Kategorie: 5 von 5

James Lee Burke | Zeit der Ernte

James Lee Burke | Zeit der Ernte

„Ich mochte zwar Old Hacks Namen geerbt haben, das Revolverhelden-Gen der Hollands jedoch war nicht an mich weitergegeben worden. Während des Koreakrieges war ich Navy-Sanitäter und verteilte drei Monate lang Penicillin-Pillen gegen Tripper an unsere Jungs in Seoul, bevor man mich an die Front versetzte. Dort dauerte es allerdings nur sechs Tage, bis mir die Chinesen zwei Beinschüsse verpassten und mich gefangen nahmen. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass mein einziger Versuch, Hacks schießwütigem Vermächtnis gerecht zu werden, gehörig in die Hose ging.“ (Auszug Seite 13)

 

James Lee Burkes erster Hackberry-Holland Roman erschien bereits 1971 in den USA. Es dauerte rund 46 Jahre, bis dieser von Daniel Müller als letzter der dreibändigen Serie aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt wurde. Der zweite Teil Regengötter erschien bei uns bereits im Oktober 2014, der dritte Teil Glut und Asche nur rund ein Jahr später im September 2015.

Nach seiner Rückkehr aus dem Koreakrieg, wird der 35-jährige Hack Holland Jr. zu einer Kandidatur als Kongressabgeordneter gedrängt, in die sich der Jurist von Beginn an nicht so recht fügen mag. Zusammen mit seinem Bruder Bailey betreibt er eine eigene Kanzlei, dies auch sehr erfolgreich, was er jedoch mehr seinen eigenen Fähigkeiten zuschreibt, als denen seines Bruders. So hat es Bailey auch schwer, Hack wieder auf Spur zu bringen, als sich dieser in den Kopf setzt, einen Kriegskameraden in Mexiko aus dem Gefängnis zu holen und vor einer Strafe zu bewahren, obwohl er sich im heimischen Texas intensiv um lukrative Klienten und seine politische Karriere kümmern sollte.

Hack macht, was er sich vorgenommen hat, und fährt nach Yoakum, Mexiko. Damit verprellt er nicht nur seinen Bruder sondern auch den Senator, der ihn unter seine Fittiche genommen hat. In Mexiko trifft Hack auf Rie, die sich im Gewerkschaftshaus seines Kriegskameraden aufhält. Ziemlich bald entbrennt eine entfesselte und gefühlvolle Affäre zwischen den beiden. Hack ist hingerissen von Rie, die sich in allem von seiner Frau Verisa unterscheidet, der er nur noch aus dem Weg geht und welche ihm bereits vorrechnet, was er alles verlieren wird, sollte er sich verdrücken wollen. Dabei hat sie Rie noch gar nicht auf dem Radar. Ihr dürfte unlängst auch klar sein, dass beide die Ehe vor die Wand gefahren haben und jeder der beiden kämpft damit für sich alleine.

Varisa war aber nicht immer so gewesen. Als ich sie vor acht Jahren auf einem Tanzabend im Country Club kennengelernt hatte, hieß sie noch Verisa Hortense Goodman, die einzige Tochter eines millionenschweren Börseninvestors und strengen Baptisten (…). (Seite 179)

Im Verlauf der Handlung, die sich um Gewerkschaftspolitik und Apartheit in den 1950er Jahren und den Protest dagegen dreht, erzählt uns Hack, der durchgehend als Ich-Erzähler fungiert, von seinen Kriegserlebnissen. Zuerst nur bruchstückhaft, schließlich zum Ende hin in Kapitel 8 (Seiten 231 bis 278) ziemlich ausführlich und erschütternd brutal, da er nun auch Rie näher an sich ran lässt und im Roman ihr erzählt, was er zuvor noch nie ausgesprochen hatte: nachdem ihn die Chinesen mit zwei Schüssen verletzten und gefangen nahmen, verbrachte Hack 32 Monate in drei unterschiedlichen Kriegsgefangenenlagern. Was er dort im Einzelnen erleben musste, hat ihn zutiefst geprägt und erschüttert und es beeinflusst ihn bis dato, vor allen nachts in seinen Träumen wird er immer wieder heimgesucht.

Nach dieser Zeit ist Hack jedenfalls kein menschlicher Abgrund mehr fremd und Autoritäten können ihn nicht beeindrucken, weshalb es in Mexiko auch in handfesten Auseinandersetzungen mit der örtlichen Polizei und Rednecks mündet, da er die Bedingungen der mexikanisch stämmigen Landarbeiter nicht tolerieren kann. Seine ursprüngliche Absicht und seine sich intensivierende Beziehung zu Rie machen Hack zu einem Mitkämpfer, ohne Rücksicht auf seine Karriere, die ihm ohnehin weniger bedeutet, als den Menschen in seinem heimatlichen Umfeld.

Durchweg habe ich Hackberry Holland als selbstbewusst auftretenden zynischen, bissigen Menschen erlebt. Aber eben auch als einen sehr gefühlvollen Mitmenschen. Seine Dämonen bekämpft er mit massenhaft hartem Alkohol und Bier, zudem qualmt er Zigarren wie andere Zigaretten, was in den 50er Jahren aber noch eine andere Gewichtung hatte als 2018, wo man Raucher in aufgemalte Raucherzonen drängt und die eigentlich jede Lobby verloren haben. Hack lebt sein Leben rasant. Er weiß um seine Talente und Fähigkeiten, er kämpft mit und gegen seine Kriegsdämonen, und so langsam verabschiedet er sich aus seiner Eher und von den Plänen, die andere für ihn gemacht hatten.

Zeit der Ernte ist die Einführung des Anti-Helden Hackberry Holland, dem wir in den zwei Folgeromanen Regengötter und Glut und Asche wieder begegnen werden. Und es gibt eine Steigerung, sagen Kenner. Ich habe durch Zeit der Ernte nun den ersehnten Zugang zu James Lee Burkes Hackberry-Holland-Reihe gefunden und kann es kaum erwarten, Regengötter erneut zu beginnen.

 

Hinweis: Obwohl verlagsseits von der Hackberry-Holland-Reihe die Rede ist, schrieb James Lee Burke jeden seiner Romane der Holland-Saga als Standalone! Jeder Roman befasst sich mit einem Nachfahren des „originalen“ Hackberry Holland.

 

Zeit der Ernte | Erschienen am 28. August 2017 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-27101-2
384 Seiten | 18.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Bd. 3 der Serie Glut und Asche sowie zu den Burke-Romanen NeonregenSchmierige GeschäfteMississippi Jam und Sturm über New Orleans der Robicheaux-Reihe.

Brenda Novak | Ich töte dich

Brenda Novak | Ich töte dich

„Eigentlich hätte er gar nicht vorgehabt, sie umzubringen. Aber er benahm sich nicht so, als machte ihm das etwas aus, oder als bedeutete sie etwas anderes oder mehr für ihn als ihre Freundinnen. In Wahrheit wurde er immer glücklicher, je mehr Schmerz er ihr zufügte. Das Foltern hatte etwas in ihm ausgelöst, einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Sie hätte nie gedacht, dass jemand so sein konnte.“ (Auszug Seite 8)

Evelyn Talbot hat in Hilltop, Alaska, ein Gefängnis gegründet, in dem sie Psychopathen erforscht. Diese Berufung entstand, weil sie als Jugendliche von ihrem damaligen Freund Jasper gefangen gehalten, vergewaltigt und fast umgebracht wurde. Noch immer steckt deshalb ein tiefes Trauma in ihr. Dann werden zwei Leichenteile gefunden und es scheint, als sei Jasper zurückgekehrt. Wird er sie nun endgültig töten?

Das Leben danach

Evelyn Talbot hat sich nach dem knappen Überleben auf ihr Studium der Psychologie konzentriert und einen sehr guten Abschluss in Harvard gemacht. Nachdem sie unter anderem in ihrer eigenen Praxis gearbeitet hat, ergab sich die Möglichkeit in Alaska, am Rande der Zivilisation, ein Gefängnis zu eröffnen, in dem nur die schlimmsten Psychopathen aufgenommen werden. Das Gefängnis Hanover House leitet sie gemeinsam mit Tim Fitzpatrick und Ziel der gemeinsamen Forschung ist es herauszufinden, wie Psychopathen ticken, wie man sie resozialisieren und Taten vielleicht sogar verhindern kann.

Seit Jasper hatte Evelyn keine Beziehung mehr und hat sich komplett auf ihre Arbeit konzentriert, teilweise nächtelang durchgearbeitet. Doch in Alaska begegnet sie Amarok, dem State Trooper von Hilltop, und fühlt sich zu ihm hingezogen. Evelyn ist sich aber nicht sicher, ob es klug ist, sich einer Liebe oder gar Beziehung hinzugeben, wo sie doch noch so von den Erlebnissen ihrer Jugend gezeichnet ist.

Dunkel und kalt

Ich töte dich von Brenda Novak hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte ist flüssig geschrieben und sehr spannend. Die Ermittlungen werden sehr erschwert, da es in Alaska zu dieser Zeit nie wirklich hell wird und es unermüdlich schneit, so dass man fast nur mit speziellen Räumfahrzeugen die Straßen passieren kann. Dass Amarok der alleinige Polizist für den Ort ist und es sich um seine erste Mordermittlung handelt, macht es nicht leichter.

Die sich anbahnende Liebesgeschichte des State Troopers und der Psychologin, bei der auch Erotik nicht fehlt, finde ich keineswegs störend. Beide bleiben dabei authentisch und es wird zu keiner Zeit kitschig. Manchmal wollte ich sogar etwas lieber wissen, wie es mit den beiden weitergeht, als zu erfahren, wie die Suche nach dem Mörder verläuft.

Mut

Ich finde die Protagonistin sehr mutig. Bei allen Handlungen bleibt sie glaubwürdig und gesteht sich auch ein, dass sie Angst hat. Sie verhält sich nicht waghalsig, aber viele Dinge hätte ich mich nicht getraut. Aber wenn man mit so einer Spezies Mensch arbeitet, braucht man wohl von Haus aus sehr viel Mut.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Zitat eines verurteilten Mörders und Psychopathen. Das verdeutlicht einem nochmal, wie skrupellos allein die Denkweise dieser Menschen ist. Die Erklärungen zum Verhalten und deren Hintergründe, die in dem Buch beschrieben werden, fand ich ebenfalls sehr wissenswert.

Zum Ende hin hatte ich zweimal den Gedanken „Gott sein Dank, es wird alles gut“, bis das Ruder herumgerissen wurde und der Fall keineswegs gelöst und die Gefahr auch noch nicht zu Ende ist.

Brenda Novak wurde 1964 in Utah geboren. Mit 29 Jahren entdeckte sie das Schreiben für sich, vorher arbeitete sie als Kreditsachbearbeiterin bei einer Bank. 1999 wurde das erste Buch der Autorin veröffentlicht, ein historischer Liebesroman. Die Autorin schreibt außerdem romantische Spannungsromane und Mysteryromane. Nur einige wenige wurden auch ins Deutsche übersetzt. Brenda Novak und ihr Mann haben fünf Kinder und leben in Sacramento.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Ich töte dich | Erschienen am 4. Dezember 2017 im Aufbau Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-7466-3357-2
448 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

10. Februar 2018

Megan Miranda | Tick Tack

Megan Miranda | Tick Tack

„Wann, Dad. Wann?“ Sie war direkt nach dem Schulabschluss verschwunden. Unmittelbar bevor ich wegging. Vor zehn Jahren… Am letzten Abend des Jahrmarkts. Tick, tack, Nic. Ihre kalten Hände an meinem Ellenbogen, das letzte Mal, als ich sie berührte.
Seitdem hatte sie niemand mehr gesehen. (Auszug Seite 41)

Nicolette fährt nach zehn Jahren zurück in ihre Heimatstadt Cooley Ridge, um sich dort mit ihrem Bruder Daniel um den Verkauf des Elternhauses zu kümmern. Das Haus muss auf Vordermann gebracht werden und Nics Vater, der in einem Pflegeheim wohnt, muss dem Verkauf zustimmen. Am ersten Tag ihrer Ankunft trifft sie auch ihren Jugendfreund Tyler wieder. Und in derselben Nacht verschwindet Tylers derzeitige Freundin Annaleise spurlos. So einen Fall gab es in dem Ort vor 10 Jahren schonmal, damals ist Nics beste Freundin Corinne nach einem Jahrmarktbesuch verschollen und nicht wieder aufgetaucht. Die Ermittlungen verliefen im Sande. Wiederholt sich die Geschichte nun erneut?

Read More Read More

Springflut | Staffel 1 ►

Springflut | Staffel 1 ►

Die engagierte Polizeihochschul-Studentin Olivia Rönning erhält als Semesteraufgabe die Cold-Case-Übung, den sich 1990 zugetragenen „Strandmord“, dem Verbrechen an einer hochschwangeren Frau, zu beleuchten. Diese wurde bei Springflut am Strand bis zum Kopf eingegraben und ihrem Schicksal überlassen, was bis dato nicht aufgeklärt werden konnte.

Read More Read More

Jo Nesbø | Durst Bd. 11

Jo Nesbø | Durst Bd. 11

„Meinst du, dass der Mörder tief in seinem Inneren verraten will, wer er ist?“ Harry antwortete nicht. „Nicht, wer er ist, aber was“, sagte Katrine. „Er zeigt Flagge.“ „Darf ich fragen, was das bedeutet?“ „Bitte“, sagte Katrine. „Frag unseren Experten für Serienmorde.“
Harry starrte auf den Bildschirm. Es war jetzt nicht mehr das Echo eines Schreis. Es war ein Schrei. Der Schrei des Dämons. „Das bedeutet…“, sagte Harry, entzündete das Feuerzeug, hielt die Flamme vor die Zigarette und nahm einen tiefen Zug.
„Dass er spielen will.“ (Auszug Seite 151)

Mörderisches Tinder

In Oslo wird eine junge Frau nach einem Date brutal ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Polizei hat es mit einem höchst komplexen Fall zu tun, denn sie finden keine Einbruchspuren. Tatwaffe scheint ein altertümliches Eisengebiss zu sein und dem Opfer fehlt ein halber Liter Blut. Als eine zweite Frau auf ähnliche Weise getötet wird, deutet das auf einen Serientäter. Auch sie suchte mit der Tinder-App nach Kontakten. Die Ermittlungen unter der Leitung von Katrine Bratt stecken in einer Sackgasse. Auch die Presse verstärkt mit ihrer Berichterstattung den Druck zum „Vampiristenfall“.

Read More Read More