Kategorie: SoKo

Arne Dahl | Sechs mal zwei Bd. 2

Arne Dahl | Sechs mal zwei Bd. 2

Es macht mich wirklich traurig, dass mir niemand glaubt. Oder, noch schlimmer, dass man glaubt, ich sei verrückt. Ich habe ja den Tonfall der Beamten gehört, als sie hier waren. Ich hörte, wie sie laut über ihren Witz vom „Hausbock“ lachten, während sie in ihren Streifenwagen stiegen. Als wäre ich nicht in der Lage, den Unterschied zwischen dem verhaltensauffälligen Nachwuchs eines Käfers und einem gefährlichen, bösartigen erwachsenen Mann zu hören. Als würde ich diese Geräusche verwechseln. (Auszug Seite 9)

Die Kleeblatt-Morde

Jessica Johnsson ist bei der Polizei als durchgeknallte Verschwörungstheoretikern bekannt, eine die unter Verfolgungswahn leidet und mit absurden Anschuldigungen nervt. Aber in dem Brief, den sie der Stockholmer Polizistin Desiré „Deer“ Rosenkvist schickt, sind Details von einem alten Mordfall enthalten, die eigentlich niemand wissen kann. Und Jessica Johnsson behauptet, man hätte den Falschen verhaftet. Es war Rosenkvists erster Mordfall zusammen mit ihrem damaligen Kollegen Kriminalkommissar Sam Berger. In dem besonders grausamen Fall, in dem eine Mutter und ihr kleiner Sohn ermordet wurden, hatte man eine Kleeblatt-Zeichnung auf dem Gesäß des Opfers gefunden.

Deer gelingt es, Sam zu kontaktieren. Dieser hatte nach der Ermordung einer Kollegin und guten Freundin zwei Wochen zuvor einen Zusammenbruch erlitten. Molly Blom hatte sich um den angeschlagenen Sam gekümmert und auch dafür gesorgt, dass sie untertauchen, da der Geheimdienst Säpo ihnen den Mord anhängen will. Momentan verstecken sie sich in zwei Hütten in einem Nationalpark an Schwedens Pol der Unzugänglichkeit, den abgelegensten Ort des Landes.

Trotz der Bedrohung durch den Geheimdienst machen sich die beiden auf den Weg, um rauszufinden, ob an der Sache was dran ist. Doch der Besuch bei Jessica Johnsson endet in einem Desaster. Während des Gesprächs werden die beiden überwältigt und finden sich niedergeschlagen und gefesselt im Keller wieder, von Jessica keine Spur. Dafür jede Menge Blut und ein Stück Haut mit einer Kleeblatt-Zeichnung.

Berger-Blom-Team

Auch in dem zweiten Teil der Berger-Blom-Reihe verwebt Arne Dahl wieder souverän Rätsel um Rätsel zu einem raffinierten aber auch ziemlich verwirrendem Handlungskonstrukt. Mit jeder neuen Erkenntnis wird alles bisher Geschehene wieder umgeworfen. Dieses habe ich in dieser Häufigkeit selten erlebt. Mit dem Gefühl, etwas überlesen zu haben, musste ich immer wieder zurückblättern und den Handlungsverlauf rekonstruieren. Das macht es am Anfang schwer, sich in dem Geschehen zurechtzufinden. Den ersten Band Sieben minus eins sollte man nicht nur gelesen, sondern die Zusammenhänge auch noch einigermaßen parat haben. Sonst bleibt man bei diesem hoch komplexen Plot schnell auf der Strecke.

Dramaturgisch wirkungsvoll werden viele Dinge nur angedeutet und Seiten später folgt die Erklärung. Um Spannung zu erzeugen hält Arne Dahl häufig mit Informationen hinter dem Berg, aber diese Methode hat er für meinen Geschmack etwas zu routiniert eingesetzt. Erst spät fügen sich die einzelnen Erzählfragmente zu einem harmonischen Ganzen und dann macht der Thriller auch richtig Spaß.

Auch gelingt es Dahl wieder vortrefflich, bestimmte Stimmungen zu erzeugen. In filmreifen Szenen beschreibt er die winterlich kalte Atmosphäre Nordschwedens, zum Beispiel die Einsamkeit der zwei verschneiten Hütten am klirrend kalten Polarkreis bei 30 Grad Minus.

