Kategorie: Kriminalroman

Monika Geier | Antoniusfeuer (Band 8)

Monika Geier | Antoniusfeuer (Band 8)

Am Anfang führt Monika Geier den Leser ganz charmant in die Irre, denn der Fall, der sich auf den ersten Seiten ausbreitet, der Fall, weswegen Kommissarin Bettina Boll aus dem freien Tag gerufen und ein Kollege mit falschem Glaubensbekenntnis abzogen wird, spielt bald keine echte Rolle mehr. Ein afghanischer Flüchtling, Mörder eines jungen Mädchens, wird tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden. Ein Fall von großer Brisanz, denn schnell bilden sich Gerüchte, dass der Selbstmord doch nicht so eindeutig war. Ein sehr denkbares Sujet für so manch anderen Kriminalroman. Doch Monika Geier benutzt die Konstellation nur als Vehikel, um ins pfälzische Dorf Frohnwiller zu gelangen.

Denn im Koran des toten Afghanen wird ein Totenzettel gefunden, eine Einladung zu einer längst vergangenen Beerdigung, mit einem Bild, das einen Ausschnitt aus dem berühmten Isenheimer Altar zeigt: Die Versuchungen des heiligen Antonius, der von diversen Dämonen angegriffen wird. Das Bild hat der Tote von einem katholischen Sozialarbeiter namens Moritz Johann, genannt Mojo, Hansen aus Frohnwiller. Dieser hat den Flüchtling regelmäßig im Gefängnis besucht und angedeutet, Dämonen austreiben zu können.

In Frohnwiller angekommen trifft Bettina Boll auf seltsame Begleitumstände bezogen auf die katholische Gemeinschaft im Dorf. Der Dorfpfarrer ist vor Kurzem bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seine Stelle ist vakant. Der Sozial- und Jugendarbeiter Mojo ist allgemein gut gelitten, aber ist bei einem Drogentest positiv auf LSD getestet worden. Er hat großes Interesse am Thema Exorzismus und hatte sich selbst einem kirchlichen Verfahren unterworfen, das nach seinem Drogentest allerdings im Sande verlief, auch weil die mit dem Fall betraute kirchliche Juristin seit einiger Zeit vermisst wird. Als auch Mojo Hansen spurlos verschwindet, gleichzeitig in der Frohnwiller Kirche Darstellungen von Maria mit Kind geschwärzt werden und im Pfefferstreuer des Jugendheims gefährliches Mutterkorn gefunden wird (das eine Mykotoxikose, auch bekannt als Antoniusfeuer, auslösen kann), hat sich Bettina Bolls Fall endgültig Richtung Frohnwiller verschoben.

Die Sonne schickte Lichtspiele von draußen herein. Blätter, die grünliche Schatten warfen, tönten die Strahlen und malten helle Kringel an die Wand. Vögel sangen. Bettina sah all das und fragte sich, wie sie diesen Raum je hatte hässlich finden können.
Weil alles, was schön ist, sagte eine Stimme, die ausnahmsweise nicht Barbas war, sondern ihre eigene, dir irgendwann voll eine reinhaut. Weil es schrecklich ist, wenn du mit niemandem mehr teilen kannst. Weill alle immer weggehen. Weil du dann alles vergessen musst, was jemals gut war, weil du sonst auch stirbst.
Und was, wenn ich aber nicht alles vergessen will?, dachte sie, plötzlich rebellisch. Was, wenn ich nicht sterbe? (Auszug S.77)

Und natürlich hat Bettina Boll auch ihre eigenen Päckchen zu tragen: Halbtags-Polizistin mit schwieriger Konstellation auf der Dienststelle und einem unsouveränen Chef, mit dem sie allerdings freundschaftlich verbunden ist, alleinerziehende Stiefmutter der beiden Teenagerkinder ihrer verstorbenen Schwester, Besitzerin eines großen, unheimlichen Hauses ihrer ungeliebten verstorbenen Tante, ein etwas aufdringlicher Nachbar. Insbesondere bezüglich des neuen Zuhauses der Bolls greift Geier den Handlungsstrang aus dem Vorgängerband „Alles so hell da vorn“ auf, der immerhin schon sechs Jahre zurückliegt.

„Antoniusfeuer“ ist inzwischen der achte Band um die pfälzische Kommissarin, die – so viel darf man vorweg nehmen – am Ende des Romans endlich auch mal befördert wird. Und sich damit auch direkt vor ihren Kindern (zu Unrecht) rechtfertigen muss. Ansonsten ist alles, was ich vor Jahren mal über diese Bettina Boll geschrieben habe, immer noch wahr: Rau, widerborstig, etwas chaotisch, aber auch empathisch, unermüdlich, anständig, integer. Hier zeigt sich aus meiner Sicht auch eine der großen Stärken der Autorin, die nicht nur ihre Hauptfigur, sondern alle Figuren äußerst fein behandelt und tiefgründig zeichnet. Neben Bettina Boll verfolgt der Leser zudem die Perspektive von Elle Kling, Esoterikerin und Putzfrau in der katholischen Gemeinde.

„Das Böse an sich würde wahrscheinlich kein Katholik anzweifeln. So wie die meisten Polizisten.“ Diesmal blieb Rosenmorgens Lächeln fast unsichtbar. „Es geht um die Art, wie es sich manifestiert. Je konkreter Sie es sich vorstellen, desto leichter ist die Vorstellung zu missbrauchen.“ (Auszug S.132)

Glaube, Zweifel, (innere) Dämonen und Zwänge, persönliche und Glaubenskonflikte, Ringen mit dem System Kirche: Monika Geiers Romanen sind nicht für ihre Unterkomplexität bekannt und das setzt sich bei „Antoniusfeuer“ fort, aber gerade dadurch hebt sie sich vom normalen deutschen Krimiallerlei deutlich ab. Die Autorin überzeugt durch einen fein verwebten, intelligenten Roman mit scharf gezeichneten Figuren, starken Dialogen, regelmäßig wunderbar platzierten lakonischen Einschüben und einem im Genre relativ unverbrauchtem, aber dadurch umso interessanten Thema.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Antoniusfeuer | Erschienen am 18.09.2023 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-270-8
432 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 7 „Alles so hell da vorn“

Erin Flanagan | Dunkelzeit

Erin Flanagan | Dunkelzeit

Erin Flanagans Debüt führt uns ins ländliche Nebraska in ein kleines beschauliches Örtchen. Gunthrum wird Mitte der 80er Jahre zum Schauplatz eines tragischen Ereignisses, als die junge Peggy Ahern spurlos verschwindet. Mit Hal, einem 25-jährigen, geistig beeinträchtigtem Mann ist schnell ein Verdächtiger gefunden. Der junge Mann ist mit routinierten Arbeiten auf der Farm von Alma und Clyle Costagan beschäftigt und war zum ersten Mal mit Freunden zum Jagen gewesen. Sehr zum Leidwesen von Alma, die befürchtet, dass Hal von den anderen nur verarscht wird. Alma und Clyle hatten den jungen Mann eingestellt und kümmern sich auch sehr liebevoll um ihn, fast wie um das eigene Kind, das ihnen bisher verwehrt blieb.

Wie befürchtet war auf dem Fußboden im Haus ein hässlicher rosa Fleck. Clyle stemmte die Hände in die Hüften. „Wo ist sie?“ „Wer?“ „Die Hirschkuh.“ Hal biss sich auf die Unterlippe. „Ich hab sie zum Müllplatz gebracht.“ … „Wie hast du sie dort hinbekommen?“ „Mit der Schubkarre.“ Clyle seufzte. „Die müssen wir also auch noch sauber machen.“ (Auszug S. 40- 41)

Nachdem Hal ohne seine Kumpels mit einem blutverschmierten und verbeulten Pick-Up von der Jagdtour zurückkehrt, erzählt er eine nicht ganz schlüssige Geschichte mit einer illegal erlegten Hirschkuh. Unfähig die Konsequenzen seines Handelns nachzuvollziehen, verstrickt er sich immer mehr in Widersprüche. Im alkoholisierten Zustand neigte er in der Vergangenheit auch schon mal zu Gewaltausbrüchen und schwärmte für die hübsche Peggy. Als dann rauskommt, dass die 17-Jährige letztmalig in der Kneipe „Castle Farm“ gesehen wurde und auch Hal sich angeblich an dem Abend da aufgehalten haben soll, ist für die Anwohner die Sache klar. Gerüchte verbreiten sich wie ein Lauffeuer und Hal sieht sich ersten Vorwürfen und offenen Anfeindungen ausgesetzt.

Alma und Clyle werden mit einer unbequemen Realität konfrontiert und fragen sich, ob Hal tatsächlich in der Lage wäre, einem Mädchen etwas anzutun. Trotzdem versuchen sie alles, um Hal zu schützen und vor Unrecht zu bewahren. Die beiden sind vor 14 Jahren aus Chicago nach Gunthrum gezogen, um nach dem Tod von Clyles Eltern die Farm zu übernehmen. Clyle bewirtschaftet die Farm einschließlich Schweinezucht und die ehemalige Sozialarbeiterin Alma fährt den Schulbus.

Clyle beugte sich vor und kraulte eines der Ferkel hinter dem Ohr, und die anderen kamen herbeigelaufen. Sie schnüffelten wie eine Hundemeute an seiner Hand und hofften auf seine Zuneigung. „Immer noch unglaublich niedlich“, sagte er, und sie fragte sich, wie zwei Menschen so unterschiedliche Sichtweisen haben konnten. (Auszug S. 7)

Erin Flanagan konzentriert sich in ihrem Debüt-Roman auf die Ehe zwischen Alma und Clyle, die durch lang verdrängte Probleme und eine große Kommunikationslosigkeit gekennzeichnet ist. Alma ist nur Clyle zuliebe aufs Land gezogen. Es sollte nur für eine Saison sein und obwohl die Landwirtschaft sich immer weniger rentiert, sind sie geblieben. Während Clyle sich sehr wohl fühlt, ist Alma todunglücklich. Sie findet hier keinen Anschluss, eckt mit ihrer schroffen, mürrischen Art oft an und kommt mit den kleinstädtischen Strukturen und den Geschlechterrollen nicht zurecht. Alma ist verbittert und hat sich in eine aggressive Sturheit geflüchtet, wenn es um ihren geliebten Hal geht. In einer weiteren Erzählperspektive erfahren wir von Milo, dem 12-jährigen Bruder von Peggy. Der introvertierte Junge hofft, dass seine lebenslustige Schwester einfach mal abgehauen ist und schnell wieder auftauchen wird. Er ist sogar erst sauer, dass die allseits beliebte Peggy mal wieder alle Aufmerksamkeiten bekommt. Dabei entgeht ihm nichts und in seiner ruhigen Art blickt er hinter die Fassade der Erwachsenen.

Eigentlich ein Roman, der vom Setting und Plot genau meins ist. Dass der Kriminalfall nur untergeordnet und polizeiliche Ermittlungen nur am Rande stattfinden, stört mich gar nicht. Flanagan, eine Professorin für Englische Sprache und Literatur betreibt mehr eine Milieu- und Sozialstudie über eine typische Kleinstadtidylle in den 80ern, in der jeder über jeden Bescheid weiß und Gerüchte sich schnell herumsprechen. Aber der mehrfach ausgezeichnete Roman konnte mich nicht richtig packen und irgendwie sprang der Funke nicht über. Ich habe das einfach schon zu oft gelesen und vor allen Dingen besser.

In vielen Dialogen offenbart die Autorin die Vergangenheit einzelner Dorfbewohner und wir erfahren von ihren Sorgen und Nöten, ihren Geheimnissen, Sehnsüchten und Affären. Die persönlichen Dramen lesen sich wie aus dem Leben gegriffen und sind weniger spektakulär als vielmehr banal. Dabei vernachlässigt sie die Spannungskurve und versäumt es, die Situation sich zuspitzen und eskalieren zu lassen. Es plätschert einfach so vor sich hin und endet in einer beliebigen Überführung des Täters.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Dunkelzeit | Erschienen am 18. Mai 2023 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-145-9
368 Seiten | 25,- Euro
Originaltitel: Deer Season | Übersetzung aus dem Englischen von Cornelius Hartz und Stefanie Kremer
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2023

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2023

Kurzrezensionen Juni 2023

 

 

Chris Offutt | Ein dreckiges Geschäft (Band 2)

Mick Hardin ist eigentlich Militärpolizist und Ermittler bei der US Army in Deutschland. Doch eine landwierige Verletzung an seinem Bein kuriert er in seiner alten Heimat aus, in den Kentucky Hills. Dort ist seine Schwester Linda Sheriff und gerade im Wahlkampf. Als ein bekannter Drogendealer, Barney Kissick, ermordet aufgefunden wird, vermutet die Polizei Rivierkämpfe unter Dealern und schenkt dem Fall keine große Aufmerksamkeit. Shifty Kissick, die Mutter des Toten, bittet Mick, sich mal umzuhören und herauszufinden, wer Ihren Sohn getötet hat. Micks heimliche Ermittlungen bleiben nicht verborgen und bald bleibt es nicht bei Barney als einzigem Toten.

„Ein dreckiges Geschäft“ ist der zweite Band mit dem rauen, unnahbaren Ermittler Mick Hardin, den eine Art Midlife Crisis wieder in die Heimat verschlagen hat, wohl auch weil seine Frau, die längst mit einem anderen zusammenlebt, endlich die Scheidung will. Hardin passt damit aber wunderbar in dieses bergige Kentucky, wo die Menschen eher schweigsam sind und nicht viel von sich preisgeben. Auf den Figuren und der Porträtierung dieses Menschenschlags konzentriert sich Autor Chris Offutt in seinem hartgesottenen Provinznoir, dies gelingt ihm wirklich hervorragend. Für mich fällt der Plot, der etwas schematisch nur in der Mikroperspektive bleibt und am Ende in eine Vendetta mündet, dafür etwas ab. Die starken Figuren entschädigen aber für vieles.

 

Ein dreckiges Geschäft | Erschienen am 28.10.2022 bei Tropen
ISBN 978-3-608-50186-5
268 Seiten | 17,- €
Originaltitel: Shifty’s Boys | Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: noir/hardboiled

 

 

James Lee Burke | Angst um Alafair (Band 20)

Die Robicheaux‘ nehmen eine Auszeit in Montana, als Alafair nur knapp einem Mordanschlag entkommt. Kurz darauf wird die Leiche der Adoptivtochter des lokalen Ölbarons Love Younger ermordet aufgefunden. Alafairs Verdacht fällt auf den brutalen Serienmörder Asa Surrette, doch der ist angeblich bei einem Unfall eines Gefangentransports ums Leben gekommen. Als weitere Gewalttaten geschehen, glaubt auch Dave Robicheaux so langsam, dass Surrette seine Finger im Spiel haben könnte. Doch auch Love Younger ist kein Unschuldslamm. In den Bergen Montanas spitzt sich die Lage langsam zu, und Dave und Clete Purcel stehen wieder vor der Zerreißprobe, wie viel eigene Gewalt die Gerechtigkeit rechtfertigt.

Auf James Lee Burkes unverwüstlichen Ermittler Dave Robicheaux lasse ich eigentlich nichts kommen, wenn man diese Reihe liest, bekommt man kraftvolle Prosa mit beeindruckenden Naturbeschreibungen und tief ausgeleuchteten Figuren mit allerlei Grauschattierungen. Das ist hier im 20. Band auch der Fall, nur treibt Burke das arg auf die Spitze und hätte sich auch etwas kürzer fassen können. Interessant an diesem Band ist der große Raum, den Robicheaux‘ und Purcels Töchter, Alafair und Gretchen, erhalten. Aber aufgrund gewisser Längen diesmal leichte Abzüge, aber die Reihe bleibt trotzdem sehr empfehlenswert. Im Juli 2023 erhält die Reihe übrigens mit Erscheinen von „Verschwinden ist keine Lösung“, Band 23, einen (vorläufigen) Abschluss. Ein großes Lob an den Pendragon Verlag.

 

Angst um Alafair | Erschienen am 27.02.2023 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-944751-22-1
672 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Light of the World | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: noir/hardboiled

 

 

Liz Nugent | Kleine Grausamkeiten

Die Drumms sind eine irische Familie aus Dublin mit drei Söhnen. Zu Beginn erfährt der Leser, dass zwei der Brüder den dritten beerdigen. Und man schwant schon, dass die beiden Überlebenden nicht ganz unschuldig am Tod des Dritten sein dürften. Wie es nun dazu kam, folgt nun auf knapp vierhundert ziemlich unterhaltsamen Seiten.

Immer abwechselnd erzählt die Autorin Liz Nugent aus der Perspektive eines der drei Brüder William, Brian und Luke. Dabei folgt sie keinem stringenten Plot, sondern springt in der Perspektiven, in der Zeit. Die Abschnitte werden von den Brüdern tagebuchartig selbst kommentiert, manche Szenen werden mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln wiederholt erzählt. William, der älteste der Brüder, ist Filmproduzent, macht- und selbstbewusst, nimmt sich, was ihm vermeintlich zusteht. Brian, der mittlere, versucht immer wieder in der Familie zu vermitteln, ist aber, wie sich bald herausstellt, vorwiegend auf seinen Vorteil bedacht. Der jüngste Bruder Luke ist der labile Nachzügler, leidet unter der lieblosen Mutter, macht dennoch als Popstar Karriere, ist aber permanent vorm nächsten psychischen und physischen Absturz bedroht.

Der Leser erhält Einblicke in eine sehr dysfunktionale Familie, in der sich immer wieder kleine (und große) Grausamkeiten angetan werden. Eifersucht, Gier und Egoismus speisen ein lange währendes toxisches Familienverhältnis. Das ist sehr klug, böse und durchaus auch amüsant erzählt. Ob es auch ein Krimi ist, darüber kann man streiten, aber man will am Ende ja schon wissen, welcher der Bruder da am Anfang zu Grabe getragen wird.

Kleine Grausamkeiten | Erschienen am 15.11.2021 im Steidl Verlag
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 15.06.2023
ISBN 978-3-96999-202-9
400 Seiten | 16,- €
Originaltitel: Our Little Cruelties | Übersetzung aus dem Englischen von Kathrin Razum
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Genre: Krimi

 

Rezensionen 1-3 und Fotos von Gunnar Wolters.

 

 

Amy Achterop | Die Hausboot-Detektei – Tödlicher Genuss (Band 1)

Mit großer Lust auf eine humorvolle, lockere Cosy-Crime Geschichte griff ich zu dem Roman. Auch das altmodisch gestaltete Cover und Amsterdam als Location versprachen amüsante Lesestunden mit skurrilen Charakteren. Der ehemalige Polizist Arie schart vier Mitstreiter um sich, die alle schon mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Fünf Personen mit Ecken und Kanten, ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Pechvögeln, gründen gemeinsam eine Detektei mangels Büro auf einem Hausboot inmitten der Amsterdamer Grachtenidylle.

Der erste Fall führt in die Welt der Haute Cuisine. Zwei renommierte Cateringunternehmen wettstreiten um die Ausrichtung der Hochzeit des Jahres. Voraussetzung ist ein Gericht, das eine sensationelle Neuheit darstellt. Einer der Sterneköche erhofft sich von dem Auftrag den bitter nötigen Erfolg und heuert die Detektei an, um das Rezept seiner Rivalin auszuspionieren. Nach und nach wird man in die dunklen Geheimnisse der konkurrierenden Starköche eingeweiht.

Leider hatte ich nicht das Vergnügen am Cast, auf das ich gehofft hatte, da mir keiner der Figuren wirklich nahe kam, die viel zu oberflächlich gezeichnet waren und blass blieben. Aus der Idee, Ermittler mit kriminellem Hintergrund in den Mittelpunkt zu stellen, die es aus unterschiedlichen Gründen im Leben oft schwer haben und ausgegrenzt werden, wurde viel zu wenig gemacht. Es werden einige soziale Themen angesprochen, aber alle nur angerissen. Auch der Kriminalfall entwickelt sich sehr gemächlich, konnte mich nicht wirklich fesseln und aufgrund der Längen musste ich mich zum Weiterlesen zwingen. Dabei hat mich gar nicht gestört, dass die Ermittlungen höchstens marginal zu bezeichnen sind. Vielmehr fand ich einige Aktionen sehr konstruiert und die Dialoge gestelzt. Beispielsweise werden erst mal, um sich auf die Detektivarbeit vorzubereiten, zusammen alte Miss Marple-Filme geguckt und seitenlang wird sich um ein verletztes Eichhörnchen gekümmert. Das war mir leider zu albern. Die Findungsphase der Detektive nimmt, auf Kosten des Crime-Aspektes, zu viel Raum und Zeit in Anspruch. Ein bisschen Spannung entsteht, als die Leiche des Sommeliers, ein Meister seines Fachs, der sich eigentlich um die Weine für die Hochzeit kümmern sollte, aus dem Wasser gefischt wird.

Amy Achterops Schreibstil ist flüssig aber ohne jede Raffinesse. Es gibt inzwischen zwei weitere Teile, mich hat es leider nicht überzeugt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Hausboot-Detektei | Erschienen am 29. März 2023 im S. Fischer-Verlag
ISBN 978-3-59670-670-9
352 Seiten | 12,- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 2,5 von 5
Genre: Krimi

Hayley Scrivenor | Dinge, die wir brennen sahen

Hayley Scrivenor | Dinge, die wir brennen sahen

Wir Kinder hatten einen eigenen Namen für unseren Ort, der offiziell Durton hieß: Dirt Town – irgendjemand hatte ihn sich ausgedacht und wahrscheinlich auf dem Schulhof damit angegeben wie mit einer glänzenden Murmel -, aber er war schon lange erprobt, als wir in die erste Klasse kamen. (Auszug S.62)

Durton ist eine vermutlich typische Kleinstadt im australischen Hinterland mit den typischen Problemen von steigender Arbeitslosigkeit und Landflucht. Ansonsten aber nichts Aufregendes, bis eines Freitags im November die 12jährige Esther Bianchi nicht von der Schule nach Hause kommt. Ihre Mutter Constance ist irgendwann besorgt, ruft die Freunde an, bei denen sie aber auch nicht ist, und wendet sich gegen Abend an die Polizei. Die Polizei reagiert schnell und schickt sofort zwei spezialisierte Beamte nach Durton. Was der Leser aber schon seit der zweiten Seite weiß: Die darauffolgende Suche wird erfolglos bleiben. Esther ist tot.

Damit ist der Ton des Romans bereits gesetzt und die Richtung klar, auch wenn die Polizei dies erst am Montag sicher weiß, als Esthers Leiche gefunden wird. Es wird nach einem Täter gesucht und der ist vermutlich innerhalb der kleinstädtischen Gemeinschaft zu finden. Auch wenn die Ermittlungen der zuständigen Polizistin Sarah mit ihrem Partner Smithy ausführlich beschrieben werden, das Hauptaugenmerk legt die Autorin im folgenden auf den verschiedenen Personenkonstellationen innerhalb und zwischen den beteiligten Familien. Es entwickelt sich ein Drama, ein Psychogramm einer Kleinstadt, in der zunehmend die Fassade bröckelt und die Wahrheit hinter Lügen und Geheimnissen verschleiert wird.

„Ronnie“, setzte sie an, aber ihre Stimme brach schon nach dem ersten Wort. „Sie haben Esther gefunden“, sagte sie schließlich.
Ihr Ton verriet mir, dass sie nicht alles gefunden hatten. Nicht ihr Lachen, nicht ihr lässiges Schlendern, nichts vonn dem, was ich an ihr liebte. Nichts davon würde zurückkehren. (Auszug S.300)

Die australische Autorin Hayley Scrivenor bedient sich dazu in ihrem Romandebüt „Dinge, die wir brennen sahen“ einer ausgefeilten multiperspektiven Erzählweise. Neben der Ermittlerin Sarah erhalten auch Esthers gleichaltrige Freunde Lewis und Veronika („Ronnie“) sowie Esthers Mutter Constance eine Erzählperspektive, Ronnie dabei als einzige in der ersten Person Singular. Spannend ist dabei, wie die Autorin an manchen Stellen die Perspektive wechselt und Ereignisse nochmal aus anderem Blickwinkel wiederholt. Zuletzt bringt Scrivenor noch eine Wir-Erzählerebene ein, als Stimme der Kinder von Durton. Selten gewählt und daher sehr spannend, wenn es gut gemacht ist, wie etwa beim neuseeländischen Autor Carl Nixon in seinem Roman „Rocking Horse Road“. Hier hatte ich allerdings das Gefühl, dass die Autorin nur bedingt etwas mit dem „Wir-Erzähler“ anzufangen weiß und ihn teilweise stellvertretend als allgemeinen Erzähler benutzt, etwa bei der Auflösung am Ende.

Ansonsten weiß „Dinge, die wir brennen sahen“ aber durchaus zu gefallen. Das liegt nicht so sehr am Schauplatz, der insgesamt eine geringere Rolle spielt als sonst bei australischen Krimis. Sondern vielmehr in der akribischen Darstellung und Auflösung der Figurenkonstellationen, der gescheiterten Ehen, des gewalttätigen Vaters, der Probleme der Heranwachsenden mit sich selbst und untereinander. Eine tragische, sehr penibel und dennoch packend geschilderte Geschichte mit einem ziemlich banalem, aber dadurch nicht minder erschreckendem Ende.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Dinge, die wir brennen sahen | Erschienen am 31.03.2023 im Eichborn Verlag
ISBN 978-3-8479-0115-0
368 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Dirt Town | Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jochen Rausch | Im toten Winkel

Jochen Rausch | Im toten Winkel

Marta Milutinovic steht vor einem absoluten Neuanfang, beruflich und privat. Nach der Ermordung ihrer 17jährigen Tochter ist auch ihre Ehe zerbrochen. Als Polizistin ist ihr zuletzt bei einer Festnahme ein Fehler unterlaufen, ein junger Italiener ist seitdem schwer behindert. Weit weg von der Großstadt München übernimmt sie die Leitung der Polizeidienststelle im Provinzort Schwarzbach, nahe des ehemaligen Dreiländerecks BRD, DDR und Tschechoslowakei.

Dort geht es vermeintlich etwas beschaulicher zu. Doch um Martas Nervenkostüm ist es weiterhin nicht allzu gut bestellt, direkt am ersten Tag macht sie Bekanntschaft mit einem unverschämten Autofahrer, bei dem sie sogar ihre Waffe zückt. Danach muss sich mit einem Sexualstraftäter befassen, der sich unter neuem Namen in Schwarzbach niedergelassen hat. Über Social Media wird sie dann auf einen alten Fall aufmerksam gemacht. Im November 1998 verschwand der Abiturient Jens Fritsche spurlos, Monate später wurde seine Leiche gefunden. Der Fall wurde bis heute nicht aufgeklärt und irgendjemand füttert einen Account, der an dieses Verbrechen erinnert und sich an den Mörder richtet, dass dieser noch gefunden werden wird. Martas Interesse an dem Fall ist geweckt, doch viel Hoffnung macht ihr niemand in Schwarzbach. Im Gegenteil schient es einigen eher unangenehm, dass der alte Fall nochmal angefasst wird.

Eine Kleinstadt im Nirgendwo, ein unaufgeklärter Mordfall, eine traumatisierte Kommissarin und zahlreiche Personen in der Stadt, denen lieber wäre, wenn die Polizei eher eine ruhige Kugel schiebt und Vergangenes vergangen sein lässt. Das sind die klassischen Zutaten der aktuellen Kriminalliteratur und speziell Ingredenzien, die vorwiegend amerikanische Autor:innen im Subgenre Country Noir verwenden. Journalist, Musiker und Autor Jochen Rausch, literarisch bislang vor allem durch seinen Roman „Krieg“ bekannt, kennt all diese Zutaten und stellt daraus sehr routiniert einen spannenden Provinznoir zusammen. Allerdings war es für mich schon manchmal zu routiniert und gar ein wenig schematisch wie hier manche Themen abgehakt wurden. Sexualstraftäter, Crystal Meth, Deutsch-deutsche Grenze, Vetternwirtschaft, eine seltsame Religionsgemeinschaft, die italienische Mafia, Sexueller Missbrauch usw. Ein paar Themen hätte der Autor auch für kommende Bände der angekündigten Reihe aufsparen können.

Nein. Sie wird niemanden anrufen. Keine Hundertschaft, keine Hubschrauber, keine Spürhunde. Sie wird es akzeptieren. Es ist ihre Strafe. Ihr Schmerz gegen seinen Schmerz. Aber jetzt hat sie ihre Strafe verbüßt. Hat ihre Strafe bekommen. Es ist genug Strafe.
Genug, genug, genug. (E-Book, Position 1464)

Dass ich trotzdem an der Reihe interessiert bleibe, liegt vor allem an der starken Hauptfigur Marta Milutinovic ist zwar auch eine aus der Reihe der traumatisierten Ermittler:innen, ihre Ermittlerarbeit ist auch eher beharrlich als brillant, aber ihre Krise wird sehr eindrucksvoll beschrieben. Der Mord an ihrer Tochter ist der Schicksalsschlag, der alles überstrahlt. Hinzu kommen die Selbstverwürfe durch den fehlerhaften Waffengebrauch (Wie sich herausstellt, kommen Vorwürfe auch aus anderer, gefährlicher Richtung). Martas Schmerz wird sehr präzise herausgearbeitet. Abgerundet wird das Psychogramm durch ihre Sehnsüchte auf eine glücklichere Zukunft, auf die alten Heimat der Eltern, die slowenische Adriaküste, und ihre ehemalige Teenagerliebe.

Insgesamt also ein Reihenauftakt, der plottechnisch für mich noch Luft nach oben hat, aber schon jetzt mit sehr ausgefeilten Figuren, vor allem bei der Hauptfigur, punkten kann.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Im toten Winkel | Erschienen am 30.03.2023 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-07164-2
304 Seiten | 24,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-492-60424-6 | 16,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe