Kategorie: SoKo

Beate Maxian | Mord im Hotel Sacher Bd.9

Beate Maxian | Mord im Hotel Sacher Bd.9

„Sarah drückte die goldene Klinke nach unten und schob die Tür vorsichtig auf, konnte aber nicht sofort etwas Außergewöhnliches erkennen. Erst als sie drei Schritte nach vorne zur offen stehenden Verbindungstür von Waschraum und Toiletten machte, erblickte sie die Frau auf dem Boden. Ihr Oberkörper in der Kabine, die Beine davor. Die Augen starr an die Decke gerichtet, das rechte Bein abgeknickt, das linke ausgestreckt. Auf der Stirn klaffte eine große Wunde.“ (Auszug Seiten 31 und 32)

Die Journalistin Sarah Pauli ist mit ihren Freunden nach Wien zum Frühlingsfest im Hotel Sacher eingeladen und beobachtet während der Veranstaltung eine Frau vor dem Eingang, die ihr nervös vorkommt. Wenig später wird diese Frau erschlagen in der Damentoilette gefunden. Sarahs Neugier ist sofort geweckt und schnell recherchiert sie, dass es sich bei dem Opfer um eine berühmte Konditorin mit außergewöhnlichen Tortenkreationen handelt. Sarah ist nach weiterer Recherche nicht überzeugt, dass ihr Ex-Mann sie getötet hat und begibt sich in die Welt der Zuckerbäcker.

Die Protagonistin

Sarah Pauli ist Journalistin im Wiener Boten und mit dem Herausgeber David liiert. Sie schreibt regelmäßig eine Kolumne über Aberglauben und Bedeutungen von Symbolen, zeigt aber auch reges Interesse an Mordfällen. Ihre Freunde müssen sie des Öfteren daran erinnern, dass sie nur darüber schreiben und nicht ermitteln braucht. Aktuell wohnt sie mit ihrem Bruder und ihrer Halbangora-Katze Marie in einer Wohnung in Wien, in wenigen Wochen steht aber ein Zusammenzug mit David an.

Schnell den richtigen Riecher

Mord im Sacher von Beate Maxian ist bereits der neunte Wien-Krimi um Sarah Pauli. Die Geschichte liest sich flüssig, meiner Meinung nach eher seicht und unblutig und mir persönlich etwas zu flach. Sarah hat einen guten Draht zum Chefermittler bei der Polizei und kommt somit auch an polizeiliche Details. Die offiziellen Ermittlungen führen natürlich erst mal zum Ex-Freund, der auch auf dem Fest war und sie wahrscheinlich als letzte gesehen hat, aber Sarah wittert gleich etwas anderes, stürzt sich in die Welt der Torten und entdeckt geheime Botschaften in ihnen. Die Auflösung wird etwas verschleiert, in dem die Bedeutung der Botschaften nicht gleich ganz klar ist, aber insgesamt habe ich mir noch mehr Überlegungen, Theorien und Verwerfungen gewünscht. Außerdem ist der Spannungsbogen kaum vorhanden.

Recherche ohne Anstrengung

In die Protagonistin kann ich mich nicht sehr gut hineinversetzen, sie ist für mich nicht wirklich greifbar. Sie hat selbstverständlich gleich den richtigen Riecher, was den Ex-Freund angeht, wenn sie etwas erfahren möchte, ruft sie entweder den Chefermittler an, der ihr auch immer bereitwillig Auskunft gibt oder sie gibt einen Begriff bei Google ein und wird auch gleich fündig. Außerdem sprechen alle Personen im Umkreis der Toten mit ihr. Mir kommt diese Recherche zu glatt vor, das ganze Journalisten-Leben wirkt mir in diesem Roman zu locker-flockig.

Fazit: Leicht zu lesender Krimi ohne sehr viel Tiefgang, aber mit der Garantie auf Torten-Appetit!

