Kategorie: Thriller

Don Winslow | City On Fire (Band 1)

Don Winslow | City On Fire (Band 1)

Danny Ryan sieht die Frau dem Wasser entsteigen, sie taucht auf wie ein Bild aus einem Traum vom Meer, wie eine Vision. Nur dass sie real ist und es wegen ihr Ärger geben wird. Wie meistens mit schönen Frauen. (Auszug Anfang)

Mitte der 80er Jahre regieren in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island zwei lokale Mafiaclans fast friedlich nebeneinander. Den irischstämmigen Murphys gehören die Docks und die Gewerkschaften, die italienischstämmigen Morettis kontrollieren die Restaurants, das Glücksspiel und die Prostitution. Bei Unstimmigkeiten trifft man sich zum Bier im Hinterzimmer des örtlichen Pubs. Skrupel hatte man bisher nur beim Drogenhandel und überlässt dieses Geschäftsfeld lieber noch den Afro-Amerikanern. In „Dogtown“, einem ärmeren Viertel, benannt nach den Rudeln wilder Hunde, die hier vor langer Zeit nach Schlachtabfällen suchten, müssen alle zusehen, wie sie zurechtkommen. Die Fischerei bringt nicht mehr viel ein und auch die Werften und Fabriken sichern immer weniger die Einkommen. Schon seit Generationen haben sich die ehemaligen Einwanderer gegen die verhassten Yankees verbündet.

Eklat bei Strandparty
Der alte italienische Clanboss Pasco Ferri veranstaltet immer am Labor-Day-Wochenende ein großes Grillfest am Strand. Natürlich sind bei diesem Clambake auch die irischen Mobster eingeladen und lassen es sich bei gegrillten Meeresfrüchten und Bier am Goshen Beach gutgehen. Ausgerechnet hier bekommt die fragile Koexistenz der beiden Clans Risse und eine Spirale der Gewalt setzt sich in Gang. Paulie Moretti, Bruder des angehenden Clanbosses Peter Moretti präsentiert stolz seine neue Eroberung, Pam, eine Ostküstenschönheit, die jedem den Kopf verdreht. Als Liam Murphy, nichtsnutziger Sohn des irischen Paten und Weiberheld sich an Pam heranmacht, führt gekränkte männliche Eitelkeit zur Katastrophe. Der Zwischenfall löst eine Lawine der Gewalt aus und es kommt zu einem erbitterten tödlichen Bandenkrieg.

Immer wieder versucht der kluge, umsichtige Danny Ryan, Hauptfigur in Winslows neuem Thriller und Sohn des früheren irischen Clanchefs Marty Ryan die Wogen zu glätten. Aber seine tiefe Verbundenheit zu den Murphys bringt ihn immer wieder dazu, mitzumischen. Seine Mutter hatte ihn als Baby im Stich gelassen, sein Vater ist dem Alkohol verfallen und so verbrachte er einen Großteil seiner Kindheit bei den Murphys. Pat Murphy ist für ihn wie ein Bruder und mit dessen Schwester Terri ist er glücklich verheiratet. In Gewissenskonflikte kommt er auch durch das Auftreten des FBI in Gestalt des Agenten Jardine, der ihm einen Deal anbietet: Zeugenschutz, wenn er kooperiert. Danny will eigentlich schon lange das Business verlassen und träumt davon, nach Kalifornien zu ziehen. Aber soll er deshalb zum Verräter werden? Als die blutigen Revierkämpfe immer weiter eskalieren, muss Danny widerwillig selbst das Zepter übernehmen. Er steigt vom Handlanger zum vollwertigen Mitglied des Clans auf und findet sich schlussendlich an der Spitze wieder.

Dass mal jemand erschossen wird, ist das eine – die Öffentlichkeit erwartet das praktisch. Aber Autobomben? Durch die Unschuldige verletzt werden könnten? Das ist was ganz anderes – das ist Nordirland-Scheiße, und die Leute werden das nicht einfach hinnehmen. (Auszug Seite 206)

Winslow lässt die 80er Jahre in einem fast greifbaren Setting wieder aufleben und zeigt uns dabei ein authentisches Bild der Mafia in dieser Zeit. Die alternden Mafiabosse, die den Friedenspakt ausgehandelt hatten, müssen um ihre Macht kämpfen. Auf der anderen Seit ist die junge, hitzige Generation unzufrieden, hat ihre eigenen Vorstellungen und trifft immer wieder weitreichende Fehlentscheidungen.

Klassischer Thriller, Epos und Drama
Winslow erzählt die Geschichte in dem für ihn so typisch mitreißenden Sound im Präsenz mit kurzen, markanten Sätzen. Die tempo- und wendungsreiche Erzählweise des Autors, die er einfach perfekt beherrscht, löste bei mir ein Kopfkino aus und ich konnte den eng getakteten Thriller nicht mehr aus der Hand legen. Ganz nüchtern, ohne zu urteilen schildert er die Intrigen und Bündnisse, die geschmiedet werden und die immer wieder zu neuen Gewalttaten führen. Man ist immer ganz nah an den allzu menschlichen Charakteren, mit denen man mitfiebert und bangt, man vergisst mitunter, dass es sich um das organisierte Verbrechen handelt. Neben Protagonist Danny Ryan stattet Winslow auch seine zahlreichen Nebencharaktere mit einer eigenen Geschichte aus, und sorgt damit für viele emotionale Noten. Eine gut konstruierte, ganz klassische Geschichte, in der Macht, Loyalität, Familie, Freundschaft und Verrat eine große Rolle spielen.

Heimkehr zum Karriere-Ende
City on Fire ist der erste Teil einer Trilogie, die Don Winslow bereits komplett fertig gestellt hat. Inspiration holte er sich bei den großen Klassikern, die seiner Ansicht nach, alle Themen der modernen Kriminalliteratur wie Macht, Gewalt, Rache, Korruption und Wiedergutmachung abdecken. Den drei Teilen des Thrillers ist jeweils ein Vers aus der Ilias von Homer vorangestellt. Winslow hat den Stoff, bei dem aus der fatalen Liebesgeschichte um die schöne Helena ein Krieg, der berühmte Kampf um Troja entstand, in die Mafiazeit der 80er Jahre transferiert. Winslow ist an der Küste von Rhode Island aufgewachsen, viele seiner Erfahrungen mit dem kriminellen Milieu flossen in die Geschichte ein und zum ersten Mal ist seine Heimatstadt Schauplatz eines Romans. Praktisch eine Heimkehr zum Karriere-Ende! Denn der Ausnahmeschriftsteller verkündete nach Abschluss der Trilogie das Ende seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Alle Geschichten wären erzählt und der 68-Jährige, der immer schon politisch sehr engagiert war, will fortan eigenfinanziert mit digitalen Kampagnen eine mögliche Wiederwahl Donald Trumps verhindern.

City on Fire ist kein weiterer monumentaler Meilenstein wie ‚Tage der Toten‘ doch sehe ich hier Winslow in Bestform, auf dem Höhepunkt seines Schaffens und ich kann den zweiten Band ‚City of Dreams‘ kaum erwarten. Und die Filmrechte wurden schon verkauft.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

City on Fire | Erschienen am 24.05.2022 bei HarperCollins
ISBN 978-3-74990-320-7
400 Seiten | 22,- €
Originaltitel: City on Fire | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Don Winslow

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Juni 2022

 

 

Kotaro Isaka | Bullet Train

Der japanische Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen rast von Morioka nach Tokio. Mit an Bord sind 5 Killer, die unterschiedlicher nicht sein können, jeder mit einem speziellen Auftrag. Da ist das ungleiche Killerduo Lemon und Tangerine. Die beiden „Zitrusfrüchte“ sitzen zusammen mit dem Opfer einer Entführung samt Lösegeld und wollen den Sohn des gefährlichsten Unterweltbosses Tokios, Minegeshi Junior, heil nach Hause bringen. Doch Murphys Gesetz schlägt zu: Zuerst kommt der Koffer mit dem Geld abhanden, dann verstirbt auch noch das Entführungsopfer auf mysteriöse Weise. Nanao wiederum, ein junger Killer, bekam telefonisch den Auftrag, den Koffer an sich zu nehmen und umgehend an der nächsten Station wieder auszusteigen. Da „Der Marienkäfer“ allerdings der größte Pechvogel aller Zeiten ist, endet der einfach klingende Job im Chaos und es geht schief, was schief gehen kann. Außerdem befindet sich der ehemalige Auftragskiller Yuichi Kimura im Zug, um sich zu rächen, weil man seinen Sohn Wataru vom Dach eines Kaufhauses gestoßen hat und dieser seitdem im Koma liegt. Schuld daran soll der erst 14-jährige Schüler Oji sein, der sich ebenfalls im Shinkansen aufhält. Der harmlos wirkende „Prinz“ ist ein richtiger Psychopath mit krimineller Energie, der es sehr gut versteht, kaltblütig aber auch mit absoluter Empathielosigkeit andere Menschen zu manipulieren.

Während der Zug seinem Endziel entgegen rauscht, kommen sich die Ganoven selbstverständlich gegenseitig in die Quere und alles spitzt sich immer mehr zu. Spannung entsteht auch, da das Geschehen auf den begrenzten Raum der Zugabteile eingeengt ist und die Gestalt eines Kammerspiels annimmt. Die Geschichte kann richtig Spaß machen, wenn man sich auf die völlig absurden Wendungen und abgedrehten Todesfälle einlässt. Besonders im letzten Drittel nimmt die Handlung noch mal richtig Fahrt auf und konnte mich recht gut unterhalten. Die Handlung, wie auch die Figuren sind extrem überzeichnet. Ich empfand es fast als Parodie auf das Genre. Sehr überrascht haben mich die angeblich besten Profikiller der Branche, Lemon und Tangerine, die doch oft wie Vollidioten agierten. Viele Rückblenden, die für Erklärung sorgen sollen, bremsen immer wieder den Hochgeschwindigkeitsthriller aus. Für mich ein durchschnittlicher Thriller von einem in Japan preisgekröntem, hierzulande aber noch relativ unbekanntem Autor. Bullet Train ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Kotaro Isaka.

Im Juli kommt die Verfilmung mit Brad Pitt und Sandra Bullock in die Kinos, und als Film kann ich mir die Story ganz gut vorstellen, auch weil die Szene, die mir im Buch am besten gefallen hat, tatsächlich die ist, die im Trailer gezeigt wird.

 

Bullet Train | Erschienen am 02.04.2022 im Hoffmann und Campe Verlag
ISBN 978-3-45501-322-1
384 Seiten | 22,- €
Originaltitel: マリアビートル (Mariabitoru) (Übersetzung aus dem Japanischen von Katja Busson)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Thriller

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

 

 

Horst Eckert | Das Jahr der Gier (Band 3)

In der Düsseldorfer Altstadt wird ein britischer Journalist Opfer eines brutalen Angriffs. Der Mann ist ein alter Bekannter der Kriminalrätin Melia Adan, weshalb sie diesen Vorfall näher betrachtet als vielleicht üblich. Kurz darauf wird die Leiche einer jungen Frau in einem Wäldchen am Stadtrand gefunden, inszeniert als Sexualmord. Doch Hauptkommissar Vincent Veih und sein Team vermuten schnell ein anderes Motiv. Die Spur in beiden Fällen führt schließlich in die Nähe von München zum aufstrebenden Finanzdienstleister Worldcard AG.
Dort hat gerade der Ex-Polizist Sebastian Pagel einen neuen Job beim COO von Worldcard, Marek Weiß, erhalten. Pagel war zum Sündenbock auserkoren worden, als ein wichtiger Zeuge aus Syrien unter Polizeischutz vergiftet wurde. Der Job beim neuen Börsenschwergewicht Worldcard und dessen Macher Weiß scheint geeignet, das Selbstbewusstsein wieder aufzupäppeln. Doch Pagel ist alarmiert, als plötzlich im Dunstkreis von Weiß Personen auftauchen, die er schon aus seinem Vorgängerjob kennt.

Mit „Das Jahr der Gier“ setzt Horst Eckert die Reihe um die Düsseldorfer Polizisten Adan und Veih fort. Wie gewohnt greift der Autor wieder aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse auf – in diesem Fall der Wirecard-Skandal, der bis in höchste politische Kreise reicht, aber bislang erstaunlich wenige „Opfer“ gefunden hat. Eckert erzählt gewohnt präzise, in kurzen Kapiteln mit ansteigender Spannung und wechselnden Perspektiven. Er behält das übliche Figurenpersonal bei, auch bei den Antagonisten tauchen alte Bekannte in neuer Funktion wieder auf. Das ist wie gewohnt eine überzeugende Mischung aus Fakten und Fiktion. Eckert bleibt der relevante Autor für Pageturner-Politthriller aus Deutschland.

 

Das Jahr der Gier | Erschienen am 08.03.2022 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-42637-5
430 Seiten | 13,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Politthriller

 

 

Vladimir Sorokin | Der Tag des Opritschniks

Russland im Jahre 2027: Das Land hat sich vollends vom Westen abgeschottet, lebt nur noch von seinen Energieexporten und pflegt lediglich noch Beziehungen zu China. Alleinherrscher ist der Gossudar. Er hält sich eine Mischung aus Geheimpolizei und Leibgarde – die Opritschniki. Sie werden eingesetzt, um gegen Oppositionelle und vor allem vermeintliche Abtrünnige aus der Schicht der Machthaber und Oligarchen mit aller Härte vorzugehen. Einer dieser Opritschniki ist Andrej Danilowitsch Komjaga. Ihn begleitet der Leser durch einen typischen „Arbeitstag“ – vom brutalen Mord an einem unliebsam gewordenen Adelsmann und der Vergewaltigung dessen Frau am Morgen über einen Korruptionsdeal am Mittag bis hin zu gemeinsamen Orgien am Abend.

Vladimir Sorokin ist einer der bekanntesten zeitgenössischen russischen Autoren und Dramatiker, der auch deutlich gegen die politische Spitze in seinen Werken Stellung bezieht, unter anderem gehörte er zu den Unterzeichnern eines Appells, die Wahrheit über den Krieg in der Ukraine zu verbreiten. „Der Tag des Opritschniks“ erschien bereits im Jahr 2006 und nimmt in Form einer Dystopie mit satirischen Elementen die Entwicklung Russlands bis heute in beängstigender Weise voraus. Sein Russland des Jahres 2027 hat sich international weitgehend isoliert und bei allerlei modernen Einsprengseln kulturell einen Rückschritt in die Zarenzeit unternommen. Die Macht des väterlich beschriebenen Gossudaren wird durch die Opritschniki in einer äußerst brutalen und teilweise obszönen Weise gewahrt. Der Ich-Erzähler Komjaga bedient sich dazu einer schwülstigen, pathetischen Sprache. Die Taten der Opritschniki und deren Machtfantasien sind dabei sehr drastisch beschrieben. Ein sehr bedrückendes Werk mit vielen Bezügen zum aktuellen und historischen Russland, dabei immer wieder mit bösem satirischen Witz, bei dem das Lachen buchstäblich im Halse stecken bleibt.

 

Der Tag des Opritschniks | Erstmals erschienen 2006
Die Neuauflage erschien am 12.04.2022 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00410-6
224 Seiten | 13,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-462-30105-2 | 9,99 €
Originaltitel: День опричника (Übersetzung aus dem Russischen von Andreas Tretner)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5,0
Genre: Dystopie

 

 

Martin Krist | Wunderland (Band 8)

Der Berliner Kommissar Paul Kalkbrenner wird ungewöhnlicherweise nach Potsdam wegen eines Leichenfunds gebeten. Die im dortigen Wertstoffhof gefundene männliche Leiche stammt aber aus dem Bioabfall eines Berliner Abholbezirks. Die Identität des Toten ist allerdings nur schwer zu klären, bis ein Hinweis auftaucht, dass der Tote in einem privaten Theater mitspielte. Dort war der Tote im Ensemble nicht gerade beliebt, Untreue, Affären, Streitigkeiten gab es unter den Laienschauspielern. Aber reicht das schon für ein Mordmotiv?

Währenddessen hat die Potsdamer Kommissarin Jamina Stark den Tote vom Wertstoffhof an die Berliner Kollegen abgegeben, dafür muss sie allerdings einen privaten Schicksalsschlag hinnehmen: Ihr Bruder wird tot mit einer Überdosis aufgefunden. Dabei war er doch seit Monaten clean und auf einem guten Weg. Jamina kann sich mit der offiziellen Version einer selbstverschuldeten Überdosis nicht abfinden und recherchiert auf eigene Faust weiter. Parallel erzählt der Autor die tragische Geschichte eines Geschwisterpaares, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen und die nun in ein kirchliches Kinderheim kommen und dort Missbrauch und Demütigung erfahren. Nach und nach schält sich heraus, was diese drei Stränge miteinander zu tun haben.

Autor Martin Krist ist erfolgreicher Selfpublisher und Vielschreiber. Seine Reihe um Kommissar Kalkbrenner umfasst bereits neun Bände (inkl. Eines Kurzgeschichtenbands). Der aktuelle (reguläre) 8.Band „Wunderland“ erzählt im Hintergrund eine sehr bedrückende Geschichte von vernachlässigten Heimkindern und sexuellem Missbrauch und wie dies das ganze Leben der Betroffenen prägt. Das Buch ist zwar als Thriller betitelt, lässt sich dafür aber im Aufbau und bei den Figuren ziemlich viel Zeit. Das geht zwar auf Kosten der Spannung, tut dem Gesamtwerk aber insgesamt ganz gut. Gut gefiel mir auch das Spiel des Autors mit den Zeitebenen, sodass selbst ein versierter Krimileser manches, aber längst nicht alles vorhersehen konnte. Ein wirklich ordentlicher Krimi.

 

Wunderland | Erschienen am 11.04.2022 im Selbstverlag (R&K)
ASIN: ‎ B09TJCN7F6
535 Seiten | 22,99 € (gebunden) | 12,99 € (Taschenbuch) | 0,99 € (E-Book)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Krimi

 

Rezensionen und Fotos 2-4 von Gunnar Wolters.

Hoeps & Toes | Der Tallinn-Twist

Hoeps & Toes | Der Tallinn-Twist

Die niederländische Anwältin Marie Vos arbeitet seit etwa einem Jahr erfolgreich bei der Anti-Betrugseinheit der Europäischen Union, als sie von der Security-Abteilung, sozusagen der Geheimdienst der EU, rekrutiert wird und direkt in eine konkrete Operation eingebunden wird. Der Deutsche Dennis Bahr ist ein EU-Beschäftigter in einer Taskforce zur Rekommunalisierung der Wasserwirtschaft. Er steht unter Verdacht der Spionage für die Gegenseite. Bahr soll bei einer Joggingrunde festgenommen werden. Doch die Operation geht schief, Bahr entkommt und wird doch wenig später tot aufgefundet. Die Todesursache ist unklar, allerdings ist die Temperatur der Leiche etwas sehr kühl für das frische, aber keineswegs sibirische Wetter in Brüssel. Das Leck innerhalb der Taskforce ist also immer noch offen, sodass Vos als neue Assistentin der Leiterin Guiliani in die Taskforce eingeschleust wird.

Die „Taskforce für eine Neuordnung der europäischen Wasserversorgung“ ist eine Einrichtung, die als Reaktion auf zahlreiche Probleme mit der Privatisierung weiter Teile der Wasserversorgung und auf den Protest zahlreicher EU-Bürger*innen gegründet wurde. Der letzte öffentlichkeitswirksame Protest in Brüssel endete tragischerweise mit zwei Todesopfern. Die Taskforce mit vier Mitgliedern aus verschiedenen Generaldirektionen der EU soll nun in Tallinn in Estland einen Mustervertrag zur Rekommunalisierung der örtlichen Wasserwerke zum Abschluss bringen. Doch das ist mit erheblichen Widerständen verbunden. Auch innerhalb der EU-Organisation stehen nicht alle hinter dem Vorhaben. Gravierender ist aber die Gegenwehr der privaten Wasserunternehmen. Wie weit sind diese bereit zu gehen und inwiefern spielen staatliche und geheimdienstliche Akteure (auch außerhalb der EU) eine Rolle? In Estland erwartet die Taskforce ein rauher Wind. Die erstarkten Rechtspopulisten haben nicht vor, sich von der EU bevormunden zu lassen. Erschüchterung, Falschmeldungen und blanke Gewalt bedrohen die Verhandlungen. Marie Vos wird in ihrer neue Rolle direkt stark gefordert. Doch bei allem Druck von außen, bleibt die Frage, wer innerhalb der Taskforce ein falsches Spiel treibt.

„Das ist eine schamlose Erpressung! Darauf gehen Sie doch nicht ein, oder?“, zischte er. „Autoritäre Regierungen, pfff! Diese Subventionsjäger drohen mit der Pest und bringen uns die Cholera.“ (Auszug S.240)

Hoeps und Toes sind ein seit Jahren erfolgreich zusammenarbeitendes deutsch-niederländisches Autoren-Duo. Zuletzt hatten sich mit „Die Cannabis-Connection“ einen clever konstruierten Thriller um einen deutschen Staatssekretär verfasst, der in Folge seiner Gesetzesentwürfe zur Cannabis-Legalisierung bedroht wird. Beide schreiben abwechselnd ihre Kapitel, wobei Thomas Hoeps seine auf Deutsch verfasst und die Kapitel seines niederländischen Kollegen Jac. Toes ins Deutsche übersetzt.

Mit dem vorliegenden Roman haben sie wiederum ein sehr spannendes und sehr aktuelles Thema in ihrem Thriller aufgegriffen. Das Problem der Wasserversorgung durch private Konzerne ist inzwischen an einigen Stellen schon negativ aufgefallen. Es geht vor allem um Versorgungssicherheit, um soziale Fragen und staatliche Einflussmöglichkeit auf ein Grundgut der Daseinsvorsorge. Im Plot des Romans kommen zwei weitere brandaktuelle Aspekte hinzu: Zum einen die Erfolge rechtspopulistischer Regierungen vor allem in Osteuropa, die die Grenzen der EU bewusst ausloten, sich europäische Einflussnahme verbitten oder sich durch EU-Subventionen teuer bezahlen lassen. Zum anderen der Einfluss fremder Kräfte auf die EU, gerade Estland fürchtet den Nachbarn Russland, zumal es ein große russische Minderheit in Estland gibt. In der Logik Putins böte sich im Falle einer erfolgreichen „Spezialoperation“ in der Ukraine eine weitere in Estland gerade zu. Dies zu verhindern, liegt militärisch bei der NATO, aber im zivilen Bereich bei der EU.

Der besondere Reiz dieses Thriller liegt aus meiner Sicht darin, dass die Autoren einen interessanten Einblick in die Arbeit der EU-Behörden geben, in der sich zahlreiche Behörden zum Teil selbst behindern und angesichts divergierender Interessen sehr problematische Kompromisse geschlossen werden. Im Roman wird dies auch durch die sehr unterschiedlichen Mitglieder der Taskforce umgesetzt, in der von Zynikern über Pragmatiker bis zu Idealisten alle versammelt sind. Das ist im genre ziemlich neu, Spiegel-Rezensent Marcus Müntefering meinte gar, dass Hoeps und Toes „den wohl ersten relevanten EU-Thriller geschrieben [haben]“.

Insgesamt überzeugt „Der Tallinn-Twist“ auf vielerlei Ebenen. Auch bei der Hauptfigur Marie Vos, der man den Neulingsstatus im Parkett der Spionage noch ein einigen Stellen anmerkt, die aber gerade dadurch ein realistisches Profil entwickelt. Durch die ganze EU-Bürokratie merkt der Leser manchmal gar nicht, dass er sich in einem waschechten Spionagethriller befindet, in dem auch auf einige actionreifere Elemente nicht verzichtet werden muss, ebenso auch auf einen Schuss Humor. Somit bleibt am Ende das Fazit: Ein höchst aktueller, gut rechercherter und sehr ordentlich geplotteter Thriller. Klare Leseempfehlung.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Tallinn-Twist | Erschienen am 14.02.2022 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00575-4
320 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Marcus Müntefering zu dem Roman auf Spiegel Online.

Lućia Puenzo | Die man nicht sieht

Lućia Puenzo | Die man nicht sieht

Die folgende Choreographie war genau festgelegt und immer die gleiche: Die Schuhe ließen sie vorne am Eingang stehen. In der Küche schnappte sich Enana ein Messer, inspizierte den Kühlschrank, nahm alle Leckerbissen von denen sie essen durften, heraus und machte sich daran, von allem feine Scheiben abzusäbeln. Immer nur genau so viel, dass nicht nachzuvollziehen war, wo sie genascht hatten, aber genug, um sich satt zu essen. (Auszug E-Book S.8)

Ismael, Enana und Ayo sind drei argentinische Waisen, die auf der Straße leben und als Diebe über die Runden kommen. Der 15jährige Ismael ist der mißtrauische Kopf der drei, die 12jährige Enana die Furchtlose, Abenteuerlustige und ihr 6jähriger Halbbruder Ayo der Kletterspezalist, der in alle Häuser reinkommt. Doch die drei sind längst nicht so selbstbestimmt, wie sie zwischendurch selber glauben. Die meisten Aufträge erhalten sie vom Ex-Cop und Security-Mann Guida, der sie auf bestimmte Objekte ansetzt, bei denen er die Schwachstellen kennt. Dann steigt Ayo ein und öffnet die Türen für Enana und Ismael. Der Trick bei den Raubzügen: Die drei stehlen nicht viel, es bisschen Schmuck, Geld, vielleich Kleidung. So wenig, dass es den Eigentümern erst später auffällt und dann zuerst die Hausangestellten unter Verdacht geraten.

Guida behandelt sie meist gut, hat ein Auge auf sie, sorgt dafür, dass die Polizei sich nicht für sie interessiert. Doch bei ihm stehen knallharte Interessen im Vordergrund, die drei sind sein Kapital. Ein Kapital, dass man auch lukrativ veräußern kann. Doch die Kinder sollen nicht verschreckt werden, sodass er ihnen einen lukrativen Ferienjob in Uruguay verspricht, den sie schließlich auch annehmen. Es winkt gutes Geld und die Aussicht auf den Ozean. Sie werden über den Rio de la Plata verfrachtet und in ein exklusives, weitläufiges Villengelände. Ihre Auftraggeber erwarten, dass sie in einer Woche die neun Häuser auf dem Gelände ausräumen und sich zwischendurch immer wieder in das bewaldete, unwegsame Dickicht auf dem Areal zurückziehen. Langsam reift vor allem in Ismael die Erkenntnis, dass sie nur als Mittel zum Zweck für etwas ganz anderes ausgenutzt werden sollen.

Die Autorin Lućia Puenzo ist in ihrer argentinischen Heimat (nicht nur dort) vor allem eine bekannte und erfolgreiche Filmemacherin. Dies wird auch in diesem schmale Roman deutlich, der zwar einerseits sehr handlungsgetrieben und temporeich ist, andererseits aber durch interessante Perspektivwechsel verschiedene Figuren, wenn auch nur kurz, näher ans Geschehen holt und die Figuren dem Leser etwas näher bringt. Es erlaubt einen Einblick in die scharfen Ungleichheiten der argentinischen und uruguayischen Gesellschaften. Dass die Geschichte von Ismael, Enana und Ayo kein gutes Ende nehmen wird, scheint von Beginn an unausweichlich. Doch die Kinder sind zäh und mutig und durchkreuzen die für sie bestimmmten Pläne.

Das geschulterte Gewehr und die Metallschneide des Messers im Rucksack konnten das ungute Gefühl, das ihn begleitete, seit die Männer mit dem Pick-up ihnen ihre Aufgabe erklärt hatten, kaum abmildern: Dieser Auftrag war eine Nummer zu groß für sie, es konnte nicht gut gehen. Es würde nicht gut gehen. […] Das jedoch verwandelte den Auftrag in etwas ganz anderes: in einen Opfergang. (Auszug E-Book S.61)

„Die man nicht sieht“ ist vieles auf sehr wenigen Seiten, ein fast atemloser Thriller in Echtzeit, ein Noir über das Schicksal, wenn andere über anderer Leben bestimmen und ein gesellschaftskritischer Roman über die Ungleichheit und die Schwachen und Unmündigen, die gnadenlos verheizt werden. Trotz der Kürze des Werks werden auch die Personen angemessen beleuchtet und dienen nicht nur als Staffage. Insgesamt ein anregendes und aufwühlendes Werk.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die man nicht sieht | Erschienen als Taschenbuch am 12.03.2020 im Verlag Klaus Wagenbach
ISBN 978-3-8031-2824-9
208 Seiten | 13,- €
als E-Book: ISBN 978-3-8031-4239-9 | 10,99 €
Originaltitel: Los invisibles (Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch von Anja Lutter)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Walter Mosley | Der weiße Schmetterling (Band 3)

Walter Mosley | Der weiße Schmetterling (Band 3)

Sie trugen die Leiche auf einer Bahre weg, als die Fotografen fertig waren – Polizeifotografen, keine Reporter, 1956 war eine Schwarze, die umgebracht worden war, kein Fotomaterial für die Zeitungen. (Auszug Seite 12)

Watts ist ein überwiegend von Afroamerikanern bewohnter Distrikt im südlichen Los Angeles mit einer hohen Kriminalrate. Der amerikanische Schriftsteller Walter Mosley wuchs in dem Stadtteil auf und führt uns in seinem Thriller ins Jahr 1956. Als ein Serienmörder drei Frauen, alles Schwarze und leichte Mädchen tötet, zeigen Polizei und Presse wenig Interesse. Erst als das vierte Opfer eine Weiße und noch dazu die Tochter eines Staatsanwalts ist, beginnen sie ernsthaft zu ermitteln. Der schwarze Privatdetektiv Ezekiel „Easy“ Rawlins wird vom Los Angeles Police Departement um Hilfe gebeten, weil der Täter im schwarzen Milieu vermutet wird und Easy sich in Watts bestens auskennt. Widerwillig beginnt Easy zu ermitteln und findet auch gegen den Willen des Staatsanwalts heraus, dass seine ermorderte Tochter  ein Kind von einem Schwarzen bekommen hatte. Ihm zur Seite steht sein loyaler Freund Mouse, der sich perfekt auf der Straße auskennt, ansonsten aber sehr unberechenbar wie eine tickende Zeitbombe agiert.

Der Thriller fand mein Interesse, da hier mal ein schwarzer Hardboiled Detective in den Fokus gesetzt wurde. Es geht Walter Mosley auch weniger um den Krimiplot, der eher beiläufig erzählt wird und vielleicht einen größeren Spannungsbogen vertragen hätte. Vielmehr geht es ihm um eine Schilderung des Milieus aus der Sicht des schwarzen Ich-Erzählers und die Auseinandersetzung mit dem täglichen Rassismus. Easy Rawlins ist selbstbewusst und clever, hat aber gar keine Lizenz und ist mehr Ganove als Private Eye. Er ist mit Regina verheiratet und lebt mit ihr, der kleinen Tochter und ihrem Adoptivsohn Jesus zusammen. Leider bin ich weder mit ihm noch seinem durchgeknallten Freund Mouse richtig warm geworden. Das lag auch an einer Szene zu Beginn, in der Easy seine Ehefrau zum Sex zwingt.

„Vergewaltigt?“ Ich lachte. „Ein Mann kann doch seine eigene Frau nich vergewaltigen.“ Mein Lachen erstarb, als ich die zornigen Tränen in Reginas Augen sah. (Auszug Seite 46)

Dabei hat mir die schnörkellose Erzählweise des afro-amerikanischen Autors ganz gut gefallen. Es zieht sich so ein spezieller Sprachrhythmus, manchmal ironisch, lakonisch, aber auch melancholisch durch das ganze Buch und er findet immer den richtigen Ton. Wie sein Protagonist kennt Mosley die Bewohner von Watts und hat sie genau beobachtet. Auch die Atmosphäre der 50er/60er Jahre kommt gut rüber. Sehr gestört hat mich aber der Versuch, den gebräuchlichen Straßenjargon eine passende deutsche Entsprechung zu geben. Das hat mir den Thriller echt vermiest und ich habe mich bis zum Schluss durchgequält.

Walter Mosley gelang mit seinen 11 Thrillern um den schwarzen Privatdetektiv Easy Rawlins in einem Zeitraum von 17 Jahren der Durchbruch in den USA. Gleich sein erster Thriller „Teufel in Blau“ sorgte durch die erfolgreiche Verfilmung mit Denzel Washington für Furore und seitdem zählt er zu den bekanntesten Schriftstellern der USA. 2020 erhielt er als erster schwarzer Schriftsteller die National Book Foundation Medal.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der weiße Schmetterling | Erstmals erschienen 1992
Die Neuausgabe erschien am 28.01.2021 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-3111-5511-9
320 Seiten | 12,00 €
Originaltitel: White Butterfly (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Dietlind Kaiser)
Bibliografische Angaben & Leseprobe