unterschiedlichen Biografien verwoben, so dass eine permanente Spannung und emotionale Wucht entsteht. Whitakers intensiver Schreibstil, die stimmungsvollen Naturbeschreibungen, wie er die unterschiedlichen Figuren der Kleinstadt mit ihren Brüchen zum Leben erweckt, das alles hat mich durchaus an Stephen King erinnert. Die tief ausgeleuchteten Charaktere sind ein großer Pluspunkt, sie wirken authentisch, man meint sie zu kennen und fiebert mit ihnen mit.

Outlaw und Prinz
Im Mittelpunkt steht die zornige, ständig rebellierende Duchess. Sie musste schon viel zu früh erwachsen werden und geht keinem Streit oder Prügelei aus dem Weg. Mit ihrem viel zu großen Cowboyhut hat sie sich einen harten Panzer zugelegt und begreift sich als Nachfahre der Outlaws, denn die zeigten keine Schwäche und fürchteten sich vor niemandem. Ihren kleinen ängstlichen Bruder sieht sie als Prinz, den es zu beschützen gilt. Ein weiterer wichtiger Protagonist ist der loyale Chief Walker, der verzweifelt versucht, die alten und neuen Ereignisse aufzuklären. Der übergewichtige Sheriff versucht die Ordnung in Cape Heaven aufrechtzuhalten und stellt sich immer in den Hintergrund. Seine Umwelt hält ihn für einen Alkoholiker, doch den krankheitsbedingten Grund für seine ständig zitternden Hände will er niemandem verraten, aus Angst, seinen Job zu verlieren. Dann Hal, der stoische, schroffe Großvater auf seiner Ranch in Montana, zudem Duchess nur vorsichtig Nähe aufbaut. Es tauchen noch viele weitere interessante Charaktere auf, die alle auf ihre Weise die Geschichte lebendig machen.

Das permanente Scheitern ist schwer zu ertragen und zum Schluss ist zwar kein Happy-End in Sicht, aber zumindest kann man ein kleines Licht am Ende des Tunnels sehen. „Von hier bis zum Anfang“ ist Kriminalroman, Western, bewegendes Familiendrama und eine beeindruckende Coming-of-Age-Geschichte mit einer großartigen Heldin. Großes Kino über Schuld und Vergebung und mein Highlight des Jahres!

Zuerst mal hatte mich das wunderschön gestaltete Cover angesprochen, dass auf eine Geschichte im ländlichen Amerika hinweist, und tatsächlich spielt die Handlung nicht nur in Kalifornien, sondern ein ganzer Erzählstrang auch in Montana.

Überraschenderweise ist Chris Whitaker Brite und lebt mit seiner Familie in Herfordshire, wählt als Setting für seine Romane aber gerne amerikanische Kleinstädte. Er war 10 Jahre in der Finanzbranche tätig, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Seine Romane gewannen zahlreiche Preise. „Von hier bis zum Anfang“ wurde vom Guardian zum Buch des Jahres gekürt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Von hier bis zum Anfang | Erschienen am 01. Juli 2021 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-07129-1
448 Seiten | 22.- Euro
Originaltitel: We begin at the end (Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ronald Malfi | December Park

Ronald Malfi | December Park

Es war lang und weiß. Es war ein Tuch. Es war ein Tuch, das etwas bedeckte. Mir wurde flau im Magen. Ich hatte genug ferngesehen, um zu erkennen, was ich da vor Augen hatte. (Auszug E-Book, Position 155).

Im Herbst 1993 verschwinden mehrere Kinder in der beschaulichen Kleinstadt Harting Farms in Maryland, eine Küstenstadt an der Chesepeake Bay. Offiziell sind die Kinder nur vermisst, die Polizei hält es für denkbar, dass sie einfach nur von zuhause ausgerissen sind. Hinter vergehaltener Hand raunen die Menschen aber dennoch vom „Piper“, dem Rattenfänger, der die Kinder entführt.

Angelo Mazzone und seine Freunde Peter, Scott und Michael sind typische 15-16jährige Jungs, die heimlich rauchen, nach der Schule mit ihren Rädern die Gegend unsicher machen, gerne Schabernack treiben und versuchen, die Schule halbwegs zu überstehen (nur mit den Mädels haben sie es noch nicht so). Zufällig sind die Jungen mit ihren Rädern eines Oktobernachmittags in der Nähe des Waldrands am December Park und werden Zeuge eines großen Polizeiaufgebots. Die Polizisten bergen einen Körper aus dem Wald und als der Wind das Tuch verweht, stellen die entsetzten Jungen fest, dass es die Leiche eines vor kurzem verschwundenen Mädchens ist. Damit ist klar, die Kinder sind nicht einfach weggelaufen, sondern wurden ermordet. Weitere Leichen tauchen aber vorerst nicht auf.

Dafür erhält Angelo neue Nachbarn, eine seltsame Frau mit ihrem Sohn Adrian, in Angelos Alter. Adrian ist in sich gekehrt und eigenbrötlerisch, dennoch freunden sich Angelo und er an und Adrian wird nach und nach Teil von Angelos Clique. Adrian entwickelt eine große Faszination für die Fälle der verschwundenen Kinder, spätestens als er feststellt, dass das von ihm zufällig in der Nähe des Fundorts gefundene Medaillon dem toten Mädchen gehörte. Er steckt die anderen mit seinem Eifer an und bald geben sich die Jungen das Versprechen, dass sie den Piper aufspüren werden. Derweil verschwinden weitere Kinder und die Polizei tappt immer noch im Dunkeln. Tatsächlich finden die Jungen kleinere Spuren und Indizien, behalten dies aber für sich, selbst Angelos spricht nicht mit seinem Vater, immerhin einer der ermittelnden Detectives. Doch aus dem Detektivspiel wird irgendwann bitterer Ernst.

Ich steckte meinen Daumennagel zwischen die beiden Hälften und ds herzförmige Medaillon öffnete sich. Meine Großmutter besaß ei ähnliches Medaillon mit einem winzigen Foto von mir in der einen Seite und eines von Charles in der anderen – doch dieses hier war leer […]
„Okay“, entgegnete ich und verstand nicht recht, weshalb das alles für ihn so eine große Sache war.
„Es gehört ihr“, sprach er.
„Wem?“
„Dem toten Mädchen“, antwortete Adrian. „Courtney Cole“. (Auszug E-Book, Position 2904)

Autor Ronald Malfi lebt mit seiner Familie selbst an der Chesepeake Bay und ist vor allem auch durch seine Romane im Horror- und Mysterygenre bekannt. Auf Übernatürliches verzichtet er in dieser Geschichte allerdings, zum Schaudern gibt es allerdings durchaus etwas an einigen Passagen. Nach eigenen Angaben sind in diesen Roman auch Kindheitserinnerungen des Autors eingeflossen, vermutlich in der Figur des Ich-Erzählers Angelo Mazzone. Angelo ist ein durchaus cleverer Junge mit den üblichen Flausen im Kopf, er liebt es zu schreiben, will später einmal Schriftsteller werden. Er lebt mit seinem Vater und seinen Großeltern zusammen, seine Mutter ist früh verstorben. Als schwerer Schatten liegt der Tod seines Bruders Charles im Golfkrieg auf der Familie, insbesondere auf dem Verhältnis zwischen Angelo und seinem Vater. Auch auf seinem neuen Freund Adrian lastet eine schwere Vergangenheit: Seine Mutter und er sind überstürzt aus Chicago verzogen, nachdem Adrians Vater sich mit Autoabgasen umbrachte und Adrian mit in den Tod nehmen wollte.

„December Park“ steht natürlich in der Tradition anderer schauriger Coming-of-Age-Geschichten, auf dem obersten Sockel steht hier sicherlich Stephen King. Und tatsächlich erinnert man sich zwangsmäßig an „Es“ oder „Die Leiche“. Malfi macht seine Sache in Bezug auf Angelo, seine Clique, ihre Freundschaft, ihre Ängste und Konflikte auch nicht schlecht – die Tiefe von Kings Figuren erreicht er freilich nicht. Was schade ist, ist der Roman doch lang genug. Aber leider, muss man sagen, auch etwas zu lang, denn die Spannungsmomente lassen zwischendurch doch sehr auf sich warten. Überhaupt gibt es in der Genrewertung für einen Thriller da doch einige Abzüge. Neben der eher langsam erzählten Story (Die Jungs fahren verdammt viel Fahrrad im Buch) gab es für mich auch einige Unplausibilitäten, auch die Aufklärung am Ende fand ich wenig überzeugend. So muss ich letztendlich konstatieren: Solide bis ordentlich als Coming-of-Age, eher unterdurchschnittlich als Thriller.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

December Park | Erschienen am 28.02.2018 im Luzifer Verlag
ISBN 978-3-95835-317-6
616 Seiten | 14,95 €
als E-Book: ISBN 987-3-95835-033-5 | 7,99 €
Originaltitel: December Park (Übersetzung aus dem Englischen von Ilona Stangl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jennifer Clement | Gun Love

Jennifer Clement | Gun Love

Ich wuchs in einem Auto auf, und wenn man im Auto lebt, hat man keine Angst vor Blitz und Donner, das Einzige, wovor man Angst hat, ist der Abschleppwagen. (Auszug Seite 10)

Die Heldin dieses Romans ist die 14-jährige Pearl, die aus ihrer Perspektive von ihrem Leben und Aufwachsen in einer Schrottkarre erzählt. Ihre Mutter Margot kommt eigentlich aus wohlhabendem Hause, aber dann wird sie mit 16 Jahren von ihrem Klavierlehrer schwanger. Sie bekommt das Baby heimlich zu Hause und verschwindet direkt nach der Geburt mit ihrem 94er Ford Mercury, den sie kurz vorher zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Sie landet mit dem kleinen Säugling auf dem Besucherparkplatz einer Wohnwagensiedlung im Süden von Florida, will sich nur kurz zurechtfinden und eine Wohnung suchen.

Idylle im Trailerpark
Diese Übergangslösung ist jetzt 14 Jahre her und die beiden leben immer noch am Rande des Trailerparks. In dieser verwahrlosten Umgebung zwischen zwei Highways, einer stinkenden Müllkippe und einem kleinen verseuchten Fluss voller Alligatoren haben sich Mutter und Tochter eingerichtet und kommen irgendwie zurecht. Margot verdient ein bisschen Geld als Putzkraft in einem Veteranenkrankenhaus und Pearl geht dank gefälschter Papiere sogar zur Schule. Das Autowrack wird ihr Zuhause, Margot bewohnt die Rückbank des Wagens, für Pearl werden die beiden Vordersitze zum Kinderzimmer. Während der Trailerpark Wasser und Toiletten bietet, wird das Essen ungekühlt aus dem Kofferraum verzehrt. Aber immerhin werden die Sandwiches gesittet von feinen, französischen Porzellantellern gegessen, ein Überbleibsel aus Margots vornehmer Herkunft. Ihre gute Erziehung versucht sie an Pearl weiterzugeben. Trotz der widrigen Umstände haben die beiden eine innige Beziehung zueinander. Ungeachtet der permanenten Angst vor dem Jugendamt wirkt das Leben der beiden fast idyllisch und märchenhaft harmonisch. Diese illusorische Idealisierung ist sicherlich der Erzählsicht einer 14-Jährigen geschuldet. Es ist ein trostloses Leben, aber Pearl kennt es ja nicht anders.

Meine Mutter und ich hätten ihm jederzeit eine Ecke in unserem Auto eingerichtet. Sie hätte ihm ein paar Plastiktüten für seine Sachen gegeben. Wir hätten die Tür aufgemacht und gefragt, Wann wollen Sie einziehen? (Auszug Seite 147)

Die zauberhafte Atmosphäre im Wagen mit phantasievollen Geschichten, Musik und Gedichten, verstärkt durch einen blumigen Erzählstil steht im starken Kontrast zur Außenwelt. Durch Pearls Augen und ihre genaue Beobachtungsgabe lernen wir die anderen Bewohner des Trailerparks kennen, allesamt gescheiterte Existenzen, die ums Überleben kämpfen, den waffendealenden Pastor Rex, das mexikanische Schmugglerpärchen Corazón und Ray, die pensionierte Highschool-Lehrerin Roberta Young, die nach dem Tod ihres Mannes von der Sozialhilfe lebt. Ihre Freundin April May mit ihren Eltern Rose und Sergeant Bob, einem traumatisierten Kriegsversehrten. Ein bunter Haufen, gemein ist ihnen nur die unbedingte Waffenliebe. Waffen sind allgegenwärtig und sonntägliche Schießübungen auf die Alligatoren gehören zur Tagesordnung. Und manchmal landet ein verirrtes Projektil auch schon mal in der Beifahrertür.

Barbiepuppen und Alligatorzwillinge
Das ändert sich, als eines Tages Eli Redmond auftaucht, ein Freund des dubiosen Pastors Rex und Margot sich Hals über Kopf in den attraktiven Waffenschmuggler verliebt. Pearl steht hilflos daneben, als Eli sich zwischen sie und ihre Mutter drängt und diese immer weniger Zeit für sie hat. Mit Eli ziehen auch Waffenschmuggel, Gewalt und Eskalation auf dem heruntergekommenen Gelände ein. Die Story rast jetzt unaufhaltsam auf den Abgrund zu. Man ahnt, dass es zu einer Katastrophe kommt und Pearls sowieso schon schwieriges Leben von einem Tag auf den anderen radikal verändern wird. Die Figuren stehen ohnmächtig daneben.

Das Thema ihres gesellschaftskritischen Romans ist die amerikanische Waffenliebe und die Gefahr, die von den Waffen ausgeht. Bewegend und sehr beeindruckend portraitiert sie die amerikanische Unterschicht, schildert den Alltag der Abgehängten und Ausgestoßenen ohne zu moralisieren. Die lyrische Sprache bildet dabei einen faszinierenden Kontrast zu den harten Gewaltaktionen in der Realität. Clements Sprache ist sehr poetisch mit vielen fast philosophisch angehauchten Zitaten, während die Dialoge ohne Anführungszeichen geführt werden, was trotzdem sehr lesbar ist. Ihre Sprache strotzt vor lebensklugen und betörenden Sätzen und sie kreiert einige originelle Bilder, zum Beispiel die 63 Barbiepuppen, von einer Trailerbewohnerin zum Schutz in den Boden gepflanzt oder die siamesischen Alligatorzwillinge. Zum Ende hin fand ich es fast ein bisschen überladen. Eine kurze aber fesselnde Coming-of-Age-Geschichte mit einem offenen Ende, das Raum für eigene Gedanken lässt.

Gebete für die Vermissten
Jennifer Clement ist eine US-amerikanische Autorin, die 1960 in Connecticut geboren und in Mexiko aufgewachsen ist, wo sie heute noch lebt und arbeitet. Sie studierte Literaturwissenschaften und Anthropologie an der New Yorker University sowie französische Literatur in Paris. Clement, die neben Romanen auch Lyrik schreibt, war von 2009 bis 2012 Präsidentin des mexikanischen PEN. Ein internationaler Erfolg wurde ihr Roman „Prayers for the Stolen“ (deutsch: Gebete für die Vermissten) über den von Drogenkartellen organisierten Menschenhandel, für den sie im mexikanischen Guerro recherchierte.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Gun Love | Das Taschenbuch erschien am 17. Februar 2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-7030-5
251 Seiten | 11,00 Euro
Originaltitel: Gun Love (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner)
Bibliografische Angaben & Leseprobe