Kategorie: Andy Ruhr

Liza Cody | Ballade einer vergessenen Toten

Liza Cody | Ballade einer vergessenen Toten

Dieser Song mit seiner schmerzlich-schönen Melodie und seinem herzzerreißenden Text bewirkt, dass die Frau ihren Kopf in die Zeitung steckt und weint. Doch er setzt auch die Alchemie in Gang, die Amy von einer ausrangierten, trauernden verlorenen Seele in eine Biografin verwandeln wird. (Auszug Seite 19)

Die Schriftstellerin Amy ist an einem Tiefpunkt angelangt. Beruflich läuft es nicht wirklich rund und jetzt wurde sie auch noch von ihrem Freund, einem erfolgreichen Autor verlassen. Passend zu ihrer deprimierten Stimmung läuft im Radio der 80er Jahre Song „See Jesse Tomorrow“ der Band SisterHood. Deren blutjunge Sängerin Elly Astoria war ein musikalisches Genie und leider viel zu früh verstorben. Die Band löste sich danach sofort auf und Elly geriet nach der medialen Aufregung um ihren Tod sehr schnell in Vergessenheit. Das musikalische Wunderkind wurde vor 25 Jahren grausam misshandelt und ermordet aufgefunden, der Täter nie gefasst. Die spontane Idee eine Biografie über Elly Astoria zu schreiben, beflügelt Amy total. Sie will unbedingt mehr über die begnadete Musikerin erfahren und der Nachwelt das vergessene Genie in Erinnerung bringen.

Wer war Elly Astoria?

Die Umstände von Ellys Tod spielen erst mal gar keine so große Rolle denn Amy sieht sich auch nicht als Detektivin. Amy interviewt die damaligen Lehrer und Nachbarn, ermittelnde Polizisten und sogar den Friseur, der für die nötige Bühnenpräsenz sorgen sollte. Während sich Ellys Lebensgeschichte anhand von Interviews der Bandkollegen, Abschriften von Polizeiberichten, E-Mails, Briefen, Tagebucheinträgen und Tonaufzeichnungen immer detaillierter darstellt, tritt die Person Elly mehr und mehr in den Hintergrund. Da wir sie nur durch die Augen anderer kennen lernen, bleibt ihre Persönlichkeit blass.

Unauffällig, fast unsichtbar war das zierliche Mädchen auch in der Schule, bis man auf ihr absolutes Gehör aufmerksam wurde. Ohne Vater lebte sie mit ihrer drogensüchtigen Mutter in einer verwahrlosten Wohnung zusammen. Sie fühlte sich für ihre Mutter verantwortlich und verdiente Geld als Musikerin auf den Straßen Londons. Hier wird die Frauenband auf sie aufmerksam und bald ist sie die Sängerin und Songschreiberin der SisterHood. Die Frauen, allen voran „Big Mama“ Briony, die füllige Bandmutter, nehmen die vernachlässigte Außenseiterin unter ihre Fittiche, profitieren aber auch von ihrem Megatalent und vereinnahmen sie. Als ihre Mutter stirbt und die Band erstmals die versifften Verhältnisse sehen, in denen Elly leben musste, wurde die Wohnung renoviert und alle Bandmitglieder zogen mit ein. Elly ließ alles mit sich geschehen, sie war aber auch erst 15 Jahre alt, und nicht 18, wie sie allen erzählte.

Die Macht der Musik

Bei ihren Recherchen stößt Amy auf unterschiedliche Aussagen, auch auf Neid und Missgunst und ihr wird klar, dass sie den Mord an Elly nicht ausklammern kann und die Biografie würde sich auch besser verkaufen. Also wird aus der Musikerbiografie eine Ermittlungsgeschichte und sie erstellt eine Liste mit zehn Verdächtigen für die grausame Tat. Was ist zum Beispiel mit dem zwielichtigen Manager Tom Prank und seiner geschäftstüchtigen Zwillingsschwester Carol, die Elly zum Megastar gemacht hatten? Aber was hätten sie für einen Grund gehabt? Die Geschwister verdienten Millionen, während die Band fast leer ausging. Dann doch schon eher die schöne Maddie, sexy Star der Band, bevor Elly dazu stieß. Ausgerechnet die kleine, unscheinbare Elly, die auf Bildern oft nur der verwischte Fleck ist, der grade ins Bild kommt oder rausgeht. Aber sobald sie die Bühne betrat, entwickelte sie ein Charisma und riss die Massen mit.

Es ist recht interessant, einmal festzustellen, wie oft Beteiligte gewisser Begebenheiten in Ellys Leben gestehen, dass sie einen Hass auf sie entwickelten, einfach weil alle anderen „sie liebten“. Oder Neid empfanden, weil Elly, die zweifellos musikalisch begnadet war, zusätzlich auch noch eine Art von Aufmerksamkeit auf sich zog, die sie „gar nicht verdiente“. (Seite 87)

Amy muss tief im Leben der grausam Ermordeten graben und hadert erst mit ihrer Rolle als Detektivin. Es ist interessant zu lesen, wie sie langsam über sich hinaus wächst, streng gehütete Geheimnisse enthüllt und sogar einen Verleger an Land zieht.

Fazit

Obwohl die englische Krimiautorin Liza Cody zum Schluss auch eine stimmige Auflösung anbietet, ist es weniger ein Kriminalroman, sondern mehr ein detailliertes, teilweise bissiges Portrait des gar nicht so glänzenden Musikgeschäfts. Es ist auch eine Abrechnung mit den Abgründen der Musikindustrie einschließlich ein paar gekonnten Seitenhieben gegen Musikjournalisten. Den präzisen Blick hinter die Kulissen der Musikszene kauft man Cody aufgrund ihrer Erfahrungen als Roadie im Konzertbusiness der 6oer und 70er Jahre völlig ab.

Es war mein erster Roman von Liza Cody, aber nachdem ich mich erst mal auf die nicht lineare Erzählweise und die sukzessive Enthüllung der unterschiedlichen Informationen eingelassen hatte, habe ich die grandiosen Charakter- sowie Milieustudien sehr genossen. Cody schreibt mit Witz, Empathie aber ohne große Sentimentalitäten. Am Ende dieser außergewöhnlich erzählten Geschichte will man unbedingt die ergreifende und berührende Musik der fiktiven Elly Astoria hören.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Ballade einer vergessenen Toten | Erschienen am 24. April 2019 bei Ariadne im Argument Verlag
ISBN 978-3-867-542388
416 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Cody-Romanen Miss Terry und Lady Bag.

Frank Goldammer | Roter Rabe ♬

Frank Goldammer | Roter Rabe ♬

Im Sommer 1951 werden in der noch jungen DDR zwei Mitglieder der Wachturmgesellschaft wegen Spionageverdacht in Polizeigewahrsam genommen. Kurz nach der Verhaftung werden die beiden Zeugen Jehovas tot in ihren Untersuchungszellen aufgefunden. Sie sollen auf ziemlich ungewöhnliche Art Suizid begangen haben. Oberkommissar Max Heller zweifelt an den vermeintlichen Selbstmorden in getrennten Zellen, stößt aber während seinen Ermittlungen bei den misstrauischen Sektenmitgliedern auf Widerstände. Die Untersuchung der Todesfälle gestaltet sich auch so schwierig, denn die verschiedenen Geheimdienste scheinen ihre Finger im Spiel zu haben. Heller darf ermitteln, wird aber immer wieder zurückgepfiffen und vieles soll auch unter den Teppich gekehrt werden.

Angst vor der Atombombe

Max Heller trifft auf einen alten Bekannten, den jungen Russen Alexej Saizev, der mittlerweile für den russischen Geheimdienst tätig ist. Einst ein Freund, hat dieser sich total verändert, wirkt zynisch und verbittert und seine Handlungen sind für Heller nicht nachvollziehbar. Saizev ist auf der Suche nach einem amerikanischen Topspion und er warnt Heller eindringlich, ihm nicht in die Quere zu kommen. Der gefährliche Geheimagent, auch Der Rabe genannt, soll für den Westen spionieren und Sabotage betreiben. Es kursieren Gerüchte, die Amis wollen die Atombombe in Dresden einsetzen, um die Russen zu entmachten.

Heller und seine Mitarbeiter Werner Oldenbusch und Peter Salbach stoßen auf mysteriöse Zeitungsannoncen, in denen offenbar chiffrierte Nachrichten übermittelt werden und eine weitere Spur führt zu einem jugendlichen Schmugglerpärchen. Aufgrund einer Explosion in einem Kraftwerk wenige Monate zuvor, zieht Heller einen Zusammenhang mit dem Schmuggel von Uranerz. Dieses spezielle Erz wird für den Bau einer Atombombe benötigt. Die Angst vor einem Bombenattentat in Dresden ist allgegenwärtig. Nach und nach kommen alle Zeugen auf merkwürdige Weise zu Tode. Und zwar so viele, dass ich irgendwann aufhörte, zu zählen.

Kein Telegramm von Karin

Der Oberkommissar muss zeitgleich auch noch sein Privatleben organisieren. Er kehrte grade mit seiner Familie aus dem Ostseeurlaub zurück. Und während seine Frau Karin mit einer Ausreisegenehmigung gleich weiterreist, um zum ersten Mal den gemeinsamen Sohn Erwin und dessen kleine Familie im Westen zu besuchen, bleibt Heller schweren Herzens alleine mit der kleinen Pflegetochter Annie zu Hause. Sie wohnen bei Frau Marquardt und dass die alte Dame immer verwirrter wird, bedeutet eine weitere Sorge für Max. Er wartet sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen seiner Frau und weist brüsk alle Andeutungen zurück, dass Karin nicht vereinbarungsgemäß nach 14 Tagen zurückkommt. Er vertraut seiner Frau, doch auch an ihm nagen Zweifel, als das vereinbarte Telegramm nicht kommt. Dann taucht eine junge Frau namens Edeltraud Hermann auf, die sich als entfernte Verwandte von Frau Marquardt ausgibt und sich auch noch in der Wohnung einquartiert. Heller empfindet ihr Verhalten als merkwürdig.

Die Zeugen Jehovas

In der DDR waren die Zeugen Jehovas erst als Opfer des Faschismus anerkannt und als kleine Religionsgemeinschaft eingetragen. Doch schnell wurde die Glaubensgemeinschaft verboten und bis zum Ende der DDR standen die Mitglieder unter intensiver Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und lebten in ständiger Furcht vor staatlichen Repressionen. Als Staatsfeinde agierten sie im Untergrund, wurden verfolgt und verhaftet.

Diese Thematik arbeitet Frank Goldammer in dem 4. Teil der Krimireihe um den Dresdner Oberkommissar Max Heller ein. Dabei gelingt es ihm sehr eindrücklich, die Atmosphäre von Misstrauen und Angst aufzuzeigen, denn die junge DDR stand unter permanenter Beobachtung durch die Sowjetunion. Bespitzelung und Denunziation bestimmten den Alltag der Menschen und das Vertrauen zwischen Freunden oder sogar innerhalb der Familie wurde häufig auf eine harte Probe gestellt. Das wird am Beispiel von Hellers Kollege sehr anschaulich dargestellt. Oldenbusch wird durch das MfS drangsaliert, nachdem sich seine Verlobte in den Westen abgesetzt hat. Neu im Team ist der ehemalige Polizist Peter Salbach, dem Oldenbusch mit Misstrauen begegnet, da er ihn für einen Spion hält. Heller ist entsetzt über das paranoide Klima in den eigenen Reihen und attestiert Oldenbusch Verfolgungswahn. Die Versorgungslage hat sich nach Kriegsende verbessert, ist aber längst nicht so gut wie in der BRD. Des weiteren leben die Menschen mit der ständigen Befürchtung, der Spionage verdächtigt zu werden, dazu reichte es schon, wenn man dabei erwischt wird, westliche Radiosender zu hören.

Verworrener Plot und grundanständiger Protagonist

Während der Autor den einzelnen Figuren sehr viel Sorgfalt widmet und die Zeit stimmig eingefangen wird, war mir der Plot zu komplex und verworren. Ich hatte Mühe, allenVerdächtigungen und Geschehnissen zu folgen. Irgendwann habe ich den Faden verloren, und auch die Auflösung zum Schluss ist nicht wirklich gelungen, da einige Fragen nicht schlüssig beantwortet werden. Vielleicht habe ich sie auch überhört und hier wäre das Printmedium besser gewesen, um noch mal zurückzublättern. Obwohl der Schauspieler und bekannte Hörbuchsprecher Heikko Deutschmann mit sonorer Stimme seine Sache wirklich sehr gut macht. Für mich wurde die Handlung mit zu vielen unnötigen Todesfällen überfrachtet.

Als Hörer weiß man nie mehr als Heller, da aus seiner Sicht erzählt wird. So ist man der Gedanken- und Gefühlswelt des sympathischen Protagonisten immer sehr nah. Und der unbestechliche Max Heller ist wirklich ein grundanständiger aber auch ziemlich dröger Zeitgenosse mit hohen Moralvorstellungen. Er hält an seinen Prinzipien fest und will soweit wie möglich unpolitisch bleiben. Die Begegnungen zwischen dem stocksteifen Max Heller und der übergriffigen Edeltraud Hermann haben mich jedenfalls sehr amüsiert.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Roter Rabe | Das Hörbuch erschien am 21. Dezember 2018 bei Der Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-0643-9
1 mp3-CD | 19.99 Euro
Laufzeit: 11 Stunden 9 Minuten
ungekürzte Lesung von Heikko Deutschmann
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Yrsa Sigurdardóttir | R.I.P.

Yrsa Sigurdardóttir | R.I.P.

Stella musste auf einmal an den Snap denken, den sie kurz nach der Pause erhalten hatte. Sie hatte keine Ahnung, wer der Absender war, hatte ihn nie geadded. Sie musste endlich mal einstellen, dass Unbekannte ihr keine Nachrichten mehr schicken konnten, jetzt, wo auch die Erwachsenen diese App entdeckt hatten. Erst hatten sie Facebook kaputt gemacht, und jetzt rissen sie auch noch Snapchat an sich. (Auszug Seite 6)

R.I.P. ist der dritte Teil einer isländischen Thriller-Serie um Kommissar Huldar und Kinderpsychologin Freyja von Yrsa Sigurdardóttir. Die Autorin startet wieder mit einem hochspannenden und verstörenden Prolog. Die 16-jährige Stella verdient sich nach der Schule in einem Kino etwas dazu. Nach der letzten Vorstellung ist sie alleine im Kino, als sie auf der Toilette von ihrem Mörder überrascht wird. Bevor das Mädchen brutal erschlagen wird, filmt der Täter sie mit ihrem eigenen Handy. Ihre letzten Minuten und ihr flehentliches Bitten um Gnade werden per Snapchat an ihre Kontaktliste geschickt. Das Besondere an dem kostenlosen Message-Dienst Snapchat ist, dass die aufgenommenen und verschickten Videos sich nach einmaligem Ansehen automatisch und für immer löschen.

Was haben die Jugendlichen verbrochen?

Von dem toten Mädchen und dem Handy fehlen jede Spur und der einzige Anhaltspunkt ist ein Überwachungsvideo, auf dem eine Person mit einer Darth-Vader-Maske zu sehen ist. Für die Kriminalpolizei aus Reykjavík unter der Leitung von Erla beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, um jemanden aus Stellas Kontakten zu finden, der das Video noch nicht gesehen und damit gelöscht hat. Die Befragungen beginnen bei den Jugendlichen aus Stellas Freundeskreis und Huldar setzt sich dafür ein, dass Freyja wieder mit einbezogen wird.

Kurz darauf wird ein weiterer Jugendlicher direkt aus seinem Elternhaus entführt. Auch der 15-jährige Egill wird gezwungen, vor laufender Handy-Kamera um Entschuldigung zu bitten. Auch hier findet man keine Leiche, aber eine riesige Blutspur deutet an, dass der Junge nicht mehr leben kann. Das Ermittlerteam steht unter großem Druck, da sich keine Verbindungen zwischen den beiden Teenagern finden lassen. Zusätzlich deuten Zahlen an den Tatorten darauf hin, dass es noch weitere Opfer geben wird. Die oft frustrierende und mühselige Polizeiarbeit wird detailliert und realistisch dargestellt, zum Beispiel die Schwierigkeiten bei der Einsichtnahme in Chatprofile oder in die isländische Gendatenbank.

Mobbing auch im Polizeialltag

Freyja gibt den guten Hinweis, dass das verbindende Element Mobbing sein könnte. Aber die aktuellen Ermittlungen leiden unter dem schlechten Verhältnis der Kollegen. Besonders die Spannungen und Zwistigkeiten zwischen Huldar und seiner direkten Vorgesetzten Erla aufgrund einer Vorgeschichte bringen eine negativ besetzte Grundstimmung, die ich als derart anstrengend empfand und die für mich den Lesespaß doch erheblich trübte. Erla nutzt ihre Position aus, um Huldar das Leben schwer zu machen und ihn kaltzustellen. Hier hätte ich mir mehr Professionalität gewünscht. Auch das Verhältnis zwischen Huldar und Freyja ist seit Beginn vorbelastet und das Ringen der beiden mit ihren widersprüchlichen Gefühlen nervt irgendwann nur noch. Fand ich im ersten Teil die Kabbeleien noch ganz amüsant, fehlt mir hier eine Weiterentwicklung der Charaktere.

„Wenn ich das richtig sehe, gibt es genug zu tun. Mehr als wir bewältigen können. Warum kriegen Guðlaugur und ich nichts zu tun? Wir kennen den Fall. Wir haben am wenigsten Überstunden im ganzen Team, es liegt also auf der Hand, dass du uns einspannst. Und darf ich dich daran erinnern, dass wir durchaus gute Polizisten sind?“ (Seite 170)

Mobbing sowie im Besonderen Cybermobbing und dessen Auswirkungen sind das zentrale Thema, das Sigurdardóttir auf ihre schonungslose Art aufgreift. Mobbing hat es immer gegeben, aber mit den elektronischen Kommunikationsmitteln der heutigen Zeit, ist es viel leichter und schneller geworden, Menschen abzuwerten, zu verunglimpfen oder lächerlich zu machen. Die Auswirkungen auf die Opfer werden dramatisch durch Blog-Einträge demonstriert, die die Handlung mehrfach unterbrechen. Hier erzählt eine Betroffene über Schikanen und Ausgrenzungen in ihrer Jugend.

Meine Meinung

Trotz der Einbindung eines hochbrisanten, gesellschaftlichen Problems gibt es einige Schwächen in diesem leider nur durchschnittlichen Thriller. Die persönlichen Befindlichkeiten der Protagonisten nehmen zu viel Raum ein und drängen das sensible Thema fast in den Hintergrund. Es war mir an vielen Stellen zu plakativ und die Charaktere wenig nachvollziehbar und übertrieben herausgearbeitet. So heißt es zum Beispiel über Huldar an einer Stelle:

Helgi hielt nach einem Fluchtweg Ausschau, für den Fall, dass Huldar auf ihn losging. Das überrascht Huldar nicht. Seit er eine Zigarette im Auge eines Verhafteten ausgedrückt hatte, galt er unter den Kollegen nicht gerade als der Sanftmütigste.

Der Plot des Island-Thrillers ist handwerklich solide aufbereitet und durch den fesselnden Schreibstil auch schnell und flüssig zu lesen. Zahlreiche Wendungen überraschen und wissen zu unterhalten. Andrerseits kommt es durch einige ermüdende Wiederholungen zu Längen. Typisch für einen Thriller aus dem Hohen Norden ist die Stimmung durchgehend düster und dass sich alle mit Vornamen ansprechen gewöhnungsbedürftig. Die Auflösung zum Schluss ist schlüssig, wirkt auf mich aber auch etwas konstruiert und zu weit hergeholt.

R.I.P. ist nach DNA und Sog wieder ein Drei-Buchstaben-Titel, der zusammen mit dem Coverbild keinen Zusammenhang zur Handlung erkennen lässt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

R.I.P. | Erschienen am 24. Juni 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-75665-0
448 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zum Roman DNA von Yrsa Sigurdardóttir.

Michael Robotham | Die andere Frau

Michael Robotham | Die andere Frau

„Man hat ihn aus der Anwaltskammer ausgeschlossen, weil er eine Zeugenaussage manipuliert hat. Es hat Jahre gedauert, bis er seine Zulassung zurückbekommen hat. William hatte seine Ladys, und Kenneth hatte seine Demütigungen.“ „Wen meinst du mit ‚Ladys‘? „Olivia Blackmore natürlich.“ „Gab es weitere?“ (Auszug Seite 264)

Der angesehene Psychologe Joe O’Loughlin eilt ins St. Mary’s Hospital in London. Sein 80-jähriger Vater liegt nach einem unglücklichen Treppensturz mit schweren Kopfverletzungen auf der Intensivstation und wurde ins künstliche Koma versetzt. Im Krankenhaus macht Joe einige verstörende Entdeckungen: Sein Vater, der renommierte Arzt William O’Loughlin, zeigt Spuren schwerster Misshandlungen und wurde offenbar brutal überfallen. Und am Krankenbett sitzt eine ihm unbekannte Frau, die behauptet seit Jahren mit William verheiratet zu sein. Olivia Blackmore lebt angeblich mit ihm in einem Haus im Londoner Stadtteil Chiswick. Joe kann nicht fassen, dass sein Vater, der seit fast 60 Jahren mit seiner Mutter verheiratet ist und mit ihr mittlerweile zurückgezogen in Wales lebt, tatsächlich ein Doppelleben führt.

Die Polizei ermittelt in einem Fall von schwerer Körperverletzung, aber nachdem der ermittelnde Beamte DI Stuart Macdermid nicht mit Joe kooperieren möchte, stellt dieser seine eigenen Nachforschungen an. Um ein mögliches Motiv für den brutalen Überfall zu finden, recherchiert Joe gegen den Willen der Polizei auf eigene Faust.

Ein ganz persönlicher Fall

Noch mysteriöser wird der Fall, als Joes Töchter von Olivias psychisch krankem Sohn Ewan bedroht werden. Joe bittet seinen Freund Vincent Ruiz um Unterstützung und dieser rettet ihn aus einigen brenzligen Situationen und gemeinsam versuchen sie die Wahrheit über das Doppelleben seines Vaters herauszufinden. Obendrein muss Joe durch den neuen Schatzmeister der O’Loughlin-Stiftung erfahren, dass es in der Vergangenheit zu großen finanziellen Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Joe wird immer klarer, dass sowohl Williams Vergangenheit als Arzt wie auch seine Rolle als Vorsitzender der Foundation eine wichtige Bedeutung für die aktuellen Ereignisse haben. Und was verschweigt die Anwaltsfamilie Kenneth Passage, mit der Joes Familie seit einer gefühlten Ewigkeit befreundet ist?

Der elfte Teil der Reihe um den forensischen Psychologen Joe O’Loughlin ist sein persönlichster Fall. Er wird diesmal nicht als Profiler zur Unterstützung durch die Polizei herangezogen, sondern ermittelt in eigener Sache. Der Expolizist Vincent Ruiz arbeitet inzwischen als Ermittler für Unternehmensbetrug und außer, dass dieser Aspekt die Handlung an einer Stelle weiter bringt, spielt er diesmal nur als Randfigur mit. Dabei macht der Psychologe grade eine schwere Zeit durch. Nach dem Tod seiner Frau ist er mit den beiden Töchtern in den Londoner Norden gezogen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Während Charlie in Oxford studiert, leidet besonders die jüngere Emma unter dem Verlust der Mutter. Die 12-Jährige zieht sich immer mehr in sich zurück und macht es dem alleinerziehenden Vater schwer, an sie ran zukommen. Außerdem macht ihm seine Parkinson-Erkrankung wieder sehr zu schaffen und stellt die Bewältigung des Alltags vor große Herausforderungen.

Gottes Leibarzt im Wartestand

Der Thriller beschäftigt sich in großen Teilen mit dem schwierigen Verhältnis von Joe zu seinem Vater, welches in vielen Rückblenden beleuchtet wird. Dadurch gewinnt der Psychologe einige schmerzliche Erkenntnisse und beginnt diese zu reflektieren. Auch der Leser erhält einen tiefen Einblick in das private Umfeld des Protagonisten und entwickelt dadurch eine emotionale Nähe zu dem Helden. Die interessanten Rückblicke machten die Figur des dominanten Vaters, der seine Gefühle nicht zeigen konnte, für mich sehr greifbar. Sein ganzes Leben lang hatte Joe versucht, seinen unterkühlten Vater zu beeindrucken sowie seine Liebe und Zuneigung zu gewinnen. Da er beruflich nicht in Williams Fußstapfen getreten ist, hatte er das Gefühl, dass ihm das nicht gelungen ist. Bei seiner Spurensuche in die Vergangenheit kommen Tatsachen zu Tage, die aber das hehre Bild seines Vaters wanken lassen. Der brillante Chirurg war bei weitem nicht unfehlbar.

Mein Vater hat nichts Leichtes, Spielerisches oder Schelmisches. Ich kann mich nicht erinnern, dass er irgendwann in meiner Kindheit Liedchen gesungen, Tänzchen aufgeführt oder herumgealbert hat. Er hat uns nicht durch den Garten gejagt, mit uns Verstecken gespielt oder auch nur mal mit lustig verstellter Stimme gesprochen. (Seite 30)

Der vorliegende Roman ist mehr Familiendrama als Psychothriller und punktet nicht mit atemlosen Thrill, sondern zieht seine Spannung aus den sukzessiven Enthüllungen der Beziehungen und Geschehnissen der Vergangenheit. Stattdessen hat der Autor mich von der ersten Seite an mit seinem empathischen, feinen Schreibstil sowie sensiblen Personenzeichnungen gefangen und blendend unterhalten. Der Ton ist nie reißerisch, sondern nachdenklich und fast melancholisch. Der Leser weiß nie mehr als der Ich-Erzähler Joe, sieht alles durch seine Augen und deckt mit ihm gemeinsam die teilweise bizarren Geheimnisse auf. Obwohl hier für einen Thriller, und „Psychothriller“ steht schließlich drauf, die spannungserzeugenden Aspekte wie Suspensekurve, durchgehender Thrill, Rasanz usw. fehlen, vergebe ich für Die andere Frau 4.0 von 5.0 Punkten.

Der australische Krimiautor Michael Robotham versteht einfach sein Handwerk, er erfindet den Thriller nicht neu, macht aber einfach Spaß. Joe O’Loughlin ist vielleicht sein wichtigster Charakter. Er ist seit seinem Debüt Adrenalin bei ihm und wahrscheinlich auch sein autobiografischster. Mit seinem Sinn für Humor und seinem Gespür für soziale Gerechtigkeit ähnelt sein Alter Ego dem dreifachen Familienvater Robotham, ist aber natürlich viel cleverer und smarter, sozusagen Michael Robotham 2.0. Er hat mit seinem Helden O’Loughlin einen authentischen Typen mit Tiefgang geschaffen, der durch seine Krankheit Parkinson verletzlich und nahbar wirkt. Der Autor ist sich aber nicht sicher, ob er ihn noch mal mit der Krankheit schlagen würde.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die andere Frau | Erschienen am 27. Dezember 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31504-8
480 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Stephen King | Der Outsider ♬

Stephen King | Der Outsider ♬

Wie in vielen seiner Geschichten entführt Stephen King den Hörer wieder ins amerikanische Kleinstadtmilieu und wie so oft kommt das Grauen von innen. Hier in dem fiktiven Flint City in Oklahoma wird in einem Stadtpark die Leiche eines kleinen Jungen gefunden.

Coach T als Kindsmörder

Kurz darauf wird der geschätzte Jugendtrainer und Englischlehrer Terry Maitland während eines Baseballspiels verhaftet und vor allen Zuschauern einschließlich seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Handschellen abgeführt. Die drastischen Vorwürfe scheinen das medienwirksame Spektakel zu rechtfertigen: Der Coach soll den elfjährigen Frank Peterson sexuell missbraucht, grausam ermordet und sogar zerstückelt haben. Die Beweise sind erdrückend: Mehrere Zeugen haben Maitland mit blutverschmierter Kleidung in der Nähe des Tatorts gesehen und eindeutig identifiziert. An dem Lieferwagen, mit dem der Junge entführt wurde, finden sich Maitlands Fingerabdrücke. Als später auch seine DNA auf der Leiche des Opfers eindeutig festgestellt wird, besteht für den ansässigen Detective Ralph Anderson absolut kein Zweifel mehr an der Schuld des kumpelhaften Coach. Dass dieser auch seinen halbwüchsigen Sohn Derek trainierte plus die Abscheulichkeit des Verbrechens sorgte für zusätzlichen Druck und lassen Anderson nicht mehr sachlich agieren.

Der beliebte Coach T bestreitet die Tat auch nach seiner Verhaftung vehement. Er kann zur allgemeinen Verwunderung ein unwiderlegbares Alibi vorweisen, denn zur fraglichen Zeit war er mit mehreren Kollegen auf einer Tagung in einer anderen Stadt. Dies können nicht nur alle bezeugen, sondern es gibt auch einen Video-Mitschnitt einer Krimi-Lesung mit Harlan Coben, auf der Maitland eindeutig in der ersten Reihe sitzend zu erkennen ist und auch hier werden seine Fingerabdrücke sichergestellt.

Eine Stadt dreht durch

Inzwischen formieren sich die Bürger von Flint City zu einem hysterischen Lynchmob, der davon überzeugt ist, dass der bis dahin unbescholtene Coach T ein Monster ist. Nur Maitlands Frau und sein Anwalt Howard Gold halten noch zu ihm. Nicht nur für die Maitlands beginnt ein regelrechter Albtraum. Auch über die Familie des Opfers, die Petersons, bricht in immenser Geschwindigkeit Chaos und Elend herein. Es beginnt eine Tour de Force und man ahnt, dass diese tragische Geschichte ein katastrophales Ende nehmen wird. King entwirft hier mit großer Rasanz ein faszinierendes Szenario. Die vielen schockierenden Momente hatten an dieser Stelle eine große Sogwirkung auf mich und machten es mir schwer, das Hörbuch auszuschalten.

Die Verantwortlichen, allen voran, Detective Ralph Anderson, sind überfordert. Er bereut inzwischen den showartigen Verhaftungszirkus im Stadion zusammen mit dem ehrgeizigen Bezirksstaatsanwalt Bill Samuels. Die Widersprüche nagen an dem integren Detective und nach einer kurzzeitigen Suspendierung stellt er zusammen mit dem Anwalt Gold und dem Privatdetektiv Alec Pelly eigene Ermittlungen an. Als dazu Informationen aus einem anderen Bundesstaat benötigt werden, stößt auch noch die Privatermittlerin Holly Gibney dazu. Die schrullige Detektivin, ausgestattet mit einigen Zwangsneurosen, kennt man vielleicht aus der Bill-Hodges-Trilogie. Und diese sollte man vorher gelesen haben, da wirklich viel gepoilert wird!

Fazit

So sehr ich mich über das Auftauchen von Holly Gibney gefreut habe, geht dem Thriller in der zweiten Romanhälfte leider etwas die Luft aus. Die rätselhafte Geschichte lässt sich nicht plausibel auflösen und Stephen King zieht hier den übernatürlichen Joker. Obwohl dann natürlich das logische Mitraten wegfällt, habe ich gar kein Problem mit einem Wechsel ins Metaphysische. Aber zum einen verdrängt Holly den bisherigen Protagonisten Ralph Anderson und durchschaut relativ schnell das böse Horrorwesen. Und zum anderen konnte mich der Antagonist nicht restlos überzeugen. Der Gestaltwandler, der sich von Trauer und Elend nährt und sich auf eine mexikanische Folklegende bezieht, schien mir nicht komplett durchdacht und ist in Teilen ein alberner und wenig bedrohlicher Dämon.

Die Handlung flacht bis zum großen Showdown in einer Tropfsteinhöhle in Marysville auch durch viele Wiederholungen leider etwas ab und die Auflösung kann nicht vollständig überzeugen.

Stephen King ist ein großer, begnadeter Erzähler, egal welches Genre er bedient. Der Outsider ist eine komplex gestrickte Mischung aus klassischem Krimi und Horrormär mit intensiven Passagen am Anfang, in denen der Autor mit seinem schriftstellerischen Können glänzt und der zum Schluss etwas schwächelt und an Raffinesse verliert. So als hätte der Autor keine Lust mehr gehabt und die Geschichte schnell zu Ende gefrickelt.

Das macht David Nathan aber mit seiner begeisterten Lesung wieder wett. Er lässt sich richtig in die weit ausgebreitete Geschichte fallen und gestaltet die verschiedenen, lebensnahen Charaktere wirklich hervorragend. Kings Art zu schreiben ist wie für Hörbücher gemacht und Nathan gelingt es problemlos Bilder in die Köpfe der Hörer zu transportieren.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Outsider |Das Hörbuch erschien am 27. August 2018 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-3-8371-4284-6
3 mp3 CDs | 24.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 19 Stunden 9 Minuten
Original-Titel: Outsider (Scribner)
Sprecher: David Nathan
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.