Kategorie: Psychothriller

Michael Robotham | Die andere Frau

Michael Robotham | Die andere Frau

„Man hat ihn aus der Anwaltskammer ausgeschlossen, weil er eine Zeugenaussage manipuliert hat. Es hat Jahre gedauert, bis er seine Zulassung zurückbekommen hat. William hatte seine Ladys, und Kenneth hatte seine Demütigungen.“ „Wen meinst du mit ‚Ladys‘? „Olivia Blackmore natürlich.“ „Gab es weitere?“ (Auszug Seite 264)

Der angesehene Psychologe Joe O’Loughlin eilt ins St. Mary’s Hospital in London. Sein 80-jähriger Vater liegt nach einem unglücklichen Treppensturz mit schweren Kopfverletzungen auf der Intensivstation und wurde ins künstliche Koma versetzt. Im Krankenhaus macht Joe einige verstörende Entdeckungen: Sein Vater, der renommierte Arzt William O’Loughlin, zeigt Spuren schwerster Misshandlungen und wurde offenbar brutal überfallen. Und am Krankenbett sitzt eine ihm unbekannte Frau, die behauptet seit Jahren mit William verheiratet zu sein. Olivia Blackmore lebt angeblich mit ihm in einem Haus im Londoner Stadtteil Chiswick. Joe kann nicht fassen, dass sein Vater, der seit fast 60 Jahren mit seiner Mutter verheiratet ist und mit ihr mittlerweile zurückgezogen in Wales lebt, tatsächlich ein Doppelleben führt.

Die Polizei ermittelt in einem Fall von schwerer Körperverletzung, aber nachdem der ermittelnde Beamte DI Stuart Macdermid nicht mit Joe kooperieren möchte, stellt dieser seine eigenen Nachforschungen an. Um ein mögliches Motiv für den brutalen Überfall zu finden, recherchiert Joe gegen den Willen der Polizei auf eigene Faust.

Ein ganz persönlicher Fall

Noch mysteriöser wird der Fall, als Joes Töchter von Olivias psychisch krankem Sohn Ewan bedroht werden. Joe bittet seinen Freund Vincent Ruiz um Unterstützung und dieser rettet ihn aus einigen brenzligen Situationen und gemeinsam versuchen sie die Wahrheit über das Doppelleben seines Vaters herauszufinden. Obendrein muss Joe durch den neuen Schatzmeister der O’Loughlin-Stiftung erfahren, dass es in der Vergangenheit zu großen finanziellen Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Joe wird immer klarer, dass sowohl Williams Vergangenheit als Arzt wie auch seine Rolle als Vorsitzender der Foundation eine wichtige Bedeutung für die aktuellen Ereignisse haben. Und was verschweigt die Anwaltsfamilie Kenneth Passage, mit der Joes Familie seit einer gefühlten Ewigkeit befreundet ist?

Der elfte Teil der Reihe um den forensischen Psychologen Joe O’Loughlin ist sein persönlichster Fall. Er wird diesmal nicht als Profiler zur Unterstützung durch die Polizei herangezogen, sondern ermittelt in eigener Sache. Der Expolizist Vincent Ruiz arbeitet inzwischen als Ermittler für Unternehmensbetrug und außer, dass dieser Aspekt die Handlung an einer Stelle weiter bringt, spielt er diesmal nur als Randfigur mit. Dabei macht der Psychologe grade eine schwere Zeit durch. Nach dem Tod seiner Frau ist er mit den beiden Töchtern in den Londoner Norden gezogen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Während Charlie in Oxford studiert, leidet besonders die jüngere Emma unter dem Verlust der Mutter. Die 12-Jährige zieht sich immer mehr in sich zurück und macht es dem alleinerziehenden Vater schwer, an sie ran zukommen. Außerdem macht ihm seine Parkinson-Erkrankung wieder sehr zu schaffen und stellt die Bewältigung des Alltags vor große Herausforderungen.

Gottes Leibarzt im Wartestand

Der Thriller beschäftigt sich in großen Teilen mit dem schwierigen Verhältnis von Joe zu seinem Vater, welches in vielen Rückblenden beleuchtet wird. Dadurch gewinnt der Psychologe einige schmerzliche Erkenntnisse und beginnt diese zu reflektieren. Auch der Leser erhält einen tiefen Einblick in das private Umfeld des Protagonisten und entwickelt dadurch eine emotionale Nähe zu dem Helden. Die interessanten Rückblicke machten die Figur des dominanten Vaters, der seine Gefühle nicht zeigen konnte, für mich sehr greifbar. Sein ganzes Leben lang hatte Joe versucht, seinen unterkühlten Vater zu beeindrucken sowie seine Liebe und Zuneigung zu gewinnen. Da er beruflich nicht in Williams Fußstapfen getreten ist, hatte er das Gefühl, dass ihm das nicht gelungen ist. Bei seiner Spurensuche in die Vergangenheit kommen Tatsachen zu Tage, die aber das hehre Bild seines Vaters wanken lassen. Der brillante Chirurg war bei weitem nicht unfehlbar.

Mein Vater hat nichts Leichtes, Spielerisches oder Schelmisches. Ich kann mich nicht erinnern, dass er irgendwann in meiner Kindheit Liedchen gesungen, Tänzchen aufgeführt oder herumgealbert hat. Er hat uns nicht durch den Garten gejagt, mit uns Verstecken gespielt oder auch nur mal mit lustig verstellter Stimme gesprochen. (Seite 30)

Der vorliegende Roman ist mehr Familiendrama als Psychothriller und punktet nicht mit atemlosen Thrill, sondern zieht seine Spannung aus den sukzessiven Enthüllungen der Beziehungen und Geschehnissen der Vergangenheit. Stattdessen hat der Autor mich von der ersten Seite an mit seinem empathischen, feinen Schreibstil sowie sensiblen Personenzeichnungen gefangen und blendend unterhalten. Der Ton ist nie reißerisch, sondern nachdenklich und fast melancholisch. Der Leser weiß nie mehr als der Ich-Erzähler Joe, sieht alles durch seine Augen und deckt mit ihm gemeinsam die teilweise bizarren Geheimnisse auf. Obwohl hier für einen Thriller, und „Psychothriller“ steht schließlich drauf, die spannungserzeugenden Aspekte wie Suspensekurve, durchgehender Thrill, Rasanz usw. fehlen, vergebe ich für Die andere Frau 4.0 von 5.0 Punkten.

Der australische Krimiautor Michael Robotham versteht einfach sein Handwerk, er erfindet den Thriller nicht neu, macht aber einfach Spaß. Joe O’Loughlin ist vielleicht sein wichtigster Charakter. Er ist seit seinem Debüt Adrenalin bei ihm und wahrscheinlich auch sein autobiografischster. Mit seinem Sinn für Humor und seinem Gespür für soziale Gerechtigkeit ähnelt sein Alter Ego dem dreifachen Familienvater Robotham, ist aber natürlich viel cleverer und smarter, sozusagen Michael Robotham 2.0. Er hat mit seinem Helden O’Loughlin einen authentischen Typen mit Tiefgang geschaffen, der durch seine Krankheit Parkinson verletzlich und nahbar wirkt. Der Autor ist sich aber nicht sicher, ob er ihn noch mal mit der Krankheit schlagen würde.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die andere Frau | Erschienen am 27. Dezember 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31504-8
480 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Sophie Kendrick | Mein Tod in deinen Augen

Sophie Kendrick | Mein Tod in deinen Augen

„Ich möchte nicht darüber reden, aber ich muss. Ich habe bisher nur Siri die Wahrheit erzählt, niemandem sonst. In einer langen Winternacht in unserem gemeinsamen Kinderzimmer, als wir zwölf oder dreizehn waren. Seither hat sie ein kleines Stück dieser Last mit mir getragen.“ (Auszug Seite 176)

Jenny ist vor einem Jahr erblindet, nachdem sie von einem Vergewaltiger überfallen wurde. Kurz zuvor wurde sie als Kunsttherapeutin von dem Psychologen Gideon kontaktiert, der ihren Rat zu einem gemalten Bild einholen wollte. Diesen Auftrag hatte sie nach der Erblindung abgesagt, doch jetzt hat Gideon drei weitere Bilder gefunden und lädt Jenny zu ihm nach Rügen ein, um sich darüber mit ihr auszutauschen, trotz Blindheit. Auf der Zugfahrt auf die Insel lernt Jenny Marc kennen und fühlt sich von ihm angezogen. Dann passieren merkwürdige Dinge und es scheint, als ob der Vergewaltiger, der damals nicht gefasst werden konnte, ihr nach Rügen gefolgt ist. Aber kann das sein oder erlaubt sich jemand nur einen schlechten Scherz?

Schauplatz auf der Insel Rügen

Mein Tod in deinen Augen von Sophie Kendrick habe ich hauptsächlich aufgrund des Schauplatzes an der Ostsee gelesen. Hier wurde ich im Grunde nicht enttäuscht, da echte Orte und die typische Landschaft beschrieben wurden, allerdings hätte für meinen Geschmack noch mehr davon thematisiert werden können. Die Geschichte lässt sich schnell und flüssig lesen und ich habe das Buch regelrecht gefressen, obwohl mich die Handlung nicht ganz überzeugt hat. Die Schilderung der Ereignisse und Überlegungen von Jenny wirken auf mich gehetzt, teilweise vorhersehbar und konstruiert.

Blinde Protagonistin

Interessant fand ich, dass Jenny blind ist und mir wurde beim Lesen so richtig bewusst, wie viel man eigentlich im Alltag sieht und wie wichtig das ist. Und wie entsprechend kompliziert das Leben ohne Augenlicht wird. Aufgrund des Überfalls und der Blindheit ist Jenny natürlich sehr vorsichtig und misstrauisch ihrer Umwelt gegenüber. Umso überraschender finde ich, dass sie trotzdem der Einladung von Gideon folgt, den sie ja gar nicht richtig kennt und dem sie dann in seiner Umgebung mehr als ausgeliefert ist und noch mehr, dass sie sich in eine Bekanntschaft aus dem Zug verliebt. Beide Männer verhalten sich in einigen Szenen auch mehr als merkwürdig und ich hätte an Jennys Stelle schon längst das Weite gesucht. Nachdem dann augenscheinlich der Stalker auf Rügen aufgetaucht ist, verdächtigen sich beide Männer gegenseitig und Jenny misstraut dann doch abwechselnd mal dem einen und dann dem anderen. Außerdem werden diverse andere Personen in den Fall verstrickt und der Tod von Jennys Eltern vor über dreißig Jahren hängt plötzlich vielleicht auch mit allem zusammen. Meiner Meinung nach wurde die Geschichte sehr konfus zusammengeschustert.

Ende & Fazit

Ich hatte erst befürchtet, dass das Ende auch schon ab dem letzten Drittel vorhersehbar wird, aber das konnte dann doch überraschen. Zumindest habe ich nicht damit gerechnet. Fazit: Für zwischendurch liest sich der Thriller sehr leicht, aber man sollte keine sehr ausgeklügelte Handlung erwarten.

Sophie Kendrick lebte in verschiedenen europäischen Ländern, unter anderem in Großbritannien, wo sie englische Literatur studierte und über die Schwestern Brontë forschte. Sie arbeitete in einer Agentur für Buchprojekte und als Ghostwriterin, bevor sie ihren ersten eigenen Roman schrieb.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Mein Tod in deinen Augen | Erschienen am 19. Februar 2019 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-29160-9
336 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ruth Ware | Wie tief ist deine Schuld

Ruth Ware | Wie tief ist deine Schuld

„Anstatt zu antworten, steht sie auf und geht zu dem Stapel Zeitungen, die zum Anzünden der Holzscheite neben dem Ofen liegen. Ganz oben liegt der Salten Observer, den sie uns wortlos entgegenhält. Aus ihrem Gesicht spricht all die Angst, die sie während dieses langen, weinseligen Abends verborgen gehalten hat.“ (Auszug Seite 86)

Isa bekommt eine Nachricht von ihrer Schulfreundin Kate, die sie seit vielen Jahren nicht gesehen hat, in der nur drei Worte stehen: „Ich brauche dich“. Sofort fährt Isa mit ihrer sechs Monate alten Tochter zu Kate nach Salten. In Salten waren die beiden mit Thea und Fatima vor siebzehn Jahren auf dem Internat, bis an einem Abend etwas Schreckliches passiert ist und alle vier der Schule verwiesen wurden. Dieses Geschehnis, das zu einem Geheimnis geworden ist und alle vier untrennbar miteinander verbindet, droht sie nun einzuholen und in Gefahr zu bringen. Kommt nun alles ans Licht und verliert jeder von ihnen damit seine Existenz?

Vorfreude und Erwartungen

Wie tief ist deine Schuld von Ruth Ware ist der zweite Roman der Autorin, den ich gelesen habe. Von Women in Cabin 10 war ich recht angetan und hatte mich deshalb auf diesen Thriller gefreut. Meine Vorfreude wurde nicht enttäuscht und dennoch wurden meine Erwartungen nicht ganz erfüllt. Es handelt sich hier um eine sehr flüssig zu lesende Geschichte mit kurzen Kapiteln aus Sicht von Isa. Abwechselnd befindet sich Isa in der Gegenwart oder erinnert sich an das Schuljahr in Salten. Ich bin insgesamt gut durch die Seiten gekommen und habe gern darin gelesen, dennoch hat mir eine wirklich packende Wendung gefehlt. Das Blatt dreht sich im Laufe der Geschehnisse, aber nicht so, dass es mich völlig aus den Socken gehauen hätte.

Vier Frauen

Die vier Freundinnen könnten unterschiedlicher nicht sein: Isa ist in einer festen Beziehung, mit einem sicheren und gut bezahlten Job als Juristin im Innenministerium und nun Mutter; Fatima ist verheiratet, Mutter zweier Kinder und Ärztin und seit kurzem streng buddhistisch; Thea ist mager- und alkoholsüchtig, arbeitet in einer Spielhalle und ist recht unstet in ihrem Leben und Kate, die nach dem Vorfall in dem kleinen Ort geblieben ist und sich mit den Vorurteilen und Gerüchten der Bewohner all die Jahre herumgeschlagen hat, versucht mit Malerei an Geld zu kommen. Ich persönlich kann mich mit Isa am ehesten identifizieren, aber auch die anderen sind mir nicht unsympathisch. Da das Buch aus Sicht von Isa geschildert wird, wird von ihr auch am meisten erzählt. Denn das Geheimnis hat sie in all den Jahren begleitet und das Lügengerüst, das da herum erbaut wurde, droht jetzt auch ihre Beziehung zu beeinflussen.

Eine wenig fesselnde Wendung

Am Anfang gewinnt die Geschichte an Spannung, da dem Leser noch nicht verraten wird, um was es sich genau handelt und warum die vier sich so überstürzt treffen. Es gibt immer nur Andeutungen bis ungefähr zur Mitte, dann wird endlich Klartext geredet. Diese Offenbarung fand ich persönlich dann aber gar nicht so schockierend, zumal die Gründe für mich nachvollziehbar sind und sie eben erst fünfzehn Jahre alt waren. Im letzten Drittel wird geschildert, was genau für Isa tatsächlich auf dem Spiel steht, aber das war auch nicht von Anfang an der Fall. Zum Ende kommt dann tatsächlich die Wahrheit raus, aber auch die lässt mich nicht völlig fassungslos zurück.

Fazit: Ein gut und flüssig zu lesender Thriller, der zu empfehlen ist, wenn man keine großartigen Wendungen erwartet.

Ruth Ware wuchs im südenglischen Lewes auf und lebte nach ihrem Studium an der Manchester University eine Zeit lang in Paris. Sie hat als Kellnerin, Buchhändlerin, Englischlehrerin und Pressereferentin für einen großen Verlag gearbeitet und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Brighton.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Wie tief ist deine Schuld | Erschienen am 30. November 2018 bei dtv
ISBN 978-3-423-26208-8
448 Seiten | 15.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Thrillern Im dunklen, dunklen Wald und Woman in Cabin 10 von Ruth Ware.

JP Delaney | Believe Me

JP Delaney | Believe Me

Believe Me ist der Nachfolgeroman des erfolgreichen Titels „The Girl Before“ des Autors JP Delaney und spielt in New York. Und gleich vorab ein Hinweis, entnommen aus der Danksagung: dieses Buch ist eine Neufassung eines vor 17 Jahren bereits erschienen Romans, gleiche Grundidee, aber neue Personen, Handlung etc. Ich kann nur sagen: sehr gute Idee des Autors, es ist ein für mich außergewöhnlicher Psychothriller dabei herausgekommen. Der Aufbau ist passend zu der Hauptperson Claire Wright, einer Schauspielerin, in einigen Kapiteln wie ein Drehbuch aufgebaut, mal etwas ganz anderes.

Claire Wright, eine englische Schauspielerin, ist nach New York gekommen, um dort eine Schauspielschule zu besuchen und ihr Können zu vervollkommnen. Sie will lernen, eine Figur nicht nur zu spielen, sondern „zu sein“. Um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern (und in Ermangelung einer Green Card, die ihr eine offizielle Arbeit ermöglichen würde) flirtet sie im Auftrag einer Agentur mit verheirateten Männern, deren Frauen wissen wollen, ob sie treu sind.

Eines Tages will die beauftragende Ehefrau Stella Fogler sie vorab kennenlernen. Das ist an sich schon ungewöhnlich, erklärt aber noch nicht die Nervosität der Kundin und deren mehrfache Bitte an Claire, besonders vorsichtig zu sein. Claires Job endet diesmal jedoch anders als sonst üblich: Patrick Fogler geht nicht auf ihren Flirt ein. Nach einem Gespräch, bei dem es um das von Fogler mitgeführte Buch Die Blumen des Bösen von Charles Baudelaire geht, verlässt Fogler die Bar, in der Claire den Flirtversuch gestartet hatte. Stella Fogler ist jedoch weit davon entfernt, sich über das Ergebnis zu freuen, sie ist eher entsetzt! Für Claire ist das nicht nachvollziehbar, es sei denn, es sollte eine Erpressung stattfinden. Claire verlässt daraufhin ziemlich sauer die Hotelsuite, in der sie sich mit Stella getroffen hatte. Drei Tage später wird sie allerdings aufs Polizeipräsidium gebracht. Wie sie im Laufe einer Befragung erfährt, ist Stella Fogler in ihrer Suite ermordet worden. Monate später wird Claire von der Polizei, die in Patrick Fogler den Mörder vermutet, eine Mitarbeit angeboten: sie soll den Lockvogel spielen und dabei helfen, Fogler zu überführen.

Was sich weiter abspielt, ist ein einziges Verwirrspiel. Der Autor hat es geschafft, den Spannungsbogen der Handlung immer höher zu schrauben. Immer, wenn der Leser denkt, er ist auf dem richtigen Weg zur Lösung, kommt die nächste Abzweigung und das Ratespiel fängt von vorne an.

Die Person Claire als Schauspielerin ist gekonnt skizziert, ihre Vergangenheit als Waise und ihr Aufwachsen in Pflegefamilien, ihr schauspielerisches Talent, mit dem sie die ihr aufgetragene Figur „lebt“ statt nur darzustellen, lassen den Leser bis zum Schluss im Ungewissen: Engel oder Teufel (oder irgendwas dazwischen)? Patrick Foglers Figur ist ambivalent aufgebaut, vom verfolgten Täter wird er im Laufe der Handlung zum Helfer der Polizei, die Rollen drehen sich komplett. Aber stimmt die Realität mit dem Augenscheinlichen überein?

Einen roten Faden stellt das bereits erwähnte Buch von Baudelaire dar, ein Gedichtezyklus, der bei seinem Erscheinen aufgrund seiner bizarren und morbiden Texte und gewagter Erotik einen Skandal auslöste. Diese immer wieder zitierten Texte bestimmen auch einen großen Teil der Atmosphäre zwischen Claire und Patrick, lassen aber immer noch zweifeln, welche Bewandtnis sie für die Auflösung darstellen. Bis letztendlich Klarheit geschaffen wird, geht der Leser durch ein Wechselbad der Vermutungen, was Spannung bis zum Schluss garantiert!

Wer gerne Thriller bzw. Psychothriller liest, ist mit diesem Buch gut bedient. Man möchte nicht mehr aufhören zu lesen, bis man die Lösung endlich kennt.

JP Delaney ist einer der Namen, unter dem Anthony Capella, geboren 1962 in Uganda, ein englischer Krimi- und Drehbuchautor, seine Romane schreibt. Er studierte englische Literatur in Oxford und arbeitete auch als Werbetexter. Unter dem Namen Tony Strong veröffentlichte er von 1997 bis 2003 Kriminalromane im Zweijahres-Rhythmus.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Believe me | Erschienen am 10. September 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10326-4
416 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Bernhard Aichner | Bösland

Bernhard Aichner | Bösland

„Komm mit ins Bösland, hatte er immer gesagt. Mitten in der Nacht, morgens, nachmittags, immer wenn ihm danach war. Ich hatte keine Wahl, nie hatte ich eine gehabt. Und meine Mutter hatte es geduldet. Sie hatte nichts getan, um es zu verhindern. Sie half mir nicht, hielt ihn nie davon ab, mich vor sich her die Treppe nach oben zu treiben.“ (Auszug Seite 11)

Ben wird im Alter von 13 Jahren beschuldigt, seine Freundin Matilde ermordet zu haben. Darauf folgen mehrere Jahre Aufenthalt in einer Psychiatrie, bis ihn seine jetzige Therapeutin in den Alltag zurück entlässt. Dreißig Jahre später entdeckt Ben durch Zufall ein Foto seines Jugendfreundes Krux, den er seit dem Mord nicht mehr gesehen hat, und beginnt mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. Allerdings läuft das nicht so, wie Ben sich das gedacht hat.

Ben ist inzwischen 43 Jahre alt und Besitzer eines Fotoladens. Nachdem er aus der Psychiatrie langsam wieder in einen Alltag fand, begann er in diesem Laden zu arbeiten und übernahm ihn später, als der vorherige Besitzer in Rente ging. Er hat sich in seinem Leben mit seinen ereignislosen Tagesabläufen eingerichtet, er kommt mit seinem Leben zurecht. Die Liebe hat er noch nicht gefunden, aber das schwierige Verhältnis zu seinen Eltern in der Kindheit spielt ihm in dieser Hinsicht nicht gerade in die Karten.

Meine Meinung zum Protagonisten

Zu Beginn der Geschichte war mir der Protagonist sympathisch, ich konnte mich in ihn hineinversetzen und fand positiv, dass er trotz seines Schicksals in jungen Jahren jetzt ein normales und gutes Leben führt. Als er dann zur Aufarbeitung seiner Vergangenheit Krux aufsucht, finde ich ihn nervig. Und anschließend nur noch dumm. Es wird nicht klar, was genau sich Ben erhofft hat, aber es verläuft völlig anders.

Die anderen Thriller des Autors

Ich habe von Bernhard Aichner bereits die Totenfrau-Trilogie (Totenfrau, Totenhaus und Totenrausch) gelesen und war restlos begeistert. Die Max Broll-Reihe (Die Schöne und der Tod) konnte mich hingegen nicht so packen. Anhand der Aufmachung und des Klappentextes von Bösland habe ich mich auf rasantes Lesevergnügen wie bei der Trilogie gefreut. Leider wurde ich enttäuscht und habe das Buch im letzten Drittel abgebrochen.

Rasante Erzählweise und nur das Wesentliche

Die Handlung wird in der Tat sehr rasant erzählt und man fliegt nur so durch die Seiten, was daran liegt, dass die Kapitel sehr kurz sind und der Autor sich ausschließlich um das Wesentliche bemüht. Nichts ist überflüssig und trotzdem verliert man nicht den Überblick. Dieser Schreibstil gefällt mir sehr gut. Die Kapitel werden mit kurzen Sätzen angekündigt, die jeweils auf einer separaten Seite gedruckt sind, dadurch kommen auch schnell die über vierhundert Seiten zusammen. Abwechselnd gibt es einen Dialog und einen Text aus Bens Sicht.

Spannung kann nicht gehalten werden

Im ersten Drittel kommt es zu einer Wendung, die ich persönlich tatsächlich nicht erwartet habe, was mich erst einmal gepackt hat. Einige Seiten später gab es eine Ankündigung des weiteren Verlaufs der Handlung, bei der ich kurz innehalten musste. Und dann kam nichts mehr, was die Geschichte weiterhin spannend gemacht hat, es plätscherte nur noch so vor sich hin und wurde unnötig brutal. Mit dem Abbruch des Buches habe ich erst noch gehadert, hatte aber immer weniger Lust weiterzulesen und habe es dann aufgegeben.

Fazit: Ich bin leider sehr enttäuscht und habe viel mehr erwartet.

Bernhard Aichner wurde 1972 geboren und lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Der Autor ist verheiratet und hat drei Kinder.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Bösland | Erschienen am 1. Oktober 2018 bei btb
ISBN 978-3-442-75638-4
448 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezension zur Thriller-Trilogie Totenfrau (Bd.1), Totenhaus (Bd.2) und Totenrausch (Bd.3) sowie des Thrillers Die Schöne und der Tod des Autors Bernhard Aichner.