Kategorie: Gunnar Wolters

Stewart O’Nan | Stadt der Geheimnisse

Stewart O’Nan | Stadt der Geheimnisse

Während seine Papiere – wie sein gegenwärtiges Leben, könnte er sagen – passable Fälschungen waren, war seine Taxilizenz eine an der vorderen Stoßstange befestigte Metallplakette, die viel schwerer zu bekommen war als die Papiere, völlig echt. Und dennoch, da er schon einmal verhaftet worden war – als er in Riga an seinem Tisch in seinem Lieblingscafé gesessen hatte -, wusste er, dass man als Jude nirgends sicher war. (Auszug Seite 16)

Der lettische Jude Brand hat seine ganze Familie im zweiten Weltkrieg und Holocaust verloren und kommt 1946 als illegaler Flüchtling nach Palästina. Dort wird er vom jüdischen Widerstand gegen die britische Besatzungsmacht mit gefälschten Papieren und einer Taxilizenz ausgestattet. Brand, der sich nun Jussi nennt, wird Teil einer Widerstandszelle. Es werden erste Anschläge verübt, zunächst ohne Menschen zu gefährden. Doch der Widerstand wird radikaler und Brand muss sich klar machen, ob dies auch sein Kampf ist.

Brand lernt in Jerusalem die Witwe Eva kennen. Ehemals Schauspielerin und eine bildhübsche Frau, ist bei ihr nun die Mimik einer Gesichtshälfte durch eine Narbe zerstört. Sie verdient ihren Lebensunterhalt als Prostituierte, zu ihren Terminen bringt Brand sie mit seinem Taxi. Auch Eva ist Teil der Widerstandszelle, zu der noch eine Handvoll weitere Personen gehören. Chef der Zelle ist der undurchsichtige Asher. Zu Beginn begehen sie nur kleinere Anschläge, etwa gegen die Stromversorgung. Doch Brand bemerkt die zunehmende Radikalisierung. Die der Untergrundorganisation Hagana zugeordnete Gruppe kommt in Kontakt zu Leuten der radikalen Irgun. Die Radikalisierung verunsichert Brand. Der Kampf um „Eretz Israel“ scheint ihm gerecht, aber mit welchen Mitteln?

Autor Stewart O’Nan ist dem Leser eigentlich als Porträteur der amerikanischen Gesellschaft bekannt. Sein letztes Buch „Westlich des Sunset“ handelt von Schriftsteller Francis Scott Fitzgerald und vom Hollywood der 1930er Jahre. Insofern ist Stadt der Geheimnisse als Spionagegeschichte eine bemerkenswerte Anomalie im sonstigen Werk des Autors.

Das Buch spielt im Jahr 1946 vor dem Hintergrund des israelisch-jüdischen Kampfes um einen unabhängigen Staat. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durch die zionistische Bewegung die Bildung eines jüdischen Staates im alten Siedlungsgebiet in Palästina wieder stark betrieben wurde, kam es zu verstärkten Auswanderungswellen von Juden. 1917 hatte die Briten in der Belfour-Deklaration die Forderung der Zionisten unterstützt, unter starkem Protest der Araber der Region. Nach dem ersten Weltkrieg erhielt Großbritannien das Völkerbundsmandat über Palästina. In der Folgezeit kam es weiterhin zu einer starken Einwanderung nach Palästina und einer größeren Gewaltbereitschaft jüdischer und arabischer Bevölkerungsgruppen. Die Juden gründeten paramilitärische Einheiten wie die gemäßigte Hagana oder die radikalere Irgun. Durch die Ereignisse des zweiten Weltkriegs verschärfte sich die Situation zudem. Der jüdische Widerstand richtete sich nun verstärkt gegen die Briten, die das Mandatsgebiet räumen und einen jüdischen Staat ermöglichen sollten.

Sein altes Leben war vorbei, sein neues ein Scherbenhaufen und Schwindel. Zur Feier des Tages ging er mit einem Glas Johnnie Walker in seiner Wohnung auf und ab, drückte die Nase ans kalte Fenster und hinterließ einen schmierigen Fleck. Die brummende, taumelnde Schwermut einsamer Betrunkener. (Seite 92)

Dennoch bleibt sich der Autor treu, indem er eine Figur, nämlich Brand, in den Vordergrund stellt und die Ereignisse vollständig aus dessen Sicht durch einen personalen Erzähler beschreibt. O’Nan geht es dabei konkret um das Innenleben seines Protagonisten, eine Figur voller Schwermut, der vor den Scherben seines Lebens steht und dem nun mit seiner Beteiligung an der Widerstandsgruppe eine neue Aufgabe zugeteilt wurde. Doch „die Erinnerung gärte in ihm wie eine Krankheit“ (Seite 58). Er verliebt sich in Eva und doch bleibt die nur eingeschränkt erwiderte Liebe schal im Vergleich zu den Erinnerungen an seine verstorbene Frau Katja. Er war nie wirklich ein gläubiger Jude, nun kämpft er für die Unabhängigkeit Israels.

Ein wenig schade ist es, dass sich der Autor durch die eingeschränkte Erzählperspektive einer gewissen Dynamik beraubt. Eine nähere Betrachtung der Ereignisse durch verschiedene Figuren hätte für mich noch mehr Reiz gehabt. So kann man diesen Roman meines Erachtens dann auch nur eingeschränkt als Spionageroman einordnen, da Reaktionen der Gegenseite kaum eine Rolle spielen. So hinkt der Vergleich der New York Times zu Le Carrés „Der Spion, der aus der Kälte kam“ auf der Rückseite des Buches dann doch ein wenig.

Der Roman überzeugt dafür an anderer Stelle. Die unruhige, brodelnde Atmosphäre des dennoch florierenden Jerusalem wird sehr überzeugend in Szene gesetzt. Daneben ist diese Geschichte eines gebrochenen Mannes, der mit sich um den letzten Rest Liebe, Moral und Anstand ringt, durchaus fesselnd. So bleibt am Ende ein positives Fazit, obwohl die Winkelzüge, Manöver und Suspense eines klassischen Spionageromans etwas zu kurz kommen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Stadt der Geheimnisse | Erschienen am 23. Oktober 2018 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-05044-3
224 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmens unseres .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.

Gerald Seymour | Vagabond

Gerald Seymour | Vagabond

„Ich kenne keinen Besseren als Vagabond. Er ist so erfolgreich, weil er durchs Feuer geht, um seine Zielperson zu kriegen. Der ruft nicht bei der Gesundheitsbehörde an, wenn’s mal brenzlig wird, oder beschwert sich wegen Überstunden. Dieser Mann wäre von den Toten auferstanden, um meiner Anweisung zu folgen. Hatte ich das Recht, ihn aus dem Ruhestand zu holen? Diese Bürde muss ich tragen.“ (Auszug Seite 449-450)

Nordirland, 2000er Jahre: Nach dem Friedensschluss ist verhältnismäßig Ruhe eingekehrt im zerrissenen Land. Die meisten der ehemaligen Kämpfer haben sich dem Prozess unterworfen. Doch es gibt sie noch, die Frustrierten, ewig Gestrigen. Doch sie sind weitgehend isoliert, haben nur noch wenig direkte Unterstützung und nur noch sehr begrenzte finanzielle Mittel. Mit frischen, modernen Waffen könnte man vielleicht wieder ins Spiel kommen. Und so bemüht sich eine IRA-Splittergruppe um Waffen von einem russischen Waffenhändler. Doch der Deal steht im Visier des Geheimdienstes, der Mittelsmann ist ein Informant. Die Aktion wird geleitet von Gaby Davies, doch ihr Vorgesetzter beim MI5, Matthew Broderick, hat besondere Anforderungen, so dass er einen zusätzlichen Agenten reaktiviert: Danny Curnow, ehemaliger Deckname: Vagabond.

Danny war jahrelang Agentenführer beim FRU, einer verdeckten Geheimdiensteinheit in Nordirland, die sich auf die Infiltration von republikanischen Terroristengruppen spezialisiert hatte. Vagabond war einer der erfolgreichsten Führungsoffiziere, sorgte für die Festnahme oder für den Tod von IRA-Kämpfern, aber war ebenso mitbeteiligt, wenn Informanten getötet wurden oder sogar Unbeteiligte geopfert wurden, um die Glaubwürdigkeit von wichtigen Spitzeln zu erhalten. Irgendwann wurde es Danny zu viel und er ist einfach gegangen, ohne offiziell zu kündigen. Er hat sich mit seinem engen Kollegen Dusty neu orientiert. Die beiden sind nach Nordfrankreich gezogen und haben sich dort als Touristenführer für die Schauplätze des Zweiten Weltkriegs etabliert. Dort wird Danny von Broderick aufgespürt und mit leichtem Zwang rekrutiert.

Schauplatz des Deals wird Tschechien sein. Dort, in einer Villa in Karlovy Vary, residiert Timofei Simonow, ehemaliger russischer Geheimdienstler, der sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Waffenhandel und anderen kriminellen Geschäften etablierte. Der Mittelsmann und Informant Ralph Exton ist ein alter Freund von Simonow, ein Lügner und Opportunist. Von Seiten der IRA ist ein alter Bekannter von Danny Curnow beteiligt, Malachy Riordan. Vagabond hatte vor Jahrzehnten dessen Vater liquidieren lassen. In Prag warten die meisten der Beteiligten auf den Abschluss des Deals, belauern sich und nähren ihre Zweifel, Ängste, Nervosität oder gar Vorfreunde.

Autor Gerald Seymour arbeitete lange Jahre als politischer Journalist. 1975 veröffentlichte er seinen ersten Politthriller „Harry’s Game“ („Das tödliche Patt“ in der deutschen Übersetzung). Seitdem brachte Seymour fast jährlich ein neues Buch heraus und etablierte sich insbesondere in seiner britischen Heimat in der ersten Riege der Politthrillerautoren. Mehrere seiner Romane wurden fürs britische Fernsehen verfilmt. In Deutschland wurde Seymours Thriller bis zum Ende der 1990er regelmäßig übersetzt. Danach tat sich allerdings fast zwanzig Jahre oder vierzehn Romane lang nichts, bevor Thomas Wörtche ihn in seiner Reihe bei Suhrkamp wieder hervorholte. Übersetzt wurde „Vagabond“ übrigens von den in der deutschen Krimiszene auch nicht ganz unbekannten Zoë Beck und Andrea O´Brien.

Danny Curnow hatte vor all den Jahren, als Hanna ihn vor die Wahl stellte, geschwiegen, weil er nichts anderes gewagt hatte. Er war vergiftet. Mit den Toten zu marschieren war die Schuld, die er zu begleichen hatte. (Seite 70)

Müsste ich Gerald Seymours Stil in Vagabond mit einem Wort beschreiben, würde ich vermutlich „präzise“ wählen. Oder „minutiös“. Seymour sammelt von Beginn an ein üppiges Personal an und wechselt auch sehr häufig die Perspektive. Dadurch wird es durchaus komplex, aber man hat trotzdem das Gefühl, dass der Autor alles im Griff hat. Das Buch ist durchaus ein Polit- oder Spionagethriller, es geht um die IRA und um einen Waffenhändler und um die schmutzige Arbeit der Geheimdienste. Aber keine Angst vor politischen Referaten, denn Seymour nähert sich der Thematik über seine Figuren. Diese werden intensiv beschrieben und aufs Engste durch diese Geschichte begleitet.

Fast alle haben eine Schuld auf sich geladen, sind Verräter, Opportunisten, Karrieristen, doch ihre Beschreibung bleibt nicht eindimensional. Sehr eindrucksvoll gelingt dem Autor auch die Skizzierung eines Nordirland, in dem die Grenzen zwischen Informanten, Verrätern, Terroristen und Friedensgewinnern sehr diffus sind und die Vergangenheit nicht so einfach unter den Teppich gekehrt werden kann. Denn dafür gab es zu viele Ungerechtigkeiten, zu viele Personen auf beiden Seiten wurden vereinnahmt, unter Druck gesetzt, gebrochen und dann wieder allein gelassen. Oder der Rache der Gegenseite überlassen.

Der Leser darf hier kein Actionfeuerwerk erwarten. Es gibt keinen wilden Ritt durch mehrere Länder mit großem Waffenarsenal. Stattdessen bietet Vagabond in bester Le-Carré’scher Tradition einen unverfälschten Blick in die deprimierende Arbeit der Geheimdienste, präzise Psychogramme der beteiligten Figuren und darüber hinaus einen manchmal etwas tempoarmen, aber dennoch spannenden Plot, bei dem der Leser irgendwann ahnt, dass hinter der ganzen Aktion noch mehr steckt, als es zunächst den Anschein hat. Und recht behält (eigentlich unnötig, dass der Klappentext dies auch andeutet).

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Vagabond | Erschienen am 12. Dezember 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 987-3-518-46742-8
498 Seiten | 14.95 Euro
Bibliografischer Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.

Lucie Flebbe | Jenseits von Wut

Lucie Flebbe | Jenseits von Wut

Adrian, 13:56 Uhr: Sektion im Essener Institut für Rechtsmedizin 15:30 Uhr. Kriegst du es organisiert, vorbeizukommen?
Ich würde nicht hinfahren. Ich würde nicht mal die Nachricht beantworten. Ich würde morgen auch nicht zur Arbeit gehen. Ich würde meinen Job verlieren und bei Hartz IV landen, genau wie Philipp es vorausgesagt hatte.
Es klingelte an der Tür.
Ich hatte Strom?
Als wäre das noch wichtig.
Ich blieb liegen. (Auszug Seite 153)

Edith, genannt Eddie, Beelitz war viele Jahren raus aus ihrem Beruf als Polizeibeamtin, war stattdessen Hausfrau und Mutter. Als sie dann doch aus ihrer Ehe ausbricht, steht sie im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrer kleinen Tochter auf der Straße. Unverhofft bietet sich die Gelegenheit, in den Polizeiberuf zurückzukehren, sogar in die Mordkommission. Ihr erster Fall lässt nicht lange auf sich warten: Vor dem Jobcenter liegt die Leiche einer erschlagenen Frau. Doch Eddie plagen die Zweifel: Ist sie den Anforderungen des Jobs und des selbstbestimmten Lebens gewachsen? Eddie hatte gedacht, im Büro eine ruhige Kugel schieben zu können, muss sich aber nun direkt beweisen. Und das unter ihrem neuen Chef Adrian, den sie aus alten Zeiten nur zu gut kennt. Gleichzeitig ist sie auch von privater Seite stark unter Druck: Ihr Mann will die Trennung nicht hinnehmen und da er das ganze Geld verdient hat, ist Eddie ziemlich blank.

Von Autorin Lucie Flebbe hatte ich bereits einen Roman aus der vorherigen Serie um das Detektiv-Paar Lila Ziegler und Ben Danner gelesen. Insgesamt war meine Wertung damals durchschnittlich, doch mir hatte der Stil von Lucie Flebbe gefallen. Und so schloss meine Besprechung mit dem Satz: „Ich würde durchaus nochmal zu dieser Autorin greifen.“ Dies habe ich nun eingehalten. Jenseits von Wut ist der Auftakt einer Trilogie mit der ungewöhnlichen Mordermittlerin Edith „Eddie“ Beelitz. Der Schauplatz Bochum ist geblieben. Und auch der Stil, den ich damals schon lobte: „Knappe Sätze, manchmal flapsig, intelligent-humorvoll, gute Dialoge und interessante Figuren.“

Dieses Buch lebt nämlich weniger von seinem Krimiplot – der ist solide, aber eher nicht spektakulär, sondern vor allem von den Personen, der Figurenkonstellation und den beschriebenen Milieus. Eddie begibt sich nämlich in die Niederungen der Arbeitssuchenden und Hartz IV-Bezieher. Zum einen beruflich, denn die Tote wurde nicht nur vorm Jobcenter aufgefunden, sondern war dort auch Leistungsbezieherin. Das Opfer hatte offenbar Ärger mit ihrer Sachbearbeiterin und außerdem ein Techtelmechtel mit einem Mitarbeiter. Aber auch die familiären Verhältnisse waren seit langem eher prekär. Zum anderen mietet sich Eddie wegen fehlender finanzieller Reserven in eine nicht ganz so schicke Nachbarschaft ein und kommt dadurch direkt in privaten Kontakt mit den Unterpriviligierten. Die Verhältnisse von Eddies Nachbarinnen (mehrere Kinder von verschiedenen Vätern, Arbeitsunwilligkeit, Schwarzarbeit, Verwahrlosung) schildert die Autorin mit einer klaren Nüchternheit, um kurz darauf hinter die Fassade zu blicken und den Leser für ihre Figuren einzunehmen. Nicht ohne Grund erhält Eddie bei ihren Nachbarn in ihrer Situation mehr Unterstützung als aus ihrem bildungsbürgerlichen Elternhaus.

Ein wenig gefremdelt habe ich mit der zweiten Erzählstimme dieses Romans. Neben Eddie tritt auch noch ein gewisser „Zombie“ als Ich-Erzähler auf. Wie es der Spitzname schon suggeriert, hat dieser Mann ein Aggressionsproblem. Er wird von Beginn an als möglicher Mörder beim Leser ins Spiel gebracht (ob er es auch ist, wird natürlich an dieser Stelle nicht verraten). Was mir an seinen Abschnitten nicht so recht gefallen hat, war die Kürze und die Bruchstücke, die dem Leser vorgeworfen werden. Das aus vielen Krimis bekannte und etwas ausgeleierte Stilmittel, die Perspektive des Bösen einzunehmen, war meiner Vermutung nach nicht die Intention der Autorin, sondern tiefer in die Figur einzudringen, aber dann hätte sie „Zombie“ einen Tick mehr Raum gönnen können.

Im Grunde genommen ist Jenseits von Wut eine Emanzipationsgeschichte im Krimigewand. Eine junge Frau voller Selbstzweifel, die sich in ihrer Ehe von ihrem Mann nach seinen Wünschen hat formen lassen, bricht aus diesem Korsett aus und lebt endlich selbstbestimmt. Das geht natürlich nicht problemlos vonstatten. Lucie Flebbe erzählt dies mit einer angenehmen Mischung aus Lakonie, Humor und der nötigen Ernsthaftigkeit. Daneben bietet dieses Buch auch über seinen Krimiplot Einblick in die Welt der Arbeitslosen und Hilfeempfänger, von der Autorin ohne rosarote Brille, aber dennoch mit Empathie erzählt. Insgesamt ist dieser Krimi ein gelungener Auftakt einer Trilogie, die ich gerne weiterverfolgen werde.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Jenseits von Wut | Erschienen am 20. Juli 2018 im Grafit Verlag
ISBN 978-3-89425-587-9
309 Seiten | 12.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Tödlicher Kick von Lucie Flebbe im Rahmen unseres letzten .17special Mini-Themenspezials Ruhrpottkrimis

Markus Stromiedel | Nachtfrost

Markus Stromiedel | Nachtfrost

Selig betrachtete Lasnik nachdenklich. „Es gibt eine Verbindung zwischen Ihnen und Jacob Winterberg. Und es gibt eine zwischen Ihnen und meinem Vater. Erzählen Sie mir, was Sie wissen, dann werde ich herausbekommen, was wirklich passiert ist“
Lasnik betrachtete Selig lauernd. Langsam schüttelte er den Kopf. „So läuft das nicht. […] Holen Sie mich hier raus. Dann verrate ich Ihnen, was damals geschehen ist.“ (Auszug Seite 237)

Kommissar Paul Selig hat eine merkwürdige Begegnung mit einem älteren Mann namens Jacob Winterberg, dieser kündigt ihm seine Ermordung durch einen gewissen Erhard Lasnik an. Selig ist etwas verwirrt, zumal ihm Winterberg auch ein Foto übergibt: Ein altes Bild aus Seligs Kindertagen mit seinem Vater und seiner Schwester. Einen Tag später ist Winterberg tatsächlich tot und alle Indizien inklusive der Tatwaffe deuten auf Lasnik.

Gleichzeitig erhält der Fall eine übergeordnete politische Bedeutung. Zu Beginn wird der Chef einer NGO zur Aufklärung von Staatsverbrechen auf dem Flughafen von Krakau durch einen Giftanschlag getötet. Einen Tag darauf wird die Bundesrepublik Opfer eines hochprofessionellen Hackerangriffs vermutlich russischer Hacker. Die Regierung ist lahm gelegt. Hoffnung besteht durch einer Berliner Firma, die sich auf Antivirus-Bekämpfung spezialisiert hat. Ihr Inhaber: Erhard Lasnik.

Autor Markus Stromiedel war zunächst als Journalist, Drehbuchautor, Producer und in anderen Funktionen für Film und Fernsehen tätig. Er gilt als Vater der Tatort-Figur Klaus Borowski. 2008 veröffentlichte er den ersten Krimi mit Kommissar Paul Selig. In den letzten Jahren begab er sich zunehmend ins Science-Fiction-Genre. Ich hatte die ersten beiden Bände um Paul Selig („Zwillingsspiel“ und „Feuertaufe“) in guter Erinnerung. So üppig ist die deutsche Krimilandschaft mit poltischen Krimis ja nicht gesegnet, so dass ich zu diesem dritten Band nach acht Jahren Pause gegriffen habe.

Hauptfigur ist der Berliner Kommissar Paul Selig, ein zurückhaltender, intelligenter Polizist, manchmal etwas verpeilt. Er steht außerdem nicht gerne im Mittelpunkt, sodass andere Kollegen den Ruhm seiner Ermittlungserfolge einheimsen. Seligs Abteilung steht zu Anfang des Buches vor der drohenden Auflösung wegen Budgeteinsparungen und ihm droht (fast zwanzig Jahre vor Dienstzeitende!) der Vorruhestand. Dies will vor allem seine emsige Kollegin Maria Fernandez verhindern, die sich zum einsamen Wolf Selig hingezogen fühlt. Umgekehrt übrigens auch, aber die Bindungsscheue Seligs verhindert zunächst ein Zusammenkommen.

Das Interessante am Plot ist der Zusammenhang zwischen einer „normalen“ Mordermittlung und einer von Computerviren ausgelösten Staatskrise. So geht es zum einen um eine Bedrohung durch von ausländischen Mächten kontrollierten Hackern und zum anderen um deutsch-deutsche Vergangenheit (Stasi-Verbrechen). Ebenfalls spielt Seligs Privatleben und Vergangenheit eine wichtige Rolle. Da wäre etwa Seligs schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, der beim Geheimdienst aktiv war, und dessen Arbeitsräume in der Familienvilla am Wannsee er nur widerwillig betritt. Auch Seligs Sohn Tobias, ein Hacker und Aktivist, ist in die Story involviert. Auf der anderen Seite bemüht sich der Autor aber auch um einen Blick in die Schaltzentralen der Macht: Bundeskanzlerin, Innenminister und Geheimdienstkoordinator (Ähnlichkeiten zu realen Personen sind vermutlich rein zufällig) tun ihr Möglichstes, um die Krise abzuwenden. Diese wird allerdings bis auf hektische Aktivitäten im Kanzleramt etwas spärlich choreographiert. Da hätte ich mir etwas mehr gewünscht, allerdings war dazu aufgrund der weiteren Handlungsstränge vermutlich nicht mehr genug Raum.

Nach acht Jahren Pause mit der Reihe um Paul Selig liefert Autor Markus Stromiedel einen spannenden und temporeichen Politkrimi ab. Die Szenarien und Zusammenhänge sind weitgehend glaubhaft. Der einzige Grund, warum ich nicht noch größeres Lob verteile, ist die Tatsache, dass ich die Entwicklungen der Story teilweise erahnt habe. Ich rätsel noch, ob das jetzt mit meiner Abgebrühtheit in Sachen Politik zu tun hat oder ob sich der Autor an einzelnen Stellen mehr hätte einfallen lassen müssen. Vielleicht beides. Aber davon abgesehen ist Nachtfrost ein sehr solider und unterhaltsamer Kriminalroman.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Nachtfrost | Erschienen am 1. August 2018 im Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-52067-3
416 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Claudia Piñeiro | Der Privatsekretär

Claudia Piñeiro | Der Privatsekretär

Wieder wäre ich am liebsten mit den Fäusten auf ihn losgegangen. Aber damit hätte ich mir keinen Gefallen getan. Das Spiel um die Macht, das zwischen uns ausgetragen wurde,entschied sich auf einem anderen Feld und bei einer anderen, womöglich kaum wahrnehmbaren Gelegenheit. Irgendwann würde es so weit sein, dass er, der Herr, seinem Knecht unterlegen wäre. Aber wie würde ich merken, dass dieser Augenblick gekommen wäre. Nun – er war es, jetzt. (Auszug Seite 211).

Der junge Román Sabaté bewirbt sich mehr durch Zufall für einen Job bei „Pragma“, einer aufstrebenden populistischen Partei in Argentinien. Der Parteichef Fernando Rovira ist ein charismatischer Mann, der nur ein Ziel kennt: Das Präsidentenamt. Román schafft es bis in den innersten Zirkel um Rovira und erkennt irgendwann das Ausmaß der Polittricks, Lügen und Manipulationen. Doch sein Versuch, aus diesem Netz auszubrechen, wird für Román höchstgefährlich.

Der Roman beginnt mit einer Flucht: Román wartet im Busbahnhof auf einen Bus, der ihn aus Buenos Aires herausbringen soll. Aber er tritt die Flucht nicht alleine an: Er hat Joaquín bei sich, Fernando Roviras kleinen Sohn. Die Geschichte wird nun abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven erzählt und mit Rückblicken wird offenbart, wie es so weit kommen konnte.

Román Sabate ist gerade erst nach Buenos Aires gezogen, benötigt dringend Geld, um sich über Wasser zu halten und probiert es einfach mal bei dem Vorstellungsgespräch bei dieser Partei „Pragma“, zu dem ihn sein Zimmergenosse Sebastián Petit mitgeschleppt hat. Anders als sein Kumpel, der Politikwissenschaft studiert, hat Román mit Politik nicht viel am Hut, trotzdem erhält überraschend er den Job und nicht Sebastián (der allerdings später über Román in die Partei kommt). Der Parteichef Fernando Rovira hält von Anfang an große Stücke auf Román, obwohl dieser nicht unbedingt ein politischer Stratege ist. Román wird Privatsekretär und Fitnesstrainer von Rovira und erhält auch Zugang zu dessen Frau und später zu dessen Sohn. Doch nach und nach wird in dieser Geschichte Unglaubliches aufgedröselt, eine Manipulation ungeheuren Ausmaßes, in der Rovira Román verwickelt hat und die diesen schließlich veranlasst, sich Rovira entgegenzustellen. Dabei erhält er Unterstützung durch die Journalistin Valentina Sureda (wegen ihrer asiatischen Augen „China“ genannt), in die sich Román verguckt hat (und umgekehrt). China ist Reporterin eines TV-Senders und schreibt gerade ein Buch, durch das sie Kontakt zu Rovira und Román hat. Dieses Buch (das in Skizzenform auch als Kapitel in diesem Roman vorkommt) handelt vom sogenannten Alsina-Fluch. Ein hartnäckiger Fluch, der von allen Politikern in Argentinien bestritten wird und doch im Verborgenen durch den verbreiteten Aberglauben das Handeln bestimmt. Dieser Fluch besagt, dass es keinem Gouverneur der Provinz Buenos Aires (zu dem die Hauptstadt wegen eines Sonderstatus nicht gehört) gelingt, argentinischer Präsident zu werden. Besondere Bedeutung erlangt dabei die Planstadt und Provinzhauptstadt La Plata, um deren Gründung sich ebenfalls merkwürdige Gerüchte ranken.

Fernando Rovira war erfolgreicher Bauunternehmer, bevor er dann in die Politik ging, eine Bürgerbewegung gründete und bei der Wahl des Gouverneurs gewann. Doch Rovira weiß um diesen Fluch, er hat einen umtriebigen Spin-Doctor und eine Mutter, die so etwas wie eine Seherin ist, die ebenfalls darauf hinarbeiten, diesen Fluch zu bezwingen. Und so arbeitet Rovira verbissen auf sein Ziel, das Präsidentenamt, hin und ist sich dabei keiner Täuschung und poltischen Instrumentalisierung zu schade. Sein wichtigstes politisches Projekt aktuell: Die Teilung der Provinz Buenos Aires in zwei neue Provinzen, um damit den Fluch zu brechen.

Sehr faszinierend ist der Einblick in die Mechanismen der Macht, den die Autorin hier bietet. Eine sklavische Unterordnung an Umfragewerte, Meinungsbilder und Statistiken, garniert mit einer großen Portion Aberglaube. Fernando Rovira ist eine dieser skrupellosen, populistischen, aber charismatischen Politaufsteiger, die ohne große eigene Visionen sich allerlei Tricks und Lügen (und Schlimmeres) zu Nutze machen. Dies fällt irgendwann auch Román auf, der dann auf einer Busfahrt ein Aha-Erlebnis hat. Er kommt ins Gespräch mit einer Philosophielehrerin, die ihn auf Hegels Dialektik von Herr und Knecht aufmerksam macht. Obwohl das Verhältnis eindeutig scheint, sich der Knecht untergeordnet hat, ist der Herr in Wirklichkeit ebenfalls von seinem Knecht abhängig.

Autorin Claudia Piñeiro ist eine der erfolgreichsten argentinischen Autoren. Sie schreibt auch Kinder- und Jugendbücher, arbeitet als Regisseurin und beim Theater. Piñeiro ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitete vor ihrer schriftstellerischen Karriere als Rechnungsprüferin. Ihr Debütroman „Ganz die Deine“ erschien 2003. Ihre Romane sind zumeist Dramen mit aktuellen gesellschaftlichen Themen, oftmals verpackt in eine Kriminalgeschichte.

Der Privatsekretär ist ein wirklich exzellent komponierter Roman. Die ganzen Perspektivwechsel, Rückblenden und Buchauszüge fügen sich sehr gekonnt zu einer starken Geschichte zusammen. Auch die Figuren überzeugen in ihren jeweiligen Rollen. Was ich bemerkenswert fand: Der Roman zeigt den Niedergang einer demokratischen politischen Kultur und kommt gleichzeitig ohne politische Themen aus. Wofür Rovira und „Pragma“ eigentlich stehen, bleibt völlig offen. Entscheidend ist die entblößende Darstellung und Analyse eines Politikstils der Täuschung und Machtgier ohne Inhalte. Trotz der anspruchsvollen Konzeption des Romans gelingt Claudia Piñeiro auch noch ein gelungener Spannungsbogen. Lediglich das Ende fühlte sich (ohne zu spoilern) relativ unspektakulär an, bietet aber dafür eines der großartigsten Schlussbilder, die ich bisher in einem Thriller gelesen habe. Das Buch ist definitiv ein Highlight in diesem Jahr!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Privatsekretär | Erschienen am 1. Februar 2018 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-31014-8 (EPUB)
eBook: 288 Seiten | 18.99 Euro
ISBN 978-3-293-00534-1 (Hardcover)
320 Seiten | 22. Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe