Delia Owens | Der Gesang der Flusskrebse

Delia Owens | Der Gesang der Flusskrebse

Das Marschland von North Carolina: Eine Landschaft von atemberaubender Schönheit. Salzwiesen, Moore, Eichenwälder, Wasserläufe, Sanddünen, Schilfgräser. Nahe der Kleinstadt Barkley Cove im Jahre 1952 ist das Marschland ein scheinbar undurchdringliches Dickicht. Und doch leben in den Wäldern in heruntergekommenen Behausungen Menschen wie die Familie von Catherine Danielle „Kya“ Clark unter ärmlichsten Bedingungen.

Die Sechsjährige beobachtet eines Morgens, wie ihre Mutter mit einem Koffer das Haus verlässt – und nie wiederkommen wird. Kyas ältere Geschwister nehmen ebenfalls Reißaus vor dem cholerischen Vater, zuletzt der 13-jährige Jodie. Kya bleibt zurück und muss den Haushalt führen. Der Vater ist tagelang fort, trinkt und zockt. Für eine kurze Zeit allerdings gibt es eine Annäherung zwischen Vater und Tochter, er nimmt sie sogar auf seine Boots- und Angeltouren mit. Doch als ein Brief der Mutter eintrifft, kehrt die Wut des Vaters zurück und er verfällt in alte Muster. Eines Tages kehrt auch er nicht mehr zurück, Kya ist nun völlig allein.

Manchmal hörte sie nachts Geräusche, die sie nicht kannte, oder sie erschrak sich, wenn Gewitterblitze zu nah waren, doch wenn sie stolperte, war da immer das Land, das sie auffing. Bis irgendwann, in einem unbemerkten Moment, der Herzschmerz versickerte wie Wasser in Sand. Noch immer da, aber tief unten. Kya legte ihre Hand auf die atmende Erde, und die Marsch wurde zu ihrer Mutter. (Seiten 49-50)

17 Jahre später finden zwei Jungen die Leiche von Chase Andrews am Feuerwachturm. Chase ist abgestürzt, aber einige Indizien deuten darauf hin, dass es kein Unfall gewesen sein könnte. Der junge Mann war Sohn eines erfolgreichen Unternehmers, Quarterback und Frauenheld. Der Sheriff ermittelt und bald hat er eine Hauptverdächtige: Kya Clark. Abwechselnd wird nun auf zwei Zeitebenen die Story erzählt, von den Ermittlungen des Sheriffs und die Geschichte des „Marschmädchens“ – wie ein kleines Mädchen alleine und mitten in der Wildnis erwachsen wird.

Kya Clark steht also im Zentrum des Geschehens. Das Kind ist völlig alleinstehend und lebt in einer maroden Bude mitten in der Marsch. Anfangs wird mehrfach der Versuch unternommen, ihrer habhaft zu werden, doch Kya kennt die Marsch wie ihre Westentasche und kann sich immer verbergen. In die Schule geht sie nur einen einzigen Tag. Bei einem Schwarzen namens Jumpin‘, der eine Bootstankstelle mit kleinem Laden betreibt, tauscht sie von ihr gesammelte Muscheln in Lebensmittel und andere Waren. Zudem erhält sie von Jumpins Frau Mabel regelmäßig Kleidung. Kya fühlt sich sehr einsam und erlangt eine tiefe Verbundenheit zur Marsch und der dortigen Flora und Fauna. Sie geht den Menschen bis auf Jumpin‘ und Mabel weitgehend aus dem Weg. Doch als Heranwachsende trifft sie dann auf zwei junge Männer. Zunächst auf den stillen, behutsamen Tate Walker, später auf Chase Andrews. Und irgendwann liegt Chase Andrews tot unterhalb des Feuerwachturms.