Die Charaktere

Nachdem sich der eigensinnige Sam Berger und Molly Blom, die hochintelligente, geradezu legendäre Undercoveragentin der Säpo im ersten Band kennen lernten und als Team zusammenrauften, sind sie jetzt zusammen auf der Flucht vor dem Geheimdienst und wollen eine Detektei gründen. Trotzdem weiß der geschwächte Sam nicht, ob er Molly vertrauen kann, denn diese scheint nicht mit offenen Karten zu spielen und ist eine Expertin darin, ein Pokerface zu wahren. Das Misstrauen gegenüber der undurchschaubaren Agentin erhöht die Spannung noch. Leider gönnt der Autor seinen beiden Protagonisten in diesem Band keine wirklich neuen Facetten. Und dann ist da noch die grundsolide Deer. Die Ehefrau und Mutter wirkt gegen die beiden sperrigen Figuren sehr normal und bodenständig.

Fazit

Wenn man den Realitätssinn mal außer Acht lässt, wird man auch mit diesem zweiten Band blendend unterhalten. Der schwedische Bestseller-Autor versteht sein Handwerk, erzählt seinen gut durchdachten Plot flüssig und routiniert, die Sprache ist anspruchsvoll und wohlgeformt. Für mich ein gelungener zweiter Teil der Berger-Blom-Serie, der am Ende noch mit einer Überraschung aufwartet und damit neugierig auf den nächsten Teil macht.

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Sechs mal zwei | Erschienen am 1. September 2017 bei Piper
ISBN 978-3-492-05811-7
Seiten | 16.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

2. April 2018

Weiterlesen: Andys Rezension zu Arne Dahls erstem Band dieser Reihe, Sieben minus eins | Rezensionen zu anderen Thrillern von Arne Dahl: Opferzahl, Bußestunde, Neid | Arne Dahl-Verfilmungen: Arne Dahl | Volume 2 und Arne Dahl | Volume 3.

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Henning Mankell | Mittsommermord

Henning Mankell | Mittsommermord

Vor zwei Wochen hatten sie beschlossen, wo sie sich treffen wollten. Da war er ihnen schon seit einigen Monaten dicht auf den Fersen. Schon am Tag, nachdem sie ihren Beschluss gefaßt hatten, suchte er die Stelle. […]
Als er dann die Stelle fand, die sie für ihre Mittsommernachtsfeier ausgesucht hatten, dachte er sofort, daß es der ideale Ort war.
Er lag in einer Senke. Darum herum wuchs dichtes Gebüsch, und es gab ein paar Baumgruppen.
Sie hätten keine bessere Stelle wählen können.
Weder für ihre eigenen Zwecke noch für seine. (Auszug Seiten 9-10)

Sommer in Schonen: Kommissar Wallander und seine Kollegen müssen einen Vermisstenfall bearbeiten, der aus ihrer Sicht vermutlich gar keiner ist. Drei junge Menschen sind seit Mittsommer verschwunden, als sie gemeinsam eine Feier geplant hatten. Allerdings schicken sie seitdem in regelmäßigen Abständen Ansichtskarten aus europäischen Städten. Die jungen Leute sind volljährig, es gibt keinen Anhaltspunkt für ein Verbrechen, Wallander würde vermutlich gar nicht ermitteln, wenn nicht besonders eine Mutter immer wieder die Polizei bedrängen würde. Doch dann werden die Polizisten von einem Mord erschüttert: Ihr Kollege Svedberg wurde in seiner Wohnung von einem unbekannten Täter erschossen.

Zunächst hat Wallander wenig Anhaltspunkte, bis er zwei Dinge herausfindet. Svedberg hatte offenbar eine Beziehung zu einer Frau, von der niemand etwas wusste. Er findet ein Foto und einen Namen, „Louise“. Außerdem bemerkt Wallander, dass Svedberg das Verschwinden der drei jungen Leute offenbar ernst nahm und während seines Urlaubs eigene Ermittlungen anstellte. Doch warum teilte er diese nicht mit seinen Kollegen? Mitten während der Mordermittlungen findet ein Wanderer im Wald die Leichen der Vermissten, die offenbar schon länger tot waren und nun arrangiert in festlichen Kostümen platziert wurden. Ein unfassbares Verbrechen, dass Wallander und seine Kollegen unter noch größeren Erwartungsdruck setzt. Aber Wallander hat schnell das Gefühl, dass beide Taten zusammenhängen. Die Frage ist nur: Wird der Täter wieder zuschlagen?

Mehr als 25 Jahre nach seinem ersten Auftritt in Mörder ohne Gesicht ist die Figur des Kurt Wallander ein fester Bestandteil des internationalen Kanons der Kriminalliteratur. Der Kommissar aus Ystad wirkte in insgesamt zwölf Bänden, war Protagonist in zahlreichen Verfilmungen, die zum Teil auf den Romanen beruhen, teils Figuren und Setting mit neuem Stoff adaptieren. 1991 erschien Mördare utan ansikte. Der Roman gewann auf Anhieb den schwedischen und skandinavischen Krimipreis. Der internationale Durchbruch ließ aber noch ein wenig auf sich warten. In Deutschland entschied sich der Rowohlt Verlag gegen eine Veröffentlichung. Die ersten drei Bücher erschienen ab 1993 beim kleinen Berliner Verlag edition q, der zum Quintessenz Verlag gehörte, einem Fachverlag für Zahnheilkunde. Erst 1999 übernahm der Paul Zsolnay Verlag die Erstveröffentlichungen.

Vor allem hofft ein guter Polizist, daß die Kriminalität abnimmt. Aber ein guter Polizist weiß gleichzeitig, daß dies kaum eintreten wird. Solange die Gesellschaft ist, wie sie ist. Solange Ungerechtigkeit der Motor des gesellschaftlichen Fortschritts ist. (Seite 400)

Nachdem es nach den Kommissar-Beck-Romanen international mit schwedischen oder skandivanischen Krimis relativ ruhig wurde, erlebte das später Scandinavian Noir getaufte Genre in den 1990ern international eine Renaissance (einer der herausragenden initiierenden Romane war Peter Høegs Fräulein Smillas Gespür für Schnee). Dabei wurde Henning Mankell mit Wallander zum bedeutenden Vertreter. Mankell sah sich in direkter Tradition von Sjöwall/Wahlöö: Beck und Wallander weisen durchaus ähnliche Züge auf und Mankell kritisiert Entwicklungen in der schwedischen Gesellschaft. Maj Sjöwall grenzte sich in einem Interview mit dem Spiegel jedoch auch deutlich von Mankell ab: „Mankells Bücher beschreiben nur den Zustand der Gesellschaft. Die Missstände, die er aufzeigt, sind so deutlich, dass jeder sie erkennt. Außerdem gibt er vor, realistisch zu schildern. Aber er überzieht stark, ist sehr brutal und schreibt ohne Humor.“ Dennoch ist Mankell sicherlich ein ausgewiesen politischer Autor, der vor allem für sein Engagement für die Palästinenser und für Afrika bekannt wurde. Er lebte auch jahrelang in Afrika, insbesondere in Mosambik. 2015 erlag Mankell einem Krebsleiden.

Mittsommermord erschien im Original 1997 als siebter Wallander-Roman. Es ist ein klassischer Polizeikrimi mit Fokus auf der Ermittlungsarbeit und dabei insbesondere auf der Figur Wallander. Mankell verwendet einen personalen Erzähler, der ausführlich auch das Innenleben des Kommissars beschreibt. Doch neben Wallanders Perspektive gibt es auch Kapitel oder Abschnitte aus Sicht des Täters, womit der Leser den Ermittlern oft (aber nicht immer) einen Schritt voraus ist. Der Täter ist ein psychisch gestörter Mann, ein Serienmörder mit bizarrem Modus, allerdings verzichtet Mankell auf Blutrünstigkeit, die Monstrosität der Taten genügt völlig. Die Polizeiarbeit wird als mühsam und energieraubend, aber auch akribisch und systematisch beschrieben.

Vor etwa fünfzehn Jahren habe ich begeistert Mankells Wallander-Krimis verschlungen und wollte nach langer Zeit überprüfen, ob mich die Werke immer noch begeistern können. Immerhin hat sich mein Krimigeschmack ja doch etwas weiterentwickelt. Ich habe dann Mittsommermord ausgewählt, weil ich noch dunkel im Hinterkopf hatte, dass dies der beste Teil der Reihe gewesen war. Und wie fällt mein Fazit nach dem Wiederlesen aus? Ich war aufs Neue absolut begeistert!

Das liegt weniger am eher soliden Schreibstil Mankells mit vielen, pragmatischen Hauptsätzen. Sondern am fast perfekten Plot mit großartigem Spannungsbogen, der immer wieder kleine Höhepunkte bereithält. Und letztlich vor allem an der Figur des Kurt Wallander. Der ist jetzt nicht so der absolute Sympathiebolzen, aber auch nicht das klischeehafte Wrack, das sich sonst so gerne in den nordischen Krimis einschleicht. Aber Mankell verlieht ihm etwas ganz Wichtiges: Authentizität. Ein Mann kurz vor der 50, geschieden, allein lebend. Ein gewissenhafter, intelligenter Polizist, allerdings manchmal auch etwas grantig und griesgrämig. Er kann durchaus im Team spielen, doch wagt auch riskante Alleingänge. Bei Wallander machen sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Der Fall geht total an seine Substanz. Rastlos, wenig Schlaf, ungesundes Essen, eine Diabetes wird ihm diagnostiziert. Doch er beißt sich durch alle Widrigkeiten und macht seinen Job. Kein strahlender Held, sondern ein Normalo, der zwar gut in seinem Beruf ist, den privat aber so einiges bedrückt.

Insgesamt war es ein absolut erfreuliches Wiedersehen mit Kommissar Wallander. Mittsommermord ist immer noch ein absolut spannender, hervorragend geplotteter Krimi, der außerdem über eine sehr wichtige Eigenschaft für einen guten Roman verfügt: Eine exzellent konzipierte, authentische Hauptfigur.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Mittsommermord | Erstmals erschienen 1997
Die gelesene Ausgabe erschien 2005 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-08607-6
aktuelle Taschenbuchausgabe des dtv Verlag vom 1. Mai 2010:
ISBN 978-3-423-21218-2
608 Seiten | 9.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

1.April 2018

Weiterlesen: Tobias Gohlis über Henning Mankell und seine Figur Wallander

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Joakim Zander | Der Freund Bd. 3

Joakim Zander | Der Freund Bd. 3

Jacob erträgt die Aufnahme nur wenige Sekunden lang, sie ist zu unverblümt. Zu drastisch und widerwärtig. Seine Finger zittern, als er den Deckel des Laptops zuschlägt, um nicht mehr davon sehen zu müssen. Er vergräbt sein Gesicht in den Händen. „Was haben Sie getan?“, fragt er schluchzend. „Und warum?“ (Auszug Seite 120)

Ein Student aus Uppsala lalalalalalala

Jacob Seger ist ein ehrgeiziger, schwedischer Student. Als angehender Diplomat macht er ein Praktikumsjahr in der schwedischen Botschaft in Beirut. Es gibt aber nicht so viel zu tun und er ist sich oft selbst überlassen. Auf der Dachparty einer Nachbarin lernt er Yassim kennen und verliebt sich sofort in den arabischen Kriegsfotografen. Es beginnt eine leidenschaftliche Beziehung. Yassim gibt sich geheimnisvoll und ist oft wochenlang unterwegs und lässt nichts von sich hören. Eine Agentin des schwedischen Geheimdienstes nimmt Kontakt zu Jacob auf und behauptet, Yassim wäre ein Terrorist, sogar ein Drahtzieher, der Anschläge in Europa vorbereitet. Die mysteriöse Myriam Awad hatte Jacob eine Falle gestellt und mit diesem Druckmittel in der Hand will sie ihn zwingen seinen Freund auszuspionieren. Jacob ist hin- und hergerissen und weiß nicht, was er glauben soll. Als er einen Kurierdienst für Yassim erledigen soll, indem er einen USB-Stick außer Landes nach Europa schmuggelt, fällt ihm in seiner Not nur die schwedische Anwältin für Menschenrechte Gabriella Seichelmann ein, die er im Fernsehen gesehen hat und bittet sie um Hilfe.

Währenddessen wird die ehemalige EU-Referentin Klara Walldéen Zeugin, wie ihre Freundin Gabriella verhaftet wird. Im Rahmen eines Anti-Terror-Einsatzes wird sie direkt vor ihrer Kanzlei in Stockholm festgenommen. Die schockierte Klara will der Freundin helfen und sich anstelle von Gabi mit einem geheimen Informanten in Brüssel treffen, aber bevor sie begreift, um was es geht, gerät sie in Gefahr und zwischen die Fronten der Geheimdienste.

Beirut, die Stadt der Gegensätze

Der dritte Band von Joakim Zander verbindet wieder Ereignisse aus dem aktuellen Zeitgeschehen, wie die Terroranschläge im Jahr 2015 in Paris mit einer spannenden, fiktionalen Geschichte. Abwechselnd wird in beiden Erzählsträngen in kurzem Kapiteln und hohem Tempo erzählt. Wenn im letzten Drittel die beiden Handlungsstränge miteinander verknüpft werden und Jacob und Klara in Brüssel aufeinander treffen, wird die Geschichte deutlich rasanter mit jeder Menge Action in Form von Schießereien und Verfolgungsjagden.

Im ersten Drittel des Politthrillers beschäftigt sich der Autor sehr detailliert und empathisch mit Jacob und seinen Erlebnissen. Seine Gefühle, Gedanken und Wünsche nehmen einen großen Raum ein und sein Zwiespalt wird glaubhaft dargestellt. Dieser Handlungsstrang beinhaltet nicht sehr viel Thrill, trotzdem war er für mich sehr interessant und fesselnd. Der Leser erlebt durch Jacobs Augen den schillernden Schauplatz Beirut, dessen faszinierende Atmosphäre der Autor gekonnt einfängt. Es gelingt ihm, ein Bild dieses zerrissenen Landes der totalen Gegensätze wiederzugeben. Wir begleiten Jacob durch die flirrende Beiruter Nachtwelt und erleben mit ihm die Unruhen der unterschiedlichen Religionsgruppen und der syrischen Flüchtlinge. Demonstrationen und Protestaktionen sind an der Tagesordnung. Auch die gesellschaftliche Stellung der Homosexuellen in dem arabischen Land wir thematisiert.

Yassim meint den eingezäunten Beach Club auf der anderen Seite der Corniche, der zur Universität gehört, ein Aushängeschild der Privilegierten. Nichts bringt Beiruts doppeltes Gesicht besser auf den Punkt als die Einschusslöcher in den Umkleidekabinen der exklusiven, überteuerten Strandclubs. Hedonismus und Gewalt in einem ewigen Tanz entlang des privatisierten Küstenstreifens. (Seite 175)

Die Charaktere

Der strebsame Jacob kommt aus einfachen Verhältnissen, die er hinter sich lassen möchte. Er hat dafür sogar seinen Namen geändert. Sein Ziel, im diplomatischen Dienst Karriere zu machen, hat er fest vor Augen. Es enttäuscht ihn, dass man in der Botschaft keine wichtigen Aufgaben für ihn hat. Als er dann Yassim kennenlernt, kreisen seine Gedanken nur noch um seinen Freund und wann sie sich wiedersehen und seine Zeit ist geprägt von Aufregung. Der brisante Auftrag, den er Yassim zuliebe erledigen will, überfordert den naiven Studenten jedoch.

Yassim bleibt bis zum Schluss eine undurchschaubare Figur und das erhöht die Spannung natürlich noch.

Klara ist aufgrund der Ereignisse aus den letzten beiden Bänden und nach dem Tod ihres geliebten Großvaters angeschlagen. Als es darauf ankommt, findet sie aber zu alter Stärke zurück. Der Handlungsstrang um Klara ist nicht ganz so dynamisch, auch wenn der Autor hier versucht, die Verhaftung von Gabi durch ein Spezialeinsatzkommando besonders spektakulär zu gestalten.

Fazit

Beim dritten Band der Klara-Walldéen-Reihe Der Freund handelt es sich um eine abgeschlossene Geschichte, die man problemlos lesen kann ohne Kenntnis der zwei Vorgängerbände Der Schwimmer und Der Bruder. Zander bleibt sich in der Thematik treu und es geht um den Nahen Osten und um seine Lieblingsthemen Terrorismus und Spionage. Diesmal sind es nur zwei leicht zeitversetzte Erzählperspektiven. Das hat der Spannung gut getan, denn der dritte Band ist nicht so komplex und verlangt daher nicht ganz so viel Konzentration, glänzt aber mit vielen unerwarteten Wendungen. Der Autor kann seine Erfahrungen in der internationalen Diplomatie mit einbringen und spiegelt die Wirklichkeit glaubwürdig wider. Besonders geglückt empfinde ich wieder seine intensiven Beschreibungen der jeweiligen Schauplätze.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Freund | Erschienen am 1. September 2017 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-27363-6
464 Seiten | 14.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

30. März 2018

Weiterlesen: Andys Rezensionen zu Joakim Zanders Romanen Der Schwimmer und Der Bruder | weitergehende Verlagsinfo

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Der Mann, der sich in Luft auflöste

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Der Mann, der sich in Luft auflöste

Im selben Moment registrierte Martin Beck etwas. Keinen Schatten und auch kein Geräusch, nur eine kleine Veränderung in der Luft schräg hinter ihm. So unmerklich, dass nur die Stille der Nacht sie wahrnehmbar machte.
Er wusste, dass er nicht mehr allein auf der Mauer war. Das Auto sollte nur seine Aufmerksamkeit ablenken, während unten auf dem Kai jemand lautlos heranschlich und sich hinter ihm auf die Mauer schwang.
Und im selben Moment begriff er auch, glasklar und deutlich, dass dies keine Beschattung, kein Spiel, sondern Ernst war. Mehr als das. Es war der Tod. Dieses Mal war er hinter ihm her, und zwar nicht zufällig, sondern kalt, berechnend und vorsätzlich. (Auszug Seite 126)

Sommer in Stockholm: Kommissar Martin Beck sortiert die letzten Akten und verabschiedet sich in den Familienurlaub auf einer Schäreninsel. Doch schon nach einem Tag wird er für eine Spezialaufgabe ins Büro zurückbeordert. Der schwedische Reporter Alf Matsson ist von einer Recherchereise nach Ungarn spurlos verschwunden. Seine Zeitung droht sein Verschwinden auszuschlachten, die schwedische Regierung befürchtet diplomatische Verwicklungen. Daher reist Beck in inoffizieller Mission nach Budapest, um dort zu ermitteln.
Beck checkt im selben Hotel wie der Verschwundene ein und begibt sich auf Spurensuche. Alf Matsson hat allerdings sein ganzes Gepäck inklusive seines Passes im Hotel gelassen. Die erste Nacht hat er in einer anderen Unterkunft verbracht. Außerdem schien er Kontakt zu einer ehemaligen ungarischen Leistungsschwimmerin gehabt zu haben. Aber all dies bringt Beck nicht wirklich weiter, zudem erhält er mit Major Szluka einen ungebetenen Aufpasser. Doch die Ermittlungen haben jemanden aufgeschreckt, in einer einsamen Nacht am Donauufer spitzen sich die Ereignisse zu.

Der Schwedenkrimi oder heutzutage etwas regionaler gefasst Skandivian Noir oder Nordic Noir ist in der Kriminalliteratur ein eigenes international erfolgreiches Genre geworden, obwohl sich dort ziemlich unterschiedliche Autorenstile tummeln. Den Reiz dieses Genres macht vor allem sicherlich die Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Leser an die gesellschaftlichen Umstände der skandivischen Musterländer und den düsteren Abgründen der Romane aus. Mehr oder weniger als Paten des Genres gelten Maj Sjöwall und Per Wahlöö mit ihrer zehnbändigen Romanreihe Roman über ein Verbrechen. Beide arbeiteten als Journalisten, heirateten 1962 und bildeten bis zum Tode Wahlöös 1975 ein kongeniales Autorenduo. 1971 erhielt der vierte Roman Endstation für neun den Edgar Award und markierte damit endgültig den internationalen Durchbruch.

Wahlöö hatte bereits vor Erscheinen des ersten Martin-Beck-Romans 1965 Die Tote im Götakanal erfolgreich Krimis veröffentlicht. Unter anderem war er (Sjöwall später auch) Übersetzer den legendären Ed McBain-Krimis, die den beiden Inspiration boten für ihr großes Romanprojekt. Sjöwall und Wahlöö waren bekennende Marxisten und wollten ihre Krimis bewusst als politisches Vehikel benutzen. Beide übten große Kritik an den sozialdemokratischen Regierungen unter Erlander und Palme des vermeintlichen Musterland Schwedens, insbesondere an der Polizeireform 1965. Sie wähnten das Land auf dem Weg in den Faschismus und dagegen wollten sie anschreiben. Dabei brachten sie ihre Kritik und politische Meinung zunächst nur in geringem Maße ein, steigerten dies aber bis zum Ende der Reihe deutlich.

Der Mann, der sich in Luft auflöste ist der zweite Band der Reihe. Das schwierige zweite Buch, „die Hölle eines jeden Autors“, wie die Autorenkollegen Anders Röslund und Börge Hellström in ihrem begeisterten Vorwort meinen. Der Roman tanzt insofern ein wenig aus der Reihe, da er über weite Strecken nicht in Schweden spielt. Die später in der Reihe deutlicher formulierte Gesellschaftskritik kommt hier auch nur in homöopathischen Dosen vor. Im Gegenteil: Die Autoren spielen die ganze Zeit mit den Erwartungen des Lesers, dass sich hier ein politisches Verbrechen verbirgt (Kalter Krieg, Eiserner Vorhang), was sich aber in der gelungenen Auflösung nicht bewahrheiten wird.

Jetzt saß er hier in Budapest mit einem Auftrag, für den er nur mit größter Mühe Interesse aufbringen konnte. (Seite 95)

Was mir an diesem Buch direkt auffiel, war die intensive Beschreibung der Figuren und der Szenen und Schauplätze. Dies ist auf der einen Seite äußerst filigran und gekonnt, sorgte bei mir aber während der Kapitel in Budapest teilweise für eine merkwürdige Stimmung. Es gibt lange Phasen, in denen eigentlich kaum etwas passiert, es fühlt sich ein wenig wie in Zeitlupe an. So wie Beck selbst, ging es mir auch hin und wieder. Bis zu dieser Szene an der Donau.

Als Fazit kann ich mich nicht völlig begeistert zeigen, aber gerade das Ende hat mich positiv versöhnt. Ich kann auch durchaus nachvollziehen, warum diese Figur des Kommissar Beck bis heute ihren Reiz hat und auch fürs Fernsehen adaptiert wurde. Beck und seine Kollegen werden als absolute Normalos präsentiert, ihre Polizeiarbeit ist gründlich und strukturiert. Das wirkt auf den Leser sehr authentisch. Ich werde mir aus Interesse auf jeden Fall auch nochmal einen der älteren Bände vornehmen, in dem Sjöwall und Wahlöö ihre Gesellschaftskritik um einiges deutlicher platziert haben.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Mann, der sich in Luft auflöste |Erstmals erschienen 1966
Die gelesene Ausgabe erschien am 1. Oktober 2008 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-24442-1
234 Seiten | 8.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

29. März 2018

Weiterlesen:
50 Jahre Martin Beck auf Deutsch – Eine Hommage von Ulrich Noller | Autorenporträt auf kaliber .38 | Interview mit Maj Sjöwall von Spiegel Online in 2005

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Abgehakt | März 2018

Abgehakt | März 2018

Vier neue Kurzbesprechungen von Andrea und Gunnar haben wir heute zum (fast) Abschluss des  ersten Quartals in Abgehakt, Krimis kurz besprochen. Heute mit dabei Titel aus den Genres Krimi, Regionalkrimi, Spannungsroman sowie Thriller.

 

Fred Vargas | Das barmherzige Fallbeil

Zwei scheinbare Selbstmorde werden genauer untersucht, weil sich bei beiden Toten ein undefinierbares Symbol befindet. Nach den ersten Befragungen ergibt sich die erste Spur: eine Island-Reise, bei der nicht alles mit rechten Dingen zuging. Bald kann das Symbol aber doch gedeutet werden – die Zeichnung eines Fallbeils aus der Zeit der französischen Revolution. Welches Motiv steckt hinter den Morden?

Ich werde es nicht erfahren, denn ich habe das Buch nach der Hälfte abgebrochen. Den Anfang der Geschichte fand ich noch sehr vielversprechend, doch die Ermittlungen rund um die Französische Revolution waren für mich sehr langatmig. Außerdem haben meinen Lesefluss die vielen französischen Namen und Bezeichnungen gestört.

 

Das barmherzige Fallbeil | Erschienen am 20. März 2017 als Taschenbuchausgabe im Blanvalet Verlag
ISBN 978-3-373410-416-5
512 Seiten | 10.99 Euro
Bibliographische & Leseprobe

Kategorie: Krimi
Wertung: 1.5 von 5.0

 

Elke Pupke | Tödliches Geheimnis auf Usedom

In Bansin auf Usedom wird eine junge Frau von einem Auto angefahren, der Fahrer begeht Fahrerflucht. Die Frau, Kim, findet Unterschlupf in der Pension „Kehr wieder“, die von den beiden Nichten der 74-jährigen Berta geführt wird. Kurz darauf ist Kim tot und die Taten im Ort reißen nicht ab. Wer wollte Kim loswerden und was hat das mit der ungeklärten Vaterschaft von Kims Tochter Emma zu tun?

Die gesamten „Ermittlungen“ finden in der Pension am Stammtisch statt, nämlich durch Überlegungen und Rekonstruktionen des Tathergangs von Berta, den Angestellten und Gästen. Die Polizei kommt nur ab und zu vorbei und spielt eher die Nebenrolle. Tödliches Geheimnis von Usedom von Elke Pupke ist ein leichter Krimi, der meiner Meinung nach nicht besonders spannend ist und eher so vor sich hin „plätschert“. Trotzdem liest sich die gesamte Geschichte flüssig. Es ist bereits der dritte Fall von Berta, in den vergangenen zwei Jahren ist ebenfalls ein Mord in dem kleinen Ort an der Ostsee passiert. Sympathisch finde ich, dass alle handelnden Personen dem Alkohol nicht abgeneigt sind und es immer einen Grund für ein Gläschen gibt.

 

Tödliches Geheimnis von Usedom | Erschienen am 1. September 2014 im Hinstorff Verlag
ISBN 978-3-35601-884-4
272 Seiten | 12.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Regionalkrimi
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezensionen und Fotos von Andrea Köster.

 

Liza Cody | Krokodile und edle Ziele

Wer erinnert sich noch an das sensationelle Lady Bag? Hier gibt es ein Wiedersehen mit der störrischen und chaotischen Obdachlosen Angela, genannt „Lady Bag“. Sie kommt frisch aus dem Gefängnis frei und manövriert sich direkt in die desaströsesten Situationen. Ihre besten Kumpels Pierre und Schmister, alias Lil Missy, und ihre Hündin Elektra leben bei Pierres neuer Flamme Cherry, einer eiskalten Frau, die absolute Kontrolle ausübt. Außerdem hat die Lady einem Mitgefangen versprochen, dass sie mal nach dem Rechten sieht, wie es ihrem kleinen Sohn Connor bei seiner Großmutter geht.

Der Vorgänger Lady Bag war schon ein irrwitziger, zynischer Spaß mit bissiger Gesellschaftskritik. Und genau da macht Liza Cody in Krokodile und edle Ziele weiter, stürzt ihre Protagonistin in groteske Situationen zwischen Kindesmissbrauch im sozialen Wohnungsbau und Psychoterror im bürgerlichen Mittelschichtshäuschen. Das ergibt vor allem völlig abgefahrene Dialoge, wenn Lady Bag mit und ohne Rotweinnachschub ins Gespräch mit ihrer Hündin, ihrer nicht anwesenden Mutter oder dem Leibhaftigen persönlich (Fürst Fiasko, Prinz der Paranoia, Don des Durcheinanders) tritt. Das knüpft über weite Strecken an den hervorragenden Vorgänger an, allerdings verpasst die Autorin für meinen Geschmack etwas das Momentum fürs richtige Ende, denn im letzten Viertel plätschert der Roman stellenweise etwas vor sich hin. Trotzdem war es insgesamt ein äußerst unterhaltsames Wiedersehen mit Lady B.

 

Krokodile und edle Ziele | Erschienen am 25. September 2017 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-22-72
432 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Jesper Stein | Aisha

In einer schicken Wohnanlage im Kopenhagener Stadtteil Amager wird die brutal ermordete Leiche von Sten Høeck gefunden, einem ehemaligen Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes PET. Kommissar Axel Steen bekommt dann auch direkt einen Kollegen vom PET als Aufpasser an die Seite, damit bloß keine Staatsgeheimnisse ans Tageslicht geraten. Zwar war Høeck ein Schürzenjäger und damit ergibt sich durchaus ein Mordmotiv, aber spätestens als die Leiche eines weiteren ehemaligen PET-Mitarbeiters gefunden wird, ist Axel Steen klar, wo die Verbindung zu suchen ist. Doch der Geheimdienst blockt ab.

Eigentlich stimmen die Grundzutaten zu diesem Thriller: Ein brutaler Mord, Geheimdienst-Operationen, Kompetenzgerangel zwischen den Ermittlungsbehörden und die Hauptfigur Axel Steen, die zu Beginn zwar etwas weichgespült wirkt (zumal, wenn man die Vorgängerbände kennt), aber im Laufe des Buches zu alter Form findet. Und doch hat sich bei mir nicht die gleiche Begeisterung wie beispielsweise bei Bedrängnis eingestellt. Das letzte Viertel des Buches bestreitet etwas ausgetretene Pfade, persönliche Betroffenheit des Ermittlers und Alleingang inklusive. Auch der Täter bleibt sehr im Vagen. Aber ganz zum Schluss bietet Jesper Stein noch eine interessante Pointe, die für den Weitergang der Reihe einiges an Reiz verspricht. So werde ich Axel Steen wohl auch in Zukunft weiterverfolgen.

 

Aisha | Erschienen am 26. Januar 2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05078-3
560 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weiterlesen: Abgehakt September 2017 und Abgehakt Dezember 2017, außerdem Gunnars Rezensionen zu Liza Codys Romanen Lady Bag und Miss Terry

24. März 2018