Kategorie: Gunnar Wolters

Henry Wise | Holy City

Henry Wise | Holy City

Die Menschen hier schienen unter einer Wolke aus Niederlagen zu leben, selbst zugefügt und ererbt. Die Weißen hatten den verlorenen Bürgerkrieg, die Schwarzen die Sklaverei. Man könnte denken, sie würden sich erbittert gegenüberstehen, aber tatsächlich hockten sie alle im selben Graben, und da draußen lauerte der Rest des Staates, der Rest des Landes. (Auszug S. 24)

Will Seems ist nach zehn Jahren, in denen er in Virginias Hauptstadt Richmond gelebt hat, in seine Heimat im Euphoria County im Süden Virginias zurückgekehrt. Vorgeblich um nach dem Tod seiner Mutter zu seinen Wurzeln zurückzukehren und das heruntergekommene Familienanwesen zu renovieren. Er ist als Deputy beim Sheriff angestellt. Eines Nachts ist Will wie so häufig schlaflos im County unterwegs, als er ein Feuer beim Haus vom Tom Janders bemerkt. Er kann Tom zwar aus dem Feuer ziehen, doch da ist dieser bereits tot, offensichtlich bereits vor Austritt des Feuers ermordet. Als Verstärkung als dem Büro des Sheriffs eintrifft, wird ein Mann bemerkt, der vom Ort des Geschehens flieht. Zeke Hathom wird festgenommen und ist fortan Verdächtiger Nr.1, hatte er doch Schulden beim Toten. Doch Will und viele andere der Gemeinde halten Zeke für unschuldig.

Will hat zudem weitere Gründe, an der Schuld von Zeke Hathom zu zweifeln, da er ein enges Verhältnis zur Familie Hathom pflegt. Zekes Sohn Sam Hathom ist Wills bester Freund und auf Will lastet eine tiefe Schuld. Vor mehr als zehn Jahren wurde der weiße Will bei einem Bad im Fluss mit dem schwarzen Sam von einer Gruppe schwarzer gleichaltriger Jugendlicher bedrängt. Sam setzte sich für Will ein und wurde brutal und lebensgefährlich verprügelt. Davon hat Sam nur schwer erholt, muss mit dauerhaften Schäden leben und findet sich nur schwer im Leben zurecht. Er wurde drogenabhängig und wird mit Haftbefehl gesucht. Will kann sich bis heute nicht verzeihen, dass er Sam nicht beigestanden hat, unabhängig davon, ob dies überhaupt möglich gewesen wäre. Er versteckt Sam seit seiner Rückkehr bei sich auf dem abgelegenen Familienanwesen, ohne dass dessen Familie davon weiß. Will möchte nun Sams Vater entlasten und stellt eigene Ermittlungen an, da der Sheriff sich bereits festgelegt hat. Dabei soll die Privatdetektivin Bennico Watts, die von einigen Familien verpflichtet wurde, Will unterstützen, worauf er sich nur widerwillig einlässt.

“Seems!”, brüllte Mills, und Will drehte sich in der Tür um. „Wenn du noch einmal deine Stimme gegen mich erhebst, knöpfe ich dir so schnell die Dienstmarke ab, dass du meinst, einen Geist gesehen zu haben.“
„Tun Sie, was Sie wollen“, sagte Will. „Aber bis dahin mache ich meinen Job.“
Damit trat er hinaus in die Hitze des Sommers. (Auszug S. 69)

Bleischwer lastet die Schuld auf diesem Will Seems, der bis in die Gegenwart sich seine Passivität von damals nicht verzeihen kann, zumal der versehrte Sam ihn auch permanent daran erinnert. Er ist in seine Heimat zurückgekehrt, doch angekommen ist er nicht wirklich, er steht zwischen den Stühlen und ist in seiner Last gefangen. Will glaubt, seine Schuld abzahlen zu können, indem er Sam vor dem Sheriff versteckt und versucht, ihn auf Entzug zu setzen. Dass sein Vater in Haft ist, verschweigt er ihm, stattdessen will er selbst die Dinge lösen, auch das gegen den Willen des Sheriffs. Wills Schuld lässt ihn nachts nicht schlafen, er durchstreift das düstere County, hört den einzigen Sender, den man dort draußen empfängt – einen religiösen Sender, der das zornige Wort Gottes verkündet. Überhaupt bewegt man sich dort im Süden Virginias in einem Landstrich, der rau und unwirtlich wirkt. Nicht nur auf Will lastet eine bleierne Schwere, nach und nach kommen weitere Dinge als Licht, auch andere haben Schuld auf sich geladen.

„Holy City“ ist übrigens ein Begriff für Richmond als Pilgerstätte für Senatoren und Abgeordnete, ehemalige Hauptstadt der Konföderierter. Zum Zeitpunkt der Geschichte stehen dort auf dem zentralen Boulevard noch die Denkmäler der großen Figuren der Südstaaten (erst 2020/2021 wurden diese demontiert). Mit diesem Roman setzt der Polar Verlag die Tradition fort, mit „Country Noir“-Romanen das ländliche Amerika, das sogenannte Herzland zu porträtieren. Abgehängte Gegenden, der Blick geht eher zurück als nach vorn. Gegenden, aus denen der aktuelle Präsident beträchtliche Teile seiner Wählerschaft zieht. „Holy City“ reiht sich in diese Erzählungen ein, besticht durch seine Beschreibungen von Landschaft und Menschen, erzählt überzeugend von Heimat und der Schwierigkeit des Zurückkommens und vor allem von der Last von Schuld, Trauer und Hass.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Holy City | Erschienen am 15.01.2026 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910918-40-5
340 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Holy City | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Martin von Arndt | Der Wortschatz des Todes

Martin von Arndt | Der Wortschatz des Todes

Irina Starilenko kam als Kind einer russisch-ukrainischen Familie nach Deutschland und arbeitete als Ermittlerin beim BKA. Ihr Bruder Konstantin hat sich linken Gruppierungen angeschlossen, die auch vor Straftaten nicht zurückschrecken. Um nicht kompromittiert zu werden, hat Irina ihre Stellung beim BKA aufgegeben und strebt nun eine private Anstellung in einer Wirtschaftskanzlei an. Doch nun wird sie von Konstantin um Hilfe gebeten: Sein ukrainischer Freund Oleksi wurde wegen Mordes an einem polnischen Geschäftsmann verhaftet, dem man Verbindungen bei Waffengeschäften zu Russland nachsagt. Oleksi hat den Mord sogar gestanden. Doch Konstantin weiß, dass Oleksi es nicht gewesen sein kann, hat er doch zum Zeitpunkt hunderte Kilometer entfernt mit ihm einen Brandanschlag auf ein von Nazis und Identitären benutztes Gebäude verübt. Irina und der Anwalt Julian Bergmann versuchen vergeblich, Oleksi zum Widerrufen seines Geständnisses zu überzeugen. Mit Hilfe alter Kontakte betriebt Irina nun eigene Ermittlungen und stößt auf Ungereimtheiten, insbesondere bei der Identität des Toten.

Autor Martin von Arndt hat bereits in der Vergangenheit mehrere Politthriller, zumeist mit interessantem historischem Background, veröffentlicht. So etwa „Tage der Nemesis“, in denen der Genozid an den Armeniern 1915 thematisiert wird, oder „Sojus“, der zur Zeit des Ungarn-Aufstands 1956 spielt. In diesem Roman geht von Arndt aber in die Gegenwart und beschreibt die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges in Deutschland und den langen Arm Russlands in die Bundesrepublik. Ein Mord geschieht, ein polnischer Waffenhändler stirbt, der scheinbar mit den Russen Geschäfte gemacht hat, der Mörder ein junger Ukrainer auf der Flucht vor dem Krieg. Doch so einfach, wie sie scheinen, sind die Dinge natürlich nicht.

Die Story wird fast ausschließlich aus der Sicht Irinas erzählt. Eher widerwillig erklärt sie sich bereit, ihrem Bruder zu helfen, zu dem sie trotz engem Familiensinn ein angespanntes Verhältnis hat, weil sie wegen ihm ihre BKA-Karriere beendet hat. Irina ist eine interessante und etwas unnahbare Hauptfigur. Hochintelligent, Kampfsportlerin, intersexuell geboren, die russisch-ukrainische Familie war bei markanten geschichtlichen Momenten wie dem Holodomor oder Tschernobyl involviert, ihr Bruder ein Linksextremist, ihre 15jährige Nichte eine versierte Hackerin. Sie befindet sich in einem neuen Lebensabschnitt, wirkt etwas einsam, versucht die Beziehungen zu alten Freundinnen wiederzubeleben. Irinas Lebensgeschichte als Migrantin in Deutschland wird im Plot regelmäßig aufgegriffen.

„Und das Gesicht?“
„Deutsch.“
Irina lachte. „Was ist ein deutsches Gesicht?“
Frau Babic zuckte mit den Schultern.
„Kann ich nicht genau sagen. Eines, dass es in Deutschland oft gibt. Ich habe keins. Sie auch nicht.“
Irina lächelte. „Und ist das gut?“
Frau Babic lächelte verschmitzt zurück.
„Kommt drauf an. Wollen Sie viele Männer haben? Dann ja. Aber wollen Sie lieber nicht auffallen, wenn die Nazis wiederkommen…? Dann nicht, hm-hm.“ (Auszug S. 106)

„Der Wortschatz des Todes“ (der etwas sperrige Titel ist ein Zitat des großen ukrainischen Autors Sergij Zhadan) besticht vor allem durch einen starken Plot mit starken Dialogen sowie die Aktualität und Unverbrauchtheit des Themas. Es gibt immer wieder Erklärungen, historische Ereignisse (vor allem zum russischen Angriffskrieg und der Vorgeschichte), die erwähnt und eingeordnet werden. Dies gelingt von Arndt jedoch zumeist sehr organisch im Plot. Unverbraucht ist auch die Protagonistin Irina Starilenko, obwohl der Autor ihr vielleicht etwas zu viel in die Biografie packt. Zusammengefasst ist der Roman aber absolut überzeugend und macht Lust auf weitere Bände mit Irina und ihrem armenischen Berghund Shun (der keine große Rolle hat, aber die Handlung immer wieder charmant auflockert).

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Der Wortschatz des Todes | Erschienen am 17.09.2025 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0712-3
288 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Vor 70 Jahren: Eric Ambler | Besuch bei Nacht

Vor 70 Jahren: Eric Ambler | Besuch bei Nacht

Normalerweise gibt es an dieser Stelle in unserer Rubrik „Asservatenkammer“ eine etwas ausführliche Einordnung des Autors oder der Autorin. In diesem Fall ist das aber nicht nötig, denn mit dem Autor Eric Ambler haben wir uns in der Vergangenheit schon häufig und ausführlich beschäftigt. An dieser Stelle seien die Beträge „Eric Ambler, ein Porträt“ und die zahlreichen Rezensionen zu seinen Werken sehr empfohlen. Dennoch in aller Kürze: Ambler hatte vor dem zweiten Weltkrieg zunächst in einer Werbeagentur gearbeitet, bevor er dann den Durchbruch als Thrillerautor hatte. Sein bekanntestes Werk ist bis heute sicherlich der 1939 erschienene Roman „Die Maske des Dimitrios“. Im Krieg arbeitete Ambler in der Armeefilmeinheit, legte eine Schaffenspause als Autor ein. 1951 erschient sein erster Roman nach dem Krieg, „Besuch bei Nacht“ schließlich 1956. Kurz darauf wird Ambler nach Hollywood gehen, um dort als Drehbuchautor für zehn Jahre zu arbeiten.

Der Roman beginnt im Urwald auf einer südostasiatischen Insel. Der britische Ingenieur Steve Fraser hat mehrere Jahre bei einem Staudammprojekt im fiktiven Staat Sunda gearbeitet. Sunda hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus der damaligen niederländischen Kolonie gebildet. Eine ehemalige Guerillatruppe ist nun an die Regierung der jungen Republik gekommen und nutzt nun Regierungsposten und schafft zweifelhafte Verwaltungsposten, um die ehemaligen Militärs finanziell zu versorgen. Korruption und Vetternwirtschaft blühen. So sind auch einige Offiziere zum Staudammprojekt gekommen, obwohl sie über keinerlei Qualifikation verfügen. Sie machen sich wichtig und keine Freunde unter den Ingenieuren. Einzig der Major Suparto fällt Fraser positiv auf. Die Republik Sunda ist aber noch nicht vollends befriedet. Der ehemalige Oberst Sanusi, ein Muslim, hat sich zum Rebellenführer aufgeschwungen und der neuen Regierung den Kampf erklärt. Sanusi hat sich ins Hinterland zurückgezogen und ist dort schwer zu bekämpfen.

Nun läuft Frasers Vertrag aus und er möchte nun auch angesichts weiterer Gräueltaten gegen ehemalige niederländische Kolonisten die Heimreise antreten. Er verbringt ein paar letzte Tage in der Hauptstadt Selampang, um dort auf seine Papiere zur Ausreise zu warten. Ein befreundeter Pilot lädt ihn ein, in dessen Dachgeschosswohnung im Air House, einem markanten, modernen, mehrstöckigen Gebäude, in dem sich auch der zentrale nationale Radiosender befindet, zu wohnen. Fraser gönnt sich entspannte Tage, lernt in einer Bar Rosalie kennen, Tochter einer Ehe eines Europäers und einer Einheimischen. Bei einem gemeinsamen Spaziergang fällt Fraser ein Jeep auf, den er Major Suparto zuordnet und ist irritiert, das Fahrzeug in der Hauptstadt zu sehen. Fraser und Rosalie verbringen die Nacht im Dachapartment. Als sie morgens aufwachen, ist plötzlich Aufruhr im Haus und Suparto steht im Apartment. Es ist ein Putsch im Gange, Suparto gehört zu Sanusis Rebellen und Fraser und Rosalie stehen ab sofort unter Hausarrest und die Wohnung ist für die Rebellen beschlagnahmt.

Ein Schweigen entstand. Rosalies Hand lag reglos in meiner.
„Das Apartment“, fuhr Suparto fort, „gehört einem australischen Piloten. Er hat es dem Engländer zur Verfügung gestellt. Ich gebe zu, die Situation ist nicht gerade angenehm.“
„Man hätte sie den Soldaten überlassen sollen“, sagte Roda gereizt. […]
Sanusi wandte sich ab, um ins Wohnzimmer zu gehen. „Die Sache ist unwichtig“, sagte er, „sie kann später gelöst werden.“ (Auszug S. 107)

Nach einer langen Schaffenspause von über zehn Jahren hatte sich Eric Ambler nach dem Zweiten Weltkrieg erst 1951 wieder mit einem neuen Roman zurückgemeldet. In „Der Fall Deltschev“ brach Ambler dann endgültig mit dem Kommunismus sowjetischen Stils, mit dem er vor dem Krieg durchaus – auch in seinen Romanen – sympathisiert hatte. In dieser zweiten Phase seines Schaffens als Autor zeitgenössischer Politthriller ging Ambler dann im Gegensatz zu manchen Kollegen weniger auf die Dynamiken der Großmächte im Kalten Krieg ein, sondern beschrieb die politischen und gesellschaftlichen Verwerfzonen an den Rändern, in „Besuch bei Nacht“ zum Beispiel im indonesischen Raum. Indonesien erlangte 1949 nach einem vierjährigen Krieg, der zumeist als Guerillakrieg geführt wurde, die Unabhängigkeit von den Niederlanden. In den Verhandlungen sollte Indonesien zukünftig als Föderation geführt werden, doch schon bald führte Präsident Sukarno das Land als Einheitsstaat, stark nationalistisch, gestützt durch das Militär und wirtschaftlich dem Kommunismus zugewandt. Damit waren die Spannungen zwischen den vielen Völkern und Religionsgemeinschaften vorprogrammiert. 1966 wurde geputscht und der durch die Amerikaner unterstützte General Suharto kam an die Macht und regierte mehr als dreißig Jahre diktatorisch.

In diesem Spannungsfeld siedelt Ambler seinen Plot an. Sein Protagonist ist wie üblich ein Unbeteiligter, dem im Verlauf der Handlung aber einiges an Verantwortung aufgebürdet wird. So ist es auch diesmal: Fraser, der anfangs sich mehr oder weniger nur unsichtbar machen will, um die Situation heil zu überstehen, gerät unter Druck, als man ihn von Seiten der Putschisten um ingenieurstechnische Hilfe bittet. Der Druck steigt noch, als er bemerkt, dass nicht alle Putschisten tatsächlich gegen die alte Regierung arbeiten. Fraser muss lavieren, um nicht nur sein Leben, sondern auch Rosalies zu retten, zu der er zunehmend Zuneigung entwickelt.

Eric Ambler schreibt wie gewohnt zurückhaltend und nüchtern, dennoch mit dosierter Spannung. Der Roman kommt stellenweise wie ein Kammerspiel daher, der Mittelteil spielt fast ausschließlich im Dachgeschossapartment. Ambler vermeidet eine klare Positionierung und eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der verschiedenen Lager, sondern beschreibt eher analytisch die schwierige Lage der Putschisten, ihren vermeintlichen anfänglichen Erfolg umzumünzen. Die Figuren bleiben ein wenig unausgegoren, aber Ambler war schon immer ein Meister die Mechanismen politischer Macht zu beschreiben und war damit damals immer auf der Höhe der Zeit oder dieser sogar voraus. Der heutige Leser muss sich aber von den aktuellen Erwartungen an einen Thriller lösen, obwohl für Amblers Verhältnisse viele Geschosse durch die Gegend fliegen. Letztlich reiht sich „Besuch bei Nacht“ nahtlos in Amblers Gesamtwerk ein und bietet intelligente Unterhaltung mit politisch-gesellschaftlichen Stoffen, die zumeist bis in die heutige Zeit Relevanz behalten haben.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Besuch bei Nacht | Erstmals erschienen 1956
Die gelesene Ausgabe erschien 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-65115-7
256 Seiten | 12,- €
Originaltitel: The Night-Comers | Übersetzung aus dem Englischen von Wulf Teichmann
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Eric Ambler

Doug Johnstone | Schwarze Herzen (Band 4)

Doug Johnstone | Schwarze Herzen (Band 4)

Autoren und Autorinnen haben ja oft eine enge Beziehung zu ihren Figuren und tun sich teilweise schwer, diese loszulassen. So ähnlich muss es auch Doug Johnstone ergangen sein, denn er hatte ursprünglich die Idee, die Reihe um die Skelfs-Frauen als Trilogie anzulegen. Und tatsächlich ging im dritten Band die übergreifende Story um den psychopathischen Craig zu Ende. Vermeintlich. Aber Johnstone konnte offensichtlich nicht von seinen drei ungewöhnlichen Frauen Dorothy (Großmutter/Mutter), Jenny (Tochter/Mutter) und Hannah (Tochter/Enkelin) lassen, die als Familienunternehmen ein Bestattungsinstitut und eine Privatdetektei führen. In der Heimat ist bereits Band 6 erschienen, in deutscher Übersetzung nun Band 4.

Wie eben angedeutet (Vorsicht Spoiler!), kam es zuletzt zu einem Showdown zwischen Jenny und ihrem Ex Craig. Zugunsten von Jenny, die aber dennoch in ein großes Tief gefallen ist, sich dem Alkohol zuwendet und ihren Therapeuten verführt, anstatt die Therapie ernst zu nehmen. Dass nun scheinbar nach langer Zeit Craigs Leiche aus dem Meer wieder aufgetaucht ist, macht die Sache nicht wirklich besser, denn nun kommt Craigs Familie plötzlich wieder hervor und Craigs Schwester Stella lässt Jenny ihre Tat in Notwehr nicht so einfach durchgehen. Währenddessen hat Dorothy zwei schräge Fälle aufgetan: Eine Frau wird beerdigt, ihr Ehemann wird vermisst. Der Sohn verdächtigt den Onkel und beauftragt Dorothy, seinen Vater zu finden. Der zweite Fall ist der eines alten japanischstämmigen Mannes, der nach dem Tod seiner Frau einen Schrein für sie zuhause angelegt hat und nun glaubt, von ihrem Geist angegriffen zu werden. Hannah hingegen hat plötzlich eine Kommilitonin, die sie stalkt und sich zwischen sie und ihre Frau Indy drängt – und offenbar mehrere Tage in der gleichen Wohnung mit ihrer verstorbenen Mutter gewohnt hat.

Dorothy kämpfte mit den Klavierriffs im Mittelteil und dachte dabei an Eddie. Inzwischen würde seine Leiche neben Craig in der Leichenhalle liegen. Sie dachte an Violet, die ihren Sohn verloren hatte. Sie dachte an Hannahs Stalkerin, deren Mum plötzlich gestorben war. Udo, der von seiner Frau heimgesucht wurde. Es war ein Kaleidoskop aus Leben und Tod, ein Spinnrad von Kummer und Leid, verwirrend und beunruhigend. (Auszug S. 200)

Die Skelfs-Reihe ist einer der aktuell ungewöhnlichsten Krimireihen. Drei Generationen von Frauen, die zwei außergewöhnliche Berufe miteinander verbinden. Über die ganze Reihe schreibt Doug Johnstone abwechselnd aus ihren Perspektiven, dringt tief in die Figuren ein. Der Leser spürt die Emotionen der Protagonistinnen sehr direkt, erfährt viel über ihre Stärken und ihre Schwächen. In diesem Band befindet sich vor allem Jenny gerade auf einem absoluten Tiefpunkt. Durch diese Konstruktion ist diese Reihe aber auch eine derjenigen, wo es absolut nicht zu raten ist, die Bände isoliert zu lesen. Diese Reihe baut viel zu sehr aufeinander auf und als Leser würde man sich auch der ganzen Feinheiten berauben.

„Schwarze Herzen“ setzt die Reihe in einem gesetzteren Ton fort, der Vorgänger war ungewohnt spannend und actionreich. Der Autor zeigt aber, dass damit noch kein endgültiger Abschluss gefunden wurde. Trauer, Tod und Schuld spielen immer eine große Rolle in dieser Reihe – und Johnstone weiß dem Thema auch im vierten Band neue Facetten und auch Skurrilitäten (oder wunderbare Details wie dem „Windtelefon“) abzuringen. Auch das andere große Thema dieser Reihe spielt natürlich wieder eine große Rolle: Familie und Freundschaft, die Trost und Geborgenheit spenden, aber auch Arbeit und Kommunikation bedürfen. Und auch wenn es dieses Mal spannungstechnisch etwas gedämpfter zugeht, die Reihe behält ihren großen Charme. Doug Johnstone bringt an gewissen Stellen Humor an und auch Edinburgh, Musik und Astrophysik (unverkennbar die Schwächen des Autors als Dundiner, Schlagzeuger und Physiker) kommen angemessen zur Geltung. Eine tolle Reihe mit wunderbaren Figuren und tiefgründigen Themen, der ich gerne weiter treu bleibe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Schwarze Herzen | Erschienen am 15.11.2025 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910918-36-8
340 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Black Hearts | Übersetzung aus dem schottischen Englisch von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 2 und Kurzrezension zu Band 1

Unsere Krimis des Jahres 2025

Unsere Krimis des Jahres 2025

Und schon ist wieder ein Jahr 2025 Geschichte, die finale Folge „Strangers Things“ geguckt und Zeit, einen Blick zurück auf das Jahr 2025 zu werfen. Neben einigen visuellen Highlights wie die Streaming-Serien Dept. Q oder Adolescence gab es bei Gunnar auch zwei besondere Highlights: Der Besuch der Leipziger Buchmesse im März und die Lesung mit Sara Paretsky im September.

Daneben gab es für uns Lesehighlights in unterschiedlichen Genres. Bei unseren Krimihighlights haben wir es zum ersten Mal geschafft, genügend dieselben Bücher zu lesen – und auch noch gut zu finden. Deswegen gibt es heute zum ersten Mal eine gemeinsame Jahreshitliste. Wir vergeben ja maximal 5 Punkte, die in 2025 aber kein Roman erreicht hat. Allerdings haben einige 4,5 Punkte ergattert. Bei dreien davon waren wir uns einig, haben darüber hinaus aber noch eine Reihenfolge festgelegt. Zwei weitere Bücher hat nur jeweils einer von uns gelesen, daher vergeben wir Platz 4 zweimal. Eine Tendenz lässt sich auf jeden Fall erkennen: Es dominieren Kriminalromane und Thriller mit historischen Settings.

Platz 4: Susanne Tägder – Die Farbe des Schattens

Auch „Die Farbe des Schattens“ beginnt mit einer Suchaktion nach einem verschwundenen Kind. Allerdings verschwand der kleine Matti aus einer Plattenbausiedlung in Mecklenburg 1992. Wie schon in ihrem gefeierten Debüt-Roman „Das Schweigen des Wassers“ ermittelt wieder Kommissar Groth, der nicht ganz freiwillig als Aufbauhelfer Ost agieren soll. Tägder versteht es, die Atmosphäre der frühen 90er Jahre, die weniger von Aufbruchsstimmung sondern eher von Zukunftsängsten geprägt war, einzufangen. Die Hilflosigkeit der Ermittler aufgrund ständiger Rückschläge sowie die Resignation der Bewohner waren direkt greifbar. Das Ergebnis ist ein ruhiger Kriminalroman, der von der psychologischen Spannung sowie der emotionalen Belastung lebt. Obwohl im Grundton eher melancholisch, entwickelt die Geschichte einen Sog, dem sich Andy kaum entziehen konnte. Hier findet ihr die ausführliche Besprechung.

Platz 4: Jake Lamar – Viper’s Dream

Eine gelungene Kombination zwischen Jazz & Crime hat der amerikanische Autor Jake Lamar veröffentlicht. Er erzählt die Geschichte von Clyde Morton, der als Greenhorn vom Land 1936 nach Harlem kommt, dort von Unterweltgrößen unter die Fittiche genommen wird und schließlich zu einem der einflussreichsten Gangster bis Anfang der 1960er aufsteigt. Daneben ist der Roman auch eine Geschichte über die New Yorker Jazzszene, ganz natürlich betreten immer wieder weltbekannte Jazzgrößen die Szene. Gunnar war begeistert über die sehr lesenswerte Mischung aus flirrendem Jazz, hartgesottenem Gangsterroman und der Melancholie eines nachdenklichen Gangsters. Seine Rezension ist hier zu finden.

Platz 3: Kate Atkinson – Nacht über Soho

Ein ebenso fesselnder wie gut komponierter Spannungsroman ist „Nacht über Soho“, in dem die britische Autorin uns in das schillernde Nachtleben von London vor genau hundert Jahren, in die roaring twenties mitnimmt. Mit der Nachtclubbesitzerin Nellie Coker und einem wirklich opulenten Figurenensemble lässt Atkinson die Leser:innen tief in die Atmosphäre der verruchten Halbwelt der Clubs in Soho eintauchen und porträtiert eine Gesellschaft, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg ungezügelt feiern will. Atkinsons Sittengemälde der 20er Jahre wirkt nie zu düster, dafür sorgt schon die scharfzüngige Sprache der Autorin, ironisch und unterkühlt. Eine ausführliche Rezension gibt es von Gunnar.

Platz 2: Andreas Pflüger – Kälter

Zum Ende des Jahres haben wir beide noch ein Thriller-Highlight von Andreas Pflüger beendet, der in „Kälter“ das liefert, was man an ihm schätzt. Gut choreografierte Actionszenen, messerscharfe Dialoge, bildhafte Erzählweise, exakt gezeichnete Charaktere sowie eine starke Heldin. Das ist Luzy Morgenroth, eine ehemalige BKA-Personenschützerin, die 1989 inzwischen 50-jährig als Provinzpolizistin auf Amrum eine ruhige Kugel schiebt. Das ändert sich, als ein Killerkommando die Inselidylle zerstört. Vor dem Hintergrund des Mauerfalls entfaltet sich mit Luzy als Racheengel eine spektakuläre Story zwischen Amrum, Wien, Israel und Moskau. Die ausführliche Rezension wird im Januar nachgereicht.

Platz 1: Liz Moore – Der Gott des Waldes

Ganz anders als „Long Bright River“, ein weiteres Highlight der amerikanischen Autorin entführt uns Liz Moore in „Der Gott des Waldes“ in die dichten Wälder des Adirondack-Gebirges. Hier verschwindet im Jahr 1975 in einem elitären Sommer-Camp die 13-jährige Barbara. Nicht nur ist sie die Tochter der steinreichen Gründer-Familie, sondern auch die Schwester des Jungen, der vor 14 Jahren spurlos verschwand. Mit großer Erzählfreude arrangiert Moore Figuren und Plot, wechselt mit einem verlässlichen Gespür fürs Timing die Perspektiven und verknüpft souverän mehrere Zeitebenen miteinander. Empathisch und mit präzisem Blick wird eine Familientragödie geschildert und durch bildreiche Sprache das raue Klima vor des Lesers Auge lebendig. Je weiter die komplexe Erzählung vorangetrieben wird, desto neugieriger wurden wir und klebten an den Seiten. Für uns beide ein außerordentlich guter Roman und unsere Nummer 1 in diesem Jahr. Hier ist der Link zu Andys vollständiger Rezension.