Für die Autorin Delia Owens ist „Where the Crawdads sing“ ihr Debütroman, den sie mit Ende 60 verfasste. Der Roman war im letzten Jahr ein großer Erfolg in den USA, stand wochenlang auf der Nr.1 der Bestsellerliste der New York Times. „Where the Crawdads sing“ ist übrigens eine Redewendung ähnlich dem deutschen „Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen“. Delia Owens ist Zoologin, was man diesem Buch durchaus anmerkt, da sie den Schauplatz der Marschlandschaft in North Carolina ausführlich beschreibt und ihre Protagonistin eng mit der Landschaft verbindet. Sprachlich benutzt sie sowohl naturalistische als auch bildhafte und emotionale Elemente und bindet regelmäßig Gedichte einer fiktiven Autorin in den Text ein.

Doch so, wie ihre Sammlungen wuchsen, wuchs auch ihre Einsamkeit. Ein Schmerz so groß wie ihr Herz wohnte in ihrer Brust. Nichts konnte ihn lindern. Weder die Möwen noch ein grandioser Sonnenuntergang, noch die seltensten Muschelexemplare. (Seite 185)

Die Geschichte beginnt vielversprechend, hat den Hauch eines country noir. White Trash in den Marschen und Sümpfen North Carolinas. Auch die Hauptfigur ist wohl gewählt: Ein allein gelassenes kleines Mädchen, später die scheue, wilde junge Frau – die Sympathien des Lesers sind gewiss. Auch der Aufbau des Romans mit seinen zwei Zeitebenen und dem Kriminalfall sorgt für Abwechslung und durchaus für Spannung. Somit begann ich die Lektüre mit Wohlwollen – und mit zunehmend abnehmender Begeisterung. Das liegt vor allem an drei Dingen:

Erstens: Der Kitsch. Angeblich hat sich schon Reese Witherspoon die Filmrechte gesichert (sie hat das Buch auch in ihrem Buchclub gepusht). Was mich nicht wundert, denn dieser Roman hat den ultimativen Drama-Baby-Hollywood-Plot. Nur hat man das alles schon x-mal gesehen. Und wenn es derart kitschig gestaltet wird, dann bin ich raus. Das fängt bei der Entwicklung der Figur Kya an, geht über die Freundschaft zu Tate bis hin zum Ende des Buches. Und hierzu zählen auch die zahlreichen Gedichte einer unter Pseudonym schreibenden Lyrikerin (na, wer ist das wohl?), die das Buch bevölkern.

Zweitens: Die Stereotypen, die den Roman bevölkern. Die wilde Schöne. Der verständnisvolle, ritterliche Freund. Der schöne, narzisstische Quarterback. Der Schwarze als einziger Freund der Ausgestoßenen. Die böse Schwiegermutter. Und so weiter und so fort. Fast alle Figuren bewegen sich innerhalb altbekannter und ausgelutschter Verhaltensmuster.

Drittens: Die Vorhersehbarkeit. Hat natürlich direkt mit den Stereotypen unter Zweitens zu tun. Wenn man die Figuren innerhalb üblicher Muster agieren lässt, hat der geübte Leser natürlich wenig Mühe, das weitere Geschehen vorauszuahnen. Und dieser Roman ist dafür ein Musterbeispiel. Selten habe ich mich so oft bei einem Roman geärgert, dass die Autorin nicht mit mehr Finesse agiert, sondern die Geschichte genau so weiterführt, wie es der Mainstream vorgibt. Vermeintliche Wendungen verpuffen völlig, weil schon weit vorher mit dem Zaunpfahl gewunken wurde.

Der Gesang der Flusskrebse war alles in allem eine echte Enttäuschung für mich. Es stecken viele Ansätze drin, was eine gute Geschichte ausmachen könnte: Coming-of-Age, Ausgrenzung, Enttäuschung, Verletzung, Tod, Naturbeschreibung. Doch was die Autorin vor allem zum Ende hin daraus macht, ist meines Erachtens keine große Literatur, sondern seichte Unterhaltung.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Gesang der Flusskrebse | Erschienen am 22. Juli 2019 bei hanserblau im Carl Hanser Verlag
ISBN 987-3-446-26419-9
462 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Marius Müller von buch-haltung.com

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