Kategorie: Gunnar Wolters

Willem Frederik Hermans | Die Dunkelkammer des Damokles

Willem Frederik Hermans | Die Dunkelkammer des Damokles

Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich: So wie dieser Mann ist, so müßte ich sein. Verstehst du, es ist gar nicht so leicht, das auszudrücken, aber ich meine so ungefähr wie in einer Fabrik, wo ein bestimmter Gegenstand hergestellt wird: Hin und wieder mißlingt einer, ein zweiter wird gemacht, der in Ordnung ist, und das mißlungene Exemplar wird weggeworfen…
Nur, mich haben sie nicht weggeworfen, ich habe weitergelebt, wenn auch mißlungen. Ich habe nie gewußt, daß ich das mißlungene Exemplar bin, bis ich Dorbeck begegnet bin. Von da an wußte ich es. Von da an wußte ich, daß er das gelungene Exemplar ist, daß ich im Vergleich mit diesem Mann keine Existenzberechtigung hatte, daß ich mich nur zu einem annehmbaren Menschen entwickeln konnte, indem ich genau das tat, was er wollte. Ich habe alles getan, was er von mir verlangt hat, und das ist nicht wenig…nein, nicht wenig… (Auszug Seite 196-197)

Henri Osewoudt betreibt einen kleinen Tabakladen in Voorschoten, als wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande im Mai 1940 der niederländische Offizier Dorbeck sein Geschäft betritt und ihn bittet, einen Film zu entwickeln und seine Uniform zu verstecken. Von da an erhält Osewoudt weitere Anweisungen von Dorbeck, die er zuverlässig ausführt, sogar als Dorbeck ihn zum Mord anstiftet. Osewoudt wird sogar von den Deutschen verhaftet, kann aber fliehen und sich im April 1945 in den bereits befreiten Teil der Niederlande durchschlagen. Dort angekommen wähnt er sich als Held des Widerstands und muss fassungslos feststellen, dass er als Verräter verhaftet wird.

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Zygmunt Miłoszewski | Ein Körnchen Wahrheit

Zygmunt Miłoszewski | Ein Körnchen Wahrheit

„Sollen die Schulen geschlossen werden?“
Szacki stutzte. Er drängte zum Eingang durch, doch die Frage war so blöd, dass er stehen blieb.
„Die Schulen, warum?“
„Um die Kinder zu schützen.“
„Entschuldigung, aber wovor?“
„Vor dem Mysterium des Bluts.“
„Sind sie verrückt geworden?“
Staatsanwalt Teodor Szacki hatte den Eindruck, es öffne sich die Tür zu einer alternativen Wirklichkeit. Zu einer alten, vergessenen und irrealen Wirklichkeit, wie er dachte, übersät mit den Leichen alter Dämonen. Aber es genügte schon, einen Blick durch einen Spalt zu werfen, um zu erfahren, dass die Dämonen keineswegs tot waren, sie hatten nur geschlummert, und dazu war das ein überaus leichter Schlaf gewesen. (Auszug Seite 219)

Staatsanwalt Teodor Szacki hat sich ins Provinzstädtchen Sandormierz versetzen lassen. Dort ist es eigentlich relativ geruhsam, doch dann erschüttert ein grausamer Mord das Städtchen. Eine hoch angesehene Frau wurde durch schwere Schnittverletzungen am Hals ermordet, offenbar durch ein spezielles Messer für rituelle jüdische Schächtungen. Alte antisemitische Ressentiments kommen wieder hoch und Szacki versucht verzweifelt, gegen diese alte Legenden anzukämpfen. Da wird die nächste Leiche gefunden, auch sie ermordet wie in der alten Ritualmordlegende.

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Horst Eckert | Wolfsspinne

Horst Eckert | Wolfsspinne

Ronny fuhr nicht schneller als achtzig Sachen und hielt sich strikt auf der rechten Spur, um keinen Unfall zu riskieren. Er war noch immer aufgewühlt. Eine Art Schüttelfrost und Übelkeit. Auch das Pfeifen im Ohr wollte nicht vergehen.
Schluss damit, sagte sich Ronny. Nie mehr Undercover. Gebt mir einen Schreibtischjob: Eingangspost sortieren, Stempel auf Aktenstücke drücken, Vorgänge abheften, irgend so etwas.
Nur eine letzte Sache gab es noch zu tun. Eine weitere Person war auszuschalten, und Ronny war sich bewusst, was vom Gelingen der Aktion Wolfsspinne abhing. Nicht bloß die Karriere einiger Beamter. Nicht nur seine eigene Freiheit. Es ging um weitaus Grundsätzlicheres. (Auszug Seite 162)

Hauptkommissar Vincent Veih ermittelt im Mordfall an einer Düsseldorfer Promiwirtin. Die Tote konsumierte und dealte in kleinem Rahmen mit Crystal Meth. Somit verfolgt die Mordkommission eine Spur ins Drogenmilieu. Dort hält sich auch der LKA-Undercover-Beamte Ronny Vogt auf. Er ist erst seit kurzem in Düsseldorf und war vorher für den Thüringer Verfassungsschutz in der Neonaziszene tätig. Dabei war er bei den Geschehnissen rund um den NSU näher dran als ihm lieb sein konnte. Und nun scheint ihn diese Vergangenheit in Düsseldorf wieder einzuholen.

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Thomas Nommensen | Wintertod

Thomas Nommensen | Wintertod

Langsam ging ich zu der Stelle. Mein Speer hatte den Vogel tatsächlich genau in der Mitte des kleinen Körpers getroffen und war so weit eingedrungen, dass die Schneide bis zum Anschlag in dem schwarz glänzenden Gefieder steckte. […]
Eine Weile standen wir so und betrachteten schweigend den toten Körper. Als wir uns schließlich umdrehten und gehen wollten, ertönte über uns ein Krächzen. Es war die andere, die vorsichtige Krähe. Sie hockte auf einem Zweig und starrte uns aus ihren Kohleaugen an.
Ob sie jetzt traurig ist?, überlegte ich. Oder wütend?
Adam sah mich an, als ob er meine Gedanken gehört hätte. „Respekt“, sagte er. „Sie hat jetzt Respekt vor dir.“
Ich nickte und nahm mir vor, beim nächsten Wurf nicht wieder die Augen zu schließen. Das war ich dem Tod einfach schuldig. (Auszug Seite 303)

Auf einem aufgegebenen Friedhof im Berliner Stadtteil Buch wird von einer Schatzsucherin die notdürftig begrabene Leiche einer Frau gefunden. Laut Obduktion gibt es keine Hinweise auf eine Fremdeinwirkung. Hauptkommissar Arne Larsen will den Fall jedoch nicht so schnell abhaken und folgt spätabends seinem Bauchgefühl wieder zum Friedhof. Dort entdeckt er tatsächlich unmittelbar neben dem Fundort einen weiteren Leichnam: Diesmal ist es die Leiche eines kleinen Mädchens und diesmal gab es eine äußere Gewalteinwirkung.

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Donald Ray Pollock | Die himmlische Tafel

Donald Ray Pollock | Die himmlische Tafel

„Und was ist mit dir?“, fragte Cane. „Worauf freust du dich, wenn wir hier wegkommen?“
„Ich?“, fragte Chimney. „Ich werde die nächsten zehn, fünfzehn Jahre saufen, vögeln und rummachen, dann suche ich mir ein nettes Mädchen und werde sesshaft. Vielleicht noch ein paar Kinder“
„Zehn, fünfzehn Jahre?“
„Klar“, sagte Chimney. „Scheiße, ich bin doch erst siebzehn.“
„Tja, das stimmt.“
„Und du?“
Cane zögerte. Er war sicher, sein Bruder würde nicht begreifen, was er für ein lebenswertes Leben hielt, aber was machte das für einen Unterschied? Zum Teufel, sie konnten morgen alle tot sein, und ihre Träume mit ihnen. (Auszug Seite 185-186)

Die drei Brüder Cane, Cob und Chimney Jewett arbeiten mit ihrem Vater Pearl als Farmhelfer im Georgia des Jahres 1917. Die Familie lebt unter extrem harten Bedingungen, denn Pearl meint, sich durch Armut und Verzicht auf Erden einen Platz an der „himmlischen Tafel“ zu sichern. Abends liest Cane, der Älteste, der einzige, der von seiner verstorbenen Mutter noch das Lesen beigebracht bekommen hatte, seinen Brüdern aus einem Groschenroman vor, „Bloody Bill Bucket“. Als ihr Vater letztlich an den Entbehrungen stirbt, beschließen die Brüder, ihre neu gewonnene Freiheit zu nutzen – auf den Spuren des Bankräubers und Outlaws „Bloody Bill Bucket“.

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