Monat: Juni 2022

Wolf Haas | Müll (Band 9)

Wolf Haas | Müll (Band 9)

Wolf Haas schloss sein Germanistik- und Linguistik-Studium mit einer Dissertation zum Thema „Die sprachtheoretischen Grundlagen der Konkreten Poesie“ erfolgreich ab und arbeitete danach zwei Jahre lang als Universitätslektor in Swansea, Wales. Während seiner
anschließenden Tätigkeit als Werbetexter zeichnete er für in den Alltagssprachgebrauch aufgenommenen Radiospots verantwortlich. Seit Mitte der 1990er-Jahre lebt und arbeitet Wolf Haas als freier Schriftsteller in Wien. Müll ist sein neunter Kriminalroman um den
Privatdetektiv Simon Brenner.

Simon Brenner ist in Wien gelandet, auf dem Misthof. Der ehemalige Polizist hatte mit 44 nach 19 Jahren bei der Kripo hingeschmissen und sich in der Folge als Privatdetektiv durchgeschlagen, als Sanitäter Rettungswagen gefahren und als Privatchauffeur Nobelkarossen, jetzt also Mistler, Magistratsabteilung 48, Abfallwirtschaft.

Eines hat den Brenner auf allen seine Stationen begleitet: Leichen. Wie und wo auch immer er sich gerade durchgewurschtelt hat, das Verbrechen hat ihn überall eingeholt, wohl oder übel musste er weiterhin Kriminalfälle lösen. Und jetzt finden seine neuen Kollegen ein menschliches Knie in Wanne 4. Und dann nach und nach die übrigen Körperteile, verteilt auf die unterschiedlichsten Müll-Container. Bis die Polizei anrückt, haben sie einen fast vollständigen Leichnam gesammelt – nur das Herz fehlt. Die Polizei, das sind Savic und Kopf.
Brenner staunt nicht schlecht: Der Kopf, der immer aus dem Bauch heraus entscheidet (ja, Haas ist sich auch für platte Scherze nicht zu schade) steht leibhaftig vor ihm. Und ist peinlich berührt: Der Brenner war vor vielen Jahren sein Ausbilder. Und der wühlt jetzt im Abfall? Was für ein Abstieg! Ach was, das sieht der Brenner ganz anders, jedenfalls behauptet er es: Nachhaltigkeit ist wichtig, Recyclen, Upcyclen, Wiederverwerten. Als Arbeiter auf dem Wertsstoffhof ist man heutzutage gut angesehen. Trotzdem erscheint Brenner wie ein Ausgestoßener, nach dem Ende seiner Beamtenlaufbahn hatte er auch seine Dienstwohnung verloren, er ist also ohne festen Wohnsitz, entwurzelt. Wohin auch immer das Schicksal ihn verschlägt, er ist und bleibt überall ein Fremder. Nachdem ihn auch noch seine letzte Freundin hinausgeworfen hat, treibt er sich gerade als „Bettgeher“ herum, heißt, er nistet sich in Wohnungen ein, deren Eigentümer zeitweise abwesend sind, im Urlaub, zur Kur, auf Geschäftsreise. Bis er sich still und leise wieder davonschleichen muss. Diesmal geht nicht alles glatt, eine Wohnungsinhaberin, die sich im Urlaub von ihrem Mann trennt, kommt zu früh nach Haus und fesselt den im Schlaf überraschten Brenner ans Bett. Der kann fliehen, begegnet aber seiner ungewollten neuen Bekannten in der Folge immer wieder unter dubiosen Umständen, weil die ihm augenscheinlich nachstellt.

