Kategorie: Andy Ruhr

Stuart Turton | Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Stuart Turton | Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Ein Mann wacht morgens orientierungslos und leicht verletzt in einem Waldstück auf. Er trägt einen Smoking, ist völlig verdreckt und hat keine Erinnerung an die letzte Nacht. Er kann sich nicht mal an seinen eigenen Namen erinnern und selbst sein Körper ist ihm fremd. Als er eine Frau um Hilfe schreien hört und Zeuge einer Verfolgung mit Schusswechseln wird, kommt ihm der Name Anna in den Sinn. Völlig verwirrt schleppt er sich zu einem naheliegenden Herrenhaus, um Hilfe zu holen.

Mord in Endlosschleife
Hier auf dem Anwesen Blackheath House lädt die Familie Hardcastle am Abend zu einem Maskenball ein. Und auf diesem Fest soll die Tochter des Hauses, Evelyn Hardcastle, sterben. Darüber wird unser Protagonist von einem seltsamen Typen, der das Kostüm eines Pestdoktors trägt, informiert. Er teilt ihm auch mit, dass er diesen Mord aufklären soll und dafür sieben Tage Zeit hat. Jeden Tag erwacht er in einen anderen Körper und erlebt aus dessen Sicht immer wieder in einer Endlosschleife den gleichen Tag, an dessen Ende immer wieder der Tod der jungen Frau steht. Schafft er es nicht, innerhalb der sieben Tage den Mörder zu benennen, werden seine gesamten Erinnerungen gelöscht und das Spiel fängt wieder von vorne an. Ein perfides Spiel, in dem es noch andere Mitspieler mit der gleichen Aufgabe gibt. Aber nur einer dieser Rivalen kann diesem Ort und der Zeitschleife entkommen.

Im weiteren Verlauf erfährt der Ich-Erzähler, dass sein richtiger Name Aiden Bishop ist. Wer er ist oder wie er an diesen Ort gekommen ist, bleibt weiter im Dunkeln. Da die Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt wird, ist man als Leser immer ganz nah bei ihm und seinen schrittweisen Bemühungen, die Zusammenhänge zu ergründen. Nie weiß man mehr als Aiden und genau wie er wird man von einigen Wendungen überrascht. Er weiß nie, wem er vertrauen kann und einige Figuren trachten ihm nach dem Leben. Es bleibt auch nicht bei dem einen Todesfall. Das Hin- und Herspringen zwischen den Wirten und das mühselige Entdecken, in welchem Körper er jetzt wieder steckt, ist natürlich maximal verwirrend, macht aber den großen Reiz des Kriminalromans aus. Dabei beeinflussen ihn seine verschiedenen Wirtskörper durch ihre Charaktereigenschaften. Ob es das körperlich hohe Gewicht des einen oder die Wollust und Aggressivität des anderen oder wieder die Cleverness eines weiteren sind. Um den Kreislauf zu durchbrechen und aus Blackheath zu entfliehen, muss er sich die körperlichen oder geistigen Fähigkeiten seiner Wirte zu Nutze machen. Teilweise behindern sie ihn auch und verfügen nicht über Eigenschaften, die er in speziellen Momenten dringend benötigt. Faszinierend beschrieben wird, wie seine eigene Persönlichkeit sich mit denen seiner Wirte vermischt und er dagegen ankämpfen muss, dass sie mehr oder weniger untergeht. Um das Chaos perfekt zu machen, begegnet Aiden sich, wie es sich für einen Zeitreisenden gehört, selbst in den anderen Körpern.

Origineller Genremix
Ich habe das ungekürzte Hörbuch über Audible gehört und der Schauspieler und Hörbuchsprecher Frank Stieren macht das mit seiner angenehmen, unaufgeregten Stimme auch sehr gut. Trotzdem würde ich bei diesem Krimi vielleicht eher das Printexemplar empfehlen. Aufgrund ständiger Perspektiv- und Zeitenwechsel bedarf es einer großen Konzentration, um am Ball zu bleiben. Im Buch hätte man zwischendurch mal zurückblättern können. Auch serviert uns Turton ein wirklich großes Personal-Tableau mit Lords und Ladys, Dienerschaft und Gästen und ich kann mir Namen auch besser merken, wenn ich sie schwarz auf weiß lese.

Wenn man sich einfach darauf einlässt, macht die raffiniert konstruierte Geschichte großen Spaß. Trotz großer Komplexität des Inhalts hatte ich nie den Eindruck, der Autor hätte seine Handlungsfäden nicht mehr im Griff. Zum Schluss sitzen alle Puzzleteile an der richtigen Stelle und er bietet eine nachvollziehbare Auflösung.

Stuart Turton hat einen ganz klassischen Kriminalroman geschrieben, der im Erzählstil, im Setting und atmosphärisch an die typisch englischen Rätselkrimis à la Agatha Christie erinnert. Das Besondere ist das phantastische Element und mich hat der originelle Genremix mit einer Vielzahl an spektakulären Einfällen hervorragend unterhalten. Als großer Fan der amerikanischen Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ konnte ich mir das nicht entgehen lassen. Einzig der Maskenball kam ein bisschen kurz und spielte gar keine so große Rolle.

„Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist das Romandebüt des britischen Schriftstellers und Reisejournalisten Stuart Turton. Der Kriminalroman wurde nach seinem Erscheinen in Großbritannien zum großen Publikumserfolg und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Inzwischen hat sich Netflix die Rechte gesichert und arbeitet an einer siebenteiligen Serienadaption.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle | Erschienen am 24. August 2019 bei Tropen
ISBN 978-3-608-50421-7
605 Seiten | 24.- Euro (Die Taschenbuchausgabe erscheint im März im Heyne Verlag)
Originaltitel: The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle (Übersetzung aus dem Englischen von Dorothee Merkel)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Volker Kutscher | Olympia (Band 8)

Volker Kutscher | Olympia (Band 8)

Obwohl es bis zur Eröffnung der Spiele noch eine Woche hin war, bejubelten die Zeitungen schon jetzt jede Mannschaft, jeden Staatsmann, jede Berühmtheit, die wegen der Olympiade in der Stadt eintraf. Berlin war auf eine ekelerregende Weise von sich selbst besoffen. So kannte sie ihre Stadt gar nicht. (Auszug Seite 46)

Der achte Roman um Gereon Rath führt uns ins Jahr 1936. In Berlin finden die Olympischen Sommerspiele statt. Mittlerweile hat sich das Nazi-Regime voll etabliert und inszeniert die Olympischen Spiele zur Propagandashow für das neue, freundliche Deutschland. Berlin gibt sich für ein paar Wochen weltoffen und friedlich. Selbst die USA, die kurz zuvor noch mit dem Boykott der Spiele gedroht hatten, haben ihre Sportler nach Berlin geschickt. Um sich perfekt in Szene zu setzen, müssen alle Anzeichen, dass Juden verfolgt und aus der Gesellschaft verdrängt werden, entfernt werden. Dazu werden die antisemitischen Hetzparolen aus den Stürmerkästen entfernt und in den Zeitungen steht nichts Judenfeindliches mehr.

Sport und Mord
Als ein amerikanischer Sport-Funktionär im Speisesaal des Olympischen Dorfs tot zusammenbricht, vermuten SS und Gestapo eine kommunistische Verschwörung, mit dem Ziel, die Spiele zu manipulieren und in Misskredit zu bringen. Gereon Rath soll als inoffizieller Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes verdeckt ermitteln und die Verschwörer finden. Hier spielt auch Raths ehemaliger Kollege Sebastian Tornow eine entscheidende Rolle. Der Obersturmbannführer hat Karriere bei der SS gemacht, setzt Rath immer stärker unter Druck und demütigt ihn. Rath findet tatsächlich einen Olympia-Mitarbeiter mit kommunistischer Vergangenheit. Obwohl er diesen für unschuldig hält, zwingt Tornow ihn, bei der Folterung des Mannes im Columbia-Haus zuzusehen.

Die Welt zu Gast bei Nazis
Augenzeuge des Zwischenfalls ist ausgerechnet Fritze, der ehemalige Pflegesohn der Raths. Der 15-jährige ist stolzes HJ-Mitglied und freut sich riesig, dass er zum Jugendehrendienst bei Olympia eingeteilt wurde. Durch seine Begeisterung für die schwarzen Sportler wie Jesse Owens oder Dave Albritton hat er allerdings einen schweren Stand bei den anderen Kameraden der Hitlerjugend. Sein Weltbild gerät gleich am ersten Tag ins Wanken, als er enttäuscht feststellen muss, dass Hitler während der Siegerehrung das Stadion verlässt, um den schwarzen Sportlern nicht die Hand zu schütteln. Als Fritze dann noch Zeuge eines vermeintlichen Selbstmordes wird, ist plötzlich die Gestapo hinter ihm her.

Rath findet heraus, dass mehrere Wehrmachtsangehörige, die alle in einer Spezialeinheit Hermann Görings dienten, bei seltsamen Unglücksfällen verstarben. Die Toten waren in der Vergangenheit in einen Zwischenfall verwickelt, mit dem auch Rath zu tun hatte. Er hat alle Hände voll zu tun, um seine Vorgesetzten zu befriedigen und herauszufinden, wer und was wirklich hinter all dem steckt und gerät dabei zwischen alle Fronten. Zusätzlich hat Rath mal wieder Ärger mit seiner Ehefrau. Ohne Rücksprache mit Charly hatte er sich überreden lassen, amerikanische Olympiagäste in der gemeinsamen Wohnung aufzunehmen und Charly ist erst mal wütend ausgezogen und hat sich bei ihrer Freundin Greta eingenistet.

„Ist doch ganz beeindruckend, oder?“, fragte er, als sie endlich ihre Plätze auf der langen Sitzbank gefunden hatten. „Die Hindenburg, meine ich. Und das Stadion.“ „Natürlich“, sagte sie. „Massenspektakel, das können sie.“ (Auszug Seite 156)

Meine Meinung
Bereits seine letzten beiden Werke „Marlow“ und „Lunapark“ sowie der aktuelle Band spielen zur Zeit des Nationalsozialismus und sind deutlich dunkler und düsterer als die ersten Bände der Rath-Reihe. Wobei „Olympia“ eindeutig den Höhepunkt bildet. Von der einst schillernden Atmosphäre des lebenslustigen, wilden Berlins ist nicht mehr viel übrig. Dafür prägen jetzt die schwarzen Uniformen der SS das Bild.

Volker Kutscher ist sehr nah bei seinen Figuren und wir erleben ihren Alltag und wie die NS-Diktatur immer stärker in ihr Leben eindringt. Man spürt die immer bedrohlicher werdende Stimmung und dieses Gefühl prägt diesen Band. Mit Fritze gucken wir hinter die Kulissen der Spiele. Zum Beispiel wenn er von der Regisseurin Leni Riefenstahl, die einen Film im Auftrag der Nazi-Propaganda dreht, vom Filmset gescheucht wird. Charlotte Rath wiederum, die gestandene, demokratische Preußin hilft neben ihrem Job als Privatdetektivin Menschen, die aus Nazi-Deutschland fliehen müssen bei der Beschaffung falscher Papiere. Ihr wird immer klarer, dass dieses nicht mehr das Land ist, in dem sie leben möchte. Mit Gereon Rath steigen wir hinab in die Kerker der Gestapo, wo die zumeist politischen Gefangenen willkürlichen Schikanen und Folterungen ausgesetzt sind.

Er hatte alle Namen genannt, die er wusste, doch es reichte ihnen nicht, und andere hatte er nicht. Also quälten sie ihn weiter, bis er kurz davor war, seine eigene Mutter als kommunistische Verschwörerin zu denunzieren, den Norddeutschen Lloyd als kommunistischen Geheimbund und das Olympische Dorf als dessen Hauptquartier. (Auszug Seite 229)

Die SS verschmilzt immer mehr mit der Polizei und Rath wird klar, dass er so nicht mehr als Kommissar beim LKA arbeiten und Ermittlungen zu Mordaufklärungen führen kann. In einem Verbrecherstaat ist die natürliche Ordnung nach Lösung eines Kriminalfalles eben nicht wieder hergestellt. Das wird selbst dem bisher unpolitischen Einzelgänger klar, der mit Autoritäten so seine Probleme und sich immer um einen klaren Standpunkt gedrückt hat, und macht den großen Reiz dieses Romans aus. Wer tatsächlich für die Morde verantwortlich ist und ob die Person überhaupt zur Rechenschaft gezogen wird, rückt im Verlauf der Handlung mehr und mehr in den Hintergrund. Es werden auch Handlungsstränge aus den Vorgängern wieder aufgenommen und weitergeführt, alte Bekannte tauchen auf. Durch die Fülle an akribisch recherchierten, historischen Daten entsteht ein intensives Bild jener Zeit ohne aufgesetzt oder belehrend zu wirken. Ein spannender, packender Pageturner, beklemmend und dicht erzählt. Wie es weitergeht mit Gereon Rath lässt Kutscher mit einem dramatischen Cliffhanger am Ende offen.

Ausblick
Volker Kutscher hat vor, mindestens noch 2 Gereon-Rath-Romane zu schreiben, aber 1938 soll definitiv Schluss sein. Die Pogrom-Nacht am 9. November als historisches Datum scheint der richtige Zeitpunkt zu sein, aus der Reihe auszusteigen. Als das Undenkbare in den Alltag einbricht, musste wirklich jedem klar sein, wohin die Reise geht. Dass es in einem Land, das sich in einem Weltkrieg befindet und das von Verbrechern regiert wird, keinen Raum mehr gibt für einen klassischen Polizeiroman, kann ich gut nachvollziehen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Olympia | Erschienen am 02. November 2020 bei Piper
ISBN 978-3-492-07059-1
544 Seiten | 24.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Andy zur Gereon Rath-Reihe.

Deon Meyer | Fever

Deon Meyer | Fever

Ich will euch vom Mord an meinem Vater erzählen. Ich will euch erzählen, wer ihn ermordet hat und warum. Denn dies ist die Geschichte meines Lebens. Und es ist auch die eures Lebens, ihr werdet sehen. (Auszug Anfang)

Deon Meyer, eigentlich bekannt für seine gesellschaftskritischen Südafrika-Krimis, hat 2017 eine Dystopie geschrieben. Wobei das viel zu kurz greift. Es ist eher eine Mischung aus postapokalyptischen Endzeitroman, Coming-of-Age-Roman, Roadmovie und Abenteuerroman. Deon Meyer bedient sich eines für Dystopien klassischen Ausgangspunktes: Durch eine Fieberepidemie wurde in rasanter Geschwindigkeit 95 % der Weltbevölkerung ausgelöscht. Man vermutet, dass durch die Verschmelzung eines menschlichen Virenstammes mit dem einer kranken Fledermaus das Fieber erstmals in Afrika ausgebrochen ist.

Der dreizehnjährige Nicolaas Storm und sein Vater Willem sind einige der wenigen Überlebenden. Am Anfang des Buches sind die beiden in ihrem großen Truck in einer unwirtlichen Landschaft unterwegs. Das Land befindet sich in einem Zustand der Gesetzeslosigkeit, es gibt keinen Strom, keine Geschäfte mehr und sie sammeln alles, was sie an Nahrungsmitteln (ganz wichtig ist Kaffeepulver) und anderen Versorgungsgütern finden können in ihren Anhänger. Auch Treibstoff existiert nur noch begrenzt und beim Tanken werden sie von einer wilden und hungrigen Hundemeute angegriffen. Ein hochdramatischer, packender Anfang, der mich an „The Walking Dead“ erinnerte und unwiderruflich in die Geschichte hineinzog.

Amanzi wird gegründet
Nico und sein Vater sind auf der Suche nach einem Fleckchen Erde und in dem verlassenen Ort Vanderkloof finden sie den idealen Ort, um sich niederzulassen. Denn Willem Storm hat eine Vision: Er will eine neue Gemeinschaft gründen. Unbeirrt hält er an diesem Plan einer neuen Zivilisation fest. Flugblätter werden verteilt, um in dem weiten Land noch andere Überlebende zu finden. Doch lange tut sich nichts. Als die beiden schon fast alle Hoffnungen aufgegeben haben, setzt endlich ein Strom von Menschen ein. Aus allen Himmelsrichtungen, und das war für mich ein Gänsehautmoment, kommen große und kleine Gruppen. Immer mehr Menschen werden in die Gemeinschaft, die sich ab jetzt Amanzi nennt, aufgenommen und durch ihre unterschiedlichen Fähigkeiten und Talente entsteht eine Insel der Zivilisation in dem verlassenen Land. Völlig authentisch wirken die Herausforderungen, die aufgrund des Zusammenlebens der unterschiedlichen Charaktere entstehen. Viel Konfliktpotenzial ergibt sich wegen diverser Ansichten über Religion, Politik und ein Ringen um die alle zufrieden stellenden Strukturen und Regeln entsteht. Diesen mühsamen Wiederaufbau mit vielen Rückschlägen und internen Spannungen ist wie ein gesellschaftliches Experiment spannend und interessant zu verfolgen.

Dabei sind wilde Tiere nur eine Gefahr, die größere Bedrohung sind die Menschen und ihre Abgründe selbst. Es gibt plündernde Gangs auf Motorrädern und diese marodierenden Banden ziehen mordend und raubend durch das ganze Land und auch Amanzi wird zu ihrem Ziel. So beschließen die Einwohner von Amanzi Verteidigungsanlagen und eine eigene Sicherheitstruppe unter der Führung des ehemaligen Soldaten Domingo aufzubauen. Auch Nico lernt schießen und schließt sich gegen den Willen seines Vaters dieser Armee an.

Die Katastrophe
Der siebenundvierzigjährige Nico erzählt die Geschichte im Nachhinein und verrät gleich, dass es zu einer großen Katastrophe kommt und sein Vater ermordet wird. In weiteren Erzählperspektiven werden die Aufzeichnungen anderer Überlebender hineingestreut, die in dem von Willem Storm gegründetem Amanzi-Geschichtsprojekt Gehör finden. Storm sammelte unermüdlich Eindrücke und Erfahrungen seiner Mitmenschen und nach seinem Tod wird dieses Projekt von anderen weitergeführt. Dadurch bekommt man ein umfassendes Bild des Überlebenskampfes.

Glaubhaft und verständlich wird auch der Konflikt zwischen dem Teenager Nico und seinem Vater herausgearbeitet. Nico empfindet seinen sanftmütigen, liebevollen Vater als schwach, interpretiert seine Menschenfreundlichkeit als Manko. Der liberale Storm glaubt an das Gute im Menschen und Bildung und Wissen sind für ihn sehr wichtig. Der pubertierende Nico ist dagegen von dem düsteren, martialischen Ex-Soldaten Domingo fasziniert. Als er seinen Fehler einsieht und er und Willem sich wieder annähern, ist es fast schon zu spät.

Deon Meyer versteht es, seine Figuren mit Leben zu füllen. Alle Charaktere sind wunderbar mit viel Empathie herausgearbeitet und der südafrikanische Autor hat jedem eine Geschichte mitgegeben. Es gab so viele berührende Momente. Trotzdem folgt die Geschichte einem stabilen Aufbau, in der durch die geschickte Dramaturgie Spannung erzeugt und der rote Faden nie verloren wird. Düstere Landschaftsbilder erzeugen Atmosphäre und mit seiner bildhaften sowie poetischen Sprache wird alles vorstellbar und fesselnd geschildert.

Hastiges Ende
Selten hat mich eine Geschichte so bewegt und sind mir die Charaktere so ans Herz gewachsen. Ich habe auch auf meinem Arbeitsweg das Hörbuch, wunderbar interpretiert von Martin Bross, gehört und wollte einfach nicht aus dem Auto aussteigen und aus Amanzi auftauchen.
Bis zum Ende ist der Plot realistisch und vorstellbar. Das Zusammenbrechen der Infrastruktur, das Aufbauen einer neuen Zivilisation, das Ringen um eine neue politische und wirtschaftliche Ordnung. Zum Schluss mündet der Roman in einem actiongeladenen Finale und es kommt noch zu einem Twist, mit dem ich nicht gerechnet und den es für mich auch nicht gebraucht hätte. Auch geht alles dann sehr schnell und wird hastig abgehandelt. Deshalb muss ich ein halbes Pünktchen abziehen. Trotzdem war das Buch für mich ein Highlight, das auch nach der Lektüre noch lange im Gedächtnis blieb. Wie die Welt an den Rand einer Apokalypse gerät, wie langsam eine Siedlung entsteht, die Konflikte in der Vater-Sohn-Beziehung, das hat der Ausnahmeschriftsteller Deon Meyer in eine tiefgründige und genre-übergreifende Geschichte packend zusammengefügt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Fever | Erschienen am 09. Oktober 2017 bei Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-00902-0
702 Seiten | 29,99 Euro
Taschenbuchausgabe im Aufbau Verlag:
ISBN 978-3-7466-3536-1 | 12,- €
Originaltitel: Fever (Übersetzung aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu Meyers Romanen aus der Bennie-Griessel-Reihe: Icarus, Die Amerikanerin, Beute

Lisa Sandlin | Ein Job für Delpha

Lisa Sandlin | Ein Job für Delpha

„Von den Leuten, mit denen ich seit Neuestem zu tun habe, Mr. Phelan, wissen Sie, Joe Ford, Miss Doris und Calinda Blanchard, dass ich im Gefängnis gewesen bin. … Wenn Sie etwas wissen wollen, in dem ich mich dank meiner Vergangenheit auskenne, fragen Sie mich das bitte direkt. Ich werde es Ihnen sagen. Eiern Sie nicht herum, als wollten Sie mir sagen, dass man meinen Schlüpfer sehen kann.“ (Auszug Seite 136)

Einen Job braucht Delpha Wade unbedingt. Sie ist Anfang 30, als sie in Texas auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wird. 14 Jahre hat sie wegen Totschlag gesessen und jetzt will sie unbedingt wieder Fuß fassen und ihren Platz in der Gesellschaft finden. Als Leser begleiten wir sie auf ihren ersten, unsicheren Schritten bei der Wohnungs- und Jobsuche. Sie findet ein Zimmer in einem heruntergekommenen Seniorenwohnheim, dass sie kostenlos bewohnen darf, wenn sie sich dafür abends und am Wochenende um die pflegebedürftige Tante der Hotelleiterin kümmert.

Eine neu gegründete Detektei
Ihr Bewährungshelfer verschafft ihr ein Bewerbungsgespräch als Sekretärin in der neu gegründeten Detektei von Tom Phelan. Nachdem der 29-Jährige Phelan bei der Arbeit auf einer Bohrinsel im Golf von Mexiko einen Mittelfinger verloren hat, macht er sich, obwohl total unerfahren als Privatdetektiv selbständig. Tom geht hier nicht besonders strukturiert vor, aber er ist ein gutmütiger Kerl und schnell stellt sich heraus, dass Delpha, der er eine Chance gibt, für ihn ein echter Glücksgriff ist. Mit ihrer Menschenkenntnis, Klugheit und dem ihr eigenen Pragmatismus kümmert sie sich um alles, was so anfällt und macht sich damit in kürzester Zeit unentbehrlich.

Anfänglich hat Phelan Investigations mit Routineaufträgen zu tun. Ein verschwundener Junge, der in schlechte Gesellschaft geraten ist, ein nerviger Hund, der die ganze Nachbarschaft terrorisiert, ein Beinamputierter, dessen Schwester seine Prothese als Geisel genommen hat und auch der Klassiker darf nicht fehlen: Eine betrogene Ehefrau, die Bilder von ihrem Ehemann in Flagranti bestellt. Erst im letzten Drittel der Geschichte verdichten sich die bis dahin scheinbar belanglosen Geschehnisse zu einem brisanten Kriminalfall. Alles hängt irgendwie zusammen und Delpha und Tom haben es auf einmal mit Patentraub, Industriespionage und einem Serienkiller zu tun, der Delpha in tödliche Gefahr bringt. Sie bekommt auch noch die Chance auf Rache, denn sie begegnet dem Mann, der sie einst durch eine Falschaussage ins Gefängnis brachte.

Die 70er Jahre
Es sind die 70er Jahre, Creedence Clearwater Revival klingt aus dem Radio und die Menschen verfolgen Nixons Anhörungen im Watergate Skandal im Fernsehen. Mich hat tatsächlich das wunderschön gestaltete Cover gelockt sowie Delphas interessante Hintergrundgeschichte, mit der das Leben bisher nicht grade fair umgegangen ist, die ich aber hier nicht spoilern möchte. Zu Beginn hatte ich leichte Schwierigkeiten in die Geschichte reinzukommen. Lisa Sandlin hält sich nicht mit großen Erklärungen auf, sondern glänzt durch einen episodenhaften Erzählstil, bei dem mir zumindest anfänglich der umfassende Zusammenhang fehlte. Vieles war mir am Anfang zu unüberschaubar und ich suchte irritiert den roten Faden. Ich musste mich erst an den ambitionierten Schreibstil gewöhnen, der besonders in den Dialogen oft schräg und witzig ist. Aber ich war von den ersten Seiten fasziniert, mitzuerleben, wie Delpha Wade sich in ihr neues, selbstbestimmtes Leben mit den noch ungewohnten Möglichkeiten eingewöhnt.

Meine Meinung
Sandlin beschreibt sehr einfühlsam und mit großer Wärme wie unsere Protagonistin jede neue Erfahrung in Freiheit erlebt und sei es nur ihre Freude über ein eigenes Zimmer zum Abschließen. Sie ist ein ruhiger und zurückhaltender Mensch, will nichts falsch machen oder auffallen und sich an die Bewährungsauflagen halten. Sie ist auch smart und lebenshungrig und man freut sich mit ihr über die Affäre mit einem 20-jährigen College-Studenten. Sandlin hat ein Händchen für die Atmosphäre der 70er Jahre im südöstlichen Beaumont in Texas. Ihre Milieuschilderungen sind sehr stimmig und sie entwirft großartige Sprachbilder. Besonders sinnlich und wunderschön beschrieben fand ich einen Ausflug ans Meer, den Delpha mit ihrem jungen Freund unternimmt.

Die Fälle der Detektei, die ja erst mal unspektakulär sind, werden logischerweise sehr kleinteilig beschrieben, was dem ganzen Roman aber eine große Gelassenheit gibt. Dann werden aber mit überraschender Lässigkeit alle Teile zusammen geknüpft und Tom und Delpha kommen einer großen Verschwörung auf die Spur. Vieles hängt doch noch miteinander zusammen und das ist eigentlich sehr gut konstruiert. Ein ganz besonderer, literarischer Kriminalroman um zwei Außenseiter in Texas.

Die Autorin
Die amerikanische Autorin Lisa Sandlin schrieb ihr Romandebüt mit 64, vorher war sie mit Kurzgeschichten und Essays hervorgetreten. Die Professorin stammt aus Beaumont, Texas und lehrte an der Universität von Omaha/Nebraska Creative Writing. Heute lebt sie in Santa Fe, New Mexico, wo sie Schreiben unterrichtet. „Ein Job für Delpha“ wurde mit dem Hammett Prize und dem Shamus Award 2016 ausgezeichnet. 2020 ist der Folgeband „Family Business“ erschienen und ich würde gerne Delpha und Tom auf ihrem Weg weiter verfolgen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Ein Job für Delpha | Erschien am 10. Juli 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-6779-4
350 Seiten | 9,95 Euro
Originaltitel: The Do-Right
Bibliografische Angaben & Leseprobe

William Boyle | Eine wahre Freundin

William Boyle | Eine wahre Freundin

Jeder weiß über Vic Bescheid, was er gemacht hat und wie er gestorben ist, aber niemand spricht sie darauf an. Niemand fragt sie, wie es ist, den eigenen Ehemann verbluten zu sehen. Oder wie es ist, mit dem Gartenschlauch getrocknetes Blut von den Stufen zu spritzen, nachdem man gerade den einzigen Mann beerdigt hat, den man je geliebt hat. (Auszug Seite 11)

William Boyle erzählt in seinem Kriminalroman „Eine wahre Freundin“ eine Mafiageschichte und hat dabei, und das ist das Ungewöhnliche, die Frauen in den Mittelpunkt gerückt. Frauen spielen in Geschichten über das organisierte Verbrechen selten eine große Rolle und ihr Leben wird oft als Familienmitglieder oder Geliebte von den Männern an ihrer Seite bestimmt.

Eine dieser Frauenfiguren ist die 60-jährige Rena Ruggiero, Witwe eines Brooklyner Gangsters, der vor neun Jahren vor ihrem Haus erschossen wurde. Der sanfte „Gentle“ Vic hatte für die Mafia sehr erfolgreich Schulden eingetrieben. Aber von dieser schmutzigen Arbeit wollte Rena nie etwas wissen und hatte sich darauf konzentriert, ihrem geliebten Ehemann ein behagliches Heim zu bereiten. Jetzt fühlt sich Rena einsam, denn auch zu ihrer einzigen Tochter hat sie seit einem Streit auf Vics Beerdigung keinen Kontakt mehr. Adrienne, die seit ihrer Teenager-Zeit mit dem Mafiosi Richie Schiavano liiert ist, lebt in der Bronx und hat mir ihrer Mutter gebrochen, selbst die inzwischen 15-jährige Enkelin Lucia hält sie von ihr fern.

Pornoqueen und gewiefte Betrügerin
Renas ruhiges Leben findet ein jähes Ende, als der achtzigjährige Nachbar Enzio ihr an die Wäsche will. Ausgerechnet der schmierige Enzio, der ständig mit blanker Brust in der Einfahrt sein schönes altes Auto wienert und sie beim Vorbeigehen Schätzchen oder Püppchen nennt. Als der alte Lüstling zudringlich wird, zieht sie ihm in ihrer Verzweiflung einen großen Glasaschenbecher über den Kopf. Panisch lässt sie den blutüberströmten Enzio zurück und flüchtet in seinem heißgeliebten schwarzen 62er Chevy Impala. Verzweifelt fährt sie in die Bronx zu ihrer Tochter, in der Hoffnung auf Hilfe in ihrer Not. Doch Adrienne will von Versöhnung nichts wissen und schlägt ihr die Tür vor der Nase zu.

Rena kommt erst mal bei der Nachbarin unter, der locker-lässigen etwa gleichaltrigen Lacey Wolfstein. Der frühere Pornostar hatte nach Karriereende ältere, wohlhabende Männer in Florida ausgenommen, bevor sie sich hier in der Bronx zur Ruhe setzte. Kurz darauf flüchtet auch Lucia hierher. Sie will nicht mit ihrer Mutter und deren Freund Richie nach New York fliehen, weil der seine Mafiakumpel um eine Menge Geld gebracht hat. In Wolfsteins Haus eskaliert die ganze Situation, weil auch noch ein betrogener Lover von Lacey auftaucht und der vermeintlich erschlagene Enzio seinen wertvollen Oldtimer zurück haben will. Nach aberwitzigen Wortgefechten läuft die Situation in Wolfies Haus komplett aus dem Ruder und endet in einem grotesken Blutbad. Rena, Wolfie und Lucia gelingt mit einem Koffer voll Dollar die Flucht in Richies 1982er Cadillac Eldorado, verfolgt von einem hammerschwingendem, irren Mafia-Killer.
Die so unterschiedlichen Frauen kommen sich näher, freunden sich an und halten zusammen. Das erinnert an Thelma und Louise, aber auch auf Mafiafilme a la Scorsese, De Niro und den Sopranos wird oft verwiesen.

Screwball Noir
Screwball Noir nennt der amerikanische Autor seinen Krimi. Dafür sprechen die schrägen Charaktere, die absurden Dialoge, der abgedrehte Plot und das hohe Erzähltempo, die ja typisch für eine Screwball-Komödie sind. Ich mochte den feinen und intelligenten Wortwitz, auch wenn er nicht so philosophisch ist, wie er gerne sein möchte. Unterbrochen wird das ganze immer wieder durch übertriebene Gewaltdarstellungen, die aus chaotischen Situationen entstehen und komödiantisch unterlaufen werden. Die Gewalt ist meistens völlig unangemessen und grenzt oft an sadistische Exzesse. Dadurch bewegt sich der Kriminalroman samt seiner exzentrischen Charaktere oft an der Grenze zur Posse, auch weil die Handlungen der Figuren an einigen Stellen für mich nicht komplett nachvollziehbar waren.
Alles in allem habe ich den harten wie komischen Kriminalroman gerne gelesen und mich gut unterhalten gefühlt und könnte es mir aufgrund der visuellen Situationskomik sehr gut verfilmt vorstellen. Es geht um Familienbande und Freundschaften zwischen Frauen, die über sich hinauswachsen. Männer spielen eine untergeordnete Rolle.

Der Autor
William Boyle ist 1978 im Süden des New Yorker Stadtteils Brooklyn geboren. Man merkt, dass er sich in diesen Vierteln, über die er immer wieder schreibt, gut auskennt. Er wuchs mit der italienischen Seite seiner Familie auf und die Mafiosis haben ihn von klein auf fasziniert und seine Fantasie als Autor beflügelt. Auch in seinem 2018 auf Deutsch erschienenen ersten Roman „Gravesend“ und im Folgeroman „Einsame Zeugin“ spielen diese italienisch-amerikanischen Viertel eine große Rolle. Seit 2012 lehrt er kreatives Schreiben an der University of Mississippi in Oxford, wo er mit Frau und zwei Kindern lebt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Eine wahre Freundin | Erschienen am 01. Juni 2020 im Polar Verlag
ISBN 987-3-948392-08-6
360 Seiten | 22.- Euro
Originaltitel: A Friend Is A Gift You Give Yourself
Bibliografische Angaben