Kategorie: Agenten- & Spionageroman

Stewart O’Nan | Stadt der Geheimnisse

Stewart O’Nan | Stadt der Geheimnisse

Während seine Papiere – wie sein gegenwärtiges Leben, könnte er sagen – passable Fälschungen waren, war seine Taxilizenz eine an der vorderen Stoßstange befestigte Metallplakette, die viel schwerer zu bekommen war als die Papiere, völlig echt. Und dennoch, da er schon einmal verhaftet worden war – als er in Riga an seinem Tisch in seinem Lieblingscafé gesessen hatte -, wusste er, dass man als Jude nirgends sicher war. (Auszug Seite 16)

Der lettische Jude Brand hat seine ganze Familie im zweiten Weltkrieg und Holocaust verloren und kommt 1946 als illegaler Flüchtling nach Palästina. Dort wird er vom jüdischen Widerstand gegen die britische Besatzungsmacht mit gefälschten Papieren und einer Taxilizenz ausgestattet. Brand, der sich nun Jussi nennt, wird Teil einer Widerstandszelle. Es werden erste Anschläge verübt, zunächst ohne Menschen zu gefährden. Doch der Widerstand wird radikaler und Brand muss sich klar machen, ob dies auch sein Kampf ist.

Brand lernt in Jerusalem die Witwe Eva kennen. Ehemals Schauspielerin und eine bildhübsche Frau, ist bei ihr nun die Mimik einer Gesichtshälfte durch eine Narbe zerstört. Sie verdient ihren Lebensunterhalt als Prostituierte, zu ihren Terminen bringt Brand sie mit seinem Taxi. Auch Eva ist Teil der Widerstandszelle, zu der noch eine Handvoll weitere Personen gehören. Chef der Zelle ist der undurchsichtige Asher. Zu Beginn begehen sie nur kleinere Anschläge, etwa gegen die Stromversorgung. Doch Brand bemerkt die zunehmende Radikalisierung. Die der Untergrundorganisation Hagana zugeordnete Gruppe kommt in Kontakt zu Leuten der radikalen Irgun. Die Radikalisierung verunsichert Brand. Der Kampf um „Eretz Israel“ scheint ihm gerecht, aber mit welchen Mitteln?

Autor Stewart O’Nan ist dem Leser eigentlich als Porträteur der amerikanischen Gesellschaft bekannt. Sein letztes Buch „Westlich des Sunset“ handelt von Schriftsteller Francis Scott Fitzgerald und vom Hollywood der 1930er Jahre. Insofern ist Stadt der Geheimnisse als Spionagegeschichte eine bemerkenswerte Anomalie im sonstigen Werk des Autors.

Das Buch spielt im Jahr 1946 vor dem Hintergrund des israelisch-jüdischen Kampfes um einen unabhängigen Staat. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durch die zionistische Bewegung die Bildung eines jüdischen Staates im alten Siedlungsgebiet in Palästina wieder stark betrieben wurde, kam es zu verstärkten Auswanderungswellen von Juden. 1917 hatte die Briten in der Belfour-Deklaration die Forderung der Zionisten unterstützt, unter starkem Protest der Araber der Region. Nach dem ersten Weltkrieg erhielt Großbritannien das Völkerbundsmandat über Palästina. In der Folgezeit kam es weiterhin zu einer starken Einwanderung nach Palästina und einer größeren Gewaltbereitschaft jüdischer und arabischer Bevölkerungsgruppen. Die Juden gründeten paramilitärische Einheiten wie die gemäßigte Hagana oder die radikalere Irgun. Durch die Ereignisse des zweiten Weltkriegs verschärfte sich die Situation zudem. Der jüdische Widerstand richtete sich nun verstärkt gegen die Briten, die das Mandatsgebiet räumen und einen jüdischen Staat ermöglichen sollten.

Sein altes Leben war vorbei, sein neues ein Scherbenhaufen und Schwindel. Zur Feier des Tages ging er mit einem Glas Johnnie Walker in seiner Wohnung auf und ab, drückte die Nase ans kalte Fenster und hinterließ einen schmierigen Fleck. Die brummende, taumelnde Schwermut einsamer Betrunkener. (Seite 92)

Dennoch bleibt sich der Autor treu, indem er eine Figur, nämlich Brand, in den Vordergrund stellt und die Ereignisse vollständig aus dessen Sicht durch einen personalen Erzähler beschreibt. O’Nan geht es dabei konkret um das Innenleben seines Protagonisten, eine Figur voller Schwermut, der vor den Scherben seines Lebens steht und dem nun mit seiner Beteiligung an der Widerstandsgruppe eine neue Aufgabe zugeteilt wurde. Doch „die Erinnerung gärte in ihm wie eine Krankheit“ (Seite 58). Er verliebt sich in Eva und doch bleibt die nur eingeschränkt erwiderte Liebe schal im Vergleich zu den Erinnerungen an seine verstorbene Frau Katja. Er war nie wirklich ein gläubiger Jude, nun kämpft er für die Unabhängigkeit Israels.

Ein wenig schade ist es, dass sich der Autor durch die eingeschränkte Erzählperspektive einer gewissen Dynamik beraubt. Eine nähere Betrachtung der Ereignisse durch verschiedene Figuren hätte für mich noch mehr Reiz gehabt. So kann man diesen Roman meines Erachtens dann auch nur eingeschränkt als Spionageroman einordnen, da Reaktionen der Gegenseite kaum eine Rolle spielen. So hinkt der Vergleich der New York Times zu Le Carrés „Der Spion, der aus der Kälte kam“ auf der Rückseite des Buches dann doch ein wenig.

Der Roman überzeugt dafür an anderer Stelle. Die unruhige, brodelnde Atmosphäre des dennoch florierenden Jerusalem wird sehr überzeugend in Szene gesetzt. Daneben ist diese Geschichte eines gebrochenen Mannes, der mit sich um den letzten Rest Liebe, Moral und Anstand ringt, durchaus fesselnd. So bleibt am Ende ein positives Fazit, obwohl die Winkelzüge, Manöver und Suspense eines klassischen Spionageromans etwas zu kurz kommen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Stadt der Geheimnisse | Erschienen am 23. Oktober 2018 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-05044-3
224 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmens unseres .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.

Mick Herron | Slow Horses

Mick Herron | Slow Horses

River hatte die Zielperson fast erreicht – er war eine halbe Sekunde entfernt. Aber er war nicht annähernd nahe genug. Die Zielperson zog an einer Schnur am Gürtel. Und das war’s. (Auszug Seite 22)

Fiasko am Londoner King’s Cross Bahnhof

Ohne große Einleitung finden wir uns mitten in einer missglückten Observierung wieder. Am Londoner Hauptbahnhof verfolgt der junge MI5-Agent River Cartwright aufgrund einer Verwechslung die falsche Zielperson.

Die Handlung nimmt Fahrt auf, denn es gilt einen Terroranschlag zu verhindern. Dabei gelingt es dem Autor glänzend, die Hektik und Dramatik dieses Szenarios wiederzugeben. Mit einem flotten, knackigen aber auch bildhaften Schreibstil dreht er gekonnt an der Spannungsschraube bis zum nervenzerreißenden Cliffhanger.

Nach diesem furiosen Start geht es erst mal ruhiger weiter. River Cartwright landet nach dem total missglückten Einsatz im Slough House, einem alten runtergekommenen Gebäude in London. Dieses dient als Auffangbecken für aus verschiedenen Gründen in Ungnade gefallene Agenten. Diese werden von allen nur despektierlich Slow Horses genannt. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Versagern, abgeschoben vom Hauptquartier im Regent’s Park, die man einfach nicht los wird. Sie werden mit sinnlosen Aufgaben betraut, in der Hoffnung, dass sie aus lauter Frust von selbst kündigen.

Mick Herron nimmt sich viel Zeit für die Einführung seiner Figuren, was ja auch Sinn macht, denn es handelt sich um den Auftaktband einer Reihe, von der in Großbritannien bereits vier weitere Bände erschienen sind. Sein Blick auf die Charaktere ist dabei immer sachlich und distanziert. Außer vielleicht auf River Cartwright, von dem man die meisten Hintergrundinformationen erfährt.

Die lahmen Gäule

Da ist zum Beispiel Min Harper, der eine CD-ROM mit Geheimdienstinformationen im Zug liegen gelassen hat. Oder der sozial inkompetente Computer-Nerd Roderick Ho, der andere Menschen für überflüssig hält. Catherine Standish ist der gute Geist von Slough House, eine 48-jährige trockene Alkoholikerin und ehemalige Privatsekretärin eines hohen Tiers beim MI5, etwa wie Miss Moneypenny. Nur vom korpulenten und ungepflegten Teamleiter selbst weiß niemand die Gründe seiner Abservierung. Dem rätselhaften Jackson Lamb, vor langer Zeit einer Legende im Dienst ihrer Majestät, jetzt nur noch verbittert und faul, scheint es Spaß zu machen, andere Menschen zu verletzen und zu brüskieren. Er wirkt distanziert, was der Autor noch verstärkt, indem wir nur erfahren, was Lamb sagt und tut, aber nie was er denkt.

Die Truppe mag sich untereinander nicht und kommuniziert nur das Nötigste. Sie wirken wie erstarrt in ihren sinnlosen Tätigkeiten und manche hoffen auf Rehabilitierung. Andere wiederum sind völlig desillusioniert und wissen, dass die Rückkehr zum Hauptquartier noch niemandem gelungen ist. Besonders für den ehrgeizigen River erscheinen die Arbeiten besonders frustrierend, und so macht er sich ziemlich lustlos daran, den stinkenden Müll eines Journalisten zu durchsuchen. Dabei kann er noch froh sein, nicht entlassen worden zu sein. Und das auch nur wegen seines Großvaters David Cartwright, genannt OB für Old Bastard, der bis zu seiner Pensionierung eine große Nummer beim britischen Geheimdienst war.

Das ändert sich, als ein Video ins Netz gestellt wird, dass ganz London in Atem hält. Ein junger Mann pakistanischer Herkunft wurde entführt und die Entführer wollen ihn innerhalb zwei Tagen köpfen und diese Hinrichtung live im Netz zeigen. In einem weiteren Erzählstrang verfolgen wir, wie der entführte 19-jährige Hassan um sein Leben bangt. Bei den drei Entführern handelt es sich um nicht besonders clevere, britische Nationalisten. Um mit seiner Todesangst klar zu kommen, nennt Hassan sie in Gedanken Larry, Moe und Curly nach der Komikertruppe The Three Stooges. Wären es zwei, würde er sie Dick und Doof nennen.

Lambs Stimme wurde flach und ausdruckslos. Der Junge auf dem Monitor, die Kapuze über seinem Kopf. Die Zeitung in seiner Hand – es hätte ein Bildschirmschoner sein können. Er sagte: „Dachten Sie etwa, das Rote Telefon würde läuten und Lady Di alle Mann an Deck rufen? Nein, wir werden uns das im Fernsehen ansehen, wie alle anderen auch. Und wir werden nichts unternehmen. Das ist etwas für die großen Jungs, und Sie alle hier dürfen nicht mit den großen Jungs spielen. Oder haben Sie das vergessen?“ (Seite 144)

Londoner Regeln

Es stellt sich heraus, dass der britische Geheimdienst seine schmutzigen Hände mit im Spiel hat und der entführte Junge nur das Werkzeug in einem wirklich niederträchtigen Plan darstellt. Ganz langsam wachen die lahmen Gäule auf, die ja mal ausgebildete Agenten mit Karriereaussichten waren. Die Protagonisten besinnen sich auf ihre Fähigkeiten, gewinnen alte Stärken zurück und wachsen über sich hinaus. Catherine Standish übernimmt die Rolle der Anführerin und brennt auf einmal wieder mit voller Wattzahl. Und es zeigt sich, dass das überhebliche Scheusal Jackson Lamb zur Furie wird, wenn es darum gilt, seine Agenten zu beschützen, die zu Sündenböcken gemacht werden sollen. Aber nicht jeder aus Lambs Team wird es bis zum Ende hin schaffen.

Ab diesem Punkt überschlagen sich die Ereignisse und die Spannungskurve geht durch schnell wechselnde Perspektiven, die manchmal nur eine Seite dauern, und vielen unglaublichen, überraschenden Wendungen deutlich nach oben. Beim Duell mit der Vizedirektorin des MI5, der coolen, opportunen Diana Taverner, genannt Lady Di und dem abgebrühtem Schlitzohr Jackson Lamb brilliert Mick Herron mit großartigen pointierten Dialogen. Jetzt gelten Londoner Regeln, die besagen: Im Ernstfall rettet jeder seine eigene Haut.

Ich weiß nicht, ob die Darstellung der Spionage-Arbeit, im Besonderen die des britischen Geheimdienstes, besonders realistisch dargestellt wurde, aber ich wäre auf jeden Fall bei einem weiteren Band der in England mehrfach ausgezeichneten Serie dabei.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Slow Horses | Erschienen am 1. September 2018 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-86-333-8
480 Seiten | 24.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.

Gerald Seymour | Vagabond

Gerald Seymour | Vagabond

„Ich kenne keinen Besseren als Vagabond. Er ist so erfolgreich, weil er durchs Feuer geht, um seine Zielperson zu kriegen. Der ruft nicht bei der Gesundheitsbehörde an, wenn’s mal brenzlig wird, oder beschwert sich wegen Überstunden. Dieser Mann wäre von den Toten auferstanden, um meiner Anweisung zu folgen. Hatte ich das Recht, ihn aus dem Ruhestand zu holen? Diese Bürde muss ich tragen.“ (Auszug Seite 449-450)

Nordirland, 2000er Jahre: Nach dem Friedensschluss ist verhältnismäßig Ruhe eingekehrt im zerrissenen Land. Die meisten der ehemaligen Kämpfer haben sich dem Prozess unterworfen. Doch es gibt sie noch, die Frustrierten, ewig Gestrigen. Doch sie sind weitgehend isoliert, haben nur noch wenig direkte Unterstützung und nur noch sehr begrenzte finanzielle Mittel. Mit frischen, modernen Waffen könnte man vielleicht wieder ins Spiel kommen. Und so bemüht sich eine IRA-Splittergruppe um Waffen von einem russischen Waffenhändler. Doch der Deal steht im Visier des Geheimdienstes, der Mittelsmann ist ein Informant. Die Aktion wird geleitet von Gaby Davies, doch ihr Vorgesetzter beim MI5, Matthew Broderick, hat besondere Anforderungen, so dass er einen zusätzlichen Agenten reaktiviert: Danny Curnow, ehemaliger Deckname: Vagabond.

Danny war jahrelang Agentenführer beim FRU, einer verdeckten Geheimdiensteinheit in Nordirland, die sich auf die Infiltration von republikanischen Terroristengruppen spezialisiert hatte. Vagabond war einer der erfolgreichsten Führungsoffiziere, sorgte für die Festnahme oder für den Tod von IRA-Kämpfern, aber war ebenso mitbeteiligt, wenn Informanten getötet wurden oder sogar Unbeteiligte geopfert wurden, um die Glaubwürdigkeit von wichtigen Spitzeln zu erhalten. Irgendwann wurde es Danny zu viel und er ist einfach gegangen, ohne offiziell zu kündigen. Er hat sich mit seinem engen Kollegen Dusty neu orientiert. Die beiden sind nach Nordfrankreich gezogen und haben sich dort als Touristenführer für die Schauplätze des Zweiten Weltkriegs etabliert. Dort wird Danny von Broderick aufgespürt und mit leichtem Zwang rekrutiert.

Schauplatz des Deals wird Tschechien sein. Dort, in einer Villa in Karlovy Vary, residiert Timofei Simonow, ehemaliger russischer Geheimdienstler, der sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Waffenhandel und anderen kriminellen Geschäften etablierte. Der Mittelsmann und Informant Ralph Exton ist ein alter Freund von Simonow, ein Lügner und Opportunist. Von Seiten der IRA ist ein alter Bekannter von Danny Curnow beteiligt, Malachy Riordan. Vagabond hatte vor Jahrzehnten dessen Vater liquidieren lassen. In Prag warten die meisten der Beteiligten auf den Abschluss des Deals, belauern sich und nähren ihre Zweifel, Ängste, Nervosität oder gar Vorfreunde.

Autor Gerald Seymour arbeitete lange Jahre als politischer Journalist. 1975 veröffentlichte er seinen ersten Politthriller „Harry’s Game“ („Das tödliche Patt“ in der deutschen Übersetzung). Seitdem brachte Seymour fast jährlich ein neues Buch heraus und etablierte sich insbesondere in seiner britischen Heimat in der ersten Riege der Politthrillerautoren. Mehrere seiner Romane wurden fürs britische Fernsehen verfilmt. In Deutschland wurde Seymours Thriller bis zum Ende der 1990er regelmäßig übersetzt. Danach tat sich allerdings fast zwanzig Jahre oder vierzehn Romane lang nichts, bevor Thomas Wörtche ihn in seiner Reihe bei Suhrkamp wieder hervorholte. Übersetzt wurde „Vagabond“ übrigens von den in der deutschen Krimiszene auch nicht ganz unbekannten Zoë Beck und Andrea O´Brien.

Danny Curnow hatte vor all den Jahren, als Hanna ihn vor die Wahl stellte, geschwiegen, weil er nichts anderes gewagt hatte. Er war vergiftet. Mit den Toten zu marschieren war die Schuld, die er zu begleichen hatte. (Seite 70)

Müsste ich Gerald Seymours Stil in Vagabond mit einem Wort beschreiben, würde ich vermutlich „präzise“ wählen. Oder „minutiös“. Seymour sammelt von Beginn an ein üppiges Personal an und wechselt auch sehr häufig die Perspektive. Dadurch wird es durchaus komplex, aber man hat trotzdem das Gefühl, dass der Autor alles im Griff hat. Das Buch ist durchaus ein Polit- oder Spionagethriller, es geht um die IRA und um einen Waffenhändler und um die schmutzige Arbeit der Geheimdienste. Aber keine Angst vor politischen Referaten, denn Seymour nähert sich der Thematik über seine Figuren. Diese werden intensiv beschrieben und aufs Engste durch diese Geschichte begleitet.

Fast alle haben eine Schuld auf sich geladen, sind Verräter, Opportunisten, Karrieristen, doch ihre Beschreibung bleibt nicht eindimensional. Sehr eindrucksvoll gelingt dem Autor auch die Skizzierung eines Nordirland, in dem die Grenzen zwischen Informanten, Verrätern, Terroristen und Friedensgewinnern sehr diffus sind und die Vergangenheit nicht so einfach unter den Teppich gekehrt werden kann. Denn dafür gab es zu viele Ungerechtigkeiten, zu viele Personen auf beiden Seiten wurden vereinnahmt, unter Druck gesetzt, gebrochen und dann wieder allein gelassen. Oder der Rache der Gegenseite überlassen.

Der Leser darf hier kein Actionfeuerwerk erwarten. Es gibt keinen wilden Ritt durch mehrere Länder mit großem Waffenarsenal. Stattdessen bietet Vagabond in bester Le-Carré’scher Tradition einen unverfälschten Blick in die deprimierende Arbeit der Geheimdienste, präzise Psychogramme der beteiligten Figuren und darüber hinaus einen manchmal etwas tempoarmen, aber dennoch spannenden Plot, bei dem der Leser irgendwann ahnt, dass hinter der ganzen Aktion noch mehr steckt, als es zunächst den Anschein hat. Und recht behält (eigentlich unnötig, dass der Klappentext dies auch andeutet).

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Vagabond | Erschienen am 12. Dezember 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 987-3-518-46742-8
498 Seiten | 14.95 Euro
Bibliografischer Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.

Olen Steinhauer | Die Kairo-Affäre

Olen Steinhauer | Die Kairo-Affäre

Später hasste sie sich dafür, dass sie den Killer angesehen hatte und nicht ihren Mann. Sie hätte Emmett ansehen, ihm einen letzten Augenblick des Mitleids, der Zärtlichkeit, der Liebe schenken müssen. Aber sie hatte es nicht getan, weil sie das nicht erwartet hatte. (Auszug Seite 37)

Emmett und Sophie

Der US-amerikanische Diplomat Emmett Kohl sitzt mit seiner Frau Sophie in einem Budapester Restaurant. Seit einigen Monaten ist er als stellvertretender Generalkonsul in Ungarn stationiert. Davor lebten sie jahrelang in Ägypten und fühlten sich da sehr wohl, bis auf die letzten Monate, in denen Emmett gereizt und nervös war. Er konfrontiert seine Frau mit dem Wissen um ihre Affäre mit einem befreundeten CIA-Mitarbeiter in Kairo. Noch bevor sie sich richtig aussprechen können, stürzt ein Fremder ins „Chez Daniel“ und erschießt Emmett kaltblütig vor den Augen seiner Frau. Die schockierte Sophie reist auf eigene Faust heimlich nach Kairo, da sie hier die Drahtzieher für den Mordauftrag an ihrem Mann vermutet. Sie nutzt auch ihre Verbindungen als Diplomatenfrau, als sie sich mit ihrem Ex-Liebhaber, dem CIA-Agenten Stan Bertolli trifft.

Olen Steinhauer hat seinen Thriller Die Kairo-Affäre mit den Ereignissen rund um den „Ägyptischen Frühling“ verknüpft. Anfang des Jahres 2011 rufen ägyptische Aktivisten zum Widerstand auf und der Tahrir-Platz wird zum Zentrum der Demonstrationen. Der langjährige Staatspräsident Mubarak tritt zurück, das Militär übernimmt die Macht und es kommt zu den ersten Unruhen in Libyen. Diese aufgeheizte Revolutionsatmosphäre mit Protesten und Aufständen erlebte das Diplomatenpaar Kohl in Kairo live mit.

Der Plan Stumbler

Die USA schauen mit Sorge auf diesen Prozess und lassen zum Wohle ihres Landes, beziehungsweise um amerikanische Wirtschaftsinteressen zu schützen, die CIA einen Plan namens „Stumbler“ entwickeln, der vorsieht, mithilfe libyscher Exilanten Diktator Gaddafi zu stürzen. In einem anderen Handlungsstrang geht es um dieses längst verworfene Vorhaben.

In Washington hat der junge CIA-Analytiker Jibril Aziz vor einiger Zeit diesen Plan für einen politischen Umsturz in seinem ehemaligen Heimatland Libyen entwickelt. Obwohl längst zu den Akten gelegt, befürchtet Aziz, aufgrund verschiedener Hinweise, dass die Amerikaner Stumbler nun doch umsetzen und die Revolution für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen. Noch kurz vor Emmett Kohls Exekution hatte Aziz Kontakt mit ihm aufgenommen, denn der Botschaftsangehörige zählte zu den erklärten Gegnern von Stumbler. Mit seinem Wunsch, die Hintergründe aufzuklären, löst der von Gewissensbissen gequälte Aziz eine Kettenreaktion aus, denn es bleibt nicht bei dem einen Todesfall. Auch ein weiteres Mitglied der Botschaft und der CIA-Mann Stan Bertolli werden ermordet und Azis verschwindet wenig später spurlos in der libyschen Wüste. Versucht der US-Geheimdienst fieberhaft und mit allen Mitteln eine aus der Kontrolle geratene Operation zu vertuschen und die Aufdeckung seiner Machenschaften zu verhindern?

Immer wieder werden Episoden aus der Vergangenheit des Ehepaares Kohls eingestreut. Vor 20 Jahren führte die Hochzeitsreise der damals schon politisch Interessierten nach Osteuropa. Sehr ausführlich werden die zum Teil grausamen Erlebnisse während des Bürgerkrieges 1991 auf dem Balkan geschildert. Erst durch die vielen Rückblenden entwirren sich so langsam die Fäden der Erzählstränge, die der Autor geschickt miteinander verwoben hat.

Durch Beschreibungen des exotischen Kairo und spannende Szenen in der libyschen Wüste schafft der amerikanische Autor eine stimmige Atmosphäre. Olen Steinhauer hat einen sehr anspruchsvollen aber auch verwirrenden Spionagethriller geschrieben mit einer sorgfältig aufgebauten Handlung. Die Spannung entsteht aufgrund ständig wechselnder Perspektiven, Zeiten und Orte, um dann, und das fand ich besonders raffiniert, das gleiche Geschehen noch mal leicht zeitversetzt aus der Perspektive einer anderen Figur zu schildern. Der Leser erhält dadurch neue Hintergrundinformationen und es ergibt sich wieder ein ganz anderes Bild. Hier muss man aber auch sehr konzentriert bei der Sache bleiben, sonst verliert man den Überblick.

Das gleiche gilt für das hervorragend dargestellte Figurenensemble. Jeder der vielen Charaktere ist mit einem Geheimnis ausgestattet, lügt und betrügt und vertraut niemanden. Freunde können schnell zu erbitterten Feinden werden. Bis zum Schluss werden noch wichtige Figuren eingeführt oder können auch wieder geopfert werden, wie zum Beispiel der große schwarze Söldner John mit einem Hang zur Lyrik oder der ältere Omar Halawi, ein kluger Mann und Mitglied des ägyptischen Geheimdienstes, mit dem noch mal richtig Fahrt in die Geschichte kommt. Es bedarf volle Konzentration, um nicht den Überblick zu verlieren, wer hier mit wem oder gegen wen arbeitet. Das ist sicher auch die Absicht des Autors, denn sein umfangreiches Personal durchschaut die Intrigen schon lange nicht mehr.

Steinhauers ambitionierter Thriller führt in die paranoide Welt der Spionage und es ist eine bittere Geschichte.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Kairo-Affäre | Erschienen am 26. Mai 2014 im Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-519-4
496 Seiten | ./.
Die gebundene Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich.
Die Taschenbuchausgabe erschien am 8. September 2015 bei Heyne und kostet 9.99 Euro.
Bibliografische Angaben & Leseprobe (eBook)

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Olen Steinhauers Roman Der Anruf.

Carlo Lucarelli | Italienische Intrige

Carlo Lucarelli | Italienische Intrige

Ein Agententhriller aus Bologna

Die Eingangsszene zeigt zwei höchst unterschiedliche Männer auf einer rasanten Autofahrt durch das Schneegestöber im eiskalten Januar 1954. Giannino, ein junger Mann von 22 Jahren, fährt die Aurelia, während sein Beifahrer, den er „Herr Ingenieur“ nennt, seinen Gedanken nachhängt. Er ruft sich die Worte seines Vorgesetzten in Erinnerung. Commendatore D’Umberto hat ihn einen Trüffelhund genannt, wo er doch solche mit dem Herz eines Bastards brauche. Er fragt sich, warum Crescas Frau nicht gleich umgebracht wurde. Und er spürt etwas zwischen Angst und Wut, wenn er an Claudia denkt. Und Begehren.

Ab dem zweiten Kapitel wird erzählt, was bis zu jener schicksalhaften Autofahrt geschah, wer Professor Cresca und seine Frau sind und wer Claudia. Und was Giannino und Ingenieur Morandi miteinander zu tun haben. Sie treffen sich zu Beginn des Romans zum ersten Mal, der frühere Kommissar De Luca ist aus Rom angereist um im Auftrag des Geheimdienstchefs D’Umberto den Mord an Stefania Mantovani aufzuklären, der Witwe des Professors Mario Cresca, der vor zwei Monaten bei einem Autounfall ums Leben kam. Er ist also kein Ingenieur, aber über seinen Partner Giannino weiß er auch nichts, nicht einmal ob das sein Vor- oder Nachname ist, oder sein richtiger oder ein falscher. Geheimagenten eben.

Als erstes nehmen die beiden den Tatort unter die Lupe, eine Absteige in einem alten Haus am Kanal, eine Mansarde hatte der Professor sich zu einem Liebesnest eingerichtet. Hier traf er sich mit Frauen, spielte seine Jazzplatten, feierte mit Musikern, es wurde getrunken und gespielt und wohl auch Drogen konsumiert, wie eine Nachbarin bezeugt. Jetzt herrscht hier ein heilloses Durcheinander, die Platten des Professors liegen verstreut am Boden, überall sind Blutspuren, es hat offensichtlich ein Kampf stattgefunden. Davon zeugen auch die Verletzungen des Opfers Stefania Cresca. Letztlich aber starb sie durch ertränken in der Badewanne. De Luca lässt einige Beweise sichern, auch blutige Spuren von nackten Frauenfüßen, vor allem aber ein Farbband aus einer alten Remington und einen Papierfetzen, der von einem Kuvert mit dem Absender Mario Cresca abgerissen wurde. Die Beamten der Einsatzpolizei hatten offenbar nicht sehr sorgfältig gearbeitet.

Die Nachbarin, von De Luca befragt, berichtet, dass sie die Witwe Cresca nur einmal gesehen habe, als diese sie bat, ihre Wäsche zu waschen, da sie doch in der Wäscherei arbeite. Sie habe gar nicht gewusst, dass der Professor verheiratet war, sie habe angenommen, „Facetta Nera“, das „Schwarze Gesichtchen“ sei seine Freundin. Die junge Frau aus Abessinien habe sie häufig ein- und ausgehen sehen. Als sie die Bettbezüge, Laken und Handtücher zurückgeben wollte, habe sie durch die offene Tür das Tohuwabohu entdeckt, ihr Mann habe dann die Tote entdeckt und die Polizei gerufen. Der kleine Sohn der beiden allerdings hat etwas beobachtet, als er durch den Spalt der Gemeinschaftstoilette spähte. „Teufelsfratze“ nennt er den Mann, der aus der Mansarde kam, und den er recht genau gezeichnet hat, mit einem großen, schwerfälligen Körper, einem schiefen Auge, das tiefer liegt als das andere, mit spärlichen, blonden Haaren. Ist er der Mörder?

De Luca versucht, aus dem Gesehenen, dem Gehörten und Gefundenen einen Tathergang zu konstruieren, auf dem Farbband sind deutliche Anschläge zu erkennen, er entziffert die Buchstaben „DOTT. PIRRO ORES“. Wer ist dieser Doktor? Giannino findet heraus, dass Stefania Cresca in kurzer Zeit sechsmal mit der Apotheke Scaglianti telefoniert hat. Besteht da ein Zusammenhang? Auf der Beerdigung der Ermordeten wollen sie mehr erfahren. Es stellt sich heraus, dass die Witwe des Professors nicht besonders beliebt war, unsympathisch, ungebildet, rasend eifersüchtig. Mario Cresca hingegen hatte einen untadeligen Ruf, war überall angesehen und geachtet. Der leidenschaftliche Jazzfan hatte nach Reisen in die USA eine Band zusammengestellt, deren Mitglieder aus aktuellen und ehemaligen Studenten besteht, Alma Mater. Hier spielt Aldino Scaglianti Saxophon, nach dem Tod des Profesors hatte er sich seiner Witwe angenähert. Bei den beiden Agenten klingelt etwas, sie machen sich auf zu einem Auftritt der Band.
Die spielt mehr schlecht als recht, wie Musikliebhaber und -kenner Giannino feststellt, aber die Sängerin der Kapelle ist eine Offenbarung. Sie hat eine großartige Stimme und eine unglaubliche Ausstrahlung, ist jung, hübsch und hat dunkle Haut. Facetta Nera, die Abessinierin, heißt Claudia und De Luca verliebt sich in die Schöne aus Asmara, die mit zweieinhalb Jahren nach Italien kam. Sie ist Claudia und Franca, Italienerin und Afrikanerin, singt Jazz und Bologneser Lieder, sie ist hin- und hergerissen. Franca heißt sie, wenn sie im Orchester Paride Canè ihres Vaters italienische Schlager und Folklore zum Besten gibt, traditionelle Lieder und aktuelle Gassenhauer. Sie glaubt nicht, dass der Tod ihres Freundes Mario ein Unfall war. Sie schildert den Professor für Physik als faszinierenden, außergewöhnlichen Menschen, als Genie, außerdem sei er sensibel und witzig gewesen. De Luca nimmt sich vor, die Umstände seines Todes näher zu untersuchen, auch er glaubt nicht an einen Unfall.

De Luca trifft sich mit einem alten Kollegen, der die ersten Untersuchungen am Ort des Geschehens durchgeführt hat, kommt Merkwürdiges zutage: Professor Cresca ist eindeutig als Unfallverursacher festgestellt worden, er ist bei einem Überholmanöver mit seinem Spider Coupé unter einen schweren Dodge geraten, auch sein kleiner Neffe auf der Rückbank war sofort tot. Der Fahrer des Dodge will allerdings später bei den Ermittlern etwas loswerden, dazu kommt es nur nicht, weil er bei einem mysteriösen Sturz in den Aufzugschacht stirbt. Und ein kleiner Junge im Wagen hinter dem Professor erinnert sich an das Gesicht eines Motorradfahrer, der ebenfalls beteiligt war. Er hatte eine Teufelsfratze!

Als De Luca seinem Vorgesetzten seinen Verdacht vorträgt, winkt der ab. Der Dienst sei an einer Aufklärung nicht interessiert, es gehe lediglich um den Mord an Signora Cresca. Das Verhalten seines Chefs gibt De Luca zu denken, und plötzlich misstraut er auch seinem Partner. Er ist mit fast vierzig Jahren annähernd doppelt so alt wie Giannino und verfügt über eine entsprechende Erfahrung durch seine Arbeit bei der Staatspolizei, dann als Kommissar der Einsatzpolizei „bester Detektiv Italiens“ und später als Direktor der Sitte in Bologna. Entsprechend gut kennt er auch die Stadt und die Menschen der Emiglia Romagna. Daher lässt er keinen Zweifel daran, wer bei dieser Untersuchung der Chef ist und wer Assistent. Es wird so gemacht, wie es ihm passt, in seinem Tempo, nach seinen Maßgaben, auch wenn es sein erster Einsatz für den Geheimdienst ist.

Man hat ihn überraschend in die Pflicht genommen, wohl auch, weil er gerade verfügbar ist. Während der Besetzung Italiens durch das Deutsche Reich und unter dem wieder eingesetzten Benito Mussolini hatte er weiter als Polizist gearbeitet. Er war, wie er sagt, kein Faschist oder er war einer wie alle anderen, aber vor allem einfach nur Polizist. Aber nun wartet auf ihn ein Prozess zur Klärung seiner Nazi-Vergangenheit und bis zu dessen Beginn ist er seit fünf Jahren beurlaubt. Er leidet deshalb an Schlaflosigkeit und Essstörungen. De Luca ist wortkarg und verschlossen, ja unnahbar, dabei tritt er dominant, beherrschend auf, und er ist unerschütterlich, wenn es gilt, seine Ziele zu verfolgen. Er will unbedingt wissen, was es mit den Morden an Professor Cresca und seiner Frau auf sich hat, und er will herausfinden, welche Rolle sein neuer Arbeitgeber in diesem undurchsichtigem Fall spielt. Er ahnt bereits, dass es bei all diesen kriminellen Vorgängen um schmutzige Geschäfte auf politischer Ebene geht. Dabei misstraut in diesen Kreisen jeder jedem, und am Ende bleiben fast alle auf der Strecke, denn es stellt sich schließlich heraus, dass mehrere Beteiligte auf unterschiedlichen Seiten buchstäblich über Leichen gehen.

Bis De Luca die Zusammenhänge klar sind, gibt es für ihn und Giannino einiges zu ermitteln und aufzudecken, wobei sie nicht immer die richtigen Schlüsse ziehen. Das Miteinander und zuweilen auch Gegeneinander des erfahrenen Polizisten, verbittert, häufig gereizt und grantig auf der einen Seite und des unbekümmerten, enthusiastischen, lebenslustigen jungen Agenten auf der anderen hat Charme und trägt nicht unerheblich zum hohen Unterhaltungswert der Story bei, die allein schon aufgrund des örtlichen und mehr noch zeitlichen Hintergrunds Interesse weckt. Der zweite Weltkrieg liegt nicht lange zurück und der kalte Krieg hat begonnen. Lucarelli hatte einen famosen Einfall, um uns das Lebensgefühl und die besonderen Umstände dieser spannenden Epoche nahe zu bringen. Mehrmals untermalt er seine Geschichte mit Inhaltsangaben verschiedener Magazine und Illustrierten, die ein sehr interessantes Schlaglicht auf die Zeit werfen und auf das, was die Öffentlichkeit damals interessierte und bewegte.

Bologna ist zu jener Zeit trotz der Kriegsschäden offenbar eine sehr schöne Stadt, die Lucarelli auch entsprechend in Szene setzt. Das Straßenbild wird bestimmt durch die schönen alten Automobile der Nachkriegszeit, fast ausschließlich italienische Modelle, an denen Lucarelli offenbar Gefallen findet, häufig und oft ausführlich beschreibt er die Fahrzeuge. So tragen die Lancias und Fiats und Alfa Romeos, die Topolinos und Giuliettas dazu bei, die Stimmung jener Jahre einzufangen, wie auch die leiblichen Genüsse, denen vor allem Giannino sich mit Vorliebe widmet, einschließlich ungezählter Caffè und Cappuccini. Hinzu kommen musikalische Belege für die frühen fünfziger Jahren, viele Zitate der zeitgenössischen italienischen leichten Muse rund um die Stars des wichtigen Sanremo-Festivals vermitteln dem Leser das besondere Gefühl jener Zeit, die ja auch eine Epoche des Aufbaus und des Aufbruchs ist.

Mehr noch als von der stimmigen Atmosphäre, der realistischen Wiedergabe jener oft auch düsteren Jahre, dem zwielichtigen Milieu der unterschiedlichen Geheimdienste und ihrer Agenten, die bei ihrem schmutzigen Geschäft gezeigt werden, lebt der Roman von seinen starken und sehr lebendigen Figuren, die Lucarelli äußerst präzise und plakativ ausgeführt hat und die beim Leser unwillkürlich Emotionen hervorrufen. Und natürlich von der Spannung, die durchgängig von Beginn an bis zum letzten Kapitel anhält. Nur selten wird der geradlinig vorangetriebene, gut strukturierte Plot unterbrochen von Einlassungen zum Innenleben De Lucas, etwa dann wenn ihm Zweifel an seinem Tun kommen oder wenn er unsicher ist, was seine Gefühle für Claudia betrifft. Wie es sich für einen Roman gehört, der in Bella Italia spielt, gibt es aber auch heitere Momente, optimistische, lebensbejahende Augenblicke, die Leichtigkeit vermitteln und Zuversicht verbreiten. Auch das kann Lucarelli hervorragend. An dieser Stelle ein großes Lob der Übersetzerin Karin Fleischanderl, die den wunderbar ungezwungenen und doch packenden, modernen Stil des Autors perfekt trifft und den mal unbeschwerten, mal lakonischen Ton des Originals kongenial wiedergibt.
Mit der Reihe um Kommissar De Luca ist ihm ein großer Wurf gelungen, die Krimis aus Bologna gehören zweifellos zum Besten, was das Genre zur Zeit nicht nur in Italien bietet.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Italienische Intrige | Erschienen am 21. August 2018 im Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-753-2
224 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe