Jo Nesbø | Messer Bd. 12

Jo Nesbø | Messer Bd. 12

Das richtige Messer für die richtige Tätigkeit war entscheidend. Die Messer waren gut, zweckdienlich, von herausragender Qualität. Trotzdem fehlte ihnen, was Svein Finne an Messern besonders schätzte. Persönlichkeit, Seele, Magie. Bevor der groß gewachsene junge Polizist mit den störrischen Haaren alles kaputtgemacht hatte, war Svein Finne der stolze Besitzer einer stattlichen Sammlung von insgesamt sechsundzwanzig Messern gewesen. (Auszug Seite 15)

Die Rezension ist mir diesmal nicht ganz leicht gefallen. Ich bin ein großer Fan der Harry-Hole-Reihe und habe sämtliche Bände gelesen und geliebt, angefangen mit Der Fledermausmann bis zum elften Band Durst. In jenem letzten Band war Harry Hole Dozent an der Polizeihochschule und führte zusammen mit Ehefrau Rakel und Sohn Oleg nach vielen Höhen und Tiefen ein harmonisches Privatleben. Das fand ich zur Abwechslung mal ganz erfrischend, doch das holde Glück war nur von kurzer Dauer.

Harry Hole am Scheideweg

In Messer, dem zwölften Band und nur circa anderthalb Jahre später spielend, ist schon wieder alles vorbei. Harry wurde von seiner Frau rausgeschmissen, den genauen Grund erfährt man erst später. Und er ist wieder dem Alkohol verfallen, lässt sich total gehen und versinkt regelrecht in depressivem Selbstmitleid. Seinen Job als Dozent hat er verloren und arbeitet wieder in seiner alten Dienststelle, wird aber von seiner Chefin Katrine Bratt nur mit einfachen Ermittlungstätigkeiten beschäftigt. Im Laufe der zwölf Bände balancierte der schwierige Einzelgänger oft an der Grenze eines seelischen Abgrundes, aber diesmal befindet er sich endgültig auf einem Selbstzerstörungstrip. Dem wird im aktuellen Buch sehr viel Platz eingeräumt und das war teilweise wirklich schwer zu ertragen, aber ich befürchte dass es sich hierbei um eine realistische Darstellung eines alkoholkranken Menschen handelt. Ein Quartalssäufer funktioniert eine Zeitlang ganz gut und meistens auch abstinent, um dann nach einem totalen Kontrollverlust einen schlimmen Absturz zu erleiden.

Zeitgleich wird der 77-jährige Svein Finne nach langer Haftzeit entlassen. Hole war damals an seiner Verhaftung mitverantwortlich und der perverse, sadistische Serienvergewaltiger mit einer Vorliebe für Messer, schwor Harry und seiner Familie nicht nur aus diesem Grund Rache. Finne wird Der Verlobte genannt und war bekannt dafür, seine Opfer schwängern zu wollen. Er drohte den Frauen, sie umzubringen, wenn sie „sein Kind“ abtreiben wollten. Kaum entlassen, lebt er seine kranken Fantasien erneut aus und geht trotz seines fortgeschrittenen Alters sofort wieder auf die Jagd nach neuen Opfern.

Totaler Blackout

Hole wacht eines Morgens nach einer durchzechten Nacht mit blutverschmierten Klamotten und einem totalen Filmriss auf. Dann passiert etwas, was ihn endgültig aus der Bahn wirft. Einzelheiten möchte ich hier nicht spoilern, mich hat dieser Verlauf sehr geschockt und ich dachte, das kann Nesbø doch nicht machen. Aber der norwegische Autor hat keine Bedenken, den Leser zu verschrecken. So erklärte er einmal in einem Interview, dass er es nicht als seinen Job ansieht, die Erwartungen seiner Leser zu erfüllen, sondern dass ausschließlich Geschichten schreibt, die ihn selbst interessieren. Und so falsch kann er bei mittlerweile über 40 Millionen weltweit verkauften Exemplaren ja auch nicht liegen.

Messer ist ein Thriller, in dem die Gewalt deutlich weniger im Vordergrund steht als in manchen Vorgängerbänden und der sich komplett auf seinen charismatischen Protagonisten Harry Hole konzentriert, dessen Leben nun richtig aus den Fugen gerät. In einer weiteren spannenden Handlungsebene geht es um die Traumata von Soldaten eines Spezialkommandos in Afghanistan und es gibt auch ein Wiedersehen mit einigen Bekannten aus dem Harry-Hole-Kosmos, wie Kaja Solness, die Harry damals in Leopard aus der Drogenhölle Hongkongs holte.

Auch dieser Thriller ist ein düsterer Pageturner mit ständig wechselnden Erzählperspektiven, der mit vielen frappierenden Wendungen, falschen Spuren sowie melancholischer Stimmung glänzt und mit ergreifenden Emotionen überzeugt. Wenn es zum Schluss zur komplett unerwarteten aber logischen Auflösung kommt, kann man die intelligente Konstruktion nur bewundern. Wenn dann alle losen Fäden verknüpft werden, wird die Raffinesse des Plots deutlich. Selbst die sehr ausführlichen Beschreibungen über Musik haben ihre Berechtigung, denn Hole findet einen wichtigen Hinweis mitten zwischen seiner riesigen Plattensammlung, der dann sogar ihn selbst als Täter in den Fokus rückt.

Sung-mins Verdacht, dass Harry Hole im Affekt und umnachtet von Alkohol getötet hatte, war dadurch nur noch verstärkt worden. Er nahm an, dass Harry tatsächlich große Teile des Vorfalls vergessen oder verdrängt und die letzten Tage seines Lebens damit verbracht hatte, gegen sich selbst zu ermitteln. (Seite 462)

Fazit

Messer ist vielleicht der emotionalste, dramatischste Teil, für mich ein Band mit leichten Schwächen, aber für Fans der Reihe ein Muss. Nesbø zeigt sich wieder als gewiefter Meister von vertrackten Plots und rausgekommen ist ein tiefgründiger und vielschichtiger, hervorragend geschriebener Krimi der Extraklasse.

Funfact: Für seinen zerrissenen Helden Harry Hole hat Jo Nesbø die Storyline seines privaten und beruflichen Lebens schon vor Jahren festgelegt und hält sich im Groben auch an diesen Plan.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Messer | Erschienen am 27. August 2019 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-08173-6
576 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Kniv
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Jo Nesbø-Romanen Macbeth, Die Larve und Durst sowie einen Sonderbeitrag Lesung: Jo Nesbø | Blood on Snow. Das Versteck, Bericht von der Lesung in Schwerte

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