Jørn Lier Horst | Wisting und der Tag der Vermissten Bd. 1 (13)

Jørn Lier Horst | Wisting und der Tag der Vermissten Bd. 1 (13)

Neben Spezialisten von der Polizei hatten unter anderem Kryptologen vom Militär die mysteriöse Mitteilung untersucht, ohne dass irgendjemand einer Lösung näher gekommen war. Der Code war sogar Experten im Ausland vorgelegt worden, doch auch sie konnten nichts anderes als eine sinnlose Zahlenkombination darin erkennen. (Auszug Seite 7)

Im Mittelpunkt dieses norwegischen Krimis steht Kommissar William Wisting, ein besonnener Mittfünfziger, der sich mit einer stoischen Beharrlichkeit in Akten verbeißen kann. Schon ein Leben lang verfolgt ihn ein Fall, der ihm keine Ruhe lässt. Vor 24 Jahren verschwand eine junge Frau namens Katharina Haugen unter mysteriösen Umständen. Sie hinterließ einen gepackten Koffer, ein paar vertrocknete Rosen und einen Zettel auf dem Küchentisch mit merkwürdigen Zeichen und Zahlen.

Der Katharina-Code

Jedes Jahr am Tag ihres Verschwindens nimmt der Kommissar sich die alten Fallakten vor und sichtet noch mal alle Hinweise um etwas zu entdecken, dass er möglicherweise übersehen hat. Er studiert wieder und wieder sämtliche Zeugenaussagen, Fotos und besonders rätselt er über die mysteriöse Skizze, an der sich schon mehrere Experten erfolglos die Zähne ausgebissen haben und die inzwischen als Katharina-Code bezeichnet wird (so auch der norwegische Original-Titel). Jedes Jahr besucht er sogar Katharinas Ehemann Martin Haugen und über die Jahre hat sich, wenn auch keine Freundschaft, aber so etwas wie eine Bekanntschaft entwickelt, mit der man schon mal zusammen zum Angeln geht.

Dieses Jahr kommt überraschend Bewegung in den Fall. Das erste Mal in all den Jahren trifft der Kommissar an diesem besonderen Tag Martin Haugen nicht zu Hause an und der Ehemann bleibt auch die nächsten Tage unauffindbar. Zeitgleich bringt Adrian Stiller, ein junger Ermittler einer neu gegründeten EU-Gruppe für Cold-Cases aus Oslo neuen Schwung in die Angelegenheit. Dieser hat Haugen in einem ebenfalls lange zurückliegenden Entführungsfall im Visier, denn mit den verbesserten technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit hat man Haugens Fingerabdrücke festgestellt.

True Crime Podcast

Stiller hat seine ganz eigene Art zu ermitteln. Er überredet Wisting bei einer verdeckten Ermittlung den Köder zu spielen, um Haugen zu verunsichern und aus der Reserve zu locken. Außerdem arbeitet er noch mit den Medien zusammen, um den Druck auf den potenziellen Täter zu erhöhen. Ohne Wistings Wissen wählt er auch ganz gezielt dessen Tochter Line aus, eine freiberufliche Journalistin, und bittet sie, eine Artikelserie per Podcast über den alten Entführungsfall zu erstellen. Zeitgleich wird auch in einer Fernsehsendung, vergleichbar mit unserem „Aktenzeichen XY“, über die Wiederaufnahme des Kriminalfalls berichtet.

Ich habe mich noch nie mit True-Crime-Podcasts beschäftigt, aber hier wird sehr ausführlich erzählt, wie Line und ein Kollege damalige Zeugen und Angehörige befragen, wie alles aufgenommen und zusammengeschnitten wird. Durch den journalistischen Aspekt kommt noch mal eine ganz andere Perspektive dazu, die ich sehr interessant fand.

Der sich gemächlich entwickelnde Kriminalroman kommt auf ganz leisen Sohlen daher. Relativ unspektakulär und ohne große Effekthascherei verzichtet er auf große Brutalität und Blutvergießen. Stattdessen überzeugt er mit einem intelligenten Schreibstil und lebensechten Figuren. Wenn sich die beiden Männer Wisting und Haugen misstrauisch umkreisen, mutet das wie ein Kammerspiel an, bei dem sich die subtile Spannung immer mehr in die Höhe schraubt. Einen besonderen Reiz machen die gegensätzlichen Figuren und ihre unterschiedlichen Herangehensweisen aus: Auf der einen Seite der engagierte Kommissar William Wisting, ein umgänglicher, sympathischer Witwer mit einer engen Beziehung zu seinen bereits erwachsenen Kindern. Auf der anderen Seite Adrian Stiller, ein ehrgeiziger, undurchsichtiger Ermittler, der mit ungewöhnlichen Methoden wie Manipulation und Provokation ans Ziel kommen will.

Fazit

Die Verknüpfung von zwei lange zurückliegenden Kriminalfällen hat mir richtig gut gefallen und schon ewig habe ich nicht mehr derart bei der Lösung mitgerätselt. Der Fokus liegt hier auf der detailliert sowie realistisch geschilderten Polizeiarbeit. Und da kann Jørn Lier Horst, der viele Jahre als Kriminalkommissar und Ermittler bei der norwegischen Polizei tätig war, auch auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen.

Dies ist bereits der 13. Teil mit Kommissar Wisting, einer in Norwegen sehr erfolgreichen Serie. Mit diesem Band beginnt ein neuer Abschnitt, bei dem sich alles um Cold Cases dreht. Und zumindest im nächsten Band, der im März 2020 in Deutschland erscheinen wird (Wisting und der fensterlose Raum), ist auch Adrian Stiller wieder mit von der Partie. Trotz einiger schon arg bedächtiger Stellen wäre auch ich wieder gerne mit dabei. Ich mochte diesen unaufgeregten Erzählstil und der Krimi hatte für mich etwas total Entschleunigendes.

Das Cover ist typisch für einen Krimi aus dem Hohen Norden. Über eine Eisfläche steht der Name der Hauptfigur WISTING exponiert im Vordergrund. Das sorgt bei einer Reihe für einen guten Wiedererkennungswert. Das Motiv hat aber mit der Kriminalgeschichte nichts zu tun. Auf dem norwegischen Original-Cover ist zumindest noch der mysteriöse Zettel mit dem Katharina-Code abgebildet.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Wisting und der Tag der Vermissten | Erschienen am 1. Oktober 2019 bei Piper
ISBN 978-3-492-06141-4
464 Seiten | 15.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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