Kategorie: Thriller

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Als er den Gürtelclip endlich entfernt hat, schiebt er die Pistole ins Holster und legt beides zurück in die geräumige Mittelkonsole. „Ich wusste nicht, dass Sie eine Waffe haben“, sagte Lily. „Ich bin ein schwuler Mann in Arkansas“, antwortete er. „Selbstverständlich habe ich eine gottverdammte Waffe.“ (Auszug E-Book Pos. 1901 von 3703)

Die 18-jährige Lily Stevens lebt mit ihrer Familie in Arkansas in einer kleinen Gemeinde. Sie sind nicht nur Mitglieder der Oneness-Kirche, sogenannte Pfingstkirchler, die einen strengen Glauben leben, ihr Vater David ist auch der Prediger der kleinen Gemeinde. Das macht die aktuelle Situation noch schwieriger, denn Lily ist im 5. Monat schwanger und ihr Verlobter und Vater des Kindes, Peter Cutchin ist seit einigen Tagen spurlos verschwunden. Während jeder in der Gemeinde vermutet,  der 19-Jährige hätte wegen der Verantwortung kalte Füße bekommen und wäre kurz vor der Hochzeit einfach abgehauen, will Lily das nicht glauben. Für die eingeschworene Gemeinde ist eine sitzengelassene und hochschwangere Braut eine Katastrophe und Lilys Vater David Stevens wird dafür verantwortlich gemacht, seine Tochter nicht hart genug im Zaum gehalten zu haben. Er droht seinen Posten zu verlieren. Das Verhältnis zu Peters Mutter Cynthia ist schwierig, sie sieht Lily als Schuldige in Bezug auf die Schwangerschaft und dass Peter abgehauen ist. Sie legt die Heilige Schrift besonders streng aus und Handys sind für sie beispielsweise das Tor zur Sünde.

Außer an den Herrn und Sagrotan glaubt sie nur an die Unantastbarkeit der Mutterschaft, aber sie ist bei diesem Thema genauso unflexibel wie bei den anderen. (Auszug E-Book Position 604 von 3703)

Nachdem auch der Sheriff die Sache nicht ernst nimmt, wendet sich Lily hilfesuchend an Allan Woodson, einem Arbeitskollegen von Peter. Beide arbeiten an der Rezeption des Hotels Corinthian Inn. Es stellt sich heraus, dass Allan auch noch ihr Onkel ist, das Ergebnis einer lang verschwiegenen Affäre von Lilys Opa, ebenfalls Pfingstprediger vor über 40 Jahren. Lily bekommt mit, dass die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck ebenfalls auf der Suche nach  Peter sind und zu gewalttägigen Methoden greifen. Allan versucht anfangs noch, Lily von den beiden fernzuhalten, erkennt aber, dass er sich nicht länger raushalten darf. Im Corinthian Inn geht es um Prostitution Minderjähriger und Menschenhandel. Er kann Lily nicht alleine ziehen lassen, die zum ersten Mal in ihrem Leben die behütete Gemeinde der Pfingstler, Richtung Little Rock verlässt. Eine Spur führt sie in das von Eli geführte Bordell. In der Hauptstadt Arkansas wird Lily mit ihr bislang unbekannter brutaler Gewalt und niederen Abscheulichkeiten konfrontiert.

Bei dem Roman handelt es sich mehr um ein Sozialdrama als um einen Thriller. Die im Präsens gehaltene Handlung mit wechselnden Erzählperspektiven schreitet gemächlich dahin, kommt mit gezügelter Action aus und weiß mit einigen Wendungen zu überraschen. Es kommt dann zu einer eskalierenden Gewaltszene, die aber nicht im Detail geschildert wird, die ich aber trotzdem zu heftig und übertrieben fand. Der Erzählstil ist leicht zugänglich, ich fand es von Anfang an sprachlich ohne jegliche Raffinesse.

Positiv zu bewerten sind die Protagonisten Lily und Allan. Den Weg, den die bisher gehorsame Predigertochter Lily, die sich weder schminken noch die Haare schneiden oder Hosen tragen darf, zur mutigen Frau, die sich von niemandem aufhalten lässt, geht, ist glaubhaft geschildert. Sie zweifelt zunehmend an Gott, den sie in ihrer verzweifelten Lage vermisst, gibt aber ihren Glauben nicht auf. Auch Allan, ihr hühnenhafter, schwuler Onkel ein absoluter Sympathieträger, der zu Hause seinen Stiefvater pflegt, ist kein Superheld, hält sich mit Sarkasmus im Hintergrund und guckt oft weg, kann aber im entscheidenden Moment über seinen Schatten springen. Die Dialoge zwischen Lily und Allan sind lebendig und unterhaltsam, unterbrechen das Düstere. Alle anderen Figuren waren mir zu blass gestaltet. Die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck stehen sinnbildlich für White Trash, agieren aber sehr hirnlos und dämlich.

Mit „Die Tochter des Predigers“, im Original „Find him“, hat der amerikanische Autor Jake Hinkson eine Geschichte in einem religiös geprägten Landstrich der USA angesiedelt. Man merkt, dass er weiß, wovon er spricht. 1975 in Arkansas geboren, wuchs er in einer frommen Familie auf. Sein Vater war Diakon einer evangelischen Kirche, mehrere Onkel Pastoren. Seit seinem 14. Lebensjahr lebte er in einer von seiner Familie geleiteten religiösen Gemeinschaft in einer abgelegenen Gegend, dem sogenannten Bibelgürtel der USA. In seinen Romanen behandelt er immer wieder die religiösen Strukturen im amerikanischen Bible Belt und kritisiert die heuchlerische und scheinheilige Gottesfurcht der Gemeinden.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Tochter des Predigers | Erschienen am 07. Oktober 2025 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910-91832-0
352 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Find him | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Andreas Pflüger | Kälter

Andreas Pflüger | Kälter

„Sie rechnen hier nicht mit jemandem wie mir. Und ich seh weiß Gott nicht zum Fürchten aus. Vielleicht hat es sogar noch etwas Gutes, dass ich schon lange nicht mehr auf meine Form geachtet habe.“ „Aber fünf.“ „Vor einer Ewigkeit hat mal jemand gesagt, ich würde nie etwas zu Ende bringen. Und er hatte recht. Aber diese Männer werden sich wünschen, sie hätten die Fähre gestern verpasst.“ (Auszug Seite 45)

Amrum, die kleine, nordfriesische Insel neben Föhr gelegen, wird wegen ihres feinsandigen, kilometerlangen Strandes und viel Natur auch die Perle der Nordsee genannt. Luzy Morgenroth versieht hier seit einigen Jahren ganz beschaulich ihren Dienst als Inselpolizistin zusammen mit ihrem Kollegen Jörgen, für mehr ist in der Amrumer Station zumindest in der Wintersaison nicht zu tun. Im Herbst 1989, Luzy feiert mit Freunden ihren 50. Geburtstag, als ein heftiger Sturm über Amrum aufzieht, wird die beschauliche Inselidylle jäh gestört. Mit der letzten Fähre landen fünf bis auf die Zähne bewaffnete Killer auf der Insel und es kommt zu einer Reihe von Morden. Luzy sieht sich gezwungen, in ihre Vergangenheit zurückzukehren. Denn was auf Amrum niemand ahnt, sie war einst eine top ausgebildete Mitarbeiterin des BKA und Personenschützerin, die sich nach einem desaströs verlaufenem Einsatz in Israel, zurückgezogen hatte. Der damalige Drahtzieher der Terroraktion, die ihr Leben zerstörte, war Hagen List, genannt Babel. Dieser ließ Luzy damals hochmütig am Leben. Mittlerweile gilt der gefährlichste Terrorist der Welt als tot.

„Wahre Macht über Leben und Tod hast du nur, wenn du dann und wann jemandem erlaubst, fürs Erste weiterzuatmen.“ (Auszug Seite 127)

Als Luzy einen Hinweis auf „Babel“ als Verantwortlichen des Killerkommandos bekommt, verlässt sie nach acht Jahren die Insel und macht sich auf den Weg, um den Totgeglaubten endlich zur Strecke zu bringen. Um es mit den Gegnern von damals aufzunehmen, reist Luzy nach Berlin, um sich von Yosef, ihrem früheren Krav-Maga-Trainer in die körperliche Form ihrer früheren Karriere bringen zu lassen. In Berlin bekommt sie hautnah den Mauerfall mit, als sich 1989 die Grenzen öffnen. Während die Ostdeutschen in den Westen strömen, kämpft sich Ex-Agentin Luzy ins Stasiarchiv. In alten Stasi-Akten findet sie den Beweis, dass Babel überlebt hat und für unzählige Anschläge verantwortlich ist. Mit den dort enthaltenen Informationen führt sie die Jagd quer durch Europa, von Berlin nach Wien, Israel und Südfrankreich.

„Vielleicht begegnen wir uns wieder und finden dann heraus, wer von uns beiden kälter ist. Was meinen Sie: Sind Sie kälter als ich?“ (Auszug Seite 138)

Gemächlicher Anfang für einen Thriller von Andreas Pflüger, aber keine Sorge, nach ca. fünfzig Seiten bricht die  Hölle los und das Inselidyll wird nach allen Regeln der Kunst zerlegt. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges entfaltet sich der furiose Agententhriller mit einer viele Haken schlagenden Handlung, aufgrund des persönlichen Rache-Plots wird es auch emotional mit Thematisierung seelischer Abgründe. Typisch für Pflüger steht wieder eine weibliche Heldin im Fokus, eine kaltblütige Killermaschine, die zwischen den Welten steht, sich aber nach Normalität, nach der „Welt der Anderen“ sehnt und der der Autor sogar eine Romanze gönnt. Ein Thriller und ein akribisch recherchiertes Stück Zeitgeschichte, der aufgrund der Verwicklungen und Doppelidentitäten der Geheimdienstler komplex ist, voller Tempo sowie brillant durch Pflügers unverwechselbare Sprache, die besonders in den wortwitzigen, knappen Dialogen aufblitzt. Kopfkino entsteht bei den mit hohem Bodycount virtuos choreografierten Actionszenen, die mit vielen augenzwinkernden Stellen wieder gebrochen werden. Alle Orte, wie die sturmumtoste Nordseeinsel, das Ausbildungscamp in der israelischen Negev-Wüste, das Riesenrad am Wiener Prater oder die Berliner Mauer werden lebendig und präzise beschrieben. Dazu sind die 80er Jahre stets greifbar, die Angst vor der RAF allgegenwärtig.

Es gibt auch ein Wiedersehen mit Figuren, die man bereits aus anderen Pflüger-Romanen kennt, etwa den BKA-Präsidenten Richard Wolf, aber auch Nina Winter und Rem Kukura spielen eine kleine Rolle. Selbst Jenny Aaron taucht als achtjähriges Kind in einem Cameo-Auftritt auf. Das Design des Romans ist im gleichen Stil wie „Wie Sterben geht“ designt und spricht mich sehr an. Andreas Pflüger hat mal wieder gezeigt, dass er in einer ganz eigenen Liga spielt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Kälter | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43258-7
495 Seiten | 25,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezensionen zu Kälter bei buch-haltung.com und beim Kaffeehaussitzer
Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Romanen von Andreas Pflüger bei Kaliber.17

Unsere Krimis des Jahres 2025

Unsere Krimis des Jahres 2025

Und schon ist wieder ein Jahr 2025 Geschichte, die finale Folge „Strangers Things“ geguckt und Zeit, einen Blick zurück auf das Jahr 2025 zu werfen. Neben einigen visuellen Highlights wie die Streaming-Serien Dept. Q oder Adolescence gab es bei Gunnar auch zwei besondere Highlights: Der Besuch der Leipziger Buchmesse im März und die Lesung mit Sara Paretsky im September.

Daneben gab es für uns Lesehighlights in unterschiedlichen Genres. Bei unseren Krimihighlights haben wir es zum ersten Mal geschafft, genügend dieselben Bücher zu lesen – und auch noch gut zu finden. Deswegen gibt es heute zum ersten Mal eine gemeinsame Jahreshitliste. Wir vergeben ja maximal 5 Punkte, die in 2025 aber kein Roman erreicht hat. Allerdings haben einige 4,5 Punkte ergattert. Bei dreien davon waren wir uns einig, haben darüber hinaus aber noch eine Reihenfolge festgelegt. Zwei weitere Bücher hat nur jeweils einer von uns gelesen, daher vergeben wir Platz 4 zweimal. Eine Tendenz lässt sich auf jeden Fall erkennen: Es dominieren Kriminalromane und Thriller mit historischen Settings.

Platz 4: Susanne Tägder – Die Farbe des Schattens

Auch „Die Farbe des Schattens“ beginnt mit einer Suchaktion nach einem verschwundenen Kind. Allerdings verschwand der kleine Matti aus einer Plattenbausiedlung in Mecklenburg 1992. Wie schon in ihrem gefeierten Debüt-Roman „Das Schweigen des Wassers“ ermittelt wieder Kommissar Groth, der nicht ganz freiwillig als Aufbauhelfer Ost agieren soll. Tägder versteht es, die Atmosphäre der frühen 90er Jahre, die weniger von Aufbruchsstimmung sondern eher von Zukunftsängsten geprägt war, einzufangen. Die Hilflosigkeit der Ermittler aufgrund ständiger Rückschläge sowie die Resignation der Bewohner waren direkt greifbar. Das Ergebnis ist ein ruhiger Kriminalroman, der von der psychologischen Spannung sowie der emotionalen Belastung lebt. Obwohl im Grundton eher melancholisch, entwickelt die Geschichte einen Sog, dem sich Andy kaum entziehen konnte. Hier findet ihr die ausführliche Besprechung.

Platz 4: Jake Lamar – Viper’s Dream

Eine gelungene Kombination zwischen Jazz & Crime hat der amerikanische Autor Jake Lamar veröffentlicht. Er erzählt die Geschichte von Clyde Morton, der als Greenhorn vom Land 1936 nach Harlem kommt, dort von Unterweltgrößen unter die Fittiche genommen wird und schließlich zu einem der einflussreichsten Gangster bis Anfang der 1960er aufsteigt. Daneben ist der Roman auch eine Geschichte über die New Yorker Jazzszene, ganz natürlich betreten immer wieder weltbekannte Jazzgrößen die Szene. Gunnar war begeistert über die sehr lesenswerte Mischung aus flirrendem Jazz, hartgesottenem Gangsterroman und der Melancholie eines nachdenklichen Gangsters. Seine Rezension ist hier zu finden.

Platz 3: Kate Atkinson – Nacht über Soho

Ein ebenso fesselnder wie gut komponierter Spannungsroman ist „Nacht über Soho“, in dem die britische Autorin uns in das schillernde Nachtleben von London vor genau hundert Jahren, in die roaring twenties mitnimmt. Mit der Nachtclubbesitzerin Nellie Coker und einem wirklich opulenten Figurenensemble lässt Atkinson die Leser:innen tief in die Atmosphäre der verruchten Halbwelt der Clubs in Soho eintauchen und porträtiert eine Gesellschaft, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg ungezügelt feiern will. Atkinsons Sittengemälde der 20er Jahre wirkt nie zu düster, dafür sorgt schon die scharfzüngige Sprache der Autorin, ironisch und unterkühlt. Eine ausführliche Rezension gibt es von Gunnar.

Platz 2: Andreas Pflüger – Kälter

Zum Ende des Jahres haben wir beide noch ein Thriller-Highlight von Andreas Pflüger beendet, der in „Kälter“ das liefert, was man an ihm schätzt. Gut choreografierte Actionszenen, messerscharfe Dialoge, bildhafte Erzählweise, exakt gezeichnete Charaktere sowie eine starke Heldin. Das ist Luzy Morgenroth, eine ehemalige BKA-Personenschützerin, die 1989 inzwischen 50-jährig als Provinzpolizistin auf Amrum eine ruhige Kugel schiebt. Das ändert sich, als ein Killerkommando die Inselidylle zerstört. Vor dem Hintergrund des Mauerfalls entfaltet sich mit Luzy als Racheengel eine spektakuläre Story zwischen Amrum, Wien, Israel und Moskau. Die ausführliche Rezension wird im Januar nachgereicht.

Platz 1: Liz Moore – Der Gott des Waldes

Ganz anders als „Long Bright River“, ein weiteres Highlight der amerikanischen Autorin entführt uns Liz Moore in „Der Gott des Waldes“ in die dichten Wälder des Adirondack-Gebirges. Hier verschwindet im Jahr 1975 in einem elitären Sommer-Camp die 13-jährige Barbara. Nicht nur ist sie die Tochter der steinreichen Gründer-Familie, sondern auch die Schwester des Jungen, der vor 14 Jahren spurlos verschwand. Mit großer Erzählfreude arrangiert Moore Figuren und Plot, wechselt mit einem verlässlichen Gespür fürs Timing die Perspektiven und verknüpft souverän mehrere Zeitebenen miteinander. Empathisch und mit präzisem Blick wird eine Familientragödie geschildert und durch bildreiche Sprache das raue Klima vor des Lesers Auge lebendig. Je weiter die komplexe Erzählung vorangetrieben wird, desto neugieriger wurden wir und klebten an den Seiten. Für uns beide ein außerordentlich guter Roman und unsere Nummer 1 in diesem Jahr. Hier ist der Link zu Andys vollständiger Rezension.

Bailey Seybolt | Coram House

Bailey Seybolt | Coram House

Seit ich hier bin, habe ich mich als Unbeteiligte gesehen, die von außen auf die Geschichte schaut. Als eine neutrale Reporterin, die nichts mit der Geschichte zu tun hat. Doch das stimmt nicht mehr. Ich kann nicht sagen, wann genau es sich geändert hat. Vielleicht, als ich den Schrei im Wald gehört habe. Vielleicht heute Morgen, als ich Rooneys Leiche gefunden habe. (Auszug Position 4124 von 5095)

Im Mittelpunkt des Thriller-Debüts steht die frisch verwitwete Autorin Alex Kelley, die grade eine schwere Zeit durchlebt. Einst für ihre True-Crimes gefeiert, war sie mit ihrem letzten Roman aufgrund von Recherchefehlern in Misskredit gefallen. Hoffnungsvoll nimmt sie das Angebot an, als Ghostwriterin über die tragischen Ereignisse in einem von Nonnen und Priestern geführtem Waisenhaus namens Coram House im ländlichen Nordosten der USA zu schreiben und sich damit zu rehabilitieren. Es geht um einen vor Jahrzehnten vorgefallenen Missbrauchsskandal, dessen Gerichtsprozess in den 80er Jahren mit einem Vergleich endete. Der ehemalige Chefermittler und mittlerweile pensionierte Rechtsanwalt Alan Stedsan möchte sein Vermächtnis literarisch aufbereiten, besteht aber auf einer Verschwiegenheitsklausel, um sich die absolute Kontrolle über das Endprodukt vorzubehalten.

Alex reist ins winterliche Vermont und schon die ersten Akteneinsichten in alte Zeugenprotokolle deuten auf einen brisanten Fall hin. Generationen von Kindern wurden einer harten Erziehung ausgesetzt, es geht um Missbrauch, Misshandlungen und einem angeblichen Todesfall. Vor allem das Schicksal des damals neunjährigen Tommy, der an einem heißen Tag im Jahr 1968 spurlos verschwand, lässt Alex nicht mehr los. Sie verbeißt sich in den Fall, befragt ehemalige Waisenkinder, bekommt Unterstützung durch die Polizei, doch dann findet sie beim Joggen die Leiche einer Frau im See. Sie ist davon überzeugt, dass der Tod mit der dunklen Vergangenheit Coram Houses zusammenhängt und sie jemandem zu nahegekommen ist.

Coram House ist ein typischer Destination-Thriller, in dem der Schauplatz, das trostlose, inzwischen verlassene Kinderheim die Hauptrolle spielt und die bedrückende Stimmung enorm verstärkt. Das verschneite Vermont mit dem zugefrorenen Lake Champlain in der klirrenden Winterkälte ist treffend eingefangen. Alex als Protagonistin und Ich-Erzählerin ist der allzu bekannte Typ der „kaputten“ Thriller-Protagonistin. Sie reagiert oft überspannt, nervt die Polizei, trifft falsche Entscheidungen, bei denen sie unnötige Risiken eingeht und kreist um sich selbst. Sie trinkt zu viel, hat den zu frühen Tod ihres Mannes noch nicht überwunden und natürlich joggt sie exzessiv. Ihre Besessenheit, Tommys Schicksal zu klären war für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Gleichzeitig ist der Rechtsanwalt wenig kooperativ, seine Motivation, das Buch schreiben zu lassen, undurchsichtig.

Spannungstechnisch würde ich es als Slow-Burn bezeichnen, es ist eher mysteriös, teilweise zu dramatisch und pathetisch erzählt. Die Handlung entwickelt sich mit unerwarteten, teilweise konstruierten Wendungen, die in einem unvorhersehbaren, aber nicht abwegigen Ende gipfeln. Unterbrochen wird die gegenwärtige Geschichte immer wieder durch Vernehmungsvideos aus den 80ern, die sich organisch in die Handlung einfügen und einen erschütternden Blick auf die Zustände und Grausamkeiten in dem katholischen Kinderheim geben.

Die Autorin Bailey Seybolt studierte u.a. kreatives Schreiben an der Concordia University und lebt heute mit ihrer Familie in Vermont, nicht weit vom Lake Champlain entfernt. Ihr fiktionaler Debüt-Roman wurde von einer historischen Geschichte inspiriert.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Coram House | Erschienen am 11. September 2025 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-26431-0
384 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Coram House | Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Goga-Klingenberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Er sah ihr in die Augen, suchte etwas, aber sie wusste nicht, was. „Du hast mehr verloren, als ich je hatte. Aber du glaubst immer noch daran.“
„Ich habe alles gegeben für dieses Land“, sagte Ruth. „Ich habe Opfer gebracht.“
„So wie Abraham Isaak opfern wollte“, sagte Almog schwülstig.
„Isaak hat aber überlebt“, sagte Ruth. (Auszug Seite 388)

Der Roman beginnt 2009 in Miami mit Hanna, deren Mutter Esther verstirbt und ihr eine alte Holzschachtel überlässt. Darin unter anderem ein altes Foto: Eine lange Tafel mit Speisen, am Kopfende eine Frau, die Beschriftung „Pessach Seder, 1965“. Hiervon ausgehend springt die Geschichte rückwärts, zunächst ins Jahr 1989, später ins Jahr 1946. Ruth ist eine ungarische Jüdin, die vor den Nazis nach Palästina geflohen ist. Nun ist sie Teil der Untergrundbewegung, die auch mit Gewalt einen israelischen Staat gründen will. Sie ist kurz darauf eine der Gründerinnen des Kibbuz Trashim im Norden Israels. Im Kampf um die Staatsgründung werden Terrorakte gegen die Briten verübt, arabische Dörfer zerstört, die Bewohner teilweise getötet, teilweise vertrieben.

Der Roman folgt nun der Geschichte von Ruth und ihrer Familie, dazu gehört ihre Schwester Shosh, die das Konzentrationslager überlebt, ihrer Kinder und ihrer Enkel. Die Story springt in der Zeit voran, verharrt lange Zeit Ende Ende der 1940er und in den 1950er, um die Anfangsjahre Israels am Beispiel dieser Kibbuzgemeinschaft zu beschreiben, springt dann in die 1960er und 1970er, zu den Kindern und Enkeln, zum Sechs-Tage-Krieg und Jom-Kippur-Krieg. Dabei muss sich Ruth und ihre Familie immer wieder starken Widrigkeiten entgegenstellen, Gewalt und Tod bleiben ein ständiger Begleiter.

Mit „Maror“ hat Autor Lavie Tidhar schon Maßstäbe gesetzt. Der Thriller beschreibt die Geschichte des Staates Israel als eine Geschichte von Gewalt, Korruption, Skandalen und dem bitteren Geschmack von Realpolitik. In „Maror“ nahm sich Tidhar die Zeit von Mitte der 1970er-Jahre bis in die 2000er vor. Nun springt er mit „Adama“ noch weiter zurück, beginnt mit der Zeit kurz nach dem 2.Weltkrieg und kurz vor der Staatsgründung Israels 1948. Sein Projekt ist als Trilogie angelegt, der letzte Band „Golgotha“ soll dann bis in die Zeit der Anfänge des Zionismus Ende des 19.Jahrhunderts zurückreichen.

„Adama“ setzt den Ton des Vorgängers eigentlich konsequent fort, mit neuem Personal – nur punktuell taucht nochmal eine Figur aus „Maror“ auf. Es entwickelt sich eine düstere Geschichte einer Kibbuz-Familie. Eine Geschichte von erlebter und begangener Gewalt: Die Verbrechen der Nazis, die Flucht nach Israel, der Kampf gegen die britischen Besatzer und gegen die einheimischen Araber, das harte Leben im Kibbuz, die Kriege zur Verteidigung Israels, die Gewalt auch im Inneren zu Erhalt der eigenen Position. In „Adama“ beschreibt Lavie Tidhar, selbst in einem Kibbuz aufgewachsen, eine Familie in einem Selbstbehauptungskampf zwischen Liebe, Loyalität, Verrat und Tod. Im Zentrum steht dabei die Patriarchin Ruth, die gewillt ist, ihre Heimat, ihren Kibbuz, ihr Fleckchen Erde („Adama“ steht im Hebräischen für „Erde“) um buchstäblich jeden Preis zu verteidigen und dafür Grenzen zu überschreiten und schmerzhafte Opfer zu bringen.

Lavie Tidhars Romane aus dieser Trilogie erscheinen aktuell noch nicht in der hebräischen Übersetzung. Mit seinem Ansatz einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte des Staates Israel gilt der Wahl-Londoner in seiner Heimat sicherlich in einigen Kreisen als Nestbeschmutzer. Dennoch erscheint es nur konsequent, die dunklen Seiten der eigenen Geschichte auszuloten, um Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Jedenfalls bleibt Tidhar seinem eigenen Anspruch treu, auch bezüglich der historischen Darstellung der Ereignisse. Die Wucht und Spannung des Vorgängers wird für meinen Geschmack nicht ganz erreicht, erlangt aber durch die Verknüpfung mit einer erschütternden Familiengeschichte über die Jahrzehnte dennoch eine tragische Tiefe. „Adama“ ist jedenfalls ein würdiger Nachfolger von „Maror“ und bringt als historischer Roman über Israel eine ganz eigene Facette ein.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Adama | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47516-4
425 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Adama | Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Teil 1 der Trilogie, „Maror“