Kategorie: Gunnar Wolters

Mavis Doriel Hay | Geheimnis in Rot

Mavis Doriel Hay | Geheimnis in Rot

Kurz vor Weihnachten wollen wir es etwas besinnlich halten und begeben uns auf eine Reise in ländliche, weihnachtliche England der 1930er Jahre. Wobei so ganz beschaulich geht es dann doch nicht, immerhin geschieht ein Mord am 1.Weihnachtstage auf Flexmere, dem Landsitz der Melburys.

Sir Osmond Melbury ist ein strenger Familienpatriarch, der zum tradionellen Weihnachtsfest die Familie um sich versammelt. Die Melburys haben durch eine erfolgreiche Keksfabrik Ansehen und Reichtum angehäuft. Sir Osmond hat einen Sohn und vier Töchter, bis auf die jüngste Tochter Jennifer alle bereits verheiratet und außer Haus. Die Ehefrau ist bereits verstorben. Das Haus führte zwischenzeitlich Sir Osmonds Schwester Mildred, inzwischen jedoch die Privatsekretärin Grace Portisham – zum Missfallen einiger Familienmitglieder. Ebenfalls zum Weihnachtsfest anwesend sind die Ehegatten der Kinder George, Edith und Eleanor und deren kleine Kinder. Die älteste Tochter Hilda ist bereits verwitwet, ihre Tochter Carol bereits volljährig. Die jüngste Tochter Jennifer ist mit Philip Cheriton verlobt, der allerdings von Sir Osmond nicht gern gesehen wird. Stattdessen versucht er Jennifer mit Oliver Witcombe zu verkuppeln, allerdings mit mäßigem Erfolg. Dennoch ist Witcombe eingeladen und darf sogar den Weihnachtsmann spielen. Zudem ist natürlich noch das Dienstpersonal auf Flexmere während der Weihnachtstage.

Es gibt zahlreiche offen und nicht offen ausgetragene Streitigkeiten. So hat es Sir Osmond es seiner ältesten Tochter Hilda scheinbar nie verziehen, dass sie früh und nicht standesgemäß geheiratet hat, seine Schwester Mildred hat er irgendwann auf dem Haus komplimentiert und auch seinen langjährigen Chauffeur hat Sir Osmond vor Kurzem entlassen. Über allem schwebt jedoch auch die Frage nach Sir Osmonds Testament. Im Sommer hatte er einen kleinen Schlaganfall, sodass die Wahrscheinlichkeit eines Erbes in greifbare Nähe rückt. Zuletzt gab es allerdings Gerüchte, dass Sir Osmond vorhatte, sein Testament zu ändern. Hat er dies bereits erledigt? Wer würde davon profitieren und wer nicht? Das Fest verläuft zunächst ganz so wie vom Hausherrn geplant, nach der Bescherung zieht er sich am Nachmittag in sein Arbeitszimmer zurück. Als Oliver Witcombe später ins Arbeitszimmer zurückkommt, findet er Sir Osmond erschossen mit dem Kopf auf seinem Schreibtisch liegend vor.

Sie waren also alle da, fast alle mit einem guten Grund, Sir Osmond den Tod zu wünschen, wie wir später auf so unerfreuliche Weise feststellen mussten, und nur wenige mit einem Grund, ihm ein langes Leben zu wünschen. (Auszug S.22)

Ein klassisches Landhauskrimi-Setting mit zahlreichen Verdächtigen und dem bedächtigen Charme englischer Polizeiermittlungen. Diese übernimmt Colonel Halstock, ein Freund der Familie, der aber sorgfältig alle Indizien abklappert und keinen Anwesenden frühzeitig von der Täterschaft ausschließt. Aus Halstocks Ich-Perspektive sind auch die meisten Kapitel geschrieben. Eine besondere Note bringt die Autorin Mavis Doriel Hay hinein, indem sie einige Kapitel zu Beginn und am Ende aus der Sicht einiger Anwesenden schildern lässt. Dadurch werden die Ressentiments und Eifersüchteleien nochmal deutlicher.

„Geheimnis in Rot“ ist ingesamt ein cosy Krimi, der aber stimmungsmäßig gut in die Weihnachts- und Adventszeit passt. Ein typischer Rätselkrimi, der dem Leser es durchaus erlaubt, ebenfalls auf Mördersuche zu gehen. Mein früher Verdacht hat sich tatsächlich bestätigt, zum Schluss hin geht die Autorin auch zu offensichtlich in diese Richtung, da hätte mir eine klassische Konfrontation mit allen Beteiligten vielleicht noch besser gefallen. Nichtsdestotrotz ein solider Weihnachtskrimi mit dem Charme vergangener Zeiten.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Geheimnis in rot | Erstmals erschienen 1936
Erschienen als Taschenbuch am 14.09.2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-98506-1
301 Seiten | 14,95 €
Originaltitel: The Santa Klaus Murder (Übersetzung aus dem Englischen von Barbara Heller)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Andreas Pflüger | Ritchie Girl

Andreas Pflüger | Ritchie Girl

„Kannst du das? Zurückkehren?“
„Wohin?“ fragte sie. „Nach Deutschland? Das hier ist nicht Deutschland, das ist Pommerland.“
Als könnt ich dereinst wiederkehr’n, weil ich all dies verstand.
„Wäre gar nichts eine Heimkehr wert?“
„Doch“, sagte sie. „Dass einer bettelt: ‚Gott, vergib mir‘.“ (Auszug S.146)

Paula Bloom lebte bis 1937 in Deutschland. Ihr Vater war US-Amerikaner, einflussreicher Repräsentant zahlreicher US-Firmen in Nazideutschland. Ein Leben im luxuriösen Käfig, hofiert von den Größen des Regimes. Doch die bedrohlichen Anzeichen blieben der noch minderjährigen Paula nicht verborgen. Die Denunziation ihrer jüdischen Freundin Judith und den Tod des Vaters durch betrunkene SA-Schläger konnte sie nicht verhindern. Anschließend reiste Paula dann in die Heimat ihres verstorbenen amerikanischen Vaters aus. Kurz vor Kriegsende kehrt sie als Offizierin des Army-Geheimdienstes CIC und Dolmetscherin zurück nach Europa, zunächst nach Italien. Dort wird sie verwundet, schließlich gelangt sie 1946 ins Camp King in der Nähe von Frankfurt. Dort werden Nazis, Wissenschaftler, Kriegsverbrecher vernommen. Der aufkommende kalte Krieg lässt die Amerikaner zu Pragmatikern werden. Wer ist untragbar, aber vor allem: Wem kann man einen Persilschein ausstellen und für die anstehende Konfrontation mit den Kommunisten noch gut gebrauchen?

Paula wird auf Johann Kupfer angesetzt. Ein österreichischer Jude, der aber offenbar in Budapest für die deutsche Abwehr gearbeitet hat. Kupfer behauptet „Sieben“ zu sein, ein auch bei den Allierten legendärer deutscher Agent, der immer wieder geheimste Informationen über die Rote Armee oder aus dem Kreml durchgab. Wäre Kupfer der echte „Sieben“, wäre sein Netzwerk unbezahlbar im Kalten Krieg. Doch der Amerikaner sind skeptisch, denn im Camp King läuft auch Reinhard Gehlen umher. Der spätere Geheimdienstchef des BND-Vorläufers steht schon hoch im Kurs und hält Kupfer für einen Hochstapler (aus Eigennutz?). Paula gewinnt Kupfers Vertrauen und lässt ihn seine Geschichte erzählen. Doch stimmt sie auch? Paulas Problem wird größer, weil sie hofft, dass Kupfer ihr auch bei einer eigenen Sache weiterhelfen kann.

In Camp King trifft Paula ihren alten Freund Sam aus den Tagen der Ausbildung im Camp Ritchie. Sam ist ganz offensichtlich in Paula verliebt, doch sie will dies nicht zulassen. Denn sie hat damals jemanden in Berlin zurückgelassen: Ihre Beziehung zu Georg Melzer ist kurz vor Ihrer Abreise zerbrochen, doch nun ist sie auf der Suche nach ihm – in der Hoffnung, in ihm einen der Gerechten zu finden, die sich nicht gemein gemacht haben mit den Verbrechern, jemanden, der Reue zeigt und Deutschlands Schuld anerkennt – von denen es aber scheinbar niemanden gibt. „Ritchie Girl“ bezieht sich übrigens auf das Camp Ritchie in Maryland, in dem Deutsch-Amerikaner und Exil-Deutsche von der US Army gezielt auf Aktionen gegen die Nazis vorbereitet und eingespannt wurden – wie auch Paula.

Andreas Pflüger hat zuletzt mit der Jenny Aaron-Trilogie um eine blinde Superpolizistin neue Maßstäbe im deutschen Thriller gesetzt. Nun legt er mit „Ritchie Girl“ einen historischen Roman aus der unmittelbaren Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs vor. Während in Nürnberg die Hauptprozesse gegen die Nazi-Elite zu Ende gehen und später die Hinrichtungen vorbereitet werden, wird die zweite und dritte Garde der Nazis schon wieder taxiert, ob sie nicht brauchbar wären im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Das alles ist für Paula Bloom schwer ertragbar, sie glaubt an Recht, Gerechtigkeit, an Strafe und Sühne und muss doch schnell erkennen, dass es damit nicht weit her ist. Die Deutschen wiegeln scheinbar alle ab. Die Verbrechen – das waren die anderen. Und die Amis waten durch den Sumpf der Lügen und des Opportunismus und picken sich das Beste heraus, denn „Moral ist gerade im Ausverkauf und so billig, dass sie nichts mehr hermacht“ (S.442).

Der Autor vermittelt eine enorme Fülle an Fakten, was den Leser enorm fordert. Wer hier nicht alles auftaucht, zumindest in einer kleinen nebensächlichen Anekdote. Das geht auch ein wenig zu Lasten der Hauptfigur Paula Bloom, die gefühlt mit fast jeder bekannten Person (Dix, Klee, Schacht, Speer, Heym, Klaus Mann, Allen Dulles (der übrigens im Vergleich mit Adolf Eichmann nur knapp besser wegkommt), Graham Greene, Richard von Weizsäcker, Marlene Dietrich u.v.m.) der damaligen Zeit Kontakt hatte. Dadurch ist ihre Vita ziemlich artifiziell. Mir bleibt sie dadurch das ganze Buch über etwas fremd.

Das fällt aber nur wenig ins Gewicht, denn der Roman beeindruckt auf vielfältige Weise. Pflüger hat einen kraftvollen Roman über Schuld und Sühne, über Lügen und Verrat, aber auch über Liebe und Freundschaft geschrieben. Die bestechenden Dialoge und wahrlich viele philosopische oder poetische Passagen. Pflüger erweist sich als extrem sprachgewaltig, beispielhaft die eindrucksvollen Schilderungen der zerstörten Städte wie „Keine Form passte mehr auf die andere, alle Geraden waren gekappt, nur noch zerstörte Geometrie.“ (S.32) oder „Der Tiergarten eine Einöde in den Appalachen. […] Leichen auf der Spree, als wäre es der Styx, Berlin war ein verendetes, ausgeweidetes Tier, das nach Seuche und Zerfall stank“ (S.94).

Andreas Pflüger hat sich wahrlich viel vorgenommen, aber kann auch vieles einlösen. Er greift die Verflechtigungen der Amerikaner in die deutsche Rüstungs- und Vernichtungsindustrie (Standard Oil, IBM) und den Nachkriegsopportunismus der USA genauso auf wie die fehlende Einsicht der Deutschen, die Lügen, Ausreden und Ausflüchte, die Kontinuität der Nachkriegsjahre, in denen Nazis wieder Schaltstellen in Deutschland besetzen. Dabei beeindrucken vor allem die Gespräche Paulas mit Kupfer und dabei ragen insbesondere Kupfers Schilderungen von Adolf Eichmann in Budapest heraus, die keinen Leser kalt lassen dürften und das Bild des Bürohengsts Eichmann eindrucksvoll zerstören. „Ritchie Girl“ ist eine starke Mischung aus Fakten und Fiktion, dabei eine fordende Lektüre, deren Bandbreite ich hier längst nicht annähernd wiedergeben konnte. Ein Roman, der von Zynismus, Profitgier und Niedertracht erzählt, und dabei nur ganz sporadisch, aber immerhin, ein paar Hoffnungsschimmer verbreitet.

„Wenn jedoch keine Strafe groß genug wäre und es nichts gäbe, das Genugtuung brächte: kein Galgen, kein Verlust, keine Not, keine Erniedrigung, keine bitteren Tränen und keine falschen, dann war es vielleicht an der Zeit, nicht mehr zu hassen.“ (Auszug S.301)

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Ritchie Girl | Erschienen am 11.09.2021 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43027-9
464 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Besprechungen der Jenny Aaron-Trilogie von Andreas Pflüger

Tana French | Der Sucher

Tana French | Der Sucher

Sie gehört zu einer insbesondere in Deutschland gar nicht so großen Gemeinschaft von Kriminalautoren, die absolute Bestseller schreiben und trotzdem auch von der Kritik hochgelobt werden. Und dabei ist Tana French jemand, der jemandem die Einordnung ihrer Romane gar nicht so leicht macht. „Sie schreibt große Romane, in denen auch Verbrechen geschehen“, meint etwa die New York Times. Was sie aber in jedem Fall auszeichnet und was den großen Publikumserfolg umso erstaunlicher macht, ist eine geradezu stoische Ruhe in der Entwicklung ihres Plots.

Dies fällt auch in ihrem neuen Roman „Der Sucher“ auf. Der Leser macht Bekanntschaft mit Cal Hooper. Cal ist ein ehemaliger Cop aus Chicago, von seiner Frau ist er geschieden, seine Tochter ist erwachsen und geht eigene Wege. Cal hat sich zu einem Neuanfang entschieden, ein kleines Haus am Rande des Dorfs Ardnakelty im Westen Irlands gekauft. Dorthin ist er nun gezogen und beginnt, das Haus schrittweise zu sanieren und renovieren. Sein Nachbar Mart und auch der Rest des Dorfes haben den Neuling scheinbar wohlwollend empfangen, auch wenn sie ihn nicht in alle Dorfangelegenheiten einweihen. Bei seinen einsamen Arbeiten an seinem Haus bemerkt Cal bald, dass ihn jemand heimlich beobachtet. Irgendwann traut sich Trey, 13 Jahre alt, aus seinem Versteck, hilft Cal bei Schreinerarbeiten und rückt schließlich mit der Sprache heraus: Der 19jährige Bruder Brendan ist seit einigen Monaten spurlos verschwunden. Angeblich abgehauen, aber Trey glaubt nicht daran. Trey hofft, dass Cal sich der Sache annehmen wird.

Dazu verspürt Cal aber nur wenig Lust. Weil Trey aber äußerst heftig reagiert und er mittlerweile ein gewisses Vertrauenverhältnis zu dem Kind aus ärmlichen Verhältnissen aufgebaut hat, lässt er sich doch umstimmen und verspricht, ein paar Nachforschungen zu betreiben. Die ergeben zwar zunächst nicht allzuviel, doch es sind noch ein paar andere Dinge im Dorf geschehen, die Cal zumindest aufhorchen lassen. Ein abgebrochener Polizeieinsatz im Dorf zu der Zeit von Brendans Verschwinden, zudem seltsame blutige Angriffe auf Schafe einiger Farmer. Eines Abends im Pub wird Cal und von außen betrachtet mit reichlich Alkohol in den engeren Kreis der Dorfbewohner aufgenommen. Doch Cal hat die Zwischentöne und nicht gesagten Botschaften des Abends verstanden: Er soll sich nicht in Angelegenheiten einmischen, die ihn nichts angehen.

Am Berghang ist es kälter als unten im Weideland. Außerdem hat die Kälte auch eine andere Qualität, als Cal das von seinem neuen Zuhause kennt. Sie ist beißender und anstrengender, geht im schneidenden Wind direkt auf ihn los. (Auszug E-Book Pos. 1740)

Tana French nimmt sich sehr viel Zeit für ihre Geschichte, pfeift wie immer auf genreübliche Gepflogenheiten wie der ersten Leiche auf den ersten fünfzig Seiten. Der Spannungsbogen bleibt lange Zeit erstaunlich flach. Und dennoch gelingt es ihr, den Leser an den Roman zu fesseln. Herausragend ist die Beschreibung aller Figuren, ihrer dynamischen Beziehungen untereinander und der Blick auf die Dorfgemeinschaft. Über kurze Begegnungen am Gartenzaun oder im Tante-Emma-Laden des Dorfes kommen immer mehr Aspekte hinzu, die nach und nach ein fertiges Bild von Ardnakelty geben. Wesentlicher Bestandteil dabei sind auch die äußerst stimmigen Dialoge. Ebenfalls grandios ist die Beschreibung von Landschaft, Umgebung und Natur. Das fängt bei den Wetterbeschreibungen an, die die Stimmungen insgesamt widerspiegeln, und geht bis zu Details wie den Krähen in Cals Garten, die eine eigene Persönlichkeit zu haben scheinen.

„Der Sucher“ ist ein vielschichtiger Roman um Familie, Gemeinschaft, Vertrauen und Verrat. Ein Kriminalroman der leisen Töne, die um so stärker nachhallen. Der Leser bleibt die ganze Zeit beim neu in diese Umgebung hineingeratenen Cal, erlangt mit ihm Schritt um Schritt und manchmal äußerst schmerzhaft die Hintergründe über das Verschwinden von Brendan Reddy und kurz vorm Ende erfährt Cal die ganze Wahrheit.

Cal merkt, dass er nichts empfindet und nichts denkt. Er ist an einem Punkt angekommen, den er noch vom Dienst her kennt: ein Kreis, in dem sich selbst die Luft nicht mehr bewegt, in dem nichts existiert außer der Geschichte, die er hört, und der Person, die sie erzählt, und er selbst hat sich so weit aufgelöst, dass er nur noch aus Sehen und Hören und Bereitschaft besteht. Selbst seine Wunden und Schmerzen scheinen weit weg. (Auszug E-Book Pos. 5542)

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Sucher | Erschienen am 29.09.2021 im Fischer Verlag
ISBN 978-3-651-02567-7
496 Seiten | 22,- €
als E-Book: ISBN 978-3-10-490689-8 | 16,99 €
Originaltitel: The Seacher (Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Andrea zu Tana Frenchs Roman „Gefrorener Schrei

Michael Connelly | Schwarzes Echo (Band 1)

Michael Connelly | Schwarzes Echo (Band 1)

Aufgrund ihrer Kriegs- und Polizeierfahrungen, insbesondere der oben erwähnten Schüsse, die den Tod eines Menschen zur Folge hatten, zeigt sich die Versuchsperson körperlicher Gewalt gegenüber als in hohem Maße desensibilisiert. Sie spricht von Gewalt oder auch Aspekten der Gewalt als normalem Teil ihres alltäglichen Lebens, ihres Lebens insgesamt. (Auszug S. 109)

Die Versuchsperson, die hier in einem psychologischem Memo charakterisiert wird, ist niemand anderes als Harry Bosch. Dem aktuellen Krimipublikum am ehesten vertraut durch die ab 2014 produzierte siebenstaffelige Fernsehserie mit Titus Welliver als Detective Hieronymus, genannt Harry, Bosch. Doch die Figur ist inzwischen schon fast dreißig Jahre alt. Damals, Ende Januar 1992, erschien beim Verlag „Little, Brown and Company“ das Debüt des Journalisten Michael Connelly. „The Black Echo“ wurde direkt ein Erfolg, gewann ein Jahr später den Edgar Award für das beste Erstlingswerk und begründete eine bis heute andauernde Erfolgsreihe.

Michael Connelly war bereits früh von der Kriminalliteratur fasziniert. Raymond Chandler war sein großes Vorbild und schon in jungen Jahren stellte sich bei ihm der Wunsch ein, Kriminalschriftsteller zu werden. Doch er machte sich, auch mit seiner Familie, über den richtigen Weg dorthin Gedanken: „…to get into the world of crime I needed to be a lawyer, a cop or a reporter“(1). Connelly machte schließlich einen Abschluss in Journalistik und begann 1980 als Polizeireporter in Florida, zunächst bei der kleinen Zeitung „Daytona Beach News Journal“, später beim „Fort Lauderdale News and Sun-Sentinel“. Er schrieb während dieser Zeit an zwei Private Eye-Romanen, die er aber selbst als nicht gut genug empfand, insbesondere die Figuren betreffend. Seine fortschreitende journalistische Tätigkeit gab ihm aber zunehmend tiefere Einblicke in die Welt des Verbrechens und der Polizeiarbeit. Eine Reportage über die Überlebenden eines Absturzes einer Passagiermaschine 1985 in Dallas brachte Connelly schließlich landesweite Reputation, die Nominierung für den Pulitzerpreis und ein Jobangebot der „Los Angeles Times“. Dort intensivierte er nochmal den Aufwand: „I did a lot of shoe leather. I talked to about 100 detectives a week.“(2) Sein Ziel war es vor allem, einen in sich stimmigen Charakter für seinen ersten Roman aufzubauen. Zwei Jahre schrieb er an „The Black Echo“ mit seinem Protagonisten Harry Bosch. Als Debütant hatte Connelly natürlich auch mit einigen Absagen zu kämpfen, bis sich schließlich James Lee Burkes Agent Phil Spitzer vom Manuskript überzeugt wurde und bei Little, Brown and Company platzieren konnte. „The Black Echo“ war damals ein erfolgreiches Debüt, wenn auch kein Megaseller. Doch es begründete eine der heute erfolgreichsten Krimiserien.

Aber nun auch was zum Inhalt: Detective Harry Bosch war sowas wie ein Superstar im LAPD, hatte spektakuläre Erfolge als Mordermittler, einer seiner Fälle wurde sogar für das Fernsehen adaptiert. Andererseits war Bosch schon immer ein einsamer und knurriger Held, dem die Meinungen der Kollegen wenig bedeuteten und der Dienstvorschriften immer großzügig auslegte. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Dienstaufsicht eine gute Gelegenheit ausnutzen würde. Nachdem eine Festnahme mit dem Tod des (zu recht) Tatverdächtigen endete, gab es Ermittlungen gegen Harry, denn der Getötete war unbewaffnet. Eine Zeugin behauptete, Harry habe gewusst, dass der Mann nicht nach einer Waffe, sondern nach seinem Toupet unter dem Kopfkissen greifen wollte. Doch die Zeugin hatte nicht den allerbesten Leumund, sodass Harry nicht degradiert wurde. Allerdings reichte es, um ihn aus dem Scheinwerferlicht der Mordkommission in Downtown L.A. in die weniger spektakuläre Hollywood Division zu versetzen. Doch der stellvertretende Leiter des Departments für innere Angelegenheiten, Chief Irvin Irving, wartet nur auf den nächsten Fehler von Harry Bosch.

Dieser macht erstmal wie gewohnt seinen Job. Diesmal wird er zu einem Leichenfund am Lake Hollywood gerufen. Ein toter Mann wurde in einer Röhre gefunden, in dem sich schon mal Obdachlose und Junkies aufhalten. Tatsächlich hatte der Mann noch eine Spritze im Arm. Ein klarer Fall also, auch Harrys neuer Partner Jerry Edgar will sich mit dem Fall nicht lange aufhalten. Und doch kommt Harry einiges merkwürdig vor: Es sieht so aus, als wäre der Mann in die Röhre gebracht worden, ein Finger ist seltsam gebrochen, der Einstich zum goldenen Schuss war der allererste seit langer Zeit – und außerdem kennt Bosch den Mann.

William, genannt Billy, Meadows war wie Harry Bosch ein Vietnamveteran. Genauer gesagt eine „Tunnelratte“, Männer, die in die unterirdischen Tunnelsysteme des Vietcong eindrangen, um in den dunklen, unheimlichen Gängen den Feind auszuschalten. Doch wehe, man geriet selbst dort unten in Feindeshand. „Schwarzes Echo“ nennen sie diese Gänge bis heute.

„Es gab keine Bezeichnung dafür, also haben wir uns eine ausgedacht. Es war die Dunkelheit, die feuchte Leere, die du gefühlt hast, wenn du allein da unten in diesen Tunneln warst. Du fühltest dich dort wie tot – tot und begraben in der Finsternis. Aber du warst am Leben. Und du hattest Angst. Dein eigener Atem hallte aus der Finsternis zurück, laut genug, dich zu verraten. Oder zumindest glaubtest du das. Ich weiß nicht. Es ist schwer zu erklären. Eben… das schwarze Echo.“ (Auszug S. 402-403)

Harry ist überzeugt, dass Meadows umgebracht wurde. In der Wohnung findet er einen Pfandschein. Im Pfandbüro angekommen, stellt Harry fest, dass in dieses eingebrochen wurde und ausgerechnet das verpfändete Stück, eine Jadearmband, entwendet wurde. Zu viel des Zufalls für Bosch. Er recherchiert, dass das Armband im Rahmen eines spektakulären Raubs vor einigen Monaten abhanden gekommen war, als über einen selbstgegrabenen Tunnel in den Schließfachraum der WestLand National Bank eingebrochen wurde – die Verbindung zu Billy Meadows. Harry sucht Kontakt zum FBI, das den Bankraub bearbeitet. Er blitzt zunächst ab, darf aber dann doch an der Seite der Agentin Eleanor Wish weiterermitteln.

„You get into a situation where plot is king and you really should know character is King“.(3) So beschreibt Michael Connelly selbst seinen Prozess auf dem Weg zu einem erfolgreichen Kriminalautor. Am Ende stand die Entwicklung seines Protagonisten Harry Bosch, der hier als einsamer Wolf des LAPD durch die Gegend streift. Harry ist ein Moralist, sein Credo „Jeder zählt oder niemand zählt“ lässt ihn jeden Mord unabhängig vom Status des Opfers betrachten – was im LAPD nicht unbedingt üblich ist. Damit eckt Harry natürlich auch immer wieder an, isoliert ihn unter den Kollegen. Seine großzügige Dehnung der Dienstvorschriften bringt ihn zudem immer wieder ins Visier der internen Ermittlungen. Seine Brillanz in der Polizeiarbeit nötigt jedoch auch seinen Gegnern Respekt ab. Auch privat ist Harry nicht unbedingt ein geselliger Typ, er ist als Kind zumeist in Heimen aufgewachsen, seine alleinerziehende Mutter arbeitete als Prostituierte und wurde ermordet, als er elf war. Später war Bosch dann bei der Army und ist Veteran des Vietnamkrieges, was ihn durchaus noch belastet. Schließlich hat er dann bei der Polizei angefangen. Als Leser spürt man sofort, diese Figur hat das gewisse Etwas, ein moralischer Charakter mit Ecken und Kanten und einer interessanten Vergangenheit. Neben diversen echten Personen aus seiner Zeit als Polizeireporter stand bei der Figur Harry Bosch natürlich – wir bewegen uns in L.A. – auch Philip Marlowe Pate. Spannend für alle diejenigen, die wie ich mehr Serienstaffeln als Bücher von Bosch gelesen haben, ist die Tatsache, dass Connelly schon zahlreiche Figuren des weiteren Bosch-Universums wie Eleanor Wish und Irvin Irving hier als einflussreiche Nebencharaktere anlegt.

Der Schauplatz Los Angeles ist selbstredend ein klassisches Setting amerikanischer Kriminalromane und wird von Connelly dennoch um weitere Facetten erweitert. Daneben entwirft der Autor einen spannenden und durchaus komplexen Plot um ungewöhnliche, skrupellose Bankräuber, alte Vietnam-Connections und Querelen und Querschüsse aus den eigenen Reihen des Polizei- und Behördenapparates. Hier zeigen sich die Qualitäten des Reporters Connelly, der es vermag, den Polizeialltag, die (oftmals schwierige) Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ermittlungsbehörden, zwischen Polizei und Presse und interne Streitigkeiten innerhalb der Polizei authentisch und spannend darzustellen. Insgesamt ist „Schwarzes Echo“ ein herausragendes Debüt, eine Cop Novel, die von der Handlung vollkommen überzeugt und dennoch durch diese Hauptfigur Harry Bosch nochmal auf ein weiteres Level gehoben wird – ein echter Krimiklassiker.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Schwarzes Echo | Erstmals erschienen 1992
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 02.06.2021 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-15508-9
507 Seiten | 13,- €
Originaltitel: Black Echo (Übersetzung aus dem Englischen von Jörn Ingwersen)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Zitate (1),(2) und (3) sowie weitere Hintergrundinfos aus: „My first thriller: Michael Connelly“ auf crimereads.com

Weiterlesen: Besprechung zu „Schwarzes Echo“ auf Crimealleyblog

Kathleen Kent | Die Tote mit der roten Strähne

Kathleen Kent | Die Tote mit der roten Strähne

Ich starre die riesige, rot weiß gespenkelte Kreatur an. Eigentlich hatte ich erwartet, dass ich Spott für diese Tiere empfinden würde, doch stattdessen regt sich sowas wie Ehrfurcht in mir, der Bulle wirkt würdevoll in seiner stillen Kontemplation… […]
„Du majestätischer alter Bastard“, sage ich.
Dann drehe ich mich um und recke mit einer solidarischen Geste beide Mittelfinger in die Luft.
„Die polnische Kavallerie ist gelandet“, flüstere ich. (Auszug S.25)

Detective Betty Rhyzyk arbeitet noch nicht sehr lange beim Dallas Police Department. In der Drogenfahndung leitet sie – zum gewissen Ärger mancher Kollegen – ihren ersten Einsatz. Das DPD fahndet nach dem Kokaindealer Tomás Ruiz. Der Mexikaner hat sich zum größten Dealer in Nordtexas aufgeschwungen. Nun bietet sich die Gelegenheit, Ruiz bei einem Deal festzusetzen, den er in Dallas mit dem lokalen Dealer William Bender machen will. Betty und ihr Team liegen vor Benders Haus auf der Lauer. Doch der Einsatz gerät völlig außer Kontrolle, als eine Passantin sich einmischt und ein lokaler Streifenwagen ebenfalls anhält. Die Folge sind drei Leichen und ein Drogenboss, der sich aus dem Staub gemacht hat.

Betty ist fest entschlossen, diesen Tiefschlag wieder wettzumachen. Hilfe zum Aufenthaltsort von Ruiz könnte dessen Freundin Lana Yu geben, doch diese wird wenig später brutal ermordet aufgefunden. Der Mörder hat ihr zudem eine rote Strähne abgeschnitten. Art und Weise des Mordes passen nicht zu Ruiz, sodass Betty vermutet, dass hier noch jemand Ruiz‘ Aufenthalthaltsort erfahren wollte. Und dieser jemand hat offenbar auch Betty im Blick, denn kurz darauf findet sie eine rote Strähne in ihrem Bett.

Drogenfahndung, mexikanische Drogenbosse, der heiße und staubige Süden der USA – das sind alles wohlbekannte Themen, die erstmal kein Alleinstellungsmerkmal bieten. Warum hat sich die Autorin Kathleen Kent, bisher vor allem für historische Roman bekannt, dennoch diesen Stoff ausgesucht? Vielleicht weil sie die Idee zu einer wirklich erfrischenden Protagonistin hatte. Betty Rhyzyk, Ende 30, lange rote Haare, entspringt einer New Yorker Copfamilie von polnischen Einwandern – und sie ist offen lesbisch, lebt in einer längeren Partnerschaft mit der Ärztin Jackie. Betty ist eine leidenschaftliche, kämpferische Polizistin, durchsetzungsfähig, mit großer Schlagfertigkeit, aber dabei nicht völlig unnahbar und unfehlbar. Mit dieser wirklich gelungenen Hauptfigur wurde Kathleen Kent direkt bei ihrem Thrillerdebüt für den Edgar und Nero Award nominiert.

„Riz“, sagt Seth, „das ist so typisch Texas. Waffenschein, kein Problem – aber eine Erlaubnis, jemandem körperliche Erleichterung zu verschaffen? Fehlanzeige.“ (Auszug S.56)

„Die Tote mit der roten Strähne“ geht direkt ins Geschehen (ist auch im Präsens geschrieben), zeigt viel Action und eine gelungene Präzision zwischen Spannung und Entspannung. Dabei streut die Autorin bei aller Härte auch einiges an Humor, Selbstironie (immerhin ist sie selbst Texanerin) und Zwischenmenschlichem ein. Daneben hat sie immer wieder überraschende Einfälle, beispielsweise ein Schusswechsel zwischen einer mexikanischen Drogengang und eine Reenactmenttruppe, die die Mexikaner mit Bürgerkriegsflinten und einer Kanone in Schach hält. Das macht insgesamt doch sehr viel Spaß und sorgt für keine Langeweile. Und das ist ja kein schlechtes Zeugnis für einen Thriller.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die Tote mit der roten Strähne | Erschienen am 12.09.2021 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47170-8
364 Seiten | 14,95 €
Originaltitel: The Dime (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Andrea O’Brien)
Bibliografische Angaben & Leseprobe