Kategorie: Thriller

James Kestrel | Fünf Winter

James Kestrel | Fünf Winter

„Ich glaube, er hatte Hilfe.“ „Warum?“ „Nur so ein Gefühl.“ „Haben Sie auch ein Gefühl, was dieses Bett betrifft?“ McGrady warf einen Blick auf das Feldbett. Jetzt wurde es von beiden Taschenlampen angestrahlt. Schmutzige Decken und alte Kleidungsstücke stapelten sich darauf. „Was ist damit?“ „Es blutet.“ (Auszug Seite 36)

Ende November 1941 in einer Bar in Honolulu. Detective Jo McGrady ist eigentlich schon im Feierabend, als ihn der Anruf seines Vorgesetzten ereilt. Auf der anderen Seite der Insel Oahu wurde in einem Geräteschuppen in der Nähe einer Rinderfarm ein Leichenfund gemeldet. Personal ist knapp, es ist der Tag vor Thanksgiving, und so soll der Militärveteran McGrady hinfahren. Er ist kein Einheimischer und gilt immer noch als Außenseiter im Honolulu Police Department. Er sieht seine Chance, sich nach 5 Jahren auf Haiwaii mit seinem ersten Mordfall die nötige Anerkennung zu verdienen und macht sich auf in die Berge Honolulus. Am Tatort in die Nähe der Kahana Bay findet er einen weißen, jungen Mann, der kopfüber an einem Fleischerhaken hängt und brutal ausgeweidet wurde. Erst auf den zweiten Blick findet McGrady eine zweite Leiche, eine junge japanisch-stämmige Frau, die ebenfalls auf grausamste Weise gefoltert wurde. Es stellt sich heraus, dass beide mit einem Grabendolch aus dem ersten Weltkrieg ermordet wurden. Der Fall wird zum Politikum, da es sich bei dem ermordeten Jungen um den Neffen des Oberbefehlshabers der Pazifikflotte, Admiral Kimmel handelt, während die Identität seiner mutmaßlichen Freundin, der getöteten Asiatin erst mal ungelöst bleibt.

Zur falschen Zeit am falschen Ort
Relativ schnell zeichnet sich die Spur eines Tatverdächtigen mit dem offensichtlich falschen Namen John Smith ab, die nach Hongkong führt. Während sein Vorgesetzter, Captain Beamer ihn an der kurzen Leine halten will, setzt Kimmel alles dran, den Detective in geheimer Mission an Smiths Fersen zu heften und inoffiziell ermitteln zu lassen. Trotz der unruhigen Zeiten, die Welt befindet sich im Krieg, gelingt es McGrady über Manila nach Hongkong zu fliegen. Allerdings scheint der übermächtige Killer ihm immer einen Schritt voraus zu sein. In der britischen Kronkolonie Kowloon angekommen gerät McGrady alsbald in eine Falle und wird unter einem Vorwand verhaftet. Während er in der Zelle schmort, erreicht der Weltkrieg die Pazifikregion. Am 07. Dezember 1941 überfallen die Japaner Pearl Harbour und die USA tritt in den zweiten Weltkrieg ein. Als die Japaner auch Hongkong einnehmen, wird McGrady mit anderen westlichen Gefangenen per Schiff nach Tokio deportiert, wo er als angeblicher Spion auf seine wahrscheinliche Hinrichtung wartet.

Überraschend wird er von dem stellvertretenden Außenminister Takahashi Kansei befreit. Der Diplomat, der heimlich gegen die Kriegspolitik Japans arbeitet, ist ebenfalls an der Aufklärung des Mordfalls interessiert und versteckt Jo McGrady in seinem Haus in der Nähe Tokios. Tatsächlich kümmern sich Kansei und seine Tochter Sachi bis zum Kriegsende um den Detective und riskieren dabei ihre Leben. Dieser darf das Haus nicht verlassen, nutzt die Zeit um Japanisch und viel über die japanische Kultur zu lernen und überlebt den Feuersturm, den die amerikanischen Bomber in der japanischen Hauptstadt entfesseln. Dabei verzehrt er sich die ganze Zeit nach seiner Freundin Molly, von der er sich nach seiner überstürzten Abreise aus Hawaii nicht verabschieden konnte.

Er würde herausfinden, dass sich zu dem Zeitpunkt, an dem er die Badewanne verließ und sich fragte, wann Sachi zurückkommen würde, in zweitausend Kilometern Entfernung die Bomber von den Startbahnen drängten …. Es waren so viele Maschinen, dass es dreieinhalb Stunden dauerte, bis alle in der Luft waren und Richtung Norden schwenkten …. Zusammengenommen waren sie mit gut anderthalb Millionen Kilo Napalm beladen. Auszug Seite 284

Erst nach der Kapitulation Japans gelingt ihm die Rückkehr in die Heimat und hier beginnt wieder die alte Jagd nach dem Killer, auch weil er sich an sein Versprechen gegenüber Takahashi gebunden fühlt. Auf Hawaii hat sich nach fünf Jahren vieles verändert, an der Aufklärung der Mordfälle zeigt auch keiner mehr Interesse.

Meine Meinung
Der rasante Einstieg hat mich sofort in den Bann gezogen. Aufgrund der bildhaften Erzählweise war ich gleich mitten in der Geschichte, saß mit den Matrosen an der Bar, schmeckte den Whiskey und spürte die tropische Hitze. Die Atmosphäre ist düster und beklemmend, der Erzählton hart und militärisch kühl, die Dialoge lakonisch und trocken. Ein klassischer Noir eben!

Spätestens in Hongkong ändert sich die Tonalität der Geschichte und wird zu einem historischen Roman, wobei das Kriegsgeschehen im Pazifik den geschichtlichen Hintergrund bildet. Viele zeithistorische Aspekte werden in den Roman eingewoben, es entsteht jedoch keine trockene Geschichtsstunde, sondern ein intensives Bild jener Zeit. Die Gräueltaten des Krieges werden ohne Beschönigung geschildert, jedoch erzählt James Kestrel sein großartiges Drama mit nüchternen Worten, sachlich kühl und ohne große Sentimentalitäten, passend zu seinem Protagonisten.

Jo McGrady ist der typisch hartgesottene Held, zynisch und desillusioniert. Kein Freund großer Worte, leidensfähig, schlau und absolut verbissen, die einmal aufgenommene Fährte wird auch nach fünf Jahren nicht losgelassen. Dabei auch zu großen Gefühlen fähig, denn der Roman ist auch eine bittersüße, nie kitschig werdende Liebesgeschichte. Selten habe ich einen Roman gelesen, auf dem die Beschreibung „episch“ besser gepasst hätte. James Kestrel schlägt einen wirklich großen Bogen in seinen mehrfach ausgezeichneten Roman, aber das ist durchgehend fesselnd, süffig zu lesen und beeindruckend mit exotischen Schauplätzen und einem unbeirrbaren Helden in Szene gesetzt. Hut ab vor diesem Mix aus Thriller, historischem Kriminalroman, Kriegsdrama und Romanze.

James Kestrel ist das Pseudonym des amerikanischen Autors und Anwalt Jonathan Moore, der mit seiner Familie auf Hawaii lebt. Und erfreut stellte ich fest, dass ich seinen Roman „Poison Artist“ auch noch auf dem SuB habe.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Fünf Winter | Erschienen am 12. März 2023 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-51847-317-7
499 Seiten | 22,- Euro
Originaltitel: Five Decembers | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Steve Cavanagh | Thirteen & Fifty-Fifty ♬

Steve Cavanagh | Thirteen & Fifty-Fifty ♬

Thirteen (Eddie-Flynn-Reihe Nr. 4)

Bobby Solomon, ein junger, attraktiver und aufgehender Kinostar in Hollywood ist dringend tatverdächtig, seine Ehefrau, die Schauspielerin Ariella Bloom und ihren Bodyguard und Liebhaber Carl Tozer ermordet zu haben. Solomon beteuert seine Unschuld, doch die Beweislast ist erdrückend. Eddie Flynn, ein kleiner New Yorker Strafverteidiger und ehemaliger Trickbetrüger kann sein Glück nicht fassen, als der bekannte Staranwalt Rudy Carps ihn um Hilfe bittet. Eddie soll das Team der Anwälte unterstützen und die Anklage entkräften. Eddie glaubt Bobby und tut alles in dem bevorstehenden Prozess, um die Jury von der Unschuld seines Mandanten zu überzeugen. Auch als er ziemlich schnell begreift, dass er eigentlich nur als Bauernopfer herhalten soll, falls der Verlauf des Prozesses für Solomon ungünstig verläuft.

Der Roman wird abwechselnd aus der Perspektive des Strafverteidigers Eddie Flynn sowie aus der Sicht des Serienmörders Joshua Kane erzählt. Schon im Prolog erfahren wir, wie der gerissene Killer alles daran setzt, Teil der 12-köpfigen Jury zu werden. Obwohl der Täter von Beginn bekannt ist, mangelt es dem intelligent geplotteten Justizthriller nicht an Spannung. Auch weil man jederzeit sehr nah an der Gedankenwelt des Protagonisten und des Antagonisten ist. Diese werden von den beiden Schauspielern Thomas M. Meinhardt und Götz Otto sehr gut in Szene gesetzt. Steve Cavanagh bedient sich zwar an einigen genretypischen Figuren, wie den cleveren, mit allen Wassern gewaschenen Flynn, der das Herz am rechten Fleck hat, den perfiden, soziopathischen Kane mit einer angeborenen Schmerzunempfindlichkeit, dem eiskalten Staatsanwalt oder einer taffen und coolen Ex-FBI-Agentin. Trotzdem hat mich der Thriller aufgrund von vielen innovativen Überraschungsmomenten extrem entertaint. Dazu gehört auch, dass man genau wie die Ermittler bis zum Schluss nicht weiß, wer der Killer in der Jury ist. Es machte mir Spaß, im amerikanischen Rechtssystem den Aufbau des Prozesses, die Strategie der Verteidigung oder den raffinierten Schlagabtausch, den sich Verteidigung und Anklage vor Gericht liefern, zu verfolgen. Die Szenen, in denen die Jurymitglieder eingeschätzt und danach speziell ausgewählt werden, wirkten auf mich authentisch, auch aufgrund der Tatsache, dass der nordirische Autor selbst Anwalt ist. Obwohl einige Wendungen tatsächlich sehr abstrus daherkommen, konnte ich dieses meisterhaft inszenierte Katz- und Mausspiel atemlos genießen.

Thirteen ist der erste Thriller um Strafverteidiger Eddie Flynn, der in deutscher Übersetzung erschienen ist. Tatsächlich handelt es sich aber bereits um den vierten Band der Reihe.

Fifty-Fifty  (Eddie-Flynn-Reihe Nr. 5)

Der ehemalige Bürgermeister von New York, Frank Avellino wird in seinem Schlafzimmer mit äußerster Brutalität erstochen. Anwesend sind seine Töchter Alexandra und Sofia, die auch fast zeitgleich entsprechende Notrufe absetzen, in denen sie sich gegenseitig der Tat beschuldigen. Der Staatsanwalt drängt auf einen gemeinsamen Prozess, um die Schuldfrage schnell zu klären. Ein mögliches Mordmotiv könnte die große Erbschaft in Millionenhöhe sein.

Eddie Flynn übernimmt die Verteidigung von Sofia Avellino und steht im Gericht der Anwältin Kate Brooks von der Societät Levy, Bernhard & Croff gegenüber, die Alexandra Avellino vertritt. Beide sind von der Unschuld ihrer Mandanten überzeugt. Die Indizien sind nicht eindeutig, im Verlauf des Verfahrens versuchen beide, die Glaubwürdigkeit der anderen Angeklagten in Zweifel zu ziehen. Eine große Herausforderung für die Geschworenen, auch da manche Zeugen auf mysteriöse Weise verschwinden.

Nachdem mich Thirteen so gut unterhalten hat, habe ich mir gleich ein weiteres Hörbuch aus der Anwaltsserie um Eddie Flynn vorgenommen. Thomas M. Meinhardt spricht wieder Eddie und Susanne Schroeder, Schauspielerin und Theatercouch die Anwältin Kate Brooks. Beide machen ihre Sache hervorragend und ich konnte mir die Charaktere gut vorstellen. Mit Kate Brooks wird ein neuer, vielversprechender Charakter eingeführt. Die junge Anwältin arbeitet erst seit kurzem bei einer renommierten Kanzlei, wird aber von ihrem Chef nicht für voll genommen. Nach sexuellen Belästigungen kündigt sie und übernimmt ganz alleine die Verteidigung der tatverdächtigen Alexandra.

Und dann ist da ja noch der sympathische Eddie Flynn, der für seinen Job lebt, auf Kosten seines Privatlebens. Vor Gericht läuft er regelmäßig zur Hochform auf und für seine Mandanten gibt er alles, zur Not auch mal nicht ganz vorschriftsmäßig. Er übernimmt nur Fälle, wenn er von der Unschuld seines Mandanten überzeugt ist, auch wenn er in der Vergangenheit einen Mandanten mal komplett falsch eingeschätzt hatte. Mit katastrophalen Folgen.

Auch Fifty-Fifty ist wieder durch ständige Perspektivwechsel raffiniert und packend konstruiert. Cavanaghs Schreibstil ist kurzweilig, flüssig und an den richtigen Stellen temporeich oder auch emotional. Nach und nach kommen Hintergründe zutage, bevor der irische Autor wieder die Spannungsschraube anzieht.

 

Foto & Rezensionen von Andy Ruhr.

Thirteen | Das Hörbuch erschien am 24. Dezember 2021 bei Der Hörverlag
ISBN: B09J1CZLX1
Vollständige Lesung | Sprecher: Thomas M. Meinhardt + Götz Otto
Laufzeit: 13 Stunden 35 Minuten | bei Audible | als Download (Hörprobe): 25,95 €
Originaltitel: Thirteen | Übersetzung aus dem Englischen von Jörn Ingwersen
Die aktuelle Printausgabe erschien bei Goldmann

Wertung: 4,0 von 5

Fifty-Fifty | Das Hörbuch erschien am 28. November 2022 bei Der Hörverlag
ISBN: B0BLTCBG34
Vollständige Lesung | Sprecher: Thomas M. Meinhardt + Susanne Schroeder
Laufzeit: 13 Stunden 39 Minuten | bei Audible | als Download (Hörprobe): 25,95 €
Originaltitel: Fifty-Fifty | Übersetzung aus dem Englischen von Jörn Ingwersen
Die aktuelle Printausgabe erschien bei Goldmann

Wertung: 3,5 von 5

Vor 25 Jahren: 1998 in Crime Fiction (Teil 1)

Vor 25 Jahren: 1998 in Crime Fiction (Teil 1)

Wir öffnen wieder die Asservatenkammer und werfen einen Blick auf die Kriminalliteratur und den Kriminalfilm im Jahr 1998. Wo fängt man da am besten an? Vielleicht bei den Bestsellerlisten? Die Spiegel-Bestsellerliste bringt für das Jahr Erstaunliches zu Tage. Nur vier Bücher waren in diesem Jahr ganz oben auf der Verkaufsliste – und mit der Ausnahme von Marianne Fredriksson waren es nur Kriminalautor:innen. Alle bis heute sehr erfolgreich, wenngleich es für John Grisham (1998 mit „Der Partner“) und Ingrid Noll (mit „Röslein rot“) die vermutlich erfolgreichste Phase ihrer Karriere war. Für Donna Leon mit „Sanft entschlafen“, dem sechsten Fall von Commissario Brunetti, war es hingegen die erste Nummer Eins der Liste, der allerdings noch eine Menge folgen sollten.

Ein weiterer Trend im Genre, der ab Ende der 1990er langsam aufkam, ist der sogenannte „Nordic Noir“, früher salopp und unpräzise „Schwedenkrimi“ getauft. 1998 markiert dabei einen Meilenstein, denn erstmal erschien ein Roman Henning Mankells in einem großem Publikumsverlag („Die weiße Löwin“ bei dtv). Zuvor war Mankell beim kleinen Berliner Verlag edition q erschienen, einem Imprint des Quintessenz Verlags, der eigentlich auf Fachliteratur zur Zahnheilkunde spezialisiert ist. Damit stieg Mankell mit seinen Wallander-Krimis in den Folgejahren zum meistverkauften Krimiautor in Deutschland auf. Interessant zum Jahr 1998 ist außerdem des Erscheinen weiterer nordischer Krimis, etwa der Debütromane von Arne Dahl oder Liza Marklund sowie von „Kakerlaken“, des zweiten Harry-Hole-Romans von Jo Nesbø.

Kommen wir zu weiteren markanten Autoren, die die Kriminalliteratur 1990er mit ihren Werken dominierten (teils bis heute). Dazu zählt neben John Grisham, Tom Clancy (1998 mit „Rainbow Six“ Nr. 1 der NYT-Bestsellerliste), Stephen King (1998 erschien „Bag of Bones“, in deutscher Übersetzung später „Sara“ ) und James Lee Burke (gewann 1998 sowohl den Edgar als auch den Dagger mit zwei unterschiedlichen Büchern) auch Michael Connelly, der ab 1992 mit seiner Harry-Bosch-Serie große Erfolge feierte. Neben Bosch etablierte Connelly weitere Hauptfiguren, etwa den Journalisten Jack McEvoy ab 1996 und später den Anwalt Mickey Haller. In seinem Roman 1998 erschienenen 7. Roman „Blood Work“ ist der FBI-Profiler Terry McCaleb der Protagonist.

Michael Connelly | Blood Work (Deutscher Titel: Das zweite Herz)

Nach einer Herztransplantation lebt der einst ausgesprochen erfolgreiche FBI-Agent Terry McCaleb auf einem Boot im Hafen von Los Angeles. Als Graciela Rivers ihn bittet, den Mord an ihrer Schwester Gloria Torres zu untersuchen, die bei einem Raubüberfall erschossen wurde, lehnt er das rundweg ab. Erst als er erfährt, dass in seiner Brust das Herz der ermordeten Gloria schlägt, ändert er seine Meinung. Die ermittelnden Polizisten vom LAPD sind alles andere als begeistert, dass sich ein Privatschnüffler einmischt. Einzig Jaye Winston vom County-Sheriff-Büro ist Terry noch was schuldig und besorgt ihm alle Unterlagen sowie Videos des Falls. Durch mühselige Aktendurchsicht findet McCaleb tatsächlich Verbindungen zu ähnlich gelagerten Fällen und glaubt nicht an einen schlichten Raubüberfall. Seine Vermutung, dass ein Serienkiller am Werk ist, bringt wiederum das FBI auf den Plan und auch die wollen McCaleb nur ausbooten.

Den Thriller habe ich vor Jahren gelesen, konnte mich aber nicht mehr so richtig daran erinnern. Also habe ich mir noch mal das Hörbuch vorgenommen. Blood Work ist durchgehend spannend inszeniert, zu Beginn haben wir richtig emotionale Momente, wenn Terry den kleinen Sohn der ermordeten Gloria kennenlernt, ihn und Graciela auf sein Boot einlädt und ihm Angeln beibringt. Der Mittelteil verfängt sich ein bisschen in dem Dienstgerangel zwischen LAPD, Sheriff und FBI. Wir begleiten Terry bei der Spurensuche und Verfolgung der einzelnen Indizien. Terry, der durch die schwere Operation noch gehandicapt ist, lässt sich dabei von seinem Nachbarn und gutem Freund Buddy zu den einzelnen Zeugen fahren, um die Hinweise zusammen zu setzen. Die Auflösung ist dann wieder eine große Überraschung. Richtige Old-school-Vibes entstehen, wenn McCaleb in Telefonzellen telefoniert oder wichtige Anrufe verpasst, weil er vergisst, den Anrufbeantworter abzuhören. Überrascht wurde ich durch den Einsatz von Hypnose bei der Vernehmung, die ausführlich beschrieben wurde. Meiner Meinung nach schreibt Connelly inzwischen authentischer mit mehr Gewicht auf der glaubwürdigen Beschreibung des Polizeialltages, aber unterhaltsam war Blood Work allemal.

2002 wurde der Stoff unter der Regie von Clint Eastwood verfilmt, der auch die Hauptrolle übernahm, allerdings in wichtigen Teilen vom Roman abweicht.

Apropos Film, unser Rückblick soll sich ausdrücklich auch auf Crime Fiction auf der Leinwand erstrecken. Hier fällt auf, dass der Trend zu Krimi-/Actionkomödien gerade wohl auf dem Höhepunkt war. „Rush Hour“ und „Lethal Weapon 4“ zählten zu den meistgesehensten Filmen des Jahres. Einziger Genrefilm, der bei den Oscars 1998 etwas Zählbares mitnahm (mehr war gegen „Titanic“ nicht drin), war „L.A.Confidential“ aus dem Vorjahr (Kim Basinger als beste weibliche Nebenrolle und Curtis Hanson und Brian Helgeland für das beste adatierte Drehbuch nach dem Roman von James Ellroy).

Bemerkenswert bei den deutschen Filmen waren aus unserer Sicht vor allem zwei Werke. Zum einen Hans-Christian Schmids Film „23 – Nicht ist so wie es scheint“ um einen Gruppe westdeutscher Hacker, die irgendwann Spionage für den KGB betreiben. Herausragend das Spiel von August Diehl in der Figur des zunehmend paranioden Karl Koch. Zum anderen der wahrscheinlich auch internation bekannteste deutsche Film des Jahres: „Lola rennt“ von Tom Tykwer.

Lola rennt

In dem spannenden Film muss Lola drei Mal durch die Straßen von Berlin rennen, um ihrem Freund Manni aus der Patsche zu helfen. Der Kleinganove, gespielt von Moritz Bleibtreu sollte als Geldkurier für einen Autoschieber jobben, doch nach der Geldübergabe hatte er die Plastiktüte mit den 100.000 DM in der U-Bahn liegen gelassen. Verzweifelt ruft er aus einer Telefonzelle Lola an, denn sein Chef will in 20 Minuten das Geld abholen. Und mit Gangsterboss Ronny, gespielt von Heino Ferch, ist nicht zu spaßen. Zwecks Geldbeschaffung will der verzweifelte Manni einen Supermarkt überfallen. Lola hat 20 Minuten Zeit, das Geld anderweitig zu besorgen und das Leben ihres Geliebten zu retten. Ein Lauf gegen die Zeit um Leben und Tod.

Das Filmplakat mit der rennenden Franka Potente als rothaarige Lola habe ich immer noch vor Augen. Als der Thriller vor 25 Jahren in die Kinos kam, überraschte er durch seine Originalität sowie innovativen Ideen. Ähnlich einer Zeitschleife wird dreimal dieselbe Zeitspanne von 20 Minuten gezeigt, jedes Mal mit minimalen Unterschieden, die zu alternativen Abläufen führt. Schmetterlingseffekt sozusagen! Dabei ändert sich nicht nur Lolas eigene, sondern auch die Zukunft aller Personen, auf die sie während ihres Laufs trifft. Deren Zukunft wird in sekundenkurzen Sequenzen von Fotostrecken in den verschiedenen Varianten wiedergegeben.

Der kommerziell äußerst erfolgreiche Film wurde auch im Ausland extrem gefeiert und bedeutete für Regisseur und Produzent Tom Tykwer den großen Durchbruch. Der Film ist gespickt mit visuellen Spielereien, die man so zu dieser Zeit noch nicht gesehen hatte. Realfilmszenen wechseln sich mit kurzen Zeichentrickpassagen ab. Rasante Schnitte im Stakkato-Rhythmus und die dazu passende treibende Techno-Musik geben dem Film ein ungeheures Tempo. Und grade mit dieser Dynamik fängt der Film das Lebensgefühl der damaligen Zeit ein. Dazu die ausdruckstarke Franka Potente in der Titelrolle, die auch für sie der Durchbruch zum Star bedeutete.

Ein actiongeladener Thriller und eine Gangsterballade, in der es um die Macht des Schicksals und um die Liebe geht.

 

Fotos, Rezensionen und Begleittext von Andy Ruhr und Gunnar Wolters.

Das zweite Herz | Im Original erschienen 1998 bei Little, Brown and Company
Das Hörbuch erschien am 01. April 2008 im audio media verlag | Gekürzte Lesung von Engelbert von Nordhausen
ISBN 978-3-86804-471-3
6 Audio-CDs (Gesamtspielzeit: ca. 473 Minuten) | 7,98 €
Originaltitel: Blood Work | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Sepp Leeb

Lola rennt | Kinostart am 20. August 1998
Die Blue-Ray erschien am 27. Mai 2011
Laufzeit 1 Std. 19 Min. | FSK 12 | 6,22 €

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2023

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2023

Kurzrezensionen März 2023

 

Friedrich Ani | Bullauge

Kay Oleander ist Polizist bei der Schutzpolizei in München. Bei einer Demonstration von „besorgten Bürgern“ eskaliert die Lage leicht, er wird von einer Glasflasche am Kopf getroffen, in der Folge verliert er ein Auge. Immer noch krank geschrieben, traumatisiert, allein stehend, verschafft er sich Zugang zu den Ermittlungsakten. Ein Täter wurde bislang nicht ermittelt, allerdings einige Zeugen vernommen, die sich verdächtig verhalten haben. Eine davon ist Silvia Glaser, auf die Oleander vor ihrem Haus trifft. Beide kommen ins Gespräch. Glaser offenbart ihm, dass sie in den Dunstkreis einer extremen Partei geraten ist, und bittet ihn, ihr dort herauszuhelfen.

Friedrich Ani ist der Mann der leisen Zwischentöne, der psychologischen Profile. Das zelebriert er hier auch ausgiebig. Sowohl Oleander als auch Glaser verbindet einiges, beide sind nach einem Unfall versehrt, noch etwas traumatisiert, ähnlich einsam und vom Leben enttäuscht. Das ist ohne Frage gut geschrieben, erschien mir von der Figurenkonstellation zu konstruiert und war mir auch irgendwie deutlich zu langatmig und spannungsarm. Doch im letzten Drittel bringt Ani dann einen Drive in die Story und am Ende noch einen bösen Twist, der den Leser nicht kalt lässt. Das hat mich dann doch überzeugt. Insofern ein Roman, bei dem man trotz der wenigen Seiten ein wenig dranbleiben muss, das Ende entschädigt dann aber für vieles.

 

Bullauge | Erschienen am 28.10.2022 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-7857-2811-6
366 Seiten | 16,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Krimi

 

Kim Young-ha | Aufzeichnungen eines Serienmörders

Byongsu Kim ist pensionierter Tierarzt, verbringt seine Zeit inzwischen mit Literatur, schreibt selbst gerne Gedichte. Der Siebzigjährige hat allerdings auch eine Vergangenheit als Serienmörder. Bis zum Alter von 45 Jahren hat er gemordet und wurde nie gefasst. Seit einem schweren Verkehrsunfall hat er dies beendet und die kleine Tochter seines letzten Opfers adoptiert und großgezogen. Zuletzt wurde bei ihm Demenz diagnostiziert, die stetig voranschreitet. Bei einer zufälligen Begegnung trifft Kim auf einen Mann, in dem er ebenfalls einen Serienmörder erkennt. Kurz danach kommt seine Tochter ausgerechnet mit diesem Mann als Verlobtem nach Hause. Kim versucht nun fieberhaft bei fortschreitender Demenz seine Tochter zu beschützen und wenn er bei diesem Mann nochmal selbst zum Mörder werden muss.

„Aufzeichnungen eines Serienmörders“ war in Korea ein Bestseller, auch die Verfilmung war erfolgreich und auch in der deutschen Übersetzung für den auf ostasiatische, insbesondere japanische Literatur spezialisierten Cass Verlag ein großer Erfolg. Der Titel ist dabei wörtlich zu nehmen. Byongsu Kim erzählt aus der Ich-Perspektive in kurzen, knappen Absätzen, in denen sich aktuelle Ereignisse, Erinnerungen aus naher oder ferner Vergangenheit und philosophische und lyrische Einschübe abwechseln. Dabei bringt der Erzähler auch immer blitzlichthaft wieder Einsichten in die koreanische Gesellschaft, vor allem der Vergangenheit. Der Reiz des Romans liegt zum großen Teil in der Person des Byongsu Kim, dem man zunehmend mitleidvoll beim „Verschwinden“ zusieht. Das Thema Demenz ausgerechnet bei einem ein Serienmörder ohne Reue durchzuspielen, ist eine ungemein pfiffige Idee, sehr virtuos umgesetzt. Aber Vorsicht an die Leser: Ob ein dementer Siebzigjähriger ein so zuverlässiger Erzähler ist? Mit weniger als 200 Seiten ein ziemlich schmaler, aber dafür aber umso feiner und nachhallender Roman.

 

Aufzeichnungen eines Serienmörders | Erschienen am 27.09.2020 im Cass Verlag
ISBN 978-3-944751-22-1
152 Seiten | 20,- €
Die gelesene Ausgabe erschien 2022 bei der Büchergilde Gutenberg
Originaltitel: Sakinja-ui gieok-beob | Übersetzung aus dem Koreanischen von Inwon Park
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,5 von 5,0
Genre: Spannungsroman

 

 

Peter Papathanasiou | Steinigung

Cobb ist eine vergessene, heruntergekommene Kleinstadt im heißen Outback Australiens. Landflucht, Alkohol, Drogen, Armut nagen am Gemeinwohl, die Installierung eines Internierungslagers für Asylsuchende hat zudem auch nicht wirklich neue Jobs gebracht, stattdessen zusätzliche Probleme. Da wird Cobb von einer brutalen Gewalttat erschüttert. Molly Abbott, beliebte Grundschullehrerin, wird brutal gesteinigt aufgefunden. Aus der Großstadt kommt der Detective George Manolis, um die Dorfpolizisten zu unterstützen. Manolis ist selbst in Cobb aufgewachsen, ehe seine Familie überstürzt den Ort verlassen hat. Manolis sieht sich einer widerwilligen, feindseligen Atmosphäre ausgesetzt. Für viele Bewohner steht fest: Der Mörder kommt aus dem Internierungslager, dem „Braunenhaus“, in dem die Tote Englischunterricht gegeben hat – was vielen allerdings nicht gefallen hat.

Der Debütroman des australischen Autors Peter Papathanasiou führt den Leser tief in die gesellschaftlichen Probleme Australiens. Sehr spannend konstruiert er ein Setting, in dem Nachfolger der Ureinwohner (Constable Sparrow), der ersten Siedler (man erinnert sich: Das waren vor allem Strafgefangene), der Einwanderer im 20.Jahrhundert (Detective Manolis) und die Flüchtlinge von heute aufeinander treffen. Dabei kreiert der Autor eine Reihe interessanter Figuren.

Manolis muss gegen eine Reihe von Widerständen ankämpfen, ihm begegnet Hass, Aggression, verhüllter und offener Rassismus. Am Erschütterndsten erscheint aber der bürokratisch-unterdrückende Umgang des Staates mit den Asylsuchenden, denen keine echte Perspektive geboten wird und die im Lager von Wachpersonal umgeben sind, die allzu gerne ihre Macht missbrauchen. Insgesamt ein lohnendes Debüt mit stark gesellschaftskritischem Unterton aus Australien.

 

Steinigung | Erschienen am 15.03.2023 im Polar Verlag
ISBN 978-3-492-06345-6
304 Seiten | 17,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-498392-70-3 | 12,99 €
Originaltitel: The Stoning | Übersetzung aus dem Englischen von Sven Koch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

Rezensionen 1-3 und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Kathleen Kent | Der Weg ins Feuer

„Der Weg ins Feuer“ ist der zweite Thriller um die junge Polizistin Betty Rhyzyk vom Dallas Police Department und schließt einige Monate nach den traumatischen Erlebnissen aus dem ersten Band an. Betty, die immer noch unter den körperlichen wie psychischen Verletzungen leidet, darf endlich wieder ihren Dienst im Drogendezernat aufnehmen, wird von ihrem neuen Chef, dem ehemaligen Mordermittler Marshall Maclin erst mal in den Innendienst gesetzt. Auf die Straße darf sie erst wieder, wenn sie einige Therapiestunden beim Polizeipsychiater abgesessen hat. Doch Betty will sich keine Schwäche eingestehen, dabei hat sie auch den Freitod ihres Bruders noch nicht wirklich verarbeitet. Mit ihrer schroffen Art, die man schon aus dem ersten Band kennt, stößt sie auch ihrer geliebten Frau Jackie immer wieder vor den Kopf.

Im Fokus des ganzen Buches steht Betty und die Kriminalgeschichte gerät fast in den Hintergrund. In Dallas rivalisieren Drogenkartelle mitaneinander und Dealer werden auf offener Straße erschossen. Als ein Informant und Junkie ermordet wird und Gerüchte auftauchen, ein Cop wäre involviert, beginnt Betty auf eigene Faust zu ermitteln. Als Leser*in sind wir immer dicht bei ihr, wenn sie sich in die einschlägigen Clubs der Szene oder auch in den Untergrund und damit erneut in große Gefahr begibt. Ihre Kollegen werden von ihr genau beobachtet und es ist ausgerechnet ihr Freund und Kollege Seth, der scheinbar etwas zu verbergen hat. Wenn Betty wiederholt Maclins Anordnungen missachtet und Verdachtsmomente vorenthält, Sitzungen beim Psychologen absagt oder einen Tatort betritt, ohne Verstärkung anzufordern, ist das teilweise schwer zu ertragen. Dabei zeigt sie auch oft ihr weiches Herz, mischt sich in Fällen häuslicher Gewalt ein und nimmt Obdachlose auf.

Man kann diesen zweiten Teil ohne Vorkenntnisse des ersten Teils lesen, ich würde aber dazu raten, sie in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Trotz einiger Thriller-Klischees, die bedient werden, ist der Autorin ein spannender und temporeicher Thriller um eine außergewöhnliche Ermittlerin gelungen, der einen Blick in die Abgründe der Drogenkriminalität bietet. „Der Weg ins Feuer“ wird von den starken Charakterisierungen seiner Figuren getragen und zieht seine Intensität aus dem Drama in Bettys Leben, die zum Vorgänger eine glaubhafte Entwicklung durchmacht.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Weg ins Feuer | Erschienen am 13.02.2023 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47296-5
359 Seiten | 16,95 €
Originaltitel: The Burn | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Andrea O’Brien
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Genre: Thriller

 

 

Gu Byeong-Mo | Frau mit Messer

Gu Byeong-Mo | Frau mit Messer

Das Thema des dienstmüden, ausgebrannten Profikillers, der noch einen allerletzten Auftrag erledigen muss, ist nicht grade neu und wurde schon häufig in Kriminalromanen- und Filmen verarbeitet. Doch Gu Beyong-Mo kann dieser Ausgangslage noch eine ganz neue und frische Facette abgewinnen. Ihre Heldin mit dem Decknamen Hornclaw ist eine Frau und mit ihren 65 Jahren kurz vor dem Rentenalter.

Altwerden ist nichts für Feiglinge

Seit 40 Jahren tötet Hornclaw professionell im Auftrag einer Firma für „Schädlingsbekämpfung“. Die Kunden kommen aus Wirtschaft oder Politik und die mächtige Agentur ist für die Verwaltung und Vorbereitung der Auftragsmorde zuständig. In der Regel wissen die Killer nichts über die Hintergründe. Hornclaw fühlt sich für den Job noch fit genug, aber natürlich ist sie nicht mehr so gelenkig und schnell wie in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter spürt sie den Abbau der Kräfte und auch das Gedächtnis lässt sie ab und an mal im Stich. Vor allem entdeckt sie selbst Empathie und Mitgefühl an sich und ihr Blick auf die Menschen wird weicher.

So lernen wir sie auch gleich zu Beginn kennen. Als in der U-Bahn eine schwangere Frau von einem älteren Mann belästigt wird und dieser beim Aussteigen tot zusammenbricht, hat niemand die unscheinbare, ältere Dame in Verdacht. Mit ihrem Filzhut über dem grauen Haar fliegt sie unter dem Radar, auch weil sie sich so normal verhält, wie die Gesellschaft es von ihr erwartet.

Aber im Grunde ist es egal, wie man als älterer Mensch ist, die Leute wollen nicht über einen nachdenken. (Auszug Seite 6)

Sie hat keine Freunde oder auch nur Bekannte und lebt sehr zurückgezogen in einer kleinen Wohnung. Gesellschaft leistet ihr nur ihre alte Hündin Deadweight. Da sie nie weiß, ob sie den Job lebend übersteht, hat sie dem treuen Tier eine Tür eingebaut, damit es nicht verhungern muss, falls sie nicht mehr zurückkehrt. Ihr unauffälliges Aussehen nutzt sie, um nahe an ihre Opfer heranzukommen, um dann am liebsten mit ihrem scharfen Messer, an deren Spitze sich eine Zyankali-Verbindung befindet, für einen schnellen Tod ihrer Opfer zu sorgen.

Altersgrenze für Killer*innen

Vor einem Monat wurde sie bei ihrem letzten Mord durch eine minimale Nachlässigkeit schwer verletzt. Es gelingt ihr noch, die Zielperson zu erledigen und sich in jene Klinik zu schleppen, in der sie üblicherweise vom Arzt der Agentur, Dr. Choi untersucht wird. Doch dieser ist in der Nacht nicht da und so kümmert sich der diensthabende Arzt Dr. Kang um die bewusstlose Hornclaw. Dabei entdeckt er zwangsläufig ihre Messer, verspricht aber die Polizei nicht zu informieren. Eigentlich müsste Hornclaw ihn als Zeugen liquidieren, aber seit langer Zeit findet sie einen Menschen sympathisch. Auch mit der Familie des Arztes, die in der Nähe einen winzigen Marktstand haben, freundet sie sich an.
Das macht sie verletzlich und sie bringt sich dadurch in Gefahr. Denn in der Agentur fühlt sie sich nur noch geduldet und nach 40 erfolgreichen Jahren scheint man nur auf einen Fehler von ihr zu warten. Wie einem Auslaufmodell, dem man nur noch einfache Jobs gibt, um ihr subtil deutlich zu machen, dass es Zeit wird, aus dem Geschäft auszusteigen. Doch wird man sie einfach gehen lassen? Mit ihrem enormen Firmenwissen stellte sie ein Risiko da, dass beseitigt werden müsste. Probleme bereitet ihr auch ein junger Kollege, Bullfight, der sie ständig provoziert und herablassend Oma nennt. Hornclaw kann sich sein enorm respektloses Benehmen nicht erklären. Der Leserin werden die Gründe für seinen Hass in Rückblenden erklärt und auch Hornclaws Werdegang zur eiskalten Killerin wird nach und nach präsentiert.

Meine Meinung

Diese Enthüllungen bringen den Leser intensiver in die Geschichte ein und erhöhen den Spannungsbogen. Trotzdem ist es kein actiongeladener Thriller, sondern eine unaufgeregte Geschichte, eine präzise Analyse der koreanischen Gesellschaft.

Dabei ist es dank der hohen literarischen Erzählweise und des feinen aber sehr schwarzen Humors nie dröge oder deprimierend. Das liegt auch daran, dass sie den Job der Auftragskiller*in wie jeden anderen schildert. Von Anfang an mochte ich den pointierten Schreibstil sowie den scharfsinnigen Blick der südkoreanischen Autorin. In Form eines Thrillers klagt sie das kapitalistische Gesellschaftssystem an, greift gesellschaftliche Übel wie Altersdiskriminierung, festgefahrene Rollenbilder und das Verdrängen kleiner traditioneller Geschäfte durch große Supermarktketten auf. Missstände, die man ja auch in der westlichen Welt findet. Ihre Heldin ist ein Charakter, den die Gesellschaft für schwach hält, belastend und unwichtig. Byeong-mo Gus Blick auf ihre Figuren ist distanziert, aber wenn Hornclaw anfängt, über ihr Leben zu resümieren, wenn sie durch das Abnehmen ihrer körperlichen Fähigkeiten Schwäche zeigen darf, sind wir ihr sehr nah.

Das arrangiert Gu Byeong-Mo, eine in Südkorea preisgekrönte Autorin auf innovative und durchaus amüsante Art und Weise, wenngleich sie zum Schluss doch Zugeständnisse an das Thriller-Genre macht. Am Ende gibt es dann doch ganz klassisch einen actiongeladenen Showdown mit großer Gewaltentwicklung und vielen Toten.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Frau mit Messer | Erschienen am 19.10.2022 im Ullstein Verlag
ISBN  978-3-550-20150-9
288 Seiten | 22,99 €
Originaltitel: 파과 (Pagwa) | Englischer Titel: The Old Woman with the Knife | Übersetzung aus dem Englischen von Wibke Kuhn
Bibliografische Angaben & Leseprobe