Kategorie: Psychothriller

A. J. Finn | The Woman in the Window ♬

A. J. Finn | The Woman in the Window ♬

Agoraphobie ist die übertriebene Angst, die durch bestimmte Orte oder Situationen, wie das Überqueren eines Marktplatzes ausgelöst wird. Im Extremfall können die Betroffenen die eigene Wohnung nicht mehr verlassen. Tatsächlich ist diese grundlose, unrealistisch starke Furcht die am häufigsten vorkommende Angststörung. Das Wort bildet sich aus dem Altgriechischen: Agora = der Marktplatz und Phobie = die Furcht. Die in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommene Platzangst meint ganz etwas anderes und beschreibt eher das Gegenteil.

Mord am Fenster

Unter dieser Angststörung leidet Anna Fox, die nach einem traumatischen Erlebnis ihr großes Haus in Harlem in New York seit circa zehn Monaten nicht mehr verlassen hat. Sie lebt von ihrer Familie getrennt und ist mit ihrem Mann Ed und Tochter Olivia nur telefonisch in Kontakt. Die Souterrain-Wohnung hat sie an den gutaussehenden David untervermietet, der ihr mit handwerklichem Geschick zur Seite steht. Die ehemalige Kinderpsychologin hat nicht viele soziale Kontakte und verbringt ihre Zeit mit Online-Schach, alten Schwarz-Weiß-Filmen und dem Beobachten ihrer Nachbarn, vorzugsweise durch ihre Nikon. Außerdem chattet sie mit Gleichgesinnten in einem Online-Forum, in dem sie psychologische Ratschläge gibt und mit ihrem Fachwissen zur Verfügung steht. Anna selbst ist in ärztlicher Behandlung und bekommt regelmäßig Besuch von ihrem Psychiater Dr. Fielding und ihrer Physiotherapeutin Bina.

Eines Tages beobachtet sie, wie gegenüber eine neue Familie einzieht. Jane und Alistair Russel mit ihrem schlaksigen Teenagersohn Ethan, die sie auch alle nacheinander kennenlernt. Mutter und Sohn sind ihr sofort sympathisch und das bringt ein bisschen Abwechslung in das Leben der einsamen Frau.

Kurz darauf wird Anna Zeuge, wie ihre Nachbarin Jane überfallen wird und blutend vor dem Fenster zusammen bricht. Sie ruft die Polizei und versucht zu helfen. Als sie sich tatsächlich überwindet, das Haus zu verlassen, bricht sie zusammen und wacht im Krankenhaus wieder auf. Niemand glaubt ihr, da keine Leiche gefunden wird. Und man präsentiert ihr eine Jane Russel, die sie aber nicht kennt. Anna ist auch keine besonders glaubwürdige Zeugin, da sie aufgrund ihrer Erkrankung täglich Unmengen an Psychopharmaka nimmt, die sie mit literweisem Rotwein runterspült. Auch Anna selbst zweifelt und weiß nicht, ob sie sich nicht alles nur eingebildet hat.

Im letzten Drittel des Romans stellt eine überraschende Enthüllung, die ich als pfiffiger Krimileser schon auf dem Plan hatte, noch mal Annas Glaubwürdigkeit total auf den Kopf.

Das Fenster zum Hof

Man denkt natürlich sofort an „Das Fenster zum Hof“, den Hitchcock-Klassiker mit James Stewart von 1954, in dem ein Fotograf wegen eines gebrochenen Beines ans Haus gefesselt ist und aus Langeweile seine Nachbarn beobachtet. Oder die Jüngeren unter uns vielleicht an Disturbia, dem US-amerikanischen Remake von 2007 mit Shia LaBeouf. Auch wenn man zugeben muss, dass es sämtliche Storykomponenten schon mal so oder ähnlich gab, finde ich nicht, dass A. J. Finn hier phantasielos abkupfert. Mit seiner Schilderung von Annas großer Liebe zu den Filmklassikern sehe ich es eher als eine Art Verbeugung. Finn erfindet das Genre nicht neu, er spielt mit den einzelnen bekannten Formen wie der unzuverlässigen Erzählerin, falschen Wahrnehmungen, dem gutmütigen Polizisten und einigen anderen zwielichtigen Figuren.

Mädchen und Frauen kommen ja zur Zeit inflationär in Buchtiteln vor und in dieser Tradition der Girl/Women-Thriller setzt der Autor die Protagonistin Anna perfekt in Szene. A. J. Finn nimmt sich in seinem Debüt viel Zeit, um den Tagesablauf der psychisch Kranken minutiös zu beschreiben. Man schlüpft in Annas Haut, da aus ihrer Perspektive erzählt wird und begleitet sie durch das große Haus. Zum Schluss zieht die Spannungskurve noch mal an und es kommt zu einem dramatischen Showdown mit überraschender Auflösung.

Trotz ausführlicher Darstellungen und detaillierter Beschreibungen hatte ich nie ein Gefühl von Langeweile. Das kann aber auch daran liegen, dass es sich bei dem Hörbuch um eine gekürzte Version handelt, wobei auch der hervorragende Vortrag der Schauspielerin Nina Kunzendorf maßgeblich ihren Anteil hat.

Der Autor A. J. Finn ist tatsächlich ein Mann, womit ich nicht gerechnet hatte. Als der in New York lebende Journalist 2015 erfuhr, dass er an einer bipolaren Störung leidet, fing er mit dem Schreiben an dieser Story an. Er verarbeitet mit seinem Debüt The Woman in the Window seine eigenen Depressionen. Dabei gelingt es ihm sehr glaubwürdig und präzise, die inneren Ängste zu beschreiben. Die Panik vor der Welt außerhalb der eigenen vier Wänden ist jederzeit greifbar und ich konnte sie regelrecht nachempfinden. Er schreibt flüssig, in kurzen Kapiteln und mit trockenen Humoreinschüben.

Ich bin sicher, dass die Verfilmung nicht lange auf sich warten lässt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

The Woman in the Window | Erschienen am 19. März 2018 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-4148-1
gekürzte Lesung von Nina Kunzendorf
Laufzeit 9 Stunden 15 Minuten
2 mp3-CDs
Bibliografische Angaben & Hörprobe | Trailer

Rebeca M. Williams | Ihr totes Herz

Rebeca M. Williams | Ihr totes Herz

„Mit einem Schlag wurde ihr bewusst, dass der Grund ihres Vergessens vielleicht nicht nur mit dem zu tun hatte, was ihr in der vergangenen Nacht widerfahren war, sondern auch mit dem, was sie möglicherweise getan hatte.“ (Auszug Seite 11)

Jessie Dupret wacht an einem Fluss auf, ist nackt und mit Blut beschmiert. Kurze Zeit später entdeckt sie erst ein Messer und dann eine Leiche, die grausam zugerichtet ist. Doch Jessie kann sich an nichts erinnern. Was ist passiert? Hat sie den Mann umgebracht? Vor etwa zwanzig Jahren, als Jessie und ihre Schwester Fran Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurden, hat sie den Überfall und danach auch immer wieder Stunden oder Tage vergessen. Geht das jetzt wieder los?

Jessie heute und damals

Jessica Dupret ist 28 Jahre alt, führt einen Antiquitätenhandel und ist mit dem erfolgreichen Strafverteidiger Bert Molineux in einer On-Off-Beziehung. Zwischen den beiden kommt es immer wieder zum Streit, weil Bert ununterbrochen arbeitet und kaum Zeit mit seiner Freundin verbringt. Jessie, ihre Schwester Fran und die gemeinsame Freundin Helen wurden vor zwanzig Jahren bei der Rückkehr von einer Party Opfer einer Vergewaltigung durch vier Männer. Während Helen sich retten und weglaufen konnte und Jessie alles vergessen hat, musste Fran die ganze Grausamkeit über sich ergehen lassen. Das Schicksal überschattet bis heute das Familienleben.

