Kategorie: Psychothriller

Ruth Ware | Wie tief ist deine Schuld

Ruth Ware | Wie tief ist deine Schuld

„Anstatt zu antworten, steht sie auf und geht zu dem Stapel Zeitungen, die zum Anzünden der Holzscheite neben dem Ofen liegen. Ganz oben liegt der Salten Observer, den sie uns wortlos entgegenhält. Aus ihrem Gesicht spricht all die Angst, die sie während dieses langen, weinseligen Abends verborgen gehalten hat.“ (Auszug Seite 86)

Isa bekommt eine Nachricht von ihrer Schulfreundin Kate, die sie seit vielen Jahren nicht gesehen hat, in der nur drei Worte stehen: „Ich brauche dich“. Sofort fährt Isa mit ihrer sechs Monate alten Tochter zu Kate nach Salten. In Salten waren die beiden mit Thea und Fatima vor siebzehn Jahren auf dem Internat, bis an einem Abend etwas Schreckliches passiert ist und alle vier der Schule verwiesen wurden. Dieses Geschehnis, das zu einem Geheimnis geworden ist und alle vier untrennbar miteinander verbindet, droht sie nun einzuholen und in Gefahr zu bringen. Kommt nun alles ans Licht und verliert jeder von ihnen damit seine Existenz?

Vorfreude und Erwartungen

Wie tief ist deine Schuld von Ruth Ware ist der zweite Roman der Autorin, den ich gelesen habe. Von Women in Cabin 10 war ich recht angetan und hatte mich deshalb auf diesen Thriller gefreut. Meine Vorfreude wurde nicht enttäuscht und dennoch wurden meine Erwartungen nicht ganz erfüllt. Es handelt sich hier um eine sehr flüssig zu lesende Geschichte mit kurzen Kapiteln aus Sicht von Isa. Abwechselnd befindet sich Isa in der Gegenwart oder erinnert sich an das Schuljahr in Salten. Ich bin insgesamt gut durch die Seiten gekommen und habe gern darin gelesen, dennoch hat mir eine wirklich packende Wendung gefehlt. Das Blatt dreht sich im Laufe der Geschehnisse, aber nicht so, dass es mich völlig aus den Socken gehauen hätte.

Vier Frauen

Die vier Freundinnen könnten unterschiedlicher nicht sein: Isa ist in einer festen Beziehung, mit einem sicheren und gut bezahlten Job als Juristin im Innenministerium und nun Mutter; Fatima ist verheiratet, Mutter zweier Kinder und Ärztin und seit kurzem streng buddhistisch; Thea ist mager- und alkoholsüchtig, arbeitet in einer Spielhalle und ist recht unstet in ihrem Leben und Kate, die nach dem Vorfall in dem kleinen Ort geblieben ist und sich mit den Vorurteilen und Gerüchten der Bewohner all die Jahre herumgeschlagen hat, versucht mit Malerei an Geld zu kommen. Ich persönlich kann mich mit Isa am ehesten identifizieren, aber auch die anderen sind mir nicht unsympathisch. Da das Buch aus Sicht von Isa geschildert wird, wird von ihr auch am meisten erzählt. Denn das Geheimnis hat sie in all den Jahren begleitet und das Lügengerüst, das da herum erbaut wurde, droht jetzt auch ihre Beziehung zu beeinflussen.

Eine wenig fesselnde Wendung

Am Anfang gewinnt die Geschichte an Spannung, da dem Leser noch nicht verraten wird, um was es sich genau handelt und warum die vier sich so überstürzt treffen. Es gibt immer nur Andeutungen bis ungefähr zur Mitte, dann wird endlich Klartext geredet. Diese Offenbarung fand ich persönlich dann aber gar nicht so schockierend, zumal die Gründe für mich nachvollziehbar sind und sie eben erst fünfzehn Jahre alt waren. Im letzten Drittel wird geschildert, was genau für Isa tatsächlich auf dem Spiel steht, aber das war auch nicht von Anfang an der Fall. Zum Ende kommt dann tatsächlich die Wahrheit raus, aber auch die lässt mich nicht völlig fassungslos zurück.

Fazit: Ein gut und flüssig zu lesender Thriller, der zu empfehlen ist, wenn man keine großartigen Wendungen erwartet.

