Kategorie: Andy Ruhr

Dennis Lehane | Der Abgrund in dir

Dennis Lehane | Der Abgrund in dir

An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann. Er stolperte mit einem seltsam wissenden Gesichtsausdruck rücklings, als ob er schon immer geahnt hätte, dass sie es tun würde. Gleichzeitig wirkte er auch überrascht. Sie nahm an, dass sie ähnlich aussah. (Auszug, Anfang)

Rachel und Brian

Rachel Childs wächst alleine bei ihrer Mutter, der prominenten Psychologin Elisabeth Childs auf. Ihr Vater, ein Kunstgeschichtsdozent hat die Familie früh verlassen, als Rachel noch ganz klein war. Rachels Mutter ist ein schwieriger Charakter und obwohl sie als Autorin von Ratgeber-Büchern eine kleine Berühmtheit erlangt hat, dominiert sie Rachels Kindheit durch ihre stete Verbitterung. Die permanent unglückliche Frau will Rachel nichts über ihren Vater verraten, und nimmt dieses Geheimnis nach ihrem frühen Unfalltod mit ins Grab. Rachel ist siebzehn Jahre alt, als sie sich verzweifelt auf die Suche nach ihrem Vater macht. Dabei lernt sie Brian Delacroix kennen, der ihr als Teilzeit-Detektiv zur Seite steht.

Rachel macht Karriere als Fernsehjournalistin und ihr Gesicht wird schnell im ganzen Land bekannt. Ihre Arbeit führt sie auch in Krisengebiete, bis ein Einsatz auf Haiti zu einem Nervenzusammenbruch vor laufender Kamera führt. Die Erlebnisse nach der schweren Naturkatastrophe werfen sie komplett aus der Bahn und sie zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Es kommt zu einem Karriereknick, auch weil Angstzustände fortan ihr Leben bestimmen und sie kaum noch das Haus verlässt.

Zufällig taucht Brian Delacroix erneut in ihrem Leben auf und die beiden werden ein Paar. Er steht Rachel in dieser schweren Zeit bei, in denen sie von Panikattacken überfallen wird. Doch ein unbestimmtes Gefühl nagt an ihr und es mehren sich die Zeichen, dass Brian nicht der ist, der er vorgibt. Sie beginnt ihm zu misstrauen und versucht seiner wahren Identität auf die Spur zu kommen.

Teil Eins

In dieser ersten Hälfte des Buches steht der psychologische Aspekt im Vordergrund und wir erfahren viel über Rachels familiären Hintergrund. Die Charaktere werden behutsam aufgebaut und Rachel als Protagonistin kommt einem wirklich nah. Ihre schon fast zwanghafte Suche nach dem Vater ist nach einem Leben mit der unterkühlten Mutter absolut nachvollziehbar. Auch wenn der Roman hier mehr Belletristik ist, fand ich diese ruhigen Passagen wunderbar zu lesen und Lehanes tiefgründige Art zu schreiben hat mich gefesselt und in den Bann gezogen. In diesem literarischen Teil gelingt es Lehane, durch die intensive Erzählweise subtile Spannung aufzubauen und neugierig auf die Auflösung zu machen. Deutlich spürbar ist, dass der amerikanische Krimiautor, der, bevor er „Creative Writing“ studierte, auch als therapeutischer Berater gearbeitet hat, großen Spaß an der Entwicklung seiner Figuren empfindet und ihm die Psychologisierung sehr wichtig ist.

Teil Zwei

Deshalb frage ich mich, ob der gleiche Autor für die zweite Hälfte verantwortlich ist. Hier mutiert der Roman zum Action-Thriller und ein Cliffhanger jagt den nächsten. Das ist ohne Frage extrem spannend und auch gut geschrieben, auch wenn es an einigen Stellen an Logik und Glaubwürdigkeit mangelt. Die Protagonistin entwickelt sich von einer angstbesetzten Frau, die unter Panikattacken leidet, viel zu schnell zur taffen Superheldin. Was mich aber wirklich stört, ist der fehlende Bogen zur literarischen ersten Hälfte. Die so hervorragend aufgebauten Handlungsstränge werden nicht wieder aufgegriffen, verlaufen einfach im Sande oder werden nicht richtig aufgelöst. Rachels Suche nach ihrem Vater nimmt einen großen Teil der Geschichte ein, ist aber eigentlich nur für ihre Charakterentwicklung wichtig und spielt überraschenderweise und für mich enttäuschend für den eigentlichen Thriller keine Rolle.

Fazit

Der Abgrund in dir lässt mich ein wenig zwiegespalten zurück und ich habe mich mit der Bewertung schwer getan. Der amerikanische Krimiautor, dessen Bücher Mystic River und Shutter Island bereits erfolgreich verfilmt wurden, hatte vielleicht schon das Drehbuch zum Film im Kopf und überfrachtet den Plot zum Ende hin mit zu vielen Wendungen und Twists, die die Geschichte unnötig unüberschaubar machen. Die Auflösung kommt dann auch ein wenig zu glatt daher. Andererseits blitzt an einigen Stellen sein literarisches Genie durch und es gibt ein paar wunderbar spannende Szenen.

Ich rätsel wirklich, was Lehanes Intention war, denn der Roman ist in weiten Teilen eine Mischung aus Thriller, Drama, Liebes- und Gaunergeschichte sowie psychologischer Spannungsroman. Das muss ja nicht unbedingt schlecht sein. Herausgekommen ist aber leider ein zerrissenes Buch, dem es an Homogenität fehlt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Abgrund in dir | Erschienen am 29. August 2018 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-07039-2
528 Seiten | 25.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu Dennis Lehanes Romanen Shutter Island, Mystic River, The Drop – Bargeld sowie In der Nacht bei uns.

Jane Harper | Ins Dunkel Bd. 2

Jane Harper | Ins Dunkel Bd. 2

Später waren sich die vier Frauen nur in zwei Dingen einig. Erstens: Niemand hatte gesehen, wie die Wildnis Alice Russell verschluckte. Und zweitens: Alice hatte eine so scharfe Zunge, dass man sich daran schneiden konnte. (Auszug Seite 7)

Teambildende Maßnahmen

Mehrere Mitarbeiter einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft machen eine Trecking-Tour in den australischen Busch und folgen einer Route durch ein Wandergebiet.

Teambuilding heißt das Stichwort und die Firma praktiziert das jedes Jahr. Es werden zwei nach Geschlechtern getrennte Gruppen gebildet und ausgerüstet mit Rucksäcken, Kompass und Landkarten geht es ab in die australische Wildnis. Während die Männer drei Tage später pünktlich am vereinbarten Treffpunkt erscheinen, fehlt von den fünf Frauen jede Spur. Schnell wird ein Suchtrupp gebildet, denn vermutlich stoßen die Outback unerfahrenen Frauen in der unerbittlichen Natur fernab jeglicher Zivilisation und auf sich alleine gestellt schnell an ihre physischen wie psychischen Grenzen. Als sie viel später verletzt und am Ende ihrer Kräfte aus der Wildnis auftauchen, fehlt eine von ihnen und zwar Alice Russell. Und hier kommt Aaron Falk von der Bundespolizei ins Spiel, den mancher Leser vielleicht noch aus dem Vorgängerband The Dry kennt. Er arbeitet in Melbourne bei der Steuerfahndung und Russell war sein Verbindungsglied. Als Informantin sollte sie für ihn Firmengeheimnisse aus dem Archiv der Kanzlei besorgen. Denn gegen die Firma wird wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt.

Zickenkrieg in der Wildnis

Parallel werden zwei Erzählstränge geschildert. In der Gegenwart begleiten wir Aaron Falk und seine Kollegin Carmen Cooper auf der Suche nach Alice Russell. Diese hatte Falk mit einem Handy, das sie trotz Verbotes mit auf die Tour geschmuggelt hatte, versucht zu erreichen und einen kryptischen Hilferuf abgesetzt. Auch die Presse stürzt sich auf den Fall, denn Alice verschwand in einem Gebiet, in dem vor Jahren ein Serienmörder sein Unwesen trieb. Dieser wurde gefasst, aber sein letztes Opfer wurde nie gefunden und sein Sohn gilt seit einiger Zeit als verschollen.

In einem weiteren Erzählstrang wird in chronologischen Rückblenden das tatsächliche Geschehen, die Wanderung der Frauen geschildert. Die von Beginn an schwelenden Konflikte, in der aus verschiedenen Hierarchien zusammengesetzten Truppe verstärken sich noch, als sie vom Weg abkommen, sich verlaufen und die Vorräte knapp werden. Besonders die dominante Alice weiß eigentlich alles besser und als die Kolleginnen beschließen, während der Dunkelheit und beißenden Kälte in einer Hütte zu rasten, macht sie sich schließlich gegen den Widerstand der anderen alleine auf den Weg. Die australische Autorin beschreibt sehr präzise, wie der Ton langsam rauer wird, die Umgangsformen sich verabschieden und schlussendlich die Gewalt eskaliert. Das harmlose Trekking-Abenteuer läuft aus dem Ruder und entwickelt sich zum Alptraum. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten kooperieren nicht wirklich und tragen lieber Machtkämpfe aus, sodass die Gruppe sehr schnell instabil wird.

In dem Chaos, in der Dunkelheit, war es unmöglich zu sagen, welche der vier sich nach Alice‘ Befinden erkundigt hatte. Hinterher, als alles noch schlimmer wurde, sollte jede behaupten, sie wäre es gewesen. (Seite 9)

In kurzen Kapiteln springt Jane Harper immer hin und her. Sie streut falsche Fährten, arbeitet mit Cliffhangern und setzt das gefahrvolle Setting des australischen Dschungels gekonnt in Szene. Das ist spannend und fesselnd geschrieben, über weite Strecken unterhaltend und lässt sich schnell weg lesen. Wie schon in ihrem mit dem CWA Golden Dagger ausgezeichneten Debüt The Dry spielt die australische Landschaft eine gewichtige Rolle und Harper nimmt sich sehr viel Zeit für die Beschreibung des undurchdringlichen Dickichts.

Trotzdem kann dieser zweite Band um Aaron Falk nicht an die Atmosphäre und Komplexität ihres ersten Thrillers heranreichen. Manche Finten waren mir auch zu offensichtlich und durchscheinend, glichen eher einem Budenzauber. Auf die kriminellen Aktivitäten der Kanzlei hätte man noch genauer eingehen können, denn man erfährt über die schmutzigen Geschäfte sehr wenig. Während der Protagonist Falk gut ausgearbeitet und ein grundsolider, zurückhaltender Sympathieträger ist, waren mir die anderen Figuren alle ein bisschen zu blass gezeichnet, sodass man nicht richtig mit ihnen mitfiebert.

Überrascht war ich von der Häufigkeit der Tippfehler, die sich eingeschlichen haben und meinen Lesegenuss minderten.

Alles in allem ist Ins Dunkel leichtgängige, spannende Unterhaltung, die zum Miträtseln einlädt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Ins Dunkel | Erschienen am 24. Juli 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-27473-2
416 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Jane Harpers Roman The Dry

Harry Bingham | Fiona: Den Toten verpflichtet Bd. 1

Harry Bingham | Fiona: Den Toten verpflichtet Bd. 1

So richtig entspannen kann ich mich nur, wenn ich nicht im Stadtzentrum bin – wo ich leider Gottes arbeite -, sondern nach Butetown fahre. In Butetown trinkt man lieber Tee als Kaffee, und weder das eine noch das andere kostet 2,50 Pfund die Tasse. Klar, hin und wieder wird in Butetown eine Drogensüchtige ermordet, oder man findet ein kleines Mädchen, das sein Leben unter einem hochwertigen Spülbecken ausgehaucht hat. Verbrechen, die man sehen, und Opfer, die man berühren kann, sind mir trotzdem lieber. (Auszug Seite 39)

In einem kleinen Kaff in der Nähe von Cardiff wird die junge, drogensüchtige Prostituierte Janet Mancini in einer Wohnung, die einem vermüllten Dreckloch gleicht, tot aufgefunden. Eine Todesursache lässt sich nicht sofort feststellen. Neben ihr liegt ihre sechsjährige Tochter April, die auf grausamste Weise mit einem Spülbecken erschlagen wurde. Mancinis traurige Biografie führt über verschiedene Heime und Pflegefamilien in die Drogenabhängigkeit und Schwangerschaft. Neben ihrer Leiche wird eine Kreditkarte gefunden. Diese gehört einem millionenschweren Transportunternehmer, der vor einigen Monaten bei einem Flugzeugabsturz mit seiner Privatmaschine ums Leben kam.

Operation Lohan

Die Ermittlung des brutalen Doppelmordes wird intern nach der Schauspielerin Lindsay Lohan benannt, die genau wie das Opfer rothaarig ist und Probleme mit Alkohol und Drogen hat. Die junge Polizistin Detective Constable Fiona Griffiths, die grade mit langweiligen Routinearbeiten beschäftigt ist, soll mit zum Ermittlungsteam gehören. Die ehrgeizige Fiona ist froh und verbeißt sich in den Fall. Immer wieder handelt sie auf eigene Verantwortung, schießt dabei oft übers Ziel hinaus und nervt mit ihren Alleingängen ihren Chef.

Die hochintelligente Fiona wirkt auf ihre Mitmenschen manchmal etwas verschroben und hat große Probleme mit dem sozialen Miteinander. Schon im Prolog wird angedeutet, dass sie als Teenager sehr krank war. Welche Krankheit das war, bleibt bis zum Schluss geheim und sorgt für zusätzliche Spannung. Man ahnt, dass es sich um eine psychische Erkrankung handeln und ein traumatisches Ereignis in ihrer Vergangenheit sie nachhaltig geprägt haben muss. Sie kann nicht gut mit menschlichen Gefühlen umgehen und emotionale Reaktionen sind ihr sogar ganz fremd. Um sich angemessen zu verhalten, imitiert sie meistens ihre Mitmenschen.

Erzählt wird aus der Ich-Perspektive Fionas und so erhält der Leser Einblick in ihre teilweise sehr schrägen Gedanken. Das ist Gott sei Dank sehr unterhaltsam, da ihr Ton oft beißend sarkastisch ist, besonders in Bezug auf ihre eigenen Diskrepanzen.

Die Superheldin Fiona

Auch wenn sehr viel Polizeiarbeit geschildert wird, nehmen die unkonventionelle Ermittlerin und ihre Psyche viel mehr Raum ein als die eigentliche Aufklärung des undurchsichtigen Kriminalfalles. DC Griffiths überschreitet ein ums anderer Mal ihr Kompetenzen, hält sich nicht an Regeln, übergeht Anweisungen und operiert am Rande der Legalität. Dabei beweist sie aber auch oft einen untrüglichen Instinkt für die richtige Spuren und bringt die Ermittlungen nach vorne.

Harry Bingham hat mit Fiona und ihren Beobachtungen auf die Welt einen interessanten und sympathischen Charakter geschaffen, der das Zeug für weitere Bände hat. Während ich den Anfang noch hochspannend fand, verliert die Story leider an Fahrt, bevor Superheldin Fiona im Finale über sich hinauswächst und fast im Alleingang die Verbrecher zur Strecke bringt. Fesselnder als die Aufklärung des brutalen Doppelmordes, präsentiert sich für mich Fionas Persönlichkeitsstörung.

Binghams Schreibstil ist flüssig und humorvoll, einfallsreich und intelligent mit viel Waliser Lokalkolorit. Der Kriminalroman lebt von der Eigentümlichkeit der Polizistin Fiona und das geht leider zu Lasten des Spannungsbogens.

Im letzten Jahr erschien der 3. Fall der Reihe als Hardcover und nach großem Erfolg hat der Verlag dieses Jahr mit der Taschenausgabe auch die ersten beiden Bände des britischen Autors veröffentlicht. Band vier und fünf sollen 2019 folgen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Fiona: Den Toten verpflichtet | Erschienen am 26. Juni 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499291357
496 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

A. J. Finn | The Woman in the Window ♬

A. J. Finn | The Woman in the Window ♬

Agoraphobie ist die übertriebene Angst, die durch bestimmte Orte oder Situationen, wie das Überqueren eines Marktplatzes ausgelöst wird. Im Extremfall können die Betroffenen die eigene Wohnung nicht mehr verlassen. Tatsächlich ist diese grundlose, unrealistisch starke Furcht die am häufigsten vorkommende Angststörung. Das Wort bildet sich aus dem Altgriechischen: Agora = der Marktplatz und Phobie = die Furcht. Die in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommene Platzangst meint ganz etwas anderes und beschreibt eher das Gegenteil.

Mord am Fenster

Unter dieser Angststörung leidet Anna Fox, die nach einem traumatischen Erlebnis ihr großes Haus in Harlem in New York seit circa zehn Monaten nicht mehr verlassen hat. Sie lebt von ihrer Familie getrennt und ist mit ihrem Mann Ed und Tochter Olivia nur telefonisch in Kontakt. Die Souterrain-Wohnung hat sie an den gutaussehenden David untervermietet, der ihr mit handwerklichem Geschick zur Seite steht. Die ehemalige Kinderpsychologin hat nicht viele soziale Kontakte und verbringt ihre Zeit mit Online-Schach, alten Schwarz-Weiß-Filmen und dem Beobachten ihrer Nachbarn, vorzugsweise durch ihre Nikon. Außerdem chattet sie mit Gleichgesinnten in einem Online-Forum, in dem sie psychologische Ratschläge gibt und mit ihrem Fachwissen zur Verfügung steht. Anna selbst ist in ärztlicher Behandlung und bekommt regelmäßig Besuch von ihrem Psychiater Dr. Fielding und ihrer Physiotherapeutin Bina.

Eines Tages beobachtet sie, wie gegenüber eine neue Familie einzieht. Jane und Alistair Russel mit ihrem schlaksigen Teenagersohn Ethan, die sie auch alle nacheinander kennenlernt. Mutter und Sohn sind ihr sofort sympathisch und das bringt ein bisschen Abwechslung in das Leben der einsamen Frau.

Kurz darauf wird Anna Zeuge, wie ihre Nachbarin Jane überfallen wird und blutend vor dem Fenster zusammen bricht. Sie ruft die Polizei und versucht zu helfen. Als sie sich tatsächlich überwindet, das Haus zu verlassen, bricht sie zusammen und wacht im Krankenhaus wieder auf. Niemand glaubt ihr, da keine Leiche gefunden wird. Und man präsentiert ihr eine Jane Russel, die sie aber nicht kennt. Anna ist auch keine besonders glaubwürdige Zeugin, da sie aufgrund ihrer Erkrankung täglich Unmengen an Psychopharmaka nimmt, die sie mit literweisem Rotwein runterspült. Auch Anna selbst zweifelt und weiß nicht, ob sie sich nicht alles nur eingebildet hat.

Im letzten Drittel des Romans stellt eine überraschende Enthüllung, die ich als pfiffiger Krimileser schon auf dem Plan hatte, noch mal Annas Glaubwürdigkeit total auf den Kopf.

Das Fenster zum Hof

Man denkt natürlich sofort an „Das Fenster zum Hof“, den Hitchcock-Klassiker mit James Stewart von 1954, in dem ein Fotograf wegen eines gebrochenen Beines ans Haus gefesselt ist und aus Langeweile seine Nachbarn beobachtet. Oder die Jüngeren unter uns vielleicht an Disturbia, dem US-amerikanischen Remake von 2007 mit Shia LaBeouf. Auch wenn man zugeben muss, dass es sämtliche Storykomponenten schon mal so oder ähnlich gab, finde ich nicht, dass A. J. Finn hier phantasielos abkupfert. Mit seiner Schilderung von Annas großer Liebe zu den Filmklassikern sehe ich es eher als eine Art Verbeugung. Finn erfindet das Genre nicht neu, er spielt mit den einzelnen bekannten Formen wie der unzuverlässigen Erzählerin, falschen Wahrnehmungen, dem gutmütigen Polizisten und einigen anderen zwielichtigen Figuren.

Mädchen und Frauen kommen ja zur Zeit inflationär in Buchtiteln vor und in dieser Tradition der Girl/Women-Thriller setzt der Autor die Protagonistin Anna perfekt in Szene. A. J. Finn nimmt sich in seinem Debüt viel Zeit, um den Tagesablauf der psychisch Kranken minutiös zu beschreiben. Man schlüpft in Annas Haut, da aus ihrer Perspektive erzählt wird und begleitet sie durch das große Haus. Zum Schluss zieht die Spannungskurve noch mal an und es kommt zu einem dramatischen Showdown mit überraschender Auflösung.

Trotz ausführlicher Darstellungen und detaillierter Beschreibungen hatte ich nie ein Gefühl von Langeweile. Das kann aber auch daran liegen, dass es sich bei dem Hörbuch um eine gekürzte Version handelt, wobei auch der hervorragende Vortrag der Schauspielerin Nina Kunzendorf maßgeblich ihren Anteil hat.

Der Autor A. J. Finn ist tatsächlich ein Mann, womit ich nicht gerechnet hatte. Als der in New York lebende Journalist 2015 erfuhr, dass er an einer bipolaren Störung leidet, fing er mit dem Schreiben an dieser Story an. Er verarbeitet mit seinem Debüt The Woman in the Window seine eigenen Depressionen. Dabei gelingt es ihm sehr glaubwürdig und präzise, die inneren Ängste zu beschreiben. Die Panik vor der Welt außerhalb der eigenen vier Wänden ist jederzeit greifbar und ich konnte sie regelrecht nachempfinden. Er schreibt flüssig, in kurzen Kapiteln und mit trockenen Humoreinschüben.

Ich bin sicher, dass die Verfilmung nicht lange auf sich warten lässt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

The Woman in the Window | Erschienen am 19. März 2018 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-4148-1
gekürzte Lesung von Nina Kunzendorf
Laufzeit 9 Stunden 15 Minuten
2 mp3-CDs
Bibliografische Angaben & Hörprobe | Trailer

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Die Frau schritt nun zögernd auf die Leiche zu. Vor dem Sofa blieb sie stehen und schaute auf den Toten hinab. Sasagaki merkte, dass ihr Kinn zitterte. „Ist das Ihr Mann?“, fragte Nagatsuka. Ohne zu antworten, legte die Frau die Hände auf die Wangen und bedeckte mit ihnen schließlich ihr ganzes Gesicht. Ihre Knie gaben nach, und sie sank zu Boden. Netter Auftritt, dachte Sasagaki. (Auszug Seite 12)

Am Anfang steht ein Mord

1973 entdecken spielende Kinder in einem leerstehenden Gebäude zufällig die Leiche des erstochenen Pfandleihers Yosuke Kirihara. Die Ermittlungen unter Kommissar Junzo Sasagaki ergeben, dass das Opfer an diesem Tag einen großen Geldbetrag von der Bank abgeholt hatte und auf dem Weg zu einer Kundin war. Mit dieser Fumiyo Nishimoto, einer alleinerziehenden Witwe, wird ihm ein Verhältnis nachgesagt, was diese bestreitet. Das Geld bleibt verschwunden und trotz großer Bemühungen des ehrgeizigen Kommissars verlaufen auch alle anderen Spuren im Sand. Ein Jahr später stirbt Fumiyo in ihrer Wohnung an einer Gasvergiftung, ob Unfall oder Suizid, wird nie ganz geklärt, und hinterlässt eine zwölfjährige Tochter namens Yukiho.

In den nächsten Kapiteln ist dann von Kommissar Sasagaki erst mal nicht mehr die Rede. Stattdessen werden die Lebenswege von Ryo Kirihara, dem damals elfjährigen Sohn des Pfandleihers und der gleichaltrigen, bildhübschen Yukiho beleuchtet.

Die Wächtergrundel und der Knallkrebs

In diesen Kapiteln erzählt Keigo Higashino sehr ausführlich und detailliert über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren. So wird jedes Kapitel fast zu einer kleinen abgeschlossenen Kurzgeschichte, in der sich die Lebenswege vieler Menschen schneiden. Ein gewiefter Schachzug, denn als Leser grübelt man die ganze Zeit über den großen Zusammenhang und kann ihn nur schwer erahnen. Erst ganz langsam fügen sich die einzelnen Puzzlestücke zu einem Bild zusammen. Das habe ich in dieser Raffinesse noch nicht gelesen. Die Verbindungen und Hintergründe beim Lesen nachzuvollziehen macht einen besonderen Reiz dieses Thrillers aus. Dazu passt, dass der Autor die einzelnen Episoden zuerst für eine Zeitschrift konzipiert und dann diese für seinen 1999 in Japan erschienenen Thriller überarbeitet hatte.

Yukiho investiert viel in Bildung und gutes Benehmen und wird zu einer auffallend schönen und erfolgreichen Geschäftsfrau. Auch Ryo, den immer eine düstere Aura umgibt, ist sehr umtriebig und nutzt die Wirtschaftsblase der 80er Jahre, um mit dubiosen sowie illegalen Geschäften wie zum Beispiel Erpressung, Bankenbetrug oder Wirtschaftsspionage sein Geld zu verdienen. Beide haben an sozialen Kontakten nur soweit Interesse, wenn sie ihre Mitmenschen benutzen können und sind Meister der Manipulation. Beide verstehen es, Menschen in ihren Bann zu ziehen, aber wo sie auftauchen, geschieht ein Unglück. Der subtile Thrill entsteht durch die Betrachtung dieser beiden rücksichtslosen Intriganten.

Obwohl sie in den Kapiteln nie aufeinander treffen, ahnt man irgendwann, dass Yukiho und Ryo eine besondere Verbindung haben. Der Kommissar vergleicht das mit einem Beispiel aus dem Tierreich: Grundel und Knallkrebs gehen eine Art Symbiose ein, indem sie sich zum Beispiel vor Gefahren warnen. Diese Kapitel sind auch eine Zeitreise in die 80er Jahre und ermöglichen einen Einblick in die japanische Gesellschaft und fremde Kultur. Es ist der Beginn des Computerzeitalters und man nimmt teil an den Anfängerjahren der Videospiele wie das bekannte Super Mario Bros. oder das Benutzen der ersten Geldkarten. Man lernt dabei auch einiges über die Mentalität der Japaner.

Cold Case

Zwanzig Jahre nach dem Tod des Pfandleihers sind die Ermittlungen natürlich schon lange eingestellt. Der Kommissar ist inzwischen in Rente, aber der Fall hat ihn nie losgelassen. Und so verfolgt er beharrlich weitere Spuren, ermittelt auf eigene Faust und engagiert sogar einen Detektiv. Als Leser hat man inzwischen eine Ahnung, aber das Motiv wird erst auf den letzten Seiten enthüllt. Der Autor überrascht mit einer stimmigen Auflösung, wenn zum Schluss alle Handlungsfäden zusammengeführt werden. Es erfordert eine große Aufmerksamkeit, damit man kein Detail überliest.

Higashino bedient sich einer klaren, fast emotionslosen Sprache. Sein Figurenpersonal ist immens, aber er verzichtet darauf, seine Charaktere psychologisch zu analysieren. Stattdessen berichtet er distanziert und fast dokumentarisch von außen wie ein Beobachter aus der Ferne.

Eine große Herausforderung waren die vielen japanischen für europäische Ohren ähnlich klingenden Namen für mich. Ohne das beiliegende Namensverzeichnis einschließlich Kurzbiographien der wichtigsten Personen wäre ich verloren gewesen.

Keigo Higashino hat mit Unter der Mitternachtssonne einen außergewöhnlichen, brillant konstruierten Thriller auf über 700 Seiten kreiert, den ich auch nach dem Lesen nicht so schnell vergessen werde, ganz großes Kino, auch ohne große Action und viel Blutvergießen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Unter der Miternachtssonne | Erschienen am 10. März 2018 bei Tropen im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-50348-7
720 Seiten | 25.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.