Kategorie: Kurt Schäfer

Anne Goldmann | Das größere Verbrechen

Anne Goldmann | Das größere Verbrechen

Eine ungewöhnliche Autorin, ein besonderer Krimi und vor allem ein außerordentlich guter Roman, eine packende Geschichte über das Schicksal dreier Frauen, die sich zwischen den Genres hin- und herbewegt, ohne dass eine genauere Zuordnung wichtig wäre.

Dieser Kriminalroman kommt ohne einen Ermittler aus, ohne den Polizei- und Justizapparat. Kommissariat und Untersuchungsgefängnis sind zwar Schauplatz, geben aber vor allem Kulissen ab, die kurzen Auftritte dort sind gestaltet wie andere Alltagsszenen dieses Romans auch, die etwa im Altenheim spielen oder im Krankenhaus, der Fokus ist immer auf die Personen gerichtet, ob handelnd oder nur duldend, stets sind es die Menschen und ihre Schicksale, die vor allem interessieren und deren Erleben und häufig Erleiden den Leser faszinieren. Denn ohne Opfer geht es auch bei Anne Goldmann nicht, nicht ohne Tote, nicht ohne Ermordete und somit auch nicht ohne Mörder, Massenmörder sogar. Täter wie Opfer geraten fast zwangsläufig, zumindest folgerichtig in ihre fatale Situation, und die wahren Opfer sind immer Frauen, die unterdrückt werden, schikaniert, ausgenutzt von Männern.

Selma Sudic ist vor über 20 Jahren aus ihrer Heimat Bosnien geflohen, der grausame Krieg hat die Muslima vertrieben, fast ihr gesamtes Dorf wurde ausgelöscht, ihre gesamte Familie umgebracht. Sie selbst wurde in einem Lager interniert, wie die anderen gefangenen Frauen immer wieder gequält und vergewaltigt. Sie weiß: Die Männer sind überall gleich. Die Menschen sind überall gleich. Im Guten wie im Schlechten. Der Krieg verändert die Menschen, sie verrohen, entdecken ihre Lust am Quälen, am Töten. Auch sie hatte geglaubt, dass der Mensch sich an alles gewöhnt, aber nun weiß sie, dass das nicht stimmt. Sie hatte sich an den Schmerz gewöhnt, an Hunger und Durst, an die Schläge, den Gestank. Aber niemals konnte sie sich an die Toten gewöhnen, nicht an die gebrochenen Augen, die zerstörten Gesichter, die grotesk verrenkten Glieder. Eine Krankenschwester, auch aus Bosnien, berichtet ihr: Meine Mutter kann nicht schlafen, sie ist nicht mehr das, was sie war. Im Fernseher hat sie die Täter gesehen, sie lächelten in die Kamera. Aber sie, sagt sie, sind stark, sie haben überlebt. Aber auch Frau Sudic wird heimgesucht von grauenhaften Bildern, entsetzlichen Eindrücken. Daher klammert sie sich an andere Vorstellungen, andere Gerüche und Erinnerungen.

Frau Sudic war ein glückliches Kind. In der Rückschau reiht sich ein Fest an das andere. Als junge Frau geht sie weg, sie ist frei, lernte, reiste durch ganz Jugoslawien. Ihre Oma rieb sich auf, um die Familie zusammenzuhalten. Die Mutter wiederholte die Fehler, schuftete und ordnete sich unter. Die junge Selma hatte geschworen, sich niemals einem Mann zu beugen, aber das gelingt nicht. Der schreckliche Krieg änderte alles. Nun dauern all ihre Tage viel zu lang, sie sitzt am Fenster, sieht die Tageszeiten, die Jahreszeiten. Sie verlässt auch das Haus kaum noch, fühlt sich in ihren vier Wänden beschützt. Am liebsten ist sie allein, erträgt ihr Schicksal, ohne zu klagen. Sie hat Angst davor, auf andere angewiesen zu sein, ausgeliefert.

Immer Mittwochs bekommt sie Besuch von Putzhilfe Ana, die auch kleine Handreichungen und Besorgungen für die alte Dame erledigt. Alle drei Tage kommen zudem wechselnde Pflegekräfte. Ana jobbt nur, um die Zeit bis zur Zulassung an der Kunstakademie zu überbrücken, sie ist eine sehr begabte Malerin. Und auch sie schleppt ein Trauma mit sich herum: vor vielen Jahren hat sie ihren Chef aus dem Fenster gestoßen und so getötet, als dieser sie bedrängte und sexuell belästigte. Vor Gericht entlastet sie aber eine Kollegin mit einer Falschaussage. Sie versucht, das Geschehene zu verdrängen, aber nachts ist sie mit ihren Gespenstern allein. Aus ihrer traurigen Wirklichkeit flieht sie in die Glitzerwelt der Disco: Dort fällt alles von ihr ab, an der Bar und auf der Tanzfläche kann sie vergessen, lebt nur für den Augenblick und ist fast glücklich.

Ana putzt auch bei Familie Rössler, Theres und Thomas sind ein Paar Mitte, Ende Dreißig, das mühsam den Anschein einer glücklichen Familie wahrt, obwohl Thomas seine Frau betrogen hat, aber das wird zwischen ihnen mittlerweile totgeschwiegen, Thomas ist schon lange nicht mehr schuldbewusst, hält seiner Frau vor, auch Fehler gemacht zu haben, und das wirft sie sich auch selbst vor. Sie war kleinmütig, feige, hat in ihren Augen versagt. Immer war sie es, die bei Problemen eingelenkt hat, zurücksteckte. Eine Ehe gibt man schließlich nicht so einfach auf. Und so macht man in heile Welt, Harmonie ist das Wichtigste. Ihre Tochter Nina ist Fünfzehn, ein typischer Teenager, ganz normal, dass sie im Moment etwas „schwierig“ ist. Aber sie ist auch ein Mädchen, das sich auflehnt, aufbegehrt gegen ihre Eltern, sich empört und widersetzt. Auch das normal für eine Fünfzehnjährige. Und Nina durchschaut die Eltern, sie wirft ihnen vor, bloß nichts riskieren zu wollen, bloß nirgends anzuecken. „Ihr seid so feig, so unfassbar feig!“ Tatsächlich wird nichts hinterfragt oder gar in Frage gestellt, man zieht sich ins Schneckenhaus zurück wie die pubertierende Nina, die sich in ihrem Zimmer einschließt, wenn es unangenehm wird und sie sich unverstanden und unterdrückt fühlt.

Theres hat sich angewöhnt, Schwierigkeiten zu ignorieren, Ärgernisse auszublenden, sie klammert sich an Gewohnheiten. Theres arbeitet halbtags, macht daneben ehrenamtlich Besuchsdienste bei älteren, einsamen Menschen und will nun auch noch Strafgefangene betreuen. Thomas hält ihr Engagement für übertrieben und ist strikt gegen ihre Pläne. Er selbst hat eine eigene Schreinerei und ist damit vollkommen ausgelastet. Wie Goldmann diese wohlgeordnete und doch so trügerische, brüchige Scheinwelt schildert, ist entlarvend, aber auch beunruhigend, ja, beängstigend, weil wahr. Das traurige Familienleben hinterlässt gleichwohl ein Gefühl von Bedauern und Mitleid. Das traurige Schicksal der Frau Sudic hingegen macht eher wütend. Ihre erschütternden Erlebnisse berühren und wühlen auf, die drastischen und doch seltsam nüchternen Schilderungen der Kriegsgräuel sind so bewegend wie beängstigend und wirken nach.

Sexuelle Gewalt, systematisch angewendet, ist schon immer und noch immer ein schlimmes Verbrechen. Nicht zufällig ging vor wenigen Wochen der Friedensnobelpreis 2018 an den kongolesischen Arzt Denis Mukwege, der sich für Mädchen und Frauen einsetzt, die Opfer sexueller Gewalt wurden und die irakische Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad, die entführt und als Sex-Sklavin gefoltert wurde. Heute ist sie UN-Sonderbotschafterin und kämpft für die Beendigung sexueller Gewalt als Kriegswaffe.

Bei Anne Goldmann stehen stets Frauen im Mittelpunkt ihrer Romane, und oft schleppen sie Traumata mit sich herum, müssen in ihrem ganz normalen, illusionslosen Alltag versuchen, Erlebtes und Erlittenes zu verarbeiten und können doch nur weitermachen, weiterleben, indem sie versuchen, die verdeckten, versteckten Erinnerungen zu verdrängen und ihre Ängste zu vergessen. Aber in ihren Wachträumen und Albträumen werden sie heimgesucht von den Gespenstern der Vergangenheit. Weil die dort lauernden Schrecken die Frauen niemals loslassen und immer wieder in ihren Alltag einbrechen, ist es nur folgerichtig, dass ständige Zeitsprünge das frühere Leben der drei Protagonistinnen zeigen.

Anne Goldmann beantwortet nicht jede Frage, hält sich nicht an jedem Detail auf, sondern hält sich auch einmal zurück, lässt weg, was eh klar ist, lässt aus, was der Leser mit seiner Fantasie und eigener Vorstellungskraft auch ergänzen kann. Dabei ist sie eine feine Beobachterin, hat ein gutes Auge auch für kleine Gesten und alltägliche Ereignisse, die sie genauestens zu Papier bringt, unaufgeregt, zurückgenommen, ruhig und bedächtig. Diese vielen kleinen, intensiven Alltagsszenen arrangiert sie abwechslungsreich und spannend, immer wieder die Perspektive wechselnd, und das in einer sehr klaren, deutlichen, einfachen und direkten Sprache, die dennoch poetisch sein kann, aber auch brutal und schonungslos, wenn sie die grausamen Kriegsereignisse schildert. Dagegen beschreibt sie die Szenen aus der Gegenwart der Frauen eher nüchtern, sachlich, emotionslos, und doch oder gerade deshalb berührt ihr Schicksal.

Diese gedemütigten, schwachen, zweifelnden und manchmal verzweifelten Frauen werden schonungslos ehrlich und sehr genau, durchaus mit Sympathie aber auch mit kritischem Abstand gezeigt. Sind schon die Hauptdarstellerinnen keine starken Frauen, so finden sich auch in den Nebenrollen Figuren, die gescheitert sind, aufgesteckt haben, sich arrangieren mit einem bescheidenen Glück, weil sie nicht mehr die Kraft haben, sich aufzulehnen und mehr zu wollen. So wie Theres, die ihrer Umwelt und sich selbst die heile Familie vorgaukelt, vor jedem Probleme die Augen verschließt, alle Krisen totschweigt, ihre Rolle als unterdrückte, missachtete Frau einfach erduldet. Mit einem unerwarteten Anruf ändert sich alles. Die Oberfläche der scheinbaren Idylle bricht plötzlich auf, und darunter kommen die Familientragödien und häusliche Dramen zum Vorschein, in die auch ihre Eltern, ihre jüngere Schwester Caro und selbst Tante Frida sowie eine weitere Familie verwickelt sind. Theres Eltern sind ein Spiegelbild ihrer eigenen Ehe. Die Mutter, Irmgard, verteidigt ihren Mann Helmut, einen dominanten, beherrschenden, unterdrückenden Reaktionär, der alles seiner politischen Karriere unterordnet. Auch er betrügt sie offensichtlich, aber sie schluckt alles, sieht weg, hält aus, spielt die Märtyrerin. Theres findet sie erbärmlich, wirft ihr vor, niemals etwas selbst gewollt, getan, entschieden, verantwortet zu haben und ist doch in der gleichen Situation. Der Anruf, der das wohlgeordnete Leben all dieser Menschen auf den Kopf stellt und aus ihrem kommoden Alltag reißt, kommt von Jan Igler, und der ist Theres Sohn, den sie mit 17 gebar und noch im Krankenhaus zur Adoption freigegeben hat. Dazu hatte sie ihr Vater gezwungen, nachdem der Kindsvater, ein junger Bosnier, während der Schwangerschaft verschwunden war und eine unangenehme öffentliche Diskussionen drohte. Ihrem Mann und ihrer Tochter hat Theres diese Tatsache immer verschwiegen, sie selbst hatte keine Ahnung, dass ihr Kind ganz in der Nähe lebt, bei dem Polizisten Gerald Igler und dessen Frau Betti. Als Thomas die Wahrheit erfährt, rastet er aus und verlässt das gemeinsame Heim. Er ist selbst in einem Heim und bei Pflegeeltern aufgewachsen und wird nun an sein Trauma erinnert. Nina hingegen ist fasziniert von ihrem älteren Stiefbruder. Die beiden verbringen immer mehr Zeit miteinander und es scheint, als empfinde Nina mehr als nur schwesterliche Zuneigung zu Jan. Vor allem ihrem Opa ist das ein Dorn im Auge.

Theres besucht Jans Adoptiveltern und findet ähnliche Verhältnisse vor, wie in ihrer eigenen Familie. Gerald Igler ist ein rabiates, bestimmendes, selbstherrliches Familienoberhaupt, er beklagt sich über seinen Adoptivsohn. Der habe mit 14 ein Auto geknackt, und mit 16 sei er mit Drogen erwischt worden. Seiner Ehefrau macht er den Vorwurf, den Pflegesohn zu verhätscheln, ihm jeden Wunsch zu erfüllen, zu viel Verständnis für ihn zu haben. Jan hat immer häufiger Streit mit seinem Adoptivvater. Nach einem besonders lautstarken Krach will er vorläufig bei seiner „neuen“ Familie unterkommen, als ihn die Nachricht erreicht, dass Gerald mit seinem Wagen in einen Laster gerast ist und nur noch tot geborgen werden konnte. Jan wird bei der Polizei vernommen, weil man ihn verdächtigt, die Radmuttern des Autos gelöst zu haben. Er beteuert seine Unschuld, verweigert aber jede Aussage und kommt in Untersuchungshaft.

Theres erfährt, dass Nina mit Jan bei ihren Großeltern war und die beiden dort übernachteten. Lockerte Helmut die Schrauben? Sollte nicht Gerald, sondern Jan mit dem Auto verunglücken? Sie beschließt, ihren Vater zur Rede zu stellen. Der gesteht ihr Ungeheuerliches, und so kommt es zur Katastrophe.

Einige Wochen später scheint die Idylle wieder perfekt, alles geht seinen gewohnten Gang. Thomas ist zurück in seinem trauten Heim, er wird jedes mal zurückkommen, alles wird immer so weitergehen. Nina lebt wieder ihr gewohntes Teenagerleben, seitdem Jan nach einer entlastenden Aussage freigekommen ist und sich auf den Weg nach Bosnien gemacht hat, um seinen leiblichen Vater zu suchen. Ana kann endlich ihr Studium aufnehmen, und hat offenbar auch ihr privates Glück gefunden. Sie hat ihr Leben wohl im Griff, dagegen ergibt sich Frau Sudic ihrem Schicksal, sie bekommt nun regelmäßig Besuch von Theres. Deren kleine, heile Welt ist offenbar wieder im Lot, Normalität stellt sich ein, aber: dann läutet das Telefon.

Die Wienerin Anne Goldmann, geboren 1961, jobbte als Kellnerin, Küchenhilfe und Zimmermädchen, um sich die Ausbildung zur Sozialarbeiterin zu finanzieren. Sie arbeitete in einer Justizvollzugsanstalt und betreut derzeit Straffällige nach der Haft. Das größere Verbrechen ist ihr vierter Kriminalroman, ein Psychokrimi, der unter die Haut geht!

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Das größere Verbrechen | Erschienen am 27. August 2018 bei Ariadne im Argumente Verlag
ISBN 978-3-867-54234-0
240 Seiten | 13.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: kurze Betrachtung von Anne Goldmanns Roman Lichtschacht auf unserem Instagram-Account.

