
Andreas Pflüger | Kälter
„Sie rechnen hier nicht mit jemandem wie mir. Und ich seh weiß Gott nicht zum Fürchten aus. Vielleicht hat es sogar noch etwas Gutes, dass ich schon lange nicht mehr auf meine Form geachtet habe.“ „Aber fünf.“ „Vor einer Ewigkeit hat mal jemand gesagt, ich würde nie etwas zu Ende bringen. Und er hatte recht. Aber diese Männer werden sich wünschen, sie hätten die Fähre gestern verpasst.“ (Auszug Seite 45)
Amrum, die kleine, nordfriesische Insel neben Föhr gelegen, wird wegen ihres feinsandigen, kilometerlangen Strandes und viel Natur auch die Perle der Nordsee genannt. Luzy Morgenroth versieht hier seit einigen Jahren ganz beschaulich ihren Dienst als Inselpolizistin zusammen mit ihrem Kollegen Jörgen, für mehr ist in der Amrumer Station zumindest in der Wintersaison nicht zu tun. Im Herbst 1989, Luzy feiert mit Freunden ihren 50. Geburtstag, als ein heftiger Sturm über Amrum aufzieht, wird die beschauliche Inselidylle jäh gestört. Mit der letzten Fähre landen fünf bis auf die Zähne bewaffnete Killer auf der Insel und es kommt zu einer Reihe von Morden. Luzy sieht sich gezwungen, in ihre Vergangenheit zurückzukehren. Denn was auf Amrum niemand ahnt, sie war einst eine top ausgebildete Mitarbeiterin des BKA und Personenschützerin, die sich nach einem desaströs verlaufenem Einsatz in Israel, zurückgezogen hatte. Der damalige Drahtzieher der Terroraktion, die ihr Leben zerstörte, war Hagen List, genannt Babel. Dieser ließ Luzy damals hochmütig am Leben. Mittlerweile gilt der gefährlichste Terrorist der Welt als tot.
„Wahre Macht über Leben und Tod hast du nur, wenn du dann und wann jemandem erlaubst, fürs Erste weiterzuatmen.“ (Auszug Seite 127)
Als Luzy einen Hinweis auf „Babel“ als Verantwortlichen des Killerkommandos bekommt, verlässt sie nach acht Jahren die Insel und macht sich auf den Weg, um den Totgeglaubten endlich zur Strecke zu bringen. Um es mit den Gegnern von damals aufzunehmen, reist Luzy nach Berlin, um sich von Yosef, ihrem früheren Krav-Maga-Trainer in die körperliche Form ihrer früheren Karriere bringen zu lassen. In Berlin bekommt sie hautnah den Mauerfall mit, als sich 1989 die Grenzen öffnen. Während die Ostdeutschen in den Westen strömen, kämpft sich Ex-Agentin Luzy ins Stasiarchiv. In alten Stasi-Akten findet sie den Beweis, dass Babel überlebt hat und für unzählige Anschläge verantwortlich ist. Mit den dort enthaltenen Informationen führt sie die Jagd quer durch Europa, von Berlin nach Wien, Israel und Südfrankreich.
„Vielleicht begegnen wir uns wieder und finden dann heraus, wer von uns beiden kälter ist. Was meinen Sie: Sind Sie kälter als ich?“ (Auszug Seite 138)
Gemächlicher Anfang für einen Thriller von Andreas Pflüger, aber keine Sorge, nach ca. fünfzig Seiten bricht die Hölle los und das Inselidyll wird nach allen Regeln der Kunst zerlegt. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges entfaltet sich der furiose Agententhriller mit einer viele Haken schlagenden Handlung, aufgrund des persönlichen Rache-Plots wird es auch emotional mit Thematisierung seelischer Abgründe. Typisch für Pflüger steht wieder eine weibliche Heldin im Fokus, eine kaltblütige Killermaschine, die zwischen den Welten steht, sich aber nach Normalität, nach der „Welt der Anderen“ sehnt und der der Autor sogar eine Romanze gönnt. Ein Thriller und ein akribisch recherchiertes Stück Zeitgeschichte, der aufgrund der Verwicklungen und Doppelidentitäten der Geheimdienstler komplex ist, voller Tempo sowie brillant durch Pflügers unverwechselbare Sprache, die besonders in den wortwitzigen, knappen Dialogen aufblitzt. Kopfkino entsteht bei den mit hohem Bodycount virtuos choreografierten Actionszenen, die mit vielen augenzwinkernden Stellen wieder gebrochen werden. Alle Orte, wie die sturmumtoste Nordseeinsel, das Ausbildungscamp in der israelischen Negev-Wüste, das Riesenrad am Wiener Prater oder die Berliner Mauer werden lebendig und präzise beschrieben. Dazu sind die 80er Jahre stets greifbar, die Angst vor der RAF allgegenwärtig.
Es gibt auch ein Wiedersehen mit Figuren, die man bereits aus anderen Pflüger-Romanen kennt, etwa den BKA-Präsidenten Richard Wolf, aber auch Nina Winter und Rem Kukura spielen eine kleine Rolle. Selbst Jenny Aaron taucht als achtjähriges Kind in einem Cameo-Auftritt auf. Das Design des Romans ist im gleichen Stil wie „Wie Sterben geht“ designt und spricht mich sehr an. Andreas Pflüger hat mal wieder gezeigt, dass er in einer ganz eigenen Liga spielt.
Foto und Rezension von Andy Ruhr.
Kälter | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43258-7
495 Seiten | 25,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Weiterlesen I: Rezensionen zu Kälter bei buch-haltung.com und beim Kaffeehaussitzer
Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Romanen von Andreas Pflüger bei Kaliber.17