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Andreas Pflüger | Kälter

Andreas Pflüger | Kälter

„Sie rechnen hier nicht mit jemandem wie mir. Und ich seh weiß Gott nicht zum Fürchten aus. Vielleicht hat es sogar noch etwas Gutes, dass ich schon lange nicht mehr auf meine Form geachtet habe.“ „Aber fünf.“ „Vor einer Ewigkeit hat mal jemand gesagt, ich würde nie etwas zu Ende bringen. Und er hatte recht. Aber diese Männer werden sich wünschen, sie hätten die Fähre gestern verpasst.“ (Auszug Seite 45)

Amrum, die kleine, nordfriesische Insel neben Föhr gelegen, wird wegen ihres feinsandigen, kilometerlangen Strandes und viel Natur auch die Perle der Nordsee genannt. Luzy Morgenroth versieht hier seit einigen Jahren ganz beschaulich ihren Dienst als Inselpolizistin zusammen mit ihrem Kollegen Jörgen, für mehr ist in der Amrumer Station zumindest in der Wintersaison nicht zu tun. Im Herbst 1989, Luzy feiert mit Freunden ihren 50. Geburtstag, als ein heftiger Sturm über Amrum aufzieht, wird die beschauliche Inselidylle jäh gestört. Mit der letzten Fähre landen fünf bis auf die Zähne bewaffnete Killer auf der Insel und es kommt zu einer Reihe von Morden. Luzy sieht sich gezwungen, in ihre Vergangenheit zurückzukehren. Denn was auf Amrum niemand ahnt, sie war einst eine top ausgebildete Mitarbeiterin des BKA und Personenschützerin, die sich nach einem desaströs verlaufenem Einsatz in Israel, zurückgezogen hatte. Der damalige Drahtzieher der Terroraktion, die ihr Leben zerstörte, war Hagen List, genannt Babel. Dieser ließ Luzy damals hochmütig am Leben. Mittlerweile gilt der gefährlichste Terrorist der Welt als tot.

„Wahre Macht über Leben und Tod hast du nur, wenn du dann und wann jemandem erlaubst, fürs Erste weiterzuatmen.“ (Auszug Seite 127)

Als Luzy einen Hinweis auf „Babel“ als Verantwortlichen des Killerkommandos bekommt, verlässt sie nach acht Jahren die Insel und macht sich auf den Weg, um den Totgeglaubten endlich zur Strecke zu bringen. Um es mit den Gegnern von damals aufzunehmen, reist Luzy nach Berlin, um sich von Yosef, ihrem früheren Krav-Maga-Trainer in die körperliche Form ihrer früheren Karriere bringen zu lassen. In Berlin bekommt sie hautnah den Mauerfall mit, als sich 1989 die Grenzen öffnen. Während die Ostdeutschen in den Westen strömen, kämpft sich Ex-Agentin Luzy ins Stasiarchiv. In alten Stasi-Akten findet sie den Beweis, dass Babel überlebt hat und für unzählige Anschläge verantwortlich ist. Mit den dort enthaltenen Informationen führt sie die Jagd quer durch Europa, von Berlin nach Wien, Israel und Südfrankreich.

„Vielleicht begegnen wir uns wieder und finden dann heraus, wer von uns beiden kälter ist. Was meinen Sie: Sind Sie kälter als ich?“ (Auszug Seite 138)

Gemächlicher Anfang für einen Thriller von Andreas Pflüger, aber keine Sorge, nach ca. fünfzig Seiten bricht die  Hölle los und das Inselidyll wird nach allen Regeln der Kunst zerlegt. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges entfaltet sich der furiose Agententhriller mit einer viele Haken schlagenden Handlung, aufgrund des persönlichen Rache-Plots wird es auch emotional mit Thematisierung seelischer Abgründe. Typisch für Pflüger steht wieder eine weibliche Heldin im Fokus, eine kaltblütige Killermaschine, die zwischen den Welten steht, sich aber nach Normalität, nach der „Welt der Anderen“ sehnt und der der Autor sogar eine Romanze gönnt. Ein Thriller und ein akribisch recherchiertes Stück Zeitgeschichte, der aufgrund der Verwicklungen und Doppelidentitäten der Geheimdienstler komplex ist, voller Tempo sowie brillant durch Pflügers unverwechselbare Sprache, die besonders in den wortwitzigen, knappen Dialogen aufblitzt. Kopfkino entsteht bei den mit hohem Bodycount virtuos choreografierten Actionszenen, die mit vielen augenzwinkernden Stellen wieder gebrochen werden. Alle Orte, wie die sturmumtoste Nordseeinsel, das Ausbildungscamp in der israelischen Negev-Wüste, das Riesenrad am Wiener Prater oder die Berliner Mauer werden lebendig und präzise beschrieben. Dazu sind die 80er Jahre stets greifbar, die Angst vor der RAF allgegenwärtig.

Es gibt auch ein Wiedersehen mit Figuren, die man bereits aus anderen Pflüger-Romanen kennt, etwa den BKA-Präsidenten Richard Wolf, aber auch Nina Winter und Rem Kukura spielen eine kleine Rolle. Selbst Jenny Aaron taucht als achtjähriges Kind in einem Cameo-Auftritt auf. Das Design des Romans ist im gleichen Stil wie „Wie Sterben geht“ designt und spricht mich sehr an. Andreas Pflüger hat mal wieder gezeigt, dass er in einer ganz eigenen Liga spielt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Kälter | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43258-7
495 Seiten | 25,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezensionen zu Kälter bei buch-haltung.com und beim Kaffeehaussitzer
Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Romanen von Andreas Pflüger bei Kaliber.17

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Er sah ihr in die Augen, suchte etwas, aber sie wusste nicht, was. „Du hast mehr verloren, als ich je hatte. Aber du glaubst immer noch daran.“
„Ich habe alles gegeben für dieses Land“, sagte Ruth. „Ich habe Opfer gebracht.“
„So wie Abraham Isaak opfern wollte“, sagte Almog schwülstig.
„Isaak hat aber überlebt“, sagte Ruth. (Auszug Seite 388)

Der Roman beginnt 2009 in Miami mit Hanna, deren Mutter Esther verstirbt und ihr eine alte Holzschachtel überlässt. Darin unter anderem ein altes Foto: Eine lange Tafel mit Speisen, am Kopfende eine Frau, die Beschriftung „Pessach Seder, 1965“. Hiervon ausgehend springt die Geschichte rückwärts, zunächst ins Jahr 1989, später ins Jahr 1946. Ruth ist eine ungarische Jüdin, die vor den Nazis nach Palästina geflohen ist. Nun ist sie Teil der Untergrundbewegung, die auch mit Gewalt einen israelischen Staat gründen will. Sie ist kurz darauf eine der Gründerinnen des Kibbuz Trashim im Norden Israels. Im Kampf um die Staatsgründung werden Terrorakte gegen die Briten verübt, arabische Dörfer zerstört, die Bewohner teilweise getötet, teilweise vertrieben.

Der Roman folgt nun der Geschichte von Ruth und ihrer Familie, dazu gehört ihre Schwester Shosh, die das Konzentrationslager überlebt, ihrer Kinder und ihrer Enkel. Die Story springt in der Zeit voran, verharrt lange Zeit Ende Ende der 1940er und in den 1950er, um die Anfangsjahre Israels am Beispiel dieser Kibbuzgemeinschaft zu beschreiben, springt dann in die 1960er und 1970er, zu den Kindern und Enkeln, zum Sechs-Tage-Krieg und Jom-Kippur-Krieg. Dabei muss sich Ruth und ihre Familie immer wieder starken Widrigkeiten entgegenstellen, Gewalt und Tod bleiben ein ständiger Begleiter.

Mit „Maror“ hat Autor Lavie Tidhar schon Maßstäbe gesetzt. Der Thriller beschreibt die Geschichte des Staates Israel als eine Geschichte von Gewalt, Korruption, Skandalen und dem bitteren Geschmack von Realpolitik. In „Maror“ nahm sich Tidhar die Zeit von Mitte der 1970er-Jahre bis in die 2000er vor. Nun springt er mit „Adama“ noch weiter zurück, beginnt mit der Zeit kurz nach dem 2.Weltkrieg und kurz vor der Staatsgründung Israels 1948. Sein Projekt ist als Trilogie angelegt, der letzte Band „Golgotha“ soll dann bis in die Zeit der Anfänge des Zionismus Ende des 19.Jahrhunderts zurückreichen.

„Adama“ setzt den Ton des Vorgängers eigentlich konsequent fort, mit neuem Personal – nur punktuell taucht nochmal eine Figur aus „Maror“ auf. Es entwickelt sich eine düstere Geschichte einer Kibbuz-Familie. Eine Geschichte von erlebter und begangener Gewalt: Die Verbrechen der Nazis, die Flucht nach Israel, der Kampf gegen die britischen Besatzer und gegen die einheimischen Araber, das harte Leben im Kibbuz, die Kriege zur Verteidigung Israels, die Gewalt auch im Inneren zu Erhalt der eigenen Position. In „Adama“ beschreibt Lavie Tidhar, selbst in einem Kibbuz aufgewachsen, eine Familie in einem Selbstbehauptungskampf zwischen Liebe, Loyalität, Verrat und Tod. Im Zentrum steht dabei die Patriarchin Ruth, die gewillt ist, ihre Heimat, ihren Kibbuz, ihr Fleckchen Erde („Adama“ steht im Hebräischen für „Erde“) um buchstäblich jeden Preis zu verteidigen und dafür Grenzen zu überschreiten und schmerzhafte Opfer zu bringen.

Lavie Tidhars Romane aus dieser Trilogie erscheinen aktuell noch nicht in der hebräischen Übersetzung. Mit seinem Ansatz einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte des Staates Israel gilt der Wahl-Londoner in seiner Heimat sicherlich in einigen Kreisen als Nestbeschmutzer. Dennoch erscheint es nur konsequent, die dunklen Seiten der eigenen Geschichte auszuloten, um Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Jedenfalls bleibt Tidhar seinem eigenen Anspruch treu, auch bezüglich der historischen Darstellung der Ereignisse. Die Wucht und Spannung des Vorgängers wird für meinen Geschmack nicht ganz erreicht, erlangt aber durch die Verknüpfung mit einer erschütternden Familiengeschichte über die Jahrzehnte dennoch eine tragische Tiefe. „Adama“ ist jedenfalls ein würdiger Nachfolger von „Maror“ und bringt als historischer Roman über Israel eine ganz eigene Facette ein.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Adama | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47516-4
425 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Adama | Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Teil 1 der Trilogie, „Maror“

Jake Lamar | Viper’s Dream

Jake Lamar | Viper’s Dream

„Also Viper“, sagte die Baroness, „was sind deine drei Wünsche?“. (Auszug S. 9)

Mit dieser ungewöhnlichen Frage beginnt dieser historische Jazz-/Gangsterroman und setzt stilistisch und strukturell die Vorgabe für diesen vom Umfang zwar schmalen, aber inhaltlich sehr prallen Kriminalroman. Die Frage stellt die Baroness Pannonica de Koenigswarter, eine reiche, adlige Europäerin und Mäzenin der New Yorker Jazzszene der 1950er bis 1980er Jahre, an Clyde Morton, genannt Viper, einflussreicher Gangster und Geschäftsmann in Harlem und eng mit der Jazzszene verbandelt. Wir sind im November 1961 im sogenannten Cathouse, einem Refugium der Jazzszene und hunderter Katzen in Newark. Wir erfahren auf den ersten Seiten, dass Viper vor Kurzem seinen dritten Mord begangen hat und sich ins Cathouse zurückgezogen hat, anstatt die Flucht zu ergreifen, wie ihm sein Geschäftspartner und Kontaktmann Detective Carney beim NYPD nahegelegt hat. Stattdessen raucht Viper Marihuana, wie die meisten im Cathouse, und grübelt über sein Leben. Die Baroness stellt ihm diese Frage und Viper wird diese im Laufe des Buches beantworten. Allerdings stellt die Baroness am Ende fest:

„…du wünscht dir nichts, du bereust.“ „Wo ist der Unterschied?“, sagte Viper. „Gute Nacht, Nica.“ (Auszug S.201)

Über einen unbekannten Erzähler wird nun abwechselnd aus dem Cathouse 1961 und von der Vergangenheit von Clyde Morton alias Viper erzählt. Clyde beschließt 1936 als junger Mann Alabama und seine schwangere Freundin Hals über Kopf zu verlassen, weil ihm sein Onkel in den Kopf gesetzt hat, er könne in New York als Trompeter Geld verdienen. In Harlem angekommen betritt er den nächsten Nachtclub und erhält sofort die Rückmeldung, dass er sich eine Karriere als Musiker abschminken kann. Doch er wird quasi direkt in die Welt des Marihuanas eingeführt, daher erhält Clyde vom zischenden Geräusch des Zugs am Joint auch den Spitznamen Viper. Wenig später wird Viper dem jüdischen Geschäftsmann, Clubbesitzer und Drogenhändler Orlinsky vorgestellt, der in seiner Organisation auch direkt einen Platz für ihn findet.

Clyde war begeistert. Fühlte sich mächtig. Noch nie in seinem Leben hatte er einem Weißen ins Gesicht geschlagen. Falls das der Job war, für den ihn Mr. O angeheuert hatte… daran konnte er sich gewöhnen. Und noch etwas kam hinzu. Nach langer Zeit hatte Clyde Morton sich endlich für den Mord an seinem Vater gerächt. (Auszug S. 43)

Und so begleiten wir Clyde Morton, wie er sich in der Gangster- und Jazzszene in Harlem bewegt und sein Einfluss immer weiterwächst, bis er eines Tages mit der richtigen Mischung aus Geschäftssinn und Härte an der Spitze der Nahrungskette angekommen und zum wichtigsten Händler von Dope aufgestiegen ist. Doch die Luft ist rau in Harlem, zudem kommt der Krieg dazwischen und außerdem gibt es da noch diese unglaublich attraktive Jazzsängerin Yolanda, Vipers große, aber äußerst tragisch verlaufende Liebe.

Autor Jake Lamar hatte im letzten Jahr seinen Durchbruch im deutschsprachigen Raum, als er mit „Das schwarze Chamäleon“ den deutschen Krimipreis gewann. Lamar lebt seit 1993 in Paris und ist dort Dozent für Kreatives Schreiben. „Viper’s Dream“ erschien tatsächlich zunächst 2021 in der französischen Übersetzung, erst zwei Jahre später im Original und gewann 2024 den Dagger für den besten historischen Kriminalroman.

Bei Jazz bin ich wahrlich kein Experte. Und dennoch war ich sehr begeistert, wie Lamar hier eine Geschichte der New Yorker Jazzszene der 1930er bis Anfang der 1960er Jahre im einem Gangsterroman erzählt. Immer wieder betreten ganz natürlich Jazzgrößen wie Miles Davis, Charlie Parker und Thelonious Monk die Szene. Großes Thema ist unter anderem die Drogenszene rund um die Jazzmusiker und die Bedrohung des Jazz durch das aufkommende Heroin. Viper versucht mit aller Macht die Verbreitung dieses tödlichen Gifts in seinem Revier zu verhindern. Vergeblich.

Und auch die Anfangsfrage von Baroness „Nica“ de Koenigswarter hat einen historischen Hintergrund. Tatsächlich stellte die Baroness den Jazzkünstlern in den 1960ern diese Frage mit den drei Wünschen, verwahrte ihre Antworten und schoss zudem zahlreiche Polaroids, um diese Jahre zu dokumentieren. Zu ihren Lebzeiten wurde das Projekt allerdings nicht mehr umgesetzt. Erst 2006 veröffentlichte ihre Großnichte die Dokumentation „Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“.

„Viper’s Dream“ ist ein historischer Gangsterroman, in dem der Autor sowohl visuell als auch musikalisch den Schauplatz Harlem auferstehen lässt. Jake Lamar hat eine umfangreiche Playlist am Ende des Romans ergänzt, die in den einschlägigen Streamingplattformen ebenfalls gefunden werden kann. Dabei gerät die Verbindung zwischen Krimi und Jazz niemals gezwungen, sondern wirkt sehr organisch. Dieser Kriminalroman ist eine sehr lesenswerte Mischung aus flirrendem Jazz, melancholischer Nabelschau eines grübelnden Gangsters und hartgesottener Erzählung von den rauen Straßen von Harlem. Große Leseempfehlung.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Viper‘s Dream | Erschienen am 03.09.2025 bei der Edition Nautilus
ISBN 987-3-96054-470-8
205 Seiten | 20,- €
Originaltitel: Viper’s Dream | Übersetzung aus dem Englischen von Robert Brack
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Susanne Tägder | Die Farbe des Schweigens (Band 2)

Susanne Tägder | Die Farbe des Schweigens (Band 2)

Plötzlich überkommt ihn ein solches Gefühl von inszenierter Normalität, dass er überzeugt ist, Matti oder jemand, der aussieht wie Matti, werde im nächsten Moment von der Angerstraße kommend auf die Wallstraße einbiegen, und er beginnt bereits, mit den Augen die Gehwege nach einem schmalen Jungen im wattierten Anorak abzusuchen. (Auszug Seite 30)

An einem dunklen Winterabend 1992 verschwindet der elfjährige Matti Beck auf dem kurzen Weg zum Einkaufen. Hauptkommissar Arno Groth, der erst vor ein paar Monaten von Hamburg nach Wechtershagen in Mecklenburg gewechselt ist, sucht gemeinsam mit seinem kleinen Team fieberhaft nach dem Jungen. Allerdings erfolglos! In der Siedlung ist es schwer für die Beamten, da keiner etwas gesehen haben will und die Bewohner den Polizisten mit Misstrauen begegnen. Auch kann Groth nicht mehr auf seinen Partner Gerstacker setzen, der aufgrund verschwiegener Kontakte zur Stasi suspendiert wurde.

Das Mönkebergviertel ist eine Plattenbausiedlung mit Jugendclub, Kleingärten, einer kleinen Kaufhalle und den Schleichwegen, auf denen die Kinder relativ unbeobachtet unterwegs sind. Erst nach ein paar Tagen wird die Leiche von Matti in einem Keller eines offiziell unbewohnten Wohnblocks gefunden. Der Verdacht fällt auf einen stadtbekannten Alkoholiker, bei dem die rote Einkaufstasche des Jungen gefunden wird. Obwohl viele Indizien gegen ihn sprechen, ist für Kommissar Groth die Lösung nicht stimmig. Er war bei den Ermittlungen auf einen bisher ungelösten Mordfall gestoßen, der sich bereits vor sechs Jahren ereignete. Als sein Vorgesetzter geht und Groth Interimsleiter der Kriminalinspektion wird, gründet er die Einsatztruppe „Nachtschatten“ und holt seinen alten Kollegen Gerstacker als externen Ermittler an Bord, da er als Einzige mit dem alten Fall vertraut ist. Parallel dazu lernt man die Taxifahrerin Ina kennen, die hier mit Sohn Benno einen Neuanfang wagt. Sie ist vor ihrem gewalttätigen Mann geflüchtet und geht deshalb viel zu spät mit ihren Beobachtungen zur Polizei.

Während er vorne auf der Straße steht, passieren die Dinge hinten in den Höfen und auf den Wegen, die er nicht kennt. Hat er sie nicht gesehen, all die Zeichen der Zeit, die drei Buchstaben auf den Handknöcheln von Elfjährigen? Er steht hier, und die Rechten treffen sich fröhlich im Kutter. (Auszug Seite 306)

Schon Susanne Tägders gefeierter Debütroman „Das Schweigen des Wassers“ spielte kurz nach der Wende in der fiktiven Stadt Wechtershagen in Ostdeutschland. Mit „Die Farbe des Schattens“ geht es nahtlos weiter mit Kommissar Groth, der hier aufgewachsen ist, aber über 20 Jahre in Hamburg lebte und nun als Aufbauhelfer Ost agieren soll. Eine Entscheidung, die er nicht ganz freiwillig getroffen hat, aber nach einem Zusammenbruch aufgrund des Unfalltods seiner Tochter möchte er sich wieder in den Polizeidienst integrieren. Er fühlt sich immer noch nicht wirklich angekommen sondern als Fremdkörper, als Eindringling aus dem Westen.

Die Handlung spielt vor allem in einem Brennpunktbezirk namens Mönkebergviertel. Viele, die in der Plattenbausiedlung leben, die typische Strukturen eines beginnenden Verfalls aufweist, haben in der Folge der Wende ihren Job verloren. Aufgrund der Perspektivlosigkeit sehen sich die Menschen als Verlierer der Wiedervereinigung, in den Familien herrscht Hoffnungslosigkeit. Besonders die Jugendlichen hadern mit ihrer Situation, treffen sich im Jugendclub, der allen politischen Einstellungen offen steht und sind von den rechtsradikalen Aktivitäten der Älteren fasziniert.

Tägder schreibt sehr ungeschönt und versteht es, die Atmosphäre der früheren 90er Jahre, die nicht unbedingt von Freude und Aufbruchsstimmung sondern eher von Sorgen und Zukunftsängsten geprägt war, einzufangen. Die düstere Stimmung im dunklen, kalten Januar hat mich sofort gepackt und ich konnte gut in die Geschichte eintauchen. Ein großer Pluspunkt ist die Figurenzeichnung. Die Autorin trifft mit ihren ausgefeilten Charakteren, ob Ermittler, Zeugen, Kinder und Erwachsene, stets den richtigen Ton. Die Hilflosigkeit der Ermittler aufgrund ständiger Rückschläge sowie die Resignation der Bewohner waren direkt greifbar und auch die Ablehnung gegen die Polizei wird gut beschrieben. Die mühsame Arbeit der Kriminalpolizei wird akribisch und glaubhaft geschildert. Wir sind immer ganz nah bei den Verhören und Konferenzen der Polizei. Äußerst gelungen ist auch die Aktualität des Kriminalromans, der zwar kurz nach der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland spielt aber viele Anknüpfungspunkte, zum Beispiel die zunehmende Radikalisierung der Kinder und Jugendlichen, an die Gegenwart aufweist.

„Die Farbe des Schattens“ ist ein eher ruhiger Krimi, der von der psychologischen Spannung, der mühevollen Polizeiarbeit und auch der emotionalen Belastung, die so ein Mordfall mit sich bringt, lebt. Obwohl der Grundton eher bedacht und melancholisch ist, entwickelt die Geschichte, die nicht nur ein Kriminal-, sondern auch ein Gesellschaftsroman ist, einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Er gibt die zerrissene Stimmung der Wendejahre gekonnt wieder und bietet mit hoher Sprachkunst ein literarisch ansprechendes Lesevergnügen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Farbe des Schattens | Erschienen am 13.09.2025 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-60850-273-2
336 Seiten | 17,- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 1 „Das Schweigen des Wassers“

Kate Atkinson | Nacht über Soho

Kate Atkinson | Nacht über Soho

Nellie war müde. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben erschöpfte sie der unbarmherzige Tatendrang, der notwendig war, um ihre Leben voranzutreiben. Der anker des Amethyst, das Gewicht ihres gesamten Imperiums, zog sie nach unten. (Auszug E-Book Pos. 650).

Frühjahr 1926: Nach einer kurzen Haftstrafe wegen Verstöße gegen Schankbestimmungen wird Nachtclubkönigin Nellie Coker aus der Haft entlassen. Unter einem großen Menschenauflauf kehrt sie standesgemäß in ihr Reich aus mehreren Clubs zurück. In den Jahren des ersten Weltkriegs fiel ihr Hehlerware bestehend aus kostbarem Schmuck in die Hände, welche sie geschickt eingesetzt hat und nach und nach zur Besitzerin erfolgreicher Nachtlokale wurde. Sie bewegt sich allerdings natürlich immer noch im Dunstkreis der kriminellen Gangs von London. Ihre fünf Clubs namens Pixie, Foxhole, Sphinx, Crystal Cup und Amethyst zählen zu den angesagtesten Locations des Londoner Nachtlebens. Mitglieder der Königsfamilie, Stars und solche, die werden wollen und die sonstige High Society tummeln sich dort. Doch die Clubs sind auch im Visier von anderen: Von Rivalen, die sich das Imperium gerne unter den Nagel reißen würden oder alte Rechnungen beglichen haben wollen. Und von der Polizei, konkret von John Frobisher. Ihm missfällt das halblegale Reich, dass sich Nellie Coker aufgebaut hat. Vor allem aber glaubt er, dass die Königin von Soho irgendetwas mit den zahlreichen Mädchen zu tun hat, die in der Londoner Nacht verschwinden und von denen einige ertrunken aus der Themse gezogen werden.

Frobisher möchte hierzu undercover die ehemalige Krankenschwester und Bibliothekarin Gwendolen Kelling bei den Cokers einschleusen. Gwendolen hat sich dazu bereit erklärt, weil sie tatsächlich nach zwei Mädchen aus ihrer Heimat York sucht. Freda und Florence sind ausgerissen und nach London gefahren, um hier – wie so viele minderjährige Mädchen – im Glück als als Tänzerinnen zu versuchen. Doch von den beiden fehlt jede Spur (der Leser begleitet die beiden allerdings durch den Moloch London) und so will Gwendolen Frobisher helfen. Das Vorhaben scheint zu funktionieren, denn als es in einem Club zu einem Schusswechsel kommt, kann sich Gwendolen als Ersthelferin profilieren und erhält ein Jobangebot von Nellie Coker. Doch wie entwickelt sich ihr Verhältnis zu Nellies ältestem Sohn Niven, der Gwendolen einige Tage zuvor zufällig behilflich war, als sie von Diebinnen ausgeraubt wurde?

„Sagen Sie, Miss Kelling, was bedeuten sie Ihnen? Diese Mädchen.“
„Es sind Mädchen, die vermisst werden, Miss Shelbourne, das bedeuten sie mir.“
„Ich würde es in den Nachtclubs versuchen, wenn ich Sie wäre. Mädchen wie Freda sind Frischfleisch für die Nellie Cokers dieser Welt. Sie verschlingen sie. […]“ (Auszug E-Book Pos. 2069).

Und so spannt Kate Atkinson ein faszinierendes Panoptikum über London in den Goldenen Zwanzigern. Dabei schöpft sie aus einem üppigen Figurenpersonal. Neben Nellie Coker, Inspektor Frobisher, Gwendolen Kelling und Freda sind dies vor allem Nellies fünf erwachsene Kinder Niven, Ellen, Betty, Shirley und Ramsey. Sie sind alle in den Familienbetrieb involviert, allerdings in unterschiedlicher Tiefe und mit unterschiedlichem Engagement. Über einen allwissenden Erzähler, mit multiperspektiver Erzählweise und teilweise zeitlichen Rückblicken wird ein enger Einblick auch in das Private der Figuren gewährt.

Die Britin Kate Atkinson ist seit nunmehr dreißig Jahren erfolgreiche Autorin, die ihre Romane, wenn nicht direkt dem Krimigenre zugerechnet (etwa ihre Jackson Brodie-Reihe), oft am Rande des Genres ansiedelt. So ist auch „Nacht über Soho“ kein klassischer Krimi oder Thriller, sondern ein historischer Roman mit klaren Genrebezügen. Als deutscher Leser fällt als Bezugspunkt natürlich die Gereon Rath-Reihe von Volker Kutscher ein oder eher noch die Serienadaption „Babylon Berlin“. Anders als dort legt Atkinson allerdings keinen Schwerpunkt auf die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen. Stattdessen konzentriert sie sich beim Setting auf den konkreten historischen Moment. Inspiriert wurde sie, wie sie im Nachwort erwähnt, vom Leben von Kate Meyrick, die damals für viele Jahre Königin der Clubs von Soho war und der die Figur Nellie Coker nachempfunden ist.

„Nacht über Soho“ ist ein schillernder historischer Roman, der tief ins Nachtleben Londons der 1920er Jahre führt und eine vergnügenssüchtige Gesellschaft porträtiert, die der traumatischen Vergangenheit nur allzu gerne entfliehen will. Pulsierende Nachtclubs, Künstlerbohéme, das harte Leben auf Londons Straßen, rivalisierende Gangs, korrupte wie integre Polizisten. Dabei beeindruckt vor allem das üppige Personal, das Kate Atkinson gekonnt durch den Roman leitet, und bei dem eindeutig die Frauenfiguren die Handlung dominieren. Insgesamt ein spannender, mitreißender Roman, der die Roaring Twenties nochmal stilecht auferstehen lässt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Nacht über Soho | Erschienen am 13.05.2025 im Dumont Verlag
ISBN 987-3-9505744-0-1
560 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Shrines of Gaiety | Übersetzung aus dem Englischen von Anette Grube
Bibliografische Angaben & Leseprobe