Beate Maxian lebt mit ihrer Familie in Oberösterreich und Wien und arbeitet neben dem Schreiben als Journalistin und Dozentin. Ihre Wien-Krimis um die Journalistin Sarah Pauli sind Bestseller in Österreich. Beate Maxian ist Initiatorin und Organisatorin des ersten österreichischen Krimifestivals.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Mord im Hotel Sacher | Erschienen am 18. März 2019 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-48782-0
416 Seiten | 10.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Josef Haslinger | Opernball

Josef Haslinger | Opernball

Ein Februar in Wien. Der traditionelle Opernball steht an. Diesmal wird der Ball nicht vom ORF übertragen, sondern der europäische Privatsender ETV hat sich erstmals die Rechte gesichert und überträgt live nach ganz Europa. Die Übertragung leitet Kurt Fraser, sein Sohn Fred bedient eine der Kameras aus dem Saal. Draußen toben die üblichen Demonstrationen gegen den Opernball von linken Gruppen, die Polizei hat alle Hände voll zu tun. Da kommt es im Opernhaus zu einem terroristischen Anschlag einer rechtsradikalen Gruppe, live übertragen: Plötzlich brechen die Ballbesucher zusammen, Giftgas wurde ins Lüftungssystem eingeleitet. Mehrere tausend Tote sind zu beklagen. Auch die Täter sind unter den Opfern. Doch Kurt Fraser reichen die offiziellen Erklärungen nicht. Der Journalist (und Kriegsberichterstatter) will wissen, wie es so weit kommen konnte und beginnt seine eigenen Nachforschungen.

Der Aufbau dieses Romans ist relativ ungewöhnlich. Kurt Fraser, Sohn nach England vertriebener Wiener Juden, tritt als Rahmenerzähler auf. Er beginnt das Buch mit der Schilderung des Attentats, wie er es aus dem Übertragungswagen erlebt hat, vor allem die Gewissheit, dass sein Sohn unter den Opfern ist. Danach geht er in der Rahmenerzählung weiter zurück, berichtet von seinen Einsätzen als Kriegsreporter, vom schwierigen Verhältnis zu seinem Sohn aus geschiedener Ehe und nähert sich aus der Vergangenheit wieder dem Attentatstag an und berichtet anschließend von seinen Recherchen. Unterbrochen wird dieser Rahmen immer wieder durch Protokolle. Bei seinen Recherchen hat Fraser die Aussagen mehrerer Personen protokolliert, die er nun abwechselnd einbaut. Dabei handelt es sich um (fiktive) transkribierte Tonbandaufzeichnungen. Die jeweiligen Personen erzählen aus ihrer Perspektive und beleuchten so die Ereignisse vor, während und nach dem Attentat. Der wohl wichtigste Interviewpartner ist der „Ingenieur“, ein Mitglied der „Bewegung der Volkstreuen“, die den Anschlag verübt haben. Ebenfalls häufig zu Wort kommt Fritz Amon, ein Polizist, der bei den Demonstrationen außerhalb der Oper eingesetzt war und Einblicke aus dem Polizeiapparat liefert. Schließlich berichten mit der Hausfrau Claudia Röhler und dem Fabrikanten zwei Teilnehmer des Opernballs, die überlebten, weil sie kurz vor dem Anschlag vorzeitig die Oper verließen.

Als mich der Blick des Geringsten traf, war mir, als wäre es der Blick Gottes. Er hätte in dieser Stunde alles von mir verlangen können, ich hätte es getan. Es war die Gewißheit einer großen Bestimmung, und der Geringste war nicht einfach ein Freund, sondern er war mein Lebensspender. Er allein war in der Lage, mir meine Bestimmung bewusst werden zu lassen. (Auszug Seite 144).

Der „Ingenieur“ ist der „Gesprächspartner“ mit dem größten Anteil. Wie der Leser erst ganz am Schluss erfährt, hat ihn Kurt Fraser in einem Versteck auf Mallorca aufgestöbert und ihn dazu gebracht, die Geschichte seiner „Bewegung“ zu erzählen. Eine kleine Gruppe von Rechtsradikalen mit der Sorge vor der Vermischung ihrer weißen Volksgemeinschaft und mit einem Anführer, dem „Geringsten“, der die Gruppe mit theoretischem Input versorgt und mit kühler Autorität führt. Die Gruppe sucht sich ein Hauptquartier auf einem ländlichen heruntergekommenen Hof, zelebriert Sonnenwendfeiern mit der örtlichen bäuerlichen Bevölkerung, putscht sich mit gewalttätigen Angriffen auf Ausländer auf, beginnt sich im aufkommenden Internet zu vernetzen. Nach dem ersten größeren Anschlag auf Wohnungen von Ausländern werden zwei aus der Gruppe verhaftet, der Rest zerstreut sich. „Der Geringste“ emigriert in die USA, kehrt aber nach einiger Zeit gestärkt zurück, mit dem Ziel, ein wirkliches Fanal zu setzen.

Der Roman überzeugt meines Erachtens in zwei Dingen: Seine Gesellschaftskritik und Medienkritik ist auch fast fünfundzwanzig Jahre später nach wie vor aktuell. Eine übersättigte Gesellschaft, sensationslüsternde Medien mit ausgeprägterem Hang zur Meinung anstatt zur Fakten basierten Hintergrundinformation, diffuse Ängste vor dem Fremden, eine Politik, die dies aufgreift, eine Polizei, die auf dem rechten Auge blind ist (oder sogar Schlimmeres). Eine rechtsradikale Szene, die sich vernetzt, die neue Ideologien entwickelt und in die Mitte der Gesellschaft zielt. Kommt einem irgendwie bekannt vor. Geradezu hellsichtig spiegelt der Roman eine sehr gegenwärtige Entwicklung wider – gerade auch in Österreich.

Was ihm aber leider bei mir nicht gelungen ist: Diese inhaltlichen Pluspunkte in eine angenehme sprachliche Form zu bringen. Den pseudo-dokumentarischen Stil mit den Perspektivwechseln durch die Gesprächspartner Frasers empfand ich als sehr zäh und wenig fesselnd. Die Figuren erzählen und erzählen, verlieren sich in Details und Nebensächlichkeiten, weil Fraser (bzw. Haslinger) sie einfach so drauf los plaudern lässt. Ein Spannungsbogen ist für mich nicht erkennbar. Die SZ hat diesen Roman in seine Kriminalbibliothek aufgenommen, aber ein wenig kann man die Einordnung schon anzweifeln. „Opernball“ mag ein guter Gesellschaftsroman sein, als Spannungsliteratur hat er mich hingegen nicht überzeugt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Opernball | Erstmals erschienen 1995
Die gelesene Ausgabe erschien 2006 im Rahmen der Süddeutsche Zeitung Kriminalbibliothek
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien 1997 im Fischer Verlag
ISBN 987-3-596-13591-2
480 Seiten | 11.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Blogkooperative: Adventsspezial Österreich

Blogkooperative: Adventsspezial Österreich

Liebe Krimifreunde!

Der Advent hat bereits begonnen und damit beginnt auch unser alljährliches traditionelles Themenspezial. Christina von Die dunklen Felle und wir haben uns wieder die Köpfe zerbrochen, um uns ein gemeinsames Thema zu überlegen. Nach Themen wie Privatdetektive und Inseln hatten wir uns relativ schnell wieder auf ein geografisches Thema geeinigt. Da gibt es natürlich auch eine Menge Auswahl, doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?.

In diesem Jahr geht es nämlich um Krimis aus unserem allerliebsten Nachbarland – Österreich. Das hat natürlich den Vorteil, dass es eine große Auswahl gibt. Zum einen braucht es keine Übersetzer, vor allem gibt es zum anderen aber eine große Krimiszene. Wir hatten also die Qual der Wahl, haben uns aber eine gute Auswahl aus Klassikern und Aktuellem und aus verschiedenen Subgenres ausgewählt.

Von Mittwoch, 4. Dezember bis Sonntag, 22. Dezember 2019 wollen wir euch insgesamt dreizehn Titel vorstellen. Wie üblich veröffentlichen wir von Kaliber.17 und Christina von Die dunklen Felle die Rezensionen jeweils im Wechsel. Daneben teilen wir die Beiträge auf unseren bekannten Social Media-Kanälen (Facebook, Instagram und Twitter).

Ein besonderes Highlight gibt es in diesem Jahr auch. Wir freuen uns sehr, dass Ellen Dunne, waschechte Österreicherin (und Wahl-Irin) einen Gastbeitrag beisteuern wird. Denn die Autorin schreibt nicht nur, sondern ist natürlich auch selbst Krimi-Fan und wird uns ihre Lieblingsautorinnen aus der Heimat verraten.

Unsere gemeinsame Leseliste in der Reihenfolge der Rezensions-Veröffentlichungen:

  1. Josef Haslinger | Opernball (k.17)
  2. Michaela Kastel | So dunkel der Wald (ddf)
  3. Beate Maxian | Mord im Hotel Sacher (k.17)
  4. Bernhard Aichner | Die Schöne und der Tod (ddf)
  5. Günter Brödl | Blutrausch (k.17)
  6. Christian Mähr | Knochen kochen (ddf)
  7. Österreichische Krimiautorinnen, die man gelesen haben muss (Gastbeitrag Ellen Dunne)
  8. Alexandra Bleyer | Kärtner Kesseltrieb (k.17)
  9. Nora Miedler | Warten auf Poirot (ddf)
  10. Alex Beer | Der zweite Reiter (k.17)
  11. Lilian Faschinger | Die Unzertrennlichen (ddf)
  12. Wolf Haas | Auferstehung der Toten (k.17)
  13. Ellen Dunne | Für immer mein (ddf)
  14. Alfred Komarek | Polt muss weinen (k.17)

(k.17) Beiträge von uns auf Kaliber.17
(ddf) Beiträge von Christina auf Die dunklen Felle

Wie immer an dieser Stelle wünschen wir euch viel Spaß mit unserem Österreich-Spezial. Wir hoffen, Ihr begleitet uns durch die Adventszeit und gebt uns an der einen oder anderen Stelle einen Kommentar oder eine Rückmeldung zu den besprochenen Titeln oder wie es euch allgemein gefallen hat.

Gunnar & Nora für Kaliber.17

PS Hier nochmal die Links zu Christinas Blog Die dunklen Felle und zu Ellen Dunnes Webseite – unbedingt besuchen!

Rezensions-Doppel: Garry Disher | Hitze & Kaltes Licht

Rezensions-Doppel: Garry Disher | Hitze & Kaltes Licht

Die monatliche Krimibestenliste ist natürlich eine Zusammenstellung ausgewählter Kritiker, unabhängig von tatsächlichen Verkaufszahlen und dementsprechend auch nicht dem Krimimainstream verpflichtet. Für den gut informierten und belesenen Krimifan ist sie natürlich eine gewisse Referenz. Auf eben dieser Krimibestenliste steht nunmehr im vierten Monat in Folge ein Autor, was bei der relativ schnelllebigen Liste äußerst bemerkenswert ist. Garry Disher hat dieses Kunststück mit zwei Büchern geschafft, zunächst mit Kaltes Licht, welches dann von Hitze abgelöst wurde.

Zum Autor selbst: Jahrgang 1949, geboren und aufgewachsen im ländlichen Südaustralien. Er lebt heute auf der Mornington-Halbinsel südlich von Melbourne, dem Schauplatz seiner Kriminalreihe um Inspektor Hal Challis. Mit dieser Reihe und der Serie um den Berufskriminellen Wyatt wurde Disher auch hierzulande bekannt. Er schreibt allerdings nicht nur Krimis, sondern auch Romane, Sachbücher und Kinder- und Jugendbücher. Neben seinen Krimireihen veröffentlicht er auch Stand Alones.

Außerhalb der Heimat ist Disher vor allem in den deutschsprachigen Ländern erfolgreich, womit Disher durchaus kokettiert (In einem Interview meinte er, die Anfangsszene aus Kaltes Licht mit der Schlange habe er für seine deutschen Leser eingebaut, die sich doch bestimmt vor Schlangen fürchten)1. Ich hatte 2016 die Gelegenheit, Disher bei einer Lesung zu erleben. Ein zurückhaltender, bodenständiger, sehr sympathischer Mann. Er selbst meinte unlängst, dass ihn die Buchlesungen hier sehr gefallen (und erzählt von einigen sehr deprimierenden Buchsignierungen in der Heimat). Höfliches Publikum, ein Moderator stellt Fragen, er selbst liest in Englisch, ein bekannter Schauspieler die deutsche Übersetzung und er stellt sich etwas amüsiert die Frage, ob er überhaupt die Hauptperson sei, wegen der alle gekommen sind. In 2020 wird Garry Disher wieder in Deutschland erwartet. Zeit genug, vorher diesen hervorragenden Schriftsteller wieder- oder neu zu entdecken. Zeit für eine Doppelrezension.

Garry Disher | Hitze

Wyatt bräuchte mal wieder etwas Geld. Doch die Not ist nicht so groß, als dass er sich mit einem Haufen unprofessioneller Hitzköpfe zu einem Überfall auf einen Geldtransporter hinreißen ließe. Der Coup findet ohne ihn statt und hat in der Folge unangenehme Nachwirkungen – auch auf ihn. Stattdessen wendet sich Wyatt einem interessanteren Job an der sonnigen Gold Coast im Nordosten Australiens zu.

Ein Vermittler bringt ihn mit der Klientin Hannah Sten zusammen, die ihn engagiert, ein Gemälde aus dem Haus eines Investmentbankers zu stehlen. Angeblich Raubkunst aus der Zeit der Nationalsozialisten, damals im Besitz ihrer Familie. Die Eigentumslage ist aber nicht so eindeutig, so dass der aktuelle Eigentümer die Sache einfach aussitzt. Einiges ist bereits ausgekundschaftet, unter anderem, dass das Haus zum Zeitpunkt des Diebstahls definitiv leer wäre. Wyatt nimmt den Job an und sein Vermittler Minto empfiehlt ihm die Zusammenarbeit mit seiner Nichte Leah Quarrell. Diese ist Immobilienmaklerin und kann das Haus mit dem Gemälde einfacher auskundschaften. Wyatt lässt sich eher widerwillig darauf ein, nicht wissend, dass Leah eigene Pläne schmiedet.

Wyatt neigte nicht zur Selbstreflexion. In ihm regierte nur ein schlichter Antrieb: ein Objekt von Wert auszumachen und es stehlen. (Seite 106)

Dieser Wyatt erinnert natürlich sofort an einen weiteren großen Gangster der Kriminalliteratur: Parker aus der Feder Richard Starks alias Donald E. Westlake. Und das ist auch so gewollt, denn Garry Disher verleugnet gar nicht das große Vorbild. Und tatsächlich ist Wyatt so etwas wie ein australischer Verwandter von Parker. Ein vornamenloser Gangster, der sein eigenes Ding durchzieht und sich, wenn es darauf ankommt, nur auf sich selbst verlässt. Genau wie sein Vorbild strahlt er eine große Abgeklärtheit und Professionalität aus. Gewalt wird nur im Notfall angewendet und ist eigentlich zu vermeiden. Die größte Gefahr für Wyatt geht dann auch in diesem Fall weniger von der Polizei als von der eigenen Zunft aus, für die Loyalität ein Fremdwort geworden ist und die mehr auf Aggression als auf Finesse baut. Und dennoch ist Wyatt nicht einfach ein Abziehbild von Parker. Bei aller Coolness wirkt er eine Spur empathischer und besonders in diesem Roman auch melancholischer.

Collingwood war sein Geburtsort, wo er gekämpft hatte, gelernt hatte, abzuwarten und nachzudenken, bevor er tätig wurde. Wo man ihm nichts gegeben und er es sich deshalb genommen hatte. Aber das war nur eine frühe Phase seines Daseins gewesen, kein Kapitel in einer Geschichte. Er hatte keine Geschichte, es sei denn, man könnte eine hervorzaubern auf Grundlage der Tatsache, dass er jetzt existierte und zuvor nicht existiert hatte. Und eines Tages nicht mehr existieren würde. (Seite 161)

Hitze ist inzwischen der achte Wyatt-Roman (der neunte ist im Original bereits erschienen) und die Reihe hat nun fast dreißig Jahre auf dem Buckel. Dabei hat sich Disher aber einen lakonischen und schnörkellosen Stil erhalten. Die Handlung ist präzise, verzichtet fast völlig auf Nebenstränge und bietet einen intensiven Blick auf Schauplatz und Figuren. Wer auf geradlinige Gangsterromane steht, der kommt an diesem Wyatt definitiv nicht vorbei.

 

Hitze | Erschienen am 30. August 2019 bei Pulp Master
ISBN: 978-3-92773-495-1
278 Seiten | 14.90 Euro
Originaltitel: The Heat
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Gangsterroman
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Garry Disher | Kaltes Licht

Das Buch beginnt mit der oben erwähnten Anfangsszene. Eine Schlange schlängelt sich über die Veranda und den Rasen vor einem Haus in einem Ort in der Nähe von Melbourne. Sie verschwindet unter einer Betonplatte auf dem Grundstück. Der besorgte Familienvater ruft einen Schlangenfänger, der die Platte aufstemmen lässt. Doch unter der Platte kommt nicht nur das Kriechtier zum Vorschein, sondern auch eine skelettierte Leiche eines jungen Mannes. Ein Fall für die Cold-Cases-Einheit.

Sergeant Alan Auhl und seine Kollegin Claire Pascal suchen nach einer vermissten Person, die vorher dort gelebt hat, stoßen bei ihren Nachforschungen aber immer wieder auf Erinnerungslücken, Halbwahrheiten und Lügen. Schließlich ermitteln sie, dass der Ermordete selbst vor knapp zehn Jahren in Verdacht stand, seine Freundin erschossen zu haben und danach spurlos verschwunden war. Nun muss sich damals alles ganz anders abgespielt haben.

Währenddessen beschäftigen Alan Auhl zwei weitere Dinge. Ein weiterer alter Fall ploppt auf: Damals konnte Auhl dem Arzt Alec Neill nichts nachweisen, als zwei seiner Ehefrauen unter mysteriösen Umständen verstarben. Nun beschuldigt Neill plötzlich seine dritte Ehefrau, seine Geliebte getötet zu haben, was bei Auhl tiefes Misstrauen hervorruft und er sich in einen Fall einklinkt, mit dem er eigentlich nichts zu tun hat. Außerdem ist eine von Auhls Mieterinnen in argen Nöten. Neve Fanning lebt mit ihrer Tochter von ihrem gewalttätigen Mann getrennt, angezeigt hat sie ihn allerdings nie. Als sie nun die Besuchszeit ihres Mannes mit der Tochter Pia weiter einschränken will, dreht ihr Mann einfach den Spieß um und zieht vor Gericht alle Register, um Neve zu diskreditieren. Auhl fühlt sich verpflichtet, Neve Fanning zu helfen.

Es wurde immer später, und Auhl brütete vor sich hin. Männer wie Kelso, Fanning -Alec Neill. Ihre Anmaßung, ihre Vetternwirtschaft, ihre Macht, ihr Gefühl, ein Anrecht auf etwas zu haben. Erstschlagsmänner: Sie packten die Gelegenheit beim Schopfe, während der Rest der Welt alles erst durchdachte. (Seite 117)

Vor drei Jahren erschien mit Bitter Wash Road ein erster Stand-Alone-Krimi aus der Feder Garry Dishers. Obwohl hochgelobt, hat Disher relativ schnell betont, dass er daraus keine Serie entwickeln wolle. Wie es nun mit diesem vorliegenden Roman und seinem Protagonisten Alan Auhl aussieht, bleibt abzuwarten. Anknüpfungspunkte zu einer Weiterentwicklung sind auf jeden Fall vorhanden. Seine Hauptfigur ist ein Mann Mitte Fünfzig, von seiner Ehefrau getrennt lebend, wobei man sich aber durchaus noch sieht und auch gelegentlich etwas Intimeres unternimmt. Alan Auhl war lange Jahre Ermittler bei der Mordkommission und hatte sich eigentlich in den Ruhestand verabschiedet. Nun sucht er wieder die Herausforderung und wurde wieder eingestellt, um Cold Cases zu bearbeiten. Die Kollegen reagieren distanziert bis abweisend, behandeln Auhl wie einen Versehrten. Erst nach und nach kann Auhl durch gewissenhafte Arbeit die Ressentiments abschwächen. Vor allem für die Kollegin Claire Pascal wird er zu einem wichtigen Ansprechpartner, sie mietet in einer Ehekrise sogar ein Zimmer in dessen Haus. Auhl besitzt ein großes Haus, in dem er mit seiner erwachsenen Tochter wohnt und die zahlreichen weiteren Zimmer weitervermietet. Dort gibt es so etwas wie ein offenes Haus, man trifft sich ab und zu zum gemeinsamen Essen in der großen Küche. So kommt Auhl in Kontakt mit den Mietern, z.B. mit Neve Fanning. Er ist ein eher zurückhaltender Typ, höflich, freundlich, hilfsbereit. Auf der Arbeit gewissenhaft und ein intelligenter Ermittler, mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit. Und dieser Gerechtigkeitssinn ist es auch, was diesen ansonsten anfangs etwas bieder wirkenden Mann im weiteren Verlauf so interessant macht. Auhl kennt genau die Grenzen zwischen Recht und Gerechtigkeit, aber inzwischen ist er an einem Punkt angelangt, an dem er die Grenzen überschreitet, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Und im Verlaufe des Buches ist der Leser überrascht, wie weit Auhl diese Grenze übertreten wird.

Kaltes Licht ist ein klassischer Ermittlerkrimi, ein Police Procedural (Polizeiroman) und zwar einer, der die Polizeiarbeit genau betrachtet. Somit wird der Fall mit der Leiche unter der Betonplatte zwischendurch übergelagert von anderen Fällen, von Privatem – und dennoch kehrt der Fall am Ende selbstverständlich zurück und wird zu einem logischen Ende gebracht. Was mich an Garry Disher immer wieder begeistert, ist diese natürliche Leichtigkeit und Authentizität seiner Romane. Sein Stil ist präzise und elegant (auch im Deutschen dank der gewohnt guten Übersetzung durch Peter Torberg), seine Figuren und Milieus tief und glaubwürdig, seine Plots komplex, aber immer durchdacht. Nicht wenige Kritiker halten Disher für einen der besten Kriminalschriftsteller der Welt. Und dieses Champions-League-Niveau kann er auch mit Kaltes Licht bestätigen. Ein rundum überzeugender Roman, ein Jahreshighlight. Und ein bisschen gespannt darf man sein, ob man von diesem Alan Auhl nochmal etwas hört bzw. liest.

 

Kaltes Licht | Erschienen am 15. Juli 2019 im Unionsverlag
ISBN: 978-3-29300-550-1
320 Seiten | 22.- Euro
Originaltitel: Under the Cold Bright Lights
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Rezensionen und Foto von Gunnar Wolters.

Auch bei uns: Rezension zu Bitter Wash Road sowie ein Bericht von der Lesung in Hamm, Rezension zu Drachenmann, außerdem Hommage: Gier von Garry Disher

Weiterlesen: Interview von Alf Mayer mit Garry Disher im Crimemag, zwei Artikel von Garry Disher im Guardian

Jo Nesbø | Die Larve Bd. 9

Jo Nesbø | Die Larve Bd. 9

„Und was ist mit dir, Harry? Kannst du dich nicht auch verändern?“
„Ich wünschte, ich könnte, Oleg. Ich wünschte, ich würde mich so ändern, dass ich in Zukunft besser auf dich aufpassen könnte. Aber für mich ist es zu spät. Ich bleibe der, der ich bin.“
„Und das wäre? Ein Säufer? Jemand, der andere im Stich lässt?“
„Ein Polizist.“
Oleg lachte. „Sonst nichts? Ein Polizist? Nicht etwa ein Mensch, oder so?“
„In erster Linie Polizist.“ (Auszug E-Book, Position 7707)

Drei Jahre lang hat sich Harry Hole in Hongkong aufgehalten. Nun kehrt er nüchtern und in gutem gesundheitlichen Zustand nach Oslo zurück. Sein Stiefsohn Oleg ist wegen Mordes an seinem Freund und Drogendealerkompagnon Gusto Hanssen verhaftet worden. Harry sucht Kontakt zu seiner großen Liebe Rakel und den wenigen verbliebenen Freunden, klopft die Indizien ab, doch auch er kommt zu keiner anderen Erkenntnis, als dass alles für Olegs Täterschaft spricht. Doch wer Harry kennt, weiß, dass er sich damit nicht abfinden kann. Er setzt alles auf eine Karte und lässt keinen Stein auf dem anderen.

Harry ist nämlich aufgefallen, dass der ihm bekannte Drogenmarkt in Oslo („Europas Drogenhauptstadt“) sich in den letzten Jahren erheblich verändert hat. Statt des aggressiven Heroins dominiert nun das Opoid Violin. Noch intensivere Trips, starke Abhängigkeit, aber geringe Wahrscheinlichkeit von Überdosierung. Es gibt auch keine Kämpfe der Drogengangs mehr, sondern ein russischer Boss mit dem Pseudonym Dubai steht an der Spitze der Nahrungskette. Offensichtlich hat dieser auch einen „Brenner“ im Polizeipräsidium, einen korrupten Polizisten, der Beweise manipuliert. Harry stößt in seinen Nachforschungen auch auf seinen ewigen Widersacher Mikael Bellman, designierter Chef der Kripo, und Isabelle Skøyen, Drogenbeauftragte der Stadtverwaltung. Es gibt offenbar Verbindungen zwischen diesen Personen, Dubai und Gusto, Oleg und Gustos Stiefschwester Irene, in die Oleg verliebt ist. Harry verbeißt sich in den Fall, in tiefer Sorge um Oleg, auf den in der Haft ein Mordanschlag verübt wird, nicht ahnend oder ignorierend, dass er selbst längst ins Visier seiner Gegner geraten ist.

Autor Jo Nesbø ist aktuell international sicherlich der bekannteste Thrillerautor Norwegens. Der Autor ist ein wahrer Tausendsassa, war er doch bislang Makler, Finanzanalyst, Journalist und ist immer noch Mitglied der seit mehr als zwanzig Jahren in Norwegen sehr erfolgreichen Popband Di Derre. Nesbø schrieb auch erfolgreich Kinderbücher, Stand-Alones (zuletzt die Adaption von Shakespeares Macbeth), doch die größte Popularität erlangte er mit seiner vielfach prämierten Harry-Hole-Reihe.

Muss man dem Krimileser noch die Figur Harry Hole erklären? Inzwischen ist mit Das Messer der zwölfte Fall mit diesem Ermittler erschienen. Brillanter Kriminaler, Gerechtigkeitsfanatiker, stets auf der Spur des wahren Bösen, das er obsessiv verfolgt. Alkoholiker, wenngleich meist trocken, dennoch mit einer Vielzahl innerer Dämonen ausgestattet, selbstzerstörerisch und auch die wenigen Beziehungen, die er noch hat, ständig auf die Probe stellend.

Die Larve ist der neunte Fall und ein äußerst persönlicher für Harry Hole. Es tut dem Roman für meinen Geschmack ziemlich gut, dass es Harry Hole nicht mit einem der sonst regelmäßig seinen Weg kreuzenden Serienkiller und Psychopathen zu tun hat. Vor allem Oslo als Drogenmetropole mit allerdings fortschreitender Gentrifizierung kommt als Setting gut zur Geltung. Nesbø schreibt souverän aus wechselnden Perspektiven, so lässt er den Toten Gusto Hanssen quasi auf dem Sterbebett Vergangenes rekapitulieren. Er zeichnet in bester Tradition des Nordic Noir ein trübes Bild von Verbindungen zwischen organisiertem Verbrechen und Entscheidungsträgern in Politik und Gesellschaft. Dabei baut er den Plot sehr raffiniert auf und serviert mehrere Spannungshöhepunkte und einen extrem fiesen Cliffhanger am Schluss. Seine Hauptfigur Harry Hole hat der Autor nie geschont, aber hier treibt er es tatsächlich noch mal auf die Spitze. Nebenbei fand ich auch die Einbindung musikalischer Elemente in die Handlung äußerst gelungen, von Mozarts Don Giovanni über die amerikanische Band Wilco bis zu Nirvanas Come as you are an prominenter Stelle. Insgesamt also ein wirklich überzeugender Thriller.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Larve | Erschienen am 9. November 2012 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-54828-493-4
576 Seiten | 22.- Euro
als eBook:
ISBN 978-3-54828-493-4
9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Auch bei uns: Bericht zur Lesung: Jo Nesbø | Blood on Snow. Das Versteck sowie zu der oben genannten Shakespeare-Adaption Macbeth.