Die Mistler hingegen erstarren fast vor Ehrfurcht vor ihrem neuen Kollegen angesichts seiner ruhmreichen Vergangenheit. Und noch mehr, als der Ex-Kriminaler sogleich mit einer überzeigenden Fallanalyse aufwartet: Klar, Beziehungstat. Die enttäuschte Ehefrau zerstückelt ihren untreuen Gatten, der sie gerade für die Geliebte verlassen will und entsorgt dessen Einzelteile in seinen eigenen Umzugskisten. Und es sieht so aus, als läge der Brenner tatsächlich richtig mit seiner Spekulation: Schnell ist der Tote identifiziert, seine Gattin, wohl todkrank, ist spurlos verschwunden, seine Tochter ist aber offenbar mehrfach mit dem Fahrer eines Transportunternehmens auf dem Mistplatz gewesen um diverse Kartons abzuladen! Sie lenkt den Verdacht in eine ganz andere Richtung: Ihr Vater war überzeugt davon, dass eine kriminelle
Vereinigung grenzüberschreitend Organhandel betreibt. In Östereich muss man nämlich einer Organentnahme ausdrücklich widersprechen, während in Deutschland hierfür eine Zustimmung zwingend vorgeschrieben ist. Mit einer Spenderniere oder -Leber kann man da einiges verdienen. Und das Herz ihres Vaters hat man schließlich nicht gefunden. Das taucht aber bald auf, nämlich in der Tiefkühltruhe seiner Geliebten, wo es mit einem Beipackzettel deponiert wurde: „Da hast du es“ heißt es darauf, „sein Herz gehört dir“, geschrieben von der verschwundenen Ehefrau.

Ja, es geht schon blutrünstig oder abgründig zu in den Brenner-Krimis, die häufig auch diese düstere Ebene haben, die grotesk und gruselig, schaurig und schräg daherkommt, dabei aber meist nicht vordergründig ist und immer humorvoll inszeniert wird, so dass man bei aller Tragik lachen kann über die Horrorszenen und Gewaltexzesse, die ja auch nie realistisch dargestellt werden, sondern mit einer gewissen satirischen Distanz.

Das Thema Organhandel wird noch eine verhängnisvolle Rolle spielen, und Brenners Theorie des Ehedramas bleibt nicht die einzige oder ganze Wahrheit, denn eine lang zurückliegende Familientragödie erweist sich als Auslöser für weitere Verbrechen. Eine traurige Geschichte zeigt lauter unglückliche Figuren, die sich an großen Gefühlen wie Schuld und Sühne, Rache und Vergebung abarbeiten, und dennoch entwickelt Haas aus dieser Vorlage einen Plot, der bei aller spaßigen, lässigen Attitüde absolut solide, auch spannende und durchaus
seriöse Krimikost bietet, die schließlich in einer ebenso spektakulären wie absurden und wahrlich nicht alltäglichen Verfolgungsjagd endet.
Damit ist die Geschichte von „Müll“ grob umrissen, eine Geschichte, die einerseits alltägliches skizziert, andererseits aber Menschen zeigt, deren banales, normales Leben durch Schicksal, durch unglückliche Fügung oder auch puren Zufall aus den Fugen gerät und ihre Bemühungen zunichte macht, eine geglückte Biografie zu verwirklichen während stattdessen ihre Träume und Sehnsüchte, ihre Hoffnungen und Pläne durchkreuzt werden.

Brenner ist zwar kein ganz durchschnittlicher Zeitgenosse, dafür mit ganz normalen Schwächen, mit Erwartungen, Wünschen und Ängsten. Brenner ist langsam, umständlich, er spricht wenig, er ist etwas eigentümlich. Er verkörpert eigentlich alles das, was die standardisierten Krimi-Helden nicht sind. Die sind zumeist hart, überlegen, systematische, kühle Denker, die überlegt handeln. Als investigative Wahrheitssucher triumphieren sie über das Irrationale, über das Verbrechen. Überraschenderweise löst Brenner aber mit seiner „Methode“, die eben keine ist, seine Fälle, womit niemand rechnet. Er ist ein im wahrsten Sinne des Wortes unkonventioneller Ermittler, aber sicher kein investigatives Naturtalent, eher ein Antiheld: Stets unausgeschlafen, ein wenig verwahrlost, absolut wortkarg, unnahbar, gallig und gnatzig, kurz – ausgebrannt. Brenner hat keine Methode. Er ist zu langsam, zu umständlich, kann sich kaum auf Wesentliches konzentrieren, achtet dafür ständig auf Nebensächlichkeiten. Genau das ist aber seine Herangehensweise. Zudem denkt und spricht Brenner auf eine wahrhaftige, vertrauenswürdige Art. mit eigenwilligem, unangepassten Tonfall und einer speziellen Sprachmelodie und einem von der Norm
abweichenden Satzbau.

Aber nicht was geschrieben wird ist entscheidend, weder die kriminalistischen Deteils noch die Handlung überhaupt, sondern allein wie es formuliert wird. Nicht das Geschriebene ist das Faszinierende sondern, das Gesprochene, das Geredete, kurz, das Erzählte. Die sprachliche Gestaltung macht die Individualität und Originalität der Brenner-Krimis aus, und die wird bestimmt von der unverwechselbaren Stimme des auktorialen, des allwissenden Ich-Erzählers. Ihre auffallendste Eigenschaft ist die Nähe zur gesprochenen Sprache einer Region, in der Dialekt zum Alltag gehört. Es wird aber überall ganz anders geredet als geschrieben. Der alltägliche Sprachgebrauch führt zu einer stärkeren
Unbekümmertheit und zur Bildung einer familiären und vertrauten Atmosphäre, welche die Distanz zwischen dem Erzähler und den in der Geschichte verwickelten Figuren sowie dem Leser verringert. Man erhält sofort den Eindruck, einem Gespräch zu lauschen. Dadurch wird er den LeserInnen auch eigentümlich vertraut, fast so, als würden sie ihn schon immer kennen. Es ergibt sich eine eigene Struktur, ein eigener Rhythmus mit Verknappung, Dehnung, Verzögerung und Beschleunigung. Der Eindruck des Alltäglichen wird verstärkt durch unvollständige Sätze, Auslassungen, Vereinfachung und Wiederholung. Auch die durchgängige Verwendung von umgangssprachlichen Elementen trägt dazu bei, ein artifizielles Alltagsidiom zu erzeugen, das auch gerne mit Gemeinplätzen arbeitet, mit Binsen und Floskeln, mit Klischees, Klatsch und Tratsch.

Dabei redet der allgegenwärtige Erzähler ohne Punkt und Komma, redet sich von der Seele, was ihn bewegt oder belastet und erzählt lakonisch, was gerade wieder Fürchterliches geschehen ist. Dabei offenbart er einen absurden, oft boshaften aber irgendwie doch liebenswerten Humor. Häufig greift er in die Geschichte ein und drängt dem Leser seine Sicht der Dinge auf. Der soll unmittelbar in die Handlung einbezogen werden und in eine Art Gespräch unter Bekannten eingebunden, als handele es sich nicht um einen retrospektiven
Bericht, mit zeitlichem Abstand zum erzählten Geschehen, sondern eine Unterhaltung im selben Augenblick. Typisch sind die direkte Ansprache per „Du“ des fiktiven Gegenübers, ferner Abschweifungen, Klarstellungen sowie auch Rückschau und Vorschau auf das Geschehen. Tatsächlich bestehen die Brenner-Krimis fast nur aus Erläuterungen des Erzählers und werden erst durch ihn initiiert und inszeniert. Dabei wird der Titelheld nicht selten sogar in den Hintergrund gedrängt. Ungeachtet dieser Dominanz kann der Erzähler aber nur
mit dem Brenner gemeinsam bestehen – und umgekehrt baucht der die enge Verbindung zu jenem.

Die Brenner-Romane spalten vermutlich die Leserschaft in eine Gruppe, die dem speziellen Stil von Wolf Haas gar nichts abgewinnen kann und eine treue Fangemeinde, die seinen unverwechselbaren Tonfall feiert. Meine eigene ursprüngliche Begeisterung hat sich im Laufe der Zeit etwas gelegt. Empfand ich bei den ersten Romanen den Ansatz noch als neu, als kreativ, originell und mutig, so stellen sich mittlerweile einige Abnutzungserscheinungen ein, die Wiederkehr längst bekannter Versatzstücke, die Vorhersehbarkeit der einst unerwarteten Wendungen und überraschenden Handlungssprünge lassen den früher so verblüffenden wie vergnüglichen Effekt weitgehend verpuffen. Der erste Brenner-Roman war noch ziemlich aufregend und einigermaßen irritierend, aber von Buch zu Buch sorgte eine gewisse Gewöhnung dafür, dass sich die anfängliche Aufgeregtheit mehr und mehr beruhigt hat. Andererseits sorgt der Wiedererkennungswert, wie bei allen Serien, für eine wohlige Empfindung, das Gefühl, gute alte Bekannte zu treffen, mit denen man viele besondere Erinnerungen teilt.

Trotzdem: Die Brenner-Romane sind nach wie vor außergewöhnlich, auf besondere Weise unverwechselbar und besitzen deshalb immer noch ihren charakteristischen Charme und Witz. Und Haas findet stets relevante Themen, Stoffe, die auf der Tagesordnung stehen und Diskussionsstoff bieten. Gerade gibt es in Deutschland eine neue Kontroverse, in der sich die unterschiedlichen politische Lager über einen neuen Anlauf des Gesundheitsministers streiten, die Widerspruchslösung auch bei uns einzuführen. Und er versteht es, daraus einen Plot zu konstruieren, der zu fesseln vermag und gleichzeitig zu unterhalten. Dabei sind die Geschichten nicht nur gut konstruiert, im besten Sinne interessant und informativ sondern gleichzeitig auch im höchsten Maße unwahrscheinlich, überzogen und übertrieben und deshalb so geistreich wie humorvoll. Also: Wenn irgendwann ein neuer Brenner erscheint, werde ich nicht unbedingt aufs höchste gespannt, aber jedenfalls neugierig sein und bestimmt auch mit dem nächsten Haas-Krimi meinen Spaß haben.

 

Foto & Rezension von Kurt Schäfer.

Müll | Erschienen am 22.03.2022 im Hoffmann und Campe Verlag
ISBN 978-3-455-01430-3
288 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 1 der Brenner-Reihe „Auferstehung der Toten“

David Heska Wanbli Weiden | Winter Counts

David Heska Wanbli Weiden | Winter Counts

Und wenn das Rechtssystem versagte, kamen die Leute zu mir. Für ein paar Hundert Dollar übte ich in Ihrer Namen zumindest ansatzweise Rache. Mein Beitrag zur Gerechtigkeit. (Auszug S.54)

Virgil Wounded Horse ist ein Lakota und lebt im Rosebud-Reservat in South Dakota. Er schlägt sich als Vollstrecker durch: Viele Straftaten, besonders gegen Personen, werden im Reservat nicht verfolgt. Die örtliche Polizei im Reservat ist nur für Kleindelikte zuständig, die Bundespolizei interessiert sich für vieles, was die Indianer untereinander betrifft, nicht. Dann tritt Virgil auf und vermöbelt einen Übeltäter im Auftrag der Geschädigten, um wenigstens etwas Gerechtigkeit herzustellen.

Eines Tages wird Virgil von Ben Short Bear, Mitglied des Stammesrates, angesprochen. Im Reservat ist Heroin aufgetaucht, einer der Lakota, ein gewisser Rick Crow, arbeitet wohl mit Mexikanern zusammen und bringt das Zeug ins Reservat. Virgil soll das Ganze unterbinden. Zunächst lehnt Virgil ab. Als jedoch kurz darauf Virgils Neffe und Adoptivsohn Nathan fast an einer Überdosis stirbt, fährt Virgil mit seiner Ex-Freundin Marie Richtung Denver, um Crow aufzuspüren. Wider Willen gerät Virgil kurz darauf in eine Polizeiaktion, die vor allem Nathan in große Gefahr bringt.

„Die Polizei ist nicht ihr Freund und Helfer. Vor allem die Feds nicht. Momentan gibt es nur einem Menschen, dem Sie vertrauen können, und der sitzt vor Ihnen. Falls Ihnen das bis heute noch nicht klar war, dann sage ich es Ihnen nochmal in aller Deutlichkeit: Wenn es um das Recht der Weißen geht, ziehen die Natives immer den Kürzeren.“ (Auszug S.196)

David Heska Wanbli Weiden ist selbst Bürger der Sicangu Lakota Nation, lebt inzwischen in Denver, aber kann die Verhältnisse in den amerikanischen Reservaten aus eigener Hand beschreiben. Die Situation ist oftmals mehr als prekär, Arbeitslosigkeit, Drogen- und Alkoholprobleme, niedrige Lebenserwaltung, hohe Selbstmordrate. Sehr viele Natives, die in den Reservaten bleiben, leiden unter psychischen Problemen, haben Schwierigkeiten, ihre Identität als Indianer unter den gegebenen Bedingungen zu bewahren. Es gibt zu wenig Hilfsprogramme. Interessant erscheinen Aktionen, die sich auf alte Traditionen zurückbesinnen, um dadurch wieder Stammes- und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Diese ganze Nebenaspekte bilden den stilvollen Rahmen für diesen düsteren Krimi, der sich viel Zeit für seine Figuren und das Setting nimmt. „Winter Counts“ war der erste Kriminalroman des Autors, der damit aber direkt zahlreiche Literatur- und Krimipreise einheimste und auf der Short List des Edgar Award stand.

Virgil ist einer dieser Bewohner des Reservats, der nie raus gekommen ist und sich der schwierigen Lage mehr schlecht als recht angepasst hat. Die alten Traditionen und Rituale interessieren ihn nicht wirklich mehr. Er lebt quasi von der Hand in den Mund, ist aber bemüht, dem Sohn seiner verstorbenen Schwester ein halbwegs ordentliches Zuhause zu bieten. Seine Ex Marie hingegen ist eine Art Aktivistin, die sich mit der Situation des Reservats nicht abfinden will und daher tatkräftig Aktionen zur Verbesserung der Lage unterstützt. Sie hält auch viel von Rückbesinnung auf alte Stammestraditionen.

Die Geschichte wird von Virgil als Ich-Erzähler erzählt, bleibt lange Zeit etwas spannungsarm, bevor sie zum Ende hin förmlich explodiert. Der Reiz des Buches liegt daher weniger am eher soliden Plot, sondern am Schauplatz, an der schonungslosen Beschreibung der prekären Verhältnisse und an der Faszination der Stammesrituale. Dabei teilt Weiden zu beiden Seiten aus, korrupte eigene Leute bekommen genauso ihr Fett weg (wie die Weißen, die den Natives immer noch die Selbstbestimmung verweigern. Dadurch sicherlich ein Kriminalroman, der aus der breiten Masse herausragt.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Winter Counts | Erschienen am 23.05.2022 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-46-8
460 Seiten | 16,00 €
Originaltitel: Winter Counts (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Eine Zelle für Clete (Band 18)

James Lee Burke | Eine Zelle für Clete (Band 18)

Bald ist die Mammutaufgabe vollbracht. Verleger Günther Butkus war schon immer großer Fan von James Lee Burke und seiner Reihe um Detective Dave Robicheaux aus Louisiana. Diese Reihe wird vom Autor seit Band 1 „Neonregen“ regelmäßig fortgeführt. Auch in Deutschland mit einigem Erfolg (u.a. ein Deutscher Krimipreis für „Weißes Leuchten“), doch irgendwann nach Erscheinen der Übersetzung von Band 12 gab es keine weiteren Erscheinungen. Doch Butkus blieb Autor und Reihe treu und bemühte sich konkret um Band 15 als Neustart der Reihe. Und bewies den richtigen Riecher und das richtige Timing: Kurz zuvor begann in Deutschland die Wiederentdeckung des Autors mit dem preisgekrönten „Regengötter“ (erschienen bei Heyne Hardcore) und „Sturm über New Orleans“, erschienen 2015, in dem sich Burke den Zorn über das Versagen der US-Regierung bei Hurrikan Katrina von der Seele schreibt, erwies sich als perfekter Wiedereinstieg in den düsteren Kosmos von Dave Robicheaux im schwülen, korrupten, gewalttätigen, aber wunderschönen Louisiana. Doch damit sollte nur ein Anfang gemacht sein: Alle Romane der Reihe sollten nach und nach im Pendragon Verlag erschienen – und nun ist man nicht weit vom Ziel entfernt. „Eine Zelle für Clete“ ist Band 18, in Kürze erscheint „Die Tote im Eisblock als Band 19. Dann harren nur noch das 2013 als 20. Band erschienene „Light of the World“ und das als bislang letzter Band vor zwei Jahren veröffentlichte „A Private Cathedral“ der deutschen Übersetzung. Für einen kleinen Verlag eine große Aufgabe, aber eine große Bereicherung für den deutschen Krimileser.

„Wissen Sie, warum seit vier Monaten nicht mehr über diese Mädchen berichtet wird? Weil´s keinen juckt. Wir sin` hier in Louisiana, Robo man. Schwarz oder weiß, das spielt keine Rolle. Wenn du Geld hast, kriechen dir die Leute in den Arsch. Wenn du keins hast, treten sie dir in denselben.“ (Auszug S. 16)

Ein typischer Auftakt in einen Robicheaux-Roman. In den letzten Jahren wurden sieben junge Mädchen tot in den Sümpfen Louisianas gefunden, die meisten davon Prostituierte. Wahrscheinlich alle ermordet, obwohl der Zustand der Leichen eine eindeutige Aussage nicht immer zuließ. Die Polizei ermittelt halbherzig, es gibt zu wenig Spuren, ein Zusammenhang zwischen den Toten wird zwar vermutet, aber kann nicht erhärtet werden. Auftritt Detective Dave Robicheaux und sein Kumpel Clete Purcel, Privatermittler und Kautionsagent: Die beiden gehen privat einigen Hinweisen nach und diese führen zum Zuhälter Herman Stenga. Stenga wiederum unterhält Verbindungen zu den Abelards, einer Südstaatenfamilie, deren Reichtum noch auf Sklavenhaltung fusst und die angeblich in Verbindung zu Mafiaclans steht, nach außen hin aber gesellschaftlich renommiert ist. Für Dave besonders heikel: Seine Adoptivtochter Alafair ist seit kurzem mit dem jüngsten Sohn der Familie, Kermit Abelard, befreundet. In Kermits Dunstkreis bewegt sich zudem der Ex-Häftling Robert Weingart, der nun als Buchautor seiner Biografie Erfolge feiert, den aber weiterhin eine dunkle Aura umgibt.

Dave und Clete können zwar einige lose Verbindungen vom letzten Mordopfer zu Kermit Abelard aufdecken, doch sie haben weiterhin zu wenig in der Hand. Dennoch lassen sie sich nicht abschütteln. Als Clete sich von Stenga zu Gewalttätigkeiten provozieren lässt und Stenga schwer verletzt, geraten Dave und Clete aber zunehmend unter Druck. Schließlich wird Stenga in seinem Haus umgebracht und die Indizien deuten eindeutig auf Clete.

Doch er war in seiner Naivität nicht allein. Ich selbst ermittelte in Angelegenheiten, für die ich nicht zuständig war, meine Einschätzungen waren oft von Vorurteilen beeinflusst, meine Hartnäckigkeit grenzte wahrscheinlich an Besessenheit. In den Augen war vieles, was ich tat, genauso verrückt wie Cletes Eskapaden. Und da waren wir nun, die zwei Hofnarren von Louisiana, die es mit Angehörigen der gesellschaftlichen Elite aufnahmen, ohne den kleinsten Beweis in der Hand zu haben. (Auszug S. 419)

Der Auszug beschreibt den Grundtenor des Buches, eigentlich der ganzen Reihe, sehr treffend. Dave Robicheaux und Clete Purcel als Hofnarren, als Kämpfer gegen Windmühlen, allein gegen die gesellschaftliche und kriminelle Elite Louisianas, was oft genug dasselbe ist. Die beiden sind dabei selbst nicht zimperlich, überschreiten mehr als einmal die Grenze – immer, fast schon verweifelt, auf der Suche nach Gerechtigkeit. Immer wieder wird auch die Vergangenheit der beiden zitiert, alte Traumata wieder aufgewühlt, die Clete in Alkohol und Dave in Dr.Pepper ertränken. In diesem Roman bekommt Dave zudem Todesahnungen, die sich in einem Schaufelraddampfer auf dem Bayou manifestieren.

Im Band 18 erfindet James Lee Burke sich natürlich nicht neu, vieles ist wohlbekannt. Die Tiefe der Figuren, die Beschreibungen der Südstaaten-Landschaft, der kraftvolle Schreibstil goutiert der Fan der Reihe aber durchaus. „Eine Zelle für Clete“ führt den Kosmos souverän fort, weiß an der einen oder anderen Stelle aber noch zu überraschen, etwa bei den starken Szenen, als Dave in der Marschlandschaft auf ein Killerkommando trifft. So freue ich mich als bekennender Fan auf die letzte Bände mit Dave und Clete und die einzelnen Bände dazwischen, die ich noch nachholen muss.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Eine Zelle für Clete | Erschienen am 26.01.2022 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-752-9
544 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Glass Rainbow (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Norbert Jakober)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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