Kategorie: Gunnar Wolters

Richard Stark | The Hunter

Richard Stark | The Hunter

Er wollte nicht, dass Mal wusste, dass er am Leben war. Er wollte nicht, dass Mal Schiss kriegte und abhaute. Er wollte ihn entspannt und zufrieden, wie einen fetten Kater. Er wollte, dass er einfach nur dasaß, grinste und auf Parkers Hände wartete. (Auszug Seite 56)

Parker ist ein Spezialist für Brüche und Raubüberfälle, ein absoluter Profi, der mit wechselnden Partnern zusammenarbeitet. Bei seinem letzten Coup wurde er allerdings von seiner Frau Lynn und seinem Partner Mal Resnick getäuscht. Parker wird niedergeschossen und zurückgelassen in der Annahme, er sei tot. Doch er überlebt, bricht aus dem Gefängnis aus und schlägt sich bis nach New York durch – die Zeit der Abrechnung ist gekommen.

1962 erschien The Hunter und Autor Donald E. Westlake (unter dem Pseudonym Richard Stark) kreierte damit eine der bemerkenswertesten Gangsterfiguren. Parker ist kein smarter Räuber oder ein sonstiger Gangster, mit dem man sympathisieren kann. Im Gegenteil: Parker ist ein knallharter Schuft, ein Profiverbrecher, der auch vor Mord nicht zurückschreckt (dies in der Regel aber vermeidet). Parker ist ein Einzelgänger, der eiskalt seine Pläne durchzieht, ohne Kompromisse und ohne Gewissensbisse. Er ist wortkarg, sucht keinen Anschluss, arbeitet nur bei irgendwelchen Coups mit anderen zusammen. In der Zusammenarbeit verhält er sich dann loyal, wird er allerdings hintergangen (was häufig vorkommt), wird er unbarmherzig.

Das interessante an der Figur Parker ist aber, dass der Autor ihn nicht als Psychopathen beschreibt, sondern Parkers Empathie- und Gnadenlosigkeit irgendwie konsequent in der ihn umgebenden Welt wirkt. Parkers Vorname wird übrigens in der ganzen Serie nie erwähnt, Westlake selbst wird zitiert: „I don’t know what the hell it would be, maybe Frank.“

Anders als in weiteren Romanen beginnt der erste Auftritt von Parker nicht mit einem Coup. Der raffinierte Überfall ist schon erledigt, doch endet für Parker anders als geplant. Der Leser erfährt in Rückblenden von den Einzelheiten. Der Verrat nagt an Parker, er bricht sogar aus der kurzen Haft (wegen Landstreicherei) aus und tötet dabei einen Wärter, um sich auf den Weg machen zu können. Er trifft zunächst auf Lynn, seine Frau, die sich aus Angst und Resignation mit Schlaftabletten umbringt. Dann ist Mal Resnick sein nächstes Ziel, von ihm will er sich nicht nur seinen Anteil holen, diesen Mann will er töten. Doch Resnick gehört zum Syndikat, der mafiösen Verbrecherorganisation. Ein Angriff auf ihn fordert gleichzeitig das Syndikat heraus. Doch Parker ist zu allem entschlossen.

The Hunter ist ein hartgesottener Gangsterroman, der einen radikalen Rachefeldzug beschreibt. Der Plot ist also nicht allzu komplex und die Figuren bleiben zugegeben eher etwas oberflächlich, selbst Parker gibt nicht viel von sich preis. Doch dieser Roman hat einen Sound, dem man sich auch heute noch kaum entziehen kann. Eine stetige, knisternde Spannung liegt in der Luft, der Stil ist knapp und lakonisch, die Dialoge aufs Nötigste beschränkt. Einfach wie aus einem Guss geschrieben, ein wahrlich zeitloser Klassiker.

Richard Stark alias Donald E. Westlake war ein richtiger Vielschreiber, auch unter verschiedenen Pseudonymen. Sehr bekannt sind sicherlich auch seine Romane mit dem Meisterdieb John Archibald Dortmunder. Westlake schrieb insgesamt 24 Parker-Romane. Zunächst 16 zwischen 1962 und 1974. Mehr als zwanzig Jahre später meldete sich Parker 1997 passenderweise mit dem Titel „Comeback“ zurück, weitere sieben Romane folgten bis zum Tod Westlakes 2009. Während die Romane der letzten Phase noch verfügbar sind, sind die anderen Romane schon lange vergriffen. Sie erschienen Ende der 1960er und in den 1970ern überwiegend im Ullstein Verlag in teilweise gekürzter oder veränderter Übersetzung. 2015 erschien dann dieser erste Roman in neuer vollständiger Übersetzung von Nikolaus Stingl im Zsolnay Verlag. Leider war dies nicht der Auftakt zu einer vollständigen Wiederveröffentlichung der Reihe. Aber die Hoffnung bleibt, dass sich vielleicht nochmal einer den älteren Bände annimmt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

The Hunter | Erstmals erschienen 1962
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 20. Juli 2018 bei dtv
ISBN 978-3-
192 Seiten | 9.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Giorgio Scerbanenco | Das Mädchen aus Mailand

Giorgio Scerbanenco | Das Mädchen aus Mailand

Er ging ohne zu antworten. Sie hatten ja recht, aber sie verstanden ihn nicht. Sie mussten das Gesetz befolgen, und manchmal ist das Gesetz merkwürdig, es begünstigt den Verbrecher und bindet dem Ehrlichen die Hände. (Auszug Seite 170)

Der ehemalige Arzt Duca Lamberti erhält nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis einen Auftrag, Davide, den Sohn eines Industriellen, von dessen Alkoholsucht zu kurieren. Nach kurzer Zeit offenbart Davide den Grund seiner Alkoholsucht und Depression: Er fühlt sich schuldig am Selbstmord der Verkäuferin Alberta vor knapp einem Jahr. Doch Alberta hat Davide einen Gegenstand hinterlassen, der Lamberti stutzig macht und an einem Selbstmord zweifeln lässt.

Damals hatte Davide die junge Frau in Mailand aufgegabelt, um gegen Bezahlung mit ihr einen Abend zu verbringen und war mit ihr aus der Stadt gefahren. Doch auf der Rückfahrt fühlt sich Davide plötzlich von ihr bedrängt, als sie ihn beschwört, mit ihr wegzufahren und nicht nach Mailand zurückzukehren. In einem Vorort wirft er sie quasi aus dem Wagen, dort wird sie wenig später mit aufgeschnittenen Pulsadern aufgefunden. Doch sie hatte etwas in Davides Wagen verloren: Ein Taschentuch und einen kleinen metallenen Gegenstand, den erst Lamberti als Film einer Minox-Kamera identifiziert. Auf dem Film sind Nacktfotos von Alberta und einem weiteren Mädchen. Ein Indiz für einen womöglich anderen Ablauf als einen Selbstmord?

Es ist doch immer wieder bemerkenswert, wie groß die weißen Flecken in meiner Krimibibliothek sind. Gerade was die Klassiker betrifft, muss ich immer wieder eingestehen, dass ich vielleicht den Namen des Buches oder des Autors oder der Autorin kenne, aber es noch nicht gelesen habe. Von Giorgio Scerbanenco hatte ich sogar noch gar nichts gehört. Eigentlich ein Frevel, ist doch nach ihm der „Premio Giorgio Scerbanenco“, der wichtigste italienische Krimipreis benannt.

