Johannes Groschupf | Berlin Heat

Johannes Groschupf | Berlin Heat

Der Fahrstuhl ist noch da, das Licht glimmt, ich stelle mich rein, drücke auf den Knopf, gehe langsam in die Hocke, als er anruckt und nach unten fährt. Ich will nie wieder in meinem Leben aufstehen. Ich ziehe den Umschlag raus und schaue rein. Die zweitausend Euro sind drin. Das Blut sickert aus meinem Mund auf den Boden und tropft und tropft, warm und rot.
Der Fahrstuhl kommt unten an. Die Falttür geht knarrend auf und wartet darauf, dass ich aufstehe. Das ganze Haus ist still, mein Haus, meine Wohnung, mein Abfuck, meine Schande vom ersten bis zum sechzehnten Stock. (Auszug S.64)

Berlin im Sommer nach der Pandemie, erst ist unerträglich heiß und die Stimmung in der Stadt ist ziemlich aufgeladen. Für Tom Lohoff ist die Situation auch gerade nicht optimal, denn er hat zwölftausend Euro Schulden bei Unterweltgröße Krasniqi. Spielschulden weitgehend, denn jede frei Minute hockt Tom im Wettbüro und wettet auf Hunderennen in England, Matches von kleineren Tennisturnieren oder die zweite weißrussische Fußballliga. Sein Auskommen bestreitet Tom im Vermitteln von Wohnungen an Touristen und weiteren dazu gehörigen Dienstleistungen wie Drogen, Zugänge zu bestimmten Clubs etc. Nachdem Krasniqi zwei Mitarbeiter bei Tom vorbeigeschickt hat, um die Rückzahlungsfrist nochmal zu unterstreichen, ist Tom dann auch nicht wählerisch, als zwei zwielichtige Typen sehr kurzfristig eine Wohnung bei ihm buchen wollen und dafür 2.000 Euro bar hinlegen wollen.

Tom verabredet sich für den späten Abend zur Wohnungsübergabe. Die beiden Typen haben noch einen Mann im Rollstuhl dabei, der seltsam apathisch wirkt. Gemeinsam bringen sie den Mann in die Wohnung in der Plattenbausiedlung am Fennpfuhl. Im weiteren Verlauf kommt es zum Streit und Tom holt sich eine blutige Lippe, aber die 2.000 Euro hat er immerhin kassiert. Doch kurze Zeit später merkt Tom, was er sich da eingebrockt hat: Im Fernsehen erfährt er von der angeblichen Entführung des AfD-Spitzenkandidaten durch Linksterroristen. Und er stellt fest: Der Typ im Rollstuhl war der Mann von der AfD. Damit nimmt das Unheil weiter seinen Lauf, zumal sich Toms Vater, ehemaliger Polizist und Verhörspezialist der DDR-Volkspolizei, für den Tom die Wohnungen verwaltet, sich die Sache in der Wohnung am Fennpfuhl mal genauer ansehen will. Denn irgendwie scheint die Sache zu stinken.

Meine Füße sind wund vom Laufen in der Hitze, es ist mir gleichgültig, ich laufe weiter und weiter und schaffe mich richtig rein in den Selbsthass, die Selbstvorwürfe, geschieht mir doch recht, es ist allein meine Schuld, dass […] Mein Leben als Loser, extended version, in Endlosschleife. (Auszug S.199)

Im Zentrum der Geschichte steht dieser Tom Lohoff, kein Unsympath, aber ein echter Loser, ein Naivling und Taugenichts. Er hat eine Menge Schulden und ist trotzdem noch Stammgast in den Wettbüros und Spielotheken. So langsam steht ihm aber jetzt das Wasser bis zum Hals und er versucht händeringend das Geld aufzutreiben, egal wie. Er pumpt seinen Vater an, beklaut seinen WG-Mitbewohner und nimmt schließlich auch das merkwürdige Angebot für die Wohnung im Fennpfuhl an. Damit setzt er aber Ereignisse in Gang, in denen in Folge eine albanische Unterweltgröße, ein radikaler Neonazi, ein aalglatter AfD-Politiker, sein Vater als Ex-DDR-Bulle und eine unkonventionelle Polizistin mitmischen und teilweise aufeinanderprallen. Was man Tom zu Gute halten muss: Er versucht zu retten, was (vielleicht) nicht mehr zu retten ist.

Autor Johannes Groschupf ist 2019 im Krimigenre mit seinem Roman „Berlin Prepper“ eingeschlagen und bekam dafür auch den Deutschen Krimipreis. Der Roman hatte mich damals nicht so richtig gereizt, „Berlin Heat“ wiederum sofort. Der Roman ist keine Fortsetzung von „Berlin Prepper“ sondern ein Stand-Alone und spielt aktuell im Sommer 2021, wenige Wochen vor der Bundestagswahl. Protagonist Tom Lohoff führt als Ich-Erzähler durch die Geschichte, die nur wenige atemlose und für Tom fast schlaflose Tage umfasst. Tom bewegt sich mit dem Leser durch verschiedene Kieze und Orte der Hauptstadt, bleibt dabei im Mikrokosmos der Figuren, wodurch sich aber immer wieder auch ein Blick auf gesamtgesellschaftliche-poltische Themen weitet.

„Berlin Heat“ präsentiert sich als sehr temporeicher Thriller, manchmal derb und hart, aber auch skurril und augenzwinkernd. Neben Tom Lohoff als geborenem Verlierer findet sich zudem weitere spannende Figuren im Roman bis hin zu den Nebenfiguren, am besten gefiel mir dabei die ausgefuchste Roma-Polizistin Romina. Groschupf gelingt es zudem hervorragend, eine Post-Pandemie-Stimmung und diese flirrende „Summer-in-the-City“-Atmosphäre zu erzeugen. „Berlin Heat“ steht damit auch in der langen Tradition der literarischen bis filmischen Berlin-Porträts. Tom steht für mich dabei mit seiner Odyssee durch die Stadt in klarer Linie zu Tom Tykwers Lola. Also alles in allem ein sehr kurzweiliger Hauptstadt-Thriller, den ich unbedingt empfehle.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Berlin Heat | Erschienen am 10.05.2021 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47139-5
256 Seiten | 14,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

3 Replies to “Johannes Groschupf | Berlin Heat”

  1. Oh, den Titel hatte ich eigentlich schon für mich ausgeschlossen (auch „Berlin Prepper“ konnte mich wenig neugierig machen bzw. reizen), aber Deine tolle Besprechung weckt nun doch mein Interesse. Kommt auf den Merkzettel. Danke Gunnar!

    1. Hallo Stefan, ich war durchaus auch skeptisch, aber das hier ist für meinen Geschmack ein wirklich gelungener Thriller, dazu noch Berlin-Flair. Darfst du gerne mal ausprobieren.
      Viele Grüße, Gunnar

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