Tag: 6. April 2026

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Zu den harten Fakten: Von Oktober 1989 bis April 1991 verübte ein Serienmörder in Brandenburg südöstlich von Berlin insgesamt sechs Morde und beging drei weitere Mordversuche. Die Taten waren auch mit sexuellem Missbrauch bzw. Vergewaltigung verbunden. Die Taten und die Suche nach dem Täter wurden von der Presse intensiv verfolgt, man gab ihm den Namen „Rosa Riese“ oder „Bestie von Beelitz“. Die Berichterstattungen während der Suche und später während des Prozesses von bestimmten Boulevardmedien wurden anschließend stark kritisiert. Im August 1991 wurde schließlich ein Mann in Damenbekleidung von zwei Joggern überwältigt und der Polizei übergeben. Dort gestand Wolfgang Schmidt, ehemaliger Volkspolizist, die Taten. Während des Prozesses wurde bekannt, dass Schmidt einen extremen sexuellen Fetischismus entwickelt hatte. Später ließ Schmidt ihre Transgeschlechtlichkeit bekanntgeben und erfolgreich die Geschlechtszuordnung ändern. Sie heißt seitdem Beate Schmidt und ist immer noch im Maßregelvollzug untergebracht.

Die Potsdamer Autorin Sophie Sumburane hat sich dieses Stoffes angenommen und daraus einen True Crime-Roman verfasst. Sie beginnt den Roman in Deetz, einem kleinen Ort an der Havel zwischen Potsdam und Brandenburg, Anfang Oktober 1989. Hedi, eine junge Frau aus dem Dorf, badet wie viele aus der Gegend gerne in den Erdelöchern, kleine Seen in ehemaligen Torfabbaulöchern, als sie einen Mann bemerkt, der sie beobachtet. Sie entkommt mit einem Schrecken, der Mann greift sie nicht an, verhält sich aber merkwürdig. Zwei Wochen später wird in der Bungalowsiedlung nahe der Erdelöcher eine 51jährige Frau ermordet, die Hedi auch kannte. Die Bewohner aus Deetz reagieren schockiert, neben Hedi auch ihre beste Freundin Gabi. Die Polizei der untergehenden DDR ist mit dem Fall überfordert, verdächtigt unter anderem den Ehemann, obwohl der überhaupt nicht zu der Beschreibung des Täters passt, der einem Zeugen in der Siedlung aufgefallen ist.

Der Roman konzentriert sich in der Folgezeit stark auf die beiden Frauen und Ich-Erzählerinnen Hedi und Gabi, die sich durch den Wandel in der DDR und der später erfolgenden Wiedervereinigung in einer komplizierten Lebensphase befinden. Die scheinbar vorgezeichneten Pfade der DDR mit Ausbildung und Beruf gelten nicht mehr, man ist nun aber auch etwas überfordert mit der Freiheit. Gerade die Elterngeneration findet sich nur schwer in der neuen Bundesrepublik zurecht. Und nun geht die Angst vor dem Mörder um, der das Dorf lähmt, in die heile Welt eindringt. Hedi flüchtet mit ihrem Freund Erich nach Berlin. Doch dort lässt er sie nicht mehr aus der Wohnung, steigert sich in Beschützerinstinkte, wird ihr gegenüber körperlich. Irgendwann glaubt Hedi, dass er der Gesuchte ist. Gabi hingegen nutzt die neue Freiheit, bewirbt sich erfolgreich um ein Praktikum bzw. Volontariat bei der Bild-Zeitung. Dort will sie auf den Fall des Mörders und vermutlichen Serientäters aufmerksam machen, scheitert aber zunächst am Desinteresse der Redaktion. Erst der Doppelmord an einer Mutter und ihres Säuglings lässt das Interesse des Boulevards umso heftiger entfachen. Währenddessen versucht Gabi, Hedi aus ihrem „Gefängnis“ mit Erich zu befreien.

Die Autorin nutzt die beiden Frauen und ihr Umfeld, um die einschneidenden Erfahrungen der Wendezeit deutlich zu machen. Ein gewohntes Umfeld, dass sich plötzlich stark verändert. Eine neu gewonnene Freiheit, die auch erstmal verunsichert. Ein Konsumrausch, dem viele nicht gewachsen sind. Die staatliche Ordnung der DDR, die vom Übergang überfordert ist. Existenzängste. Die Bundesrepublik als Ellbogengesellschaft. Die niederen Instinkte des Boulevardjournalismus. Hinzu kommen die Taten des Serienmörders, die verstören und Angst machen, die als westlich importiert empfunden wurden, obwohl, wie sich später herausstellt, der Täter in der DDR unter ihnen sozialisiert wurde. Der Täter selbst kommt übrigens nur selten durch knappe, kurze Abschnitte – zumeist Aussagen aus dem Polizeiverhör – vor. Der Fokus liegt weniger auf den Taten und gar nicht auf den Ermittlungen, eher auf den Opfern, denen ein gewisser Platz eingeräumt wird, vor allem aber auf der gesamtgesellschaftlichen Situation der Wendezeit und der damit verbundenen Umwälzungen, in der diese Taten stattfanden und was diese dadurch für ein Echo auslösten. Das macht den Roman zu einer lesenswerten Studie über ein aufsehenerregendes Verbrechen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche.

„Ich glaubte, ich wollte beim Aufklären helfen, weil irgendwie keiner so richtig etwas tat, doch jetzt weiß ich, eigentlich war es meine Angst, die mich antrieb. […] Es war die Angst, die mich zwang zu verstehen zu wollen, wovor ich Angst haben musste. Ich hatte das Gefühl, ich würde erst wieder angstfrei sein, wenn ich jeden Moment mit Gewissheit wusste, wo er war. Doch nun sind Monate vergangen, ohne dass ich mehr weiß, eine weitere Frau wird vermisst und ein weiteres Mal scheint sie vergessen zu werden.“ (Auszug S. 212)

Über die Recherchen von Sophie Sumburane wurde zudem auch eine dreiteilige Dokumentarserie („Rosa Riese“) der Reihe „ARD Crime Time“ produziert. Ein Kamerateam begleitet die Autorin bei der Befragung von Zeitzeugen und auf Spurensuche in der Region. Zudem werden Archivbeiträge eingespielt. Im Gegensatz zum Buch spielen die Polizeiermittlungen und der Täter eine größere Rolle. Insofern eine interessante Ergänzung zum Roman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Keine besonderen Auffälligkeiten | Erschienen am 02.03.2026 in der Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-478-4
296 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Dokumentarserie „Rosa Riese“ in der ARD-Mediathek