Kategorie: SoKo

Volker Kutscher | Die Akte Vaterland ♬

Volker Kutscher | Die Akte Vaterland ♬

Schnapsbrennerei und indianisches Pfeilgift

Der vierte Teil der Gereon-Rath-Reihe führt uns in den Sommer von 1932. Im Lastenaufzug von Haus Vaterland, einer riesigen Vergnügungsstätte am Potsdamer Platz in Berlin, wird ein Spirituosenhändler tot aufgefunden. Alle Ermittlungen deuten darauf hin, dass er ertrunken ist. Zwei weitere ähnlich gelagerte Todesfälle ergeben, dass die Opfer durch ein indianisches Pfeilgift gelähmt wurden. Kommissar Gereon Rath ist frustriert, denn seine Ermittlungen gegen einen mysteriösen Auftragsmörder, genannt „Phantom“ treten auf der Stelle und er muss die Ermittlungen abgeben. Charlotte Ritter kommt von einem Studienjahr aus Paris zurück und fängt als Kommissaranwärterin bei der Weiblichen Kriminalpolizei am Alex an. Sie wird ausgerechnet Gereons Mordkommission zugeteilt und endlich machen die beiden durch eine Verlobung ihre Beziehung öffentlich. Charly wird undercover als Küchenhilfe in Haus Vaterland eingeschleust und nicht nur hier ist sie mehrfach frauenfeindlichen Übergriffen ausgesetzt.

Die Spur führt nach Ostpreußen

Da alle Spuren in eine Spirituosenbrennerei nach Ostpreußen führen, macht sich Rath in die masurische Kleinstadt Treuburg auf. Die wortkargen Einwohner erweisen sich als nicht besonders auskunftsfreudig und sind Fremden gegenüber erst mal misstrauisch. Einige Bewohner versuchen sogar, den Kommissar bewusst ins Moor zu leiten und hoffen, dass er nie wieder auftaucht. Der Reiz entsteht hier durch den absoluten Gegensatz zwischen der pulsierenden, aufgeklärten Weltstadt Berlin und dem vermeintlich idyllischen Treuburg. Mittels Volksabstimmung war Masuren grade wieder deutsch geworden und der Hass auf alles was polnisch oder katholisch ist, immer noch spürbar.

Ich kann die vielschichtige Handlung hier nur anreißen. Volker Kutscher nimmt sich viel Zeit und entwickelt langsam und ruhig seinen Plot mit mehreren miteinander verwobenen Fällen. Der Autor schafft es wieder, Zeitgeschichte in einen unterhaltsamen Kriminalroman zu transportieren ohne die Spannungskurve zu vernachlässigen. Kutscher glänzt nicht mit temporeichen atemlosen Thrill, sondern mit ausgefeilter Dramaturgie. Seinen immensen Einfallsreichtum kann ich nur wieder bewundern. Es geht um organisierte Schnapsbrennerei und ein in den Wäldern lebenden Ostpreußen. Vom Staatsputsch im Juli 1932 gegen die demokratische Regierung bekommt der Berliner Kommissar aufgrund seiner Ermittlungen in der Wildnis von Masuren gar nichts mit. Dabei gerät Rath dadurch ganz schön in Bedrängnis, da auch die Spitze der Berliner Polizei ausgetauscht wird und er damit den Schutz des Polizeivizepräsidenten verliert. Nach wie vor haben die Menschen keine Ahnung vom bevorstehenden Untergang und der politisch eher uninteressierte Gereon Rath, beispielhaft für einen Teil der Bevölkerung, verabscheut zwar die Nazis, versucht sich aber mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

David Nathan ist der perfekte Interpret für diese Zeitreise in eine ganz andere Welt. Er benötigt nur wenige Minuten und man kann sich dem Kopfkino nicht mehr entziehen. Bei dem Hörbuch handelt es sich um eine gekürzte Version.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Akte Vaterland | Das Hörbuch erschien am 26. September 2018 im Argon Verlag
ISBN 978-3-8398-9394-4
1 mp3-CD | 10.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesefassung: 7 Stunden 21 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Volker Kutscher.

Auch bei uns: Rezensionen zu Volker Kutschers Romanen Der nasse Fisch, Der stumme Tod, Lunapark und Goldstein.

Abgehakt | März 2019

Abgehakt | März 2019

Birgit Lautenbach und Johann Ebend | Hühnergötter

Auf der Ostseeinsel Hiddensee wird in der Hochsaison ein drei Monate alter Säugling aus seinem Kinderwagen entführt. Die Mutter verständigt umgehend die beiden Inselpolizisten Daniel Pieplow und Lothar Kästner, die sofort den Ernst der Lage erkennen und sich Verstärkung von Rügen und aus Stralsund holen. Die ganze Insel ist in Aufruhe und auf der Suche nach dem Kind.

Gefallen hat mir die Spannung, die dadurch erzielt wird, dass der Täter auch zu Wort kommt und der Leser dadurch etwas im Vorsprung zu den Ermittlungen ist. Außerdem wird die Urlaubsregion authentisch beschrieben und in Gedanken konnte ich den einzelnen Schauplätzen gut folgen. Einziges Manko ist, dass es sich um einen eher kurzen Krimi handelt.

Hühnermord | Die gelesene Ausgabe erschien 2008 in 3. Auflage im Prolibis Verlag
ISBN 978-3-935263-29-0
nur noch antiquarisch erhältlich

Am 19. März 2019 erschien eine independently published Neuauflage
ISBN 978-1-79665648-0
139 Seiten | 7.99 Euro
Bibliografischer Angaben & Leseprobe

Genre: Küstenkrimi
Wertung: 4.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Lars Kepler | Lazarus

Im bereits siebter Fall für Joona Linna wird es persönlich, denn unerwartet taucht in der Wohnung eines Grabschänders der Schädel seiner verstorbenen Frau in einer Gefriertruhe auf, zwischen Leichenteilen anderer. Als er dann noch Parallelen hinter einigen grausamen Morden vermutet, deren Opfer an verschiedenen europäischen Schauplätzen auftauchen, ahnt Joona, dass ein längst tot geglaubter schwedischer Serienmörder zurückgekehrt ist, um einen neuen Partner zu rekrutieren. Seine Theorie: Jurek Walter ermordet Kandidaten, die seinen Ansprüchen nicht genügten, was wiederum zur Verknüpfung der Einzeltaten zu einem Ganzen führte. Durch die Ereignisse und seine Hypothese alarmiert, setzt Joona umgehend einen wohlfein ausgearbeiteten Notfallplan für sich und seine Tochter in Gang, in den er am liebsten auch seine Freundin Saga einbeziehen möchte, aber es ist nicht jedermanns Sache, von jetzt auf gleich alle Brücken einzureißen und auf der Flucht zu leben, möglicherweise ohne die Möglichkeit auf Rückkehr ins gewohnte Leben. Joona akzeptiert Sagas Entscheidung, doch sein Vorhaben steht, denn er muss um jeden Preis seine Tochter vor Jurek Walter schützen.

Die Rahmenhandlung stimmte für mich, das Buch hat ein schönes, aufwendig gestaltetes Cover, das Auge liest mit. Leider nicht lange, denn mit Fortschreiten der Geschichte stellte sich bei mir immer mehr Unlust zum Weiterlesen ein, denn Autor Lars Kepler scheint seinen Spannungsbogen auf besonders grauenvolle Taten aufzubauen, die geradezu brutal sind (höher, schneller, weiter?). Das ließe sich noch überlesen, wenn es wenigstens flüssig voran ginge. Aber Kepler arbeitet mit teils seltsamen Satzkonstrukten und besonders die Gedanken so mancher Figur erschienen mir doch recht unlogisch.

„Der Täter muss einen gehörigen Serotoningehalt im präfrontalen Kortex und eine gesteigerte Aktivität der Amygdala haben, denkt Saga.“ (Auzug Seite 189)

Als dann auch immer häufiger noch Kommissar Zufall mitspielte, fühlte ich mich veralbert. Hätten wenigstens die Figuren ehrlichen Tiefgang, aber auch hiernach sucht man vergebens. Ich kann leider nicht beurteilen, ob sich Lazarus nur nach vorheriger Lektüre der sechs Vorgängerbände empfiehlt.

Lars Kepler ist das Pseudonym der Autoren Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril.

Lazarus | Erschienen am 28. Februar 2019 im Verlag Bastei Lübbe
ISBN 978-3-785-72650-1
640 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

Rezension und Foto von Nora.

 

Susanne Saygin | Feinde

Der Kölner Kommissar Can Arat und seine Chefin Simone Kerkmann ermitteln in einem brutalen Doppelmord an zwei bulgarischen Roma, die offenbar auf dem Schrottstrich gearbeitet haben. Die Kommissare stellen eine Verbindung zum Bauunternehmer und Mäzen Nolden fest. Doch der einzige Zeuge, der sich bereit erklärt zu reden, landet vor einer U-Bahn. Der Staatsanwalt ist außerdem ein Karnevalskumpel von Nolden. Der Fall droht im Sande zu verlaufen, doch Can ist nicht bereit, dies zu akzeptieren und ermittelt weiter – auf Teufel komm raus.

Autorin Susanne Saygin wohnte in Köln selbst in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem „Bulgarenhaus“, einer völlig überfüllten, heruntergekommenen Immobilie voller Arbeitssklaven. Dies inspirierte sie zu diesem packenden Krimi über Menschenhandel, Korruption und Ausbeutung, der auch sprachlich keine Kompromisse macht und die Dinge beim Namen nennt. Interessant fand ich die Wandlung des Romans, der erst als typischer Ermittlungskrimi beginnt und dann sich immer mehr auf den von Migräne geplagten und persönlich betroffenen Can fokussiert, bis hin zu seinem Road Trip nach Bulgarien auf der Suche nach der Wahrheit. Dabei beinhaltet die Story auch noch eine komplizierte Liebesgeschichte. Nur das Ende kam mir etwas zu kunstvoll oder märchenhaft vor in dieser sonst so knallharten Geschichte. Doch insgesamt ein richtig starkes, intensives Krimidebüt.

Feinde | Erschienen am 10. September 2018 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43889-7
352 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Alex Pohl | Eisige Tage

Die Leipziger Kommissare Hanna Seiler und Milo Novic ermitteln im Fall eines ermordeten russischen Anwalts. Dieser war bis vor einigen Jahren im Dunstkreis des Paten Vadim Iwanow, war danach in Ungnade gefallen. Doch der Anwalt scheint ein neues Betätigungsfeld gefunden zu haben, findet man doch in seinen Hinterlassenschaften eindeutige Bilder von minderjährigen Mädchen. Der Tote war offenbar in Mädchenhandel verstrickt und Seiler und Novic ziehen schließlich eine Verbindung zu mehreren aktuellen Vermisstenfällen in Leipzig.

Eisige Tage ist das Verlagsdebüt des erfolgreichen (Selfpublisher-)Autors Alex Pohl, bisher bekannt unter dem Pseudonym L.C. Frey. Ein grundsolider Kriminalroman mit düsterem Einschlag, für den nicht nur das Thema, sondern auch der russische Gangster Onkel Vadim sorgt, der als Bedrohung ständig im Hintergrund mitschwingt und zu dem die Polizisten eine ungesunde Beziehung entwickeln. Beide Ermittler haben wie üblich ihr Päckchen zu tragen. Der etwas monkhafte Novic, der eine grauenvolle Vergangenheit im Kosovokrieg hatte, ist (eher als seine Kollegin) aber durchaus als interessante Figur angelegt. Eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen auch die jungen Neffen Iwanovs, die Gebrüder Karamasow (ernsthaft?). Nicht so ganz gelungen fand ich die merkwürdigen Zeitsprünge, die der Autor in der Geschichte einbaut, und die stellenweise etwas aufgesetzt wirkende Härte. Insgesamt war es aber ein durchaus ordentlicher und kurzweiliger Kriminalroman.

Eisige Tage | Erschienen am 11. Februar 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10323-3 (Taschenbuch) | ISBN 978-3-641-22801-9 (eBook)
432 Seiten | 10.- Euro | 8.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jurica Pavičić | Die Zeugen

Während des Kroatienkriegs im Juni 1992 führt Kreso seinen kleinen Trupp versehentlich durch ein von ihm selbst gelegtes Minenfeld. Zwei Männer sterben, Kreso selbst verliert ein Bein. Kurz bevor Kreso aus der Rehabilitation zurückkehrt, begehen einige seiner Kameraden aus Wut, Frust und Hass einen Mord an einem serbischen Unternehmer. Die 12-jährige Tochter wird Zeugin des Mordes, die Täter entführen und verstecken sie. Über Beziehungen zum angesehenen Arzt Matić gelingt es ihnen zunächst, die Tat zu vertuschen. Doch was sollen sie mit dem Mädchen machen? Kreso und auch seine Schwester, die Journalistin Lidija, werden auf den Fall aufmerksam.

Die Jugoslawienkriege waren der letzte bewaffnete Konflikt in der Mitte Europas. Ein brutaler Konflikt, dessen traumatische Ereignisse bis heute in der Region nachwirken. Die Zeugen spielt 1992 überwiegend in Split, dessen Hinterland zwischen Kroaten und Serben noch umkämpft war. Eine beengte, fast kleinstädtische Szenerie, ständig weht der Wind. Korruption und Vetternwirtschaft. Von den Bergen grollt der Krieg herunter. Der Roman ist ein aus verschiedenen Perspektiven erzählter Gesellschaftsroman, gleichwohl spannend. Sehr überzeugend ist der Blick auf die verschiedenen Figuren. Vor allem die Sicht auf die Reservisten, die perspektivlos und traumatisiert sich den niederen Instinkten ergeben, dabei aber in Kriegszeiten auf Rückendeckung von oben hoffen dürfen.

„Seit der Granatsplitter Luka umgebracht hatte, waren sie zu unbarmherzigen, männlichen Hass verurteilt. […] Sie mussten entschlossen und unbeirrbar sein, ihrem Zorn ergeben. Für andere mochte Hass eine Tugend sein, für sie war er eine Pflicht.“ Auszug Seite 40

Ein lesenswerter Roman über Hass, Wut, Scham, Schuld und Sühne, der sich aber der völligen Schwärze verweigert, sondern auch ein wenig Hoffnung verbreitet. Die Verfilmung, Svjedoci, gewann 2004 den Friedenspreis der Berlinale.

Die Zeugen | Erstveröffentlichung 1998
Die überarbeitete Neuauflage erschienen am 11. Februar 2019 im Verlag Schruf & Stipetic
ISBN 978-3-944359-44-1 | ISBN 978-3-944359-54-0 (eBook)
288 Seiten | 12.90 Euro | 5.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Antti Tuomainen | Palm Beach, Finland

Jorma Leivo hat eine Vision: Ein Ferienparadies mit Palmen, Sandstrand und Miami-Feeling – an der finnischen Ostsee. Er hat schon einiges investiert in „Palm Beach, Finland“. Aber er braucht Haus und Grundstück von Olivia Koski. Die will allerdings nicht verkaufen. Deshalb heuert er Chico und Robin an, um Olivia ein wenig einzuschüchtern. Die treffen in Olivias Haus allerdings nicht auf Olivia, sondern auf einen Einbrecher und töten diesen versehentlich. Damit nehmen die Dinge ihren Lauf und rufen nicht nur Undercover-Cop Jan Nyman, sondern auch einen Auftragskiller, den Bruder des Getöteten, auf den Plan.

Mit Die letzten Meter bis zum Friedhof hatte mich Autor Antti Toumainen im letzten Jahr sehr überzeugt. Ein skurriler, melancholischer Roman mit interessanten Figuren, der eine gelungene Mischung aus Humor und Ernst war. Typisch finnisch. Umso mehr muss ich nach der Lektüre des aktuellen Romans Palm Beach, Finland feststellen, dass diese Mischung für mich leider bei weitem nicht erreicht wurde. Der Humor tendiert teilweise eher zu albern, die ernsthaften Momente plätschern dahin. Auch der Plot bietet nur wenig echte Überraschungen, sondern sorgt eher für Stirnrunzeln, zum Beispiel, ob der Profikiller wirklich hätte sein müssen. Am bedauerlichsten ist jedoch, dass die Figuren diesmal irgendwie blass bleiben, die Tiefe der Figuren des Vorgängers erreichen sie zu keiner Phase. So bleibt am Ende ein relativ unwitziger „komischer“ Krimi. Klingt unbefriedigend, las sich auch so.

Palm Beach, Finland | Erschienen am 22. Januar 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-06556-0
368 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: komischer Krimi
Wertung: 1.5 von 5.0

Auch bei uns: Gunnars Rezension zum Krimi Die letzten Meter bis zum Friedhof von Antti Tuomainen.

Rezension 3 bis 6 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weitere Ausgaben unserer Rubrik Abgehakt, Krimis kurz besprochen, findet ihr hier.

Jahresrückblick 2018 | Gunnar, Andy und Andrea

Jahresrückblick 2018 | Gunnar, Andy und Andrea

Gunnars beste Krimis des Jahres 2018

Da sich in diesem Jahr mein Computer mit meiner Jahresstatistik verabschiedet hat, ohne dass ich eine Kopie gezogen hätte, komme ich diesmal direkt zur Sache und küre meine Lieblingskrimis 2018 (in die Auswahl kommen wie immer nur die, die in 2018 veröffentlicht wurden).

Sehr zu empfehlen, aber nicht auf dem Treppchen:

André Georgi | Die letzte Terroristin

Deutschland 1991: Der Treuhandchef hat nicht nur einen undankbaren Job, sondern nährt eine Schlange an seiner Brust, denn seine persönliche Assistentin gehört zur RAF. Deutsche Geschichte mit eigenem Blick clever erzählt und mit scharfem Blick für die Figuren und die damaligen deutsch-deutschen Realitäten.

Claudia Piñeiro | Der Privatsekretär

Argentinien: Ein junger Mann heuert bei einer populistischen Partei an und wird ohne es zu merken, Teil eines perfiden Plans. Sehr überzeugend konzipierter Thriller, mit Einblick in die Mechanismen der Macht und Hegels Dialektik von Herr und Knecht. Am Ende gibt es die argentinische Version vom Manneken Pis – großartig!

Antti Tuomainen | Die letzten Meter bis zum Friedhof 

Finnische Provinz: Jaakko ist am Ende, sein Betrieb von Konkurrenten bedroht, von der Frau betrogen, von irgendjemand schleichend tödlich vergiftet. Doch noch ist nicht aller Tage Abend und Jaakko schlägt zurück. „Mushroom Business is a bloody business“: Skurriler, melancholischer, feinsinniger Krimihumor aus Finnland.

Hideo Yokoyama | 64

Japan, Präfektur D: Ein alter Vermisstenfall wird kurz vor der Verjährung wieder aus der Versenkung geholt und damit die Machtspiele innerhalb des Präsidiums befeuert. Mittendrin der Pressedirektor Mikami. Üppiges, beeindruckendes Epos über Macht, Pflicht, Loyalität und Verhaltensrituale in Japan. Und fast nebenbei ein kniffliger Kriminalfall.

Dominique Manotti | Kesseltreiben

Paris: Ein Topmanager wegen Korruption in den USA verhaftet, ein verschwundener Kronzeuge, eine sich anbahnende feindliche Unternehmensübernahme, eine unterbesetzte Ermittlungseinheit. Frei basierend auf der Übernahme Alstoms durch General Electric. So geht Wirtschaftskrieg heute. Gewohnt präzise und schnörkellos.

Thomas Mullen | Dark Town

Atlanta, 1948: Die ersten acht schwarzen Polizisten im Atlanta Police Department. Von den weißen Kollegen geschnitten und verhöhnt. Dazu ein Mord ein einer jungen Schwarzen, der niemanden interessiert. Ein starker historischer Polizeiroman, allerdings schwer verdaulich. Der Rassismus trieft aus allen Poren dieser Geschichte.

Tom Hillenbrand | Hologrammatica

London, 2088: Ein moderner „Private Eye“ ermittelt in der holografisch renovierten Zukunft. Sehr starker Sci-Fi-Thriller über KI. Alles weitere dazu bei Andy.

Und nun meine drei Favoriten für 2018:

Ian McGuire | Nordwasser

Hull/Nordwestatlantik 1859: Ein Walfänger auf seiner letzten Fahrt, ohne dass die Crew davon weiß. Ein Schiffsjunge wird missbraucht, ermordet. Der Schiffarzt ahnt, wer es wer, doch der Maschinist ist ein skrupelloser Gegner. Ein knallharter Roman über den Kampf zwischen Gut und Böse. Joseph Conrad trifft Herman Melville. Eindrucksvoll.

Denise Mina | Blut Salz Wasser

Helensburgh/Glasgow: Schottland vor dem Unabhängigkeitsreferendum. Ein Mord am Loch Lomond, eine verschwundene Geldwäscherin und der Kampf der Polizeibehörden um Drogengelder. Ein Mörder als traurigste Gestalt der Geschichte. Ein verzwickter Fall, dessen Auflösung am Ende bitter schmeckt. Faszinierend komponierter Krimi und Gesellschaftsroman, virtuos erzählt.

Tom Franklin | Krumme Type, krumme Type

Chabot, Mississippi: Der Außenseiter Larry Ott wird 25 Jahre nach Verschwinden seines Dates erneut für ein vermisstes Mädchen verantwortlich gemacht. Doch der schwarze Constable glaubt nicht daran, weil ihn ein kurzer Sommer der Freundschaft (die bitter zerbrach) mit Ott verbindet. Eine wunderbarer Plot, behutsam erzählt, großartige, tragische Protagonisten. Sensationelle Südstaatengeschichte. Mein Buch des Jahres!

 

Andys Top 3 des Jahres 2018

2018 war das Jahr der Serien für mich. Ich habe einige Reihen kennen gelernt, die ich unbedingt komplettieren möchte. Da ist zum Beispiel Simone Buchholz und ihre Krimi-Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastitiy Riley. Nach der Lektüre von Mexikoring, dem 8. Band habe ich mir gleich die ersten Teile besorgt.

Die Amerikanerin von Deon Meyer brachte mir die Reihe um Bennie Griessel und Vaughn Cupido näher, die ich tatsächlich noch nicht kannte und gleich den Wunsch weckte, alle Teile zu lesen.

Im November war ich bei einer Lesung von Volker Kutscher, der den 7. Band seiner Gereon-Rath-Reihe vorstellte. „Marlow“ liegt hier noch ungelesen und dafür habe ich mir erst mal einige ältere Teile als Hörbücher geholt. Und zum Jahresende entdeckte ich beim Lesen von „Der Zorn der Einsiedlerin“, dass Fred Vargas nichts von ihrer Faszination verloren hat. Das hatte ich ein wenig aus den Augen verloren und so habe ich mir den Vorgängerband als Hörbuch besorgt.

Wenn man so viel liest und hört, reicht Spannung und Unterhaltungswert schon lange nicht mehr aus und so sind meine drei Top-Bücher 2018 etwas ganz Besonderes:

Mick Herron | Slow Horses

Ich war wirklich begeistert von dem Auftaktband des britischen Autors Mick Herron, welchen ich während unseres langen Spionagewochenendes las. Die lahmen Gäule, das ist eine Truppe ausgemusterter Geheimdienstler in London. Die in einem heruntergekommenen Gebäude abgeschobenen Looser werden nur noch mit langweiligen Routinearbeiten betraut. Das ändert sich, als ein junger Pakistani entführt wird, dessen Enthauptung live im Netz gezeigt werden soll. Die Geschichte, die immer wieder überraschende Volten schlägt, wird mit so viel trockenem Witz und großartig pointierten Dialogen erzählt, dass ich bei einem weiteren Band auf jeden Fall wieder dabei wäre. In Großbritannien sind bereits fünf Teile der mehrfach ausgezeichneten Spionageserie erschienen.

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Ich war schlichtweg begeistert von diesem raffiniert konstruierten Thriller, der ganz ohne große Action oder Blutvergießen auskommt. Auch nach dem Lesen während unseres Mini-Spezials Japan habe ich diese außergewöhnliche Geschichte nicht so schnell vergessen. Am Anfang steht der Mord an einem Pfandleiher an dem sich der ehrgeizige Kommissar Sasagaki die Zähne ausbeißt. In den nächsten Kapiteln ist dann von dem Kommissar nicht mehr die Rede. Stattdessen schildert der Autor sehr ausführlich und detailliert die Lebenswege von Ryo Kirihara, dem 11-jährigen Sohn des Pfandleihers und der gleichaltrigen, hübschen Yukiho über einen Zeitraum von fast 20 Jahren. Dabei ist jedes Kapitel eine kleine, abgeschlossene Kurzgeschichte und ermöglicht einen Einblick in die japanische Kultur. Erst ganz langsam fügen sich die Puzzlestücke um zwei rücksichtslose Intriganten zu einem Bild zusammen.

Tom Hillenbrand | Hologrammatica

Hillenbrand hat eine rasante Zukunftsvision erschaffen, die ich verschlungen habe. Der Autor überraschte schon vor einiger Zeit mit seinem futuristischen Krimi Drohnenland. Nun legte er mit Hologrammatica nach und schuf mit großem Einfallsreichtum und überbordender Phantasie ein absolut glaubhaftes Setting im Jahr 2088, dem man anmerkt, wie sehr ihm die von ihm kreierte Welt am Herzen liegt. Große Völkerwanderungen und die Möglichkeit seinen Körper zu wechseln ermöglichen es vielen Menschen zu verschwinden. Ein gutes Geschäft für Privatdetektive. Ein solcher ist Galahad Singh, ein sympathischer und kluger Mann mit indischen Wurzeln und der Ich-Erzähler dieses Romans. Er soll eine verschwundene Computerexpertin suchen und begibt sich dabei in große Gefahr. Ich liebe diese komplexe Story, die Hillenbrand rasant mit vielen überraschenden Wendungen sowie trockenen Humoreinschüben erzählt. Dabei ist es nicht nur eine klassische Detektivgeschichte eingebettet in einen abgefahrenen Si-Fi-Thriller. Es geht auch um die ganz großen Themen, wie den uralten Traum der Menschheit nach Unsterblichkeit.

 

Andreas Top Titel 2018

Megan Miranda | Tick Tack – Wie lange kannst du lügen

Nicolette kümmert sich um den Verkauf ihres Elternhauses, als eine Frau spurlos verschwindet. So einen Fall gab es vor zehn Jahren schon mal, damals ist Nics beste Freundin verschollen. Wiederholt sich die Geschichte nun? Das besondere an diesem Buch ist, dass es von hinten nach vorne erzählt wird. Dadurch hatte ich ein völlig neues Leseerlebnis, bei dem ich manchmal ganz schön umdenken musste.

Brenda Novak | Ich töte dich

Evelyn Talbot arbeitet in Alaska in einem Gefängnis mit Psychopathen, die sie erforscht. Dann werden Leichenteile gefunden und Evelyn befürchtet, dass ihr Ex-Freund Jasper, der sie vor Jahren eingesperrt und vergewaltigt hat, zurückgekehrt ist und sie nun endgültig töten will. Spannung wird durch die erschwerten Bedingungen der Ermittlung in Alaska aufgebaut. Außerdem kann das Ende punkten, in dem das „Ruder erneut herumgerissen“ wird, nachdem ich als Leser schon geglaubt habe, dass alles gut werden wird.

Ellen Sandberg | Die Vergessenen

Die Nichte von Vera erleidet einen Schlaganfall und Vera erfährt von geheimen Unterlagen, die ein Verbrechen aus dem zweiten Weltkrieg aufdecken. Auch Manolis Lefteris, ein Mann für besondere Aufträge, wurde auf diese Akten angesetzt. Kann das Geheimnis nach so langer Zeit gelüftet werden? Ein wahrer Pageturner, der nicht nur spannend, sondern auch interessant ist. Unterhaltungsliteratur trifft Geschichte.

Tim Herden | Schwarzer Peter

Der Unternehmer Werner Gilde stirbt und Witwe und Sohn beschuldigen sich gegenseitig dafür verantwortlich zu sein. Dann kommt es zu einem weiteren Todesfall. Stefan Rieder und Ole Damp ermitteln, ob es sich in beiden Fällen um Mord handelt. Ich liebe die wahren Schauplätze auf der Insel Hiddensee und habe die Geschichte auch deshalb verschlungen. Leider scheint das der letzte Fall der beiden Ermittler gewesen zu sein.

Abgehakt | Dezember 2018

Abgehakt | Dezember 2018

Zum Jahresende 2018 haben wir noch ein paar Kurzrezensionen des vergangenen Quartals für euch. Mit diesem Beitrag beenden wir unser Blogjahr, wir melden uns im Januar mit frischen Texten zurück. Dankeschön fürs Lesen und Kommentieren, hier und auf den drei Social Media Kanälen Facebook, Instagram und Twitter!

Kommt gut ins neue Jahr und bleibt uns auch in 2019 treu; das würde uns sehr freuen!

Kurzrezensionen des 4. Quartals 2018

Wolfgang Schorlau | Der große Plan

Ein neuer Auftrag führt Privatdetektiv Georg Dengler ins Auswärtige Amt: Eine hochrangige Mitarbeiterin ist spurlos verschwunden und Dengler soll sie finden. Anna Hartmann arbeitete für die Troika bei der Griechenland-Rettung, möglicherweise ist dies ein Ansatz. Doch es gibt keine Lösegeldforderung, nur ein Überwachungsvideo deutet eine Entführung an. Eventuell liegt die Lösung auch im Privaten. Oder ist Anna Hartmann gar aus freien Stücken untergetaucht? Dengler macht sich auf die Suche und wie immer fördert er politischen Sprengstoff zu Tage.

Die äußerst erfolgreiche Reihe um Georg Dengler ist inzwischen beim neunten Fall angelangt. Autor Wolfgang Schorlau sucht sich immer wieder brisante politische Themen als Fälle für seinen Ermittler aus. Dieses Mal ist es das große Thema Euro-Krise, Griechenland-Rettung, aber auch deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland während des zweiten Weltkriegs.

Schorlau hat in seinen Krimis immer auch einen pädagogischen Auftrag. Seine Gesellschaftskritik oder Kritik an der Politik kommt selten subtil, sondern meist offen und oft auch dozierend daher. Ich lese diese Reihe gerne, aber stilistisch gelingt der Spagat zwischen Krimi und journalistischem Aufsatz manchmal nur bedingt. So sehr ich auch mit der Meinung des Autors übereinstimme, dass Griechenland übel mitgespielt wurde, so bin ich aber auch nur bedingt zufrieden, dass er volkswirtschaftliche Proseminare als Teamsitzungen seines Detektivs tarnt. Das wäre doch auch geschmeidiger gegangen. Ansonsten ist Der große Plan ein temporeicher Krimi zwischen Stuttgart, Berlin und Athen, bei dem sich für mich das Motiv aber schon früh abzeichnete. Insgesamt ordentlich, aber sicher nicht der Beste der Reihe.

Der große Plan | Erschienen am 8. März 2018 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04667-0
448 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.0 von 5.0

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Die schützende Hand des Autors Wolfgang Schorlau.

 

Olivier Guez | Das Verschwinden des Josef Mengele

Josef Mengele, der Todesarzt von Auschwitz, in den letzten Monaten des Krieges untergetaucht, emigriert unter falschem Namen nach Argentinien. Dort kann er sich auf ein funktionierendes Netzwerk alter Nazis und auf die Protektion der peronistischen Regierung verlassen. Auch die Familie hält Kontakt. Doch die Zeiten ändern sich, es wird irgendwann doch noch nach den Verbrechern gesucht. Der Mossad entführt Eichmann. So beginnt eine jahrzehntelange Flucht durch Südamerika, in der Mengele zunehmend isoliert, aber dennoch nicht gefunden wird.

Autor Olivier Guez hat mit Das Verschwinden des Josef Mengele einen Zwitter geschrieben, einen Tatsachenroman, beginnend mit der Ankunft Mengeles in Argentinien 1949 bis zu seinem Tod an einem brasilianischen Strand dreißig Jahre später. Der Autor hat brillant recherchiert, zeichnet das Leben des SS-Arztes präzise nach. Das Buch ist an vielen Stellen hochinformativ: Die Rattenlinien und die alten Seilschaften, die Untätigkeit deutscher und einheimischer Behörden, die vergebliche Suche des Mossad und das Porträt eines unbeirrbaren, fanatischen Rassisten, der bis zuletzt an die Richtigkeit seiner verbrecherischen Taten glaubte.

Das Problem für mich war nur: Es funktioniert nicht als Roman. Guez erzählt dreißig Jahre teilweise zeitraffend, verharrt zu selten im Moment, verzichtet im Wesentlichen auf Dialoge. Das alles macht das Buch nicht mitreißend, nicht spannend, sondern es bleibt eher dokumentarisch. Gleichzeitig verharrt der Autor beim lamentierenden, selbstmitleidigen Mengele und es wird nicht ganz klar, was am Ende davon vielleicht doch nur Fiktion war.

Das Verschwinden des Josef Mengele | Erschienen am 10. August 2018 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-03728-4
224 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: True Crime
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Martin Krist | Freak City 1: Hexenkessel

New York City: Patsy und Milo haben einen todsicheren Tipp bekommen, wo bei einem Einbruch eine Menge zu holen ist. Doch plötzlich steht nicht nur der Hausbesitzer im Raum, sondern auch ein Mörder, der schon seit Wochen die Stadt in Angst versetzt. Gleichzeitig bekommt Pearl, ein freischaffender Ermittler, einen neuen Auftrag: Er soll eine vermisste aufstrebende Theaterschauspielerin suchen. Und wie es so kommt, werden sich irgendwann die Wege der Beteiligten kreuzen.

Martin Krist ist ein vielschreibender Thrillerautor und Verfechter des Sulfpublishing. Stetig und sympathisch im Netz präsent, außerdem ein Krimiliebhaber mit beeindruckender Bibliothek. Von daher hatte ich mir schon längst vorgenommen, ein Buch des Autors zu lesen. Dieser hat sich nach eigenen Angaben mit seiner neuen Serie Freak City einen Lebenstraum erfüllt, eine Thrillerserie mit Schauplatz New York zu schreiben.

Eine durchaus interessante Hauptfigur hat dieser Roman auf jeden Fall. Pearl, ein Halbblut, Geldeintreiber und Spürhund, trägt seine Narben mit sich herum, äußerlich wie innerlich. Was dieser erste Thriller der Reihe – Hexenkessel – ebenfalls erfüllt: Tempo, Tempo, Tempo. Keine Atempause, es geht immer voran. Die erzählte Zeit beträgt noch nicht mal 24 Stunden. Das müsste mir eigentlich gefallen, allerdings hatte ich das Gefühl, dass hier doch zu sehr aufs Gaspedal gedrückt wurde. Der Plot wirkt noch nicht rund, Wendungen sind auf Zufall aufgebaut, weitere Figuren, selbst Patsy, bleiben für mich etwas blass. So ziehe ich ein zwiespältiges Fazit, aber habe durchaus die Hoffnung auf eine Steigerung in dieser Reihe.

 

Freak City 1: Hexenkessel | Erschienen am 14. November 2018 als Selfpublisher im Verlag R&K
ISBN 978-3-746-77975-1
220 Seiten | 9.99 Euro (als E-Book 0.99 Euro)
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 2.5 von 5.0

Auch bei uns: Monikas Rezension zu Martin Krists Thriller Märchenwald.

 

Tom Franklin | Krumme Type, krumme Type

Larry Ott fristet ein Dasein als Verstoßener in Chabot, Mississippi. Vor 25 Jahren hatte er ein Mädchen mit auf ein Date genommen, das hinterher spurlos verschwand. Larry beteuerte seine Unschuld, ihm konnte auch nie etwas nachgewiesen werden, so dass er nicht verurteilt wurde. Fortan war er ein Paria, lebte allein im abgelegenen Elternhaus. Nun wird erneut eine 19-Jährige vermisst und Larry steht natürlich sofort unter Verdacht. Er wird eines Abends mit schweren Schussverletzungen aufgefunden, liegt seitdem im Koma. Der ermittelnde Detective ist sich relativ sicher, dass Ott sich aus Schuldgefühlen die Verletzungen selbst zugefügt hat. Doch der schwarze Constable Silas Jones ist sich dessen nicht so sicher. Was niemand im Ort weiß, ist, dass Silas und Larry eine gemeinsame Vergangenheit verbindet.

Krumme Type, krumme Type ist eine absolut sensationelle Südstaatengeschichte, die abwechselnd aus der Sicht von Larry und Silas erzählt wird und regelmäßig in Rückblicken die Vergangenheit aufrollt. Denn die Geschichte von damals spielt natürlich in die Gegenwart hinein: Eine Freundschaft zweier ungleicher Jungen, die unter keinem guten Stern steht und nur einen Sommer lang überdauert. Es ist ein pralle Geschichte, in der alles steckt: Crime, Coming of Age, Freundschaft, Verrat, Schuld, Reue, Rassismus, Gewalt. Ein intensives Porträt des ländlichen amerikanischen Südens und dazu zwei wunderbar beschriebene, tragische Hauptfiguren.

Und allen, die meinen, dass ich da wieder einen düsteren Noir empfehlen will, denen sei gesagt, dies ist mitnichten ein Noir, denn man spürt die Sympathie des Autors Tom Franklin für seine Figuren, so dass er diese nicht ohne Hoffnung aus der Geschichte entlassen will. Eigentlich hätte dieses Buch eine viel ausführliche Besprechung verdient, aber es gibt bereits die ultimative Lobhudelei. Die Besprechung von Philly auf ihrem Blog Wortgestalt ist absolut umwerfend, ich kann mich da nur anschließen!

 

Krumme Type, krumme Type | Erschienen am 27. Juli 2018 bei Pulp Master
ISBN 978-3-927734-99-9
406 Seiten | 15.80 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Spannungsroman
Wertung: 5.0 von 5.0

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Tom Franklins Roman Die Gefürchteten.

Weiterlesen: Philly’s Rezension zu Krumme Type, krumme Type

 

Rezensionen 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Klara Holm | Krähennest

In einem Krähennest, also einer Aussichtsplattform auf einem Schiff, wird der abgetrennte Kopf eines Mannes gefunden. Luka Kroczek übernimmt die Ermittlungen und findet schnell heraus, dass der Tote ein Kollege seiner Freundin Teresa ist. Als eine zweite Leiche auftaucht, wird der Fall immer undurchsichtiger und auch Teresa gerät in Gefahr.

Krähennest von Klara Holm ist ein flüssig zu lesender Küsten-Krimi, der auf der Insel Rügen spielt und mit echten Schauplätzen punktet. Die typische Ermittlungsarbeit steht im Vordergrund, aber auch einige Anekdoten aus dem Privatleben der Protagonisten kommen nicht zu kurz. Zum Ende hin wird es dann nochmal spannend und für mich war das Ende nicht vorhersehbar. Durchaus eine Empfehlung als leichten Krimi für zwischendurch.

 

Kurzrezension und Foto von Andrea Köster.

Krähennest | Erschienen am 26. März 2016 bei rororo im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-27071-0
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Regionalkrimi
Wertung: ausstehend

 

Hier geht es zu den bisherigen Beiträgen der Kategorie: Abgehakt – Krimis kurz besprochen

Sir Arthur Conan Doyle | Eine Studie in Scharlachrot

Sir Arthur Conan Doyle | Eine Studie in Scharlachrot

Klassischer Detektivroman aus dem Jahre 1881

„Ich muss ihnen für alles danken. Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hingefahren und hätte so die beste Studie verpasst, die mir je untergekommen ist: Eine Studie in Scharlachrot, eh? Warum sollten wir nicht ein wenig Kunstjargon verwenden? Der scharlachrote Faden des Mordes verläuft durch das farblose Knäuel des Lebens, und unsere Pflicht ist es, ihn zu entwirren, zu isolieren und jeden Zoll davon bloßzulegen.“ *

Der Meister selbst also ist für den Titel des Romans verantwortlich, der über den allerersten Fall von Sherlock Holmes und Doktor Watson berichtet und im November 1887 den Lesern eines Londoner Magazins das ungewöhnliche Gespann bekannt macht, Beeton’s Christmas Annual. Erst ein Jahr später erscheint die Geschichte dann auch in Buchform beim Verlag Ward, Lock & Co., noch ohne großen Zuspruch. Zugegeben, es ist auch ein eher schwächerer erster Auftritt des gegensätzlichen Duos, welches bald darauf – und bis heute! – die Kriminalliteratur verändern und beeinflussen sollte. Insofern ist dieses Debüt natürlich von hohem Interesse für jeden Liebhaber des Sherlock-Holmes-Kanons, erleben wir doch hier das erste Treffen der Gefährten, den Beginn einer ungewöhnlichen und folgenreichen Beziehung.

Der junge Mediziner Dr. John H. Watson ist gerade aus Afghanistan zurückgekehrt, wo er als Assistenzarzt im Krieg gearbeitet hat und schwer verwundet wurde. Gesundheitlich angeschlagen, kehrt er zur Erholung nach London zurück, wo er nun eine preiswerte Unterkunft braucht. Und so macht er die Bekanntschaft von Sherlock Holmes, eines jungen Mannes, der gerade einen Mitbewohner für eine möblierte Wohnung sucht. Er wird beschrieben als ein Mann mit komischen Ideen, ein Enthusiast was einige akademische Disziplinen angeht, mit einer Leidenschaft für präzises, exaktes Wissen. Ganz gut in Anatomie und ein erstklassiger Chemiker, aber sehr sprunghaft und exzentrisch, was seine Studien angeht, hat er offensichtlich eine Menge abseitiger Kenntnisse angehäuft, über die seine Professoren staunen würden.

So begegnet Watson seinem künftigen Zimmergenossen und Begleiter bei vielen aufregenden Abenteuern, im Labor eines Krankenhauses, wo er soeben eine der praktischsten gerichtsmedizinischen Entdeckungen der letzten Jahre gemacht hat, die einen unfehlbaren Nachweis für Blutflecken liefert. Watson ist ebenso irritiert wie interessiert. Kurz gesagt, die beiden so unterschiedlichen jungen Männer sind sich sympathisch und schnell ist abgemacht: sie teilen sich zwei gemütliche Schlafzimmer und einen gemeinsamen großen Wohnraum bei Mrs. Hudson. Ihre neue Adresse, heute weltbekannt: 221b Baker Street.

Watson ist fasziniert von seinem neuen Bekannten, der ihn immer wieder verblüfft mit seinen rätselhaften Kenntnissen über Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen kann und wohl nur durch irgendwelche heimlichen Schliche erworben hat. Dann aber entdeckt Watson einen Zeitungsartikel, in dem aufgezeigt wird, wie viel ein aufmerksamer Beobachter durch genaue und systematische Untersuchung all dessen, was ihm begegnet, zu lernen vermag. Wie alle anderen Künste, heißt es da, lässt sich die Wissenschaft der Deduktion und Analyse nur durch langes und geduldiges Studium erwerben. Watson hält das alles für unsägliches Geschwätz, aber Holmes widerspricht. Er selbst hat diesen Artikel geschrieben, und in der Folge wird er seinem neuen Zimmergenossen eine ganze Reihe Beispiele und Beweise für die Richtigkeit seiner Thesen liefern.

In einem Gespräch mit Watson erläutert er, wie wir uns seine Tätigkeit vorzustellen haben:

„Ich habe einen besonderen Beruf, ich glaube, ich bin der einzige Beratende Detektiv auf der Welt. Hier in London haben wir jede Menge beamtete Detektive und etliche private. Wenn diese Leute nicht weiterwissen, kommen sie zu mir, und ich bringe sie auf die richtige Fährte. (…) Das Beobachten ist mir zur zweiten Natur geworden.“

Sein neuester Fall scheint sich zu einem dieser komplizierteren zu entwickeln. Er beginnt mit einem kurzen Brief an Sherlock Holmes, in dem seine Hilfe erbeten wird. In einem leerstehenden Haus wurde der Leichnam eines gut gekleideten Gentleman gefunden, mit Karten in der Tasche, die ihn als Bürger der USA ausweisen. Es wurde nichts gestohlen, der Tote weist keinerlei Wunden auf, aber im Zimmer fanden sich Blutspuren. Wie der Mann hierher kam, ist unklar, überhaupt scheint dem Absender des Hilferufs die ganze Angelegenheit ein Rätsel. Holmes kennt ihn, es ist Gregson, den er für den intelligentesten Mann bei Scotland Yard hält.

„Er und Lestrade sind die Einäugigen unter den Blinden dort.“

Als Holmes und Watson am Tatort eintreffen, finden sie die beiden Detektive tatsächlich Ratlos vor. Ihre Untersuchungen haben sie keinen Schritt vorangebracht. Erst, als an einer Wand das mit Blut geschrieben Wort RACHE entdeckt wird und sich zudem der Ehering einer Frau findet, ist sich Lestrade sicher: „Wenn dieser Fall aufgeklärt ist, werden sie sehen, dass eine Frau namens Rachel etwas damit zu tun hatte.“

Natürlich ist Holmes schon viel weiter. Im Hinausgehen wirft er in den Raum: „Es ist ein Mord verübt worden, und der Mörder ist ein Mann. Er ist über sechs Fuß groß, im besten Alter, hat für seine Größe kleine Füße, trägt grobe Stiefel, die vorn viereckig enden, und er hat eine Trichinopoly-Zigarre geraucht. Er ist zusammen mit seinem Opfer in einem vierrädrigen Wagen hergekommen, der von einem Pferd mit drei alten Hufeisen und einem neuen am rechten Vorderhuf gezogen wurde. Höchstwahrscheinlich hat der Mörder ein blühendes Aussehen, und die Fingernägel seiner rechen Hand sind bemerkenswert lang. Das sind nur ein paar Hinweise, aber sie könnten ihnen nützlich sein.“ Lestrade und Gregson sehen einander mit einem ungläubigen Lächeln an. „Wenn dieser Mann ermordet worden ist, wie ist der Mord dann begangen worden?“ – „Gift“, und noch etwas, Lestrade. „Rache“ ist das deutsche Wort für „revenge“; vergeuden sie also nicht ihre Zeit damit, dass sie nach Miss Rachel suchen.“

So erhält Watson seinen ersten Anschauungsunterricht in den Methoden des Meisters, und er kann kaum glauben, dass Holmes sich völlig sicher ist. Als dieser ihm die Beobachtungen schildert, die zu seinen Schlussfolgerungen führten, ist Watson erst recht verwirrt. Ihm scheint alles nur noch mysteriöser, aber Holmes stellt fest, dass vieles zwar noch dunkel ist, sein Urteil über die wichtigsten Tatsachen aber bereits abgeschlossen. Wie später noch so oft macht sich Sherlock Holmes einen Spaß daraus, seine überraschten Gegenüber im Unklaren darüber zu lassen, wie er zu seinen erstaunlichen Erkenntnissen gekommen ist.

„Ich werde ihnen nicht viel mehr über diesen Fall erzählen, Doktor. Sie wissen schon: Ein Zauberer bekommt keinen Applaus mehr, wenn er erst seinen Trick verraten hat; und wenn ich ihnen zu viel von meiner Arbeitsmethode zeige, werden sie zu dem Schluss kommen, dass ich schließlich doch ein ganz gewöhnliches Individuum bin.“

„Zu diesem Schluss werde ich niemals kommen“,sagte ich. „Sie haben die Detektion einer exakten Wissenschaft so weit angenähert, dass man sie in dieser Welt nicht mehr übertreffen wird.“

Worauf Holmes, wie Watson weiter ausführt, errötet, weil er für Schmeicheleien über seine Kunst äußerst empfänglich ist. Natürlich weiß er, dass er nicht ganz gewöhnlich ist, er ist selbstbewusst genug, zu erkennen, dass er mit seinen besonderen Fähigkeiten den meisten Menschen weit überlegen ist, und es macht ihm große Freude, diese Überlegenheit zu demonstrieren und effektvoll zu inszenieren. So kann man kritisch anmerken, dass der bewunderte Detektiv (oder der Autor) durchaus Details verschweigt oder irreführende Hinweise gibt, um den Leser hinzuhalten und dann mit einer wohlgesetzten Schlusspointe die Lösung des Rätsels zu verraten. Der geniale Detektiv hatte natürlich längst alles durchschaut, während alle anderen die brillanten Folgerungen und fantastischen Gedankengängen des Meisters nicht nachvollziehen können.

Wer die Geschichten heute liest, ist kaum noch auf so plumpe Weise hinters Licht zu führen, für ihn liegt der Reiz möglicherweise im Geist des viktorianischen Zeitalters, der die Geschichten durchweht, und in der eleganten, angenehmen Sprache der Epoche, in der diese dargeboten werden. Für den zeitgenössischen Leser allerdings war vermutlich Sherlock Holmes‘ Kunst der Deduktion durchaus zum Staunen, weil noch recht unbekannt und wenig beschrieben. Genau genommen hatte Sherlock Holmes zwei Vorläufer, die sich ähnlicher Methoden bedienten, und Conan Doyle kannte sie sehr gut: Da erschien zunächst ein Chevalier Auguste Dupin im Jahre 1841 auf der Bühne der Weltliteratur. Edgar Allan Poe ließ seinen genialen Spürhund in den folgenden Jahren in drei Detektivgeschichten ermittel. Auch Dupin hatte einen Gefährten, der über die Fälle anschließend berichtet, und er hatte auch schon einige Marotten und bemerkenswerte Angewohnheiten, die seine Nachfolger auszeichnen sollten. Insbesondere hatte auch dieser grandiose Geist die Angewohnheit, seine Umgebung mit den erstaunlichen Ergebnissen seiner Deduktionen zu verblüffen.

Im Jahre 1863 erschien dann das erste Abenteuer des Monsieur Lecoq, eines jungen Polizisten und späteren Inspektors, den Emile Gaboriau erfunden hat. Auch dieser scharfsinnige Detektiv löst in einer Reihe erfolgreicher Romane sämtliche Rätsel durch logische Schlussfolgerungen. Conan Doyle war also keinesfalls der erste, der einen solchen Detektiv ins Rennen schickte, und Holmes nicht der erste, der sich mit seinen Ermittlungsmethoden einen Namen machte. Unterhalten sich Holmes und Watson im vorliegenden Roman über die beiden Vorgänger unseres Meisters. Watson bewundert sie und ist ein wenig indigniert, als Holmes sie schlichtweg als „minderen Gesellen“ und „ miserablen Stümper“ bezeichnet. Somit stellt Conan Doyle klar: Holmes ist mit Dupin oder Lecoq nicht zu vergleichen, und er selbst nicht einfach ein Nachfolger von Poe und Gaboriau.

Sein erster Detektivroman aber ist weder besonders noch besonders interessant oder spannend, im Gegenteil. Dem Leser wird einiges an Geduld abverlangt, denn der möglicherweise noch unsichere weil unerfahrene Schriftsteller Conan Doyle traut sich offenbar noch nicht, ganz auf seine beiden Helden und ihre gemeinsamen Abenteuer zu setzen. So kommt es, dass dieser erste Roman zweigeteilt ist, die „Erinnerungen von John H. Watson M.D.“ brechen im entscheidenden Moment ab und es folgt eine längere Schilderung von Ereignissen in Utah nach der Gründung von Salt Lake City durch die Mormonen. Diese Vorgeschichte zu den Morden im London des Jahres 1881 muss natürlich ohne Holmes und Watson auskommen und macht den Leser stattdessen bekannt mit John Ferrier und den Umständen, die ihn zu einem erbarmungslosen Rachefeldzug führten. Auch das ist durchaus schön und spannend geschrieben, aber eigentlich wartet man nur auf den „Fortgang der Erinnerungen von John Watson“, in denen das Geschehen um die „Studie in Scharlachrot“ vollständig aufgerollt wird.

John Ferrier fasst die Ereignisse von Beginn an bis zum überraschenden Ende zusammen und Holmes darf dozieren, wie und warum er das alles schon vor diesem Geständnis wissen konnte und also den Täter überführen und festnehmen konnte. Es endet wie in vielen Fällen, die Holmes in der Folge auf seine geniale Art lösen wird: Lestrade und Gregson heimsen die Lorbeeren ein, Holmes muss sich vorläufig mit dem Wissen um die Wahrheit bescheiden und mit der Aussicht auf die Veröffentlichungen seines Chronisten, der die Tatsachen irgendwann zurechtrücken wird.

*Alle Zitate entstammen der Taschenbuch-Ausgabe sämtlicher Sherlock-Holmes-Geschichten und -Romane des Insel Verlages, Eine Studie in Scharlachrot insel taschenbuch 3313.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Eine Studie in Scharlachrot | Erstveröffentlichung 1881
Die aktuelle gelesene Ausgabe erschien am 26. November 2007 bei Insel im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-458-35013-2
189 Seiten | 7.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Die Abenteuer des Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle