Kategorie: Kurt Schäfer

Christiane Dieckerhoff | Spreewaldrache Bd. 3

Christiane Dieckerhoff | Spreewaldrache Bd. 3

Die Polizeibeamten des Lübbener Reviers finden sich bei einer teambildenden Maßnahme wieder. Ihr Chef hat sie zum Wursten in eine kleine Metzgerei geschickt, die von den Geschwistern Schenker am Rand des Hochwalds direkt am Ufer der Spree geführt wird. Seit PH, sein Vorname ist das bestgehütete Geheimnis des Reviers, einen Lehrgang über Mitarbeiterführung besucht hat, gehören solche Aktionen zu seinem Leitungskonzept, was bei den Untergebenen auf wenig Gegenliebe stößt. Zum Glück muss die aktuelle Unternehmung bald abgebrochen werden, denn ein junger Mann ist niedergeschlagen worden, ausgerechnet Daniel, der Sohn von Jana Schenker. Also nehmen Klaudia Wagner und Frank Demel die Ermittlungen auf.

Daniel ist Spross einer Familie, die früher ebenso wie viele Alteingesessene aus Kahnbauern und -führern bestand, ein Geschäft, aus dem sie nach und nach durch unsaubere Machenschaften der Klingebiels gedrängt wurden. Auch mit kriminellen Methoden? Mario Schenker spricht von Mord, offiziell war der Zwischenfall im Jahr 1993 allerdings ein Unfall, bei dem Daniels Zwillingsbruder ums Leben kam, er verbrannte, als ein Kahnschuppen der Klingebiels abgefackelt wurde. Seitdem herrscht Krieg zwischen den beiden Familien.

Die Beerdigung des alten Klingebiel ist es, die nun die aktuellen Verwicklungen in Gang setzt, weil plötzlich lange verschwundene Familienmitglieder auftauchen und alte Wunden aufbrechen. Warum aber Daniel angegriffen wurde, von wem, warum, niemand weiß es. Auch das Opfer selbst hat keine Ahnung, wer ihn da hinterrücks niederschlug, während er durch das Fenster der Datsche spähte, in der sich sein Vater eingenistet hat. Der heißt Frank Klingebiel und bei der Beerdigung hat er ihn zum ersten Mal gesehen, denn seit 1993 war er abgetaucht, nachdem er ausgerechnet die damals fünfzehn Jahre alte Jana Schenker geschwängert hatte. Nun überrascht ihn Daniel bei einem Rendezvous, aber er kann die Frau nicht erkennen, die da mit ihm zusammen ist.

Daniel gerät überflüssigerweise in den Fokus, er, der eigentlich mit seiner Gehirnerschütterung im Bett liegen sollte, ist ständig präsent und stolpert durch die Geschichte, obwohl er nichts zur Klärung der verwirrenden Umstände beitragen kann. Seine Hauptrolle verdankt er lediglich der Tatsache, dass er den übrigen Figuren als Dialogpartner dient. Bald darauf wird in einer Datsche neben dem ersten Tatort ein Toter entdeckt, erschlagen mit einem Holzscheit. Es handelt sich um einen Obdachlosen, der seit einiger Zeit in der Gegend gesehen wurde. PH fasst die Tatsachen zusammen: „Daniel Schenker ist der Sohn von Frank Klingebiel, welcher der Sohn von Fritz Werheid ist, der wahrscheinlich mit dem gleichen Stück Holz erschlagen worden ist, mit dem auch sein Enkel eins über den Schädel bekommen hat“.

Ja, die Handlung ist sehr unübersichtlich, das verwickelte Personengeflecht zwischen den beiden verfeindeten Sippen klärt sich nur sehr langsam und die wahren Beziehungen und Verwandtschaftsverhältnisse werden nur zögerlich offengelegt, so dass die Lektüre große Aufmerksamkeit erfordert (selbst die Autorin kommt an einer Stelle mit den Namen durcheinander) und ebenso viel Geduld, um dem zähen Plot mit seinen Schleifen und Kehren zu folgen. „Sie wiederholte ihre Gedanken wie ein Mantra“ heißt es an einer Stelle und an anderen „und täglich grüßt das Murmeltier“, und genau dieses Gefühl hat leider der Leser dieser Soap-Opera.

Dabei hat Dieckerhoff eigentlich ein sehr angenehmen, flüssigen, lockeren Schreibstil, gut zu lesen, wenn da nicht ein paar störende Marotten wären. So etwa muss sich der Leser sowohl mit ständigen Handlungssprüngen anfreunden, 78! Kapitel auf knapp 300 Seiten lassen erahnen, wie hektisch hier völlig unnötig die Perspektive gewechselt wird, als auch ermüdende, zum Teil fast wörtliche Wiederholungen ganzer Absätze ertragen und, zu allem Überfluss, sogar Zusammenfassungen zur Erinnerung an das, was bisher geschah. All das lässt nicht wirklich Kontinuität zu.

Mehrere Rückblenden in das Jahr 1993 schildern auch nur das, was wir sowieso schon wissen, und dass Klaudia die alten Akten aus dem Archiv zieht, bringt ebenso keine neuen Erkenntnisse: Es gab ein Feuer, in dem Marco Schenker umkam, und es gab eine Anzeige gegen Frank Klingebiel wegen seines Verhältnisses mit einer Minderjährigen, die aber bald zurückgezogen wurde.

Klaudia erhofft sich Einblicke in das innere Gefüge der Dorfgemeinschaft und die besonderen Verflechtungen und Verwicklungen von Schiebschick, dem alten Fährmann. Er kennt den Ort und seine Menschen wie kein Zweiter, er kennt auch die Geschichte und die Geschichten, weiß von alten Gerüchten und neuen Verdächtigungen, aber er will so recht nicht heraus mit der Sprache. Einige alte Spreewaldbewohner sprechen noch Sorbisch, so auch Schiebschick. Leider kennt er nur ein einziges Wort, er nennt Klaudia penetrant „holca“, was auf Obersorbisch einfach „Mädchen“ bedeutet und Klaudia gar nicht gefällt. Ansonsten beschränkt sich seine individuelle Ausdrucksweise auf die Floskel „wa“, die er an jede zweite Aussage anhängt.

Spreewald-Atmosphäre entsteht lediglich, wenn Klaudia sich mal einen Gurken-Lutki gönnt oder ab und zu ein Babbenbier getrunken wird. Das ist natürlich ein Bisschen wenig Lokalkolorit, die zauberhafte Landschaft (Das Coverfoto gehört mit zum Besten dieses Buchs) wird auch nicht angemessen gewürdigt, Dieckerhoffs Spreewald ist herbstlich, und das heißt bei ihr immer nebelig. Nebelfetzen, die im Wind zerreißen, sind ihre liebste Naturschilderung, man sieht den Wald vor lauter Nebel nicht, leider. Landschaftsmalerei oder Milieustudien, die prächtige Kulisse in Szene zu setzen ist nicht die Sache der Autorin. Und Personenbeschreibung? Über das Äußere der Figuren gibt es nur sehr spärliche oder gar keine Aussagen, so dass sich der Leser sein vollkommen eigenes Bild machen muss. Zu einer der interessantesten und sympathischsten Gestalten des Romans etwa, dem ollen Fährmann, heißt es lediglich, dass er „wässrige Altmänneraugen“ habe, „wasserblaue Altmänneraugen“, einen „tränenden Altmännerblick“ und, wie gesagt, „wässrige Altmänneraugen“. Dieses Bild hält die Autorin für so gelungen, dass sie uns damit ständig auf die Nerven geht.

Und mit einigen anderen haarsträubenden Sprachbildern wie „Das Schweigen breitete seine Schwingen zwischen ihnen aus“, „Die Lüge floss wie ein öliger Film über den Tisch“, „Die Frage platzte wie eine Seifenblase von ihren Lippen“, „Die Erkenntnis fiel ihr wie Schuppen aus den Haaren“, „Er musterte sie wie eine schiefe Fuge“, und so weiter, und so weiter. Schiefe Vergleiche, „platt wie ein Schnitzel“ sagt selbst Dieckerhoff. Höhepunkt: „Der oder die Träger slash in“, der größte Blödsinn, den ich je gehört oder gelesen habe im Bemühen um geschlechtergerechte Ausdrucksweise, und es gibt eine Menge unsinniger, verkrampfter Versuche Genderneutralität zu wahren. Klaudia benutzt diese Formulierung bei einer der regelmäßigen Lagebesprechungen auf dem Revier, bei denen es allerdings ebenso regelmäßig nicht viel zu besprechen gibt, es gibt Erkenntnisse und keine Ergebnisse, die Lage ist bis zur plötzlichen, eher zufälligen Aufklärung reichlich unübersichtlich.

Mehr Wert legt Dieckerhoff auf die Offenlegung des Innenlebens ihrer Figuren, das gelingt viel besser, so dass der Leser einen guten Eindruck vom Charakter der handelnden Personen bekommt. Gefühle werden nach Außen gekehrt, Emotionen wie Verzweiflung, Verbitterung, Liebe, aber auch Feindseligkeit oder gar Hass. Das gegenseitige Misstrauen ist groß, aber ein klares Motiv für die beiden Taten können die Ermittler nicht ausmachen. Klaudia und Demel sind ratlos, drehen sich bei ihren Ermittlungen im Kreis und betreiben blinden Aktionismus statt gesicherten Spuren nachzugehen, besuchen diesen, befragen jenen, reden mit jedem einzelnen und anschließend noch einmal aufs Neue mit allen Beteiligten ohne von irgend jemand irgend etwas zu erfahren. Alle ahnen etwas und alle verschweigen die Wahrheit oder haben Angst vor ihr und so entwickelt sich die Geschichte nicht, sie tritt über viele Kapitel auf der Stelle.

Dazu gibt es immer wieder Kunstpausen, die den Handlungsfaden abschneiden, der erst nach einigen Irrungen und Wirrungen wieder aufgenommen wird, was dem Lesefluss nicht dienlich ist und die Spannung eben nicht steigert. Dieckerhoff unterbricht sogar häufig den Dialog, um ihn nach längeren Einschüben wieder aufzunehmen, auch diese Angewohnheit ist eher anstrengend.

Wer wie ich mit Spreewaldrache, dem dritten Band, in die Serie einsteigt, wird ziemlich spärlich versorgt mit Informationen über persönliche Hintergründe und Entwicklungen der wichtigsten Beteiligten. Wenn schon Andeutungen über Geschehnisse aus der Vergangenheit der Serienfiguren, dann nicht einfach im Raum stehen lassen sondern besser weglassen oder noch besser die Vorgeschichte kurz erläutern und nicht als Rätsel präsentieren. Der Leser muss in diesem Buch ohnedies viel mitdenken oder sich das eine oder andere denken, das nicht gesagt oder geschrieben wird, jedenfalls nicht da, wo es nötig wäre für ein besseres Verständnis des Plots und einen einigermaßen komfortablen Lesefluss. Auch Nebenhandlungen mit aktuellen persönlichen Problemen und familiären Tragödien der Hauptfiguren werden lediglich angesprochen und nicht weitererzählt. Kollege Thang Rudnik fällt in dieser Folge aus, er gibt sich die Schuld am Selbstmordversuch seiner Frau, Klaudias Vater liegt nach einem Schlaganfall auf der Stroke Unit und nach einem Zerwürfnis mit ihrem Kollegen und Vermieter Uwe wird sie wohl nicht mehr mit ihm und seiner Tochter unter einem Dach wohnen.

Das Ende ist unbefriedigend, das Ergebnis offen, es zeigen sich bedauerlicherweise auch logische Schwächen. „Kann sein“ heißt es da oder „möglich“, und tatsächlich, nach allem, was man nun weiß, sind mehrere Szenarien denkbar, auch wenn der Leser schließlich eine Ahnung hat, wie es tatsächlich gewesen ist.

Richtig ärgerlich ist aber zum schlechten Schluss ein Epilog, der völlig überflüssig ist und gar nichts zur Geschichte beiträgt, purer Effekt um neugierig zu machen auf den folgenden Roman um Klaudia, Thang und Demel.
Ich bin darauf überhaupt nicht gespannt!

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Spreewaldrache | Erschienen am 6. April 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-548-28951-9
304 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Viktor Glass | Schüssler und die verschwundenen Mädchen

Viktor Glass | Schüssler und die verschwundenen Mädchen

Ein zeitgeschichtlicher Kriminalroman

In seinem ersten Kriminalroman präsentiert uns Viktor Glass ein außergewöhnliches Ermittlerteam: Der Privat- oder „Geheim“-Polizist Ludwig Schüssler und das Dienstmädchen Caroline Geiger geraten aneinander und versuchen in der Folge gemeinsam, das Rätsel um mehrere verschwundene Frauen zu lösen.

Im Jahr 1890 hat die Industrialisierung einen Höhepunkt erreicht, in Augsburg, einem Zentrum der Textilindustrie, rüsten immer mehr Fabriken auf Kardier- und Spinnmaschinen um, setzen automatische Webstühle, Bleich- und Färbemaschinen ein um teure Handarbeit zu ersetzen. Ganze Berufszweige sterben aus, und bei den begüterten Schichten halten ebenfalls die ersten modernen Geräte und Maschinen Einzug: Staubsauger, automatische Waschkessel und anderes machen Haushaltshilfen überflüssig. Für die entlassenen Dienstmädchen bedeutet das Not, Armut und Verzweiflung und viele treibt es in den Selbstmord.

Eines dieser bedauernswerten Geschöpfe lernen wir im Prolog des Buches kennen, als das Mädchen sich in die Hochwasser führende Wertach stürzen will. Aber ein Kunstmaler entdeckt die junge Frau, er überredet sie, sich gegen Bezahlung von ihm porträtieren zu lassen und rettet so ihr Leben. Wirklich?

Schon das erste der 26 Kapitel von angenehmer Länge bereitet den Leser vor auf die Atmosphäre des Romans, der das Leben in der Stadt an Lech und Wertach, an der Grenze von Altbayern und Schwaben in einer Zeit des Wandels nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges schildert.

Wir lernen Ludwig Schüssler kennen, der seinem täglichen Ritual frönt, dem abendlichen Besuch im „Lahmen Hasen“, wo er sein Bier trinkt, die Tageszeitung studiert und sich eine Virginia gönnt. An diesem Abend wird Schüssler von einem Cheveauxleger angesprochen (ja, im Laufe der Geschichte lernen wir noch einige Begriffe kennen, die längst nicht mehr in Gebrauch sind), einem Angehörigen des königlichen Kavallerieregiments, Augustin Hipp. Er vermisst seine Verlobte Luise Habenicht, ein Hausmädchen, das verschwunden ist und sich seit Tagen nicht gemeldet hat.

Widerstrebend willigt Schüssler ein, sich einmal umzuhören, soweit seine alltäglichen Aufträge ihm die Zeit lassen. Diese Aufträge bekommt er von den Prinzipalen der Kaufläden und Warenhäuser in denen Diebstähle begangen werden, dort arbeitet er als Ladendetektiv. Sein aktueller Fall führt ihn ins Textilhaus Ganghofer, wo er eine verdächtige Frau in der üblichen Dienstbotenkleidung beobachtet. Die bemerkt ihn allerdings und weist den überrumpelten Schüssler in einem Ton zurecht, der ihr als Dienstmädchen nicht zusteht. Wir befinden uns schließlich in einer Zeit, in der Standesdünkel üblich ist und Frauenfeindlichkeit alltäglich, wie einige erschreckende Beispiele noch zeigen werden. Schüssler imponiert die resolute und unerschrocken Frau, mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, die wahren Diebe zu überführen. Die beiden verabreden, künftig bei passender Gelegenheit erneut zusammenzuarbeiten.

Caroline Geiger, so heißt die Frau, ist relativ unabhängig, verantwortlich nur für fünf alte Damen, die sich ihrer Obhut anvertraut haben. Ehemalige Lehrerinnen allesamt, die für ihren Orden als Teil des Schuldienstes bis nach China und Afrika missioniert haben. Ihren Lebensabend verbringen sie nun in einem eigens für sie geschaffenen Stift, eine große ehemalige Bürgerwohnung. Caroline führt ihnen als Angestellte des Ordens den Haushalt und bewohnt auch eines der sieben Zimmer. Wenn es die Umstände erlauben, arbeitet sie auch außer Haus und auf eigene Rechnung, zum Beispiel wenn große Wäsche ansteht oder ein Hausmädchen erkrankt ist. Sie ist selbstbewusst und selbstbestimmt, ihr Erspartes gibt ihr Sicherheit, sie hätte im Fall des Falles keinen Mann nötig wie so viele Frauen, die ihre Arbeit in den bürgerlichen Haushalten verloren haben oder in den Fabriken, die jetzt massenhaft entlassen. Die Augsburg-Münchener Abendzeitung ist voll mit Inseraten von Frauen, die eine Anstellung suchen oder einen Mann, gerne auch einen älteren. Eltern versuchen, ihre Töchter zu verheiraten oder doch wenigstens zu verloben, sobald sie zwölf , dreizehn Jahre geworden sind.

Caroline liebt ihre Unabhängigkeit, ebenso wie Schüssler, der zwar eine dreijährige Ausbildung in der Polizei- und Gendarmerieschule Fürstenfeldbruck absolviert hat, sich dann aber selbstständig machte, mit einigem Erfolg. Die Polizei verfolgt seine Aktivitäten mit Argwohn, aber in der Bevölkerung hat er sich bereits einen guten Ruf erarbeitet, vor allem, seit er ein kleines Mädchen aufspürte, das ihrem Hausmädchen Anna Valentin auf einem Markt ausriss und als vermisst galt. Schüssler fand die Kleine, die sich in einem Keller versteckt hatte. Anna aber wurde entlassen und ist seither verschwunden, das Schicksal der Luise Habenicht offenbar kein Einzelfall. Schüssler will gemeinsam mit Caroline herausfinden, was den Mädchen widerfahren ist, die zufällig aus dem gleichen kleinen Dorf stammen: sind sie auf der Suche nach Arbeit abgewandert, vielleicht zurückgekehrt in ihr Elternhaus, oder sind sie wie so viele ins Wasser gegangen?

Schüssler wird Zeuge, wie sich eine verzweifelte Hausangestellte vor ein Pferdefuhrwerk stürzt, ein Passant hatte vergeblich versucht, das Mädchen zurückzuhalten. Es ist der Stadtbekannte Maler Eginald „Egi“ Berwanger, der hier gerade eine Ausstellung hat: Dort zeigt er „antike Göttinnen“, die, wie Caroline bei näherer Betrachtung feststellt, allesamt junge Mädchen aus Augsburg zum Vorbild haben, vom Künstler unschicklicherweise nackt abgebildet. Diese Modelle können sich fortan in der Stadt nicht mehr sehen lassen, was hat sie dazu bewogen, sich Berwanger so zu präsentieren? Der Maler räumt ein, die jungen Frauen gezielt auf der Straße anzusprechen und mit der Aussicht auf ein großzügiges Honorar in sein Atelier zu locken. Caroline glaubt, dass er sie dort auf irgend eine Art gefügig macht und wahrscheinlich nicht nur porträtiert. Und sie erfährt, nachdem sie sich angeblich als Modell zur Verfügung stellen will, dass Berwanger die Mädchen fotografiert, um dann nach dieser Vorlage seine Kunstwerke zu erschaffen. Was geschieht danach mit ihnen, und was macht der Künstler mit den Fotografien?

In den Brauhäusern der Stadt treibt sich ein Kartenverkäufer um, Hugo Halblaib, ein kleiner Betrüger und gerissener Geschäftemacher, der Touristen Ansichtskarten mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt aufschwatzt, aber nicht nur: Unter der Hand offeriert er seine „speziellen“ Karten, Aktbilder, die vor allem bei Herren aus England reißend Absatz finden. Ja, zu jener Zeit tauchen die ersten Reisegruppen von der Insel auf, organisiertes Sightseeing durch den umtriebigen Pfarrer Thomas Cook. Diese merkwürdigen Touristen beschreibt Glass auf höchst amüsante Art, wie überhaupt seine Art, für unsere heutigen Begriffe eher ungewöhnliche Figuren zu zeichnen, manchmal ausführlich, mitunter eher knapp, aber immer sehr prägnant und präzise, wie etwa den „Mist-Opa“, der auf seinem Bollerwagen Pferdeäpfel von der Straße sammelt und als Dünger verkauft, oder den „Hackepeter“, einen üblen Kerl, der ab und zu in Augsburg auftaucht.

Solche Milieustudien sind ein Vergnügen und ein Gewinn für den Roman. Der ist trotz mancher dem Thema geschuldeten antiquierten Vokabel oder Redewendung modern geschrieben ist, mit Tempo und Witz, und er hat eine absolut spannende Krimihandlung. Erfreulicherweise stellt Glass diesen Plot in den Mittelpunkt seiner Erzählung und überfrachtet sie nicht mit zu vielen historischen Fakten, dennoch gelingt es ihm jederzeit, die besondere Atmosphäre der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende aufleben und erleben zu lassen. Exemplarisch seien hier die packende Schilderung des Arbeitsalltags in einer Dampfwäscherei genannt oder die aufschlussreichen Bemerkungen zu damals herrschenden Zuständen in den Irrenhäusern.

Die beiden Hauptdarsteller sind ein wenig aus dieser Zeit gefallen, man könnte sie sich gut in unserem Umfeld vorstellen, wie sie Jagd auf die Hintermänner illegaler Bordelle macht, in denen junge Frauen aus Osteuropa, mit falschen Versprechungen angelockt und in die Zwangsprostitution getrieben, ihren Peinigern schutz- und wehrlos ausgeliefert sind. Haben die verschwundenen Mädchen in Augsburg ein ähnliches Schicksal erlitten? Ludwig und Caroline machen sich auf den Weg nach Anhausen, um die Spur der Dienstmädchen Luise und Anna zu verfolgen.

Das Kapitel legt eindrücklich Zeugnis davon ab, wie beschwerlich damals selbst eine relativ kurze Reise war und schildert in nachempfindbaren Bildern das elende Leben der verarmten Landbevölkerung. Die beiden Ermittler finden Anna, schwer an der „Englischen Krankheit“ leidend im Haus ihrer Mutter und erfahren erschütternde Einzelheiten über die erbarmungswürdige Leidensgeschichte der verschwundenen Dienstmädchen und einen skrupellosen Verbrecherring. Als sie kurz darauf das schreckliche Geheimnis endgültig lüften können, zeigt sich, dass alles noch viel schlimmer ist als sie es sich vorstellen konnten.

Dieser erste Auftritt des interessanten und sympathischen Ermittlerpaars bietet solide Krimikost, spannende, gute Unterhaltung die leicht zu lesen ist, mit einem klug konstruierten Plot um den herum ein aufschlussreiches Stück Zeitgeschichte gestrickt ist, ebenso angenehm zu lesen, dabei gleichermaßen informativ wie unterhaltsam. Davon gerne mehr!

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Schüssler und die verschwundenen Mädchen | Erschienen am im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-609-6
296 Seiten | 13.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Henrik Siebold | Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder

Henrik Siebold | Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder

Siebold wartet in Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder, dem dritten Roman der Reihe um den japanischen Austauschpolizisten, mit einem mitreißenden und höchst vertrackten Fall auf und präsentiert erneut sein ungewöhnliches und spannendes Ermittlerduo Claudia Harms und Kenjiro Takeda. Das Aufeinandertreffen dieser beiden so unterschiedlichen Charaktere ist schon ein gehöriger Kulturclash, mit allen daraus entstehenden manchmal komischen Missverständnissen und Kontroversen. Dabei kommen die zwei grundsätzlich ausgesprochen gut miteinander klar, sie hegen sogar große Sympathie füreinander und bilden für gewöhnlich ein bestens funktionierendes Team, vor allem wenn sie gemeinsamen dem ungeliebten und unsympathischen weil ungerechten Chef Holger Sauer die Stirn bieten. Manche Eigenheiten oder Eigenarten Takedas nerven Claudia, der wiederum bestaunt und bewundert seine Kollegin für die eine oder andere Verhaltensweise. Darüber hinaus besteht aber ein herzliches Verhältnis zwischen den beiden, die mitunter fast den Eindruck eines Liebespaares vermitteln, und tatsächlich hat jeder für sich schon mit dem Gedanken an ein engeres Verhältnis gespielt, beide wollen aber ihre gute Beziehung nicht durch eine Affäre gefährden.

Im Moment allerdings richtet sich ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den aktuellen Fall, der eigentlich klar zu sein scheint. Am S-Bahnsteig des Dammtor-Bahnhofs ist eine Frau vor den einfahrenden Zug gestürzt, augenscheinlich gestoßen von einem Schüler, der sich mit seiner Klasse auf Exkursion befindet. Simon Kallweit, 17 Jahre alt, gibt die Tat unumwunden zu, außerdem stehen zahlreiche Zeugen zur Verfügung, seine Mitschüler, andere Reisende, ebenso Bilder der Überwachungskamera und etliche Handyfilme, dieses abscheuliche Verbrechen dürfte demnach wohl bald aufgeklärt sein. Aber so einfach ist es nicht: Noch bevor sie den mutmaßlichen Täter vernehmen können, taucht der schmierige Anwalt Lothar Röhler auf, im Schlepptau Simons Eltern. Der alte Kallweit ist Hamburgs Justizsenator, das bedeutet, Claudia und Ken werden bei der Aufklärung eine Menge Fingerpitzengefühl brauchen. Hartmut Kallweit tut den Verdacht, dass sein Sohn ein kaltblütiger Mörder ist, als Unsinn ab und behauptet, dass man ihm persönlich etwas anhängen will um ihn politisch kaltzustellen und seinen Rücktritt zu erzwingen. Auch die Mutter Astrid Kallweit ist von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt und bricht zusammen, als ihr klar wird, dass der vorläufig in Untersuchungshaft bleiben muss.

Die wird allerdings nicht lange andauern. Simon widerruft sein Geständnis und die Zeugenbefragungen bringen kein Ergebnis. Es stellt sich heraus, dass niemand wirklich gesehen hat, wie die Frau gestoßen wurde und auch die Videoaufnahmen zeigen den entscheidenden Moment nicht eindeutig. Also kommt der Verdächtige frei und das Ermittlerteam steht am Beginn langwieriger und schwieriger Untersuchungen. Während sie mühsam versuchen, Beweismaterial zusammenzutragen, geschieht ein weiterer Mord an einem scheinbar zufälligen Opfer. In einem Kino wird ein Besucher während der Spätvorstellung mit einer Drahtschlinge erwürgt. Wieder gibt es keine Augenzeugen, aber diesmal finden Claudia und Ken einen Hinweis auf dem Band einer Überwachungskamera des nahen U-Bahnhofs. Simon Kallweit hat sich zum Tatzeitpunkt in der Nähe des Kinos aufgehalten. Ist er also doch ein Mörder, der zwei willkürlich ausgewählte Opfer auf dem Gewissen hat, plant er womöglich weitere Taten? Claudia glaubt nicht an Zufall, sie hält auch nichts von der Theorie einer Intrige gegen den Senator, obwohl inzwischen klar ist, dass er in einen Bauskandal verwickelt ist.

Nicht nur hier ist die Geschichte sehr realistisch und aktuell, sie thematisiert unter anderem eine Affäre um Flüchtlingsunterkünfte, nimmt Bezug auf Wohnungsnot und Mietwucher und spielt an auf Auswüchse wie die Auto-Raserszene oder die zunehmende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen. Vor allem aber gibt Siebold, der eigentlich Daniel Bielenstein heißt, an dieser Stelle tiefe Einblicke in die hanseatische Politik und ihre Kehrseite, die versteckten Machtstrukturen, die Seilschaften und Netzwerke im Senat und in den Parteien, den Filz und die Intrigen.

Er kennt sich aus, ist Journalist und Wahl-Hamburger seit vielen Jahren, er macht uns auch bekannt mit den vielen Facetten der Stadt, von Alsterdorf bis Poppenbüttel, vom Schanzenviertel zum Ohlsdorfer Friedhof und durch manch anderen Vorort geht die Reise, Siebold lässt keinen Kiez und kein Viertel aus. Aber er setzt nicht nur „sein“ Hamburg mit einer Art Hassliebe in Szene, er ist auch bemüht, den Blick zu öffnen für die japanische Kultur und Lebensart abseits von gängigen Klischees. Mit den Eigenheiten dieser weitgehend fremden Gesellschaft die einen Spagat versucht zwischen Tradition und Fortschritt ist er bestens vertraut, verbrachte einige prägende Jahre seiner Kindheit und Schulzeit in Tokio und beherrscht perfekt Schrift und Sprache des Landes, für das er weiterhin eine große Faszination verspürt und das er regelmäßig besucht. Klar, dass in seinen Krimi an passender Stelle immer wieder einmal japanische Vokabeln und Begriffe einfließen, vor allem, wenn er uns den Menschen Ken, seine Persönlichkeit, sein Wesen näher bringen will. Der Liebhaber teurer Designer-Anzüge ist geschieden, begeht manchmal feierlich die Teezeremonie, beherrscht die Kampfkunst Takeda-ryū und ist häufig schlaflos. Dann geht er hinaus in die Nacht und ans Elbufer, um Jazz zu spielen. Ken ist ein großartiger Saxofonist und tritt manchmal in Hamburger Clubs auf, er hat aber auch Spaß daran, in Karaoke-Bars zu singen. Hin und wieder findet man ihn aber auch in seinem Stammlokal bei einer Flasche Whisky, wenn er das Bedürfnis hat, sich in Stresssituationen oder in Momenten von Heimweh oder Zweifeln zu betrinken.

Und Zweifel tauchen im aktuellen Fall immer häufiger auf, mehr als einmal müssen Claudia und Ken ihre Thesen widerrufen und feststellen, dass sie sich offenbar verrannt haben und ihrer Sache zu sicher waren. So gibt es ein paar Misstöne zwischen den beiden Ermittlern, denn während Ken mehr denn je das Gefühl hat, dass sie bei Simon auf der richtigen Fährte sind, verfolgt Claudia andere mögliche Spuren. Beide versuchen in immer neuen Ansätzen, ihre unterschiedlichen Theorien zu untermauern und erleben dabei, wie sich ein ums andere Mal die Dinge nicht so entwickeln, wie es zu erwarten war. Der Plot wartet mit etlichen überraschenden Kehrtwendungen auf und die Ermittler bleiben mehrmals irritiert und ratlos zurück. Ken versucht in intensiven Gesprächen Simon aus der Reserve zu locken und lernt dabei einen hochintelligenten, aber undurchschaubaren Jungen kennen, von dem man nie weiß, wann er lügt und wann er die Wahrheit sagt. Ganz sicher aber verbirgt er etwas, auch wenn er sich dem Japaner, für den er offensichtlich Sympathien hegt, ein wenig geöffnet hat. Mit einer rätselhaften Bemerkung allerdings weiß Ken zunächst nichts anzufangen: „Ore wa Ghouru da!“, „Ich bin ein Ghoul!“ erklärt ihm der Junge.

Ghoule sind eine Mischung aus Zombie und Vampir, die Menschen töten, um sich von deren Fleisch zu ernähren, sie manchmal aber auch aus purer Mordlust umbringen. Tokyo Ghoul ist ein Manga, dessen Hauptfigur Ken Kaneki ist, ein junger Student, der durch einen Unfall in einen Halb-Ghoul verwandelt wird und fortan mordet. Dabei ist er eigentlich ein nachdenklicher Einzelgänger, der sich für Literatur interessiert und mit dem sich viele Teenager identifizieren können. Manga können dazu führen, dass sich junge Leser völlig von der Außenwelt abwenden und nur noch in der Welt der Zeichengeschichte leben, dabei den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Sollte das auch bei Simon der Fall sein?

Bis dieses Rätsel gelöst wird und der Roman ein überraschendes aber durchaus passendes Ende findet, erfahren wir noch eine Menge mehr über eher unbekannte japanische Zustände wie auch über deutsche Befindlichkeiten. Dieser sehr aktuelle Krimi wirkt nur zu Beginn etwas betulich, erweist sich dann aber als „moderner“ Roman mit viel Tempo, clever erdacht und hervorragend erzählt. Daneben gibt es immer wieder auch eher ruhige, nachdenkliche, fast meditative Sequenzen. Für die sorgt in der Regel der tiefgründige, fast philosophische Ken, aber manchmal scheint es, als ob seine japanische Lebensart auch auf Claudia bereits abfärbt. Das Thema lässt wenig Raum für Scherze, aber wenn es ab und zu witzig wird, ist der Humor absolut treffend. Dabei sorgt vor allem Kens häufig überraschendes, unvorhersehbares Verhalten für ungewollte Komik. Es gibt wenig auszusetzen an diesem Roman, der auch dank der ständigen Kehren und Wenden bis zum Schluss die Spannung hält, daher für diesen Fall des Japanischen Inspektors fünf Sterne.

 

Rezension und Foto Kurt Schäfer.

Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder | Erschienen am 13. April 2018 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-7466-3385-5
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Åke Holmberg | Privatdetektiv Tiegelmann

Åke Holmberg | Privatdetektiv Tiegelmann

Privatdetektiv Teffan Tiegelmann hat sein Büro an der Hauptstraße der großen Stadt mitten im Geschäftsviertel, was natürlich günstig ist für sein Gewerbe. Aber die Geschäfte laufen schlecht, nie erhält er einen Auftrag, und wenn es an der Tür klingelt, ist es zumeist ein Hausierer, der Schuhriemen verkaufen will. Dabei ist Tiegelmann, ein unscheinbarer Mann, klein und mager, aber mit scharfem Profil, das wegen der großen, schmalen Nase einem Habicht gleicht, der geschickteste Detektiv im ganzen Land. Scharfsinnig und kühn wie kein zweiter, der mit Vorliebe die gefährlichsten Aufträge übernähme, wenn er denn beauftragt würde. Aber niemand weiß, wie geschickt Teffan Tiegelmann handeln kann, das weiß nur er selbst.

Obwohl er nie etwas zu tun hat, scheint er immer sehr beschäftigt, wenn zufällig ein Besucher in seinem Büro auftaucht, so als sei er förmlich mit gefährlichen Aufträgen überhäuft. Das liegt daran, dass im Nebenzimmer seine Sekretärin sitzt, die unablässig das Telefon in Gang hält. Fräulein Hanselmeier (Fröken Jansson) ist eine ältere, grauhaarige, sehr verlässliche Dame, die ständig Topflappen häkelt. Sobald jemand bei Tiegelmann eintritt, läutet das Telefon in einem fort, und der Besucher hört etwa: „Hallo. Ja, ist gut! Aber merkt euch: Die Pitolen nur im Notfall anwenden!“

Unser Meisterdetektiv heißt eigentlich Stephan Siegelmann, aber das kann er nicht aussprechen, er stößt nämlich mit der Zunge an, der S-Laut glückt ihm nicht. Deshalb hat er seinen Namen geändert und dies amtlich bestätigen lassen. Er kann übrigens auch nicht „Sahnetörtchen“ sagen, dabei sind die „Tahnetörtchen“ aus der „Konditorei Roda“ sein Lieblingsnaschwerk: groß, gerade richtig braun und mit viel Sahne, die nach allen Seiten überquillt. Leider ist die Konditorei Rosa die einzige im Land, die diese Törtchen das ganze Jahr anbietet, sonst bekommt man sie nur zur Fastenzeit. Deshalb führt Tiegelmann, wenn er die Hauptstadt verlässt, immer genügend davon in einer großen Kuchenschachtel mit sich.

Und schon bald soll er wirklich aufbrechen, nach Preißelbeerkirchen. Denn hier treiben zwei Erzgauner ihr Unwesen, der berüchtigte Wilhelm Wiesel (Ville Vessla)und sein Kompagnon, ein Grobian und Vielfraß genannt der Ochse (Oxen). Eben haben sie den Fräuleins Friederike und Friedlinde Friedborn (Fredericksson), die hier in der Villa Friedrichsruh wohnen, einen Erpresserbrief geschrieben. 3000 Mark sollen sie in einer hohlen Eiche deponieren, sonst könnte etwas geschehen, es sei vorgekommen, dass eine ganze Villa in die Luft flog. Da trifft es sich gut, dass in seinem Büro ein Herr Omar auftaucht, ein Orientale, der ihm einen fliegenden Teppich verkauft. Nun kann er sich sofort aufmachen, um die beiden Verbrecher unschädlich zu machen und die Fräuleins sowie ihre zwei Nichten und zwei Neffen, die jeden Sommer ihre Ferien bei den Tanten verbringen, zu schützen.

Tiegelmann sieht schon die Schlagzeilen vor sich: „Wiesel in dem Städtchen Preißelbeerkirchen festgenommen!
Phantastische Verbrecherjagd T. Tiegelmanns.“

Und zum guten Schluss kommt es natürlich genau so. Mit Hilfe der vier Kinder und „Onkel“ Tiegelmanns unfehlbarem Plan gelingt es schließlich, die Ganoven zu fangen. Das geschieht auf kindgerechte Weise, aber auf erstaunlich hohem Niveau, die sprachliche und stilistische Qualität und Originalität der Geschichten konnte sicher auch Erwachsenen Freude bereiten. Heute mutet manches etwas verstaubt und unzeitgemäß an, Tiegelmann ist sicher kein Superheld und von heutigen Fantasy- oder Actionstories sind seine Abenteuer natürlich Welten entfernt. Bei Holmberg geht es stattdessen ab und an märchenhaft zu, man denke nur an den fliegenden Teppich, und die Personen treten so auf, wie man es für die fünfziger Jahre in einem Kinderbuch erwarten darf. Der Detektiv mit falschen Bärten und allerlei Verkleidungen, die Kinder gewitzt und vorwitzig, die Fräuleins altjüngferlich und die Ganoven – na ja, Mord und Totschlag wird man vergeblich suchen, wenn Ochse dem Mädchen ein Bein stellt und die Nichte sich das Knie aufschlägt, ist das schon schlimm genug.

Holmberg fabuliert immer mit einem Augenzwinkern, humorvoll, mit vielen witzigen Einfällen und Formulierungen. Der stets schlecht gelaunte Wiesel knurrt an einer Stelle: „Ich esse nie auf nüchternen Magen!“ Das könnte in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen werden, wie auch der Begriff „Temlor“ inzwischen durchhaus geläufig ist, und des berühmte „Använd Pitolerna bara i nödfall!“ wird immer noch häufig noch als Scherz gebraucht. Als Holmberg die Bücher schrieb, legte man offensichtlich noch viel Wert auf eine gewählte und kultivierte Ausdrucksweise, dabei gelingt es Holmberg perfekt, seinen unterschiedlichen Figuren entsprechend Alter und Herkunft ihre Sprache in den Mund zu legen, mitunter mit Äußerungen, die heute nicht mehr gebräuchlich, jüngeren wahrscheinlich gar nicht mehr geläufig sind.

Man darf die Geschichten also nicht allzu ernst nehmen, aber sie sind eine amüsante, höchst unterhaltsame Lektüre, die mir auch nach mehr als fünfzig Jahren noch Spaß gemacht hat. Meine drei Abenteuer aus der Sonderausgabe des Tosa-Verlages, im Original 1948, 1949, 1950 erschienen, entsprechen den drei ersten Büchern Holmbergs: „Privatdetektiv Tiegelmann“, „Teffan Tiegelmann in der Wüste“ und „Teffan Tiegelmann in London“. Das Buch stammt wohl aus dem Jahr 1960, ist von Ida Clemenz übersetzt und von Ulrik Schramm durchgehend illustriert, angelehnt an die Originalzeichnungen von Sven Hemmel. Bis in die achtziger Jahre gab es noch Neuauflagen verschiedener Verlage, in späten Veröffentlichungen bei Arena hieß der Detektiv auch in der Übersetzung Ture Sventon. Heute gibt es leider nur noch antiquarische Exemplare, ich habe mir gleich den zweiten Sonderband von Tosa gesichert, „Die neuen Abenteuer des Teffan Tiegelmann“.

In seiner Heimat ist Ture Sventon heute noch populär und die neun Detektivromane von Åke Holmberg erleben ständig neue Auflagen. Mit einer Ausnahme: Das Buch „Ture Sventon i London“ erscheint vorläufig nicht mehr. Auch in Schweden gab es eine Diskussion um Ausdrücke in den alten Geschichten, die heute verpönt sind, in diesem Fall das Wort „Neger“. Es sollte ersetzt werden durch eine politisch korrekte Formulierung, wie es ja auch schon Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ erleben musste. In diesem Fall allerdings weigerten sich die Rechteinhaber, Holmbergs Werk zu verändern. Ansonsten geht Tiegelmann mit der Zeit: Seit 2012 gibt es seine Abenteuer auch als E-book.

1989 war Ture Sventon der Held einer TV-Serie für den berühmten „Julskalendrarna“, den Adventskalender des schwedischen Senders SVT, eine Tradition seit 1960, bei der in der Vorweihnachtszeit jeden Tag bis zum 24. Dezember ein Türchen geöffnet wird. In jenem Jahr befanden sich dahinter jeweils Illustrationen von Sven Hemmel aus den Ture-Sventon-Büchern, die einzelnen zwanzig Minuten langen Filmchen zeigten Abenteuer aus den Büchern „Ture Sventon, Privatdetektiv“, „Ture Sventon in der Wüste“, Ture Sventon in London“ und „Ture Sventon in Stockholm“.

Zuvor gab es bereits 1972 eine erste Verfilmung von „Ture Sventon, Privatdetektiv“ von Pelle Berglund mit Karl Julle in der Hauptrolle. In der Fernsehserie wie auch im Film „Ture Sventon und der Fall Isabella“ von 1991 spielte Helge Skoog den Privatdetektiv.

Der Zeichner und Illustrator Sven Hemmel schuf auch Cartoons von Ture Sventons Abenteuern, die zwischen 1968 und 1975 in der „Berner Post“ erschienen. Die ersten drei Abenteuer wurden auch in „Husmodern“ veröffentlicht, einer lange Zeit sehr beliebten Frauenzeitschrift.

Das erste Buch erschien 1974 auch als Langspielplatte und auf Kassette, Jan Nygren verlieh hier dem Detektiv seine Stimme. Und 2005 wurde eine Hörspielversion von „Ture Sventon in der Wüste“ ausgestrahlt, mit Johan Rabaeus und Rikard Wolff als Sventon und Herr Omar. „Ture Sventon in Stockholm“ wurde 2009 sogar für die Bühne bearbeitet.

Von 1999 bis 2008 wurde Vom Svenska Barnboks Institut für Kinder und Jugendliteratur auf der Buch- und Bibliotheksmesse Göteborg der „Temmelburken“ (offiziell Ture Sventon priset) verliehen, ein Kulturpreis für Kinder- und Jugendbuch-Autoren, der nach der Keksdose benannt war, in welcher der Detektiv seine Temlor (oder Tahnetörtchen) transportierte. Unter anderem bekam Cornelia Funke den Preis im Jahre 2002, und Åke Holmberg selbst (der 1991 verstarb) wurde er 2007 posthum verliehen.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

 

Privatdetektiv Tiegelmann | Erstveröffentlichung 1948
Die gelesene Ausgabe erschien 1963 im Tosa Verlag
173 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17specials Kinder- und Jugendkrimis.

Alexander Oetker | Château Mort

Alexander Oetker | Château Mort

Ein Krimi aus dem Médoc und aus Saint-Émilion.

Château Mort knüpft fast nahtlos an den Erstling aus dem vergangenen Jahr an, in Retour hatten Commissaire Luc Verlain und seine von ihm angehimmelte Kollegin Anouk Filipetti den Mord an einem jungen Mädchen aufgeklärt. Am folgenden Tag war Anouk nach Venedig aufgebrochen, wegen eines Trauerfalles, mehr wusste Luc nicht. Nun sind zwei Monate vergangen und per SMS kündigt sie Luc ihre Rückkehr für den kommenden Tag an. Der ist voller Vorfreude und macht seinen Freund Yacine neugierig auf die Frau, wegen der schlaflose Nächte hatte.

Yacine Zitouna, Sohn algerischer Einwanderer, wurde von Luc von der Straße weg in die Polizeiausbildung geholt, mittlerweile ist er Capitaine de Police bei der Pariser Mordbrigade, Lucs Kollege. Der hat sich gerade nach Bordeuax versetzen lassen, um bei seinem todkranken Vater sein zu können, den er gerade in einen Kurort zur Erholung gebracht hat. In diesem zweiten Roman Oetkers spielt er leider überhaupt keine Rolle. Ebenso übrigens wie Lucs baskischer Kollege Etxeberria, mit dem gemeinsam er die Brigade Criminelle Aquitaine leiten soll, solange er in Bordeaux ist. Wollte er anfangs lieber heute als morgen zurück in die Hauptstadt, so ist er inzwischen hin- und hergerissen zwischen seinem Alltag in der geliebten, quirligen Metropole und der Schönheit der Landschaften und dem ruhigen und guten Leben im Südwesten Frankreichs, wo er in einem kleinen Ort am Meer aufwuchs.

Yacine ist gerade zu einem kurzen Besuch über das Wochenende eingetroffen, um der Großstadt für ein paar Tage zu entfliehen, die wie ganz Frankreich unter einer Rekord-Hitzewelle stöhnt, und das Anfang September. Er will mit Luc in dessen Strandhütte, der Cabane seines Vaters, einem früherer Austernfischer, ein wenig entschleunigen, bei viel Bier und Wein, guten Gesprächen und noch besserem Essen. Die beiden lassen es tatsächlich gehörig krachen, mit den ersten Zeilen des Buches wachen sie mit einem Brummschädel am Strand auf. Dennoch müssen sie ran, die Polizisten haben sich als Freiwillige zur Verfügung gestellt, um als Streckenposten beim berühmten Marathon du Médoc zu fungieren, einem Riesenspektakel, bei dem rund 7500 Läufer auf die Strecke gehen, zum großen Teil in abenteuerlichen Kostümen und Verkleidungen. Der Kurs führt rund um Pauillac, vorbei an den schönsten Weinschlössern des Gebietes, und nicht nur daran vorbei: Die Läufer bekommen an den Verpflegungsständen vor den Châteaux tatsächlich Rotwein, wenn auch nur eine Probe in kleinen Bechern.

Am Vorabend des Ereignisses findet traditionell ein Nudelessen mir 1500 geladenen Gästen statt, das „Dinner Mille Pâtes“. Dieses Jahr richtet Lucs alter Freund, der Winzer Richard das Fest aus, und er bittet ihn, bei dieser Gelegenheit einem Konkurrenten auf den Zahn zu fühlen: Hubert de Langeville, ein alter, sehr renommierter Winzer, der sich zur Ruhe setzen will. Richard hat vor, dessen kleines Château in Saint-Émilion zu erwerben. Aber es kommt ganz anders, das fast schon perfekte Geschäft platzt, Hubert scheint im Gegenteil plötzlich expandieren zu wollen. Aber das Châtau Bordas, auf das er ein Auge geworfen hat, reizt offenbar auch andere Interessenten. Hubert, der sich prächtig mit Luc versteht, verspricht ihm, die Hintergründe am kommenden Tag nach dem Marathon zu erläutern. Dazu wird es allerdings nicht mehr kommen, denn während des Laufes passiert Dramatisches. Als Luc und Yacine am Stand von Richard eine Pause machen, gesellt sich plötzlich Anouk zu ihnen, die endlich zurück ist. Die Wiedersehensfreude ist groß, wird aber schnell getrübt: Nicht weit entfernt sind etliche Läufer kollabiert, aber nicht aufgrund der enormen Hitze. Der sous-préfet des Départements kann gerade noch wiederbelebt werden, für einen anderen kommt jede Hilfe zu spät. Es ist Hubert de Langeville.

Vergiftet mit einem Medikament, das offenbar in den Wein gemischt wurde, der als Probe an die Läufer ausgeschenkt wurde – ausgerechnet am Château von Richard! Und das aufgrund einer chronischen Krankheit Hubert zum Verhängnis wurde. Wer wusste von dieser Krankheit? Wer hatte ein Interesse an seinem Tod? Jetzt beginnen die verzwickten Ermittlungen, die sich nicht nur als schwierig herausstellen, sondern zuweilen auch heikel und delikat sind. Während Yacine zurück in sein Pariser Kommissariat muss, nehmen Luc und Anouk ihre bewährte Teamarbeit auf. Und geraten diesmal gehörig aneinander. Denn während immer mehr Indizien auf Richard, Lucs alten Freund hinweisen, weigert sich der, den Tatsachen ins Auge zu sehen und ermittelt fast im Alleingang in andere Richtungen. Ganz klassisch mit viel „Laufarbeit“ (Luc fährt einen alten Jaguar), mit Gesprächen, Befragungen, Verhören.

Wobei die Dialoge durchaus noch etwas lebendiger, abwechslungsreicher sein könnten. Wenn Oetker allerdings ins Erzählen gerät, zeigt sich seine Stärke mit wunderbar leichten, legeren Beschreibungen von Land und Leuten, der Besonderheiten in den Weinbauregionen um Bordeaux, ihrer sehr eigenen Schlossbesitzer, der Einwohner in den kleinen Städtchen, all das gelingt ihm so fließend, so flott, dass man die Seiten förmlich überfliegen kann. Wer sich ein wenig interessiert für die Welt der Winzer, den Weinanbau und -Handel, für die Entstehung der Cuvées und Gand Crus, der kommt auf seine Kosten bei einem Blick hinter die Kulissen der Branche – inklusive einer Schlossführung mit Weinprobe für Touristen, die fast schon eine Parodie ist. Wer „nur“ einen soliden Krimi erwartet, ist möglicherweise ein wenig enttäuscht, dafür ist Oetker an vielen Stellen zu ausführlich und genau, er hält sich gern an Einzelheiten auf. Besonders rückt er Lucs Liebesleben in den Mittelpunkt, der Frauenheld ist nämlich nicht nur verrückt nach Anouk, er hat noch zwei andere Eisen im Feuer, eine etwas fragwürdige Haltung, aber irgendwie nimmt man sie dem charmanten, sympathischen Kerl nicht übel.

Darüber plätschert der Mordfall eine Zeitlang dahin, Luc kommt der Lösung einfach nicht näher, zu viele mögliche Täter, zu viele offene Fragen. Der Filialleiter der Crédit Agricole weiß einiges, will aber nichts sagen, die Apothekerin verkörpert praktisch die Nachrichtenzentrale des Ortes, weiß aber nicht genug, was der Arzt weiß, lässt sich zunächst nicht prüfen, er ist verschwunden. Und manch einer weiß angeblich gar nichts. Lucs Ermittlungen sind langwierig aber nicht langweilig, so dass der Leser nicht ungeduldig wird, denn es bleibt jederzeit unterhaltsam. Auch weil wir es mit einem sehr geschickt zusammengestellten Personal zu tun haben. Die interessanten, faszinierenden Figuren sind allesamt sehr lebendig, greifbar, echte Typen, die zum Teil sehr grob geschnitzt, ein wenig überzeichnet und doch absolut echt sind, zum anderen aber treten Akteure auf, die durch eine sehr feine und empfindsame Ausgestaltung und Charakterisierung anziehen.

Der Aufbau des Romans gleicht dem Debüt, 54 Kapitel spiegeln die Ereignisse zwischen Vendredi, Freitag bis zum Sonntag der kommenden Woche, Dimanche. Eine recht kurze Zeitspanne, in der auch nicht sehr viel passiert, ein Mord und recht zähe Ermittlungen, ansonsten viel Privates und Persönliches, auch Pikantes und Peinliches aus der feineren Gesellschaft. Ja, Luc und seine Mitstreiter verteilen wieder Seitenhiebe auf die Politiker und die Politik, auf die Eliten und die sogenannte High-Society. Das macht Spaß und lockert den raffinierten, nicht so leicht zu durchschauenden Plot auf, der schließlich noch sehr spannend wird bis Luc endlich ein Licht aufgeht und die etwas überraschende Aufklärung des Falles gelingt. Ein paar Rätsel bleiben aber und werden wohl im kommenden Jahr in Oetkers nächstem Krimi gelöst. Dann erfahren wir auch, wie es weitergeht mit Luc und seinen Frauen,

Auch diesmal haben mir das Cover und vor allem die schönen Karten auf den Innenseiten des Einbands gefallen, wobei ausgerechnet hier ein fataler Rechtschreibfehler zu beklagen ist. Der zweite Roman von Alexander Oetker ist für mich eine Steigerung!

Anmerkung: In diesem Jahr findet der 34. Marathon du Médoc am Samstag, den 8. September 2018 unter dem Motto: „La Fête Foraine“ (Ein Jahrmarkt) statt.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Château Mort | Erschienen am 14. März 2018 bei Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-00076-4
336 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Kurts Rezension zum 1. Band der Reihe Retour.

6. Mai 2018