Kategorie: Nora

Alfred Komarek | Polt muss weinen Bd. 1

Alfred Komarek | Polt muss weinen Bd. 1

Mit der Figur des Gendarmen Simon Polt aus der Feder von Alfred Komarek möchten wir euch eine weitere Kultfigur des österreichischen Kriminalromans vorstellen. Alfred Komarek, geboren 1945 in Bad Aussee, schrieb insgesamt fünf Kriminalromane um den gemütlichen und bedachten Inspektor. Polt muss weinen ist der erste Teil dieser Kultserie. Er erschien bereits 1998.

Simon Polt wird in das Wiener Weinviertel mit einem Toten konfrontiert, der mehr Feinde hatte, als er an zwei Händen abzählen könnte. In einem Preßhaus wird die Leiche des mehr als umstrittenen Albert Hahn gefunden, todesursächlich gilt eine Vergiftung mit Gärgas, welches durchaus in Preßhäusern zu bestimmten Zeiten auftreten kann, sozusagen ein normaler Prozess des Kelterns ist, für gewöhnlich aber herausgeleitet wird bzw. die Weinbauern wissen um die Gefahren und wie man sie umgeht.

Alfred Komarek führt mit diesem ersten Polt-Fall seine Figur ein und dafür nimmt er sich genügend Spielraum, es gelingt, dass man sich als Leser einfühlen kann in den genussfreudigen, genügsamen Inspektors. Er zeichnet das Bild eines Mannes, dem man sehr gerne folgt. Dabei pflegt er einen flüssigen Schreibstil, der mit regionalen Dialektikeinschüben und Spitzfindigkeiten gespickt ist, was den besonderen Humor der Reihe ausmacht.

Neben Simon Polt lernen wir auch die Figuren des Weinviertels kennen, Weinbauern, Wirte, Geistliche und wir erfahren durch die Befragungen von Preßhausbetreibern und anderen sehr viel über den verhassten Albert Hahn, dem jeder die Pest an den Hals bzw. direkt den Tod gewünscht hat. Daraus macht auch niemand einen Hehl und man spricht sowieso über nichts anderes im Ort. Die Motive sind unterschiedlicher Natur, aber alle eint die Erkenntnis, dass sein Abgang viel zu einfach war. Und für den Leser ist dies sehr unterhaltsam!

Alfred Komareks Polt-Romane sind pointierte Regionalkrimis, die ersten vier Teile wurden bereits erfolgreich verfilmt und als Hörbücher vom ORF vertont. Komarek machte sich auch als Kinderbuchautor einen Namen und wurde vielfach für seine gesellschaftlichen Beiträge geehrt. Für Polt muss weinen erhielt der Autor 1998 den Friedrich-Glauser-Preis.

 

Rezension und Foto von Nora.

Polt muss weinen | Erstmals erschienen 1998 im Haymon Verlag
Die gelesene Ausgabe „Polt – Die Klassiker in einem Band“ erschien am 15. Februar 2012 im Haymon Verlag
552 Seiten | 26.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Blogkooperative: Adventsspezial Österreich

Blogkooperative: Adventsspezial Österreich

Liebe Krimifreunde!

Der Advent hat bereits begonnen und damit beginnt auch unser alljährliches traditionelles Themenspezial. Christina von Die dunklen Felle und wir haben uns wieder die Köpfe zerbrochen, um uns ein gemeinsames Thema zu überlegen. Nach Themen wie Privatdetektive und Inseln hatten wir uns relativ schnell wieder auf ein geografisches Thema geeinigt. Da gibt es natürlich auch eine Menge Auswahl, doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?.

In diesem Jahr geht es nämlich um Krimis aus unserem allerliebsten Nachbarland – Österreich. Das hat natürlich den Vorteil, dass es eine große Auswahl gibt. Zum einen braucht es keine Übersetzer, vor allem gibt es zum anderen aber eine große Krimiszene. Wir hatten also die Qual der Wahl, haben uns aber eine gute Auswahl aus Klassikern und Aktuellem und aus verschiedenen Subgenres ausgewählt.

Von Mittwoch, 4. Dezember bis Sonntag, 22. Dezember 2019 wollen wir euch insgesamt dreizehn Titel vorstellen. Wie üblich veröffentlichen wir von Kaliber.17 und Christina von Die dunklen Felle die Rezensionen jeweils im Wechsel. Daneben teilen wir die Beiträge auf unseren bekannten Social Media-Kanälen (Facebook, Instagram und Twitter).

Ein besonderes Highlight gibt es in diesem Jahr auch. Wir freuen uns sehr, dass Ellen Dunne, waschechte Österreicherin (und Wahl-Irin) einen Gastbeitrag beisteuern wird. Denn die Autorin schreibt nicht nur, sondern ist natürlich auch selbst Krimi-Fan und wird uns ihre Lieblingsautorinnen aus der Heimat verraten.

Unsere gemeinsame Leseliste in der Reihenfolge der Rezensions-Veröffentlichungen:

  1. Josef Haslinger | Opernball (k.17)
  2. Michaela Kastel | So dunkel der Wald (ddf)
  3. Beate Maxian | Mord im Hotel Sacher (k.17)
  4. Bernhard Aichner | Die Schöne und der Tod (ddf)
  5. Günter Brödl | Blutrausch (k.17)
  6. Christian Mähr | Knochen kochen (ddf)
  7. Österreichische Krimiautorinnen, die man gelesen haben muss (Gastbeitrag Ellen Dunne)
  8. Günther Pfeifer | Das letzte Achtel (k.17)
  9. Nora Miedler | Warten auf Poirot (ddf)
  10. Alex Beer | Der zweite Reiter (k.17)
  11. Lilian Faschinger | Die Unzertrennlichen (ddf)
  12. Wolf Haas | Auferstehung der Toten (k.17)
  13. Ellen Dunne | Für immer mein (ddf)
  14. Alfred Komarek | Polt muss weinen (k.17)

(k.17) Beiträge von uns auf Kaliber.17
(ddf) Beiträge von Christina auf Die dunklen Felle

Wie immer an dieser Stelle wünschen wir euch viel Spaß mit unserem Österreich-Spezial. Wir hoffen, Ihr begleitet uns durch die Adventszeit und gebt uns an der einen oder anderen Stelle einen Kommentar oder eine Rückmeldung zu den besprochenen Titeln oder wie es euch allgemein gefallen hat.

Gunnar & Nora für Kaliber.17

PS Hier nochmal die Links zu Christinas Blog Die dunklen Felle und zu Ellen Dunnes Webseite – unbedingt besuchen!

Max Annas | Morduntersuchungskommission Bd. 1

Max Annas | Morduntersuchungskommission Bd. 1

An den Gleisen einer Bahnstrecke nahe Jena wird 1983 die Leiche eines Mosambikaners gefunden, die mehr Fragen aufwirft, als es in der Wirklichkeit des Sozialismus Antworten zu geben scheint. Augenscheinlich wurde der Mann aus einem fahrenden Zug gestoßen, doch das Verletzungsbild deutet auf Misshandlung.

Autor Max Annas greift mit seinem vierten Kriminalroman den authentischen Fall des 1986 verstorbenen Manuel Diogo auf, dem auch der Roman gewidmet ist. Annas, selbst in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen, kam durch einen Zufall das erste Mal 1987 in die DDR, erhielt jedoch 1989 ein Einreiseverbot. Der Fall Diogo ließ ihn nicht mehr los, was er schriftstellerisch auf seinen Protagonisten Oberleutnant Otto Castorp übertragen hat. Dieser wird mit den Ermittlungen in dem Todesfall beauftragt, wird aber, als er allzu genau recherchiert und politisch betrachtet zu brisant wird, zurückgepfiffen, der Fall soll – um politische Missstimmungen zu vermeiden – unter den Teppich gekehrt werden. Doch Castorp ist ein Denker, einer, der das System DDR nicht so schluckt, wie er es als Staatsangestellter sollte, und damit aneckt, denn er ermittelt im Alleingang weiter – und wird dabei beobachtet.

„Du hängst immer noch an dem Fall mit dem Afrikaner. (…) Wie viele haben dir gesagt, dass du die Finger davon lassen sollst?“
[…]
„Danke, ich mag es, wenn mich mein eigener Bruder belehrt. Jetzt kannst du mir ja die Frage endlich beantworten.“
„Welche Frage?“
„Wie wir hier mit denen umgehen.“
„Es gibt keine, ich habe dir das doch gerade gesagt. Nazis sind eine Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Die gibt es folglich in der Bundesrepublik Deutschland. Nicht bei uns in der DDR.“ (Seite 293)

Max Annas hat die Figur des Oberleutnants Castorp mit einer angenehmen Tiefe ausstaffiert. Er gibt uns Einblicke in sein Privatleben mit seiner Frau Birgit und seinen Kindern und zeigt die sensiblen Seiten des Ermittlers besonders in dessen Begegnungen mit seiner Geliebten Marion. Dabei gefiel mir sehr gut, dass keine wertende Haltung herauszulesen war. Castorp reibt sich an der Systematik der DDR und ebenso fügt er sich nicht recht in das gesellschaftlich geforderte Familienbild. Doch Annas beschreibt es in einer harmonischen Art, es passt, als müsste es so sein, der Autor versteht, was sein Protagonist braucht, um rund zu sein. Castorp ist ein Sympath und fähiger Ermittler zugleich, leider im falschen Staatssystem.

Morduntersuchungskommission ist ein eher bedächtig aufgebauter Kriminalroman, der den Anfang einer neuen Reihe darstellt, die historische Mordfälle der DDR aufgreift, im Kontext zum politischen System und den besonderen Verhaltensweisen, denen Ermittler unterliegen. Mich hat der Schreibstil Annas sehr begeistert, da er ruhig und zugleich spannend aufzeigt, woran es dem System fehlte und was dies mit den dem System unterworfenen Bürgern und Staatsbediensteten machte. Dabei hat Journalist Annas gründliche Recherchen zugrunde gelegt und unterhält spannend und mühelos zugleich. Einzig die detaillierten Beschreibungen der Verstümmelungen und Misshandlungen bilden einen Ausreißer im Gebrauch drastisch bildlichen Sprachgebrauchs.

Max Annas arbeitete lange als Journalist, lebte in Südafrika und wurde für seine ersten drei Kriminalromane mit dem Deutschen Krimipreis auszgezeichnet.

 

Rezension und Foto von Nora.

Morduntersuchungskommission | Erschienen am 23. Juli 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00103-2
352 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Berliner Zeitung – Ein Gespräch mit dem Krimiautor Max Annas

Auch bei uns: Rezension zu Max Annas | Die Mauer

Edgar Wallace | Der grüne Bogenschütze

Edgar Wallace | Der grüne Bogenschütze

Es gab genug Leute, die ihn verfluchten – Bellamy war ein hartgesottener Geschäftsmann, und sein Name wurde da und dort mit einer Gemeinheit in Verbindung gebracht, was ihm allerdings keine schlaflosen Nächte bereitete. Reue und Furcht kannte er nicht, sondern war im Gegenteil noch stolz auf das Böse, das er getan hatte. Was sich ihm in den Weg stellte, hatte er stets niedergetreten. (…) Seit dreißig Jahren war er mächtig genug, um andere verfolgen und völlig nach seinem Belieben handeln zu können. (Auszug Seite 9)

Der grüne Bogenschütze, der Geist eines im 18. Jahrhundert hingerichteten Wilderers, soll wieder auf Schloss Garre Castle, einem ehemaligen englischen Adelssitz, jetzt im Eigentum des unerbittlichen Chicagoer Geschäftsmanns Abel Bellamy, aufgetaucht sein und dort herumspuken. Der aufs Äußerste unbeliebte Bellamy glaubt nicht an Gespenster, doch als eines Tages sein Freund Charles Creager – erschossen mit einem grünen Pfeil – tot in dessen Garten aufgefunden wird, regt sich doch so etwas wie Angst bei Bellamy, auch wenn er dies öffentlich nicht eingestehen würde. Die Anschaffung zweier scharfer Wachhunde spricht jedoch dafür. Für die Polizei hingegen gilt er als Verdächtiger, denn Creager und Bellamy hatten noch am Vorabend des Mordes einen heftigen Streit.

Spike Holland wird indes von seinem Redaktionsleiter als Journalist in ein Londoner Hotel geschickt, um dort für eine spannende Story über den Grünen Bogenschützen zu recherchieren. Gleichzeitig hat er eine zweite Story in petto, denn er möchte den belgischen Geschäftsmann John Wood in London treffen, um ihn für eine mehrteilige Hintergrundgeschichte zu den von ihm geplanten privaten Kindergärten gewinnen. Wie praktisch, dass sowohl Bellamy als auch Wood im selben Hotel abgestiegen sind. Da Holland von Bellamy abgewimmelt wird (der Mord an Creager geschieht danach), widmet sich der lebhafte Reporter der Geschichte von Mr. Howett und dessen Tochter Valerie. Diese wurden von dem Scotland Yard-Kommissar Jim Featherstone begleitet, da Howett nach London gereist ist, um die vor vielen Jahren verschwundene Mutter Valeries, Mrs. Elaine Held, zu finden.

Genug Stoff für zwei Krimis, sollte man meinen, aber es kommt natürlich noch zu weiteren Verstrickungen im Lauf der Handlung. Der grüne Bogenschütze taucht wiederholt auf und Abel Bellamy wacht mehrfach nachts auf und findet seine zuvor verschlossenen Schlafzimmertüren – trotz Wachhunden – weit offen stehend vor. Durchgehend tritt Bellamy als rücksichtsloser Egozentriker auf, der keine Skrupel hat, Angestellte mit einem Fingerschnippen zu entlassen und die Ermittlungen von Kommissar Featherstone zu behindern. Doch dieser greift zu raffinierten Methoden, um Bellamy auf die Schliche zu kommen.

Hauptsächlich gibt der allwissende Erzähler die Geschehnisse um Abel Bellamy, Mr. Howett und dessen Tochter sowie den Reporter Spike Holland und den Belgier John Wood wieder. Alles ist irgendwie miteinander verquickt, doch wie genau, das gilt es – ebenso wie die Identität des maskierten Bogenschützen – herauszufinden. Dabei bedient sich Edgar Wallace eines beachtlichen Tempos, bei dem ich das ein oder andere Mal eine extra Portion Konzentration aktivieren musste. Zudem hatte ich noch Bilder der vor Jahren mehrfach gesehenen Filmfassung von 1961 mit dem kongenial besetzten Gert Fröbe als Abel Bellamy und Eddi Arent in der Rolle des Spike Holland vor Augen, was ich heute noch sehr passend finde, aber andererseits hat es mich indirekt ablenkt, da ich auch noch eine Ahnung hatte, worauf es hinausläuft, auf Schloss Garre Castle, welches übrigens fiktiv ist, ebenso wie Garre lediglich ein fiktiver Vorort Londons ist. Wallace baut nonchalant noch eine wenig romantische Liebelei zwischen dem attraktiven Kommissar und der bezaubernden Halbwaisen Valerie ein, diese erweckt jedoch eher den Eindruck einer Selbstverständlichkeit und ist daher mehr komisch als störend.

Der grüne Bogenschütze ist einer von vielen Klassikern aus der Feder des weltberühmten Engländers Edgar Wallace, die sich wunderbar als Klassikhäppchen eignen. Immerhin ist diese Geschichte erstmals 1923 veröffentlicht worden, also vor 96 Jahren schon!

 

Rezension und Foto von Nora.

Der grüne Bogenschütze | Erstmals erschienen 1923, in Deutschland 1928
Die gelesene Ausgabe ist eine Sonderauflage des Goldmann Verlags, erschienen am 9. Mai 2019, Vertrieb über Lidl Deutschland
ISBN 978-3-442-60335-0
222 Seiten | 1.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Trailer zur Verfilmung

Den Roman gibt es gedruckt antiquarisch oder als gratis eBook bei zum Beispiel amazon.de

Eva García Sáenz | Die Stille des Todes

Eva García Sáenz | Die Stille des Todes

Ich glaube, das ist das komplexeste Profil, mit dem ich es je zu tun hatte. Eine Cool-Down-Phase von zwanzig Jahren bedeutet, der Mörder ist ein Psychopath, der fähig ist, sich über einen sehr langen Zeitraum zu beherrschen. Ich glaube, dass er keinen Fehler machen wird, ich glaube, dass wir ihn bei keinem Widerspruch ertappen werden, und ich glaube, dass wir bisher nur den Anfang seines Plans erlebt haben. (Auszug Seite 233)

Eva Garcís Sáenz hat mit Die Stille des Todes den ersten Teil einer Kriminalromantrilogie vorgelegt, welche in ihrer Heimatregion, dem spanischen Gebiet der autonomen Gemeinschaft Baskenland, genauer in der Stadt Vitoria-Gasteiz und deren Umgebung spielt. Protagonisten sind die beiden Ermittler Inspector Unai López de Ayala, genannt Kraken, Profilingexperte und Fallanalytiker mit einer Spezialisierung auf Täter sowie seine Kollegin Inspectora Estíbaliz Ruiz de Gauna, eine auf die Analyse von Opfern spezialisierte Viktimologin. Beide arbeiten unter der neuen Subcomisaria Alba Díaz de Salvatierra bei der Kriminalpolizei von Votoria.

Der Roman steigt sofort beim Fund zweier Toter in der Kathedrale von Vitoria ein. Beide sind nackt und wurden sorgfältig drapiert. Je eine Hand des anderen ruht an einer Wange und um sie herum finden sich drei Silberdisteln, im Baskischen sogenannte Eguzkilore oder auch „Blume der Sonne“, welche in der baskischen Mythologie ein bedeutsames Schutzsymbol darstellt. Unai und seine Kollegin Estíbaliz sind geschockt, denn diese Morde erinnern allzu deutlich an eine Mordserie, die Vitoria vor zwanzig Jahren erschütterte. Damals wurden gleich drapierte Tote aufgefunden und es wurde ein Täter ermittelt, der bereits seit zwanzig Jahren inhaftiert ist: Tasio Ortiz de Zárate, ein ehemals angesehener Archäologe und Fernsehmoderator, der seine Schuld immer abstritt, dem jedoch kein Glauben geschenkt werden konnten, deuteten doch alle Indizien ausnahmslos auf ihn.

Tasio ist der Zwilling von Ignacio, wobei die besondere Brisanz in der Beziehung darin besteht, dass Ignacio damals Polizist war und seinen Bruder verhaftet hat. Nun, 2016, steht Tasios erster Freigang nach zwanzig Jahren an und ganz Vitoria ist in Aufruhr deshalb, denn die überwiegende Mehrheit glaubt noch immer an seine Schuld und mit den nun zwei neuen Morden, fragen sich die Votirianer, wie Tasio aus dem Gefängnis heraus agieren konnte. Doch eigentlich meinen ebenjene bereits zu wissen, dass dahinter einzig sei Zwilling Ignacio stecken kann, um Tasio freizubekommen.

Unai und Estíbaliz sind nicht nur ein gut eingespieltes Team, auch sind sie beste Freunde. Wir erfahren im Laufe der Geschichte sukzessive mehr aus ihrer persönlichen Vergangenheit, ihrem Privatleben und ihrer Clique. Subcomisaria Alba ist die Neue im Bunde und hat bedingt durch den Doppelmord keine Zeit, sich einzugewöhnen sondern muss sofort present sein und ihr neues Team leiten. Unai hatte sie bereits am Morgen beim Joggen kennenlernen dürfen, doch beide wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wer der jeweils andere ist. Seiner Kollegin verschweigt er das, denn – man ahnt es schon sehr früh: zwischen Unai und Alba bahnt sich ziemlich schnell eine heftige Romanze an. An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich die Umsetzung dieser Gefühlsausbrüche sehr hölzern fand. Es fehlte mir der Weg dorthin, es war einfach zu sehr Hals über Kopf. Oder aber spanisches Temperament? Jedenfalls bin ich der Meinung, es muss doch auch mal ohne Techtelmechtel gehen. Es macht einen Krimi nicht besser, je mehr die Beteiligten miteinander verstrickt sind.

Diese Verwobenheit im Umfeld der beiden Ermittler mit den Ermittlungsarbeiten setzt sich leider auch in anderer Form durch, was in einem leicht absurd wirkendem Kuddelmuddel zum Ende hin seinen Höhepunkt findet. Schön ist allerdings der unerwartete Twist hin zum Täter, den man dachte zu kennen und dann doch wieder nicht. Was ich sehr gut fand, waren die vielen Rückblenden in die Jahre 1970/71 sowie 1989/90, die sich im Nachhinein als Hinführung zur Tat herausstellen, ohne zuviel zu verraten. Ist man mit den alavesischen Familiennamen etwas vertrauter, hat man auf jeden Fall einen Vorteil, denn ich habe den ein oder anderen Fakt überlesen und bin erst später darauf gekommen.

Wie eingangs geschrieben, ist Die Stille des Todes der erste Band einer Trilogie. Der zweite Teil Das Ritual des Wassers ist für Oktober 2019 angekündigt, der dritte Band Die Herrin der Zeit für März 2020. Die Autorin schreibt – abgesehen von den Liebesszenen und manch wirrem Gedanken Unais – recht flüssig und es liest sich gerade in der zweiten Hälfte des 566 Seiten umfassenden Krimis sehr spannend. Ein Glossar und ein Personenverzeichnis sind angefügt und geben hilfreiche und interessante Informationen, ebenso wie die in den Umschlaginnenseiten abgedruckten Karten von Vitoria bzw. dem Baskenland.

Eva Garcá Sáenz schreibt in ihrer Danksagung

Seltsamerweise ist dies mein bislang autobiographischster Roman, obwohl die Handlung nichts mit meinem Leben zu tun hat. (Seite 554)

Außerdem sei der ganze Roman eine Hommage an ihren Großvater (Seite 555). Die Figur des 94-jährigen Großvaters von Unai und seinem Bruder Germán fand ich sehr sympathisch. Ich gehe davon aus, dass wir ihm im Folgeband wiederbegegnen werden. Ich möchte auf noch mehr Spannung und weniger Verwicklungen hoffen!

 

Rezension und Foto von Nora.

Die Stille des Todes | Erschienen am 26. Juni 2019 bei Scherz im Fischer Verlag
ISBN 978-3-651-02588-2
566 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe