Kategorie: 4 von 5

Henry Wise | Holy City

Henry Wise | Holy City

Die Menschen hier schienen unter einer Wolke aus Niederlagen zu leben, selbst zugefügt und ererbt. Die Weißen hatten den verlorenen Bürgerkrieg, die Schwarzen die Sklaverei. Man könnte denken, sie würden sich erbittert gegenüberstehen, aber tatsächlich hockten sie alle im selben Graben, und da draußen lauerte der Rest des Staates, der Rest des Landes. (Auszug S. 24)

Will Seems ist nach zehn Jahren, in denen er in Virginias Hauptstadt Richmond gelebt hat, in seine Heimat im Euphoria County im Süden Virginias zurückgekehrt. Vorgeblich um nach dem Tod seiner Mutter zu seinen Wurzeln zurückzukehren und das heruntergekommene Familienanwesen zu renovieren. Er ist als Deputy beim Sheriff angestellt. Eines Nachts ist Will wie so häufig schlaflos im County unterwegs, als er ein Feuer beim Haus vom Tom Janders bemerkt. Er kann Tom zwar aus dem Feuer ziehen, doch da ist dieser bereits tot, offensichtlich bereits vor Austritt des Feuers ermordet. Als Verstärkung als dem Büro des Sheriffs eintrifft, wird ein Mann bemerkt, der vom Ort des Geschehens flieht. Zeke Hathom wird festgenommen und ist fortan Verdächtiger Nr.1, hatte er doch Schulden beim Toten. Doch Will und viele andere der Gemeinde halten Zeke für unschuldig.

Will hat zudem weitere Gründe, an der Schuld von Zeke Hathom zu zweifeln, da er ein enges Verhältnis zur Familie Hathom pflegt. Zekes Sohn Sam Hathom ist Wills bester Freund und auf Will lastet eine tiefe Schuld. Vor mehr als zehn Jahren wurde der weiße Will bei einem Bad im Fluss mit dem schwarzen Sam von einer Gruppe schwarzer gleichaltriger Jugendlicher bedrängt. Sam setzte sich für Will ein und wurde brutal und lebensgefährlich verprügelt. Davon hat Sam nur schwer erholt, muss mit dauerhaften Schäden leben und findet sich nur schwer im Leben zurecht. Er wurde drogenabhängig und wird mit Haftbefehl gesucht. Will kann sich bis heute nicht verzeihen, dass er Sam nicht beigestanden hat, unabhängig davon, ob dies überhaupt möglich gewesen wäre. Er versteckt Sam seit seiner Rückkehr bei sich auf dem abgelegenen Familienanwesen, ohne dass dessen Familie davon weiß. Will möchte nun Sams Vater entlasten und stellt eigene Ermittlungen an, da der Sheriff sich bereits festgelegt hat. Dabei soll die Privatdetektivin Bennico Watts, die von einigen Familien verpflichtet wurde, Will unterstützen, worauf er sich nur widerwillig einlässt.

“Seems!”, brüllte Mills, und Will drehte sich in der Tür um. „Wenn du noch einmal deine Stimme gegen mich erhebst, knöpfe ich dir so schnell die Dienstmarke ab, dass du meinst, einen Geist gesehen zu haben.“
„Tun Sie, was Sie wollen“, sagte Will. „Aber bis dahin mache ich meinen Job.“
Damit trat er hinaus in die Hitze des Sommers. (Auszug S. 69)

Bleischwer lastet die Schuld auf diesem Will Seems, der bis in die Gegenwart sich seine Passivität von damals nicht verzeihen kann, zumal der versehrte Sam ihn auch permanent daran erinnert. Er ist in seine Heimat zurückgekehrt, doch angekommen ist er nicht wirklich, er steht zwischen den Stühlen und ist in seiner Last gefangen. Will glaubt, seine Schuld abzahlen zu können, indem er Sam vor dem Sheriff versteckt und versucht, ihn auf Entzug zu setzen. Dass sein Vater in Haft ist, verschweigt er ihm, stattdessen will er selbst die Dinge lösen, auch das gegen den Willen des Sheriffs. Wills Schuld lässt ihn nachts nicht schlafen, er durchstreift das düstere County, hört den einzigen Sender, den man dort draußen empfängt – einen religiösen Sender, der das zornige Wort Gottes verkündet. Überhaupt bewegt man sich dort im Süden Virginias in einem Landstrich, der rau und unwirtlich wirkt. Nicht nur auf Will lastet eine bleierne Schwere, nach und nach kommen weitere Dinge als Licht, auch andere haben Schuld auf sich geladen.

„Holy City“ ist übrigens ein Begriff für Richmond als Pilgerstätte für Senatoren und Abgeordnete, ehemalige Hauptstadt der Konföderierter. Zum Zeitpunkt der Geschichte stehen dort auf dem zentralen Boulevard noch die Denkmäler der großen Figuren der Südstaaten (erst 2020/2021 wurden diese demontiert). Mit diesem Roman setzt der Polar Verlag die Tradition fort, mit „Country Noir“-Romanen das ländliche Amerika, das sogenannte Herzland zu porträtieren. Abgehängte Gegenden, der Blick geht eher zurück als nach vorn. Gegenden, aus denen der aktuelle Präsident beträchtliche Teile seiner Wählerschaft zieht. „Holy City“ reiht sich in diese Erzählungen ein, besticht durch seine Beschreibungen von Landschaft und Menschen, erzählt überzeugend von Heimat und der Schwierigkeit des Zurückkommens und vor allem von der Last von Schuld, Trauer und Hass.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Holy City | Erschienen am 15.01.2026 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910918-40-5
340 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Holy City | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Martin von Arndt | Der Wortschatz des Todes

Martin von Arndt | Der Wortschatz des Todes

Irina Starilenko kam als Kind einer russisch-ukrainischen Familie nach Deutschland und arbeitete als Ermittlerin beim BKA. Ihr Bruder Konstantin hat sich linken Gruppierungen angeschlossen, die auch vor Straftaten nicht zurückschrecken. Um nicht kompromittiert zu werden, hat Irina ihre Stellung beim BKA aufgegeben und strebt nun eine private Anstellung in einer Wirtschaftskanzlei an. Doch nun wird sie von Konstantin um Hilfe gebeten: Sein ukrainischer Freund Oleksi wurde wegen Mordes an einem polnischen Geschäftsmann verhaftet, dem man Verbindungen bei Waffengeschäften zu Russland nachsagt. Oleksi hat den Mord sogar gestanden. Doch Konstantin weiß, dass Oleksi es nicht gewesen sein kann, hat er doch zum Zeitpunkt hunderte Kilometer entfernt mit ihm einen Brandanschlag auf ein von Nazis und Identitären benutztes Gebäude verübt. Irina und der Anwalt Julian Bergmann versuchen vergeblich, Oleksi zum Widerrufen seines Geständnisses zu überzeugen. Mit Hilfe alter Kontakte betriebt Irina nun eigene Ermittlungen und stößt auf Ungereimtheiten, insbesondere bei der Identität des Toten.

Autor Martin von Arndt hat bereits in der Vergangenheit mehrere Politthriller, zumeist mit interessantem historischem Background, veröffentlicht. So etwa „Tage der Nemesis“, in denen der Genozid an den Armeniern 1915 thematisiert wird, oder „Sojus“, der zur Zeit des Ungarn-Aufstands 1956 spielt. In diesem Roman geht von Arndt aber in die Gegenwart und beschreibt die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges in Deutschland und den langen Arm Russlands in die Bundesrepublik. Ein Mord geschieht, ein polnischer Waffenhändler stirbt, der scheinbar mit den Russen Geschäfte gemacht hat, der Mörder ein junger Ukrainer auf der Flucht vor dem Krieg. Doch so einfach, wie sie scheinen, sind die Dinge natürlich nicht.

Die Story wird fast ausschließlich aus der Sicht Irinas erzählt. Eher widerwillig erklärt sie sich bereit, ihrem Bruder zu helfen, zu dem sie trotz engem Familiensinn ein angespanntes Verhältnis hat, weil sie wegen ihm ihre BKA-Karriere beendet hat. Irina ist eine interessante und etwas unnahbare Hauptfigur. Hochintelligent, Kampfsportlerin, intersexuell geboren, die russisch-ukrainische Familie war bei markanten geschichtlichen Momenten wie dem Holodomor oder Tschernobyl involviert, ihr Bruder ein Linksextremist, ihre 15jährige Nichte eine versierte Hackerin. Sie befindet sich in einem neuen Lebensabschnitt, wirkt etwas einsam, versucht die Beziehungen zu alten Freundinnen wiederzubeleben. Irinas Lebensgeschichte als Migrantin in Deutschland wird im Plot regelmäßig aufgegriffen.

„Und das Gesicht?“
„Deutsch.“
Irina lachte. „Was ist ein deutsches Gesicht?“
Frau Babic zuckte mit den Schultern.
„Kann ich nicht genau sagen. Eines, dass es in Deutschland oft gibt. Ich habe keins. Sie auch nicht.“
Irina lächelte. „Und ist das gut?“
Frau Babic lächelte verschmitzt zurück.
„Kommt drauf an. Wollen Sie viele Männer haben? Dann ja. Aber wollen Sie lieber nicht auffallen, wenn die Nazis wiederkommen…? Dann nicht, hm-hm.“ (Auszug S. 106)

„Der Wortschatz des Todes“ (der etwas sperrige Titel ist ein Zitat des großen ukrainischen Autors Sergij Zhadan) besticht vor allem durch einen starken Plot mit starken Dialogen sowie die Aktualität und Unverbrauchtheit des Themas. Es gibt immer wieder Erklärungen, historische Ereignisse (vor allem zum russischen Angriffskrieg und der Vorgeschichte), die erwähnt und eingeordnet werden. Dies gelingt von Arndt jedoch zumeist sehr organisch im Plot. Unverbraucht ist auch die Protagonistin Irina Starilenko, obwohl der Autor ihr vielleicht etwas zu viel in die Biografie packt. Zusammengefasst ist der Roman aber absolut überzeugend und macht Lust auf weitere Bände mit Irina und ihrem armenischen Berghund Shun (der keine große Rolle hat, aber die Handlung immer wieder charmant auflockert).

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Der Wortschatz des Todes | Erschienen am 17.09.2025 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0712-3
288 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Doug Johnstone | Schwarze Herzen (Band 4)

Doug Johnstone | Schwarze Herzen (Band 4)

Autoren und Autorinnen haben ja oft eine enge Beziehung zu ihren Figuren und tun sich teilweise schwer, diese loszulassen. So ähnlich muss es auch Doug Johnstone ergangen sein, denn er hatte ursprünglich die Idee, die Reihe um die Skelfs-Frauen als Trilogie anzulegen. Und tatsächlich ging im dritten Band die übergreifende Story um den psychopathischen Craig zu Ende. Vermeintlich. Aber Johnstone konnte offensichtlich nicht von seinen drei ungewöhnlichen Frauen Dorothy (Großmutter/Mutter), Jenny (Tochter/Mutter) und Hannah (Tochter/Enkelin) lassen, die als Familienunternehmen ein Bestattungsinstitut und eine Privatdetektei führen. In der Heimat ist bereits Band 6 erschienen, in deutscher Übersetzung nun Band 4.

Wie eben angedeutet (Vorsicht Spoiler!), kam es zuletzt zu einem Showdown zwischen Jenny und ihrem Ex Craig. Zugunsten von Jenny, die aber dennoch in ein großes Tief gefallen ist, sich dem Alkohol zuwendet und ihren Therapeuten verführt, anstatt die Therapie ernst zu nehmen. Dass nun scheinbar nach langer Zeit Craigs Leiche aus dem Meer wieder aufgetaucht ist, macht die Sache nicht wirklich besser, denn nun kommt Craigs Familie plötzlich wieder hervor und Craigs Schwester Stella lässt Jenny ihre Tat in Notwehr nicht so einfach durchgehen. Währenddessen hat Dorothy zwei schräge Fälle aufgetan: Eine Frau wird beerdigt, ihr Ehemann wird vermisst. Der Sohn verdächtigt den Onkel und beauftragt Dorothy, seinen Vater zu finden. Der zweite Fall ist der eines alten japanischstämmigen Mannes, der nach dem Tod seiner Frau einen Schrein für sie zuhause angelegt hat und nun glaubt, von ihrem Geist angegriffen zu werden. Hannah hingegen hat plötzlich eine Kommilitonin, die sie stalkt und sich zwischen sie und ihre Frau Indy drängt – und offenbar mehrere Tage in der gleichen Wohnung mit ihrer verstorbenen Mutter gewohnt hat.

Dorothy kämpfte mit den Klavierriffs im Mittelteil und dachte dabei an Eddie. Inzwischen würde seine Leiche neben Craig in der Leichenhalle liegen. Sie dachte an Violet, die ihren Sohn verloren hatte. Sie dachte an Hannahs Stalkerin, deren Mum plötzlich gestorben war. Udo, der von seiner Frau heimgesucht wurde. Es war ein Kaleidoskop aus Leben und Tod, ein Spinnrad von Kummer und Leid, verwirrend und beunruhigend. (Auszug S. 200)

Die Skelfs-Reihe ist einer der aktuell ungewöhnlichsten Krimireihen. Drei Generationen von Frauen, die zwei außergewöhnliche Berufe miteinander verbinden. Über die ganze Reihe schreibt Doug Johnstone abwechselnd aus ihren Perspektiven, dringt tief in die Figuren ein. Der Leser spürt die Emotionen der Protagonistinnen sehr direkt, erfährt viel über ihre Stärken und ihre Schwächen. In diesem Band befindet sich vor allem Jenny gerade auf einem absoluten Tiefpunkt. Durch diese Konstruktion ist diese Reihe aber auch eine derjenigen, wo es absolut nicht zu raten ist, die Bände isoliert zu lesen. Diese Reihe baut viel zu sehr aufeinander auf und als Leser würde man sich auch der ganzen Feinheiten berauben.

„Schwarze Herzen“ setzt die Reihe in einem gesetzteren Ton fort, der Vorgänger war ungewohnt spannend und actionreich. Der Autor zeigt aber, dass damit noch kein endgültiger Abschluss gefunden wurde. Trauer, Tod und Schuld spielen immer eine große Rolle in dieser Reihe – und Johnstone weiß dem Thema auch im vierten Band neue Facetten und auch Skurrilitäten (oder wunderbare Details wie dem „Windtelefon“) abzuringen. Auch das andere große Thema dieser Reihe spielt natürlich wieder eine große Rolle: Familie und Freundschaft, die Trost und Geborgenheit spenden, aber auch Arbeit und Kommunikation bedürfen. Und auch wenn es dieses Mal spannungstechnisch etwas gedämpfter zugeht, die Reihe behält ihren großen Charme. Doug Johnstone bringt an gewissen Stellen Humor an und auch Edinburgh, Musik und Astrophysik (unverkennbar die Schwächen des Autors als Dundiner, Schlagzeuger und Physiker) kommen angemessen zur Geltung. Eine tolle Reihe mit wunderbaren Figuren und tiefgründigen Themen, der ich gerne weiter treu bleibe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Schwarze Herzen | Erschienen am 15.11.2025 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910918-36-8
340 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Black Hearts | Übersetzung aus dem schottischen Englisch von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 2 und Kurzrezension zu Band 1

David McCloskey | Moskau X (Band 2)

David McCloskey | Moskau X (Band 2)

Die internationalen Auseinandersetzungen gehen auch nicht spurlos an Russlands Elite vorüber. Auch im Lager der regimeunkritischen Oligarchen ist die Lage angespannt. In Sankt Petersburg werden die Goldreserven der Bank Rossija von einem General des FSB abgeholt – oder sollte man sagen, geraubt? Er handelt im Auftrag von Wassili Gusew, genannt Goose, einer der engsten Berater Putins. Bankinhaber Andrei Agapow glaubt jedoch nicht, dass Putin davon Kenntnis hat, sondern Goose das Gold für sich selbst abzweigt. Doch ohne stichhaltige Beweise kann er nicht beim Staatschef vorstellig werden. Selbst mit wird es heikel. Seine Tochter Anna ist Agentin des SWR, des Auslandsgeheimdienstes, und findet schnell eine Spur des Goldes zu einer Kanzlei in London, die sich auf Offshore-Konten und Briefkastenfirmen spezialisiert hat. Zuständige Anwältin in London ist ausgerechnet Hortensia, genannt Sia, Fox, die von der CIA angeworben wurde.

In Langley sieht die Führungsoffizierin und neue Chefin der Abteilung „Moskau X“, Artemis Procter, eine einmalige Gelegenheit, als Anna Agapowa bei Sia Fox um einen Termin bittet. Denn Annas Ehemann Vadim ist als Bankier dafür bekannt, auch mit dem Geld von Putin selbst zu arbeiten. Bietet sich hier die Chance, eine abtrünnige Familie mit engen Beziehungen in den Kreml zu rekrutieren und Chaos in Russland auszulösen? Vadim und Anna betreiben ein Gestüt außerhalb Sankt Petersburgs. Die CIA entschließt sich, Max Castillo einzubeziehen. Er leitet eine Ranch in Mexiko, in der hochklassige Rennpferde gezüchtet werden – und seine Familie ist seit langem mit der CIA verbunden. Auf Einladung von Max und Sia reisen Anna und Vadim nach Mexiko. Dort soll die erste Anbahnung stattfinden. Doch es bleibt unklar, welches Spiel Anna und Vadim wirklich spielen.

Annas Welt drehte sich um einen Mann: Wladimir Putin. Allerdings war Anna ihm nur dreimal begegnet. […]
Im Laufe der Zeit war sie zu der Überzeugung gelangt, dass Putin vieles in einem war. Allmächtiger Zar und freudloser Manager eines schwer kontrollierbaren Systems, das größer ist als er. Despot und Verfasser vager, mitunter ignorierter Richtlinien. Neues öffentliches Idol und geheime Quelle für Gewitzel und Spott. […]
Er war alles, er war nichts, aber manchmal musste man sich einen Dreck um ihn scheren, auch wenn er das Zentrum der russischen Welt war. Der Chosjain. Der Herr. Ohne ihn würde sich die Welt nicht drehen. Seine Existenz war weder gut noch schlecht. Sie war einfach da. (Auszug E-Book Pos. 2380-2386)

Autor David McCloskey war ehemaliger CIA-Analyst, außerdem Berater bei McKinsey. Man kann also davon ausgehen, dass er weiß, worüber er schreibt. „Moskau X“ entwickelt von Beginn an einen ganz eigenen Sog. Der Band ist der zweite einer Serie (Vorkenntnisse waren aber nicht wirklich erforderlich) um die Agentin Artemis Procter, die eine spektakuläre Anfangsszene erhält, ab da aber vor allem im Hintergrund die Fäden zieht. Es geht um Spionage und Gegenspionage, um Rache und Loyalität. Aber vor allem bietet McCloskey eine interessante Einsicht in die Machtelite Russlands.

Interessant ist dabei vor allem, dass der Staatschef scheinbar über allen Dingen schwebt, aber längst nicht von allem Kenntnis erlangt. Interne Machtzirkel verfolgen Eigeninteressen und haben genug Einfluss, um Kritik daran vor Putin abzuschirmen. Dieser wird aber auch von den Geschädigten nicht wirklich in Frage gestellt, so ist halt das russische System, es bringt nichts, an den Grundfesten zu rütteln. So entspinnt sich hier eine faszinierende Geschichte, in der die CIA Sabotage in der russischen Machtelite betreiben will, aber ihr Werkzeug ein eigenes Spiel spielt. Das ist abwechslungsreich und trotz eines eher bedächtigen Einstiegs an den richtigen Stellen temporeich geschrieben.  Alles in allem ein starker, klassischer Spionagethriller unter neuen geopolitischen Gegebenheiten.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Moskau X | Erschienen am 30.10.2025 im Gutkind Verlag
ISBN 978-3-98941-090-9
624 Seiten | 18,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-98941-091-6 | 9,99 €
Originaltitel: Moscow X | Übersetzung aus dem Englischen von Michael Benthack
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Mick Herron | Down Cemetery Road

Mick Herron | Down Cemetery Road

Mick Herron ist dem Genreleser – und darüber hinaus – seit einigen Jahren natürlich ein Begriff. Mit seiner Reihe um die „Slow Horses“, einer Gruppe abgehalfteter und vom britischen Geheimdienst aufs Abstellgleis geschobener Agenten um den kauzigen Chef Jackson Lamb, die allerdings doch nicht so ineffektiv sind und dem MI5 „pain in the ass“ sind, erreichte Herron einen großen Erfolg bei Lesern und Kritikern gleichermaßen. Die Popularität der Serie stieg noch einmal an, seitdem Apple TV die Serie mit Gary Oldman in der Hauptrolle fürs Streaming adaptierte. Eine Serienverfilmung ist nun auch der Grund, warum Herrons Debütroman „Down Cemetery Road“ nach über 20 Jahren ins Deutsche übersetzt wurde. Wiederum war es Apple TV, die diesen Roman als Serie verfilmt und im Oktober veröffentlicht hat, mit Emma Thompson in der Hauptrolle als Privatdetektivin Zoë Boehm. Der Diogenes Verlag hat das Buch auch mit dem Untertitel „Zoë Boehm ermittelt in Oxford“ versehen, um damit zu unterstreichen, dass es sich hier um eine Serie mit vier Bänden handelt, die Herron bis 2009 vor seiner Slow Horses-Reihe verfasst hat. Allerdings Zoë Boehm als Hauptfigur in diesem ersten Band zu bezeichnen, wäre ein wenig übertrieben, denn eigentlich greift die Detektivin nach zwei Kurzauftritten erst im letzten Viertel des Romans so richtig in die Handlung ein. Doch der Reihe nach.

Sarah Trafford ist auf der Suche: Nach abgeschlossenem Studium lebt sie nun in einem Haus in einer guten – aber nicht sehr guten – Gegend von Oxford, ihr Mann Mark macht irgendwas im Bereich Finanzen, bringt gutes Geld nach Hause, während sie noch nicht so recht den nächsten Schritt ins Berufsleben geschafft hat. Es gibt keine Kinder, sie will auch (noch) gar keine. Sie vertreibt sich irgendwie die Zeit, mit Hausputz oder so. Im Studium hingegen war Sarah Tucker wild und ungestüm – bis zu einem schweren Unfall unter Drogeneinfluss. „BHS – Boring Housewife Syndrom“, so bringt es in der Eingangsszene Gerard Inchon, ein unangenehmer Geschäftspartner ihres Mannes, dann doch irgendwie auf den Punkt. Zu Beginn hat Mark Inchon samt Partnerin zum Essen nach Hause eingeladen, um die Geschäftsbeziehung möglichst zu vertiefen. Sarah darf auch jemanden dazuladen, ihre Wahl fällt auf ihre eher linksalternative Freundin Wigwam und ihren ähnlich schluffigen neuen Freund Rufus. Ein gefundenes Fressen für den konservativ-zynischen Inchon – und der Leser darf sich an einem höchst vergnüglichen Anfangskapitel ergötzen. Doch noch etwas anderes passiert während des Dinners: In der Nachbarschaft gibt es eine Explosion mit zwei Toten, ein kleines Mädchen hat es überlebt.

Sarah ist sofort fasziniert und interessiert. Sie meint sich an das Mädchen Dinah zu erinnern. Ihr kommt die Explosion seltsam vor, sie findet, dass das allgemeine Interesse an der Sache schnell heruntergespielt wird. Am Unglücksort glaubt sie einen verdächtigen Mann gesehen zu haben. Bei der Polizei wird ihr nichts über den Verbleib von Dinah verraten und so reift in ihr der Entschluss, Dinah unbedingt finden zu müssen. Der Leser fragt sich schon irgendwie warum, aber da geht es der Hauptfigur nicht anders. Dennoch bleibt sie dran und engagiert sogar einen Privatdetektiv – Joe Silvermann, Partner von Zoë Boehm. Und selbstverständlich steckt hinter der Explosion sehr viel mehr, und ohne groß spoilern zu wollen, schlittert Sarah in eine Geheimdienstoperation, in der manche ungelegene Beweise und Zeugen im Zusammenhang mit dem Irakkrieg beseitigt werden sollen.

Die Detektei war zwischen einem Pub und einem Zeitungskiosk eingezwängt, und obwohl die Anzeige in den Gelben Seiten „Hightech“ versprochen hatte, hielt dieses Versprechen nicht mal bis zur Türklingel. (Auszug E-Book Pos. 866)

Obwohl Mick Herron hier im Jahr 2002 eine Reihe mit einer Oxforder Privatdetektivin einführt, wirkt der Roman schon als kleine Blaupause für den später folgenden „Slow Horses“-Kosmos. Auch hier gibt es schmutzige Geheimdienstaktionen und es werden einige sehr seltsame Figuren aus dem Geheimdienstmilieu eingeführt. Allerdings bleibt der Autor eng bei seiner Hauptfigur Sarah, die völlig konfus sich in eine Sache einmischt, die ein paar Nummern zu groß für sie ist, aber – und das nötigt dem Leser dann doch Respekt ab – sie zieht es durch (wenn auch irgendwann dann doch Zoë Boehm so richtig in die Geschichte einsteigt). Irgendwann wird Sarah selbst zur Gejagten, eine wilde Flucht mit einem unerwarteten Begleiter beginnt und dennoch bleibt die Suche nach dem verschwundenen Kind immer präsent.

„Down Cemetery Road“ ist auch in der heutigen Betrachtung nach Kenntnis der „Slow Horses“-Romane ein bemerkenswerter Debütroman. Mick Herron entwickelt aus der gediegenen Oxford- und Hausfrauen-Atmosphäre einen temporeichen und intelligenten Geheimdiensthriller. Dabei ist auch hier schon der hervorragende literarische Stil Herrons durchsetzt mit typisch britischem Humor zu beobachten. Insofern ein echter Gewinn, dass es dieser Roman nach 23 Jahre zu einer gelungenen deutschen Übersetzung durch Stefanie Schäfer geschafft hat. Und vielleicht taucht Zoë Boehm in den weiteren Bänden dann auch etwas häufiger auf.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Down Cemetery Road | Erschienen am 22.10.2025 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-30115-1
560 Seiten | 19,- €
Originaltitel: Down Cemetery Road | Übersetzung aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Mick Herrons Roman „Slow Horses“