Kategorie: Kurt Schäfer

Kurt Ostbahn | Blutrausch Bd. 1

Kurt Ostbahn | Blutrausch Bd. 1

Kottan und Ostbahn-Kurti, zwei Krimi-Kultfiguren aus Wien

Der österreichische Krimi hat einen festen Platz beim deutschen Publikum erobert, sei es in literarischer Form, sei es als TV-Serie. Immer neue Produktionen unseres südlichen Nachbarn fluten den ohnehin schon übersättigten Markt der Fernseh-Serienkrimis. Das war einmal ganz anders. Der erste und lange Zeit einzige österreichische Kriminalist war der gemütliche, man darf auch sagen bräsige Oberinspektor Marek aus Wien. Den bekamen ab 1963 zunächst nur die ORF-Zuschauer zu sehen, mit einer Ausnahme: In einer Folge der ZDF-Serie Der Kommissar ermittelte Fritz Eckhardt 1970 gemeinsam mit seinem deutschen Pendant Erik Ode. Ein Jahr später wechselte er dann zur ARD und löste seine Fälle fortan innerhalb der Tatort-Reihe sozusagen als ein früher Vorläufer der mittlerweile allgegenwärtigen Regionalkrimis.

Lange Zeit war dies der alleinige Beitrag Österreichs zum Fernsehkrimi, und auch der Buchmarkt verzeichnete wenige Veröffentlichungen aus der Alpenrepublik. Das sollte sich gründlich ändern, zuerst mit einer TV-Produktion, die mittlerweile Kultstatus hat: Kottan ermittelt. Im deutschen Fernsehen liefen die einzelnen Folgen mit gehöriger Verzögerung nach der Erstausstrahlung im ORF und wurden zunächst in den dritten Programmen versteckt. Ab Folge 8 jedoch fungierte das ZDF als Co-Produzent und die Filme wanderten auf den Freitagabend-Sendeplatz. Da waren die Zuschauer aber an die drögen Auftritte von Horst Tappert und Siegfried Lowitz als Derrick und Der Alte gewohnt, eher biedere Krimiunterhaltung mit Ermittlungen in der Münchner Schickeria wie schon beim Kommissar. Entsprechend reserviert bis irritiert und sogar schockiert reagierte ein Teil des Publikums auf die gänzlich andere, völlig überraschende, freche und frische Serie um den Major Adolf Kottan aus dem Wiener Polizeipräsidium. Den verkörperte nach zwei Folgen mit Peter Vogel und drei weiteren mit Franz Buchrieser in der Hauptrolle nunmehr und bis zum Ende mit der neunzehnten Episode Lukas Resetarits, der Kottan schlechthin.

Bereits während der Ausstrahlung der ersten Folge riefen Dutzende aufgebrachter Zuschauer, die den Satire-Charakter des Films, freilich mit Kritik an der Polizeiarbeit, nicht erkannten, beim ORF an und empörten sich über die Verunglimpfung der Gesetzeshüter, witterten Landesverrat und beschimpften, beleidigten und bedrohten Autor und Regisseur. Helmut Zenker und Peter Patzak nahmen das zum Anlass, mit jeder neuen Folge noch eins draufzusetzen. Die späteren Kottan-Episoden waren völlig überdreht und arteten immer mehr zu anarchistischem Spaß aus, Kalauer und Klamauk, Slapstick-Auftritte und eine ganze Palette von Running Gags prägten fortan die Geschichten.

Kottan ist meist grantig, raunzt Jede und Jeden an, wenn auch mit Charme und Schmäh, ist träge oder, netter ausgedrückt, bequem und würde gern eine ruhige Kugel schieben. Aber er muss wohl oder übel immer wieder ran, weil der Sandler Erwin Drballa ständig über Leichen stolpert. Kottans Assistent Alfred Schrammel, stets übereifrig aber völlig überfordert bildet sich mit den Mike-Hammer-Romanen von Mickey Spillane fort. Dezernatsleiter Paul Schremser, nach einer Amputation einbeinig, nutzt seine Krücke schon mal als Maschinengewehr oder als Fußangel für Flüchtende. Polizeipräsident Alfred Pilch befindet sich in beständigem Kampf mit dem widerspenstigen Getränkeautomaten auf dem Flur sowie lästigen Fliegen in seinem Büro und bleibt ewig Verlierer. Der trottelige Polizist Schreyvogel legt gerne die Autos von Parksündern tiefer, indem er mit einem in der Schuhspitze montierten Nagel die Reifen anpiekst.

Ein besonderes Vergnügen sind die Proben von „Kottans Kapelle“, die eine ohnehin reichlich absurde Handlung willkürlich unterbrechen und die drei Kriminalisten als Coverband zeigt, die sich an diversen toll gewählten Rock- und Popsongs abarbeitet. Absolut überspannt: Die beliebte Fernsehansagerin Chris Lohner mischt sich des Öfteren in das Familienleben des Kriminalmajors ein, indem sie sich direkt aus dem TV-Gerät zu Wort meldet oder auch mal von innen an die Mattscheibe klopft, um den eingenickten Kottan aufzuwecken. Der lebt mit seiner Frau und seiner Mutter zusammen, die ständig neue Theorien zum perfekten Mord entwickelt. Eine ganze Riege an skurrilen Figuren taucht mehr oder weniger regelmäßig auf, so die Halbwelt-Größen Horrak und Wasservogel, die immer wieder vergeblich versuchen, Kottan umzubringen. Die Beispiele verdeutlichen, dass hier das komplette Genre parodiert wird, gewohnte Muster ignoriert und eingefahrene Sehgewohnheiten torpediert werden.

So polarisierte Kottan immer mehr. Während sich inzwischen eine riesige Fangemeinde gebildet hatte, wurden den Sendeanstalten die chaotischen Einfälle von Zenker und Patzer irgendwann zu viel und so stellte man die Serie, obwohl noch fertige Drehbücher in der Schublade lagen, 1983 ein (Später erschienen sie als Hörspiel). Erst 2010 in Österreich beziehungsweise 2011 in Deutschland kam Kottan noch einmal zum Einatz – in einem Kinofilm. Die Abenteuer des Majors Kottan erschienen auch in Buchform, als Theaterstück, Comic-Heftchen und zuletzt als E-Book. Lukas Resetarits steht bis heute als Kabarretist auf der Bühne und verteilt in diesem Jahr in seinem siebenundzwanzigsten Programm seit 1977 satirische Seitenhiebe.

Sein Bruder Willi Resetarits verkörpert eine weitere österreichische Kultfigur, er ist der legendäre Ostbahn-Kurti. „Erfunden“ wurde die Figur von Günter Brödl, einem genialen Multitalent als Schriftsteller, Songtexter, Musikjournalist und Radiomoderator. 1979 hatte in seinem Theaterstück Wem gehört der Rock´n Roll? der Ostbahn-Kurti eine Nebenrolle, aber die Figur gefiel seinem Schöpfer so gut, dass er eine komplette Biografie für sie erfand, aus der er immer wieder öffentlichkeitswirksam Bruchstücke in den verschiedensten Medien streute, gipfelnd in einem angeblichen Sold-Out-Konzert der fiktiven Rockband Ostbahn-Kurti & die Chefpartie. Es war der Musiker Willi Resetarits, damals als Sänger Frontmann der erfolgreichen Polit-Rock-Band Schmetterlinge, der fortan dem Phantom Ostbahn-Kurti Gestalt verleihen sollte.

Brödl verfasste wunderbare Songtexte für den Kurti und seine Chefpartie, später für seine Kombo, indem er zahlreiche US-Rocknummern ins Österreichische, genauer ins Wienerische, übertrug. Mit diesem Repertoire produzierte die Band bis 2003 viele erfolgreiche Alben und absolvierte zahllose umjubelte Auftritte auf ständigen Tourneen. Brödl war Bestandteil der Kapelle, war bei jedem Auftritt dabei, kümmerte sich als „Trainer“ um das seelische Gleichgewicht der Bandmitglieder und sorgte als Berater in allen Lebenslagen für eine intakte Gruppendynamik. In dieser Funktion hat Brödl eine tragende Rolle in den Kriminalromanen um Kurt Ostbahn, die er selbst seit 1995 verfasste. Es begann mit Blutrausch, einem fulminanten Auftakt der Reihe mit spektakulärem Plot.

Eine breite Palette unterschiedlichster Figuren haben ihren mehr oder weniger großen Auftritt, ungewöhnliche Wirte und ihre seltsamen Gäste, leichte Mädchen und schwere Jungs, kleine Ganoven und brutale Killer, schräge Vertreter der Exekutive, Fetischisten und Mitglieder einer erlesenen SM-Szene, aber auch gediegene Herren und sensationelle Frauen. Man merkt, hier erwartet den Leser ein Abenteuer, das die dunkelsten Seiten seiner Beteiligten offenbart und in menschliche Abgründe blicken lässt. Und all diese Menschen hat sich der Kurt Ostbahn nicht etwa ausgedacht, nein, denen ist er wirklich und wahrhaftig samt und sonders begegnet, es sind leibhaftige, mehr oder minder bekannte Persönlichkeiten lediglich die Namen sind geändert und das eine oder andere dazu erfunden, so dass nicht immer klar ist, was Dichtung ist und was Wahrheit. Ostbahn verrät, dass er und Brödl Dichtung und Wahrheit im Verhältnis 1:1 mischen.

Erzählt wird ausschließlich aus dem Blickwinkel des Ich-Erzählers, eben Kurt Ostbahn. Der spricht mitunter den Leser auch direkt an, dann in durchaus gewähltem Hochdeutsch, vor allem aber redet er, wie man in seinem Gemeindebezirk eben redet: in einer Sprache, die einfach ist und geradeheraus, die sich an der tatsächlich gesprochenen, an der Umgangs- oder Alltagssprache orientiert, nicht ohne originelle, witzige und feinsinnige Bilder allerdings. Es geht tatsächlich vor allem, eigentlich ausschließlich, um den omnipräsenten „Doktor“ Kurt Ostbahn, alias Ostbahn-Kurti, Kurtl oder Herr Kurt, je nach Gesprächspartner. Und es geht um die bizarren Begebenheiten, die ihm im wohlverdienten Urlaub widerfahren und die er als Erlebnisbericht dem Kassettenteil seines alten Ghettoblasters anvertraut, der Trainer macht anschließend aus diesem Protokoll etwas Lesbares. Der dritte im Bunde ist Doktor Trash, im wahren Leben der Brödl-Intimus Peter Hiess, Journalist und Autor, und so wie der Trainer ein wandelndes Rockmusik-Lexikon ist und profunder Kenner des Musikgeschäfts, so ist der Doc Liebhaber von (literarischem) Mord und Totschlag und mit Serienkillern und Massenmördern auf Du und Du. Die beiden stehen dem Kurtl mit Rat und Tat zur Seite, denn der ist da in ane blede Gschicht geraten.

Eigentlich wollte sich der Rockmusikant nach einer Tournee mit seiner Kombo ausruhen, auf der Bettbank liegen und über die Tücken des Leben sinnieren, stattdessen begegnen ihm unvermittelt Mord, Totschlag und Perversionen aller Art. Insofern verspricht der Romantitel nicht zu viel, es sind schon grauslige Geschehnissen, in die der Kurtl und seine Freunde verwickelt werden, und sie werden schonungslos geschildert, allerdings immer auch mit einem kleinen Augenzwinkern. Hier zeigt sich der ganz spezielle, morbide Humor der Wiener, und man ahnt, all diese überspitzt dargestellten Grausamkeiten, die vielen brutalen Zwischenfälle, das alles ist offensichtlich nicht ganz ernst gemeint. Entsprechend formuliert der Kurt Sätze, die einen beim Lesen unwillkürlich schmunzeln lassen, entwirft übergangslos immer wieder einmal Sprachbilder, die dem Leser automatisch ein lautes Lachen entlocken. Aber der Reihe nach.

Der Kurtl muss beim Herrn Josef in seinem Stammlokal, dem Café Rallye, einem grindigen Tschocherl, also einer abgeranzten Spelunke, in seinem Wiener Hieb Fünfhaus miterleben, wie ein Wickel zwischen den beiden einzigen Gästen blutig endet und der Urheber des Streits, der drogensüchtige Wickerl, vom Wirt vor die Tür gesetzt wird. Wenig später findet der Kurtl auf dem Heimweg eben jenen Wickerl fürchterlich zugerichtet tot am Wegesrand, waidmännisch aufgebrochen, das Herz herausgerissen. Es stellt sich heraus, dass ihn die „Sex-Metal-Band“ Mom&Dead als Bassisten herausgeworfen hat und er sich daraufhin bei krummen Geschäften mit Raubkopien wohl mit Partnern angelegt hat, die eine Nummer zu groß für ihn waren und augenscheinlich wenig zimperlich. Am nächsten Morgen stehen zwei Herren von der Kriminalpolizei vor der Tür des Herrn Dr. Ostbahn. Die Blutspur des ermordeten führte zurück zum Rallye, und die Gästeliste des Abends war ja nicht lang. Also ist der Kurtl ein Verdächtiger und so versucht er mit Hilfe von Trainer und Doc auf eigene Faust, die Wahrheit herauszufinden.

Dabei wird er kurz abgelenkt, denn er verliebt sich in die sensationellste Frau, die jemals das Rallye betreten hat, Marlene, Gattin eines schwerreichen Hotel-Tycoons, auf Inspektions-Tour in den Europäischen Residenzen des Mr. Thompson. Kaum ist man sich, zunächst in Kurtls bescheidener Behausung – später in ihrer Suite im Palace – näher gekommen, ist sie auch schon wieder verschwunden, abgereist ohne sich zu verabschieden.

Damit nicht genug, kurz darauf wird der Herr Josef schwer verletzt, sein Ziehsohn Rudi umgebracht, aufgeschlitzt vom vermutlich selben Täter, der den Wickerl abgeschlachtet hat. Wickerl war nicht nur Bassist bei Mom&Dead, er hatte auch eine Beziehung zur Sängerin der Band, Donna, vulgo Elfriede Tomschik. Donna, so erfahren die Amateur-Ermittler, war das Aushängeschild eines dubiosen, sektenartig organisierten US-Unternehmens, das Sexspielzeug und Fetischartikel vertreibt. Der Kurtl lernt Donna im Anschluss an ein Konzert ihrer Gruppe kennen und staunt nicht schlecht: Sie hat mittlerweile einen neuen Freund, Gily. Der ist niemand anders als Gilbert Thompson, Marlenes psychisch labiler Sohn und Zwilling von Sarah. Sachen gibt’s.

Vor allem aber gibt es schon wieder einen Toten. Steve, Manager bei Donnas Plattenfirma. Als man ihn findet, hat auch er kein Herz mehr. Es wird Zeit, dem mörderischen Treiben Einhalt zu gebieten. Einer Allianz der drei Freunde mit den beiden Polizisten und Donna gelingt das schließlich, nachdem der „Schlächter von Sechshaus“ noch einmal sein Messer gezückt und ein finales Blutbad angerichtet hat.

Es ist also eine Menge los in dieser Geschichte von Sex, Drugs, Rock ’n‘ Roll und Crime. Da wird viel gepudert, (auch die Nase), heftig geraucht (und nicht nur Zigaretten), und es wird gesoffen, jede Menge Bier, Fernet und Scharlachberg, es gibt Musik von Willie Nelson bis Sex-Metal? – und es gibt natürlich Leichen, bestialisch niedergemetzelt und fürchterlich zugerichtet.

Die Story macht dem reißerischen Romantitel insofern alle Ehre, aber es geht dabei nicht in erster Linie um die grausamen Morde, die besondere Stimmung zwischen gelöst und gereizt, von beschaulich bis bedrohlich macht den Charme des Romans aus, vor allem natürlich die spezielle Ausstrahlung des Herrn Kurt, sein meist souveränes Auftreten, seine lockere Art, die uns ahnen lässt, der packt’s eh, kurz gesagt, sein Schmäh. Schlagfertig pariert der Kurtl alle Angriffe und Anwürfe mit lässig hingeworfenen, oft geistreichen Retouren, der Kurtl hat auf alles eine Antwort und ist fast jeder Situation gewachsen. Mit Ironie und Selbstironie begegnet er allen Widrigkeiten des Alttags und erträgt die Misslichkeiten des Daseins mit Leichtigkeit.

Natürlich ist das keine große Literatur, möglicherweise auch weniger interessant für Leser, die keinerlei Kenntnis über das Ostbahn-Universum besitzen. Für alle Kurtologen aber ganz sicher eine vergnügliche und spannende Lektüre, die eine Begegnung mit vielen Personen bereithält, die in der Wiener Gesellschaft tatsächlich bekannt sind, und die für manche eine heimelige Atmosphäre erzeugen wird, weil der lokale Einschlag mit seiner authentischen, kenntnisreichen Schilderung der Örtlichkeiten und seiner besonderen Bewohner entweder Neues entdecken oder Altbekanntes wiedererkennen lässt und in Umgebungen führt, die der Wien-Tourist sicher nicht zu Gesicht bekommt. Alles in allem eine vergnügliche Lektüre auf vier-Sterne-Niveau, das von den nachfolgenden Krimis um Kurt Ostbahn nicht mehr ganz erreicht wird.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Blutrausch | Erschienen am 3. März 2009 im Milan Verlag
ISBN 978-3-85286-173-9
232 Seiten | 14.50 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Die Verfilmung erschien am 20. November 2009, Produktionsjahr 1997
1 DVD | ca. 7.- Euro
Laufzeit: 90 Minuten
FSK 18
Filmtrailer

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Lisa Bengtsdotter | Löwenzahnkind Bd. 1

Lisa Bengtsdotter | Löwenzahnkind Bd. 1

Krimi aus Schweden nach bewährtem Muster

Vom Verlag als Thriller beworben, entpuppt sich der Roman schnell als ein weiterer, typischer Schwedenkrimi, was ja an sich auch schon ein Versprechen für solide, gute Unterhaltung ist und tatsächlich erfüllt Löwenzahnkind was das angeht alle Erwartungen. Bengtsdotter erzählt ruhig, ohne Hast, nimmt sich Zeit für eine sorgfältige Beschreibung der meist trostlosen, zum Teil auch idyllischen Schauplätze, vor allem aber für das Seelenleben ihrer Figuren, auf die sich das Hauptinteresse konzentriert.

Der an sich angenehm fließende, wenn auch arg einfache, etwas eckige Stil rumpelt an etlichen Stellen, was möglicherweise mit einer nicht ganz so geschmeidigen Übersetzung von Sabine Thiele zu tun haben könnte. Daher entsteht bisweilen der Eindruck, dass die Geschichte gut erzählt, aber weniger gut ausgeführt ist. Sehr gut geglückt ist die sorgfältige Einführung der wichtigsten Figuren, die dadurch sofort Interesse finden, auch wenn sie allesamt die inzwischen etablierten und deshalb fast erwarteten Klischees mit sich herumschleppen, die üblichen psychischen Defizite, Mängel und Macken, die scheinbar unverzichtbaren Ehe- oder Drogenprobleme und vor allem die schwere Kindheit.

Die Heldin dieses Romans, Charline „Charlie“ Lager, ist eine solche Anti-Heldin, und sie hatte es als kleines Mädchen sicher nicht leicht. Sie war ein „Löwenzahnkind“, ein Begriff, den Entwicklungspsychologen verwenden, um unterschiedliche Anlagen zu erklären.Wissenschaftler aus den USA benutzten als erste die schwedischen Bezeichnungen „Maskrosbarn“ und „Orkidebarn“, „Orchideenkind“. Erstere besitzen die Fähigkeit, selbst unter widrigsten Umständen zu überleben, ja sogar zu gedeihen. Sie sind psychologisch außerordentlich belastbar. Die Psyche der Orchideenkinder dagegen hängt in weit größerem Maß von ihrer Umwelt ab – insbesondere von der elterlichen Zuwendung. Vernachlässigte Orchideenkinder verkümmern; doch bei entsprechender Förderung blühen sie regelrecht auf.

Charlies Mutter hat sich ganz sicher nicht genug um ihr Kind gekümmert. Über ihren Vater wird Charlie niemals etwas erfahren, und die Mutter ist mit der Erziehung ihrer Tochter total überfordert. Es gibt keine Regeln und keine Grenzen, und es gibt auch wenig Zuwendung, das Jugendamt hat ein Auge auf die Situation und Charlie Angst, dass die „Prusseliese“ sie mitnimmt. Betty Lager hat genug zu tun mit ihren eigenen Problemen. Sie leidet unter starken Stimmungsschwankungen, zieht sich entweder völlig zurück oder feiert ausufernde Feste, auf denen sich ihr schweres Alkoholproblem manifestiert. Daran ändert sich auch nichts, als mit Matthias ein neuer Mann in ihr Leben tritt und in Lyckebo einzieht, wo außerhalb des Ortes ihr Haus am See liegt. Eines Tages ertrinkt Matthias in eben diesem See, und Betty zerbricht an dem Unglück, vegetiert nur noch vor sich hin und kümmert sich gar nicht mehr um ihre Tochter. Als sie an Tabletten- und Alkoholmissbrauch stirbt, verlässt Charlie mit 14 Jahren Gullspång und kommt nun wirklich in eine Pflegefamilie.

Nun ist sie 33 und hat sich durchgekämpft, aus dem Löwenzahnkind ist tatsächlich etwas geworden: Eine Ermittlerin bei der NOA, der Nationalen Operativen Abteilung, die der Chef seine fähigste Mitarbeiterin nennt. Die zum großen Teil männlichen Kollegen sind weniger begeistert von ihrer Blitzkarriere. Abitur mit siebzehn, Studium der Psychologie mit Abschluss, Ausbildung an der Polizeihochschule. Je höher sie in der Hierarchie der NOA aufstieg, desto größer wurden ihr Neid und ihr Misstrauen. Es gibt wenige Ausnahmen, eine davon ist Anders Bratt, mit dem sie ein Team bildet. Er war ihr von Anfang an sympathisch, obwohl sein sozialer Hintergrund ein völlig anderer ist: Mitglied der Oberklasse aus sehr reichem Haus, entsprechend eingebildet und überheblich, aber auch gutherzig, mit Humor und der Fähigkeit zur Selbstreflexion. Ihr aktueller Einsatz verschlägt die beiden ausgerechnet nach Gullspång, um die örtlichen Polizeibeamten bei der Suche nach einer spurlos verschwundenen Siebzehnjährigen zu unterstützen. Niemand weiß, dass Charlie dort aufgewachsen ist, sie hat ihr traumatische Erlebnis, das mit dem kleinen Ort in Västergötland verbunden ist, vor allen verheimlicht.

Sie selbst leidet darunter, bekämpft mit Antidepressiva ihre Panikattacken und Angststörungen und versucht immer wieder vergeblich, endlich Rauchen und Trinken aufzugeben. Eine Therapie hat keinen Erfolg gehabt, eigentlich will sie sich auch nicht helfen lassen, glaubt selbst am besten zu wissen, was gut für sie ist und will alles alleine regeln. Zu Beginn des Romans erleben wir sie als schwach, willenlos, einsam und ohne soziale Kontakte, dafür jederzeit bereit für flüchtige sexuelle Abenteuer, wobei sie auch Affären mit Kollegen nicht scheut. Nun muss sie sich also mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, obwohl sie niemals zurückkehren wollte zu den Schauplätzen ihrer Kindheit. Es hat sich nichts verändert in Gullspång, ihre Rückkehr gerät zu einer absolut deprimierenden Inszenierung:

„Die Ortsmitte wirkte wie eine Geisterstadt. Aufgegebene Geschäfte, eingeschlagene Fensterscheiben. Es erschien ihr unwirklich, alles wiederzusehen. Die heruntergekommenen Hausfassaden, das Lebensmittelgeschäft, die Konditorei, die mittlerweile geschlossen war. Für Außenstehende einfach ein tristes, verlassenes Ortszentrum, aber für sie…“

Die erste Begegnung mit den Kollegen der örtlichen Polizeistation macht deutlich, wie nötig die Unterstützung der Stockholmer Beamten ist. Die Provinzler haben Vorbehalte gegen die Hauptstädter, müssen aber bald einsehen, dass sie nicht besonders professionell gearbeitet haben. Charlie und Anders machen sich daran, mit eigenen Ermittlungen das Rätsel um das Verschwinden des Mädchens zu lösen. Bis die beiden die traurigen Hintergründe entschlüsseln können und die bittere Wahrheit ans Licht kommt, erzählt Bengtsdotter in ihrem gelungenen Debüt höchst unterhaltsam, abwechslungsreich und spannend aus verschiedenen Perspektiven. Neben den aktuellen Ereignissen blickt sie zurück auf „Jenen Abend“, an dem Annabelle verschwand, auf „Eine andere Zeit“, in der zwei Mädchen beste Freundinnen wurden, und auf die Kindertage von Charlie im Haus in Lyckebo, an die sie nicht nur angenehme Erinnerungen hat, sie schleppt seither auch einige bedrückende und belastende Erkenntnisse mit sich herum. Davon hat sie bis heute niemandem erzählt, wie sie überhaupt wenig von sich preisgibt, selbst Anders weiß so gut wie nichts über seine Kollegin.

Die beiden könnten gegensätzlicher nicht sein, die eine offenbar vom Leben enttäuscht und gezeichnet, desillusioniert und einsam, die sich ihren Dialekt mühsam abtrainiert hat und die ihre Herkunft dennoch nicht leugnen kann, der andere ein arroganter Stockholmer, herablassend und sarkastisch gegenüber allem außerhalb der Großstadt, seit kurzem Papa und verheiratet mit einer furchtbar eifersüchtigen und kontrollsüchtigen Frau.
Die Mutter der vermissten Annabelle leidet ebenfalls unter einem Kontrollwahn. Fredrik Roos kennt seine Frau Nora von Beginn an als aufbrausend, unruhig, ängstlich und labil. Ihre Tochter leidet sehr unter der ständigen Überwachung, ihn wundert es nicht, dass sie gegen die strengen Regeln der Mutter aufbegehrt. Ist sie möglicherweise ausgerissen? Fast alle jungen Leute wollen im Grunde nur eines: Weg aus Gullspång. Zuletzt wurde Annabelle im seit vielen Jahren leerstehenden, ehemaligen Dorfladen gesehen, der den Jugendlichen der Gegend als Treffpunkt dient. Dort hören sie ihre laute Musik, es wird viel Alkohol getrunken, man kifft und konsumiert auch andere Drogen und die Pärchen haben Sex. Als Annabelle an jenem Abend die Party verlassen hatte, war sie stark angetrunken. Fredrik ist von Nora losgeschickt worden, um sie zu suchen, aber ihre Spur hat sich verloren. Ist sie verschleppt worden, oder schlimmer noch, ermordet?

Während ein freiwilliger Suchtrupp tagelang die gesamte Gegend durchforstet, demonstrieren Charlie und Anders, wie professionelle Polizeiarbeit aussieht, zumindest eine Zeit lang. Dabei liefern sich die so unterschiedlichen Ermittler kurzweilige Wortgefechte, Bengtsdotter schreibt ihnen spannende, unterhaltsame und witzige Dialoge. Charlie erweist sich als schnell in allem was sie tut, in ihren Aktionen wie in ihren Überlegungen und Entscheidungen. Ihren behäbigen Kollegen ist sie stets einen Schritt voraus, aber dann stürzt Charlie wieder einmal ab: sie blickt zu tief ins Glas und lässt sich mit einer Zufallsbekanntschaft ein. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass sie mit einem Journalisten geschlafen hat, und als die lokale Presse mit vertraulichen Details der laufenden Ermittlungen aufmacht, wird sie vom Fall abgezogen. Das hindert sie allerdings nicht daran, weitere Nachforschungen anzustellen. Durch ihren Alleingang gerät sie mehr und mehr in den Mittelpunkt der Geschichte, zumal sie jetzt endlich den Mut findet, das Haus ihrer Mutter wiederzusehen und sich so ihrer lange verdrängten Vergangenheit stellen muss. Ihre persönliche Geschichte überlagert von nun an vollends den Fall um die vermisste Annabelle. So erfahren wir in kleinen Häppchen immer mehr über die faszinierende, widersprüchliche Charlie, die sich als sehr komplexe Person erweist. Sie ist mitunter schwach, oft aber auch kämpferisch, anarchistisch und stark, außerordentlich intelligent und absolut beherrscht und zielstrebig im Beruf, ihr Privatleben hat sie dagegen gar nicht unter Kontrolle.

Als sie ihre Freundin aus Kindertagen wiedersieht und in Erinnerungen schwelgt, werden zerplatzte Träume, Lebenslügen offenbar. Charlie schweift nun oft ab, wenn sie sich an den alten, vertrauten Plätzen in Gedanken und Träumereien verliert und die Vergangenheit aufleben lässt, ihre sind einfach schön und mitreißend ausgemalt, sind diese Bilder mit großem Vergnügen zu lesen, auch wenn sie scheinbar nichts mit dem Plot zu tun haben.
Der ist großartig durchkomponiert und an keiner Stelle langweilig. Gewährt an vielen Stellen intensive Einblicke in die häuslichen und gesellschaftlichen Zustände in der kleinen Gemeinde, Innenansichten des dörflichen Lebens. Da werden wie üblich in Krimis aus Skandinavien eine Menge Fragen aufgeworfen, auch ein Grund dafür, dass der Roman einen sofort in den Bann zieht und mitreißt, auch wenn man stellenweise vergessen könnte, das es sich hier um einen Krimi handelt. Der Roman kommt dann eher daher wie ein Sozialdrama oder eine Milieustudie. Die Kapitel sind kurz, die Perspektive wechselt häufig und dieser ständige Austausch der unterschiedlichen Handlungsstränge hält die Spannung hoch, die sich zum unerwarteten Ende hin enorm steigert, wobei besonders der einigermaßen rätselhafte Auftritt der Freundinnen Alice und Rosa für ein besonderes Kribbeln sorgt. Die Charaktere, auch oder gerade die Nebenfiguren, sind allesamt glaubwürdig und authentisch, das Setting außerordentlich passend und geglückt. Die Autorin ist selbst in Gullspång aufgewachsen, die kleine Gemeinde hat sie genau so in Erinnerung, wie sie im Roman geschildert wird: freudlos, trostlos, perspektivlos, einfach deprimierend. Heute lebt Bengtsdottir wie ihre Heldin in Stockholm.

Charlie wird aber bald wieder nach Gullspång müssen, der zweite Band der Reihe soll noch in diesem Jahr auch auf deutsch erscheinen. Der schwedische Titel lautet Francisca und nimmt einige Fäden des Erstlings wieder auf. Der heißt im Original schlicht Annabelle, der Name ist offensichtlich mit Bedacht gewählt. Es finden sich im Roman mehrfach Hinweise auf einerseits den deprimierenden Countrysong „Annabelle“ von Gillian Welch, zu anderen auf das bekannte Gedicht „Annabelle Lee“ von Edgar Allen Poe. Die Fortsetzung beschert natürlich ein Wiedersehen mit bekannten Figuren und hat offenbar den gleichen Tenor und eine ähnliche Thematik wie Löwenzahnkind. Dem gebe ich vier Sterne, ich glaube, Lina Bengtsdotter kann sich noch steigern.

 

Anmerkung: Der zweite Band wird voraussichtlich am 13. Juli 2010 im Penguin Verlag unter dem Titel Hagebuttenblut erscheinen.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Löwenzahnkind | Erschienen am 13. Mai 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10381-3
448 Seiten | 13.- Euro
Originaltitel: Annabelle
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Giorgio Scerbanenco | Der lombardische Kurier Bd. 4

Giorgio Scerbanenco | Der lombardische Kurier Bd. 4

Der lombardische Kurier, Moderner Klassiker von Giorgio Scerbanenco, neu entdeckt

Dem Folio Verlag aus Wien und Bozen ist es zu verdanken, dass die vier Romane um den Mailänder Ermittler Duca Lamberti in der bewährten Übersetzung von Christiane Rhein endlich wieder vorliegen. Geschrieben hat diese Bücher Giorgio Scerbanenco, der als Vladimir Šerbanenko 1911 in Kiew geboren wurde. Mit Ausbruch der Revolution flüchtete seine Mutter mit dem Baby in ihre Heimatstadt Rom. Zwar kehrten sie noch einmal in die Ukraine zurück, aber da war sein Vater bereits tot, ermordet in den Revolutionswirren. Die Mutter wanderte mit ihrem Sohn 1927 endgültig nach Mailand aus, wo sie nur zwei Jahre später starb. Giorgio Scerbanenco, wie er sich inzwischen nannte, musste die Schule abbrechen und allerlei Aushilfsjobs annehmen, um sich über Wasser zu halten. Finanzielle Sorgen sollten ihn lange Jahre begleiten, so dass er gezwungen war, als Journalist und Schriftsteller viele Genres zu bedienen, wobei er äußerst produktiv war. Unter anderem gründete er mehrere Frauen-Zeitschriften und wurde berühmt als Kummerkasten-Onkel „Adrian“. In dieser Funktion lernte er die Gemütsverfassung der Italienerinnen kennen, ihre geheimsten Wünsche und größten Nöte und Sorgen und damit viel über den Zustand der Gesellschaft.

In seinen Krimis, die seinerzeit hochgelobt und preisgekrönt waren, schuf Scerbanenco zwischen 1966 und 1968 den ersten originär italienischen Detektiv in wahrhaft italienischen Krimis, die treffend den Alltag ihrer unterschiedlichen Charaktere und deren Umgang miteinander beschreiben, und die sehr realistisch ihre Umgebung und ihre spezielle Atmosphäre abbilden, ein Mailand nicht als kuschelige, heimelige Kulisse wie sie heute in vielen Regionalkrimis gezeigt wird, sondern fast durchgehend als düstere, neblige, bedrohliche und gefährliche Stadt. Dennoch muten die Erfahrungen, die Duca in diesem Milieu macht, als gemächliche, fast gemütliche Abenteuer an. Dabei mag Der Lombardische Kurier zur Zeit seiner Entstehung durchaus als „harter“ Krimi gegolten haben, allein auf Grund des unerhört grausamen Verbrechens.

Der Leser wird unmittelbar hineingeworfen in das Geschehen. Das Eingangsbild zeigt Duca Lamberti im Krankenhaus am Bett einer jungen Lehrerin, aber er kann nicht mehr mit ihr sprechen, sie ist gerade verstorben, den zahlreichen schweren Verletzungen erlegen, die ihr von ihren Schülern zugefügt wurden. Die haben sie im Klassenzimmer überfallen und erniedrigt, gequält und brutal vergewaltigt. Der Anblick ihres entsetzlich zugerichteten Körpers ruft in Lamberti eine unbändige Wut hervor, und er ist fest entschlossen, für die Bestien, die schuld an diesem Massaker sind, die härteste möglich Bestrafung zu erreichen. Akribisch studiert er die Akten der verhafteten Schüler, die fast alle aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen und zum Teil schon vorbestraft sind. Er ist durchaus wichtig, die sozialen Hintergründe seiner Figuren zu erkennen und zu verstehen, sich in ihre triste, aussichtslose Situation hineinzuversetzen. Natürlich treibt ihn die Frage um, wie sie zu dem wurden, was sie sind, aber Mitleid mit den Burschen hat Duca nicht. Wenn er freundlich zu ihnen ist, dann ist das Mittel zum Zweck. Mit psychologischen Tricks und mit physischem Druck, den man durchaus Folter nennen kann, versucht er in Einzelverhören die Wahrheit ans Licht zu bringen. Aber er kann den elf Schülern ihr gemeinschaftlich begangenes Massaker nicht beweisen. Jeder behauptet, es seien die anderen gewesen. Am Ende beschleicht Duca der Verdacht, dass ein Erwachsener die Schüler angestiftet und das Verbrechen organisiert hat.

Als sich der einzige Junge, der vielleicht zu einer Aussage bereit gewesen wäre, in den Tod stürzt, wagen Lamberti und sein Vorgesetzter Carrua ein riskantes Experiment: Duca nimmt einen der Schüler mit nach Hause und hofft, sich sein Vertrauen zu erschleichen zu können. Zunächst scheint sein Plan aufzugehen, doch dann entschließt sich sein Schützling, hin und her gerissen zwischen der Hoffnung auf ein besseres Leben und der Angst vor der Anstalt, zu fliehen. Er ahnt nicht, dass er beschattet wird und nimmt Kontakt auf zu der Person, die Duca unbedingt finden muss, weil sie der Drahtzieher in diesem Drama ist. Das gelingt letzten Endes, und damit ist dann auch schon die ganze Geschichte erzählt.

Duca hat also Recht behalten mit seiner Vermutung, aber es dauert lange, bis er die anderen und vor allem seinen Chef überzeugen kann, in diese Richtung zu ermitteln. Obwohl er wieder und wieder seine Theorie mit den immer gleichen Worten herunterbetet, begegnet man ihm mit Zurückhaltung. Ständige Wiederholungen sind als Stilmittel eigentlich verpönt, unterstreichen hier aber die Hartnäckigkeit und Sturheit des Ermittlers. Dass es schließlich genau so ist und genau so kommt wie er es erwartet hat, passt zu dem spannungsarmen Plot, der nüchtern, realistisch Fakt an Fakt reiht. Wahrlich kein Thriller, Spannung kommt bei Polizeiroutine mit scheinbar endlosen Verhören, Ortsbesichtigungen, vielen Befragungen und noch mehr Laufarbeit kaum auf. Und zunächst kommt Duca auf diese Art auch zu keinem Ergebnis, er bekommt zunehmend Zweifel am Sinn seiner Arbeit. Auch, weil ihn die Gleichgültigkeit seiner Umgebung und die abwehrende Haltung seines Chefs wütend machen. Der ist Pragmatiker, er mag Ducas Art nicht, sich in eine Sache hineinzusteigern und immer ein philosophisches Problem daraus zu machen, die Dinge mit seinem Eigensinn noch komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon sind.

Diese starke Figur Duca Lamberti ist hauptsächlich verantwortlich für den Erfolg der Romanreihe. Er ist Arzt, hat aber seine Approbation verloren, weil er wegen Sterbehilfe zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Für ihn war die Entscheidung, das Leiden einer alten Dame abzukürzen, ein Akt der Nächstenliebe. Desillusioniert, angeekelt vom Leben und verzweifelt am Zustand der Welt nimmt er nun aus Geldmangel seine Tätigkeit als Ermittler für Kommissar Carrua auf, einen ehemaligen Kollegen seines Vaters bei der Mailänder Polizei. Seine mit einem Kind sitzen gelassene Schwester versorgt er so gut er kann. Ihre kleine Tochter Sara liebt er zärtlich. Als aber das Mädchen plötzlich hohes Fieber bekommt, lehnt er es ab, an ihr Krankenbett zu kommen, ihm ist es wichtiger, ein vielleicht entscheidendes Verhör durchzuführen. Stattdessen schickt er einen befreundeten Arzt, der dem Kind allerdings nicht helfen kann, es stirbt im Krankenhaus.

Duca ist zwar betroffen vom Tod der Kleinen, aber Selbstvorwürfe oder Zweifel an seinem Handeln gibt es für ihn nicht. Er kann durchaus mitfühlend sein, aber genau so kalt und roh, geradezu bösartig. Er vereint völlig widersprüchliche Regungen in sich und entscheidet aus dem Bauch heraus. Er denkt durchaus differenziert über Schuld und Sühne nach, über den Rechtsstaat, seine Gesetze und Strafen, genauso aber kann er von Jetzt auf Gleich Verbrechern gegenüber gewalttätig werden. Dieses ambivalente Verhalten macht Duca so interessant, wenn auch nicht sonderlich sympathisch. Aber er ist ein fanatischer Sucher nach Gerechtigkeit, und sein Hass auf alle, die sich dem widersetzen, lässt ihn mitunter zur Selbstjustiz greifen. Anders lässt sich dem Gesindel nicht beikommen, mit dem er es zu tun hat, deshalb sind ihm alle Mittel recht, er ist stets bereit, Vorschriften in seinem Sinne auszulegen oder zu übergehen und sogar Gesetze zu übertreten. Lamberti weiß, dass das Böse, das Verbrechen nicht auszurotten ist, trotzdem nimmt er diesen Kampf an – mit Mitteln, die mehr als fragwürdig sind. Die Verbrecher, das ist ihm schmerzlich bewusst, nutzen jede Gesetzeslücke und beugen wo es geht mit Hilfe ihrer Anwälte das Recht. Duca verachtet die Kriminellen, und er hat eins gelernt: Dieses Gesindel versteht nur eine Sprache: Gewalt. Und die wendet er an, wenn es ihm opportun erscheint, Gesetzt hin, Moral her.

Scerbanenco überlässt es dem Leser, dieses Verhalten zu bewerten, er selbst fällt kein Urteil über seinen Hauptdarsteller, gibt keine Erklärung für sein Handeln. Wohl legt er ihm knochentrockene und ironische, ja sarkastische oder gar zynische Kommentare in den Mund, auch lässt er Duca skeptische, manchmal resignierte Gedanken äußern. Er redet, wie er denkt, und er denkt, was man damals so dachte. Political Correctness hat keinen Platz in dieser gar nicht so guten, alten Zeit Ende der sechziger Jahre mit ihren verklemmten Moralvorstellungen, verstaubten Weltanschauungen und engstirnigen Denkweisen. Das Frauenbild in Scerbanencos Romanen kann aus heutiger Sicht nur entweder verstören oder empören, und die Behandlung der schwulen und lesbischen Figuren ist nur entschuldbar vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund und seinen Einflüssen, denen sich auch der Autor nicht entziehen konnte. Fortschrittliche Empfehlungen zur Bewältigung der sozialen Probleme gelten allenfalls als Zeitverschwendung, pädagogische Ansätze als sinnlos. Resozialisierung ist ein Fremdwort, die Jugendlichen Straftäter werden in Besserungsanstalten gesteckt, in denen sie gezüchtigt werden, noch mehr verrohen, und wenn sie alt genug sind verschwinden sie im Knast.

Lediglich Livia Ussaro, die ihrer Zeit voraus ist und so gar nicht in diese Gesellschaft zu passen scheint, verkörpert einen Fortschritt, den die übrigen Figuren nicht erkennen und auch nicht wollen. Sie unterstützt ihren Freund Duca tatkräftig, auch nachdem sie dabei im ersten Roman der Reihe (Verräter und Verratene) von einem Mafioso mit zahlreichen Messerschnitten im Gesicht entstellt wurde. Livia ist eine starke, selbstbewusste und selbstbestimmte Frau, die streng rational und logisch denkt und handelt. Als Sozialforscherin beschäftigt sie sich mit der Ausbeutung der Frauen. Die Emanzipation steckt noch in den Kinderschuhen, Wir befinden uns am Vorabend der 68er-Bewegung, die auch in Italien und gerade in Mailand zu massenhaften Protestaktionen der Studenten und Arbeiter und letzten Endes zu etlichen sozialen Umbrüchen führen sollte.

Von solchen Veränderungen ist bei Scerbanenco noch wenig zu spüren, am ehesten noch kündigt sich der Wandel im Erscheinungsbild der Stadt an. Das alte, ursprüngliche Mailand geht gerade unter, noch ist es hier und da sichtbar und Duca schildert liebevoll die ärmliche Viertel mit ihren alten, zum Teil baufälligen Häusern, die leider keine Zukunft haben, ihren charakteristischen Schänken und deren typischen Gästen. Hier hat Mailand noch seinen ursprünglichen Charme. Aber das Italien der 1960er-Jahre hatte, wie auch die junge Bundesrepublik, ihr Wirtschaftswunder. Da dachte zunächst niemand an eine moralische Erneuerung, Aufarbeiten des Faschismus: Fehlanzeige. Genau wie in der Bonner Republik wurde verdrängt und verschwiegen, zumindest verharmlost. Die alten Kader tauchten aus der Versenkung auf und besetzten erneut hohe Posten in Politik, Justiz und Verwaltung. Lehren aus den Verbrechen der gerade untergegangenen faschistischen Regimes zog kaum jemand. Die neuen Republiken nannten sich zwar nun demokratisch und die Gesellschaft gab sich auch so, tatsächlich wurden die alten Strukturen nahtlos übernommen und verinnerlicht.

Scerbanenco lässt seinen Duca Lamberti daran verzweifeln. Ihm sind die moralisch korrupten Mitglieder der privilegierten Klasse zutiefst zuwider. Der wirtschaftliche Aufschwung war verbunden mit einem tiefgreifenden sozialen Wandel. Mit der Folge, dass Mailand auch die Hauptstadt der illegalen Bordelle und der schäbigen Nachtclubs wurde, Anziehungspunkt für Verbrecher aller Art, sogar die Mafia machte sich breit. Scerbanenco beobachtet die Entwicklung mit Sorge, aber nüchtern, scharfsichtig und scharfzüngig, und er prangert die sozialen Probleme ohne jede Sozialromantik an.

Die Fälle, die Duca Lamberti beschäftigen sind ungewöhnlich, unerhört und doch alltäglich. Er hält sich schließlich häufig in den gesellschaftlichen Grauzonen auf, wo er viel gesehen und erlebt hat bei Begegnungen mit dem Bodensatz der Gesellschaft, in schummrigen Bars und Verbrecherkneipen, in einer Ambulanz für geschlechtskranke Huren und nicht zuletzt im Knast. Da trifft man dann eben auf Typen, denen man lieber nie begegnet wäre. In vielen Kriminalromanen seiner Zeit geben häufig eher schlichte, grob gezeichnete und daher leicht einzuordnende und einfach zu durchschauende Figuren den Ton an, gegen die Scerbanencos Charaktere schon recht vielschichtig und komplex erscheinen. Sein etwas hinkender Plot im vorliegenden Roman erscheint dagegen aus heutiger Sicht eher hausbacken und unspektakulär, ganz ohne erstaunliche Entdeckungen oder verblüffende Volten, dagegen schnörkellos, ehrlich und geradeaus.

Dass er nach fünfzig Jahren immer noch mit Vergnügen gelesen werden kann, liegt zum einen an Scerbanencos starken Figuren, Sie faszinieren, obwohl in ihrer Zeit verhaftet, mit zeitlosen Attributen und Attitüden. Zum anderen sind die Themen erstaunlich aktuell geblieben. Vor allem aber verblüfft der freilich punktuell überholte, gleichzeitig jedoch recht moderne Stil Scerbanencos. Hauptsächlich beeindruckt sein eleganter, fast unmerklicher Wechsel der Erzählperspektive, der Übergang von der personalen in die auktoriale Sicht und zurück. Seiner Titelfigur gibt das die willkommene Möglichkeit, sich höchst privat zu äußern, zu bewerten, zu beurteilen, zu verurteilen. Direkt, unmissverständlich, rigoros. Hier spricht ein Zweifler, ein Moralist und scharfsichtiger wie scharfzüngiger Kritiker. Ducas Kommentare triefen vor Sarkasmus, ja, Zynismus, manchmal böser Komik, aber es ist jederzeit klar, woher sein distanziertes, scheinbar unbarmherziges Auftreten rührt. In der Tat, Duca provoziert und polarisiert, und er fasziniert mit seiner unerschütterlichen und hochemotionalen Art.

Fazit: Trotz der erwähnten Schwachstellen allemal passabler, solider Krimistoff!

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Der Lombardische Kurier | Erschienen am 19. Februar 2019 im Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-756-3
256 Seiten | 18.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Die Rezension zu Das Mädchen aus Mailand von Giorgio Scerbanenco

Christoffer Carlsson | Zeit der Angst Bd. 4

Christoffer Carlsson | Zeit der Angst Bd. 4

Abschluss der schwedischen Leo-Junker-Reihe von Christoffer Carlsson: Tristesse – resignativ

Den tunna blå linjen, so der Titel des Originals, bezieht sich auf ein Symbol der schwedischen Polizeibehörde. Es wird von Polizisten manchmal als Button auf der Uniform getragen, eine weiße Flagge auf schwarzem Grund, horizontal geteilt von einer aquamarinblauen Linie. Die obere Hälfte repräsentiert die Allgemeinheit, die Gesetzestreuen, die zum Erhalt der Gesellschaft beitragen. Die untere Hälfte stellt die Welt der Gesetzlosen, der Kriminellen dar. Dazwischen gibt es nur die Polizisten, die als Beschützer der Gesellschaft verhindern sollen, dass sich Gewalt und Anarchie in sie hinein ausbreiten. Sie sind die blaue Linie, die Barrikade zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Leben und Tod. Aber diese Grenze ist durchlässig, und sie wird auch von Polizisten manchmal überschritten. Das ist ein wichtiges Thema Carlssons, und es spielt auch in diesem Roman eine große Rolle. Wie gewohnt erleben wir den Autor als unbequemen Mahner, der glaubwürdig Missstände im Polizeiapparat aufzeigt. Als studierter Kriminologe kennt er das Innenleben der Behörden sehr wohl und weiß, wovon er spricht, nämlich von bürokratischen Hemmnissen, von Intrigen und Inkompetenz, aber auch von falsch verstandenem Korpsgeist, von Zusammenhalt gegen Angriffe von außen genauso wie gegen Nestbeschmutzer aus den eigenen Reihen. Carlsson tritt aber vor allem auf als gnadenloser System- und Gesellschaftskritiker sowie als Chronist, der nicht nur die Probleme in seinem Heimatland, sondern immer auch das aktuelle Weltgeschehen im Blick hat und in seine Romane einfließen lässt.

Diesmal färben die Ereignisse im Herbst 2015 auf die Handlung ab, der Titel der deutschen Ausgabe spielt an auf die Stimmungslage, die angesichts der angespannten Flüchtlingssituation auch in Schweden zu kippen droht. Nach den Terroranschlägen vom 13. November in Paris, als im Bataclan-Theater und an mehreren anderen Tatorten 130 Tote zu beklagen waren, sind die Bürger schockiert und besorgt, und als das Gerücht die Runde macht, dass auch in Stockholm ein Attentat geplant sei, bricht Panik aus. Sämtliche verfügbaren Polizeikräfte sind abkommandiert, um die muslimischen Kreise der Hauptstadt mit allen Mitteln zu beobachten und zu überwachen. Dabei herrscht sowieso schon Chaos bei den Ordnungshütern; seit einem Jahr läuft die Umstrukturierung des schwedischen Polizeiwesens, aber sie läuft komplett aus dem Ruder. Wahllos werden die Mitarbeiter in die verschiedensten Dezernate geschickt, so dass sie nicht einmal das Wichtigste erledigen können. Im Morddezernat beispielsweise ist man schon lange am Anschlag vor Überlastung.

So ist die Leiterin der Abteilung, Anja Morovi, überhaupt nicht begeistert von der Bitte eines ihrer Kriminalbeamten, einen alten Fall noch einmal aufrollen zu dürfen, dessen Akten nach ergebnislosen Ermittlungen im Archiv verstauben und in Kürze an die Abteilung für Cold Cases übergeben und endgültig begraben werden sollen. Immerhin kann sie sich dem Argument nicht verschließen, dass es der Mordkommission gut zu Gesicht stünde, wenn der ungelöste Fall in letzter Minute aufgeklärt werden könnte. Also gibt sie ihre Zustimmung, Leo Junker bekommt zwei Wochen Zeit, um gemeinsam mit seinem Partner Gabriel Birck den Mord an einer Prostituierten aufzuklären, der vor fünf Jahren Berge von Ermittlungsakten füllte, die schließlich ergebnislos geschlossen wurden. Damals war Leo gar nicht mit den Untersuchungen befasst, seine Beweggründe, sich jetzt doch noch mit dem Verbrechen an der jungen Frau zu beschäftigen, behält er vorläufig für sich. Er wühlt nämlich nur widerwillig und auf Drängen seines alten Freundes John Grimberg in einigen laufenden Metern Archivkartons.

Mit ihm ist Leo aufgewachsen, in einem sozialen Brennpunkt der Hauptstadt, sie wurden beste Freunde und niemand kannte ihn so gut wie Grim, der ihm umgekehrt immer ein Rätsel blieb und irgendwann sein schlimmster Feind wurde, der ihn sogar töten wollte und seine Freundin Sam schwer verletzt. Grim landete schließlich im kriminellen Milieu, während Leo Polizist wird und eine beachtliche Karriere macht, bis er bei einem missglückten Einsatz aus Versehen einen Kollegen erschießt. Das traumatische Erlebnis hat einen steilen Abstieg zur Folge, es folgen Tablettensucht, Alkoholabhängigkeit, Suspendierung vom Dienst und eine schwere Krise in der Beziehung mit Sam. Leo ist ganz unten angekommen, da wird er angeschossen und liegt schwer verletzt im Krankenhaus, als er überraschend Besuch von Grim bekommt. Der sitzt zu dieser Zeit in der Forensischen Psychiatrie ein und erzwingt sich einen Freigang, um den Freund zu besuchen, der vielleicht sterben wird. Unter den Augen seiner Bewacher löst er sich in Luft auf und bleibt anschließend wie vom Erdboden verschwunden.

Das war vor gut einem Jahr, inzwischen hat Leo unter großer Anstrengung seine Sucht überwunden, sein Verhältnis zu Sam scheint sich zu normalisieren und vor allem, er darf nun wieder ganz offiziell bei der Kripo arbeiten. Plötzlich meldet sich Grim, nach dem immer noch gefahndet wird, aus dem Untergrund und verlangt einen Freundschaftsdienst von ihm. Nach einigem Zögern tut er ihm den Gefallen und bringt sich damit in größte Schwierigkeiten. Leo kann selbst nicht begründen, warum er seinen alten Freund schützt, denn dass er den Kontakt zu ihm verheimlicht, ist Strafvereitelung im Amt. Grim, so glaubt er, ist der Einzige, der ihn je verstanden hat. In ihm sieht Leo fast ein Spiegelbild seiner selbst, glaubt, dass sie einander ganz gleich sind, er kein Bisschen besser als Grim. Später wird er erkennen, dass der Freund ihn nur benutzt hat, nicht zum ersten Mal. Als er ihn fragt, warum, antwortet der: „Weil ich es nie lerne“. Aber auch Leo wiederholt seine Fehler, so belügt er seine Freundin und verheimlicht ihr, dass ihr alter Feind wieder da ist. Sam zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus, um über ihre Beziehung nachzudenken. Schließlich wird sie zurückkehren, um Leo noch eine letzte Chance zu geben.

Warum Grim unbedingt ihm so zusetzt, damit er den Fall des Prostituierten-Mordes noch einmal untersucht, wird Leo erst klar, als er erkennt, dass sein Freund damals selbst an dem Geschehen beteiligt war. Aber welche Rolle hat er gespielt? Gabriel Birck ahnt von den Zusammenhängen nichts, er beteiligt sich eher lustlos an den Recherchen, zumal die Ermittler am eigenen Leib erfahren müssen, wie heikel und schwierig ihre Arbeit gegen Widerstände im eigenen Haus und gegen den Willen der Führungsetage ist. Der Grund hierfür wird klar, als sie erkennen müssen, dass auch mehrere Kollegen offenbar in die Vorgänge verwickelt waren. Je mehr sich Leo und Gabriel in den Fall verbeißen, desto fraglicher wird, ob sie wirklich genug Beweise sammeln können, um den Täter zu überführen. Ihre Verdachtsmomente gründen sich hauptsächlich auf vage Hinweise aus den Archiven, in denen sie eine mühsame Suche nach Spuren aufnehmen, denen die Kollegen seinerzeit nicht nachgegangen sind. Auch wenn sie wenig in der Hand haben, können sie ihre Chefin überzeugen, insgeheim weiterforschen zu dürfen.

Und so studieren sie weiter geduldig die fünf Jahre alten Niederschriften, lesen ein ums andere Mal die Verhör-Protokolle und Befragungsnotizen, schauen sich Aufnahmen vom Tatort an. Akribische, alltägliche Polizeiarbeit also, realistisch dargestellt und entsprechend nüchtern, fast monoton, ohne die ganz große Spannung kommt der Plot daher, ohne mitreißende, fesselnde Szenen kommt die Krimihandlung aus, die zudem immer wieder in den Hintergrund rückt. Das führt dazu, dass der Plot nur mühsam, geradezu lethargisch entwickelt wird und auch der Stil Carlssons passt sich der Grundstimmung an, ist unaufgeregt, langsam, fast ein wenig müde. Es scheint, als fiele dem Autor nicht mehr viel zu seinem Protagonisten ein, der nun über vier Bände hinweg einen weiten Handlungsbogen trägt, der nun sein wohlüberlegtes und wohl folgerichtiges Ende erreicht.

Waren die ersten Romane der Leo-Junker-Reihe noch geprägt von einem Wust an Figuren und Handlungssträngen und damit verbunden mit einem hektischen hin und her zwischen Gegenwart und Vergangenheit sowie ständigen Perspektivwechseln, so konzentriert sich Carlsson diesmal ganz und gar auf Leo und die wenigen Personen, mit denen er im Hier und Jetzt zu tun hat. Wenn Ereignisse aus der Vergangenheit eine Rolle spielen, so sind es Leo oder Grim, die sich daran erinnern und davon erzählen. Für den Kenner der Reihe lässliche Reminiszenzen, für Neueinsteiger eher zu dürftige Informationen über die doch recht komplexen Zusammenhänge. Es empfiehlt sich daher, die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, denn es gibt einen Handlungsbogen, der sich über alle vier Romane hinweg ausbreitet und die Entwicklung der wichtigsten Personen und ihre Beziehung zueinander einschließt. Dies betrifft natürlich vor allem die besondere Verbindung zwischen Leo und Grim, ihr persönliches Drama, das hier etwas nachdenklich, wehmütig, melancholisch erzählt wird. Neben und noch vor der soliden Krimihandlung ist es dieses merkwürdige Verhältnis, das die Substanz dieses abschließenden Bandes ausmacht. Leo versucht, sich über die Verbindung zu seinem Freund Grim klar zu werden, diese merkwürdige, anstrengende und häufig schmerzhafte Beziehung zu verstehen und für sich einzuordnen. Oft genug wurde seine Loyalität auf die Probe gestellt, wurde er hintergangen und die Freundschaft verraten. Ist es möglich, all das zu verdrängen, die Verletzungen zu vergessen, trotz aller Differenzen die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen? Leo träumt von einer harmonischen Zukunft mit Grim, aber er weiß, dass es die nicht geben kann, zu weit haben sie sich voneinander entfernt. Schließlich wird ihm die Entscheidung abgenommen.

Leo Junker , dieser eigenartige, melancholische, manchmal fragwürdige und oft schwierige und problematische Charakter, den ich nie vollständig verstanden habe und selten uneingeschränkt sympathisch fand, ist mir bei diesem letzten Auftritt irgendwie näher als in den vorigen Romanen. Am Ende scheint Leo, der immer auch verunsichert, von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt war, bei sich angekommen zu sein und mit sich im Reinen. Während die vorhergehenden Bücher immer mit einem Fragezeichen endeten, zieht Carlsson diesmal einen klaren Schlussstrich. Das Ende der Geschichte von Leo und Grim ist nicht frei von Tristesse und der Blick auf Leos berufliche wie auch private Perspektive ziemlich pessimistisch und fast resignativ, auch wenn für den Moment fast alles im Lot scheint. Mehr werden wir nicht erfahren, lautet das Resümee.

Mein Fazit für „Zeit der Angst“ lautet: Nicht der stärkste Band der Reihe.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Zeit der Angst | Erschienen am 24. September 2018 im Verlag C. Bertelsmann
ISBN 978-3-570-10344-9
368 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Die Rezensionen zu den vorangestellten drei Teilen Der Turm der toten Seelen (Bd. 1), Schmutziger Schnee (Bd. 2) und Der Lügner und sein Henker (Bd. 3)

Natasha Korsakova | Tödliche Sonate

Natasha Korsakova | Tödliche Sonate

Tödliche Sonate ist der Debütroman der international bekannten Violinistin Natasha Korsakova, welcher in Rom spielt. Der Roman ist eine Mischung aus Kriminalroman und historischer Erzählung über den wohl bekanntesten Geigenbauer – Antonio Stradivari, dessen Instrumente einen Millionenwert darstellen. Man spürt in dem Buch die Begeisterung der Autorin für die Geige, sozusagen „ihrem“ Instrument.

Commissario Di Bernardo ermittelt in dem Mord an der bekannten Musikagentin Cornelia Giordano, die in ihrem Büro brutal niedergestochen wurde. Gefunden wurde sie von ihrer Sekretärin, die das Haus nur kurz für Einkäufe verlassen hatte. Diese erzählt dem Commissario, dass es an dem Abend kurz vor dem Mord einen Streit gab zwischen Cornelia und ihrer Nichte Arabella Giordano, einer bekannten Geigerin. Bei der Befragung von Arabella erfährt Di Bernardo, dass es wohl auch Auseinandersetzungen der Toten mit ihrem jüngeren Sohn Boris gab, der wegen Drogenhandel eine Gefängnisstrafe abgesessen hatte. Im weiteren Verlauf der Handlung ergeben sich weitere Verdächtige – die mächtige Konzertagentin war wohl alles andere als beliebt. Ein Überfall auf Arabella macht die Ermittlungen für Di Bernardo auch nicht einfacher und die Hinweise verdichten sich, dass ein Geheimnis um eine Stradivari eine Rolle spielen könnten.

Die Autorin Natasha Korsakova hat in Ihrem Roman zwei Handlungsstränge verknüpft: die Mordermittlungen in der Jetzt-Zeit und der in der Vergangenheit spielenden, gut ausgedachten Geschichte um eine geheimnisvolle Stradivari. Dies vermittelt einen Einblick in die Welt der berühmten Geigenbauer und sorgt gleichzeitig für die für einen Krimi nötige Spannung. Auch die Personen sind gut gezeichnet, allen voran die des Commissario Di Bernardo (der sich aus Kalabrien nach Rom versetzen ließ, um den blutigen Mafia-Morden zu entgehen). Der Schauplatz Rom plus Umgebung kommt in der Geschichte auch nicht zu kurz, die Atmosphäre ist deutlich zu spüren.

Fazit: Sowohl für Krimifans als auch Musikliebhaber ein Lesevergnügen; ein gelungenes Debüt!

Natasha Korsakova, spielt seit dem fünften Lebensjahr Violine, sie studierte zunächst am Moskauer Konservatorium, später dann auch in Nürnberg und Köln. Bereits in jungen Jahren erhielt sie mehrere Preise, ab 1994 folgten ihre Debüts u. a. an der Berliner und Kölner Philharmonie und dem Leipziger Gewandhausorchester. Auch international wurde sie bekannt, u. a. wurde sie 1998 in Chile als Künstlerin des Jahres ausgezeichnet.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Tödliche Sonate | Erschienen am 8. Oktober 2018 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-42267-4
448 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe