Kategorie: Andy Ruhr

Denise Mina | Götter und Tiere (Band 3)

Denise Mina | Götter und Tiere (Band 3)

Der Bewaffnete ging zum Anfang der Schlange. Die Jagdhaube sah lässig aus. Und die Augen darin sahen lässig aus. Das hatte Martin wirklich getroffen: Dieser Mann hatte seine ganze Welt im Griff, er war nicht besorgt, zweifelte nicht, suchte nicht nach Halt. Er ging nicht zum Psychiater und heulte rum wie ein Mädchen. Er war lässig. (Auszug Seite 15)

„Götter und Tiere“ ist der dritte von fünf Bänden um die Glasgower Polizeiermittlerin Detective Sergeant Alexandra Morrow und ihrem Team. Die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung des im Original bereits 2012 erschienenen Teils vervollständigt endlich die Lücke in der fünfbändigen Reihe.

Im vorweihnachtlichen Glasgow wird eine Postfiliale überfallen. In der Schlange steht auch der pensionierte Gewerkschaftler Brendan Lyons mit seinem kleinen Enkel. Der alte Herr hilft dem brutalen Verbrecher beim Einpacken des Geldes, bevor er von ihm mit einem Maschinengewehr regelrecht exekutiert wird. Vorher hatte er seinen Enkel noch in die Obhut eines anderen Kunden gegeben. Der junge Martin Pavel stand in der Schlange hinter ihm und kann nachher bei der Polizei bezeugen, dass Lyons den Täter gekannt haben muss. Nicht nur wegen der vielen Tätowierungen auf seinem Körper bleibt der angebliche Student über lange Strecken eine suspekte Figur. Am Hals trägt er zum Beispiel das von Aristoteles stammende, titelgebende Zitat „Gods and Beasts“, was so viel bedeutet wie: Wer nicht in Gemeinschaft leben kann, ist entweder Gott oder Tier.

Zur gleichen Zeit halten zwei Beamte der Strathclyde Police bei einer Verkehrskontrolle einen Kleingangster im protzigen Audi A7 an. Im Kofferraum des Drogendealers entdecken sie Plastiktüten mit jeder Menge Bargeld. Anstatt die Pfundnoten sicherzustellen, geraten sie in Versuchung und merken zu spät, dass sie in eine Falle getappt sind.

„Tun Sie mir einen Gefallen. Ich habe eine Scheißangst vor diesen Typen. Ich will nur raus. Meine Mum ist krank, sie hat nur mich. Ich meine, so wie ich es sehe, ist der Kofferraum leer…“ (Auszug Seite 32)

Sehr viel Raum nimmt der populäre Politiker Kenny Gallagher der Labourpartei ein, dessen angebliche Affäre mit einer minderjährigen Praktikantin das Ende seiner Karriere bedeuten könnte. Er kämpft um seinen guten Ruf mit der Boulevardpresse und mit seiner Frau im wahrsten Sinne des Wortes. Trotz seiner privilegierten Herkunft aus dem gehobenen Bürgerturm ist der linke Politiker sehr beliebt. Er gilt als einer, der wirklich zuhört und sich tatsächlich für die Sorgen des kleinen Mannes zu interessieren scheint. Für die Arbeiterklasse ist er einfach einer der Guten.

Als Hauptfigur steht DS Alex Morrow nie aufdringlich im Mittelpunkt. Sie ist eine zähe, intelligente Ermittlerin, die es eben nicht immer schafft, die ganze Zeit einfühlsam und sensibel zu agieren, sondern eine ganz normale, in ihrem Job hart arbeitende Frau. Als stillende Mutter von Zwillingen kämpft sie auch mit privatem Stress. Das wird aber nicht über Gebühr strapaziert. Schwierig ist die Beziehung zu ihrem kriminellen Halbbruder Danny, einem Glasgower Gangster, der als Geldwäscher für diverse Drogenbanden arbeitet. Die Geschwister mögen sich und obwohl sie auf verschiedenen Seiten stehen, überlegt Alex sogar, ob er der passende Taufpate für die Zwillinge sein könnte. Alex gesteht sich ein, dass sie Polizistin geworden ist, weil Danny ein Verbrecher und ihr Leben immer ein Spiegel von Dannys ist.

Meine Meinung
Die Geschichte wird aus verschiedenen Blickwinkeln geschildert. Erst am Ende, wenn die einzelnen Erzählstränge nachvollziehbar miteinander verzahnt werden, stellt man fest, dass alles mit allem zusammenhängt. Wobei die Auflösung auch gar nicht mal so spektakulär daherkommt, ich las die Seiten gleich noch mal, weil ich dachte, ich hätte was überlesen. Dabei geht es der schottischen Autorin in der Serie um Alex Morrow nicht primär um die Aufklärung von Verbrechen oder das Finden eines Täters. Es ist zwar auch ein Kriminalroman aber der gesellschaftliche Aspekt überwiegt. Mina vernachlässigt das Krimi-Element zugunsten einem genauen Blick auf die verschiedenen sozialen Milieus, in denen überall die Bereitschaft zur Korruption vorhanden ist. Dabei beschreibt sie normale Menschen mit Schwächen, die mit den Herausforderungen des Alltags kämpfen, die kriminell werden und Grenzen überschreiten. Wenn es um die Verschiebungen der Macht geht, in der Politik, bei der Polizei oder zwischen Eheleuten hat der Roman seine besten Momente.

Diese Obdachloseneinrichtung war nicht für Familien, die das Glück verlassen hatte, oder Singlemänner und -frauen auf Arbeitssuche. Hier wurden die unappetitlichen Fälle aufgenommen, Trinker und Drogensüchtige, Meister des Chaos, Leute mit offenen Schwären und ansteckenden Krankheiten, solche, die mit abstoßenden psychischen Störungen zu kämpfen hatten. (Auszug Seite 120)

Das ist der dritte Kriminalroman, den ich von Denise Mina lese und wie schön, Journalistin Paddy Meehan aus einer anderen Reihe der Autorin hat einen kleinen Auftritt. Alle drei Romane sind unterschiedlich konzipiert und lassen sich schwer auf ein Genre festlegen. Was sie gemein haben, ist dieser spitze mitunter gnadenlose Blick der Autorin hinter die Fassade. Sie gibt einen Einblick in die Befindlichkeiten der Figuren und dadurch sind ihre Charaktere immer zutiefst glaubhaft und lebensnah. Ihre Kriminalromane sind nie romantisierend, sondern immer eine extrem reale und damit desillusionierte Bestandsaufnahme der kriminellen Realität in Glasgow sowie ein fein gezeichnetes, kluges Soziogramm der schottischen Gesellschaft.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Götter und Tiere | Erschienen am 28. September 2020 im Argument Verlag mit Ariadne
ISBN 978-3-86754-246-3
352 Seiten | 21,- Euro
Originaltitel: Gods and Beasts (Übersetzung aus dem Englischen von Karen Gerwig)
Bibliografische Angaben

Robert McCammon – Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal (Band 1+2)

Robert McCammon – Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal (Band 1+2)

„Die Hexe hat so gut wie zugegeben, dass sie an den Morden an Reverend Grove und ihrem Mann beteiligt gewesen ist. Sie trägt die Merkmale und kann nicht das Vaterunser aufsagen. Sie hat den bösen Blick und – was am meisten verrät – unter einem Fußbodenbrett in ihrem Haus sind eine Anzahl Strohpuppen gefunden worden, die sie gebastelt hat, um ihre Opfer zu verhexen. Rachel Howarth ist mit Sicherheit eine Hexe, und ihr und ihrem schwarzschwänzigen Meister ist es fast gelungen, meine Stadt zu zerstören.“ (Auszug Seite 91)

Wir begleiten im Jahr 1699 den fahrenden Richter Isaac Woodward und seinen jungen Gerichtsdiener Matthew Corbett auf ihrer Reise nach Fount Royal, um einen Prozess durchzuführen. Einen Hexenprozess! Im 17. Jahrhundert siedeln viele Europäer in den Kolonien Nordamerikas an. Engländer und Spanier kämpfen um das Land und vor allem viele Briten wollen sich in Carolina ein neues Leben aufbauen. Während die Wirtschaft in den Hafenstädten bereits floriert, haben es die Kolonien in den Sumpflandschaften noch schwer. In dem neu gegründeten Örtchen Fount Royal scheint jedoch die „Neue Welt“ bereits in Gefahr. Zwei Morde, diverse Brände und etliche Missernten ließen schon einige Einwohner die aufstrebende, kleine Stadt wieder verlassen. Die verbliebenen knapp 100 Bewohner haben schon eine Schuldige gefunden. Rachel Howarth soll nicht nur für die unerklärlichen Tragödien in ihrem Dorf verantwortlich sondern auch mit dem Teufel im Bunde sein. Die Dorfbewohner mitsamt ihrem umtriebigen Bürgermeister und Gründer Robert Bidwell verlangen, dass die schöne Witwe vor Gericht gestellt und wegen Hexerei hingerichtet wird. Der seit einigen Wochen im Gefängnis sitzenden Angeklagten droht bei einer Verurteilung die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen.

Was für ein Auftakt!
Bereits auf ihrer Kutschfahrt über schlammige Straßen durch die nebelige Sumpflandschaft kommen der Richter und sein Gehilfe zu einem verkommenen, kleinen Wirtshaus und geraten an den zwielichtigen Wirt und seine Familie. Hier geraten sie in einen Hinterhalt, kommen nur knapp mit dem Leben davon und müssen sich auf ihrer Flucht durch den Wald halbnackt und ohne Gepäck bis nach Fount Royal durchschlagen. Mich hatte die Geschichte nach wenigen Seiten, ach nach wenigen Worten bereits in den Bann gezogen. Mit seinem bildgewaltigen, intensiven Schreibstil nimmt Robert McCammon den Leser an die Hand und man fühlt sich in die Epoche vor circa 300 Jahren zurückversetzt. Das historische Setting ist einfach mitreißend angelegt. Man spürt den Dreck und die feuchte Schwüle, riecht die ungewaschenen Körper und den Gestank der Sümpfe. Der Autor versteht es, eine düstere sowie bedrohliche Atmosphäre zu schaffen, auch die Sprache, im Besonderen die Dialoge sind der damaligen Zeit angepasst.

Danach wird das Tempo erst mal gedrosselt und McCammon verliert sich in ausführlichen Beschreibungen der Umgebung sowie umfangreichen Figurenzeichnungen. Er nimmt sich richtig viel Zeit, die vielen Personen einzuführen. Auch die Nebenfiguren sind präzise und interessant gezeichnet, mit zahlreichen Facetten ausgestattet und bringen eine Vita mit. Das erinnert mich tatsächlich ein bisschen an Stephen King und genau wie er versteht es McCammon den Leser in die Geschichte hereinzuziehen.

Das Abenteuer beginnt
Der Richter holte den damals 15-jährigen Corbett aus einem Waisenhaus heraus und nahm ihn zu seinem Büttel. Er hegt fast väterliche Gefühle für Matthew, was der aber nicht so wahr haben will. Woodward ist ein kluger, fortschrittlicher Jurist, dem die Wahrheit sehr wichtig ist und der Rachel Howarth auf jeden Fall einen fairen Prozess machen will. Allerdings beruht das gesamte Wissen der englischen Rechtsprechung zum Teil immer noch auf mittelalterlichem Glauben. Die Hexenprozesse von Salem haben erst kurz vorher in den USA stattgefunden und trotz vieler Zweifel in Fachkreisen an der Existenz von Hexen auch Richter Woodward sehr beeindruckt. Matthew ist ein intelligenter, noch sehr junger Mann, in vielen Dingen vielleicht etwas unbedarft, was er jedoch durch einen scharfen Verstand wieder wettmacht. Eigentlich besteht seine Aufgabe lediglich darin, den Prozess zu protokollieren, aber er kann dem Drang, Dinge zu hinterfragen nicht unterdrücken. Er muss einfach überall seine Nase reinstecken und jedes Geheimnis ergründen. Schon im Waisenhaus galt er aufgrund seines Wissensdurstes als Außenseiter, vergrub sich in seinen Büchern anstatt an den rauen Spielen der anderen Knaben teilzunehmen.

Kurz nach der Ankunft in Fort Royal wird der Richter durch eine schwere Krankheit, die er sich auf der beschwerlichen Reise zugezogen hat, ans Bett gefesselt. Das zwingt Matthew zu vielen Alleingängen. Denn er zweifelt schon nach der ersten Begegnung an der Schuld der schönen Portugiesin, fragt sich sogar, ob es Hexerei überhaupt gibt. Die Beweise für Rachels Schuld scheinen erdrückend zu sein, es gibt mehrere glaubhafte Zeugenaussagen, die auch in den Details völlig übereinstimmen. Corbett versucht hinter die Fassaden der Dorfbewohner zu gucken und deckt dabei so einige Geheimnisse auf. Bei seinen Recherchen stößt er auf einigen Machenschaften, die ihn immer mehr in Gefahr bringen und kommt der Lösung langsam immer näher. Die Handlung entwickelt sich immer fesselnder und weiß mit vielen Wendungen zu überraschen. Auch Verdächtige gibt es zu genüge.

Meine Meinung
Die Geschichte wird auktorial mit Blick auf Matthew Corbett erzählt. Robert McCammon hat für seinen Roman ein noch unverbrauchtes Setting gewählt. Jedenfalls hatte ich noch nichts aus der Frühzeit der Besiedelung des amerikanischen Kontinents gelesen. Die mitunter grausame Kolonialzeit fand ich spannend dargestellt. Ich konnte völlig in der Atmosphäre versinken und in die vom Autor aufgebaute Welt mit seinen skurrilen Figuren abtauchen. Für mich ist es immer ein toller Lesegenuss, wenn ich mich als Teil der Geschichte fühle. Der historisch umfangreich recherchierte Kriminalroman ist für mich ein deftiges Leseabenteuer mit weniger gruseligen jedoch schaurigen und auch brutalen Aspekten.

Die Geschichte ist im Original in einem Buch erschienen, während der Luzifer-Verlag sie in zwei Bänden veröffentlicht hat. Das sollte einem klar sein, denn man muss dann schon beide Bände lesen, um in den Genuss der ganzen Geschichte zu kommen. Das ist der Grund, warum ich nur eine Rezension verfasst habe.

Robert McCammon wurde 1952 in Birmingham, Alabama geboren, wo er heute noch lebt. Der mehrfach ausgezeichnete Autor prägte in den 1980er Jahren zusammen mit Stephen King die Hochzeit der Horrorliteratur. Nach einer längeren Auszeit von über 10 Jahren meldete er sich 2002 mit dem ersten Roman der „Matthew Corbett“-Reihe zurück. Die historische Krimireihe ist auf neun Bände angelegt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal | Band 1 erschien am 23.März 2017 im Luzifer-Verlag
ISBN 978-3-958-35197-4
516 Seiten | 19,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Band 2 erschien am 31. Oktober 2017 im Luzifer-Verlag
ISBN 978-3-958-35230-8
500 Seiten | 19,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Originaltitel: Speaks the Nightbird (Übersetzung aus dem Englischen von Nicole Lischewski)

 

Scott Thornley | Der gute Cop

Scott Thornley | Der gute Cop

„Ich will keine Polizisten hier haben. Ich will dich.“ Der Bürgermeister beugte sich über den Tisch zu ihm. „Ich will nur das Beste für die Stadt, Mac. Aber was hilft es Dundurn, wenn diese Karre und ein paar Säulen länger als ein halbes Jahrhundert hier liegen und jetzt ein Riesen-Medienwirbel darum veranstaltet wird? Wir waren unser Leben lang Kanadas Stiefkind. Dieses Projekt wird uns wieder auf die Beine helfen und zurück ins Spiel bringen.“ (Auszug Seite 18)

Dundurn, eine kleine Stadt im Norden Kanadas hat ihre besten Zeiten schon lange hinter sich, nachdem aufgrund von Globalisierung viele Industrien ins Ausland verlagert wurden. Aktuell werden im Rahmen eines Hafenerneuerungsprojektes beim Ausbaggern des Hafenbeckens mehrere Leichen gefunden. Zwei Tote im Kofferraum eines Oldtimers, die aber nach ersten Erkenntnissen schon seit Jahrzehnten im Wasser liegen. Weitere in Plastik eingeschweißte und danach in Säulen einbetonierte Leichen sind aber eindeutig jüngeren Datums und stehen eventuell im Zusammenhang mit mehreren Toten, die just auf dem Grundstück einer Biker-Gang gefunden wurden. Keine guten Nachrichten für den Bürgermeister. Der sieht seine ambitionierten Pläne für die angeschlagene Wirtschaft der Stadt in Gefahr. Zwei um 1813 versunkene Kriegsschiffe sollten im Rahmen eines Museumsprojekts Touristen anziehen. Deshalb beauftragt er Detective Superintendent MacNeice mit möglichst unauffälligen Ermittlungen und fordert eine schnelle Aufklärung der Fälle.

Mord unter Bikern
Keine leichte Aufgabe für DSI MacNeice und sein Team. Die brutale Entstellung der einbetonierten Leichen erschwert die Identifizierung. Erste Ergebnisse weisen auf Auseinandersetzungen zwischen diversen Motorradgangs hin und einige Spuren führen zu Disputen zwischen dem Baugewerbe und Biker-Gangs.

Doch damit nicht genug. Eine junge Schwesternschülerin indischer Herkunft wird auf offener Straße erstochen. Und es bleibt nicht bei dem einen Tötungsdelikt. Weitere Opfer, alles junge, ehrgeizige Frauen mit Migrationshintergrund, die alleine unterwegs sind, werden mit einem Messer attackiert, aufgeschlitzt und getötet.

Überwältigt von der Brutalität des offensichtlich psychopathischen Frauenmörders bittet McNeice seine frühere Kollegin Fiza Aziz um Hilfe. Als erfolgreiche Polizistin mit Migrationshintergrund passt die Muslimin perfekt in das Beuteschema des Mörders. Die promovierte Kriminalistin Aziz hatte nach ihrem letzten Einsatz ausgebrannt das Team verlassen und war nach Ottawa gegangen um an der Uni Kriminologie zu lehren. Ohne zu zögern kehrt sie jetzt zu den Kollegen zurück um den Köder zu spielen. Moment mal! Es gibt immer wieder Verweise auf vorangegangene Ereignisse sowie die Beziehungen untereinander und so musste ich nach Recherchen feststellen, dass es sich um den zweiten Band einer bis dahin schon vierteiligen Reihe handelt. Auch wenn es sich um einen abgeschlossenen Kriminalfall handelt, den man gut für sich lesen kann, hätte ich einen kleinen Hinweis darauf begrüßt.

Man wird wirklich mit einer Vielzahl an Leichen konfrontiert und ich muss zugeben, dass ich teilweise die Übersicht verlor. Zwei ganz unterschiedliche Fälle laufen in separaten Handlungssträngen neben einander her. Der Fall um den Serienmörder war fesselnd und aufgrund der besonderen Thematik Rassenhass sehr bewegend. Hier ist der Krimi ein richtiger Polizeiroman, in dem die Arbeit des Teams detailliert und kleinteilig beschrieben wird. Das muss man mögen, aber mich haben diese Abschnitte, in denen klassisch ermittelt wird, Zeugen befragt und Spuren gelesen werden, richtig gut unterhalten. Weniger gefallen haben mir die Passagen aus Sicht des Serienmörders. Die laut gesprochenen Monologe mit seinem Spiegelbild habe ich nur noch quer gelesen. Durch diesen „Trick“ seine fremdenfeindlichen Ansichten dem Leser näher zu bringen hätte man besser lösen können.

Meine Meinung
Es gibt einige interessante Charakterbeschreibungen, zum Beispiel die Rechtsmedizinerin oder die italienisch-stämmige Familie der Betonlieferanten. Aber gerade die Hauptfigur Mac fand ich etwas farblos. Der Witwer ist ein sympathischer Typ, ein intelligenter, bei seinem Team geschätzter Ermittler, die reißerische Beschreibung im Klappentext passt aber gar nicht. Da ich jetzt weiß, dass es schon einen Vorgängerband gibt, vermute ich, dass in diesem auf die Charakterzüge von Mac und seinem Team genauer eingegangen wurde.

In „Der gute Cop“ werden viele Themen behandelt, von Bandenkriminalität, korrupten Politikern über Rassismus, Rache zu Drogen und Prostitution. Vielleicht zu viele Themen, denn durch die vielen Handlungsstränge verliert der Krimi etwas an Intensität und Übersichtlichkeit. Der Schreibstil ist flüssig, an einigen Stellen bedächtig und bei den Tötungsdelikten recht drastisch. Es handelt sich um ganz klassische, solide Krimikost, nicht schlecht, aber auch nicht durchgehend gut. Selten passte durchschnittlich besser.

„Der gute Cop“ ist der zweite Band einer Reihe, die der kanadische Autor Scott Thornley um den verwitweten Detective Superintendent MacNeice geschrieben hat und der erste ins Deutsche übersetzte. Thornley wuchs in dem kanadischen Hamilton auf und die Stadt am Fuße des Ontariosee inspirierte ihn für das fiktive Industrie-Städtchen Dundurn.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Der gute Cop | Erschien am 14. Juni 2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-7081-7
523 Seiten | 16,00 Euro
Originaltitel: The Ambitious City. A MacNeice Mystery (Übersetzung aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet und Andrea O’Brien)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Stuart Turton | Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Stuart Turton | Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Ein Mann wacht morgens orientierungslos und leicht verletzt in einem Waldstück auf. Er trägt einen Smoking, ist völlig verdreckt und hat keine Erinnerung an die letzte Nacht. Er kann sich nicht mal an seinen eigenen Namen erinnern und selbst sein Körper ist ihm fremd. Als er eine Frau um Hilfe schreien hört und Zeuge einer Verfolgung mit Schusswechseln wird, kommt ihm der Name Anna in den Sinn. Völlig verwirrt schleppt er sich zu einem naheliegenden Herrenhaus, um Hilfe zu holen.

Mord in Endlosschleife
Hier auf dem Anwesen Blackheath House lädt die Familie Hardcastle am Abend zu einem Maskenball ein. Und auf diesem Fest soll die Tochter des Hauses, Evelyn Hardcastle, sterben. Darüber wird unser Protagonist von einem seltsamen Typen, der das Kostüm eines Pestdoktors trägt, informiert. Er teilt ihm auch mit, dass er diesen Mord aufklären soll und dafür sieben Tage Zeit hat. Jeden Tag erwacht er in einen anderen Körper und erlebt aus dessen Sicht immer wieder in einer Endlosschleife den gleichen Tag, an dessen Ende immer wieder der Tod der jungen Frau steht. Schafft er es nicht, innerhalb der sieben Tage den Mörder zu benennen, werden seine gesamten Erinnerungen gelöscht und das Spiel fängt wieder von vorne an. Ein perfides Spiel, in dem es noch andere Mitspieler mit der gleichen Aufgabe gibt. Aber nur einer dieser Rivalen kann diesem Ort und der Zeitschleife entkommen.

Im weiteren Verlauf erfährt der Ich-Erzähler, dass sein richtiger Name Aiden Bishop ist. Wer er ist oder wie er an diesen Ort gekommen ist, bleibt weiter im Dunkeln. Da die Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt wird, ist man als Leser immer ganz nah bei ihm und seinen schrittweisen Bemühungen, die Zusammenhänge zu ergründen. Nie weiß man mehr als Aiden und genau wie er wird man von einigen Wendungen überrascht. Er weiß nie, wem er vertrauen kann und einige Figuren trachten ihm nach dem Leben. Es bleibt auch nicht bei dem einen Todesfall. Das Hin- und Herspringen zwischen den Wirten und das mühselige Entdecken, in welchem Körper er jetzt wieder steckt, ist natürlich maximal verwirrend, macht aber den großen Reiz des Kriminalromans aus. Dabei beeinflussen ihn seine verschiedenen Wirtskörper durch ihre Charaktereigenschaften. Ob es das körperlich hohe Gewicht des einen oder die Wollust und Aggressivität des anderen oder wieder die Cleverness eines weiteren sind. Um den Kreislauf zu durchbrechen und aus Blackheath zu entfliehen, muss er sich die körperlichen oder geistigen Fähigkeiten seiner Wirte zu Nutze machen. Teilweise behindern sie ihn auch und verfügen nicht über Eigenschaften, die er in speziellen Momenten dringend benötigt. Faszinierend beschrieben wird, wie seine eigene Persönlichkeit sich mit denen seiner Wirte vermischt und er dagegen ankämpfen muss, dass sie mehr oder weniger untergeht. Um das Chaos perfekt zu machen, begegnet Aiden sich, wie es sich für einen Zeitreisenden gehört, selbst in den anderen Körpern.

Origineller Genremix
Ich habe das ungekürzte Hörbuch über Audible gehört und der Schauspieler und Hörbuchsprecher Frank Stieren macht das mit seiner angenehmen, unaufgeregten Stimme auch sehr gut. Trotzdem würde ich bei diesem Krimi vielleicht eher das Printexemplar empfehlen. Aufgrund ständiger Perspektiv- und Zeitenwechsel bedarf es einer großen Konzentration, um am Ball zu bleiben. Im Buch hätte man zwischendurch mal zurückblättern können. Auch serviert uns Turton ein wirklich großes Personal-Tableau mit Lords und Ladys, Dienerschaft und Gästen und ich kann mir Namen auch besser merken, wenn ich sie schwarz auf weiß lese.

Wenn man sich einfach darauf einlässt, macht die raffiniert konstruierte Geschichte großen Spaß. Trotz großer Komplexität des Inhalts hatte ich nie den Eindruck, der Autor hätte seine Handlungsfäden nicht mehr im Griff. Zum Schluss sitzen alle Puzzleteile an der richtigen Stelle und er bietet eine nachvollziehbare Auflösung.

Stuart Turton hat einen ganz klassischen Kriminalroman geschrieben, der im Erzählstil, im Setting und atmosphärisch an die typisch englischen Rätselkrimis à la Agatha Christie erinnert. Das Besondere ist das phantastische Element und mich hat der originelle Genremix mit einer Vielzahl an spektakulären Einfällen hervorragend unterhalten. Als großer Fan der amerikanischen Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ konnte ich mir das nicht entgehen lassen. Einzig der Maskenball kam ein bisschen kurz und spielte gar keine so große Rolle.

„Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist das Romandebüt des britischen Schriftstellers und Reisejournalisten Stuart Turton. Der Kriminalroman wurde nach seinem Erscheinen in Großbritannien zum großen Publikumserfolg und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Inzwischen hat sich Netflix die Rechte gesichert und arbeitet an einer siebenteiligen Serienadaption.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle | Erschienen am 24. August 2019 bei Tropen
ISBN 978-3-608-50421-7
605 Seiten | 24.- Euro (Die Taschenbuchausgabe erscheint im März im Heyne Verlag)
Originaltitel: The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle (Übersetzung aus dem Englischen von Dorothee Merkel)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Volker Kutscher | Olympia (Band 8)

Volker Kutscher | Olympia (Band 8)

Obwohl es bis zur Eröffnung der Spiele noch eine Woche hin war, bejubelten die Zeitungen schon jetzt jede Mannschaft, jeden Staatsmann, jede Berühmtheit, die wegen der Olympiade in der Stadt eintraf. Berlin war auf eine ekelerregende Weise von sich selbst besoffen. So kannte sie ihre Stadt gar nicht. (Auszug Seite 46)

Der achte Roman um Gereon Rath führt uns ins Jahr 1936. In Berlin finden die Olympischen Sommerspiele statt. Mittlerweile hat sich das Nazi-Regime voll etabliert und inszeniert die Olympischen Spiele zur Propagandashow für das neue, freundliche Deutschland. Berlin gibt sich für ein paar Wochen weltoffen und friedlich. Selbst die USA, die kurz zuvor noch mit dem Boykott der Spiele gedroht hatten, haben ihre Sportler nach Berlin geschickt. Um sich perfekt in Szene zu setzen, müssen alle Anzeichen, dass Juden verfolgt und aus der Gesellschaft verdrängt werden, entfernt werden. Dazu werden die antisemitischen Hetzparolen aus den Stürmerkästen entfernt und in den Zeitungen steht nichts Judenfeindliches mehr.

Sport und Mord
Als ein amerikanischer Sport-Funktionär im Speisesaal des Olympischen Dorfs tot zusammenbricht, vermuten SS und Gestapo eine kommunistische Verschwörung, mit dem Ziel, die Spiele zu manipulieren und in Misskredit zu bringen. Gereon Rath soll als inoffizieller Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes verdeckt ermitteln und die Verschwörer finden. Hier spielt auch Raths ehemaliger Kollege Sebastian Tornow eine entscheidende Rolle. Der Obersturmbannführer hat Karriere bei der SS gemacht, setzt Rath immer stärker unter Druck und demütigt ihn. Rath findet tatsächlich einen Olympia-Mitarbeiter mit kommunistischer Vergangenheit. Obwohl er diesen für unschuldig hält, zwingt Tornow ihn, bei der Folterung des Mannes im Columbia-Haus zuzusehen.

Die Welt zu Gast bei Nazis
Augenzeuge des Zwischenfalls ist ausgerechnet Fritze, der ehemalige Pflegesohn der Raths. Der 15-jährige ist stolzes HJ-Mitglied und freut sich riesig, dass er zum Jugendehrendienst bei Olympia eingeteilt wurde. Durch seine Begeisterung für die schwarzen Sportler wie Jesse Owens oder Dave Albritton hat er allerdings einen schweren Stand bei den anderen Kameraden der Hitlerjugend. Sein Weltbild gerät gleich am ersten Tag ins Wanken, als er enttäuscht feststellen muss, dass Hitler während der Siegerehrung das Stadion verlässt, um den schwarzen Sportlern nicht die Hand zu schütteln. Als Fritze dann noch Zeuge eines vermeintlichen Selbstmordes wird, ist plötzlich die Gestapo hinter ihm her.

Rath findet heraus, dass mehrere Wehrmachtsangehörige, die alle in einer Spezialeinheit Hermann Görings dienten, bei seltsamen Unglücksfällen verstarben. Die Toten waren in der Vergangenheit in einen Zwischenfall verwickelt, mit dem auch Rath zu tun hatte. Er hat alle Hände voll zu tun, um seine Vorgesetzten zu befriedigen und herauszufinden, wer und was wirklich hinter all dem steckt und gerät dabei zwischen alle Fronten. Zusätzlich hat Rath mal wieder Ärger mit seiner Ehefrau. Ohne Rücksprache mit Charly hatte er sich überreden lassen, amerikanische Olympiagäste in der gemeinsamen Wohnung aufzunehmen und Charly ist erst mal wütend ausgezogen und hat sich bei ihrer Freundin Greta eingenistet.

„Ist doch ganz beeindruckend, oder?“, fragte er, als sie endlich ihre Plätze auf der langen Sitzbank gefunden hatten. „Die Hindenburg, meine ich. Und das Stadion.“ „Natürlich“, sagte sie. „Massenspektakel, das können sie.“ (Auszug Seite 156)

Meine Meinung
Bereits seine letzten beiden Werke „Marlow“ und „Lunapark“ sowie der aktuelle Band spielen zur Zeit des Nationalsozialismus und sind deutlich dunkler und düsterer als die ersten Bände der Rath-Reihe. Wobei „Olympia“ eindeutig den Höhepunkt bildet. Von der einst schillernden Atmosphäre des lebenslustigen, wilden Berlins ist nicht mehr viel übrig. Dafür prägen jetzt die schwarzen Uniformen der SS das Bild.

Volker Kutscher ist sehr nah bei seinen Figuren und wir erleben ihren Alltag und wie die NS-Diktatur immer stärker in ihr Leben eindringt. Man spürt die immer bedrohlicher werdende Stimmung und dieses Gefühl prägt diesen Band. Mit Fritze gucken wir hinter die Kulissen der Spiele. Zum Beispiel wenn er von der Regisseurin Leni Riefenstahl, die einen Film im Auftrag der Nazi-Propaganda dreht, vom Filmset gescheucht wird. Charlotte Rath wiederum, die gestandene, demokratische Preußin hilft neben ihrem Job als Privatdetektivin Menschen, die aus Nazi-Deutschland fliehen müssen bei der Beschaffung falscher Papiere. Ihr wird immer klarer, dass dieses nicht mehr das Land ist, in dem sie leben möchte. Mit Gereon Rath steigen wir hinab in die Kerker der Gestapo, wo die zumeist politischen Gefangenen willkürlichen Schikanen und Folterungen ausgesetzt sind.

Er hatte alle Namen genannt, die er wusste, doch es reichte ihnen nicht, und andere hatte er nicht. Also quälten sie ihn weiter, bis er kurz davor war, seine eigene Mutter als kommunistische Verschwörerin zu denunzieren, den Norddeutschen Lloyd als kommunistischen Geheimbund und das Olympische Dorf als dessen Hauptquartier. (Auszug Seite 229)

Die SS verschmilzt immer mehr mit der Polizei und Rath wird klar, dass er so nicht mehr als Kommissar beim LKA arbeiten und Ermittlungen zu Mordaufklärungen führen kann. In einem Verbrecherstaat ist die natürliche Ordnung nach Lösung eines Kriminalfalles eben nicht wieder hergestellt. Das wird selbst dem bisher unpolitischen Einzelgänger klar, der mit Autoritäten so seine Probleme und sich immer um einen klaren Standpunkt gedrückt hat, und macht den großen Reiz dieses Romans aus. Wer tatsächlich für die Morde verantwortlich ist und ob die Person überhaupt zur Rechenschaft gezogen wird, rückt im Verlauf der Handlung mehr und mehr in den Hintergrund. Es werden auch Handlungsstränge aus den Vorgängern wieder aufgenommen und weitergeführt, alte Bekannte tauchen auf. Durch die Fülle an akribisch recherchierten, historischen Daten entsteht ein intensives Bild jener Zeit ohne aufgesetzt oder belehrend zu wirken. Ein spannender, packender Pageturner, beklemmend und dicht erzählt. Wie es weitergeht mit Gereon Rath lässt Kutscher mit einem dramatischen Cliffhanger am Ende offen.

Ausblick
Volker Kutscher hat vor, mindestens noch 2 Gereon-Rath-Romane zu schreiben, aber 1938 soll definitiv Schluss sein. Die Pogrom-Nacht am 9. November als historisches Datum scheint der richtige Zeitpunkt zu sein, aus der Reihe auszusteigen. Als das Undenkbare in den Alltag einbricht, musste wirklich jedem klar sein, wohin die Reise geht. Dass es in einem Land, das sich in einem Weltkrieg befindet und das von Verbrechern regiert wird, keinen Raum mehr gibt für einen klassischen Polizeiroman, kann ich gut nachvollziehen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Olympia | Erschienen am 02. November 2020 bei Piper
ISBN 978-3-492-07059-1
544 Seiten | 24.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Andy zur Gereon Rath-Reihe.