Sir Arthur Conan Doyle | Eine Studie in Scharlachrot

Sir Arthur Conan Doyle | Eine Studie in Scharlachrot

Klassischer Detektivroman aus dem Jahre 1881

„Ich muss ihnen für alles danken. Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hingefahren und hätte so die beste Studie verpasst, die mir je untergekommen ist: Eine Studie in Scharlachrot, eh? Warum sollten wir nicht ein wenig Kunstjargon verwenden? Der scharlachrote Faden des Mordes verläuft durch das farblose Knäuel des Lebens, und unsere Pflicht ist es, ihn zu entwirren, zu isolieren und jeden Zoll davon bloßzulegen.“ *

Der Meister selbst also ist für den Titel des Romans verantwortlich, der über den allerersten Fall von Sherlock Holmes und Doktor Watson berichtet und im November 1887 den Lesern eines Londoner Magazins das ungewöhnliche Gespann bekannt macht, Beeton’s Christmas Annual. Erst ein Jahr später erscheint die Geschichte dann auch in Buchform beim Verlag Ward, Lock & Co., noch ohne großen Zuspruch. Zugegeben, es ist auch ein eher schwächerer erster Auftritt des gegensätzlichen Duos, welches bald darauf – und bis heute! – die Kriminalliteratur verändern und beeinflussen sollte. Insofern ist dieses Debüt natürlich von hohem Interesse für jeden Liebhaber des Sherlock-Holmes-Kanons, erleben wir doch hier das erste Treffen der Gefährten, den Beginn einer ungewöhnlichen und folgenreichen Beziehung.

Der junge Mediziner Dr. John H. Watson ist gerade aus Afghanistan zurückgekehrt, wo er als Assistenzarzt im Krieg gearbeitet hat und schwer verwundet wurde. Gesundheitlich angeschlagen, kehrt er zur Erholung nach London zurück, wo er nun eine preiswerte Unterkunft braucht. Und so macht er die Bekanntschaft von Sherlock Holmes, eines jungen Mannes, der gerade einen Mitbewohner für eine möblierte Wohnung sucht. Er wird beschrieben als ein Mann mit komischen Ideen, ein Enthusiast was einige akademische Disziplinen angeht, mit einer Leidenschaft für präzises, exaktes Wissen. Ganz gut in Anatomie und ein erstklassiger Chemiker, aber sehr sprunghaft und exzentrisch, was seine Studien angeht, hat er offensichtlich eine Menge abseitiger Kenntnisse angehäuft, über die seine Professoren staunen würden.

So begegnet Watson seinem künftigen Zimmergenossen und Begleiter bei vielen aufregenden Abenteuern, im Labor eines Krankenhauses, wo er soeben eine der praktischsten gerichtsmedizinischen Entdeckungen der letzten Jahre gemacht hat, die einen unfehlbaren Nachweis für Blutflecken liefert. Watson ist ebenso irritiert wie interessiert. Kurz gesagt, die beiden so unterschiedlichen jungen Männer sind sich sympathisch und schnell ist abgemacht: sie teilen sich zwei gemütliche Schlafzimmer und einen gemeinsamen großen Wohnraum bei Mrs. Hudson. Ihre neue Adresse, heute weltbekannt: 221b Baker Street.

Watson ist fasziniert von seinem neuen Bekannten, der ihn immer wieder verblüfft mit seinen rätselhaften Kenntnissen über Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen kann und wohl nur durch irgendwelche heimlichen Schliche erworben hat. Dann aber entdeckt Watson einen Zeitungsartikel, in dem aufgezeigt wird, wie viel ein aufmerksamer Beobachter durch genaue und systematische Untersuchung all dessen, was ihm begegnet, zu lernen vermag. Wie alle anderen Künste, heißt es da, lässt sich die Wissenschaft der Deduktion und Analyse nur durch langes und geduldiges Studium erwerben. Watson hält das alles für unsägliches Geschwätz, aber Holmes widerspricht. Er selbst hat diesen Artikel geschrieben, und in der Folge wird er seinem neuen Zimmergenossen eine ganze Reihe Beispiele und Beweise für die Richtigkeit seiner Thesen liefern.

In einem Gespräch mit Watson erläutert er, wie wir uns seine Tätigkeit vorzustellen haben:

„Ich habe einen besonderen Beruf, ich glaube, ich bin der einzige Beratende Detektiv auf der Welt. Hier in London haben wir jede Menge beamtete Detektive und etliche private. Wenn diese Leute nicht weiterwissen, kommen sie zu mir, und ich bringe sie auf die richtige Fährte. (…) Das Beobachten ist mir zur zweiten Natur geworden.“

Sein neuester Fall scheint sich zu einem dieser komplizierteren zu entwickeln. Er beginnt mit einem kurzen Brief an Sherlock Holmes, in dem seine Hilfe erbeten wird. In einem leerstehenden Haus wurde der Leichnam eines gut gekleideten Gentleman gefunden, mit Karten in der Tasche, die ihn als Bürger der USA ausweisen. Es wurde nichts gestohlen, der Tote weist keinerlei Wunden auf, aber im Zimmer fanden sich Blutspuren. Wie der Mann hierher kam, ist unklar, überhaupt scheint dem Absender des Hilferufs die ganze Angelegenheit ein Rätsel. Holmes kennt ihn, es ist Gregson, den er für den intelligentesten Mann bei Scotland Yard hält.

„Er und Lestrade sind die Einäugigen unter den Blinden dort.“

Als Holmes und Watson am Tatort eintreffen, finden sie die beiden Detektive tatsächlich Ratlos vor. Ihre Untersuchungen haben sie keinen Schritt vorangebracht. Erst, als an einer Wand das mit Blut geschrieben Wort RACHE entdeckt wird und sich zudem der Ehering einer Frau findet, ist sich Lestrade sicher: „Wenn dieser Fall aufgeklärt ist, werden sie sehen, dass eine Frau namens Rachel etwas damit zu tun hatte.“

Natürlich ist Holmes schon viel weiter. Im Hinausgehen wirft er in den Raum: „Es ist ein Mord verübt worden, und der Mörder ist ein Mann. Er ist über sechs Fuß groß, im besten Alter, hat für seine Größe kleine Füße, trägt grobe Stiefel, die vorn viereckig enden, und er hat eine Trichinopoly-Zigarre geraucht. Er ist zusammen mit seinem Opfer in einem vierrädrigen Wagen hergekommen, der von einem Pferd mit drei alten Hufeisen und einem neuen am rechten Vorderhuf gezogen wurde. Höchstwahrscheinlich hat der Mörder ein blühendes Aussehen, und die Fingernägel seiner rechen Hand sind bemerkenswert lang. Das sind nur ein paar Hinweise, aber sie könnten ihnen nützlich sein.“ Lestrade und Gregson sehen einander mit einem ungläubigen Lächeln an. „Wenn dieser Mann ermordet worden ist, wie ist der Mord dann begangen worden?“ – „Gift“, und noch etwas, Lestrade. „Rache“ ist das deutsche Wort für „revenge“; vergeuden sie also nicht ihre Zeit damit, dass sie nach Miss Rachel suchen.“

So erhält Watson seinen ersten Anschauungsunterricht in den Methoden des Meisters, und er kann kaum glauben, dass Holmes sich völlig sicher ist. Als dieser ihm die Beobachtungen schildert, die zu seinen Schlussfolgerungen führten, ist Watson erst recht verwirrt. Ihm scheint alles nur noch mysteriöser, aber Holmes stellt fest, dass vieles zwar noch dunkel ist, sein Urteil über die wichtigsten Tatsachen aber bereits abgeschlossen. Wie später noch so oft macht sich Sherlock Holmes einen Spaß daraus, seine überraschten Gegenüber im Unklaren darüber zu lassen, wie er zu seinen erstaunlichen Erkenntnissen gekommen ist.

„Ich werde ihnen nicht viel mehr über diesen Fall erzählen, Doktor. Sie wissen schon: Ein Zauberer bekommt keinen Applaus mehr, wenn er erst seinen Trick verraten hat; und wenn ich ihnen zu viel von meiner Arbeitsmethode zeige, werden sie zu dem Schluss kommen, dass ich schließlich doch ein ganz gewöhnliches Individuum bin.“

„Zu diesem Schluss werde ich niemals kommen“,sagte ich. „Sie haben die Detektion einer exakten Wissenschaft so weit angenähert, dass man sie in dieser Welt nicht mehr übertreffen wird.“

Worauf Holmes, wie Watson weiter ausführt, errötet, weil er für Schmeicheleien über seine Kunst äußerst empfänglich ist. Natürlich weiß er, dass er nicht ganz gewöhnlich ist, er ist selbstbewusst genug, zu erkennen, dass er mit seinen besonderen Fähigkeiten den meisten Menschen weit überlegen ist, und es macht ihm große Freude, diese Überlegenheit zu demonstrieren und effektvoll zu inszenieren. So kann man kritisch anmerken, dass der bewunderte Detektiv (oder der Autor) durchaus Details verschweigt oder irreführende Hinweise gibt, um den Leser hinzuhalten und dann mit einer wohlgesetzten Schlusspointe die Lösung des Rätsels zu verraten. Der geniale Detektiv hatte natürlich längst alles durchschaut, während alle anderen die brillanten Folgerungen und fantastischen Gedankengängen des Meisters nicht nachvollziehen können.

Wer die Geschichten heute liest, ist kaum noch auf so plumpe Weise hinters Licht zu führen, für ihn liegt der Reiz möglicherweise im Geist des viktorianischen Zeitalters, der die Geschichten durchweht, und in der eleganten, angenehmen Sprache der Epoche, in der diese dargeboten werden. Für den zeitgenössischen Leser allerdings war vermutlich Sherlock Holmes‘ Kunst der Deduktion durchaus zum Staunen, weil noch recht unbekannt und wenig beschrieben. Genau genommen hatte Sherlock Holmes zwei Vorläufer, die sich ähnlicher Methoden bedienten, und Conan Doyle kannte sie sehr gut: Da erschien zunächst ein Chevalier Auguste Dupin im Jahre 1841 auf der Bühne der Weltliteratur. Edgar Allan Poe ließ seinen genialen Spürhund in den folgenden Jahren in drei Detektivgeschichten ermittel. Auch Dupin hatte einen Gefährten, der über die Fälle anschließend berichtet, und er hatte auch schon einige Marotten und bemerkenswerte Angewohnheiten, die seine Nachfolger auszeichnen sollten. Insbesondere hatte auch dieser grandiose Geist die Angewohnheit, seine Umgebung mit den erstaunlichen Ergebnissen seiner Deduktionen zu verblüffen.

Im Jahre 1863 erschien dann das erste Abenteuer des Monsieur Lecoq, eines jungen Polizisten und späteren Inspektors, den Emile Gaboriau erfunden hat. Auch dieser scharfsinnige Detektiv löst in einer Reihe erfolgreicher Romane sämtliche Rätsel durch logische Schlussfolgerungen. Conan Doyle war also keinesfalls der erste, der einen solchen Detektiv ins Rennen schickte, und Holmes nicht der erste, der sich mit seinen Ermittlungsmethoden einen Namen machte. Unterhalten sich Holmes und Watson im vorliegenden Roman über die beiden Vorgänger unseres Meisters. Watson bewundert sie und ist ein wenig indigniert, als Holmes sie schlichtweg als „minderen Gesellen“ und „ miserablen Stümper“ bezeichnet. Somit stellt Conan Doyle klar: Holmes ist mit Dupin oder Lecoq nicht zu vergleichen, und er selbst nicht einfach ein Nachfolger von Poe und Gaboriau.

Sein erster Detektivroman aber ist weder besonders noch besonders interessant oder spannend, im Gegenteil. Dem Leser wird einiges an Geduld abverlangt, denn der möglicherweise noch unsichere weil unerfahrene Schriftsteller Conan Doyle traut sich offenbar noch nicht, ganz auf seine beiden Helden und ihre gemeinsamen Abenteuer zu setzen. So kommt es, dass dieser erste Roman zweigeteilt ist, die „Erinnerungen von John H. Watson M.D.“ brechen im entscheidenden Moment ab und es folgt eine längere Schilderung von Ereignissen in Utah nach der Gründung von Salt Lake City durch die Mormonen. Diese Vorgeschichte zu den Morden im London des Jahres 1881 muss natürlich ohne Holmes und Watson auskommen und macht den Leser stattdessen bekannt mit John Ferrier und den Umständen, die ihn zu einem erbarmungslosen Rachefeldzug führten. Auch das ist durchaus schön und spannend geschrieben, aber eigentlich wartet man nur auf den „Fortgang der Erinnerungen von John Watson“, in denen das Geschehen um die „Studie in Scharlachrot“ vollständig aufgerollt wird.

John Ferrier fasst die Ereignisse von Beginn an bis zum überraschenden Ende zusammen und Holmes darf dozieren, wie und warum er das alles schon vor diesem Geständnis wissen konnte und also den Täter überführen und festnehmen konnte. Es endet wie in vielen Fällen, die Holmes in der Folge auf seine geniale Art lösen wird: Lestrade und Gregson heimsen die Lorbeeren ein, Holmes muss sich vorläufig mit dem Wissen um die Wahrheit bescheiden und mit der Aussicht auf die Veröffentlichungen seines Chronisten, der die Tatsachen irgendwann zurechtrücken wird.

*Alle Zitate entstammen der Taschenbuch-Ausgabe sämtlicher Sherlock-Holmes-Geschichten und -Romane des Insel Verlages, Eine Studie in Scharlachrot insel taschenbuch 3313.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Eine Studie in Scharlachrot | Erstveröffentlichung 1881
Die aktuelle gelesene Ausgabe erschien am 26. November 2007 bei Insel im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-458-35013-2
189 Seiten | 7.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Die Abenteuer des Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle

Carlo Lucarelli | Italienische Intrige

Carlo Lucarelli | Italienische Intrige

Ein Agententhriller aus Bologna

Die Eingangsszene zeigt zwei höchst unterschiedliche Männer auf einer rasanten Autofahrt durch das Schneegestöber im eiskalten Januar 1954. Giannino, ein junger Mann von 22 Jahren, fährt die Aurelia, während sein Beifahrer, den er „Herr Ingenieur“ nennt, seinen Gedanken nachhängt. Er ruft sich die Worte seines Vorgesetzten in Erinnerung. Commendatore D’Umberto hat ihn einen Trüffelhund genannt, wo er doch solche mit dem Herz eines Bastards brauche. Er fragt sich, warum Crescas Frau nicht gleich umgebracht wurde. Und er spürt etwas zwischen Angst und Wut, wenn er an Claudia denkt. Und Begehren.

Ab dem zweiten Kapitel wird erzählt, was bis zu jener schicksalhaften Autofahrt geschah, wer Professor Cresca und seine Frau sind und wer Claudia. Und was Giannino und Ingenieur Morandi miteinander zu tun haben. Sie treffen sich zu Beginn des Romans zum ersten Mal, der frühere Kommissar De Luca ist aus Rom angereist um im Auftrag des Geheimdienstchefs D’Umberto den Mord an Stefania Mantovani aufzuklären, der Witwe des Professors Mario Cresca, der vor zwei Monaten bei einem Autounfall ums Leben kam. Er ist also kein Ingenieur, aber über seinen Partner Giannino weiß er auch nichts, nicht einmal ob das sein Vor- oder Nachname ist, oder sein richtiger oder ein falscher. Geheimagenten eben.

Als erstes nehmen die beiden den Tatort unter die Lupe, eine Absteige in einem alten Haus am Kanal, eine Mansarde hatte der Professor sich zu einem Liebesnest eingerichtet. Hier traf er sich mit Frauen, spielte seine Jazzplatten, feierte mit Musikern, es wurde getrunken und gespielt und wohl auch Drogen konsumiert, wie eine Nachbarin bezeugt. Jetzt herrscht hier ein heilloses Durcheinander, die Platten des Professors liegen verstreut am Boden, überall sind Blutspuren, es hat offensichtlich ein Kampf stattgefunden. Davon zeugen auch die Verletzungen des Opfers Stefania Cresca. Letztlich aber starb sie durch ertränken in der Badewanne. De Luca lässt einige Beweise sichern, auch blutige Spuren von nackten Frauenfüßen, vor allem aber ein Farbband aus einer alten Remington und einen Papierfetzen, der von einem Kuvert mit dem Absender Mario Cresca abgerissen wurde. Die Beamten der Einsatzpolizei hatten offenbar nicht sehr sorgfältig gearbeitet.

Die Nachbarin, von De Luca befragt, berichtet, dass sie die Witwe Cresca nur einmal gesehen habe, als diese sie bat, ihre Wäsche zu waschen, da sie doch in der Wäscherei arbeite. Sie habe gar nicht gewusst, dass der Professor verheiratet war, sie habe angenommen, „Facetta Nera“, das „Schwarze Gesichtchen“ sei seine Freundin. Die junge Frau aus Abessinien habe sie häufig ein- und ausgehen sehen. Als sie die Bettbezüge, Laken und Handtücher zurückgeben wollte, habe sie durch die offene Tür das Tohuwabohu entdeckt, ihr Mann habe dann die Tote entdeckt und die Polizei gerufen. Der kleine Sohn der beiden allerdings hat etwas beobachtet, als er durch den Spalt der Gemeinschaftstoilette spähte. „Teufelsfratze“ nennt er den Mann, der aus der Mansarde kam, und den er recht genau gezeichnet hat, mit einem großen, schwerfälligen Körper, einem schiefen Auge, das tiefer liegt als das andere, mit spärlichen, blonden Haaren. Ist er der Mörder?

De Luca versucht, aus dem Gesehenen, dem Gehörten und Gefundenen einen Tathergang zu konstruieren, auf dem Farbband sind deutliche Anschläge zu erkennen, er entziffert die Buchstaben „DOTT. PIRRO ORES“. Wer ist dieser Doktor? Giannino findet heraus, dass Stefania Cresca in kurzer Zeit sechsmal mit der Apotheke Scaglianti telefoniert hat. Besteht da ein Zusammenhang? Auf der Beerdigung der Ermordeten wollen sie mehr erfahren. Es stellt sich heraus, dass die Witwe des Professors nicht besonders beliebt war, unsympathisch, ungebildet, rasend eifersüchtig. Mario Cresca hingegen hatte einen untadeligen Ruf, war überall angesehen und geachtet. Der leidenschaftliche Jazzfan hatte nach Reisen in die USA eine Band zusammengestellt, deren Mitglieder aus aktuellen und ehemaligen Studenten besteht, Alma Mater. Hier spielt Aldino Scaglianti Saxophon, nach dem Tod des Profesors hatte er sich seiner Witwe angenähert. Bei den beiden Agenten klingelt etwas, sie machen sich auf zu einem Auftritt der Band.
Die spielt mehr schlecht als recht, wie Musikliebhaber und -kenner Giannino feststellt, aber die Sängerin der Kapelle ist eine Offenbarung. Sie hat eine großartige Stimme und eine unglaubliche Ausstrahlung, ist jung, hübsch und hat dunkle Haut. Facetta Nera, die Abessinierin, heißt Claudia und De Luca verliebt sich in die Schöne aus Asmara, die mit zweieinhalb Jahren nach Italien kam. Sie ist Claudia und Franca, Italienerin und Afrikanerin, singt Jazz und Bologneser Lieder, sie ist hin- und hergerissen. Franca heißt sie, wenn sie im Orchester Paride Canè ihres Vaters italienische Schlager und Folklore zum Besten gibt, traditionelle Lieder und aktuelle Gassenhauer. Sie glaubt nicht, dass der Tod ihres Freundes Mario ein Unfall war. Sie schildert den Professor für Physik als faszinierenden, außergewöhnlichen Menschen, als Genie, außerdem sei er sensibel und witzig gewesen. De Luca nimmt sich vor, die Umstände seines Todes näher zu untersuchen, auch er glaubt nicht an einen Unfall.

De Luca trifft sich mit einem alten Kollegen, der die ersten Untersuchungen am Ort des Geschehens durchgeführt hat, kommt Merkwürdiges zutage: Professor Cresca ist eindeutig als Unfallverursacher festgestellt worden, er ist bei einem Überholmanöver mit seinem Spider Coupé unter einen schweren Dodge geraten, auch sein kleiner Neffe auf der Rückbank war sofort tot. Der Fahrer des Dodge will allerdings später bei den Ermittlern etwas loswerden, dazu kommt es nur nicht, weil er bei einem mysteriösen Sturz in den Aufzugschacht stirbt. Und ein kleiner Junge im Wagen hinter dem Professor erinnert sich an das Gesicht eines Motorradfahrer, der ebenfalls beteiligt war. Er hatte eine Teufelsfratze!

Als De Luca seinem Vorgesetzten seinen Verdacht vorträgt, winkt der ab. Der Dienst sei an einer Aufklärung nicht interessiert, es gehe lediglich um den Mord an Signora Cresca. Das Verhalten seines Chefs gibt De Luca zu denken, und plötzlich misstraut er auch seinem Partner. Er ist mit fast vierzig Jahren annähernd doppelt so alt wie Giannino und verfügt über eine entsprechende Erfahrung durch seine Arbeit bei der Staatspolizei, dann als Kommissar der Einsatzpolizei „bester Detektiv Italiens“ und später als Direktor der Sitte in Bologna. Entsprechend gut kennt er auch die Stadt und die Menschen der Emiglia Romagna. Daher lässt er keinen Zweifel daran, wer bei dieser Untersuchung der Chef ist und wer Assistent. Es wird so gemacht, wie es ihm passt, in seinem Tempo, nach seinen Maßgaben, auch wenn es sein erster Einsatz für den Geheimdienst ist.

Man hat ihn überraschend in die Pflicht genommen, wohl auch, weil er gerade verfügbar ist. Während der Besetzung Italiens durch das Deutsche Reich und unter dem wieder eingesetzten Benito Mussolini hatte er weiter als Polizist gearbeitet. Er war, wie er sagt, kein Faschist oder er war einer wie alle anderen, aber vor allem einfach nur Polizist. Aber nun wartet auf ihn ein Prozess zur Klärung seiner Nazi-Vergangenheit und bis zu dessen Beginn ist er seit fünf Jahren beurlaubt. Er leidet deshalb an Schlaflosigkeit und Essstörungen. De Luca ist wortkarg und verschlossen, ja unnahbar, dabei tritt er dominant, beherrschend auf, und er ist unerschütterlich, wenn es gilt, seine Ziele zu verfolgen. Er will unbedingt wissen, was es mit den Morden an Professor Cresca und seiner Frau auf sich hat, und er will herausfinden, welche Rolle sein neuer Arbeitgeber in diesem undurchsichtigem Fall spielt. Er ahnt bereits, dass es bei all diesen kriminellen Vorgängen um schmutzige Geschäfte auf politischer Ebene geht. Dabei misstraut in diesen Kreisen jeder jedem, und am Ende bleiben fast alle auf der Strecke, denn es stellt sich schließlich heraus, dass mehrere Beteiligte auf unterschiedlichen Seiten buchstäblich über Leichen gehen.

Bis De Luca die Zusammenhänge klar sind, gibt es für ihn und Giannino einiges zu ermitteln und aufzudecken, wobei sie nicht immer die richtigen Schlüsse ziehen. Das Miteinander und zuweilen auch Gegeneinander des erfahrenen Polizisten, verbittert, häufig gereizt und grantig auf der einen Seite und des unbekümmerten, enthusiastischen, lebenslustigen jungen Agenten auf der anderen hat Charme und trägt nicht unerheblich zum hohen Unterhaltungswert der Story bei, die allein schon aufgrund des örtlichen und mehr noch zeitlichen Hintergrunds Interesse weckt. Der zweite Weltkrieg liegt nicht lange zurück und der kalte Krieg hat begonnen. Lucarelli hatte einen famosen Einfall, um uns das Lebensgefühl und die besonderen Umstände dieser spannenden Epoche nahe zu bringen. Mehrmals untermalt er seine Geschichte mit Inhaltsangaben verschiedener Magazine und Illustrierten, die ein sehr interessantes Schlaglicht auf die Zeit werfen und auf das, was die Öffentlichkeit damals interessierte und bewegte.

Bologna ist zu jener Zeit trotz der Kriegsschäden offenbar eine sehr schöne Stadt, die Lucarelli auch entsprechend in Szene setzt. Das Straßenbild wird bestimmt durch die schönen alten Automobile der Nachkriegszeit, fast ausschließlich italienische Modelle, an denen Lucarelli offenbar Gefallen findet, häufig und oft ausführlich beschreibt er die Fahrzeuge. So tragen die Lancias und Fiats und Alfa Romeos, die Topolinos und Giuliettas dazu bei, die Stimmung jener Jahre einzufangen, wie auch die leiblichen Genüsse, denen vor allem Giannino sich mit Vorliebe widmet, einschließlich ungezählter Caffè und Cappuccini. Hinzu kommen musikalische Belege für die frühen fünfziger Jahren, viele Zitate der zeitgenössischen italienischen leichten Muse rund um die Stars des wichtigen Sanremo-Festivals vermitteln dem Leser das besondere Gefühl jener Zeit, die ja auch eine Epoche des Aufbaus und des Aufbruchs ist.

Mehr noch als von der stimmigen Atmosphäre, der realistischen Wiedergabe jener oft auch düsteren Jahre, dem zwielichtigen Milieu der unterschiedlichen Geheimdienste und ihrer Agenten, die bei ihrem schmutzigen Geschäft gezeigt werden, lebt der Roman von seinen starken und sehr lebendigen Figuren, die Lucarelli äußerst präzise und plakativ ausgeführt hat und die beim Leser unwillkürlich Emotionen hervorrufen. Und natürlich von der Spannung, die durchgängig von Beginn an bis zum letzten Kapitel anhält. Nur selten wird der geradlinig vorangetriebene, gut strukturierte Plot unterbrochen von Einlassungen zum Innenleben De Lucas, etwa dann wenn ihm Zweifel an seinem Tun kommen oder wenn er unsicher ist, was seine Gefühle für Claudia betrifft. Wie es sich für einen Roman gehört, der in Bella Italia spielt, gibt es aber auch heitere Momente, optimistische, lebensbejahende Augenblicke, die Leichtigkeit vermitteln und Zuversicht verbreiten. Auch das kann Lucarelli hervorragend. An dieser Stelle ein großes Lob der Übersetzerin Karin Fleischanderl, die den wunderbar ungezwungenen und doch packenden, modernen Stil des Autors perfekt trifft und den mal unbeschwerten, mal lakonischen Ton des Originals kongenial wiedergibt.
Mit der Reihe um Kommissar De Luca ist ihm ein großer Wurf gelungen, die Krimis aus Bologna gehören zweifellos zum Besten, was das Genre zur Zeit nicht nur in Italien bietet.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Italienische Intrige | Erschienen am 21. August 2018 im Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-753-2
224 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Luis Sellano | Portugiesische Tränen

Luis Sellano | Portugiesische Tränen

Portugiesische Tränen von Luis Sellano, ein Lissabon-Krimi mit viel Action

Der Roman spielt nicht nur und ausschließlich in Lissabon, er handelt auch hauptsächlich von Lissabon, die Stadt am Tejo ist Hauptdarsteller und stets präsent. Auf Schritt und Tritt begleiten wir Henrik Falkner auf seinen Wegen durch die unterschiedlichsten Stadtteile, vorbei an mancher Sehenswürdigkeit und hinein in außergewöhnliche Gebäude. Sellano (das Pseudonym eines deutschen Autors) hat es sich ganz offensichtlich zur Aufgabe gemacht, dem Leser die Schönheiten und Besonderheiten Lissabons näher zu bringen. Und dieser Städtetrip der besonderen Art macht auch wirklich Spaß, selbst wenn die Stationen der Rundgänge etwas übertrieben genau verortet werden. Ich muss nicht unbedingt jede Straße und Gasse, jede Kreuzung und jeden noch so kleinen Platz mit Namen kennenlernen. Das besondere Flair, die Stimmung der Frühlingsabende, die einzigartige Atmosphäre in den historischen Vierteln der Stadt mit ihren alten, kleinen und dunklen Häusern, den engen, steilen und verwinkelten Gassen. Die Alfama, Mouraria und Graça, sozusagen die Altstadt, geben die Kulisse ab für die aufregenden Abenteuer des ehemaligen Polizisten Henrik Falkner.

Sellano liefert einen soliden Krimi ab, gut strukturiert, mit einem schlüssigen Plot, der folgerichtig voranschreitet, mit ordentlichem Tempo, das fast über den gesamten Roman beibehalten wird und sich zum Ende hin wie es sich gehört noch einmal ordentlich steigert, mit jeder Menge Action und durchweg beträchtlichem Nervenkitzel, dazwischen der richtigen Dosis Entspannung und auch unerwartet heiteren oder humorvollen Abschnitten. Dabei schreibt Sellano sehr gefällig, mühelos und mit Genuss kann man seinen schönen Milieustudien der Stadt und ihrer Einwohner folgen, wobei wir seltsamerweise kaum einen Portugiesen kennenlernen, aber das ist vermutlich dem Thema dieses Romans geschuldet.

Es geht nämlich um die Jagd nach einem gestohlenen Koi, nicht irgendeinem Koi, sondern einem Purachinagoi, einem platinfarbenen Koi, der ein vollendetes Ebenbild des Gottfisches darstellt. Einer japanischen Legende zufolge verleiht er seinem Besitzer nicht nur besonderen Mut, sondern letztlich Unsterblichkeit, im übertragenen Sinn. So jedenfalls erklärt es Hitomi Tadokoro, die für eine Versicherungsgesellschaft hinter dem verschwundenen Karpfen herjagt. Henrik hat für derlei Aberglauben nur ein Achselzucken übrig. Er erkennt, dass es vielmehr um Macht und Kontrolle geht, basierend auf Reichtum und Besitz.

Auf die Spur der geheimnisvollen Japanerin hatte ihn eine Telefonnummer geführt, gefunden auf einem schmalen Stück Papier, das eine Flasche mit kostbarem Hibiki versiegelte, einem japanischen Whisky. Die war versteckt in einer verstaubten Kiste in seinem Antiquariat, das ihm sein Onkel Martin vererbt hat, zusammen mit einer Unmenge geheimnisvoller Hinweise auf ungeklärte Verbrechen, die er dokumentiert hat, seit sein Lebensgefährte ums Leben kam, getötet von einem Unbekannten. Martin Falkner hatte eine steile Karriere bei der Staatsanwaltschaft vor sich, zog es aber vor, seiner Liebe João de Castro, einem Künstler, nach Lissabon zu folgen. In Diensten der Bundesregierung im konservativen deutschen Justizapparat hätte er sich wohl kaum zu seiner Homosexualität bekennen können. Bei seiner Suche nach dem Mörder seines Lebenspartners stößt er auf weitere Verbrechen, an deren Aufklärung die Behörden wohl kein Interesse hatten, offenbar auf Druck korrupter Politiker, wichtiger Wirtschaftsbosse und einflussreicher Industrieller, denen seine Recherchen sicher ein Dorn im Auge waren. Als er schließlich einem Herzinfarkt erliegt, bezweifeln einige Freunde und Bekannte die Todesursache, auch Henrik glaubt nicht an diese Version.

Er will die Wahrheit herausfinden, und er geht den versteckten Zeichen seines Onkels auf ungesühnte Gewalttaten nach und führt so dessen Suche nach Gerechtigkeit fort. Damit bringt er sich ebenso in Gefahr, und immer wieder auch Personen in seinem Umfeld. Catia, seine einzige Angestellte, ist vor ein paar Monaten entführt worden. Schließlich kam eine Karte von ihr, auf der sie kurz mitteilte, sie sei bald wieder freigelassen worden und lebe nun bei einer Freundin auf São Miguel und solange Henriks Feinde auch sie im Visier hätten, wünsche sie keinerlei Kontakt. Henrik glaubt die Geschichte nicht recht, ebenso wenig wie sein Freund Renato Fernandez, ein Travestiekünstler und einer aus dem buntgemischten Völkchen seiner meist säumigen Mieter. Er hat schon Henriks Onkel im Antiquariat geholfen und bringt sich mehrfach durch unbedachte und leichtsinnige Aktionen in größte Gefahr und zieht sich gleichzeitig den Ärger von Inspetora Helena Gomes von der Divisão de Investigação Criminal der Lissabonner Polizei zu. Die beiden sind ineinander verliebt und mittlerweile heimlich ein Paar, aber mit seinen gegenwärtigen Aktivitäten auf eigene Faust bringt er seine Freundin gegen sich auf, zumal er für sich behält, was er bei seinen Recherchen herausfindet.

Henrik hat seinen Onkel nie kennengelernt. Die mysteriösen Umstände der beiden Todesfälle, das Verschwinden von Catia und nun der gestohlene, äußerst wertvolle Fisch. Henrik hat eine Menge Arbeit vor sich, da bleibt keine Zeit für das Antiquariat. Die aktuelle Jagd nach dem Koi führt ihn schließlich zu Professor Makoto Udagawa, einem hochrangigen Diplomaten der japanischen Botschaft, dessen Tochter vor einem Jahr verschwunden ist. Er ist es, der zur gleichen Zeit den sagenumwobenen Fisch stehlen ließ, offenbar mit Hilfe von Martin Falkner. Nun ist ihm das Tier seinerseits geraubt worden, und Henrik soll sowohl den Koi als auch das Mädchen finden. Bei seinen Nachforschungen ahnt Henrik, auf was er sich da eingelassen hat. Hitomi Tadokoro ist nicht die erste, die wegen des Wunderfisches gestorben ist, und sie wird nicht die letzte bleiben. Das hindert Henrik nicht daran, sich mit gefährlichen und mächtigen Gegnern anzulegen, selbst als er auf offener Straße von einem alten Gegenspieler bedroht und von einem anderen zusammengeschlagen wird. Unverdrossen rappelt er sich nach allen Rückschlägen und auch nachdem er mehrfach knapp mit dem Leben davongekommen ist wieder auf, büxt sogar schwer verletzt aus dem Krankenhaus aus, um seine Mission zu erfüllen. Immer wieder wagt er sich auf höchst gefährliches Terrain, und Sellano hat sich wahrlich beeindruckende Schauplätze und imposante Kulissen ausgedacht für die turbulenten Aktionen und heiklen Situationen, die sein Held überstehen muss. Das mitzuerleben macht richtig Spaß, denn Sellano schafft es hervorragend, den Akteuren die ganz große Bühne für ihre Auftritte zu bereiten, in vielen Momenten ist die Spannung greifbar, eine knisternde Atmosphäre begleitet die Szenen, in denen es für Henrik um Leben oder Tod geht. Aber auch in den eher ruhigen, gemächlichen Passagen gelingen schöne Dialoge und stimmungsvolle Milieustudien.

Zum einigermaßen glücklichen Ende ist zumindest das Rätsel um den verschwundenen Koi gelöst, andere Fragen bleiben weiter offen, und auch hinter der Beziehung von Henrik und Helena steht ein Fragezeichen. Dass Sellano diese Handlungsfäden im folgenden Roman weiterspinnen will, ist offensichtlich und legitim. Dass er aber nach dem Schlusspunkt noch zwei ganze Kapitel weiterschreibt, deren Inhalt bereits zu diesem nächsten Buch der Reihe gehört, nervt den Leser mit allzu dreisten Cliffhangern. Bedauerlicherweise finden sich im Text außerdem einige auffällige und ärgerliche Fehler. Dass der bekennende Lissabon- und Portugal-Liebhaber Sellano mit der portugiesischen Sprache (noch?) auf Kriegsfuß steht, sei verziehen, aber dass er die Saudade ständig „der Saudade“ nennt, das tut weh! Und warum der Koreanische Arbeiter in einer Fischfabrik einen vietnamesischen Namen hat, bleibt auch sein Geheimnis. Aber einige schludrige Formulierungen hätte Sellano durchaus vermeiden können. „Anziehsachen“ ist ein Ausdruck, den heute leider viele Menschen, und nach meiner Wahrnehmung alle Jugendlichen verwenden, ein Schriftsteller sollte noch die schönen Worte „Kleidung“ oder „Kleider“ kennen. Ein einigermaßen sorgfältiger Lektor hätte auch etliche Grammatikfehler, Patzer in der Wortwahl und auch mehrere Druckfehler entdeckt.

Wenn ich diese vermeidbaren Ausrutscher nicht zu hoch bewerte, verdient Portugiesische Tränen in der Wertung 4.0 von 5.0.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Portugiesische Tränen | Erschienen am 10. April 2018 bei Heyne
ISBN 978-3-453-41946-9
352 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Christiane Dieckerhoff | Spreewaldrache Bd. 3

Christiane Dieckerhoff | Spreewaldrache Bd. 3

Die Polizeibeamten des Lübbener Reviers finden sich bei einer teambildenden Maßnahme wieder. Ihr Chef hat sie zum Wursten in eine kleine Metzgerei geschickt, die von den Geschwistern Schenker am Rand des Hochwalds direkt am Ufer der Spree geführt wird. Seit PH, sein Vorname ist das bestgehütete Geheimnis des Reviers, einen Lehrgang über Mitarbeiterführung besucht hat, gehören solche Aktionen zu seinem Leitungskonzept, was bei den Untergebenen auf wenig Gegenliebe stößt. Zum Glück muss die aktuelle Unternehmung bald abgebrochen werden, denn ein junger Mann ist niedergeschlagen worden, ausgerechnet Daniel, der Sohn von Jana Schenker. Also nehmen Klaudia Wagner und Frank Demel die Ermittlungen auf.

Daniel ist Spross einer Familie, die früher ebenso wie viele Alteingesessene aus Kahnbauern und -führern bestand, ein Geschäft, aus dem sie nach und nach durch unsaubere Machenschaften der Klingebiels gedrängt wurden. Auch mit kriminellen Methoden? Mario Schenker spricht von Mord, offiziell war der Zwischenfall im Jahr 1993 allerdings ein Unfall, bei dem Daniels Zwillingsbruder ums Leben kam, er verbrannte, als ein Kahnschuppen der Klingebiels abgefackelt wurde. Seitdem herrscht Krieg zwischen den beiden Familien.

Die Beerdigung des alten Klingebiel ist es, die nun die aktuellen Verwicklungen in Gang setzt, weil plötzlich lange verschwundene Familienmitglieder auftauchen und alte Wunden aufbrechen. Warum aber Daniel angegriffen wurde, von wem, warum, niemand weiß es. Auch das Opfer selbst hat keine Ahnung, wer ihn da hinterrücks niederschlug, während er durch das Fenster der Datsche spähte, in der sich sein Vater eingenistet hat. Der heißt Frank Klingebiel und bei der Beerdigung hat er ihn zum ersten Mal gesehen, denn seit 1993 war er abgetaucht, nachdem er ausgerechnet die damals fünfzehn Jahre alte Jana Schenker geschwängert hatte. Nun überrascht ihn Daniel bei einem Rendezvous, aber er kann die Frau nicht erkennen, die da mit ihm zusammen ist.

Daniel gerät überflüssigerweise in den Fokus, er, der eigentlich mit seiner Gehirnerschütterung im Bett liegen sollte, ist ständig präsent und stolpert durch die Geschichte, obwohl er nichts zur Klärung der verwirrenden Umstände beitragen kann. Seine Hauptrolle verdankt er lediglich der Tatsache, dass er den übrigen Figuren als Dialogpartner dient. Bald darauf wird in einer Datsche neben dem ersten Tatort ein Toter entdeckt, erschlagen mit einem Holzscheit. Es handelt sich um einen Obdachlosen, der seit einiger Zeit in der Gegend gesehen wurde. PH fasst die Tatsachen zusammen: „Daniel Schenker ist der Sohn von Frank Klingebiel, welcher der Sohn von Fritz Werheid ist, der wahrscheinlich mit dem gleichen Stück Holz erschlagen worden ist, mit dem auch sein Enkel eins über den Schädel bekommen hat“.

Ja, die Handlung ist sehr unübersichtlich, das verwickelte Personengeflecht zwischen den beiden verfeindeten Sippen klärt sich nur sehr langsam und die wahren Beziehungen und Verwandtschaftsverhältnisse werden nur zögerlich offengelegt, so dass die Lektüre große Aufmerksamkeit erfordert (selbst die Autorin kommt an einer Stelle mit den Namen durcheinander) und ebenso viel Geduld, um dem zähen Plot mit seinen Schleifen und Kehren zu folgen. „Sie wiederholte ihre Gedanken wie ein Mantra“ heißt es an einer Stelle und an anderen „und täglich grüßt das Murmeltier“, und genau dieses Gefühl hat leider der Leser dieser Soap-Opera.

Dabei hat Dieckerhoff eigentlich ein sehr angenehmen, flüssigen, lockeren Schreibstil, gut zu lesen, wenn da nicht ein paar störende Marotten wären. So etwa muss sich der Leser sowohl mit ständigen Handlungssprüngen anfreunden, 78! Kapitel auf knapp 300 Seiten lassen erahnen, wie hektisch hier völlig unnötig die Perspektive gewechselt wird, als auch ermüdende, zum Teil fast wörtliche Wiederholungen ganzer Absätze ertragen und, zu allem Überfluss, sogar Zusammenfassungen zur Erinnerung an das, was bisher geschah. All das lässt nicht wirklich Kontinuität zu.

Mehrere Rückblenden in das Jahr 1993 schildern auch nur das, was wir sowieso schon wissen, und dass Klaudia die alten Akten aus dem Archiv zieht, bringt ebenso keine neuen Erkenntnisse: Es gab ein Feuer, in dem Marco Schenker umkam, und es gab eine Anzeige gegen Frank Klingebiel wegen seines Verhältnisses mit einer Minderjährigen, die aber bald zurückgezogen wurde.

Klaudia erhofft sich Einblicke in das innere Gefüge der Dorfgemeinschaft und die besonderen Verflechtungen und Verwicklungen von Schiebschick, dem alten Fährmann. Er kennt den Ort und seine Menschen wie kein Zweiter, er kennt auch die Geschichte und die Geschichten, weiß von alten Gerüchten und neuen Verdächtigungen, aber er will so recht nicht heraus mit der Sprache. Einige alte Spreewaldbewohner sprechen noch Sorbisch, so auch Schiebschick. Leider kennt er nur ein einziges Wort, er nennt Klaudia penetrant „holca“, was auf Obersorbisch einfach „Mädchen“ bedeutet und Klaudia gar nicht gefällt. Ansonsten beschränkt sich seine individuelle Ausdrucksweise auf die Floskel „wa“, die er an jede zweite Aussage anhängt.

Spreewald-Atmosphäre entsteht lediglich, wenn Klaudia sich mal einen Gurken-Lutki gönnt oder ab und zu ein Babbenbier getrunken wird. Das ist natürlich ein Bisschen wenig Lokalkolorit, die zauberhafte Landschaft (Das Coverfoto gehört mit zum Besten dieses Buchs) wird auch nicht angemessen gewürdigt, Dieckerhoffs Spreewald ist herbstlich, und das heißt bei ihr immer nebelig. Nebelfetzen, die im Wind zerreißen, sind ihre liebste Naturschilderung, man sieht den Wald vor lauter Nebel nicht, leider. Landschaftsmalerei oder Milieustudien, die prächtige Kulisse in Szene zu setzen ist nicht die Sache der Autorin. Und Personenbeschreibung? Über das Äußere der Figuren gibt es nur sehr spärliche oder gar keine Aussagen, so dass sich der Leser sein vollkommen eigenes Bild machen muss. Zu einer der interessantesten und sympathischsten Gestalten des Romans etwa, dem ollen Fährmann, heißt es lediglich, dass er „wässrige Altmänneraugen“ habe, „wasserblaue Altmänneraugen“, einen „tränenden Altmännerblick“ und, wie gesagt, „wässrige Altmänneraugen“. Dieses Bild hält die Autorin für so gelungen, dass sie uns damit ständig auf die Nerven geht.

Und mit einigen anderen haarsträubenden Sprachbildern wie „Das Schweigen breitete seine Schwingen zwischen ihnen aus“, „Die Lüge floss wie ein öliger Film über den Tisch“, „Die Frage platzte wie eine Seifenblase von ihren Lippen“, „Die Erkenntnis fiel ihr wie Schuppen aus den Haaren“, „Er musterte sie wie eine schiefe Fuge“, und so weiter, und so weiter. Schiefe Vergleiche, „platt wie ein Schnitzel“ sagt selbst Dieckerhoff. Höhepunkt: „Der oder die Träger slash in“, der größte Blödsinn, den ich je gehört oder gelesen habe im Bemühen um geschlechtergerechte Ausdrucksweise, und es gibt eine Menge unsinniger, verkrampfter Versuche Genderneutralität zu wahren. Klaudia benutzt diese Formulierung bei einer der regelmäßigen Lagebesprechungen auf dem Revier, bei denen es allerdings ebenso regelmäßig nicht viel zu besprechen gibt, es gibt Erkenntnisse und keine Ergebnisse, die Lage ist bis zur plötzlichen, eher zufälligen Aufklärung reichlich unübersichtlich.

Mehr Wert legt Dieckerhoff auf die Offenlegung des Innenlebens ihrer Figuren, das gelingt viel besser, so dass der Leser einen guten Eindruck vom Charakter der handelnden Personen bekommt. Gefühle werden nach Außen gekehrt, Emotionen wie Verzweiflung, Verbitterung, Liebe, aber auch Feindseligkeit oder gar Hass. Das gegenseitige Misstrauen ist groß, aber ein klares Motiv für die beiden Taten können die Ermittler nicht ausmachen. Klaudia und Demel sind ratlos, drehen sich bei ihren Ermittlungen im Kreis und betreiben blinden Aktionismus statt gesicherten Spuren nachzugehen, besuchen diesen, befragen jenen, reden mit jedem einzelnen und anschließend noch einmal aufs Neue mit allen Beteiligten ohne von irgend jemand irgend etwas zu erfahren. Alle ahnen etwas und alle verschweigen die Wahrheit oder haben Angst vor ihr und so entwickelt sich die Geschichte nicht, sie tritt über viele Kapitel auf der Stelle.

Dazu gibt es immer wieder Kunstpausen, die den Handlungsfaden abschneiden, der erst nach einigen Irrungen und Wirrungen wieder aufgenommen wird, was dem Lesefluss nicht dienlich ist und die Spannung eben nicht steigert. Dieckerhoff unterbricht sogar häufig den Dialog, um ihn nach längeren Einschüben wieder aufzunehmen, auch diese Angewohnheit ist eher anstrengend.

Wer wie ich mit Spreewaldrache, dem dritten Band, in die Serie einsteigt, wird ziemlich spärlich versorgt mit Informationen über persönliche Hintergründe und Entwicklungen der wichtigsten Beteiligten. Wenn schon Andeutungen über Geschehnisse aus der Vergangenheit der Serienfiguren, dann nicht einfach im Raum stehen lassen sondern besser weglassen oder noch besser die Vorgeschichte kurz erläutern und nicht als Rätsel präsentieren. Der Leser muss in diesem Buch ohnedies viel mitdenken oder sich das eine oder andere denken, das nicht gesagt oder geschrieben wird, jedenfalls nicht da, wo es nötig wäre für ein besseres Verständnis des Plots und einen einigermaßen komfortablen Lesefluss. Auch Nebenhandlungen mit aktuellen persönlichen Problemen und familiären Tragödien der Hauptfiguren werden lediglich angesprochen und nicht weitererzählt. Kollege Thang Rudnik fällt in dieser Folge aus, er gibt sich die Schuld am Selbstmordversuch seiner Frau, Klaudias Vater liegt nach einem Schlaganfall auf der Stroke Unit und nach einem Zerwürfnis mit ihrem Kollegen und Vermieter Uwe wird sie wohl nicht mehr mit ihm und seiner Tochter unter einem Dach wohnen.

Das Ende ist unbefriedigend, das Ergebnis offen, es zeigen sich bedauerlicherweise auch logische Schwächen. „Kann sein“ heißt es da oder „möglich“, und tatsächlich, nach allem, was man nun weiß, sind mehrere Szenarien denkbar, auch wenn der Leser schließlich eine Ahnung hat, wie es tatsächlich gewesen ist.

Richtig ärgerlich ist aber zum schlechten Schluss ein Epilog, der völlig überflüssig ist und gar nichts zur Geschichte beiträgt, purer Effekt um neugierig zu machen auf den folgenden Roman um Klaudia, Thang und Demel.
Ich bin darauf überhaupt nicht gespannt!

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Spreewaldrache | Erschienen am 6. April 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-548-28951-9
304 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe