Kategorie: Ermittler

Rezensent

Doug Johnstone | Schwarze Herzen (Band 4)

Doug Johnstone | Schwarze Herzen (Band 4)

Autoren und Autorinnen haben ja oft eine enge Beziehung zu ihren Figuren und tun sich teilweise schwer, diese loszulassen. So ähnlich muss es auch Doug Johnstone ergangen sein, denn er hatte ursprünglich die Idee, die Reihe um die Skelfs-Frauen als Trilogie anzulegen. Und tatsächlich ging im dritten Band die übergreifende Story um den psychopathischen Craig zu Ende. Vermeintlich. Aber Johnstone konnte offensichtlich nicht von seinen drei ungewöhnlichen Frauen Dorothy (Großmutter/Mutter), Jenny (Tochter/Mutter) und Hannah (Tochter/Enkelin) lassen, die als Familienunternehmen ein Bestattungsinstitut und eine Privatdetektei führen. In der Heimat ist bereits Band 6 erschienen, in deutscher Übersetzung nun Band 4.

Wie eben angedeutet (Vorsicht Spoiler!), kam es zuletzt zu einem Showdown zwischen Jenny und ihrem Ex Craig. Zugunsten von Jenny, die aber dennoch in ein großes Tief gefallen ist, sich dem Alkohol zuwendet und ihren Therapeuten verführt, anstatt die Therapie ernst zu nehmen. Dass nun scheinbar nach langer Zeit Craigs Leiche aus dem Meer wieder aufgetaucht ist, macht die Sache nicht wirklich besser, denn nun kommt Craigs Familie plötzlich wieder hervor und Craigs Schwester Stella lässt Jenny ihre Tat in Notwehr nicht so einfach durchgehen. Währenddessen hat Dorothy zwei schräge Fälle aufgetan: Eine Frau wird beerdigt, ihr Ehemann wird vermisst. Der Sohn verdächtigt den Onkel und beauftragt Dorothy, seinen Vater zu finden. Der zweite Fall ist der eines alten japanischstämmigen Mannes, der nach dem Tod seiner Frau einen Schrein für sie zuhause angelegt hat und nun glaubt, von ihrem Geist angegriffen zu werden. Hannah hingegen hat plötzlich eine Kommilitonin, die sie stalkt und sich zwischen sie und ihre Frau Indy drängt – und offenbar mehrere Tage in der gleichen Wohnung mit ihrer verstorbenen Mutter gewohnt hat.

Dorothy kämpfte mit den Klavierriffs im Mittelteil und dachte dabei an Eddie. Inzwischen würde seine Leiche neben Craig in der Leichenhalle liegen. Sie dachte an Violet, die ihren Sohn verloren hatte. Sie dachte an Hannahs Stalkerin, deren Mum plötzlich gestorben war. Udo, der von seiner Frau heimgesucht wurde. Es war ein Kaleidoskop aus Leben und Tod, ein Spinnrad von Kummer und Leid, verwirrend und beunruhigend. (Auszug S. 200)

Die Skelfs-Reihe ist einer der aktuell ungewöhnlichsten Krimireihen. Drei Generationen von Frauen, die zwei außergewöhnliche Berufe miteinander verbinden. Über die ganze Reihe schreibt Doug Johnstone abwechselnd aus ihren Perspektiven, dringt tief in die Figuren ein. Der Leser spürt die Emotionen der Protagonistinnen sehr direkt, erfährt viel über ihre Stärken und ihre Schwächen. In diesem Band befindet sich vor allem Jenny gerade auf einem absoluten Tiefpunkt. Durch diese Konstruktion ist diese Reihe aber auch eine derjenigen, wo es absolut nicht zu raten ist, die Bände isoliert zu lesen. Diese Reihe baut viel zu sehr aufeinander auf und als Leser würde man sich auch der ganzen Feinheiten berauben.

„Schwarze Herzen“ setzt die Reihe in einem gesetzteren Ton fort, der Vorgänger war ungewohnt spannend und actionreich. Der Autor zeigt aber, dass damit noch kein endgültiger Abschluss gefunden wurde. Trauer, Tod und Schuld spielen immer eine große Rolle in dieser Reihe – und Johnstone weiß dem Thema auch im vierten Band neue Facetten und auch Skurrilitäten (oder wunderbare Details wie dem „Windtelefon“) abzuringen. Auch das andere große Thema dieser Reihe spielt natürlich wieder eine große Rolle: Familie und Freundschaft, die Trost und Geborgenheit spenden, aber auch Arbeit und Kommunikation bedürfen. Und auch wenn es dieses Mal spannungstechnisch etwas gedämpfter zugeht, die Reihe behält ihren großen Charme. Doug Johnstone bringt an gewissen Stellen Humor an und auch Edinburgh, Musik und Astrophysik (unverkennbar die Schwächen des Autors als Dundiner, Schlagzeuger und Physiker) kommen angemessen zur Geltung. Eine tolle Reihe mit wunderbaren Figuren und tiefgründigen Themen, der ich gerne weiter treu bleibe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Schwarze Herzen | Erschienen am 15.11.2025 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910918-36-8
340 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Black Hearts | Übersetzung aus dem schottischen Englisch von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 2 und Kurzrezension zu Band 1

Unsere Krimis des Jahres 2025

Unsere Krimis des Jahres 2025

Und schon ist wieder ein Jahr 2025 Geschichte, die finale Folge „Strangers Things“ geguckt und Zeit, einen Blick zurück auf das Jahr 2025 zu werfen. Neben einigen visuellen Highlights wie die Streaming-Serien Dept. Q oder Adolescence gab es bei Gunnar auch zwei besondere Highlights: Der Besuch der Leipziger Buchmesse im März und die Lesung mit Sara Paretsky im September.

Daneben gab es für uns Lesehighlights in unterschiedlichen Genres. Bei unseren Krimihighlights haben wir es zum ersten Mal geschafft, genügend dieselben Bücher zu lesen – und auch noch gut zu finden. Deswegen gibt es heute zum ersten Mal eine gemeinsame Jahreshitliste. Wir vergeben ja maximal 5 Punkte, die in 2025 aber kein Roman erreicht hat. Allerdings haben einige 4,5 Punkte ergattert. Bei dreien davon waren wir uns einig, haben darüber hinaus aber noch eine Reihenfolge festgelegt. Zwei weitere Bücher hat nur jeweils einer von uns gelesen, daher vergeben wir Platz 4 zweimal. Eine Tendenz lässt sich auf jeden Fall erkennen: Es dominieren Kriminalromane und Thriller mit historischen Settings.

Platz 4: Susanne Tägder – Die Farbe des Schattens

Auch „Die Farbe des Schattens“ beginnt mit einer Suchaktion nach einem verschwundenen Kind. Allerdings verschwand der kleine Matti aus einer Plattenbausiedlung in Mecklenburg 1992. Wie schon in ihrem gefeierten Debüt-Roman „Das Schweigen des Wassers“ ermittelt wieder Kommissar Groth, der nicht ganz freiwillig als Aufbauhelfer Ost agieren soll. Tägder versteht es, die Atmosphäre der frühen 90er Jahre, die weniger von Aufbruchsstimmung sondern eher von Zukunftsängsten geprägt war, einzufangen. Die Hilflosigkeit der Ermittler aufgrund ständiger Rückschläge sowie die Resignation der Bewohner waren direkt greifbar. Das Ergebnis ist ein ruhiger Kriminalroman, der von der psychologischen Spannung sowie der emotionalen Belastung lebt. Obwohl im Grundton eher melancholisch, entwickelt die Geschichte einen Sog, dem sich Andy kaum entziehen konnte. Hier findet ihr die ausführliche Besprechung.

Platz 4: Jake Lamar – Viper’s Dream

Eine gelungene Kombination zwischen Jazz & Crime hat der amerikanische Autor Jake Lamar veröffentlicht. Er erzählt die Geschichte von Clyde Morton, der als Greenhorn vom Land 1936 nach Harlem kommt, dort von Unterweltgrößen unter die Fittiche genommen wird und schließlich zu einem der einflussreichsten Gangster bis Anfang der 1960er aufsteigt. Daneben ist der Roman auch eine Geschichte über die New Yorker Jazzszene, ganz natürlich betreten immer wieder weltbekannte Jazzgrößen die Szene. Gunnar war begeistert über die sehr lesenswerte Mischung aus flirrendem Jazz, hartgesottenem Gangsterroman und der Melancholie eines nachdenklichen Gangsters. Seine Rezension ist hier zu finden.

Platz 3: Kate Atkinson – Nacht über Soho

Ein ebenso fesselnder wie gut komponierter Spannungsroman ist „Nacht über Soho“, in dem die britische Autorin uns in das schillernde Nachtleben von London vor genau hundert Jahren, in die roaring twenties mitnimmt. Mit der Nachtclubbesitzerin Nellie Coker und einem wirklich opulenten Figurenensemble lässt Atkinson die Leser:innen tief in die Atmosphäre der verruchten Halbwelt der Clubs in Soho eintauchen und porträtiert eine Gesellschaft, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg ungezügelt feiern will. Atkinsons Sittengemälde der 20er Jahre wirkt nie zu düster, dafür sorgt schon die scharfzüngige Sprache der Autorin, ironisch und unterkühlt. Eine ausführliche Rezension gibt es von Gunnar.

Platz 2: Andreas Pflüger – Kälter

Zum Ende des Jahres haben wir beide noch ein Thriller-Highlight von Andreas Pflüger beendet, der in „Kälter“ das liefert, was man an ihm schätzt. Gut choreografierte Actionszenen, messerscharfe Dialoge, bildhafte Erzählweise, exakt gezeichnete Charaktere sowie eine starke Heldin. Das ist Luzy Morgenroth, eine ehemalige BKA-Personenschützerin, die 1989 inzwischen 50-jährig als Provinzpolizistin auf Amrum eine ruhige Kugel schiebt. Das ändert sich, als ein Killerkommando die Inselidylle zerstört. Vor dem Hintergrund des Mauerfalls entfaltet sich mit Luzy als Racheengel eine spektakuläre Story zwischen Amrum, Wien, Israel und Moskau. Die ausführliche Rezension wird im Januar nachgereicht.

Platz 1: Liz Moore – Der Gott des Waldes

Ganz anders als „Long Bright River“, ein weiteres Highlight der amerikanischen Autorin entführt uns Liz Moore in „Der Gott des Waldes“ in die dichten Wälder des Adirondack-Gebirges. Hier verschwindet im Jahr 1975 in einem elitären Sommer-Camp die 13-jährige Barbara. Nicht nur ist sie die Tochter der steinreichen Gründer-Familie, sondern auch die Schwester des Jungen, der vor 14 Jahren spurlos verschwand. Mit großer Erzählfreude arrangiert Moore Figuren und Plot, wechselt mit einem verlässlichen Gespür fürs Timing die Perspektiven und verknüpft souverän mehrere Zeitebenen miteinander. Empathisch und mit präzisem Blick wird eine Familientragödie geschildert und durch bildreiche Sprache das raue Klima vor des Lesers Auge lebendig. Je weiter die komplexe Erzählung vorangetrieben wird, desto neugieriger wurden wir und klebten an den Seiten. Für uns beide ein außerordentlich guter Roman und unsere Nummer 1 in diesem Jahr. Hier ist der Link zu Andys vollständiger Rezension.

Bailey Seybolt | Coram House

Bailey Seybolt | Coram House

Seit ich hier bin, habe ich mich als Unbeteiligte gesehen, die von außen auf die Geschichte schaut. Als eine neutrale Reporterin, die nichts mit der Geschichte zu tun hat. Doch das stimmt nicht mehr. Ich kann nicht sagen, wann genau es sich geändert hat. Vielleicht, als ich den Schrei im Wald gehört habe. Vielleicht heute Morgen, als ich Rooneys Leiche gefunden habe. (Auszug Position 4124 von 5095)

Im Mittelpunkt des Thriller-Debüts steht die frisch verwitwete Autorin Alex Kelley, die grade eine schwere Zeit durchlebt. Einst für ihre True-Crimes gefeiert, war sie mit ihrem letzten Roman aufgrund von Recherchefehlern in Misskredit gefallen. Hoffnungsvoll nimmt sie das Angebot an, als Ghostwriterin über die tragischen Ereignisse in einem von Nonnen und Priestern geführtem Waisenhaus namens Coram House im ländlichen Nordosten der USA zu schreiben und sich damit zu rehabilitieren. Es geht um einen vor Jahrzehnten vorgefallenen Missbrauchsskandal, dessen Gerichtsprozess in den 80er Jahren mit einem Vergleich endete. Der ehemalige Chefermittler und mittlerweile pensionierte Rechtsanwalt Alan Stedsan möchte sein Vermächtnis literarisch aufbereiten, besteht aber auf einer Verschwiegenheitsklausel, um sich die absolute Kontrolle über das Endprodukt vorzubehalten.

Alex reist ins winterliche Vermont und schon die ersten Akteneinsichten in alte Zeugenprotokolle deuten auf einen brisanten Fall hin. Generationen von Kindern wurden einer harten Erziehung ausgesetzt, es geht um Missbrauch, Misshandlungen und einem angeblichen Todesfall. Vor allem das Schicksal des damals neunjährigen Tommy, der an einem heißen Tag im Jahr 1968 spurlos verschwand, lässt Alex nicht mehr los. Sie verbeißt sich in den Fall, befragt ehemalige Waisenkinder, bekommt Unterstützung durch die Polizei, doch dann findet sie beim Joggen die Leiche einer Frau im See. Sie ist davon überzeugt, dass der Tod mit der dunklen Vergangenheit Coram Houses zusammenhängt und sie jemandem zu nahegekommen ist.

Coram House ist ein typischer Destination-Thriller, in dem der Schauplatz, das trostlose, inzwischen verlassene Kinderheim die Hauptrolle spielt und die bedrückende Stimmung enorm verstärkt. Das verschneite Vermont mit dem zugefrorenen Lake Champlain in der klirrenden Winterkälte ist treffend eingefangen. Alex als Protagonistin und Ich-Erzählerin ist der allzu bekannte Typ der „kaputten“ Thriller-Protagonistin. Sie reagiert oft überspannt, nervt die Polizei, trifft falsche Entscheidungen, bei denen sie unnötige Risiken eingeht und kreist um sich selbst. Sie trinkt zu viel, hat den zu frühen Tod ihres Mannes noch nicht überwunden und natürlich joggt sie exzessiv. Ihre Besessenheit, Tommys Schicksal zu klären war für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Gleichzeitig ist der Rechtsanwalt wenig kooperativ, seine Motivation, das Buch schreiben zu lassen, undurchsichtig.

Spannungstechnisch würde ich es als Slow-Burn bezeichnen, es ist eher mysteriös, teilweise zu dramatisch und pathetisch erzählt. Die Handlung entwickelt sich mit unerwarteten, teilweise konstruierten Wendungen, die in einem unvorhersehbaren, aber nicht abwegigen Ende gipfeln. Unterbrochen wird die gegenwärtige Geschichte immer wieder durch Vernehmungsvideos aus den 80ern, die sich organisch in die Handlung einfügen und einen erschütternden Blick auf die Zustände und Grausamkeiten in dem katholischen Kinderheim geben.

Die Autorin Bailey Seybolt studierte u.a. kreatives Schreiben an der Concordia University und lebt heute mit ihrer Familie in Vermont, nicht weit vom Lake Champlain entfernt. Ihr fiktionaler Debüt-Roman wurde von einer historischen Geschichte inspiriert.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Coram House | Erschienen am 11. September 2025 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-26431-0
384 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Coram House | Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Goga-Klingenberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

David McCloskey | Moskau X (Band 2)

David McCloskey | Moskau X (Band 2)

Die internationalen Auseinandersetzungen gehen auch nicht spurlos an Russlands Elite vorüber. Auch im Lager der regimeunkritischen Oligarchen ist die Lage angespannt. In Sankt Petersburg werden die Goldreserven der Bank Rossija von einem General des FSB abgeholt – oder sollte man sagen, geraubt? Er handelt im Auftrag von Wassili Gusew, genannt Goose, einer der engsten Berater Putins. Bankinhaber Andrei Agapow glaubt jedoch nicht, dass Putin davon Kenntnis hat, sondern Goose das Gold für sich selbst abzweigt. Doch ohne stichhaltige Beweise kann er nicht beim Staatschef vorstellig werden. Selbst mit wird es heikel. Seine Tochter Anna ist Agentin des SWR, des Auslandsgeheimdienstes, und findet schnell eine Spur des Goldes zu einer Kanzlei in London, die sich auf Offshore-Konten und Briefkastenfirmen spezialisiert hat. Zuständige Anwältin in London ist ausgerechnet Hortensia, genannt Sia, Fox, die von der CIA angeworben wurde.

In Langley sieht die Führungsoffizierin und neue Chefin der Abteilung „Moskau X“, Artemis Procter, eine einmalige Gelegenheit, als Anna Agapowa bei Sia Fox um einen Termin bittet. Denn Annas Ehemann Vadim ist als Bankier dafür bekannt, auch mit dem Geld von Putin selbst zu arbeiten. Bietet sich hier die Chance, eine abtrünnige Familie mit engen Beziehungen in den Kreml zu rekrutieren und Chaos in Russland auszulösen? Vadim und Anna betreiben ein Gestüt außerhalb Sankt Petersburgs. Die CIA entschließt sich, Max Castillo einzubeziehen. Er leitet eine Ranch in Mexiko, in der hochklassige Rennpferde gezüchtet werden – und seine Familie ist seit langem mit der CIA verbunden. Auf Einladung von Max und Sia reisen Anna und Vadim nach Mexiko. Dort soll die erste Anbahnung stattfinden. Doch es bleibt unklar, welches Spiel Anna und Vadim wirklich spielen.

Annas Welt drehte sich um einen Mann: Wladimir Putin. Allerdings war Anna ihm nur dreimal begegnet. […]
Im Laufe der Zeit war sie zu der Überzeugung gelangt, dass Putin vieles in einem war. Allmächtiger Zar und freudloser Manager eines schwer kontrollierbaren Systems, das größer ist als er. Despot und Verfasser vager, mitunter ignorierter Richtlinien. Neues öffentliches Idol und geheime Quelle für Gewitzel und Spott. […]
Er war alles, er war nichts, aber manchmal musste man sich einen Dreck um ihn scheren, auch wenn er das Zentrum der russischen Welt war. Der Chosjain. Der Herr. Ohne ihn würde sich die Welt nicht drehen. Seine Existenz war weder gut noch schlecht. Sie war einfach da. (Auszug E-Book Pos. 2380-2386)

Autor David McCloskey war ehemaliger CIA-Analyst, außerdem Berater bei McKinsey. Man kann also davon ausgehen, dass er weiß, worüber er schreibt. „Moskau X“ entwickelt von Beginn an einen ganz eigenen Sog. Der Band ist der zweite einer Serie (Vorkenntnisse waren aber nicht wirklich erforderlich) um die Agentin Artemis Procter, die eine spektakuläre Anfangsszene erhält, ab da aber vor allem im Hintergrund die Fäden zieht. Es geht um Spionage und Gegenspionage, um Rache und Loyalität. Aber vor allem bietet McCloskey eine interessante Einsicht in die Machtelite Russlands.

Interessant ist dabei vor allem, dass der Staatschef scheinbar über allen Dingen schwebt, aber längst nicht von allem Kenntnis erlangt. Interne Machtzirkel verfolgen Eigeninteressen und haben genug Einfluss, um Kritik daran vor Putin abzuschirmen. Dieser wird aber auch von den Geschädigten nicht wirklich in Frage gestellt, so ist halt das russische System, es bringt nichts, an den Grundfesten zu rütteln. So entspinnt sich hier eine faszinierende Geschichte, in der die CIA Sabotage in der russischen Machtelite betreiben will, aber ihr Werkzeug ein eigenes Spiel spielt. Das ist abwechslungsreich und trotz eines eher bedächtigen Einstiegs an den richtigen Stellen temporeich geschrieben.  Alles in allem ein starker, klassischer Spionagethriller unter neuen geopolitischen Gegebenheiten.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Moskau X | Erschienen am 30.10.2025 im Gutkind Verlag
ISBN 978-3-98941-090-9
624 Seiten | 18,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-98941-091-6 | 9,99 €
Originaltitel: Moscow X | Übersetzung aus dem Englischen von Michael Benthack
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Er sah ihr in die Augen, suchte etwas, aber sie wusste nicht, was. „Du hast mehr verloren, als ich je hatte. Aber du glaubst immer noch daran.“
„Ich habe alles gegeben für dieses Land“, sagte Ruth. „Ich habe Opfer gebracht.“
„So wie Abraham Isaak opfern wollte“, sagte Almog schwülstig.
„Isaak hat aber überlebt“, sagte Ruth. (Auszug Seite 388)

Der Roman beginnt 2009 in Miami mit Hanna, deren Mutter Esther verstirbt und ihr eine alte Holzschachtel überlässt. Darin unter anderem ein altes Foto: Eine lange Tafel mit Speisen, am Kopfende eine Frau, die Beschriftung „Pessach Seder, 1965“. Hiervon ausgehend springt die Geschichte rückwärts, zunächst ins Jahr 1989, später ins Jahr 1946. Ruth ist eine ungarische Jüdin, die vor den Nazis nach Palästina geflohen ist. Nun ist sie Teil der Untergrundbewegung, die auch mit Gewalt einen israelischen Staat gründen will. Sie ist kurz darauf eine der Gründerinnen des Kibbuz Trashim im Norden Israels. Im Kampf um die Staatsgründung werden Terrorakte gegen die Briten verübt, arabische Dörfer zerstört, die Bewohner teilweise getötet, teilweise vertrieben.

Der Roman folgt nun der Geschichte von Ruth und ihrer Familie, dazu gehört ihre Schwester Shosh, die das Konzentrationslager überlebt, ihrer Kinder und ihrer Enkel. Die Story springt in der Zeit voran, verharrt lange Zeit Ende Ende der 1940er und in den 1950er, um die Anfangsjahre Israels am Beispiel dieser Kibbuzgemeinschaft zu beschreiben, springt dann in die 1960er und 1970er, zu den Kindern und Enkeln, zum Sechs-Tage-Krieg und Jom-Kippur-Krieg. Dabei muss sich Ruth und ihre Familie immer wieder starken Widrigkeiten entgegenstellen, Gewalt und Tod bleiben ein ständiger Begleiter.

Mit „Maror“ hat Autor Lavie Tidhar schon Maßstäbe gesetzt. Der Thriller beschreibt die Geschichte des Staates Israel als eine Geschichte von Gewalt, Korruption, Skandalen und dem bitteren Geschmack von Realpolitik. In „Maror“ nahm sich Tidhar die Zeit von Mitte der 1970er-Jahre bis in die 2000er vor. Nun springt er mit „Adama“ noch weiter zurück, beginnt mit der Zeit kurz nach dem 2.Weltkrieg und kurz vor der Staatsgründung Israels 1948. Sein Projekt ist als Trilogie angelegt, der letzte Band „Golgotha“ soll dann bis in die Zeit der Anfänge des Zionismus Ende des 19.Jahrhunderts zurückreichen.

„Adama“ setzt den Ton des Vorgängers eigentlich konsequent fort, mit neuem Personal – nur punktuell taucht nochmal eine Figur aus „Maror“ auf. Es entwickelt sich eine düstere Geschichte einer Kibbuz-Familie. Eine Geschichte von erlebter und begangener Gewalt: Die Verbrechen der Nazis, die Flucht nach Israel, der Kampf gegen die britischen Besatzer und gegen die einheimischen Araber, das harte Leben im Kibbuz, die Kriege zur Verteidigung Israels, die Gewalt auch im Inneren zu Erhalt der eigenen Position. In „Adama“ beschreibt Lavie Tidhar, selbst in einem Kibbuz aufgewachsen, eine Familie in einem Selbstbehauptungskampf zwischen Liebe, Loyalität, Verrat und Tod. Im Zentrum steht dabei die Patriarchin Ruth, die gewillt ist, ihre Heimat, ihren Kibbuz, ihr Fleckchen Erde („Adama“ steht im Hebräischen für „Erde“) um buchstäblich jeden Preis zu verteidigen und dafür Grenzen zu überschreiten und schmerzhafte Opfer zu bringen.

Lavie Tidhars Romane aus dieser Trilogie erscheinen aktuell noch nicht in der hebräischen Übersetzung. Mit seinem Ansatz einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte des Staates Israel gilt der Wahl-Londoner in seiner Heimat sicherlich in einigen Kreisen als Nestbeschmutzer. Dennoch erscheint es nur konsequent, die dunklen Seiten der eigenen Geschichte auszuloten, um Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Jedenfalls bleibt Tidhar seinem eigenen Anspruch treu, auch bezüglich der historischen Darstellung der Ereignisse. Die Wucht und Spannung des Vorgängers wird für meinen Geschmack nicht ganz erreicht, erlangt aber durch die Verknüpfung mit einer erschütternden Familiengeschichte über die Jahrzehnte dennoch eine tragische Tiefe. „Adama“ ist jedenfalls ein würdiger Nachfolger von „Maror“ und bringt als historischer Roman über Israel eine ganz eigene Facette ein.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Adama | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47516-4
425 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Adama | Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Teil 1 der Trilogie, „Maror“