Der Autor kam 1911 als Sohn einer Italienerin und eines Ukrainers in Kiew zu Welt. Nachdem sein Vater während der Russischen Revolution ums Leben kommt, zieht er mit seiner Mutter endgültig nach Italien. Nach vielen Gelegenheitsjobs erhält er schließlich einen Job in einem Mailänder Verlagshaus. Auch erste Erzählungen von ihm werden abgedruckt. Nach dem 2.Weltkrieg beginnt seine produktivste Zeit, er schrieb zahlreiche Romane in verschiedenen Genres, hunderte Erzählungen und war Redakteur bei Frauenzeitschriften. Dennoch gilt er als „Vater des italienischen Krimis“. Den Grund erläutert Richter und Autor Giancarlo de Cataldo (unter anderem „Romanzo Criminale“, Suburra“) im interessanten Nachwort. Mitte der 1960er Jahre war der italienische Kriminalroman auf dem absoluten Tiefpunkt, galt als minderwertig. Es wurden nahezu ausschließlich ausländische Krimis verlegt, sogar in Krimis wie der Reihe um das „87. Polizeirevier“ von Ed McBain wurden italoamerikanische Namen verändert. Dann wurde 1966 mit Das Mädchen aus Mailand der erste Roman um Duca Lamberti veröffntlicht und ein großer Erfolg in allen Leserschichten. Dies gilt als Wendepunkt für den italienischen Krimi. Vier Romane um Duca Lamberti veröffentlichte Scerbanenco bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1969.

Im Gefängnis hatte er gelernt, keine Worte zu verschwenden. Im Prozess, als die Nichte von Signora Maldrigati weinte und jammerte, dass ihre Tante umgebracht worden sei, aber mit keinem Wort die Millionen erwähnte, die sie von ebendieser Tante geerbt hatte, wollte er reden, doch sein Verteidiger hatte ihm fast mit Tränen in den Augen zugeflüstert, er solle bloß nichts sagen, nicht ein einziges Wort, denn sonst hätte er die Wahrheit gesagt, und die Wahrheit ist der Tod; alles darf man sagen, bloß nicht die Wahrheit. Nicht vor Gericht. Nicht in einem Prozess. Und auch nicht im Leben. (Seite 9)

Auf diese Weise führt der Autor den ehemaligen Arzt Duca Lamberti als seinen Protagonisten ein. Lamberti ist ein desillusionierter Mann, der wegen Mordes im Gefängnis saß und seine Approbation verlor, dabei handelte es sich mehr oder weniger um Sterbehilfe. Nun ist seine Karriere ruiniert, aber er hat Verpflichtungen, denn es gilt, seine Schwester und seine kleine Nichte finanziell über Wasser zu halten. Sein Vater war einfacher Polizist, dadurch hat er Kontakte zur Polizei und ein freundschaftliches Verhältnis zu Inspektor Carrua, der ihm Aufträge vermittelt.

Lamberti ist ein einsamer, ruppiger Kerl, der angesichts von Ungerechtigkeit und Verbrechen Sarkasmus, Zorn und einen Drang entwickelt, die Verhältnisse zu bekämpfen. Er wird zu einem Mann, der das Recht zur Not selbst in die Hand nimmt. Lamberti ist also bei weitem kein weißer Ritter, sondern ein Mann im Graubereich, an dem man sich durchaus reiben kann und soll. Im Laufe des Romans lernt er Livia Ussaro kennen, auch sie eine engagierte Frau, die seine Überzeugungen teilt und sich sogar dafür (und für ihn) in Gefahr begibt und dafür einen hohen Preis bezahlt.

Das Mädchen aus Mailand ist ein Kriminalroman, bei dem man sein Erscheinungsdatum nur teilweise bemerkt. Denn die Themen des Romans (Ausbeutung, Frauenhandel) sind immer noch ziemlich aktuell. Auch das Bild von Mailand als kapitalistische Metropole mit all seinen Kehrseiten dürfte sich nicht wesentlich verändert haben. Der große Reiz des Romans liegt wie oben beschrieben an seiner widersprüchlichen Hauptfigur, die aneckt. Interessant ist die Erzählweise Scerbanencos, der einen auktorialen Erzähler mit einem personalen Erzähler mischt. Der Plot hätte zu Beginn für meinen Geschmack etwas mehr Tempo vertragen, aber insgesamt ist dieses Buch ein wirklich lesenswerter Kriminalroman.

 

Rezension und Foto Gunnar Wolters.

Das Mädchen aus Mailand | Erstveröffentlichung 1966
Die aktuelle Ausgabe erschien am 10. Juli 2018 im Folio Verlag
ISBN 987-3-85256-754-9
256 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Daan Heerma van Voss & Thomas Heerma van Voss | Zeuge des Spiels

Daan Heerma van Voss & Thomas Heerma van Voss | Zeuge des Spiels

Die Leute glauben, dass ein Mord nur eine Tat ist. Das ist ein Irrtum. Mord ist in erster Linie ein Gedanke. Ein Gedanke, den man anfangs noch von sich weist. Was man aber auch tun mag, der Gedanke wird immer zu einem zurückfinden, es ist die permanente Einflüsterung von etwas Sublimem. Täglich werden Hunderte Mörder geboren, sie warten auf den einen überspringenden Funken. (Auszug Seite 115)

Während der Feiern am Mardi Gras wird in den Sümpfen vor New Orleans die junge Natalie Underwood brutal ermordet. Ein Fall mit hoher öffentlicher Aufmerksamkeit. An die Spitze der Verdächtigen rückt schnell der Freund der Toten, der Niederländer Alexander van Zandt. Hat er aus Eifersucht gemordet? Die Ermittlerin Hanna Vincennes bleibt skeptisch, doch als sich viele Indizien auf van Zandt verdichten, wird Anklage erhoben.

Da wird Aron Mulder, der Vater des Angeklagten, auf den Fall aufmerksam. Er lebt seit einigen Jahren in einer Feriensiedlung, hat sich dort regelrecht verkrochen. Vor fünf Jahren wurde seine Frau Nora ermordet, der Fall wurde nie aufgeklärt, Aron war sogar selbst kurzzeitig festgenommen worden. Nach seiner Freilassung war sein altes Leben vorbei, sein Sohn Alexander reiste in die USA aus und brach jeglichen Kontakt zu seinem Vater ab. Nun ist sein Sohn in Haft, in der gleichen Situation wie er damals. Aron reist in die Staaten, fest entschlossen, seinen Sohn vor der Verurteilung zu bewahren. Doch in New Orleans gibt es jemanden, der alles daran setzt, dass Alexander verurteilt wird.

Die beiden Brüder Daan & Thomas Heerma van Voss sind in ihrer Heimat Niederlande bereits seit einigen Jahren etablierte Autoren. Von Thomas erschien bereits der 2013 im Original veröffentlichte Roman Stern geht in deutscher Übersetzung (ebenfalls bei Schöffling), von Daan erscheint Ende 2018 Abels letzter Krieg (bei dtv). 2015 taten sich beide Brüder erstmals zusammen und veröffentlichten diesen literarischen Thriller (mit dem Titel „Ultimatum“ im Original).

Zeuge des Spiels beginnt mit der Schilderung des brutalen Mordes an Natalie Underwood und führt anschließend mit Detective Hanna Vincennes und Aron Mulder die beiden Protoganisten ein. Die Autoren erzählen im Folgenden die Geschichte im Wesentlichen aus diesen beiden Perspektiven. Der Spannungsbogen flacht nach dem Start allerdings merklich ab und steigt dann wieder erst langsam an. Die Identität des Mörders bleibt offen, es kristallisieren sich mehrere Verdächtige heraus, für die Polizei vor allem Alexander van Zandt, der sich zunächst sogar einer Befragung durch Flucht entzieht. Dennoch hat man als Leser schnell Zweifel an der Täterschaft van Zandts (genährt auch durch die Polizistin Hanna), doch ausschließen kann man ihn nicht. Weitere Fahrt nimmt die Story auf, als Aron in New Orleans einen Privatermittler auf den Mord ansetzt.

Großen Reiz erfährt dieser Roman aus der Konstellation zwischen Vater und Sohn, die beide eines Mordes (zu Unrecht?) beschuldigt werden oder wurden. Dieses nach dem Tod der Mutter/der Ehefrau zerrüttete Vater-Sohn-Verhältnis wird von den Autoren überzeugend in Szene gesetzt. Der eine flieht in die Staaten, lässt seinen Namen ändern und die Heimat hinter sich, der andere verkauft Haus und Hof, zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück (die ihm immer noch zurückhaltend begegnet, der Mörder seiner Frau ist schließlich noch nicht gefasst) und findet selbst über eine neue Beziehung nur langsam wieder Antrieb.

Der Plot ist durchaus reizvoll, Suspense vorhanden, die Figurenkonstellation interessant. Dennoch ist bei mir der Funke nicht komplett übergesprungen. Das liegt zum einen an der aus meiner Sicht langweiligen zweiten Hauptfigur Hanna Vincennes. Die Polizistin, die sich eigentlich nach einem Burnout in den Innendienst versetzen lassen will, bekommt hier ihren vermutlich letzten großen Fall auf den Tisch. Zunächst auch durchaus engagiert und mit Zweifeln, ob es von ihren Vorgesetzten richtig ist, van Zandt so schnell als Mörder anzuklagen, macht sie einfach zu viele Fehler in ihren Ermittlungen und erweist sich zu schnell in diesem Spiel (und dazu wird es tatsächlich) als eindeutig Unterlegene. Zum anderen bin ich mit dem Plot an einigen Stellen einfach unzufrieden, insbesondere wenn der Klappentext mit dem Begriff des „perfekten Verbrechens“ spielt. Das war es aus meiner Sicht nämlich nicht, mehr darf ich aber auch nicht sagen, ohne zu spoilern. Aber es trübt halt meinen Gesamteindruck dieses ambitionierten Thrillers.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Zeuge des Spiels | Erschienen am 7. August 2018 im Verlag Schöffling & Co.
ISBN 978-3-89561-208-4
302 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Tom Callaghan | Mörderischer Sommer

Tom Callaghan | Mörderischer Sommer

Ich musste über den Schlamassel nachdenken, in dem ich bis zum Hals steckte. Und darüber, was ich deswegen unternehmen wollte – allein, unsicher und in einer Stadt, die so fremd war, dass sie genauso gut auf einem anderen Planeten hätte liegen können. Ich war in Dubai.“ (Auszug Seite 12)

Akyl Borubaew, ehemaliger kirgisischer Polizeikommissar, wird zum Minister für Staatssicherheit bestellt. Dieser hat einen Auftrag für Akyl: Des Ministers Geliebte ist mit Kontozugangsdaten und Geheimdokumenten nach Dubai verschwunden. Der Minister will, dass Akyl die Frau oder wenigstens den USB-Stick mit den Daten zurück nach Kirgisistan bringt. Und er ist kein Mann, dem man einen solchen Auftrag abschlägt. Doch kaum ist Akyl in den Emiraten eingetroffen, gerät er direkt in größere Schwierigkeiten.

Denn als erstes stößt er auf die Leiche eines Zuhälters und Waffenhehlers. Auch sein Kontaktmann in Dubai ist ihm irgendwie suspekt. Als er schließlich die gesuchte Frau aufstöbert, stellt Akyl fest, dass diese erheblich verschlagener ist als gedacht. Schließlich spielen auch noch tschetschenische Terrororganisationen beim Rennen um die Dokumente mit und auch seine Freundin Saltanat vom usbekischen Geheimdienst taucht auf. Bei aller Verbundenheit kann er aber nur eingeschränkt auf ihre Unterstützung setzen, denn Saltanat hat wie immer ihre eigene Agenda.

Mörderischer Sommer ist der dritte Teil der Reihe um den Kirgisen Akyl Borobaew. Dritte Teile sind ja durchaus immer etwas knifflig. Nach einem starken Auftakt und einer gelungenen Fortsetzung entscheidet sich ja oft im dritten Teil, ob man einer Serie weiterhin erhalten bleibt oder ob der Reiz so langsam abflacht. Blutiger Winter und Tödlicher Frühling konnten mich auf jeden Fall überzeugen. Der Reiz lag zum einen bei den Figuren. Akyl Borubaew, ein eigenwilliger, harter, aber gleichzeitig auch einsamer und melancholischer Mann. In einem Waisenhaus aufgewachsen, hat er später als Polizist seine Bestimmung gefunden. Er hat seine geliebte Frau an den Krebs verloren, ihr sogar aktiv beim Sterben geholfen. Dieser Verlust nagt allerdings sehr an ihm, obwohl eine neue Frau in sein Leben getreten ist. Saltanat Umarowa ist eine eiskalte, gefährliche Agentin des usbekischen Geheimdienstes. Doch irgendwie wurde ein Band zwischen beiden geknüpft, allerdings ein sehr zerbrechliches. Dritte wiederkehrende Hauptperson ist der korrupte, machtbewusste Minister für Staatssicherheit, Michail Tynalijew, der Akyl zu Aufträgen zwingt, ihm immer wieder seine Allmacht vorführt, aber gleichzeitig auch seine Hand über Akyl hält.

Zum anderen war aber ein großes Plus der Reihe das unverbrauchte Setting im zentralasiatischen Kirgisistan. Ein raues Land voll landschaftlicher Schönheit, aber als junger Staat im Schatten Russlands und Chinas immer an der Schwelle (oder darüber hinaus) zur Autokratie, in der sich gesellschaftliche Abgründe auftun. Von diesem Reiz weicht Autor Tom Callaghan leider in diesem dritten Band erheblich ab, in dem er die Handlung nach Dubai verlagert. Die moderne Stadt am persischen Golf kann es als Schauplatz leider überhaupt nicht mit Bischkek und Kirgisistan aufnehmen. Obwohl der Autor sich bemüht, auch ein paar Schattenseiten zu zeigen, bleibt Dubai ein relativ uninteressanter, austauschbarer Schauplatz.

Zudem vermag mich dieses Mal auch der Plot nicht so richtig zu überzeugen. Während in den ersten beiden Bänden Themen wie die dreckige Droge „Krokodil“ oder Kindesmissbrauch den Leser zu fesseln wussten, ist das undurchsichtige Spiel verschiedener Gruppen um Geld und Dokumente in diesem Band nur eher solide. Spätestens wenn Akyl zum Einholen von Informationen zum fünften Mal dieselbe Bar aufsucht, wünscht man sich doch etwas mehr Finesse. So bleibt am Ende das Fazit, dass der dritte Band mich diesmal doch nicht so ganz überzeugen konnte. Allerdings sprechen die interessanten Protagonisten und die Tatsache, dass diese Reihe (anhand der Jahreszeiten erkennbar) auf vier Bände ausgelegt ist, dann doch dafür, auch in den letzten Band hereinzuschauen, um zu sehen, was aus Akyl und Saltanat noch wird.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Mörderischer Sommer | Erschienen am 24. April 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00123-5
333 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Noras Rezensionen zu den Krimis Blutiger Winter und Tödlicher Frühling von Tom Callaghan

Roland Spranger | Tiefenscharf

Roland Spranger | Tiefenscharf

Vor knapp fünf Jahren hätte ich mit dem Begriff „polar“ in Verbindung mit Kriminalliteratur noch nichts anfangen können. Doch dann gab es diesen frisch gegründeten Verlag, der sich schon im Namen auf den französischen Kriminalroman in Hardboiled- und Noir-Tradition berief. Der Polar Verlag begann sein Programm mit Übersetzungen außergewöhnlicher amerikanischer, französischer und irischer Autoren. Doch insgeheim war Verleger Wolfgang Franßen immer darauf aus, die Tradition eines „Deutschen Polar“ zu begründen. In 2017 wäre dies beinahe schief gegangen, doch ein Investor rettete den Verlag und damit das Projekt. Nun wurde im Frühjahr mit Roland Sprangers „Tiefenscharf“ der erste Roman des „Deutschen Polar“ veröffentlicht und im Vorwort macht Franßen deutlich, wohin die Reise gehen soll: „Kein popcorngerechtes Gangstertum, zum Konsum angerichtet.“ Vielmehr sollen die Sinne geschärft werden. Er fasst das Credo in zwei Sätzen zusammen: „Wir amüsieren uns nicht zu Tode. Wir rebellieren.“ Nun denn.

Oberfranken, Grenze zu Tschechien. Früher nannte man das hier Zonenrandgebiet. Ein Begriff, der den Zustand eigentlich auch heute noch treffend beschreibt. Zwar wurde hier und da einiges aufgehübscht: Ehemalige Schuhfabriken, umgebaut zu Lofts und Appartements, in denen Youtuberinnen hausen, renaturierte Schmutzbäche. Allerdings geht es ansonsten durchaus noch prekär zu. Komplizierte Beziehungen, schwierige Arbeitsverhältnisse. Neo-Nazis, Russencliquen. Brennende Autos, brennende Flüchtlingsheime. Bonjour Tristesse. Und immer im Hintergrund: Crystal Meth, der neue Treibstoff fürs Leben. Voller Einsatz, keine Müdigkeit, keine Kompromisse.

Im Fernseher laufen dauernd Werbefilme der Industrie, die darüber aufklären, wie super Chemie ist. Inspired by your visions. Science for a better life. Und so ist es. Methamphetamin verbessert seit hundert Jahren in der kristallinen Version dein Leben. Haut die Müdigkeit mit einem Schlag kaputt. Macht dich effizienter. Risikobereiter. Bei der Arbeit. Beim Spaß. Beim Alltag. Beim Sex. (Seite 37)

In Tiefenscharf kreuzen sich die Wege von Max, Meth-Vertriebschef auf deutscher Seite, und Sascha, Videoreporter eines Regionalsenders. Max hat sich ein profitables Vertriebsnetz aufgebaut. Allerdings hat er auch ein paar Neonazis als Freunde bzw. Kompagnons und mit Kira eine komplizierte Freundin (übrigens die interessanteste „Nebenfigur“ dieses Romans), die gerne nachts Autos abfackelt, und so unnötige Aufmerksamkeit erzeugt. Doch es ist Max selbst, der das Geschäft gefährdet: Als er auf der Autobahn kontrolliert wird, entledigt er sich einer Lieferung Meth durchs Seitenfenster. Er kann die Lieferung später jedoch nicht wiederfinden, stattdessen verprügelt und ermordet er schließlich einen Obdachlosen, den er verdächtigt hatte, das Zeug an sich genommen zu haben. Damit ist die Büchse der Pandora geöffnet.

Auf der anderen Seite wird Sascha gerade zum zweiten Mal Vater, seine Beziehung zu Ehefrau Lydia ist allerdings durchaus schwierig. Das liegt unter anderem an Saschas Alkoholkonsum. Dieser wird ihm auch beruflich zum Verhängnis. Er ist mit Leib und Seele Reporter, kann sich aber nicht so verwirklichen, wie er es gern hätte. Als er angetrunken mit dem Dienstwagen einen Unfall baut, ist er seinen Job los. Anschließend versucht er, sich als Freelancer durchzuschlagen. Als er eines Abends einen Nazi vom Parolensprayen bei der örtlichen Flüchtlingsunterkunft abhalten will, wird er von diesem böse verprügelt. Durch Zufall bekommt Sascha heraus, dass der Nazi ein Meth-Dealer aus Max‘ Truppe ist. Fortan will Sascha diese Dealer allein (bzw. mit Hilfe seines Kumpels Carsten) zur Strecke bringen. Ein klarer Fehler, wie der erfahrene Leser schnell erkennt.

Autor Roland Spranger lebt in Hof in Oberfranken. 2011 gewann er für seinen Roman „Kriegsgebiete“ den Friedrich-Glauser-Preis. Seinen Provinz-Noir Tiefenscharf siedelt er in seiner Heimat an und das ist vom Setting auf jeden Fall überzeugend. Dies gilt auch für seinen Stil von wechselnden Perspektiven und griffigen Dialogen sowie den Figuren des Romans, die allesamt auf der Suche scheinen und dabei nicht wirklich vorankommen. Müsste ich etwas kritisieren, dann am ehesten die Handlung, bei der manche Szenen für mich vielleicht etwas vorhersehbar waren. Doch alles zusammen genommen gelingen Autor und Verleger ein guter Auftakt für den „Deutschen Polar“. Man darf gespannt sein, was da noch nachkommt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Tiefenscharf | Erschienen am 1. Februar 2018 im Polar Verlag
ISBN 978-3-945133-59-0
368 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe