Autor: Nora

Deon Meyer | Todsünde (Band 8)

Deon Meyer | Todsünde (Band 8)

„Stabsfeldwebel, Bennie? Ein scheiß Stabsfeldwebel? Das ist echt erniedrigend!“, seufzte Vaughn Cupido. „Und dann ausgerechnet Laingsburg. Das ist das Fegefeuer, Pappie. Das ist der Abgrund, das ist Heartbreak Hotel, das ist am Arsch der Welt, mitten im Nirgendwo. Kennst du die Karoo? Wenn du im Sommer nicht vor Hitze krepiert bist, stirbst du im Winter vor Kälte. ..“ (Auszug Pos. 892 E-Book)

Bennie Griessel und sein Partner Vaughn Cupido müssen sich nach den Geschehnissen in Band 7 (Beute) vor einem Disziplinarverfahren verantworten. Trotzdem ist der vorliegende Band eine in sich geschlossene Geschichte und kann ohne Vorkenntnisse gelesen werden. Nach der Anhörung werden die beiden Captains der Valke zu Stabsfeldwebel degradiert und sollen in die tiefste Provinz nach Laingsburg versetzt werden. Das ist nicht nur sehr demütigend, sondern würde sie auch finanziell vor große Probleme stellen. Besonders Bennie kämpft als trockener Alkoholiker wieder mit den Gedanken an einen Rückfall. Aufgrund der Schützenhilfe ihrer Chefin Kolonel Mbali Kaleni müssen sie dann aber ihren Strafdienst im beschaulichen Stellenbosch nahe Kapstadt antreten, und das sorgt erst mal für eine kurze Erleichterung. In Stellenbosch haben die beiden Superstars der südafrikanischen Polizei zunächst einen schwierigen Stand und werden von den Kollegen misstrauisch beäugt. Im Polizeialltag mit viel Fußarbeit angekommen, nehmen sie aber ihren ersten Routineauftrag sehr ernst. Callie de Bruin, ein junger Student wird von seiner besorgten Mutter vermisst gemeldet. Der hochintelligente Junge, aus einfachen Verhältnissen kommend, konnte nur mit einem Stipendium an der Uni studieren. Er gilt als Computernerd, der sich sehr zurückgezogen nur um sein Studium kümmert und kein Interesse an Partys, Drogen oder gar Liebschaften zeigt.

Der meistgehasste Mann von Stellenbosch
In einem weiteren Handlungsstrang verfolgen wir die Immobilienmaklerin Sandra Steenberg, die mit der Vermittlung von Luxusimmobilien als Alleinverdiener das Geld für ihre Familie mit zwei kleinen Kindern nach Hause bringt. Das gestaltet sich immer schwieriger, denn der Immobilienmarkt läuft schlecht. Die im ganzen Land grassierende Korruption hat verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaft. Immer weniger Ausländer wollen in Südafrika investieren, während immer mehr wohlhabende Einheimische ihr Geld außer Landes bringen. Zusätzlich hat die Pleite des zwielichtigen, milliardenschweren Geschäftsmanns Jasper Boonstra viele Menschen in Stellenbosch um ihr Geld gebracht. Als ausgerechnet Boonstra die attraktive Sandra mit dem Verkauf seines Weinguts Donkerdrif beauftragt, hofft sie auf die ersehnte Wende, denn die zu erwartende hohe Provision wäre ihre Rettung und würde sie mit einem Schlag aus ihren Schulden befreien. Sandra will ganz alleine das Ruder rumreißen und ihrem Ehemann, einem Lektor für englische Literatur, der ausgerechnet jetzt ein Sabbatjahr genommen hat, um einen Roman zu schreiben, nicht mit den Sorgen belasten. Auch ihren Schwiegereltern, die die Nichtakademikerin nie wirklich akzeptieren konnten, will sie es beweisen. Boonstra zeigt nicht nur geschäftliches Interesse an ihr und die Situation droht zu eskalieren. Für den Deal muss sie eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnen und kann so ihrem Ehemann nichts von ihren Problemen erzählen.

Ein chaotischer Scheißhaufen von gigantischem Ausmaß
Der Beginn ist aber erstmal sehr spektakulär und actiongeladen. Seit einiger Zeit kommt es am Westkap zu den sogenannten Transit-Raubüberfällen, bei der immer die gleiche Bande von ca. 10 Leuten in 4 gestohlenen Autos Transporter anhalten und ausrauben. Cupido und Bennie sind dabei, als es bei einem Spezialeinsatzkommando zu einer wilden Schießerei mit einer großen Ansammlung von Gewehren und Handfeuerwaffen kommt, das in einem Fiasko endet oder wie Cupido es später ausdrückt „ein chaotischer Scheißhaufen von gigantischem Ausmaß“.

Nach diesem dramatischen Beginn, fast drehbuchreif geschrieben und hier zeigt Meyer sein ganzes Können, plätschert die Geschichte ein bisschen vor sich hin. Die Schwierigkeiten der Immobilienmaklerin und auch die Besorgnis der Mutter des vermissten Studenten nehmen viel Raum ein, sind aber so treffend beschrieben, dass man sich sehr gut in die Figuren einfühlen kann. Man fiebert und bangt mit Sandra Steenberg mit, die es nicht nur mit dem schmierigen, sexistischen Boonstra zu tun hat, sondern sich auch noch gegen ihren raffgieren Chef zu Wehr setzen muss. Meyers Vermögen, konstant nachvollziehbare Menschen zu zeigen, begeistert mich immer wieder. Auch das Privatleben der beiden Valken kommt nicht zu kurz, sorgen sich beide doch aufgrund der Degradierung um die Zuneigung ihrer Liebsten. Cupido kämpft mit seinen Pfunden, was amüsant zu lesen ist, mir aber in der Häufigkeit der Erwähnung fast schon zu viel war.

Wie für Deon Meyer typisch bewegen sich die losen Erzählfäden eine ganze Weile nebeneinander her, um dann in einem hochexplosiven Showdown aufeinander zu prallen, einschließlich einiger Zufälle. Alles hängt irgendwie miteinander zusammen. Griessel und Cupido erhalten anonyme Briefe, in denen auf einen Verräter in den eigenen Reihen hingewiesen wird und ein hochrangiger Polizist wird auf offener Straße erschossen. Deon Meyers achter Benny-Griessel-Band „Todsünde“ ist ein kurzweiliger, gekonnt geschriebener Thriller, sprachlich auf hohem Niveau. Er zeigt ein lebendiges Südafrika mit gierigen Superreichen, der armen Bevölkerung und gibt auch kritische Einblicke in den korrupten Staat.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Todsünde | erschien am 16. August 2021 bei Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-00966-2
477 Seiten | 20,00 Euro
Originaltitel: Donkerdrif (Übersetzung aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Deon Meyer

Andreas Pflüger | Ritchie Girl

Andreas Pflüger | Ritchie Girl

„Kannst du das? Zurückkehren?“
„Wohin?“ fragte sie. „Nach Deutschland? Das hier ist nicht Deutschland, das ist Pommerland.“
Als könnt ich dereinst wiederkehr’n, weil ich all dies verstand.
„Wäre gar nichts eine Heimkehr wert?“
„Doch“, sagte sie. „Dass einer bettelt: ‚Gott, vergib mir‘.“ (Auszug S.146)

Paula Bloom lebte bis 1937 in Deutschland. Ihr Vater war US-Amerikaner, einflussreicher Repräsentant zahlreicher US-Firmen in Nazideutschland. Ein Leben im luxuriösen Käfig, hofiert von den Größen des Regimes. Doch die bedrohlichen Anzeichen blieben der noch minderjährigen Paula nicht verborgen. Die Denunziation ihrer jüdischen Freundin Judith und den Tod des Vaters durch betrunkene SA-Schläger konnte sie nicht verhindern. Anschließend reiste Paula dann in die Heimat ihres verstorbenen amerikanischen Vaters aus. Kurz vor Kriegsende kehrt sie als Offizierin des Army-Geheimdienstes CIC und Dolmetscherin zurück nach Europa, zunächst nach Italien. Dort wird sie verwundet, schließlich gelangt sie 1946 ins Camp King in der Nähe von Frankfurt. Dort werden Nazis, Wissenschaftler, Kriegsverbrecher vernommen. Der aufkommende kalte Krieg lässt die Amerikaner zu Pragmatikern werden. Wer ist untragbar, aber vor allem: Wem kann man einen Persilschein ausstellen und für die anstehende Konfrontation mit den Kommunisten noch gut gebrauchen?

Paula wird auf Johann Kupfer angesetzt. Ein österreichischer Jude, der aber offenbar in Budapest für die deutsche Abwehr gearbeitet hat. Kupfer behauptet „Sieben“ zu sein, ein auch bei den Allierten legendärer deutscher Agent, der immer wieder geheimste Informationen über die Rote Armee oder aus dem Kreml durchgab. Wäre Kupfer der echte „Sieben“, wäre sein Netzwerk unbezahlbar im Kalten Krieg. Doch der Amerikaner sind skeptisch, denn im Camp King läuft auch Reinhard Gehlen umher. Der spätere Geheimdienstchef des BND-Vorläufers steht schon hoch im Kurs und hält Kupfer für einen Hochstapler (aus Eigennutz?). Paula gewinnt Kupfers Vertrauen und lässt ihn seine Geschichte erzählen. Doch stimmt sie auch? Paulas Problem wird größer, weil sie hofft, dass Kupfer ihr auch bei einer eigenen Sache weiterhelfen kann.

In Camp King trifft Paula ihren alten Freund Sam aus den Tagen der Ausbildung im Camp Ritchie. Sam ist ganz offensichtlich in Paula verliebt, doch sie will dies nicht zulassen. Denn sie hat damals jemanden in Berlin zurückgelassen: Ihre Beziehung zu Georg Melzer ist kurz vor Ihrer Abreise zerbrochen, doch nun ist sie auf der Suche nach ihm – in der Hoffnung, in ihm einen der Gerechten zu finden, die sich nicht gemein gemacht haben mit den Verbrechern, jemanden, der Reue zeigt und Deutschlands Schuld anerkennt – von denen es aber scheinbar niemanden gibt. „Ritchie Girl“ bezieht sich übrigens auf das Camp Ritchie in Maryland, in dem Deutsch-Amerikaner und Exil-Deutsche von der US Army gezielt auf Aktionen gegen die Nazis vorbereitet und eingespannt wurden – wie auch Paula.

Andreas Pflüger hat zuletzt mit der Jenny Aaron-Trilogie um eine blinde Superpolizistin neue Maßstäbe im deutschen Thriller gesetzt. Nun legt er mit „Ritchie Girl“ einen historischen Roman aus der unmittelbaren Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs vor. Während in Nürnberg die Hauptprozesse gegen die Nazi-Elite zu Ende gehen und später die Hinrichtungen vorbereitet werden, wird die zweite und dritte Garde der Nazis schon wieder taxiert, ob sie nicht brauchbar wären im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Das alles ist für Paula Bloom schwer ertragbar, sie glaubt an Recht, Gerechtigkeit, an Strafe und Sühne und muss doch schnell erkennen, dass es damit nicht weit her ist. Die Deutschen wiegeln scheinbar alle ab. Die Verbrechen – das waren die anderen. Und die Amis waten durch den Sumpf der Lügen und des Opportunismus und picken sich das Beste heraus, denn „Moral ist gerade im Ausverkauf und so billig, dass sie nichts mehr hermacht“ (S.442).

Der Autor vermittelt eine enorme Fülle an Fakten, was den Leser enorm fordert. Wer hier nicht alles auftaucht, zumindest in einer kleinen nebensächlichen Anekdote. Das geht auch ein wenig zu Lasten der Hauptfigur Paula Bloom, die gefühlt mit fast jeder bekannten Person (Dix, Klee, Schacht, Speer, Heym, Klaus Mann, Allen Dulles (der übrigens im Vergleich mit Adolf Eichmann nur knapp besser wegkommt), Graham Greene, Richard von Weizsäcker, Marlene Dietrich u.v.m.) der damaligen Zeit Kontakt hatte. Dadurch ist ihre Vita ziemlich artifiziell. Mir bleibt sie dadurch das ganze Buch über etwas fremd.

Das fällt aber nur wenig ins Gewicht, denn der Roman beeindruckt auf vielfältige Weise. Pflüger hat einen kraftvollen Roman über Schuld und Sühne, über Lügen und Verrat, aber auch über Liebe und Freundschaft geschrieben. Die bestechenden Dialoge und wahrlich viele philosopische oder poetische Passagen. Pflüger erweist sich als extrem sprachgewaltig, beispielhaft die eindrucksvollen Schilderungen der zerstörten Städte wie „Keine Form passte mehr auf die andere, alle Geraden waren gekappt, nur noch zerstörte Geometrie.“ (S.32) oder „Der Tiergarten eine Einöde in den Appalachen. […] Leichen auf der Spree, als wäre es der Styx, Berlin war ein verendetes, ausgeweidetes Tier, das nach Seuche und Zerfall stank“ (S.94).

Andreas Pflüger hat sich wahrlich viel vorgenommen, aber kann auch vieles einlösen. Er greift die Verflechtigungen der Amerikaner in die deutsche Rüstungs- und Vernichtungsindustrie (Standard Oil, IBM) und den Nachkriegsopportunismus der USA genauso auf wie die fehlende Einsicht der Deutschen, die Lügen, Ausreden und Ausflüchte, die Kontinuität der Nachkriegsjahre, in denen Nazis wieder Schaltstellen in Deutschland besetzen. Dabei beeindrucken vor allem die Gespräche Paulas mit Kupfer und dabei ragen insbesondere Kupfers Schilderungen von Adolf Eichmann in Budapest heraus, die keinen Leser kalt lassen dürften und das Bild des Bürohengsts Eichmann eindrucksvoll zerstören. „Ritchie Girl“ ist eine starke Mischung aus Fakten und Fiktion, dabei eine fordende Lektüre, deren Bandbreite ich hier längst nicht annähernd wiedergeben konnte. Ein Roman, der von Zynismus, Profitgier und Niedertracht erzählt, und dabei nur ganz sporadisch, aber immerhin, ein paar Hoffnungsschimmer verbreitet.

„Wenn jedoch keine Strafe groß genug wäre und es nichts gäbe, das Genugtuung brächte: kein Galgen, kein Verlust, keine Not, keine Erniedrigung, keine bitteren Tränen und keine falschen, dann war es vielleicht an der Zeit, nicht mehr zu hassen.“ (Auszug S.301)

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Ritchie Girl | Erschienen am 11.09.2021 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43027-9
464 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Besprechungen der Jenny Aaron-Trilogie von Andreas Pflüger

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬

Hörbuch-Kurzrezensionen Anfang Dezember 2021

 

 

Judith Merchant | Schweig! ♬

Nach „Atme“ aus dem Jahr 2019 ist dies der zweite Thriller der Autorin Judith Merchant, einer studierten Literaturwissenschaftlerin und Mitglied des Syndikats. Bei „Schweig!“ handelt es sich um ein spannendes Psychodrama, in dem zwei unzuverlässige Erzählerinnen in einer Art Kammerspiel aufeinander treffen. Die beiden Schwestern könnten unterschiedlicher nicht sein. Esther, die Ältere, eine Perfektionistin, lebt mit Mann und 2 Kindern in der Stadt und trotz Weihnachtsstress fährt sie bei starkem Schneefall zu ihrer Schwester Sue, einer verschrobenen Eigenbrötlerin, die seit ihrer Scheidung, seelisch angeschlagen, alleine und abgeschieden in einem großen Haus mitten im Wald lebt. Aus zunächst verbalen Sticheleien wird schnell ein erbitterter Kampf und dem Hörer wird klar, dass die beiden seit Kindertagen eine ziemlich schwierige und ungesunde Beziehung zueinander haben. Manipulative Machtspielchen waren schon immer an der Tagesordnung und können Neid und Missgunst kaum verbergen. Immer weiter wird an der Eskalationsstufe gedreht und man spürt, dass das auf eine Katastrophe hinausläuft. Viele unerwartete, nicht immer ganz schlüssige Wendungen wissen zu überraschen und obwohl die anstrengenden Charaktere dem Hörer einiges abverlangen, wollte ich die ganze Zeit wissen, wie es weiter geht und wurde in die Geschichte hineingezogen.

Durch den raffinierten Kniff, die Erzählperspektiven ständig zu wechseln, entsteht eine unterschwellige Spannung, denn nichts ist so wie es auf den ersten Blick scheint und man kann sich für keine Seite entscheiden. Dass wir es mit drei unterschiedlichen Sprechern zu tun haben, kommt dem Psychothriller sehr entgegen, denn er ist sehr dialoglastig, alle Empfindungen können dadurch gut kommuniziert werden und die Handlung wirkt dynamisch. Mit kleinen Abstrichen ein wirklich spannendes, gut durchdachtes Hörbuch, dessen Ende ich so tatsächlich nicht auf der Pfanne hatte.

 

Schweig! | Als Hörbuch erschienen am 09. September 2021 im Argon Verlag
ISBN: B09CZCKZ91
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Christiane Marx, Ulrike Kapfer, Tim Gössler
Laufzeit: 8 Stunden, 17 Minuten | 17,64 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Die Printausgabe erschien bei Kiepenheuer & Witsch

Wertung: 4,0 von 5
Genre: Psychothriller

 

 

Ken Follett | Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit (Band 4) ♬

Als vor über 30 Jahren ‚Die Säulen der Erde‘ rauskam, war der Mix aus Mittelalterroman, Thriller und Romanze komplett neu und gefühlt hat jeder das Epos über den Jahrzehnte dauernden Bau einer Kathedrale gelesen. Die Nachfolgebände interessierten mich dann weniger, als aber 2020 ‚Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit‘ erschien, das thematisch knapp 140 Jahre vor dem 1. Teil im Jahr 997 spielt, war ich wieder Feuer und Flamme. Genau das richtige, um auf meinem Arbeitsweg in eine andere Welt abzutauchen.

Edgar, ein junger Bootsbauer muss erleben, wie Wikinger sein Heimatdorf an der Küste überfallen und zerstören. Dabei werden nicht nur Heim und Werft komplett zerstört, auch sein Vater und seine Geliebte kommen ums Leben und er ist gezwungen, in einem kleinen Nest namens Deng’s Ferry im Landesinneren als Bauer sein Brot zu verdienen. Doch der handwerklich geschickte Edgar hat eine schnelle Auffassungsgabe und viele fortschrittliche Ideen. Zeitgleich macht sich die normannische Grafentochter Ragna von Cherbourg auf den Weg nach England, um den Aldermann Wilf zu ehelichen. Schnell verliert sie ihre Naivität, denn das Leben neben dem angelsächsischen Edelmann ist nicht so wie vorgestellt und sie muss sich gegen die Intrigen seiner durchtriebenen Familie zur Wehr setzen. In der naheliegenden Stadt Shiring kämpft der ambitionierte Mönch Aldred gegen klerikale Widersacher, z.B. den gewissenlosen Bischof Wynstan. Nach und nach verbinden sich die Wege der einzelnen Figuren.

Damit ist dieser Schmöker, der den Weg eines Weilers zu einer aufstrebenden und florierenden Stadt zeigt, das Prequel zu den anderen Kingsbridge-Romanen des Autors. Follett beschreibt diese raue Epoche, in der die Menschen unter großen Entbehrungen, vielen Krankheiten und der Willkür der Reichen leiden mussten, gewohnt bildhaft. Die Lebensumstände sind geprägt durch einen ständigen Überlebenskampf, Unterdrückung, Ausbeutung und Krieg. Der Schreibstil ist einfach, atmosphärisch und die Lebensumstände der Menschen werden durch Tobias Kluckert emotionsvoll transportiert. In gewohnter Ken-Follett-Manier sind die Rollen der Guten und Schurken eindeutig verteilt. Trotz trivialer Sprache und der Verwendung einiger Klischees fand ich die Geschichte durchaus fesselnd und konnte komplett in der Epoche versinken.

 

Kingsbridge | Als Hörbuch erschienen am 15. September 2020 bei Lübbe Audio
ISBN: B08HJDRZLR
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Tobias Kluckert
Laufzeit: 28 Stunden, 59 Minuten | 25,99 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Die gebundene Ausgabe erschien im Limes Verlag
Originaltitel: The Evening and the Morning | Übersetzung aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher

Wertung: 3,5 von 5
Genre: historischer Roman

 

Alex Beer | Der letzte Tod (Band 5) ♬

Vor fast 100 Jahren ist Wien nach dem Krieg noch schwer gezeichnet, Lebensmittel sind knapp, durch mangelnde Hygiene verbreiten sich tödliche Krankheiten und die Bevölkerung kämpft mit einer galoppierenden Inflation. Emmerichs geliebte Zigarette kostet pro Stück bereits 120 Kronen, was er nicht müde wird, zu erwähnen. Im 5. Band der Reihe haben es Kriminalinspektor Emmerich und sein Assistent Winter mit einem grausigen Fund zu tun. Eine mumifizierte Leiche wird zufällig am Wiener Hafen in einem Tresor entdeckt. Bei der einen Leiche bleibt es nicht, der psychopathische Mörder hat schon sein nächstes Opfer im Visier. Dann wird ihnen noch der Psychoanalytiker Sándor Adler zur Unterstützung zur Seite gestellt und selbstverständlich hält der eigensinnige Emmerich von dem „Irrenarzt“ rein gar nichts. In eine Nebengeschichte bekommt es Emmerich wieder mit seinem alten Feind Koch zu tun. Das hätte man sich sparen können, die Geschichte ist meiner Meinung nach auserzählt. Eine Spur führt nach Budapest und Emmerich erhält Hilfe durch die ungarische Polizei. Diese internationale Zusammenarbeit ist ein schöner Hinweis auf die Anfänge von Interpol.

Wie es sich für einen historischen Roman gehört, bilden Nebenschauplätze und Nebenfiguren die geschichtliche Bühne und transportieren hervorragend das Stimmungsbild der Bevölkerung. Es liegt eine angespannte Atmosphäre über Wien, die Wut auf die Amts- und Würdenträger der Stadt steigt, geschuldet durch den großen Unterschied zwischen Reich und Arm. Besonders Emmerich kam mir noch nie so ruppig und unhöflich vor.

Der Österreichische Burg-Schauspieler Cornelius Obonya wertet mit viel Wiener Schmäh die Geschichte noch mal auf. Er gibt mit unterschiedlichen Akzenten jeder Figur eine ganz eigene Stimme und nur durch minimale Änderungen der Tonlage kitzelt er die charakterlichen Merkmale heraus. Emmerich aufbrausend und unangepasst mit tiefer, markanter Stimme und dann wieder den ausgleichenden Winter ganz zart und leise. Wirklich beeindruckend wie Obonya sich durch den ganzen Plot grantelt, grummelt, flüstert und flötet. Nur schade, dass es sich um eine gekürzte Version handelt. Der 5. Band glänzt mit seine Figuren, seiner Atmosphäre und den gut recherchierten Fakten, schwächelt ein bisschen in dem wenig originellen Krimiplot um den Serientäter.

 

Der letzte Tod | Erschienen am 11.10.2021 bei Random House Audio
ISBN: B09HKZBVLVgekürzte Lesung | Sprecher: Cornelius Obonya
Gesamtspielzeit: ca. 6 Stunden 39 Minuten | 12,99 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Die gebundene Ausgabe erschien im Limes Verlag

Wertung: 3,5 von 5
Genre: historischer Kriminalroman

 

Fotos und Rezensionen von Andy Ruhr.

Tana French | Der Sucher

Tana French | Der Sucher

Sie gehört zu einer insbesondere in Deutschland gar nicht so großen Gemeinschaft von Kriminalautoren, die absolute Bestseller schreiben und trotzdem auch von der Kritik hochgelobt werden. Und dabei ist Tana French jemand, der jemandem die Einordnung ihrer Romane gar nicht so leicht macht. „Sie schreibt große Romane, in denen auch Verbrechen geschehen“, meint etwa die New York Times. Was sie aber in jedem Fall auszeichnet und was den großen Publikumserfolg umso erstaunlicher macht, ist eine geradezu stoische Ruhe in der Entwicklung ihres Plots.

Dies fällt auch in ihrem neuen Roman „Der Sucher“ auf. Der Leser macht Bekanntschaft mit Cal Hooper. Cal ist ein ehemaliger Cop aus Chicago, von seiner Frau ist er geschieden, seine Tochter ist erwachsen und geht eigene Wege. Cal hat sich zu einem Neuanfang entschieden, ein kleines Haus am Rande des Dorfs Ardnakelty im Westen Irlands gekauft. Dorthin ist er nun gezogen und beginnt, das Haus schrittweise zu sanieren und renovieren. Sein Nachbar Mart und auch der Rest des Dorfes haben den Neuling scheinbar wohlwollend empfangen, auch wenn sie ihn nicht in alle Dorfangelegenheiten einweihen. Bei seinen einsamen Arbeiten an seinem Haus bemerkt Cal bald, dass ihn jemand heimlich beobachtet. Irgendwann traut sich Trey, 13 Jahre alt, aus seinem Versteck, hilft Cal bei Schreinerarbeiten und rückt schließlich mit der Sprache heraus: Der 19jährige Bruder Brendan ist seit einigen Monaten spurlos verschwunden. Angeblich abgehauen, aber Trey glaubt nicht daran. Trey hofft, dass Cal sich der Sache annehmen wird.

Dazu verspürt Cal aber nur wenig Lust. Weil Trey aber äußerst heftig reagiert und er mittlerweile ein gewisses Vertrauenverhältnis zu dem Kind aus ärmlichen Verhältnissen aufgebaut hat, lässt er sich doch umstimmen und verspricht, ein paar Nachforschungen zu betreiben. Die ergeben zwar zunächst nicht allzuviel, doch es sind noch ein paar andere Dinge im Dorf geschehen, die Cal zumindest aufhorchen lassen. Ein abgebrochener Polizeieinsatz im Dorf zu der Zeit von Brendans Verschwinden, zudem seltsame blutige Angriffe auf Schafe einiger Farmer. Eines Abends im Pub wird Cal und von außen betrachtet mit reichlich Alkohol in den engeren Kreis der Dorfbewohner aufgenommen. Doch Cal hat die Zwischentöne und nicht gesagten Botschaften des Abends verstanden: Er soll sich nicht in Angelegenheiten einmischen, die ihn nichts angehen.

Am Berghang ist es kälter als unten im Weideland. Außerdem hat die Kälte auch eine andere Qualität, als Cal das von seinem neuen Zuhause kennt. Sie ist beißender und anstrengender, geht im schneidenden Wind direkt auf ihn los. (Auszug E-Book Pos. 1740)

Tana French nimmt sich sehr viel Zeit für ihre Geschichte, pfeift wie immer auf genreübliche Gepflogenheiten wie der ersten Leiche auf den ersten fünfzig Seiten. Der Spannungsbogen bleibt lange Zeit erstaunlich flach. Und dennoch gelingt es ihr, den Leser an den Roman zu fesseln. Herausragend ist die Beschreibung aller Figuren, ihrer dynamischen Beziehungen untereinander und der Blick auf die Dorfgemeinschaft. Über kurze Begegnungen am Gartenzaun oder im Tante-Emma-Laden des Dorfes kommen immer mehr Aspekte hinzu, die nach und nach ein fertiges Bild von Ardnakelty geben. Wesentlicher Bestandteil dabei sind auch die äußerst stimmigen Dialoge. Ebenfalls grandios ist die Beschreibung von Landschaft, Umgebung und Natur. Das fängt bei den Wetterbeschreibungen an, die die Stimmungen insgesamt widerspiegeln, und geht bis zu Details wie den Krähen in Cals Garten, die eine eigene Persönlichkeit zu haben scheinen.

„Der Sucher“ ist ein vielschichtiger Roman um Familie, Gemeinschaft, Vertrauen und Verrat. Ein Kriminalroman der leisen Töne, die um so stärker nachhallen. Der Leser bleibt die ganze Zeit beim neu in diese Umgebung hineingeratenen Cal, erlangt mit ihm Schritt um Schritt und manchmal äußerst schmerzhaft die Hintergründe über das Verschwinden von Brendan Reddy und kurz vorm Ende erfährt Cal die ganze Wahrheit.

Cal merkt, dass er nichts empfindet und nichts denkt. Er ist an einem Punkt angekommen, den er noch vom Dienst her kennt: ein Kreis, in dem sich selbst die Luft nicht mehr bewegt, in dem nichts existiert außer der Geschichte, die er hört, und der Person, die sie erzählt, und er selbst hat sich so weit aufgelöst, dass er nur noch aus Sehen und Hören und Bereitschaft besteht. Selbst seine Wunden und Schmerzen scheinen weit weg. (Auszug E-Book Pos. 5542)

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Sucher | Erschienen am 29.09.2021 im Fischer Verlag
ISBN 978-3-651-02567-7
496 Seiten | 22,- €
als E-Book: ISBN 978-3-10-490689-8 | 16,99 €
Originaltitel: The Seacher (Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Andrea zu Tana Frenchs Roman „Gefrorener Schrei

Michael Connelly | Schwarzes Echo (Band 1)

Michael Connelly | Schwarzes Echo (Band 1)

Aufgrund ihrer Kriegs- und Polizeierfahrungen, insbesondere der oben erwähnten Schüsse, die den Tod eines Menschen zur Folge hatten, zeigt sich die Versuchsperson körperlicher Gewalt gegenüber als in hohem Maße desensibilisiert. Sie spricht von Gewalt oder auch Aspekten der Gewalt als normalem Teil ihres alltäglichen Lebens, ihres Lebens insgesamt. (Auszug S. 109)

Die Versuchsperson, die hier in einem psychologischem Memo charakterisiert wird, ist niemand anderes als Harry Bosch. Dem aktuellen Krimipublikum am ehesten vertraut durch die ab 2014 produzierte siebenstaffelige Fernsehserie mit Titus Welliver als Detective Hieronymus, genannt Harry, Bosch. Doch die Figur ist inzwischen schon fast dreißig Jahre alt. Damals, Ende Januar 1992, erschien beim Verlag „Little, Brown and Company“ das Debüt des Journalisten Michael Connelly. „The Black Echo“ wurde direkt ein Erfolg, gewann ein Jahr später den Edgar Award für das beste Erstlingswerk und begründete eine bis heute andauernde Erfolgsreihe.

Michael Connelly war bereits früh von der Kriminalliteratur fasziniert. Raymond Chandler war sein großes Vorbild und schon in jungen Jahren stellte sich bei ihm der Wunsch ein, Kriminalschriftsteller zu werden. Doch er machte sich, auch mit seiner Familie, über den richtigen Weg dorthin Gedanken: „…to get into the world of crime I needed to be a lawyer, a cop or a reporter“(1). Connelly machte schließlich einen Abschluss in Journalistik und begann 1980 als Polizeireporter in Florida, zunächst bei der kleinen Zeitung „Daytona Beach News Journal“, später beim „Fort Lauderdale News and Sun-Sentinel“. Er schrieb während dieser Zeit an zwei Private Eye-Romanen, die er aber selbst als nicht gut genug empfand, insbesondere die Figuren betreffend. Seine fortschreitende journalistische Tätigkeit gab ihm aber zunehmend tiefere Einblicke in die Welt des Verbrechens und der Polizeiarbeit. Eine Reportage über die Überlebenden eines Absturzes einer Passagiermaschine 1985 in Dallas brachte Connelly schließlich landesweite Reputation, die Nominierung für den Pulitzerpreis und ein Jobangebot der „Los Angeles Times“. Dort intensivierte er nochmal den Aufwand: „I did a lot of shoe leather. I talked to about 100 detectives a week.“(2) Sein Ziel war es vor allem, einen in sich stimmigen Charakter für seinen ersten Roman aufzubauen. Zwei Jahre schrieb er an „The Black Echo“ mit seinem Protagonisten Harry Bosch. Als Debütant hatte Connelly natürlich auch mit einigen Absagen zu kämpfen, bis sich schließlich James Lee Burkes Agent Phil Spitzer vom Manuskript überzeugt wurde und bei Little, Brown and Company platzieren konnte. „The Black Echo“ war damals ein erfolgreiches Debüt, wenn auch kein Megaseller. Doch es begründete eine der heute erfolgreichsten Krimiserien.

Aber nun auch was zum Inhalt: Detective Harry Bosch war sowas wie ein Superstar im LAPD, hatte spektakuläre Erfolge als Mordermittler, einer seiner Fälle wurde sogar für das Fernsehen adaptiert. Andererseits war Bosch schon immer ein einsamer und knurriger Held, dem die Meinungen der Kollegen wenig bedeuteten und der Dienstvorschriften immer großzügig auslegte. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Dienstaufsicht eine gute Gelegenheit ausnutzen würde. Nachdem eine Festnahme mit dem Tod des (zu recht) Tatverdächtigen endete, gab es Ermittlungen gegen Harry, denn der Getötete war unbewaffnet. Eine Zeugin behauptete, Harry habe gewusst, dass der Mann nicht nach einer Waffe, sondern nach seinem Toupet unter dem Kopfkissen greifen wollte. Doch die Zeugin hatte nicht den allerbesten Leumund, sodass Harry nicht degradiert wurde. Allerdings reichte es, um ihn aus dem Scheinwerferlicht der Mordkommission in Downtown L.A. in die weniger spektakuläre Hollywood Division zu versetzen. Doch der stellvertretende Leiter des Departments für innere Angelegenheiten, Chief Irvin Irving, wartet nur auf den nächsten Fehler von Harry Bosch.

Dieser macht erstmal wie gewohnt seinen Job. Diesmal wird er zu einem Leichenfund am Lake Hollywood gerufen. Ein toter Mann wurde in einer Röhre gefunden, in dem sich schon mal Obdachlose und Junkies aufhalten. Tatsächlich hatte der Mann noch eine Spritze im Arm. Ein klarer Fall also, auch Harrys neuer Partner Jerry Edgar will sich mit dem Fall nicht lange aufhalten. Und doch kommt Harry einiges merkwürdig vor: Es sieht so aus, als wäre der Mann in die Röhre gebracht worden, ein Finger ist seltsam gebrochen, der Einstich zum goldenen Schuss war der allererste seit langer Zeit – und außerdem kennt Bosch den Mann.

William, genannt Billy, Meadows war wie Harry Bosch ein Vietnamveteran. Genauer gesagt eine „Tunnelratte“, Männer, die in die unterirdischen Tunnelsysteme des Vietcong eindrangen, um in den dunklen, unheimlichen Gängen den Feind auszuschalten. Doch wehe, man geriet selbst dort unten in Feindeshand. „Schwarzes Echo“ nennen sie diese Gänge bis heute.

„Es gab keine Bezeichnung dafür, also haben wir uns eine ausgedacht. Es war die Dunkelheit, die feuchte Leere, die du gefühlt hast, wenn du allein da unten in diesen Tunneln warst. Du fühltest dich dort wie tot – tot und begraben in der Finsternis. Aber du warst am Leben. Und du hattest Angst. Dein eigener Atem hallte aus der Finsternis zurück, laut genug, dich zu verraten. Oder zumindest glaubtest du das. Ich weiß nicht. Es ist schwer zu erklären. Eben… das schwarze Echo.“ (Auszug S. 402-403)

Harry ist überzeugt, dass Meadows umgebracht wurde. In der Wohnung findet er einen Pfandschein. Im Pfandbüro angekommen, stellt Harry fest, dass in dieses eingebrochen wurde und ausgerechnet das verpfändete Stück, eine Jadearmband, entwendet wurde. Zu viel des Zufalls für Bosch. Er recherchiert, dass das Armband im Rahmen eines spektakulären Raubs vor einigen Monaten abhanden gekommen war, als über einen selbstgegrabenen Tunnel in den Schließfachraum der WestLand National Bank eingebrochen wurde – die Verbindung zu Billy Meadows. Harry sucht Kontakt zum FBI, das den Bankraub bearbeitet. Er blitzt zunächst ab, darf aber dann doch an der Seite der Agentin Eleanor Wish weiterermitteln.

„You get into a situation where plot is king and you really should know character is King“.(3) So beschreibt Michael Connelly selbst seinen Prozess auf dem Weg zu einem erfolgreichen Kriminalautor. Am Ende stand die Entwicklung seines Protagonisten Harry Bosch, der hier als einsamer Wolf des LAPD durch die Gegend streift. Harry ist ein Moralist, sein Credo „Jeder zählt oder niemand zählt“ lässt ihn jeden Mord unabhängig vom Status des Opfers betrachten – was im LAPD nicht unbedingt üblich ist. Damit eckt Harry natürlich auch immer wieder an, isoliert ihn unter den Kollegen. Seine großzügige Dehnung der Dienstvorschriften bringt ihn zudem immer wieder ins Visier der internen Ermittlungen. Seine Brillanz in der Polizeiarbeit nötigt jedoch auch seinen Gegnern Respekt ab. Auch privat ist Harry nicht unbedingt ein geselliger Typ, er ist als Kind zumeist in Heimen aufgewachsen, seine alleinerziehende Mutter arbeitete als Prostituierte und wurde ermordet, als er elf war. Später war Bosch dann bei der Army und ist Veteran des Vietnamkrieges, was ihn durchaus noch belastet. Schließlich hat er dann bei der Polizei angefangen. Als Leser spürt man sofort, diese Figur hat das gewisse Etwas, ein moralischer Charakter mit Ecken und Kanten und einer interessanten Vergangenheit. Neben diversen echten Personen aus seiner Zeit als Polizeireporter stand bei der Figur Harry Bosch natürlich – wir bewegen uns in L.A. – auch Philip Marlowe Pate. Spannend für alle diejenigen, die wie ich mehr Serienstaffeln als Bücher von Bosch gelesen haben, ist die Tatsache, dass Connelly schon zahlreiche Figuren des weiteren Bosch-Universums wie Eleanor Wish und Irvin Irving hier als einflussreiche Nebencharaktere anlegt.

Der Schauplatz Los Angeles ist selbstredend ein klassisches Setting amerikanischer Kriminalromane und wird von Connelly dennoch um weitere Facetten erweitert. Daneben entwirft der Autor einen spannenden und durchaus komplexen Plot um ungewöhnliche, skrupellose Bankräuber, alte Vietnam-Connections und Querelen und Querschüsse aus den eigenen Reihen des Polizei- und Behördenapparates. Hier zeigen sich die Qualitäten des Reporters Connelly, der es vermag, den Polizeialltag, die (oftmals schwierige) Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ermittlungsbehörden, zwischen Polizei und Presse und interne Streitigkeiten innerhalb der Polizei authentisch und spannend darzustellen. Insgesamt ist „Schwarzes Echo“ ein herausragendes Debüt, eine Cop Novel, die von der Handlung vollkommen überzeugt und dennoch durch diese Hauptfigur Harry Bosch nochmal auf ein weiteres Level gehoben wird – ein echter Krimiklassiker.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Schwarzes Echo | Erstmals erschienen 1992
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 02.06.2021 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-15508-9
507 Seiten | 13,- €
Originaltitel: Black Echo (Übersetzung aus dem Englischen von Jörn Ingwersen)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Zitate (1),(2) und (3) sowie weitere Hintergrundinfos aus: „My first thriller: Michael Connelly“ auf crimereads.com

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