Susanne Jansson | Opfermoor

Susanne Jansson | Opfermoor

 Ein Thriller aus Südschweden

„Roman“ heißt es auf dem (übrigens recht ansprechenden) Cover des bei C. Bertelsmann erschienen Buches, offenbar ist man sich nicht so ganz sicher, welchem Genre denn Opfermoor zuzurechnen ist. Tatsächlich ist eine Festlegung nicht ganz einfach, im Klappentext wird das Buch als „suggestiver Spannungsroman“ gepriesen, und als solcher ist der Erstling der Autorin Susanne Jansson noch am ehesten anzusehen, ein Thriller, der an manchen Stellen in Richtung Psychothriller weist, aber eben nicht nur. Es finden sich neben Krimi-Elementen auch Anklänge an Phantastische Literatur und Schauerromane, an Grusel- oder Gespenstergeschichten, gar an Märchen, eine seltsam unentschiedene Mischung, die auch noch Platz hat für philosophische Betrachtungen zu Kant und Schopenhauer sowie fundamentale Aussagen zum Buddhismus, Einlassungen zur Quantenmechanik und String-Theorie nebst einigem Wissenswerten zur Kunst der Fotografie. Ein wenig viel für ein Buch, da bleibt dann eben nicht mehr allzu viel Raum für den Krimi-Plot.

Hinzu kommt ein kaum überschaubarer Apparat von gut zwei Dutzend Akteuren, da muss man sich als Leser schon konzentrieren, um den Überblick zu behalten, auch wenn viele Personen nur als Randfiguren auftreten. Die Hauptakteure allerdings sind sehr gut herausgearbeitet, gründlich und sorgfältig gezeichnet, so dass ein äußerst genaues und facettenreiches Bild entsteht. Dies trifft vor allem für die beiden starken Frauengestalten des Romans zu, zwei recht unterschiedliche Typen, die doch einiges gemeinsam haben. Da ist die Biologiestudentin Nathalie Ström, die nach vierzehn Jahren aus Göteborg zurückkehrt in die Landschaft ihrer Kindheit in Südschweden, zwischen Dalsland und Värmland, ein Land der Seen und Wälder – und der Moore. Nathalie ist jetzt sechsundzwanzig und schreibt an ihrer Doktorarbeit, dafür will sie im Moor Feldforschungen zur globalen Erwärmung durchführen und mietet sich in eine kleine Kate auf dem Gutshof Mossmarken ein. Das große Torfmoor vor der Haustür diente früher als ritueller Ort, an dem Menschen geopfert wurden. Als Nathalie hier als Kind lebte, wurde eine Moorleiche gefunden, das sogenannte Preiselbeermädchen, inzwischen Hauptattraktion des regionalen Museums.

Während Nathalie sich in ihrer alten Heimat wieder einlebt, macht sie die Bekanntschaft eines jungen Kunststudenten, der jeden Tag auf einem Bohlenweg durch das Moor seine Runde dreht und dabei an ihrer Hütte vorbeijoggt. Eines Tages hat Nathalie eine Ahnung und rennt ihm nach, sie kann gerade noch verhindern, dass er im Moor versinkt. Johannes Ayeb, so der Name des jungen Mannes, wurde niedergeschlagen und ist bewusstlos, neben ihm findet sich ein Beutel mit Goldmünzen und ein offensichtlich hastig geschaufeltes, für ihn bestimmtes Grab. Johannes wird erst am Ende des Buches im Krankenhaus wieder aufwachen, inzwischen versucht Inspektor Leif Berggren, den Fall zu lösen. An seiner Seite ist die Künstlerin Maya Linde, die nebenberuflich als Polizeifotografin in Teilzeit arbeitet. Sie ist die zweite starke Frau in dieser Geschichte und offensichtlich ein Alter Ego der Autorin. Wie diese ist Maya in Åmål an der Grenze zu Norwegen aufgewachsen, auch sie ging nach ihrer Ausbildung für einige Jahre nach New York. Nun, mit Mitte Fünfzig, ist sie zurück in ihrer südschwedischen Heimat und hat sich im Künstlerort Fengerskog ein Haus gekauft. Dank ihres künstlerischen Erfolgs ist sie finanziell unabhängig, aber einen Tatort zu dokumentieren fasziniert sie, einen Menschen abzubilden, der seinen letzten Atemzug getan hat, alltägliche Gegenstände zu fotografieren, die plötzlich eine ganz neue Bedeutung erlangen.

Auf ihren Fotos vom Tatort im Moor entdeckt sie bei der Vergrößerung im Hintergrund des Bildes undeutlich eine Gestalt, die offensichtlich versucht, sich zu verbergen. Der Täter? Wer war es, und was war sein Motiv? Als bald darauf ein Toter im Moor gefunden wird, der gepfählt wurde und dem man ebenfalls Goldmünzen mit ins Grab gegeben hat, beginnen die Spekulationen. Kann es sein, dass abergläubische Menschen an diesem rituellen Ort nach wie vor Opfer bringen, Menschenopfer wie vor hunderten und tausenden Jahren, um Unheil oder Unglück abzuwenden und das Moor und seine Geister gnädig zu stimmen? Immerhin sollen hier in jüngerer Vergangenheit in regelmäßigen Abständen Personen spurlos verschwunden sein. Tatsächlich stößt Maya, die vor allem ein künstlerisches Interesse an der Landschaft hat, bei ihren Gesprächen mit den Einheimischen auf eine Menge Aberglauben, auf Gerüchte und Geschichten von bösen Mächten, Gespenstern und Wiedergängern, die hinter vorgehaltener Hand erzählt werden. Sie trifft die Wirtin des Gutshofes , die sich nebenbei als Yoga-Lehrerin und „Entwicklungs-Coach“ versucht und mit ihrer kruden Esoterik-Methode „Matrix Mind“ verspricht, die Wirklichkeit mit Hilfe reiner Gedankenkraft beeinflussen zu können. Oder Texas, einen seltsamen Kauz aber liebenswürdigen Zeitgenossen, einen Überlebenden der Hippie-Generation, der die Augen lieber verschließt vor den mysteriösen Ereignissen im Moor.

Und auch Nathalie, die das Moor in ihrer Kindheit selbst als geheimnisvoll und unheimlich erlebt hatte, wenn sie mit ihrer Freundin in der selbstgebauten Hütte auf Gespensterjagd ging, begegnet einigen Menschen, die höchst empfänglich sind für Spuk und Spökenkiekerei. Zum Beispiel dem früheren Physikprofessor Göran Dahlberg, der inzwischen Geisterjäger ist und sich in Geschichten über das scheinbar Unerklärliche vertieft und mit wilden Theorien auseinandersetzt die übernatürliche Phänomene erklären sollen. Es sind einige sehr interessante Figuren, die Susanne Jansson einführt und deren wichtigste sie angemessen sorgfältig darstellt. Der eigentliche Star aber ist die Moorlandschaft. Wer sich an die meisterhafte Ballade Der Knabe im Moor erinnert, jenes schaurig-schöne Gedicht der Annette von Droste-Hülshoff mit seinen höchst eindrucksvollen, gruseligen Naturbeschreibungen samt gespenstischer Geräusche und furchteinflößender Spukerscheinungen, der mag sich vorstellen, welche Wirkung der Schauplatz des Opfermoores entwickeln könnte. Hier allerdings klingt die Beschreibung der Natur eher beschaulich statt bedrohlich:

„Die knorrigen, grauen Kiefern. Tümpel wie funkelnde Wasseraugen zwischen grünsaftigen Grasbüscheln. Eine behagliche Ödnis in matten Farben. Schimmerndes Wollgras auf dünnen, herbstlich rostroten Stängeln. Eine stille Weite mit gelblichem Gras und Moos unter dem riesigen weißen Himmel.“

Die Dämonie der Natur wird also ausgespart, aber die Farben und Stimmungen sind in einer sehr bildhaften Sprache wunderbar eingefangen, die sich überhaupt durch das gesamte Buch zieht und das Lesen zu einem Genuss macht. Das Unheimliche, Unheilvolle, Beängstigende geht von mysteriösen Geschehnissen aus, die sich in der Vergangenheit abgespielt haben und die Beteiligten nun einholen. Auch Nathalie hat offenbar ein Trauma zu bewältigen und muss nun diese Ängsten überwinden. Die Geschichte ihrer Kindheit, die mit zwei Tragödien endete, erfahren wir aus den Erinnerungen und Vorstellungen, in die sich die Hauptfigur häufig verliert. Bislang hatte sie immer den Kopf mit wissenschaftlichen Fakten gefüllt um bestimmte Informationen, die sie nicht verarbeiten konnte, nicht an sich heranzulassen. Jetzt muss sie sich endlich der Wahrheit stellen.

Der Kriminalfall ist recht einfach gestrickt, aber die Autorin versteht es geschickt, seine Klärung immer wieder hinauszuzögern, Informationen werden dem Leser vorenthalten oder erscheinen fragwürdig, es gibt einige Cliffhanger und der weitere Verlauf bringt auch nur ganz allmählich neue Splitter der Wahrheit (oder doch nur eine neue Wahnvorstellung?) zutage. Die Auflösung aller, fast aller Rätsel geht dann rasch und unspektakulär über die Bühne, die Dorfgemeinschaft hat sich getroffen, um Dinge von allgemeinem Interesse zu diskutieren, und so sind alle verdächtigen Personen in einem Raum versammelt, als die Polizeibeamten auftauchen und Handschellen klicken. Johannes ist endlich aus dem Koma erwacht und hat die entscheidenden Hinweise gegeben, danach ging alles ganz schnell und das Geständnis folgt auf dem Fuße.

Ein sehr schönes Debüt von Susanne Jansson, wenn man darüber hinweg sieht, dass der Faden des Krimi-Plots ein wenig dünn gesponnen ist und der Spannungsbogen zwischendurch manchmal abfällt. Dafür eine Menge Lesenswertes über Land und Leute im ländlichen Südschweden, über wunderschöne, beeindruckende Natur und über Aberglauben, alte Sagen und Rituale. Das alles sehr schön geschrieben und offensichtlich toll übersetzt von Lotta Rüegger und Holger Wohlandt. Die bildgewaltige und ebenso klangvolle Sprache, die auch an der einen oder anderen Stelle geschickt musikalische Zitate einbringt und so für eine Art Soundtrack sorgt, von Kris Kristofferson über Bob Dylan bis zu Arvo Pärts „Für Alina“, trägt bei zum uneingeschränkten Lesespaß, der allemal gute Unterhaltung auf beachtlichem Niveau bietet.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Opfermoor | Erschienen am 12. März 2018 bei C. Bertelsmann
ISBN 978-3-570-10336-4
320 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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