Kategorie: Politthriller

Martin von Arndt | Der Wortschatz des Todes

Martin von Arndt | Der Wortschatz des Todes

Irina Starilenko kam als Kind einer russisch-ukrainischen Familie nach Deutschland und arbeitete als Ermittlerin beim BKA. Ihr Bruder Konstantin hat sich linken Gruppierungen angeschlossen, die auch vor Straftaten nicht zurückschrecken. Um nicht kompromittiert zu werden, hat Irina ihre Stellung beim BKA aufgegeben und strebt nun eine private Anstellung in einer Wirtschaftskanzlei an. Doch nun wird sie von Konstantin um Hilfe gebeten: Sein ukrainischer Freund Oleksi wurde wegen Mordes an einem polnischen Geschäftsmann verhaftet, dem man Verbindungen bei Waffengeschäften zu Russland nachsagt. Oleksi hat den Mord sogar gestanden. Doch Konstantin weiß, dass Oleksi es nicht gewesen sein kann, hat er doch zum Zeitpunkt hunderte Kilometer entfernt mit ihm einen Brandanschlag auf ein von Nazis und Identitären benutztes Gebäude verübt. Irina und der Anwalt Julian Bergmann versuchen vergeblich, Oleksi zum Widerrufen seines Geständnisses zu überzeugen. Mit Hilfe alter Kontakte betriebt Irina nun eigene Ermittlungen und stößt auf Ungereimtheiten, insbesondere bei der Identität des Toten.

Autor Martin von Arndt hat bereits in der Vergangenheit mehrere Politthriller, zumeist mit interessantem historischem Background, veröffentlicht. So etwa „Tage der Nemesis“, in denen der Genozid an den Armeniern 1915 thematisiert wird, oder „Sojus“, der zur Zeit des Ungarn-Aufstands 1956 spielt. In diesem Roman geht von Arndt aber in die Gegenwart und beschreibt die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges in Deutschland und den langen Arm Russlands in die Bundesrepublik. Ein Mord geschieht, ein polnischer Waffenhändler stirbt, der scheinbar mit den Russen Geschäfte gemacht hat, der Mörder ein junger Ukrainer auf der Flucht vor dem Krieg. Doch so einfach, wie sie scheinen, sind die Dinge natürlich nicht.

Die Story wird fast ausschließlich aus der Sicht Irinas erzählt. Eher widerwillig erklärt sie sich bereit, ihrem Bruder zu helfen, zu dem sie trotz engem Familiensinn ein angespanntes Verhältnis hat, weil sie wegen ihm ihre BKA-Karriere beendet hat. Irina ist eine interessante und etwas unnahbare Hauptfigur. Hochintelligent, Kampfsportlerin, intersexuell geboren, die russisch-ukrainische Familie war bei markanten geschichtlichen Momenten wie dem Holodomor oder Tschernobyl involviert, ihr Bruder ein Linksextremist, ihre 15jährige Nichte eine versierte Hackerin. Sie befindet sich in einem neuen Lebensabschnitt, wirkt etwas einsam, versucht die Beziehungen zu alten Freundinnen wiederzubeleben. Irinas Lebensgeschichte als Migrantin in Deutschland wird im Plot regelmäßig aufgegriffen.

„Und das Gesicht?“
„Deutsch.“
Irina lachte. „Was ist ein deutsches Gesicht?“
Frau Babic zuckte mit den Schultern.
„Kann ich nicht genau sagen. Eines, dass es in Deutschland oft gibt. Ich habe keins. Sie auch nicht.“
Irina lächelte. „Und ist das gut?“
Frau Babic lächelte verschmitzt zurück.
„Kommt drauf an. Wollen Sie viele Männer haben? Dann ja. Aber wollen Sie lieber nicht auffallen, wenn die Nazis wiederkommen…? Dann nicht, hm-hm.“ (Auszug S. 106)

„Der Wortschatz des Todes“ (der etwas sperrige Titel ist ein Zitat des großen ukrainischen Autors Sergij Zhadan) besticht vor allem durch einen starken Plot mit starken Dialogen sowie die Aktualität und Unverbrauchtheit des Themas. Es gibt immer wieder Erklärungen, historische Ereignisse (vor allem zum russischen Angriffskrieg und der Vorgeschichte), die erwähnt und eingeordnet werden. Dies gelingt von Arndt jedoch zumeist sehr organisch im Plot. Unverbraucht ist auch die Protagonistin Irina Starilenko, obwohl der Autor ihr vielleicht etwas zu viel in die Biografie packt. Zusammengefasst ist der Roman aber absolut überzeugend und macht Lust auf weitere Bände mit Irina und ihrem armenischen Berghund Shun (der keine große Rolle hat, aber die Handlung immer wieder charmant auflockert).

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Der Wortschatz des Todes | Erschienen am 17.09.2025 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0712-3
288 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Vor 70 Jahren: Eric Ambler | Besuch bei Nacht

Vor 70 Jahren: Eric Ambler | Besuch bei Nacht

Normalerweise gibt es an dieser Stelle in unserer Rubrik „Asservatenkammer“ eine etwas ausführliche Einordnung des Autors oder der Autorin. In diesem Fall ist das aber nicht nötig, denn mit dem Autor Eric Ambler haben wir uns in der Vergangenheit schon häufig und ausführlich beschäftigt. An dieser Stelle seien die Beträge „Eric Ambler, ein Porträt“ und die zahlreichen Rezensionen zu seinen Werken sehr empfohlen. Dennoch in aller Kürze: Ambler hatte vor dem zweiten Weltkrieg zunächst in einer Werbeagentur gearbeitet, bevor er dann den Durchbruch als Thrillerautor hatte. Sein bekanntestes Werk ist bis heute sicherlich der 1939 erschienene Roman „Die Maske des Dimitrios“. Im Krieg arbeitete Ambler in der Armeefilmeinheit, legte eine Schaffenspause als Autor ein. 1951 erschient sein erster Roman nach dem Krieg, „Besuch bei Nacht“ schließlich 1956. Kurz darauf wird Ambler nach Hollywood gehen, um dort als Drehbuchautor für zehn Jahre zu arbeiten.

Der Roman beginnt im Urwald auf einer südostasiatischen Insel. Der britische Ingenieur Steve Fraser hat mehrere Jahre bei einem Staudammprojekt im fiktiven Staat Sunda gearbeitet. Sunda hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus der damaligen niederländischen Kolonie gebildet. Eine ehemalige Guerillatruppe ist nun an die Regierung der jungen Republik gekommen und nutzt nun Regierungsposten und schafft zweifelhafte Verwaltungsposten, um die ehemaligen Militärs finanziell zu versorgen. Korruption und Vetternwirtschaft blühen. So sind auch einige Offiziere zum Staudammprojekt gekommen, obwohl sie über keinerlei Qualifikation verfügen. Sie machen sich wichtig und keine Freunde unter den Ingenieuren. Einzig der Major Suparto fällt Fraser positiv auf. Die Republik Sunda ist aber noch nicht vollends befriedet. Der ehemalige Oberst Sanusi, ein Muslim, hat sich zum Rebellenführer aufgeschwungen und der neuen Regierung den Kampf erklärt. Sanusi hat sich ins Hinterland zurückgezogen und ist dort schwer zu bekämpfen.

Nun läuft Frasers Vertrag aus und er möchte nun auch angesichts weiterer Gräueltaten gegen ehemalige niederländische Kolonisten die Heimreise antreten. Er verbringt ein paar letzte Tage in der Hauptstadt Selampang, um dort auf seine Papiere zur Ausreise zu warten. Ein befreundeter Pilot lädt ihn ein, in dessen Dachgeschosswohnung im Air House, einem markanten, modernen, mehrstöckigen Gebäude, in dem sich auch der zentrale nationale Radiosender befindet, zu wohnen. Fraser gönnt sich entspannte Tage, lernt in einer Bar Rosalie kennen, Tochter einer Ehe eines Europäers und einer Einheimischen. Bei einem gemeinsamen Spaziergang fällt Fraser ein Jeep auf, den er Major Suparto zuordnet und ist irritiert, das Fahrzeug in der Hauptstadt zu sehen. Fraser und Rosalie verbringen die Nacht im Dachapartment. Als sie morgens aufwachen, ist plötzlich Aufruhr im Haus und Suparto steht im Apartment. Es ist ein Putsch im Gange, Suparto gehört zu Sanusis Rebellen und Fraser und Rosalie stehen ab sofort unter Hausarrest und die Wohnung ist für die Rebellen beschlagnahmt.

Ein Schweigen entstand. Rosalies Hand lag reglos in meiner.
„Das Apartment“, fuhr Suparto fort, „gehört einem australischen Piloten. Er hat es dem Engländer zur Verfügung gestellt. Ich gebe zu, die Situation ist nicht gerade angenehm.“
„Man hätte sie den Soldaten überlassen sollen“, sagte Roda gereizt. […]
Sanusi wandte sich ab, um ins Wohnzimmer zu gehen. „Die Sache ist unwichtig“, sagte er, „sie kann später gelöst werden.“ (Auszug S. 107)

Nach einer langen Schaffenspause von über zehn Jahren hatte sich Eric Ambler nach dem Zweiten Weltkrieg erst 1951 wieder mit einem neuen Roman zurückgemeldet. In „Der Fall Deltschev“ brach Ambler dann endgültig mit dem Kommunismus sowjetischen Stils, mit dem er vor dem Krieg durchaus – auch in seinen Romanen – sympathisiert hatte. In dieser zweiten Phase seines Schaffens als Autor zeitgenössischer Politthriller ging Ambler dann im Gegensatz zu manchen Kollegen weniger auf die Dynamiken der Großmächte im Kalten Krieg ein, sondern beschrieb die politischen und gesellschaftlichen Verwerfzonen an den Rändern, in „Besuch bei Nacht“ zum Beispiel im indonesischen Raum. Indonesien erlangte 1949 nach einem vierjährigen Krieg, der zumeist als Guerillakrieg geführt wurde, die Unabhängigkeit von den Niederlanden. In den Verhandlungen sollte Indonesien zukünftig als Föderation geführt werden, doch schon bald führte Präsident Sukarno das Land als Einheitsstaat, stark nationalistisch, gestützt durch das Militär und wirtschaftlich dem Kommunismus zugewandt. Damit waren die Spannungen zwischen den vielen Völkern und Religionsgemeinschaften vorprogrammiert. 1966 wurde geputscht und der durch die Amerikaner unterstützte General Suharto kam an die Macht und regierte mehr als dreißig Jahre diktatorisch.

In diesem Spannungsfeld siedelt Ambler seinen Plot an. Sein Protagonist ist wie üblich ein Unbeteiligter, dem im Verlauf der Handlung aber einiges an Verantwortung aufgebürdet wird. So ist es auch diesmal: Fraser, der anfangs sich mehr oder weniger nur unsichtbar machen will, um die Situation heil zu überstehen, gerät unter Druck, als man ihn von Seiten der Putschisten um ingenieurstechnische Hilfe bittet. Der Druck steigt noch, als er bemerkt, dass nicht alle Putschisten tatsächlich gegen die alte Regierung arbeiten. Fraser muss lavieren, um nicht nur sein Leben, sondern auch Rosalies zu retten, zu der er zunehmend Zuneigung entwickelt.

Eric Ambler schreibt wie gewohnt zurückhaltend und nüchtern, dennoch mit dosierter Spannung. Der Roman kommt stellenweise wie ein Kammerspiel daher, der Mittelteil spielt fast ausschließlich im Dachgeschossapartment. Ambler vermeidet eine klare Positionierung und eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der verschiedenen Lager, sondern beschreibt eher analytisch die schwierige Lage der Putschisten, ihren vermeintlichen anfänglichen Erfolg umzumünzen. Die Figuren bleiben ein wenig unausgegoren, aber Ambler war schon immer ein Meister die Mechanismen politischer Macht zu beschreiben und war damit damals immer auf der Höhe der Zeit oder dieser sogar voraus. Der heutige Leser muss sich aber von den aktuellen Erwartungen an einen Thriller lösen, obwohl für Amblers Verhältnisse viele Geschosse durch die Gegend fliegen. Letztlich reiht sich „Besuch bei Nacht“ nahtlos in Amblers Gesamtwerk ein und bietet intelligente Unterhaltung mit politisch-gesellschaftlichen Stoffen, die zumeist bis in die heutige Zeit Relevanz behalten haben.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Besuch bei Nacht | Erstmals erschienen 1956
Die gelesene Ausgabe erschien 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-65115-7
256 Seiten | 12,- €
Originaltitel: The Night-Comers | Übersetzung aus dem Englischen von Wulf Teichmann
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Eric Ambler

Magdalena Parys | Der Magier

Magdalena Parys | Der Magier

Kowalski beeilte sich, nach Hause zu kommen. Im Bad stellte er seinen Laptop auf einen Schemel, ließ sich eine Wanne ein, in der er eine halbe Ewigkeit zubrachte. Immer wieder spulte er die Aufnahme ein Stück zurück, ließ ab und zu heißes Wasser nachlaufen. Der alte Stöpsel verschloss den Abfluss nicht mehr richtig. Als wäre es ein Bild für diesen Fall, dachte Kowalski tiefsinnig. Dass ständig irgendwo etwas durchsickert und verrinnt. (Auszug S. 386-387)

Der Roman beginnt in Sofia, Bulgarien, 2011. Mit einem Mord. Der ehemalige Fotoreporter Gerhard Samuel betreibt Recherchen und sucht nach Dokumenten zu einem alten Vermisstenfall. 1980 ist der polnische Ingenieur und Oppositionelle Piotr Boszewski bei einem Bulgarienurlaub spurlos verschwunden. Boszewski ist der Mann seiner Lebensgefährtin und Vater von Dagmara Bosch, einer bekannten TV-Journalistin und Moderatorin. Gerhard recherchiert gemeinsam mit Burkhard Seidel, dessen Söhne 1985 beim Versuch die bulgarische Grenze zu überschreiten ums Leben kamen. Beide vermuten, dass es damals nicht mit rechten Dingen zuging, sowohl bei Seidels Söhnen, bei Boszewski und bei einigen anderen. Sie wollen Beweise sammeln, dass damals unter Federführung der Stasi diese Menschen mit Absicht getötet wurden. Ebenfalls bei der Recherche dabei ist der ehemalige Stasi-Mitarbeiter Frank Derwald, seine Rolle bleibt allerdings lange unklar.

In Sofia wird Gerhard zunächst abgewimmelt, doch Derwald spielt ihm Unterlagen und Negative zu. Als er diese entwickelt, erhält er zum ersten Mal einen konkreten Hinweis auf Beteiligung eines Stasi-Offiziers, Christoph Schlangenberger, heute ein einflussreicher Politiker einer populistischen Partei mit guten Chancen auf ein Regierungsamt. Als Gerhard die Brisanz erkennt, will er schleunigst Bulgarien verlassen. Doch er kommt nur in eine Querstraße in der Nähe des Hotels, bricht dort tot zusammen. Seine Erkenntnisse konnte er jedoch noch an Seidel übermitteln und auch die Unterlagen sind noch nicht verloren: Der Mann von der Hotelrezeption soll diese nach Deutschland bringen.

Kurz darauf wird die Berliner Polizei in ein heruntergekommenes Wohnhaus gerufen, das inzwischen von Roma-Familien besetzt wird. Im Bad einer Wohnung ist die brutal verstümmelte Leiche von Frank Derwald gefunden worden. Derwald ist Mitarbeiter von Christoph Schlangenberger, die Ermittlungen werden von oben stark behindert. Kommissar Kowalski wird allerdings von seinem Vorgesetzten Tschapieski trotzdem auf den Fall angesetzt, denn Tschapieski war ein Freund der Familie Boszewski und hat Kenntnis über die Recherchen. Er stellt auch den Kontakt zu Dagmara Bosch her, die von den Unterlagen aus Sofia Kenntnis erlangt hat. Währenddessen versucht Schlangenberger mit Hilfe seiner Securityfirma und seiner rechten Hand Ernesto seine Spuren um jeden Preis weiter zu verwischen.

Die polnische Autorin Magdalena Parys ist gebürtig aus Danzig, lebt aber bereits seit ihrer Jugend Mitte der 1980er in (West-)Berlin und hat dort auch Polonistik und Erziehungswissenschaften studiert. Ihr Debütroman „Tunnel“ erschien 2014 in deutscher Übersetzung. Im gleichen Jahr erschien auch der vorliegende Roman „Magik“ im Original. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, gewann auch den Literaturpreis der Europäischen Union. Die vorliegende deutsche Übersetzung stammt von Lothar Quinkenstein, der auch schon Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk übersetzt hat.

Magdalena Parys schreibt hier einen Politthriller mit aktuellen (Rechtspopulismus) und historischen Bezügen (Verbrechen der Staatssicherheit). Die Ereignisse in „Der Magier“ sind zwar rein fiktiv, dennoch gab es schätzungsweise hundert Personen, die beim Versuch, die bulgarische Grenze zu überqueren, zu Tode gekommen sind. Und natürlich gab es auch tödliche Aktionen der Staatssicherheit sowohl in der DDR als auch in Polen gegen Oppositionelle. Diese Fakten verarbeitet die Autorin zu einer interessanten Handlung mit Bezügen zum aktuellen Politgeschehen. Es geht auch ums deutsch-polnische Verhältnis und der manchmal schwierige Bezug der Exilpolen zu ihrer Heimat.

Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven und mit einem Erzähler vorgetragen, der insbesondere Geschehnisse aus der Vergangenheit aus dem Blickwinkel der jeweiligen Person nacherzählt. Das ist allerdings auch mein größter Kritikpunkt an diesem grundsätzlich interessanten Roman: Es wird zu viel drumherum erzählt und eine gewisse Straffung hätte der Geschichte gut getan. Eigentlich ist es ja durchaus ein löbliches Unterfangen, den Figuren Leben und Hintergrund einzuhauchen. Aber hier wird es für meinen Geschmack zu sehr übertrieben. Da werden wichtige Szenen mit viel Hintergrundmaterial unterbrochen und damit zumindest mein Lesefluss etwas gestört. Die Spannungskurve verflacht dadurch ebenfalls manchmal fast völlig, zumindest in der ersten Hälfte des Romans. Das ist etwas schade, denn ansonsten fand ich Personal und Handlung ansprechend, das Thema interessant. So bleibt am Schluss aber trotz der genannten Schwächen dann doch ein überwiegend positives Fazit.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Der Magier | Erschienen am 22.01.2025 im Polente Verlag
ISBN 987-3-9505744-0-1
560 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Magik | Übersetzung aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Adam LeBor | District VIII

Adam LeBor | District VIII

Budapest, Spätsommer 2015: Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise stranden viele Flüchtlinge in der ungarischen Hauptstadt. Besonders prekär ist die Situation rund um den Bahnhof Keleti pályaudvar. Der Kommissar Balthazar Kovács erhält von einer unbekannten Nummer eine Nummer mit einer Adresse und einem Foto, das einen leblosen, wahrscheinlich toten Mann zeigt, den äußeren Merkmalen nach vermutlich ein Flüchtling. Doch als Balthazar das Gelände erreicht, ein Trümmergrundstück, ist dort keine Leiche. Stattdessen tauchen ein paar finstere Gestalten der Gendarmerie auf, eine neue Polizeieinheit direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt, und macht Balthazar klar, dass er hier nicht zu suchen hat. Doch er konnte vorher unbemerkt noch eine SIM-Karte sicherstellen.

Zeitgleich hat auch Eniko Szalai, Journalistin eines erfolgreichen Online-Magazins und Exfreundin von Balthazar, das Foto erhalten und kann bei Recherchen rund um den Keleti eine junge Syrerin ausfindig machen, die ihren Mann vermisst. Wie sich herausstellt, ist auf dem Foto Simon Nazir aus Aleppo. Er konnte seiner Frau nur noch einen Zettel mit dem Wort „Gärtner“ hinterlassen. Hinter dem „Gärtner“ verbirgt sich ein Krimineller, Folterer und Islamist, der nun offenbar in Budapest gesehen wurde. Als Balthazar im Keleti-Bahnhof von Unbekannten verprügelt wird und Enikos Handy im Tumult entwendet wird, arbeiten beide zusammen. Sie müssen nach und nach feststellen, dass die ganze Sache viel größere Ausmaße hat als angenommen, bis hin zum Ministerpräsidenten und der Justizministerin.

Dem Leser wird dies schon früher klar, denn Adam LeBor erzählt aus verschiedenen Perspektiven und schnell wird klar, das Ministerpräsident Pálkovics und Justizministerin Bárdossy ihr eigenes Süppchen kochen, es geht um Geschäfte mit arabischen Investoren, Schwarzgeldkonten, offizielle ungarische Pässe, die illegal ausgestellt werden, radikale Islamisten, die mit dem Flüchtlingsstrom in den Westen einreisen, Geschäfte mit illegalen Schleppern. Auch ausländische Geheimdienste sind involviert sowie kriminelle Banden in Budapest. In dieser Gemengelage stechen Balthazar und Eniko in ein Wespennest, werden aber auch teilweise von Dritten zum eigenen Vorteil benutzt.

„Aber jetzt zählte Budapest wieder, was bedeutete, sie brauchten sie. Internationale Verbrecherbanden hatten ihre Hauptquartiere in der Stadt aufgeschlagen, […]. Budapest war ein Tor zum Westen – für jeden, von den Triaden Hongkongs bis zu korrupten amerikanischen Konzernen… und jetzt auch noch für Dschihadisten.“ (Auszug E-Book, Pos. 3999)

Das Herausstechende an diesem Roman ist sicherlich die verschiedenen prägnanten Figuren, allen voran die Hauptfigur Balthazar Kovács. Balthazar zählt als Rom zu den Minderheiten in Ungarn und Außenseitern im Polizeiapparat. Umgekehrt aber auch als Polizist in der eigenen Familie, zumal sein Bruder Gáspár eine der Unterweltgrößen Budapests ist. Der Autor beschreibt diese Verhältnisse sehr versiert, gibt immer wieder Einblicke in die Kultur und die Tradition der Roma, ohne Probleme zu verklären. Gleichzeitig zeichnet er ein facettenreiches Bild von Budapest, insbesondere vom titelgebenden XIII. Bezirk, ein Gründerzeitviertel, immer noch zahlreich von Minderheiten bewohnt.

„District VIII“ beginnt mit der Suche nach einer verschwundenen Leiche und einem Mörder, weitet sich aber schnell zu einem rasanten Politthriller mit Verschwörungsszenario aus. Trotz zahlreicher Spannungsszenen nimmt sich Adam LeBor aber Zeit für die Hintergründe seiner Figuren und der Schilderung einer sehr ambivalenten ungarischen Gesellschaft zwischen Demokratie, Korruption, Freiheit, Gastfreundschaft und Rassismus sowie den wachsenden Einflüssen von außen. LeBor widersteht dem simplen Manöver, die Figur des fiktiven Ministerpräsidenten Victor Orban nachzuempfinden, sondern installiert stattdessen einen fiktiven Sozialdemokraten (und Ex-Kommunisten), um zu zeigen, dass das Problem der schwierigen Demokratie und kleptokratischen Politikerkaste mitnichten an einer Partei festzumachen ist. Bei minimalen Abstrichen (etwa der Überspitzung mancher Szenen oder etwas zu ausführlichem kulturellem Dozieren) gelingt dem Autor, der viele Jahre als britischer Korrespondent in Ungarn tätig war, eine lesenswerte Mischung aus Krimi und politischem Thriller mit einem sehr spannenden Setting. Drei Romane um Balthazar Kovács (der englische Verlag scheut nicht den Begriff „Gypsy Cop“) hat Adam LeBor bereits veröffentlicht, bleibt zu hoffen, dass diese bald ebenfalls in deutscher Übersetzung erscheinen.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

District VIII | Erschienen am 15.01.2023 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-66-6
400 Seiten | 26,- €
Originaltitel: District VIII | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Oliver Bottini | Einmal noch sterben

Oliver Bottini | Einmal noch sterben

Sein Leben kann nur so enden. Hier, an diesem Tag, die Mündung seiner eigenen Pistole am Kopf. Weil er nichts versteht von dem Leben, das er sich ausgesucht hat.
Er wartet auf die Kraft der Verzweiflung, doch sie kommt nicht. Wie auch, er ist in diesem einen langen Krieg zu viele Tode gestorben.
Einmal noch sterben, denkt er fast erleichtert. Dann ist dieser lange Krieg endlich vorbei.
Er hört den Tod, spürt ihn nicht. (Auszug E-Book Pos. 2666)

Am 05. Februar 2003 hatte US-Außenminister Colin Powell einen großen Auftritt im UN-Sicherheitsrat. Anhand angeblicher Quellen und mit zahlreichen Fotos und Satellitenaufnahmen garniert, lieferte Powell vermeintlich die Beweise für ein Bio- und Chemiewaffenprogramm von Iraks Diktator Saddam Hussein. Damit war trotz Gegenmeinungen und Weigerung einiger Verbündeter (u.a. Deutschland) der Weg frei für den zweiten Irakkrieg und den Sturz des Saddam-Regimes. Stabilität und Demokratie hat dies nicht wirklich in die Region gebracht.

Die Hauptquelle für die Amerikaner war damals eine Quelle des BND, der irakische Asylbewerber Rafid Ahmed Alwan, genannt Curveball. Er lieferte aus Sicht des BND zunächst glaubhafte Aussagen, als Ingenieur am Bio- und Chemiewaffenprogramm des Irak beteiligt gewesen zu sein. Aussagen, die die Amerikaner mangels eigener Quellen gerne aufnahmen. Nach und nach wurde Curveballs Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen, zumal im Laufe des Irakkriegs keine entsprechenden B- und C-Waffenarsenale gefunden wurden. 2011 gab Alwan schließlich zu, hierüber gelogen zu haben. Soweit die historische Ausgangslage für Oliver Bottini, die er nun in seinem neuesten Politthriller verarbeitet hat und um eine interessante Variante ergänzt: Was, wenn BND und die Amerikaner schon früh von Curveballs Lügen wussten bzw. ihn bewusst zu einer falschen Quelle aufgebaut haben?

Im Frühjahr 2003 steckt die deutsche rot-grüne Regierung in einer ungünstigen Lage. Deutschland hat nach 9-11 am Feldzug gegen al-Qaida in Afghanistan teilgenommen, eine Beteiligung an einem Krieg im Irak aber auch aus wahltaktischen Gründen früh ausgeschlossen. Aber ausgerechnet eine Quelle des BND liefert den Amerikanern den Kriegsgrund. Das Kanzleramt und der Geheimdienstkoordinator möchten Curveball auf den Zahn fühlen und beauftragen die BKA-Beamtin Hanne Lay, Curveball zu befragen. Zeitgleich meldet sich der französische Geheimdienst: Eine Informantin in Bagdad kann angeblich Beweise gegen Curveball liefern. Die Deutschen sollen helfen, die Informantin und die Beweise zu sichern. Somit schickt der Geheimdienstkoordinator ein Team des BND nach Bagdad. Entwicklungen, die einigen Personen im deutschen Geheimdienstmilieu überhaupt nicht gefallen. Curveball als glaubwürdiger Zeuge muss unter allen Umständen geschützt werden. Dafür ist man auch bereit, eigene Leute zu opfern.

Drei Personen stellt Autor Oliver Bottini ins Zentrum der Geschichte, die sich vorwiegend in ihren Perspektiven abwechseln. Frank Jaromin ist BND-Agent, abkommandiert von der Bundeswehr und als Scharfschütze im Einsatz. Seine Familie weiß nichts von seinen Geheimoperationen, sie zerbricht so langsam unter den Heimlichkeiten und seinen Dämonen, die er mit Tabletten und Alkohol bekämpft. Jaromin ist vor allem von seiner Frau und seinem 14jährigen Sohn entfremdet, einzig seine 11jährige Tochter Alina hat noch eine enge Bindung zu ihm. Jaromin wird – so viel darf ich spoilern – zum Sündenbock für den verpatzten Einsatz in Bagdad. Hanne Lay ist Sonderermittlerin des BKA im Auftrag des Kanzleramts, muss sich aber der Täuschungs- und Tarnungsaktion des BND erwehren. Ihre Gegenmaßnahmen bringen sie selbst aber in hohe Gefahr. Persönlich leidet sich bis heute unter dem Trauma, dass als sie noch ein Kind war, ihre Eltern in ihrem Beisein von einem Einbrecher ermordet wurden und der Mörder nie gefasst wurde. Letztlich Hans Breuninger, ehemaliger Präsident des BND, immer noch gut vernetzt und Kopf einer Geheimgruppe, die eng mit konservativen Kräften in den USA zusammenarbeitet. Ein alter Mann, dem nicht viel bleibt außer seinem alten Hund und ein nicht zu unterschätzender Rest an Macht, und an dem der Tod seines Sohnes nagt, der beim Einsturz des World Trade Centers ums Leben kam.

Männer wie Sie, die gegen die Drachen kämpfen und dabei blind und taub geworden sind in ihrer vermeintlichen Unentbehrlichkeit. Blind tappen sie in schlichte Fallen, taub hören sie Wörter, die nicht gefallen sind, unfehlbar töten sie Menschen, die sie hätten beschützen müssen. Und damit sie bleiben, wie sie zu sein glauben, manipulieren sie ihren Körper mit Medikamenten, den Verstand mit Alkohol, die Seele mit ihren Legenden. (Auszug E-Book Pos. 3238)

Oliver Bottini ist neben seiner Reihe um die Freiburger Kommissarin Louise Boní (die auch immer sehr politisch war) als versierter Autor von Stand-Alone-Politthrillern bekannt, etwa „Ein paar Tage Licht“ über deutsche Waffenexporte ins instabile Algerien. Nun hat er sich des Falls „Curveball“ angenommen und präsentiert eine alternative fiktionale Version mit einer Geheimgruppe, einem Staat im Staate, der genug Macht besitzt, um offizielle Missionen des Kanzleramts und des BKA zu sabotieren und dabei den Tod deutscher Polizeibeamten oder Geheimdienstagenten in Kauf zu nehmen. Eine interessante Version, die man am Ende zumindest in Betracht zieht, wenn man die ganzen Lügen rund um den Irakkrieg im Nachhinein betrachtet.

Dabei entpuppt sich Bottini wieder einmal als begnadeter Autor, der die richtige Mischung aus spannenden und durchaus actionreichen Einsatzszenen, politisch-geheimdienstlichem Hintergrundplot und persönlichen Dramen der Betroffenen findet und auch mit literarischem Anspruch zu Papier bringt. „Einmal noch sterben“ beweist wieder einmal des Autors herausragender Stellung in diesem Genre.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Einmal noch sterben | Erschienen am 16.08.2022 im Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-8251-9
432 Seiten | 25,- €
als E-Book: ISBN 978-3-8321-8251-9 | 19,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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