Ruth Ware wuchs im südenglischen Lewes auf und lebte nach ihrem Studium an der Manchester University eine Zeit lang in Paris. Sie hat als Kellnerin, Buchhändlerin, Englischlehrerin und Pressereferentin für einen großen Verlag gearbeitet und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Brighton.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Wie tief ist deine Schuld | Erschienen am 30. November 2018 bei dtv
ISBN 978-3-423-26208-8
448 Seiten | 15.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Thrillern Im dunklen, dunklen Wald und Woman in Cabin 10 von Ruth Ware.

JP Delaney | Believe Me

JP Delaney | Believe Me

Believe Me ist der Nachfolgeroman des erfolgreichen Titels „The Girl Before“ des Autors JP Delaney und spielt in New York. Und gleich vorab ein Hinweis, entnommen aus der Danksagung: dieses Buch ist eine Neufassung eines vor 17 Jahren bereits erschienen Romans, gleiche Grundidee, aber neue Personen, Handlung etc. Ich kann nur sagen: sehr gute Idee des Autors, es ist ein für mich außergewöhnlicher Psychothriller dabei herausgekommen. Der Aufbau ist passend zu der Hauptperson Claire Wright, einer Schauspielerin, in einigen Kapiteln wie ein Drehbuch aufgebaut, mal etwas ganz anderes.

Claire Wright, eine englische Schauspielerin, ist nach New York gekommen, um dort eine Schauspielschule zu besuchen und ihr Können zu vervollkommnen. Sie will lernen, eine Figur nicht nur zu spielen, sondern „zu sein“. Um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern (und in Ermangelung einer Green Card, die ihr eine offizielle Arbeit ermöglichen würde) flirtet sie im Auftrag einer Agentur mit verheirateten Männern, deren Frauen wissen wollen, ob sie treu sind.

Eines Tages will die beauftragende Ehefrau Stella Fogler sie vorab kennenlernen. Das ist an sich schon ungewöhnlich, erklärt aber noch nicht die Nervosität der Kundin und deren mehrfache Bitte an Claire, besonders vorsichtig zu sein. Claires Job endet diesmal jedoch anders als sonst üblich: Patrick Fogler geht nicht auf ihren Flirt ein. Nach einem Gespräch, bei dem es um das von Fogler mitgeführte Buch Die Blumen des Bösen von Charles Baudelaire geht, verlässt Fogler die Bar, in der Claire den Flirtversuch gestartet hatte. Stella Fogler ist jedoch weit davon entfernt, sich über das Ergebnis zu freuen, sie ist eher entsetzt! Für Claire ist das nicht nachvollziehbar, es sei denn, es sollte eine Erpressung stattfinden. Claire verlässt daraufhin ziemlich sauer die Hotelsuite, in der sie sich mit Stella getroffen hatte. Drei Tage später wird sie allerdings aufs Polizeipräsidium gebracht. Wie sie im Laufe einer Befragung erfährt, ist Stella Fogler in ihrer Suite ermordet worden. Monate später wird Claire von der Polizei, die in Patrick Fogler den Mörder vermutet, eine Mitarbeit angeboten: sie soll den Lockvogel spielen und dabei helfen, Fogler zu überführen.

Was sich weiter abspielt, ist ein einziges Verwirrspiel. Der Autor hat es geschafft, den Spannungsbogen der Handlung immer höher zu schrauben. Immer, wenn der Leser denkt, er ist auf dem richtigen Weg zur Lösung, kommt die nächste Abzweigung und das Ratespiel fängt von vorne an.

Die Person Claire als Schauspielerin ist gekonnt skizziert, ihre Vergangenheit als Waise und ihr Aufwachsen in Pflegefamilien, ihr schauspielerisches Talent, mit dem sie die ihr aufgetragene Figur „lebt“ statt nur darzustellen, lassen den Leser bis zum Schluss im Ungewissen: Engel oder Teufel (oder irgendwas dazwischen)? Patrick Foglers Figur ist ambivalent aufgebaut, vom verfolgten Täter wird er im Laufe der Handlung zum Helfer der Polizei, die Rollen drehen sich komplett. Aber stimmt die Realität mit dem Augenscheinlichen überein?

Einen roten Faden stellt das bereits erwähnte Buch von Baudelaire dar, ein Gedichtezyklus, der bei seinem Erscheinen aufgrund seiner bizarren und morbiden Texte und gewagter Erotik einen Skandal auslöste. Diese immer wieder zitierten Texte bestimmen auch einen großen Teil der Atmosphäre zwischen Claire und Patrick, lassen aber immer noch zweifeln, welche Bewandtnis sie für die Auflösung darstellen. Bis letztendlich Klarheit geschaffen wird, geht der Leser durch ein Wechselbad der Vermutungen, was Spannung bis zum Schluss garantiert!

Wer gerne Thriller bzw. Psychothriller liest, ist mit diesem Buch gut bedient. Man möchte nicht mehr aufhören zu lesen, bis man die Lösung endlich kennt.

JP Delaney ist einer der Namen, unter dem Anthony Capella, geboren 1962 in Uganda, ein englischer Krimi- und Drehbuchautor, seine Romane schreibt. Er studierte englische Literatur in Oxford und arbeitete auch als Werbetexter. Unter dem Namen Tony Strong veröffentlichte er von 1997 bis 2003 Kriminalromane im Zweijahres-Rhythmus.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Believe me | Erschienen am 10. September 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10326-4
416 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Bernhard Aichner | Bösland

Bernhard Aichner | Bösland

„Komm mit ins Bösland, hatte er immer gesagt. Mitten in der Nacht, morgens, nachmittags, immer wenn ihm danach war. Ich hatte keine Wahl, nie hatte ich eine gehabt. Und meine Mutter hatte es geduldet. Sie hatte nichts getan, um es zu verhindern. Sie half mir nicht, hielt ihn nie davon ab, mich vor sich her die Treppe nach oben zu treiben.“ (Auszug Seite 11)

Ben wird im Alter von 13 Jahren beschuldigt, seine Freundin Matilde ermordet zu haben. Darauf folgen mehrere Jahre Aufenthalt in einer Psychiatrie, bis ihn seine jetzige Therapeutin in den Alltag zurück entlässt. Dreißig Jahre später entdeckt Ben durch Zufall ein Foto seines Jugendfreundes Krux, den er seit dem Mord nicht mehr gesehen hat, und beginnt mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. Allerdings läuft das nicht so, wie Ben sich das gedacht hat.

Ben ist inzwischen 43 Jahre alt und Besitzer eines Fotoladens. Nachdem er aus der Psychiatrie langsam wieder in einen Alltag fand, begann er in diesem Laden zu arbeiten und übernahm ihn später, als der vorherige Besitzer in Rente ging. Er hat sich in seinem Leben mit seinen ereignislosen Tagesabläufen eingerichtet, er kommt mit seinem Leben zurecht. Die Liebe hat er noch nicht gefunden, aber das schwierige Verhältnis zu seinen Eltern in der Kindheit spielt ihm in dieser Hinsicht nicht gerade in die Karten.

Meine Meinung zum Protagonisten

Zu Beginn der Geschichte war mir der Protagonist sympathisch, ich konnte mich in ihn hineinversetzen und fand positiv, dass er trotz seines Schicksals in jungen Jahren jetzt ein normales und gutes Leben führt. Als er dann zur Aufarbeitung seiner Vergangenheit Krux aufsucht, finde ich ihn nervig. Und anschließend nur noch dumm. Es wird nicht klar, was genau sich Ben erhofft hat, aber es verläuft völlig anders.

Die anderen Thriller des Autors

Ich habe von Bernhard Aichner bereits die Totenfrau-Trilogie (Totenfrau, Totenhaus und Totenrausch) gelesen und war restlos begeistert. Die Max Broll-Reihe (Die Schöne und der Tod) konnte mich hingegen nicht so packen. Anhand der Aufmachung und des Klappentextes von Bösland habe ich mich auf rasantes Lesevergnügen wie bei der Trilogie gefreut. Leider wurde ich enttäuscht und habe das Buch im letzten Drittel abgebrochen.

Rasante Erzählweise und nur das Wesentliche

Die Handlung wird in der Tat sehr rasant erzählt und man fliegt nur so durch die Seiten, was daran liegt, dass die Kapitel sehr kurz sind und der Autor sich ausschließlich um das Wesentliche bemüht. Nichts ist überflüssig und trotzdem verliert man nicht den Überblick. Dieser Schreibstil gefällt mir sehr gut. Die Kapitel werden mit kurzen Sätzen angekündigt, die jeweils auf einer separaten Seite gedruckt sind, dadurch kommen auch schnell die über vierhundert Seiten zusammen. Abwechselnd gibt es einen Dialog und einen Text aus Bens Sicht.

Spannung kann nicht gehalten werden

Im ersten Drittel kommt es zu einer Wendung, die ich persönlich tatsächlich nicht erwartet habe, was mich erst einmal gepackt hat. Einige Seiten später gab es eine Ankündigung des weiteren Verlaufs der Handlung, bei der ich kurz innehalten musste. Und dann kam nichts mehr, was die Geschichte weiterhin spannend gemacht hat, es plätscherte nur noch so vor sich hin und wurde unnötig brutal. Mit dem Abbruch des Buches habe ich erst noch gehadert, hatte aber immer weniger Lust weiterzulesen und habe es dann aufgegeben.

Fazit: Ich bin leider sehr enttäuscht und habe viel mehr erwartet.

Bernhard Aichner wurde 1972 geboren und lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Der Autor ist verheiratet und hat drei Kinder.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Bösland | Erschienen am 1. Oktober 2018 bei btb
ISBN 978-3-442-75638-4
448 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezension zur Thriller-Trilogie Totenfrau (Bd.1), Totenhaus (Bd.2) und Totenrausch (Bd.3) sowie des Thrillers Die Schöne und der Tod des Autors Bernhard Aichner.

B. A. Paris | Breakdown

B. A. Paris | Breakdown

Breakdown – Sie musste sterben. Und du bist schuld.

„Weil ich vermute, dass sie eine Panne hat, halte ich ein kleines Stück vor ihr und lasse den Motor laufen. Sie tut mir leid, weil sie unter so schrecklichen Umständen aus ihrem Auto steigen muss und während ich in den Rückspiegel sehe (…), stelle ich mir vor, wie sie nach ihrem Regenschirm tastet. Mindestens zehn Sekunden vergehen, bevor mir klar wird, dass sie nicht aussteigen wird (…).“ (Auszug Seite 12)

Cass kommt von einer Feier wieder und nimmt – trotz des Unwetters, das tobt – die Abkürzung durch den Wald. Sie sieht ein Auto am Rand stehen, in dem eine Frau sitzt. Cass hält an, aber als die Frau auch nach einigen Minuten keine Anstalten macht auszusteigen, fährt sie weiter nach Hause. Am nächsten Morgen erfährt Cass, dass die Frau im Auto ermordet wurde. Hätte Cass sie retten können?

Flüssiger Schreibstil

Breakdown von B. A. Paris wird in Ich-Form aus Sicht von Cass erzählt und die Kapitel sind in Tage untergliedert. Cass ist Lehrerin und startet gerade in die Sommerferien, als der Mord passiert. Sie ist mit Matthew verheiratet und beide wohnen in einem Haus unweit des Tatorts. Die Handlung lässt sich flüssig lesen und ich bin gut durch die Seiten gekommen.

Was hätte ich getan?

Spannend finde ich die Frage, wie ich mich selbst in dieser Situation verhalten hätte und ich muss zugeben, dass ich nicht mutiger gewesen und auch weiter gefahren wäre. Also konnte ich mich in dieser Entscheidung gut mit Cass identifizieren. In der ersten Hälfte fand ich die Protagonistin trotzdem etwas anstrengend und fast ein bisschen nervig, weil sie ziemlich von ihren Schuldgefühlen zerfressen wird und ich immer gedacht habe, nun erzähl es doch wenigstens mal jemanden oder gehe mit deinen Beobachtungen zur Polizei!

Nicht nur Schuldgefühle, sondern Hysterie

Als bei Cass dann noch andere Symptome und Vorkommnisse dazukommen und ihr Alltag völlig aus dem Ruder läuft, wirkt sie wie hysterisch und das kam mir ein wenig überzogen vor. Beispielsweise wird sie von stummen Anrufen terrorisiert und mein erster Gedanke war, einfach den Stecker dem Telefon zu ziehen und sich nicht davon verrückt machen zu lassen.

Die Wendung

Etwa in der Mitte der Geschichte kommt es dann zu einer Wendung, die mich überrascht hat und die Geschichte wird zu einem Psychothriller vom Feinsten. Ab hier macht alles Sinn, worüber ich mich im Vorfeld aufgeregt habe und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

B. A. Paris wuchs in England auf, hat jedoch den Großteil ihres Erwachsenenlebens in Frankreich verbracht. Sie arbeitete in der Finanzbranche und als Lehrerin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren fünf Töchtern lebt sie auch heute noch in Frankreich. Dieses Buch ist der zweite Roman, der von der Autorin im Blanvalet-Verlag übersetz wurde.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Breakdown | Erschienen am 20. August 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-7341-0264-6
448 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Daphne du Maurier | Die Vögel ♬

Daphne du Maurier | Die Vögel ♬

Als Kind war der geniale Schocker „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock das Spannendste und Gruseligste, was ich mir vorstellen konnte. Das Meisterwerk von dem amerikanischen Filmemacher aus dem Jahr 1963, der als Klassiker des Horrorgenres gilt, bezieht sich auf eine Kurzgeschichte der englischen Autorin Daphne du Maurier. Der Kultregisseur übernahm aber nur das Motiv der mörderischen Vogelattacken und hat die Story vom regnerischen Küstenort in Cornwall an die sonnige kalifornische Küste verlegt. Auch die Charaktere und der Handlungsverlauf wurden vollständig ausgewechselt.

Ich war erst skeptisch, aber Gott sei Dank habe ich mich für das Hörbuch entschieden, denn die Bearbeitung hat mich begeistert!

Nat Hocken ist ein einfacher Landarbeiter und lebt mit Frau und Kindern an der englischen Küste. Da er im zweiten Weltkrieg verwundet wurde, bekommt er eine kleine Invalidenrente und ist an ein paar Tagen die Woche bei seinem Nachbarn auf der Farm mit leichten Arbeiten beschäftigt. So hat der ruhige, nachdenkliche Einzelgänger Nat genug Zeit, die Natur und besonders die Vögel zu beobachten.

Eines Tages im Spätherbst fällt ihm auf, dass riesige Vogelschwärme laut kreischend und pfeifend über der Küste kreisen und in ihrer Vielzahl – ähnlich einer großen Wolke – den Himmel verdunkeln. Es sind unnatürlich viele Tiere und sie erscheinen ihm rastloser und unruhiger denn je. Nat ist der erste, dem auffällt, dass die See- und Landvögel sich eigenartig, fast aggressiv benehmen. Sie scheinen sich zu sammeln und Abertausende Möwen verwandeln das Meer in ein weißes Möwenmeer.

Der Angriff

Von einem Tag zum anderen verändert sich das Wetter und es wird bitterkalt, hervorgerufen durch einen eisigen Ostwind. In der Nacht versuchen mehrere Dutzend kleiner Singvögel in das Haus einzubrechen und die beiden kleinen, im oberen Stockwerk schlafenden Kinder Jill und Johnny anzugreifen. Nur mit Mühe kann Nat die Vögel davon abbringen, den Kindern die Augen auszuhacken. Während in der Nachbarschaft noch nach Erklärungen für das Verhalten der Vögel gesucht wird und sein Chef meint, den Vögeln mit der Schrotflinte beizukommen, wird Nat immer unruhiger und beschließt am nächsten Tag, seine Tochter vom Schulbus abzuholen. Auf dem Rückweg können sie nur mühsam die Angriffe der Vögel abwehren.

Nat mutmaßt, dass die Vögel nicht verwirrt sind, sondern vorsätzlich und mit einem Killerinstinkt ausgestattet angreifen um zu töten. Er muss an die deutschen Luftangriffe im Krieg denken. Er zieht als Einziger die richtigen Schlüsse und beginnt in aller Eile sein kleines Haus zu befestigen und verbarrikadiert die Fenster und den Kamin mit Brettern. Aus dem Radio erfährt die Familie, dass der Notstand ausgerufen wurde und dass es die Angriffe im ganzen Land gab. Nat beobachtet, dass die Vögel nur bei Flut angreifen, deshalb will er die Zeit während der Ebbe nutzen um sich mit Nahrungsmitteln einzudecken. Als er und seine Familie sich daraufhin bis zum Nachbarn durchschlagen, finden sie auf der Farm alle getötet vor.

Die Apokalypse

Am nächsten Tag bleibt das Radio stumm, denn kein Radiosender sendet mehr. Jetzt greifen auch die Möwen und andere Vogelarten an und hacken erbarmungslos mit ihren Schnäbeln an den Fensterläden. Sie scheinen über eine kollektive Intelligenz zu verfügen und stoßen immer wieder in Formationen vor. Nat und seine Familie verschanzen sich in der Küche und werden Zeuge, wie nicht einmal Kampfflugzeuge der Lage Herr werden. Wie eine Phalanx attackieren sämtliche Vogelrassen in der eindeutigen Absicht zu töten und sogar den eigenen Tod in Kauf nehmend. Die Vögel schlagen zurück! Warum weiß man nicht, denn das Ende ist offen und es gibt keine Erklärung für das Verhalten der gefiederten Tiere. Nat und seine Familie können sich nur von Tag zu Tag retten.

Horror vom Feinsten

Daphne du Maurier hat hier eine wirklich düstere, literarisch anspruchsvolle Kurzgeschichte geschrieben, in dem kein Wort zu viel ist. Ohne große Effekthascherei und total auf den Punkt kreiert sie eine verstörende Stimmung, in dem sie normale Menschen im Alltagsleben in ausweglose, lebensbedrohliche Situationen bringt. Man meint fast das grauenvolle Flattern Tausender Flügel oder die erbarmungslos hackenden Schnäbel zu hören. Man spürt die unnatürliche Kälte aus Russland, den bitterkalten Wind, der die Bäume entlaubt und den schwarzen Frost bringt, den schwarzen, nicht den weißen Frost! Das beschreibt sie so beklemmend, dass ich tatsächlich an einigen Stellen vor Spannung meine Hände ins Lenkrad krampfte.

Dazu hat auch die hervorragende Inszenierung durch Jens Wawrczeck beigetragen. Der Schauspieler und Synchronsprecher, bekannt vor allen als Mitglied der Hörspielserie Die Drei ??? flüstert, schreit, poltert und bebt immer an den richtigen Stellen und schafft es auch, dem melancholischen Nat Leben einzuhauchen. Er trifft den Ton und versteht es, die Stimmung perfekt in Szene zu setzen.

Anmerkung dR: Jens Wawrczeck hat vor einigen Jahren beim Verlag Vitaphon sein eigenes Label Audoba gegründet. Darin veröffentlicht er Lesungen und Hörspiele von Werken, die ihm besonders am Herzen liegen. Da er auch ein großer Hitchcock-Fan ist, hat er in seinem Label die Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“ aufgelegt, darin veröffentlicht er die Bücher als Lesungen, die Hitchcock zu seinen Filmen inspirierten. (Quelle: hr2 Kultur) Bisher sind in dieser Reihe elf Hörbücher erschienen, Die Vögel ist das zuletzt aufgelegte.

Daphne du Maurier war eine britische Schriftstellerin, die 1989 als 72-jährige in Cornwall verstarb. Ich kannte von ihr den ebenfalls von Hitchcock verfilmten Roman Rebecca, der ein Welterfolg wurde. Auch viele anderen Werke von ihr wurden verfilmt, am bekanntesten sicher die Verfilmung der Erzählung „Dreh dich nicht um“ besser bekannt unter dem Titel Wenn die Gondeln Trauer tragen mit Donald Sutherland und Julie Christie inszeniert. Ihre Romane und Erzählungen zeichnen sich meistens durch psychologische Spannung aus, gehen oft ins Mystische und beinhalten auch immer ein bisschen Drama. 1969 wurde sie von der Queen zur „Dame“ ernannt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Vögel | Das Hörbuch erschien am 18. Juni 2018 bei Audoba im Vitaphon Verlag
ISBN 978-3-942210-49-2
1 Audio CD | 14.95 Euro
Laufzeit: 100 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Weiterlesen: Zur Hörbuch-Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“ von Jens Wawrczeck bei Vitaphon bzw. Audoba

Reinhören: Bei hr2 Kultur gab es einen knapp 9-minütigen Beitrag zu diesem Hörbuch.

Auch bei uns: Andy hat aus der selben Reihe bereits das Hörbuch Spellbound besprochen.