Wem kann man noch vertrauen?

Ihr totes Herz von Rebeca M. Williams ist ein Psychothriller, der seine Spannung bekommt, weil der Leser genauso wenig weiß wie die Protagonistin. Dadurch, dass sie sich nicht erinnern kann, ist theoretisch alles möglich und genau solche Gedanken macht Jessie sich auch. Sie hat das Glück, mit Bert den besten Anwalt des Staates zu haben und schnell ist eine Strategie gefunden, wie Jessie auf keinen Fall für schuldig erklärt wird. Doch dann passieren merkwürdige Dinge und Jessie zweifelt immer mehr an sich selbst. Der leitende Ermittler spielt auch nicht ganz fair und hat scheinbar ein persönliches Motiv gegen Jessie. Zum Ende hin weiß sie nicht mehr, wem sie noch vertrauen soll und der Fall spitzt sich zu.

Verstrickungen & Geheimnisse

Im Buch geht es logischerweise auch um Amnesie und ihre Formen. Dieses Fachwissen wird meiner Meinung nach gut in die Geschichte eingebunden und war für mich interessant. Es geht aber auch viel um Machenschaften und Beziehungen. Wenn nicht Bert durch seinen Beruf schon viel kontrollieren kann, dann aber Jessies Vater, der Richter ist. So wird einiges „unter der Hand“ geregelt, es entstehen Geheimnisse und Verwicklungen. Gern gelesen habe ich auch die Verteidigungstaktiken von Bert, wie er plant eventuelle Anschuldigungen auszuhebeln.

Eine überlegte Protagonistin

In die Protagonistin konnte ich mich mit ihrer Denkweise und ihrem Handeln gut hineinversetzen. Sie denkt viel über die Geschehnisse nach, es wird aber nicht alles immer wiederholt, sondern liest sich insgesamt flüssig und fesselnd. Gut gefiel mir außerdem, dass Jessie sich nicht unnötig in Gefahr bringt, sondern auf ihre eigene Sicherheit achtet, alles plausibel ist und das Buch nicht durch ein fulminantes Ende seinen Höhepunkt findet. Der Schluss ist trotzdem sehr spannend, denn der Leser wird nochmal ordentlich verwirrt, was den Mörder angeht.

Ihr totes Herz hat insgesamt alles, was ich von einem Psychothriller erwarte. Dennoch haut er mich nicht völlig aus den Socken.

Rebeca M. Williams ist das Pseudonym einer erfolgreichen Romanautorin, die neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit viele Jahre als Juristin gearbeitet hat. Sie lebt in der Nähe von Frankfurt. Ihr totes Herz ist nach Schwarze Magnolien ihr zweiter Thriller.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Ihr totes Herz | Erschienen am 19. März 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-7341-0479-4
384 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Mikaela Bley | Böse Schwestern Bd. 2

Mikaela Bley | Böse Schwestern Bd. 2

„Der Tod, der Tod, der Tod. Einer der vielen Therapeuten hat mir den Tipp gegeben, bestimmte Worte laut auszusprechen, wenn die Erinnerungen zu heftig werden. (…)“
(…) „Sie versuchen, eine Panikattacke zu stoppen. Funktioniert es?“
„Manchmal. Ich habe mal gelesen, dass Astrid Lindgren alle Telefongespräche mit ihrer Schwester so begonnen hat. Auf diese Weise hatten sie alle dunklen Themen im Handumdrehen abgehakt, brauchten sich keine Gedanken mehr darüber zu machen und konnten sich den hellen Dingen zuwenden.“ (Auszug Seite 178)

Nach dem letzten großen Fall über den Ellen Tamm, Journalistin bei TV4 in Stockholm, berichtet hat, fällt sie in ein tiefes Loch. Um da rauszukommen, zieht sie wieder zu ihrer Mutter und besucht einen Psychiater. Doch dann wird in dem beschaulichen Ort eine Leiche gefunden, die scheinbar niemand kennt. Ellen fühlt sich sofort von dem Fall angezogen und möchte darüber berichten, weil sie ahnt, dass mehr dahinter steckt.

Ellen Tamm ist 35 Jahre alt und hat im Alter von acht Jahren ihre Zwillingsschwester verloren. Dieses Ereignis konnte sie noch immer nicht überwinden und gerade der letzte Fall (Glücksmädchen), bei dem es ebenfalls um ein verschwundenes Mädchen ging, hat alle Erinnerungen wieder aufgerissen. Ellen hat außerdem starke Gefühle für ihren Chef Jimmy. Er ist verheiratet, kann sich aber trotzdem nicht von Ellen distanzieren und so kommt es zu einer ständigen On-Off-Affäre.

Überraschungen

Böse Schwestern von Mikaela Bley ist sehr flüssig zu lesen und überrascht in vielerlei Hinsicht. Dass in idyllischen Dörfern nicht immer alles so beschaulich ist, wie es aussieht, ist nichts Neues. Aber Ellen deckt nicht nur ihre eigene Vergangenheit auf, sondern auch ein Familienkonstrukt, das ich mir so gar nicht vorstellen kann. Trotzdem, oder gerade deshalb, war es sehr interessant und bisher auch das erste Buch, das ich zu diesem Thema gelesen habe.

Gegenwart und Vergangenheit

Die Kapitel sind in Tage und Uhrzeiten untergliedert und werden abwechseln von Ellen und zwei weiteren Frauen erzählt. Ansonsten geht es je zur Hälfte um den Fall, zu dem Ellen recherchiert und ihrer Vergangenheit. Ab und zu passen auch Jimmy und Ellens schreckliche Mutter in die Geschichte. Mir war Ellens Trauma ihrer Kindheit etwas zu viel, muss ich sagen. Auch der Titel des Buches zielt mehr auf die getrennten Zwillinge ab, als auf die Tote, um die es für mich hauptsächlich geht. Das finde ich etwas schade.

Ellen, die Journalistin

Ellen macht meiner Meinung nach einen tollen Job. Sie fragt nach, immer wieder, wenn sie etwas erfahren will und gibt nicht so schnell auf. Ihre Hartnäckigkeit hat sich dabei oft bewährt, aber natürlich geht auch nichts über gute Quellen, die auch schon mal etwas kosten können. In der Redaktion ist Ellen nicht unbedingt die Beliebteste und nicht vom Typ „beste Freundin“. Ellen nervt es eher, wenn sie Small-Talk halten muss. Mir ist sie mit ihrer straighten Art sympathisch.

Noch mehr Überraschungen

Im Laufe der Geschichte macht man sich als Leser ja so seine Gedanken, wer denn der Täter gewesen sein könnte. Das Ruder wird zum Ende aber nochmal komplett herumgerissen, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Und dann bleibt das Buch auch noch mit seinem Ende in Bezug auf Ellen sehr offen. Das lässt in mir die Hoffnung keimen, dass es bald ein drittes Buch über Ellen Tamm gibt.

Fazit: Spannende Geschichte mit etwas viel Vergangenheit!

Mikaela Bley wurde 1979 geboren und lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Stockholm. Um ihren ersten Krimi zu schreiben, kündigte sie ihren Job beim schwedischen Fernsehsender SV4.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Böse Schwestern | Erschienen am 9. Februar 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-548-28861-1
397 Seiten |
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zum 1. Band der Ellen-Tamm-Reihe von  Mikaela Bley Glücksmädchen.

16. Mai 2018

Jahresrückblick 2017 Andy und Andrea

Jahresrückblick 2017 Andy und Andrea

Im zweiten Teil unseres Jahresrückblicks kommen Andy und Andrea zu Wort, die beide jeweils ihre besten in 2017 gelesenen Titel vorstellen. Andrea hatte fünf Krimihighlights, Andy vier. Dabei haben beide Thriller und Krimis auf ihrer Liste, wobei ihre favorisierten Subgenres gewöhnlich weit auseinander.

Wir freuen uns auf eure Reaktionen!

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