Kategorie: Andy Ruhr

Jo Nesbø | Macbeth

Jo Nesbø | Macbeth

Sie legte eine Hand auf Macbeths Schulter. Er schlief wie ein kleines Kind. Ein letztes Mal. Sie rüttelte ihn wach. Er drehte sich um, streckte ihr murmelnd die Hände entgegen. Immer dienstbereit. Sie hielt seine Hände kraftvoll fest. „Liebster“, flüsterte sie, „du musst ihn töten.“ Er öffnete die Augen. Sie leuchteten in der Dunkelheit. Sie ließ seine Hände los. Streichelte seine Wange. Dieselbe Entscheidung wie damals. „Du musst Duncan töten.“ (Auszug Seite 119)

2016 jährte sich zum 400. Mal der Todestag von William Shakespeare. Ein guter Grund für die zum Konzern Penguin Random House gehörende britische Hogarth-Press ein Projekt ins Leben zu rufen. Der legendäre Verlag lud zeitgenössische, renommierte Schriftsteller ein, ein Stück des weltberühmten Dramatikers auszuwählen und modern und frisch nachzuerzählen. Acht internationale Bestseller-Autoren, darunter Margaret Atwood und Anne Tyler konnten für ganz persönliche Neuinterpretationen gewonnen werden. Der Norweger Jo Nesbø, Exmusiker, Exfußballprofi und studierter Ökonom, bekannt durch seine Kriminalromane um den alkoholkranken Kommissar Harry Hole machte unter der Voraussetzung mit, dass er Macbeth wählen durfte. Sein spezielles Verhältnis zu diesem Drama erklärt er mit der Faszination über eine Geschichte mit einem siegreichen Helden, der im Laufe der Geschichte zum Antagonisten und sogar zum Schurken wird.

Das Original

The Tragedy of Macbeth ist eines der bekannteren und kürzeren Stücke von Shakespeare. Die 1606 uraufgeführte Tragödie beschreibt den Aufstieg des anfangs rechtschaffenen, königlichen Feldherrn Macbeth und seinen Wandel vom einst treuen Vasallen zum Königsmörder. Die blutrünstige Geschichte endet nach weiteren Morden, die der Erhaltung seiner Macht dienen, mit seinem Fall.

Zuerst einmal fällt auf, dass Nesbø das blutrünstige Königsdrama auf 600 Seiten ausgewalzt hat. Er verlegt die Handlung vom schottischen Schloss Newcastle in eine triste, düstere Industriestadt. Ein namenloses, marodes Städtchen geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen irgendwo im schottischen Fife. Glücksspiel, Prostitution und Drogenhandel bestimmen den regnerischen Alltag. Dafür mitverantwortlich ist der wie ein Diktator regierende korrupte Chief Commissioner Kenneth. Als dieser überraschend stirbt, wird Duncan, ein ehrlicher Polizist und Gesetzeshüter sein Nachfolger. Der neue Chief sagt dem Verbrechen und der Korruption den Kampf an und wirkt mit seinen Reformen wie ein Retter für die gebeutelte Stadt. Duncan befördert den integren Polizeiispektor Macbeth, eine ehrliche Haut und bei seinen Untergebenen beliebt. Der taffe Leiter einer Spezialeinheit hat grade mit seinem SWAT-Team eine brutale Motorradgang – die Norse Riders – mit ihrem Anführer Sweno zerschlagen.

Der perfide Plan

Macbeth stammt aus einfachen Verhältnissen und wuchs zusammen mit Duff im Waisenhaus auf, mit dem er immer noch verbunden ist. Eine frühere Drogensucht hat er überwunden und lebt nun mit seiner großen Liebe Lady zusammen. Sie ist der Mittelpunkt seines Universums und mit ihr zusammen führt der Ex-Junkie mittlerweile ein bürgerliches Leben. Und Lady ist es, die ihn jetzt anstachelt, denn die Beförderung reicht der ehrgeizigen Leiterin eines edlen Casinos für die Oberschicht nicht. Zusammen mit Macbeth will sie die Macht über die Stadt. Sie überzeugt den angesehenen Ermittler von ihren intriganten Plänen, die nur mit der Beseitigung des derzeitigen Polizeichefs Duncan funktionieren.

Eine Einladung ins Casino wird für Duncan zur tödlichen Falle. Der erst zaudernde Macbeth ersticht ihn schließlich und es gelingt ihm, die Schuld dessen Leibwächtern in die Schuhe zu schieben. Danach geht das Morden aber erst richtig los, denn aus Angst vor Aufdeckung veranlasst er, eventuelle Mitwisser umzubringen. Es beginnt eine brutale Mordserie und Macbeth, der jetzt das Amt des Bürgermeisters anvisiert, geht machtbesessen und wie in einem Rausch über Leichen. Selbst enge Vertraute wie sein väterlicher Freund Banquo und dessen Sohn Fleance werden nicht verschont. Langjährige Weggefährten werden verstoßen, verjagt oder beseitigt. Dabei hängt Macbeth an den Fäden des Gangsters Hecate, der ihn unter anderem mit der Superdroge „Power“ manipuliert.

Jo Nesbø hält sich in seiner Adaption sehr eng an die Dramaturgie des Theaterstoffes und verwendet sogar bis in die Nebenrollen die Originalnamen.

Meine Meinung

Für mich als großer Fan von Nesbø war es ungewöhnlich, dass ich tatsächlich zum ersten Mal etwas Zeit brauchte, um in die Geschichte reinzukommen. Die Sprache ist einfach anders. Macbeths Wandel vom ehrbaren Ermittler zum blutrünstigen, Macht besessenen Despoten, von Shakespeare natürlich vorgegeben, konnte ich nicht so richtig nachvollziehen und ging mir auch zu abrupt. Nesbø erklärt das mit seiner früheren und wieder aufkommenden Drogensucht. Auch die Erscheinung des ermordeten Banquos wird mit einer Halluzination während eines Drogenrausches erklärt.

Aber dann habe ich die Lektüre sehr genossen und zum Schluss wird es noch sehr dramatisch und spannend. Nesbø ist sehr einfallsreich, wenn es um die Umsetzung von Schlüsselszenen aus der Vorlage geht. Ein besonderes Lesevergnügen entsteht, wenn man in Kenntnisnahme des Originals auf die raffinierten Bezüge achtet. Bei Shakespeare gibt es Traum ähnliche Sequenzen und Visionen und auch in der modernen Interpretation bleiben ein paar mystische Anklänge erhalten. Wenn bei Shakespeare drei Hexen mit ihren Prophezeiungen für übernatürliche Elemente sorgen, sind es bei Nesbø drei Schwestern, die in einer Drogenküche eine crackartige Substanz namens „Brew“ herstellen, von der ein Großteil der Bevölkerung abhängig ist. Die Wortführerin Strega prophezeit Macbeth, er werde bald Chief Commissioner und Banquos Sohn Fleance seine Nachfolge antreten. Hecate hat im Vergleich zum Original eine größere Rolle, lenkt als Drogenboss mit dem Spitznamen „Die unsichtbare Hand“ die Geschicke der Stadt aus dem Hintergrund.

„Ich verspreche Ihnen, den Menschen, der Ihnen auf Ihrem wunderschönen Kopf auch nur ein Härchen krümmen könnte, hat bisher keine Frau geboren. Und bevor nicht die alte Bertha wieder fährt, wird niemand Sie aus dem Amt drängen können. Genügt Ihnen das nicht als Zusicherung, Macbeth?“ (Seite 292)

Und wenn zum Schluss bei Shakespeare die herannahenden Truppen sich hinter tarnenden Ästen aus dem Wald von Birnam verbergen, um unbemerkt zum Schloss Dunsinane vorzudringen, setzt Nesbø die Prophezeiung sehr findig unter Verwendung der Museumslok Bertha Birnam um.

Fazit

Nesbø setzt den Theaterstoff Action geladen sowie gewaltexzessiv in Szene und adaptiert das Drama als richtigen Noir-Thriller. Nicht nur die Umschlaggestaltung ist schwarz und sehr düster. In dem heruntergekommenen Kaff passiert nichts mehr, versinnbildlicht durch eine stillgelegte Eisenbahnlinie. Klassische Spannungselemente wie permanent schlechtes Wetter verstärken die trostlose, bedrückende Atmosphäre. Manche Bilder wirken übertrieben, fast schon comicartig.

Auch in Shakespeares schwermütigen Tragödien geraten seine Figuren oft durch eigene Schuld in ausweglose Situationen und in den Abgrund. Macbeth ist eine Tragödie, die den Sturz der Weltordnung und ihrer Wiederherstellung zum Thema hat. Die gelungene Adaption Nesbøs funktioniert auch 400 Jahre später und beweist wie zeitlos Shakespeares Stoff ist.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Macbeth – Blut wird mit Blut bezahlt | Erschienen am 2018 im  Penguin-Verlag
ISBN 978-3-328-60017-6
624 Seiten | 24.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Nesbø-Thrillern Der Sohn und Durst sowie eine Lesungs-Review zu Blood on Snow

Haylen Beck | Ohne Spur

Haylen Beck | Ohne Spur

Sie trat an das Gitter, hielt sich mit den Händen daran fest und sah Whiteside an, der nur wenige Zentimeter entfernt auf der anderen Seite stand. „Bitte“, sagte sie und konnte das Zittern in ihrer Stimme nicht unterdrücken. „Ich habe alles getan, was Sie gesagt haben. Ich habe kooperiert. Bitte sagen Sie mir jetzt, wo meine Kinder sind.“ Whiteside erwiderte ihren Blick unbewegt. „Was für Kinder?“, fragte er. (Auszug Seite 52)

Audra Kinney ist auf der Flucht quer durch Arizona. Sie hat in New York Hals über Kopf ihre beiden kleinen Kinder ins Auto gepackt und will bei einer Freundin in San Diego unterkommen. Von ihrem Ehemann, der sie jahrelang psychisch wie physisch malträtiert hat, lebt sie getrennt. Doch er drohte, mit falschen Anschuldigungen, die sich auf Audras frühere Alkohol- und Drogensucht beziehen, ihr den 10-jährigen Sean und die 5-jährige Louise wegzunehmen und hatte die Jugendbehörde eingeschaltet.

Haylen Beck wechselt in kurzen Kapiteln zwischen den aktuellen Geschehnissen und Rückblenden in Audras Vergangenheit, die erklären, wie es zu ihrer Flucht kam. Audra stammt aus ärmlichen Verhältnissen und ihr reicher Ehemann und dessen Mutter haben sie das immer spüren lassen.

Roadtrip

Audra ist während der Fahrt sehr nervös und fürchtet hinter jeder Ecke Gefahr, zum Beispiel in Form von Beamten, die ihr Mann ihr auf den Hals hetzen könnte. Und tatsächlich wird sie in der Wüste von Arizona von einer Polizeistreife aufgrund einer Routinekontrolle angehalten. Als der Sheriff im Kofferraum ihres Wagens ein Päckchen Marihuana findet, beginnt für Audra ein schlimmer Albtraum. Trotz ihrer Unschuldsbeteuerungen wird sie wegen Drogenbesitzes verhaftet und ihre Kinder werden von einer dazu gerufenen Kollegin „an einen sicheren Ort“ gebracht. Es kommt aber noch schlimmer: Audra wird mit Handschellen gefesselt in den nächsten Ort Silver Water gebracht. Als sie nach ihren Kindern fragt, behaupten Sheriff Ronald Whiteside und Deputy Mary Collins, diese nie gesehen zu haben. Audra glaubt zuerst an ein schnell aufzuklärendes Missverständnis und vermutet später ihren Ehemann als Drahtzieher. Auch als sie verdächtigt wird, ihre Kinder getötet zu haben und das FBI eingeschaltet wird, um zu ermitteln, bleibt sie bei ihrer Version der Geschichte. In der Zwischenzeit schwappt eine Medienwelle über den kleinen Ort.

Ein sicherer Ort

Das fiktive Silver Water ist einer dieser abgewirtschafteten Orte in den USA, geprägt von hoher Arbeitslosigkeit. In dem unwirtlichen, tristen Städtchen in der Wüste Arizonas möchte man nicht tot über dem Zaun hängen. Früher lebte der ganze Bezirk von einer Kupfermine. Doch seit diese geschlossen wurde, ist aus der einst wohlhabenden Gegend eine trostlose, sterbende Siedlung geworden und wer kann, hat sich längst aus dem Staub gemacht und ist weggezogen. Die verbliebenen Einwohner leben von der Sozialhilfe und warten verbittert nur noch auf den Tod, wie der ganze Ort. Und so heißt es an einer Stelle:

„… Sie stehen im Moment womöglich auf dem ärmsten Fleck der Vereinigten Staaten, und ich soll hier für ein Butterbrot für Ordnung und Sicherheit sorgen.“ (Seite 123)

Die Beschreibungen der trockenen Landschaft mit der brütenden, unerträglichen Hitze in der kargen Vegetation fand ich sehr stimmig und atmosphärisch. Man sieht die Weite des Landes und die Unendlichkeit der Wüste bildlich vor sich. Von der ersten Seite an ist die permanente Bedrohung und verzweifelte Ausweglosigkeit, in der sich Audra befindet, spürbar. Die dramatischen Szenen, in denen sie der Sheriff anhält, sind packend und drehbuchreif geschildert. Hier hat der Thriller seine besten Momente während der Handlungsstrang in Audras Vergangenheit dagegen nichts Neues erzählt.

Darknet

Im weit entfernten San Francisco sieht derweil der chinesisch-stämmige Danny Lee in den Fernsehnachrichten einen Bericht über die verschwundenen Kinder und die mutmaßliche Mörderin, ihre Mutter Audra Kinney. Erinnerungen werden wach an seine verschwundene Tochter vor einigen Jahren. Die Hintergründe ähneln sich und so macht sich Danny Lee auf den Weg nach Silver Water.

An dieser Stelle wird schnell klar, in welche Richtung der Plot geht und das fand ich etwas schade. Der Thriller wurde dadurch für mich ein bisschen vorhersehbar und zum Schluss hin auch etwas konstruiert und krankt auch daran, dass man als Leser immer einen Wissensvorsprung zu den Ermittlungen hat.

Bei dem Thriller Ohne Spur von Haylen Beck handelt es sich um leichtgängige und kurzweilige Unterhaltung ohne besonderen Tiefgang. Da macht es auch fast gar nichts, dass die Charaktere nur unzureichend ausgearbeitet wurden. Mit Ausnahme vielleicht des skrupellosen Sheriffs, den ich als sehr gelungen empfand. Der solide und souverän erzählte Thriller ist flüssig und schnell zu lesen und weiß absolut zu fesseln. Haylen Beck gewährt einen Einblick in wirklich verabscheuungswürdige Machenschaften – Stichwort Darknet – ohne darüber genau ins Detail zu gehen oder den Leser mit zu drastischen Einzelheiten zu quälen.

Haylen Beck ist das Pseudonym des nordirischen Autors Stuart Neville. Seit 2009 ist er regelmäßig in Arizona unterwegs. Ihn fasziniert die Wüste, die er als Gegenteil seiner regnerischen und grünen Heimat Irland empfindet. Den nächsten Thriller hat der Vater von zwei Kindern schon fertig und es soll hauptsächlich wieder um Elternschaft gehen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Ohne Spur | Erschienen am 21. September 2018 bei dtv
ISBN 978-3-423-21764-4
384 Seiten | 9.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Fred Vargas | Der Zorn der Einsiedlerin

Fred Vargas | Der Zorn der Einsiedlerin

„Nehmen wir an, unser Mörder hat sich eine kleine Sammlung von Einsiedlerspinnen zugelegt. Er packt zwei oder vier davon in einen Schuh, in eine Hose – Hose ist gut, denn da bleiben sie hängen -, in eine Socke oder in das Bett des Alten, und es gibt große Chancen, dass der Mann sie quetscht und sie ihn beißen.“
„Das Problem ist nur“, sagte Adamsberg, „dass man bei zwei von den Todesfällen weiß, dass der Biss der Spinne draußen im Freien erfolgte.“ „Scheiße“, sagte Voisenet. (Auszug Seite 172)

Mord durch Spinnenbisse

Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg genießt eine Auszeit in Island und es passt ihm gar nicht, als er offiziell nach Paris zurück beordert wird. Ein ungeklärter Mordfall, bei dem eine Frau überfahren wurde, wird dann auch ziemlich schnell im Vorbeigehen geklärt. Vielmehr interessiert den Kommissar die zufällig aufgeschnappte Nachricht vom Tode mehrerer Senioren in Südfrankreich. Dass die alten Männer aufgrund von Spinnenbissen der braunen Einsiedlerspinne verstarben, lässt ihn nicht mehr los. Ja es packt den verschrobenen Kommissar eigenartigerweise am Nacken und versetzt ihn in unerklärliche Unruhe. Der wunderbar versponnene Adamsberg, der statt rational lieber mit psychologischem Gespür an die Fälle herangeht, beobachtet noch kleinste Details, ermittelt hauptsächlich intuitiv und zieht daraus die richtigen Schlüsse. Er vermutet eine Mordserie mittels Spinnenbissen. Dabei ist das schon rein statistisch gar nicht möglich. Außerdem ist die braune Einsiedlerspinne, wie der Name schon vermuten lässt, ein sehr scheues Wesen, das sich in dunklen Ecken versteckt.

Adamsberg gegen die Brigade

Adamsberg recherchiert die Umstände erst mal hinter den Kulissen, da er von den Mitarbeitern der Brigade criminelle im 13. Arrondissement von Paris kaum Unterstützung erfährt. Er kann nur einige wenige Kollegen, wie Louis Veyrenc mit den rostroten Haarspitzen, der wie Adamsberg aus einem kleinen Pyrenäendorf stammt und ihn noch am besten versteht, auf seine Seite ziehen. Ausgerechnet sein Stellvertreter Adrien Danglard versucht einen Keil ins Team zu treiben, in dem er immer wieder die Ermittlungen blockiert und seinen Chef der Lächerlichkeit preisgibt. Die Stimmung im Kommissariat ist in diesem elften Band dadurch sehr angespannt. Die Zwietracht zwischen Adamsberg und seinem Freund und engstem Vertrauten Commandant Danglard mit dem enzyklopädischen Wissen fand ich sehr betrüblich, sorgt aber auch für einen realistischen Anstrich und bringt einen weiteren spannenden Aspekt ins Spiel.

Mobbing mit schlimmen Folgen

Während im Internet hitzige Diskussionen um die zunehmende Gefährlichkeit von Spinnen entbrennen und man beunruhigt über die Häufung der Todesfälle spekuliert, nimmt Adamsberg Kontakt zu einem Arachnologen auf. Er verbeißt sich in den Fall, gräbt immer tiefer und muss sich auch seiner eigenen Vergangenheit stellen. Die Spur führt in ein längst geschlossenes Waisenhaus in der Nähe von Nîmes, in dem in den 40er Jahren eine Bande grausamer Jugendlicher andere Kinder mit sadistischen Spielchen quälte, die lebenslange Schäden zur Folge hatten. Doch die Spur einer verspäteten Rache entpuppt sich als Sackgasse.

„1944 bis 1947. Das heißt zweiundsiebzig Spinnengenerationen vor den heutigen.“ „ Rechnen wir die Zeit jetzt in Spinnengenerationen?“, fragte Danglard. „ Und warum nicht?“ (Seite 226)

Als Lieutenant Froissy, die Computerexpertin der Brigade von einem Nachbarn sexuell belästigt wird, aber aus Scham keine Anzeige erstattet, zieht Adamsberg den Vergewaltiger aus dem Verkehr. Mit welcher Lässigkeit er diesen zur Strecke bringt und dass es ihm so wichtig ist, dass Froissy davon nichts mitbekommt, hat mich sehr berührt und für ihn eingenommen. Überhaupt die Brigade. Die schrulligen Gestalten werden so liebenswert mit allerlei Skurrilitäten gezeichnet, ich hatte das Gefühl alte und liebgewonnene Bekannte wiederzutreffen. Das hat mit der Realität natürlich nicht viel zu tun. Ich kann mir jedenfalls keine Dienststelle vorstellen, in dem das Maskottchen der Brigade, ein lebensuntüchtiger fetter Kater namens Die Kugel ständig auf dem Kopierer liegt, in dem eine Kollegin unverhältnismäßig viel Nahrung hortet oder ein anderer alle paar Stunden in den Tiefschlaf fällt. Aber alle haben auch ihre Stärken und werden genau dort eingesetzt, wo sie diese am besten entfalten können.

Und wenn dann die Ermittlungen stocken, und das tun sie oft, dann geht man ins Restaurant und isst erst mal Gabure, ein traditionelles Arme-Leute-Eintopfgericht aus den Pyrenäen und wenn dann noch mit einer Ernsthaftigkeit eine Amselfamilie gerettet wird, würde ich in jedem anderen Kriminalroman die Augen verdrehen. Aber hier ist alles stimmig, wird mit so viel absurdem Charme erzählt und ich kann nur jubilieren und Beifall klatschen!

Bis zum zugegeben etwas konstruierten Schluss wirft die französischen Autorin noch mit verschiedenen Nebelkerzen und führt den Leser sowie Adamsberg auf Irrwege während seines unkonventionellen Weges der Ermittlung.

Mystik und Zoologie

Wer einen realistischen Polizeiroman lesen will und viel Wert auf Plausibilität und Logik legt, ist mit der Schriftstellerin Fred Vargas nicht gut bedient. Aber wer ein Faible für phantasievolle Fabulierlust fernab vom Mainstream und Dutzendware mit wunderbar pointierten Dialogen hat, der sollte zugreifen. Vargas hat einen ganz eigenen literarischen Schreibstil. Die Historikerin, Mittelalterarchäologin und Archäozoologin verbindet den spannenden Kriminalfall mit mystischen Elementen und in diesem speziellen Fall auch noch mit Zoologie, denn es kommen außer Spinnen auch noch Totenkäfer, Tauben und Amseln vor. Sie bietet dem Leser einige Details zur Historie in dem sie die Geschichte der Einsiedlerinnen im Mittelalter streift. Dabei verliert sie nie ihren scharfen Blick auf die gesellschaftliche Realität, denn es geht um Gewalt gegen Frauen, um Vergewaltigung, um Kindesmissbrauch und die damit zusammenhängende Sprachlosigkeit, alles ohne große Effekthascherei geschildert.

Vargas unterhält mit poetischer Sprache und nicht zuletzt mit augenzwinkerndem Humor, der oft in den schrägen Dialogen aufblitzt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Zorn der Einsiedlerin | Erschienen am 29. Oktober 2018 bei Limes
ISBN 978-3-8090-2693-8
512 Seiten | 23.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Kurzrezension zu Fred Vargas Roman Das barmherzige Fallbeil

Jahresrückblick 2018 | Gunnar, Andy und Andrea

Jahresrückblick 2018 | Gunnar, Andy und Andrea

Gunnars beste Krimis des Jahres 2018

Da sich in diesem Jahr mein Computer mit meiner Jahresstatistik verabschiedet hat, ohne dass ich eine Kopie gezogen hätte, komme ich diesmal direkt zur Sache und küre meine Lieblingskrimis 2018 (in die Auswahl kommen wie immer nur die, die in 2018 veröffentlicht wurden).

Sehr zu empfehlen, aber nicht auf dem Treppchen:

André Georgi | Die letzte Terroristin

Deutschland 1991: Der Treuhandchef hat nicht nur einen undankbaren Job, sondern nährt eine Schlange an seiner Brust, denn seine persönliche Assistentin gehört zur RAF. Deutsche Geschichte mit eigenem Blick clever erzählt und mit scharfem Blick für die Figuren und die damaligen deutsch-deutschen Realitäten.

Claudia Piñeiro | Der Privatsekretär

Argentinien: Ein junger Mann heuert bei einer populistischen Partei an und wird ohne es zu merken, Teil eines perfiden Plans. Sehr überzeugend konzipierter Thriller, mit Einblick in die Mechanismen der Macht und Hegels Dialektik von Herr und Knecht. Am Ende gibt es die argentinische Version vom Manneken Pis – großartig!

Antti Tuomainen | Die letzten Meter bis zum Friedhof 

Finnische Provinz: Jaakko ist am Ende, sein Betrieb von Konkurrenten bedroht, von der Frau betrogen, von irgendjemand schleichend tödlich vergiftet. Doch noch ist nicht aller Tage Abend und Jaakko schlägt zurück. „Mushroom Business is a bloody business“: Skurriler, melancholischer, feinsinniger Krimihumor aus Finnland.

Hideo Yokoyama | 64

Japan, Präfektur D: Ein alter Vermisstenfall wird kurz vor der Verjährung wieder aus der Versenkung geholt und damit die Machtspiele innerhalb des Präsidiums befeuert. Mittendrin der Pressedirektor Mikami. Üppiges, beeindruckendes Epos über Macht, Pflicht, Loyalität und Verhaltensrituale in Japan. Und fast nebenbei ein kniffliger Kriminalfall.

Dominique Manotti | Kesseltreiben

Paris: Ein Topmanager wegen Korruption in den USA verhaftet, ein verschwundener Kronzeuge, eine sich anbahnende feindliche Unternehmensübernahme, eine unterbesetzte Ermittlungseinheit. Frei basierend auf der Übernahme Alstoms durch General Electric. So geht Wirtschaftskrieg heute. Gewohnt präzise und schnörkellos.

Thomas Mullen | Dark Town

Atlanta, 1948: Die ersten acht schwarzen Polizisten im Atlanta Police Department. Von den weißen Kollegen geschnitten und verhöhnt. Dazu ein Mord ein einer jungen Schwarzen, der niemanden interessiert. Ein starker historischer Polizeiroman, allerdings schwer verdaulich. Der Rassismus trieft aus allen Poren dieser Geschichte.

Tom Hillenbrand | Hologrammatica

London, 2088: Ein moderner „Private Eye“ ermittelt in der holografisch renovierten Zukunft. Sehr starker Sci-Fi-Thriller über KI. Alles weitere dazu bei Andy.

Und nun meine drei Favoriten für 2018:

Ian McGuire | Nordwasser

Hull/Nordwestatlantik 1859: Ein Walfänger auf seiner letzten Fahrt, ohne dass die Crew davon weiß. Ein Schiffsjunge wird missbraucht, ermordet. Der Schiffarzt ahnt, wer es wer, doch der Maschinist ist ein skrupelloser Gegner. Ein knallharter Roman über den Kampf zwischen Gut und Böse. Joseph Conrad trifft Herman Melville. Eindrucksvoll.

Denise Mina | Blut Salz Wasser

Helensburgh/Glasgow: Schottland vor dem Unabhängigkeitsreferendum. Ein Mord am Loch Lomond, eine verschwundene Geldwäscherin und der Kampf der Polizeibehörden um Drogengelder. Ein Mörder als traurigste Gestalt der Geschichte. Ein verzwickter Fall, dessen Auflösung am Ende bitter schmeckt. Faszinierend komponierter Krimi und Gesellschaftsroman, virtuos erzählt.

Tom Franklin | Krumme Type, krumme Type

Chabot, Mississippi: Der Außenseiter Larry Ott wird 25 Jahre nach Verschwinden seines Dates erneut für ein vermisstes Mädchen verantwortlich gemacht. Doch der schwarze Constable glaubt nicht daran, weil ihn ein kurzer Sommer der Freundschaft (die bitter zerbrach) mit Ott verbindet. Eine wunderbarer Plot, behutsam erzählt, großartige, tragische Protagonisten. Sensationelle Südstaatengeschichte. Mein Buch des Jahres!

 

Andys Top 3 des Jahres 2018

2018 war das Jahr der Serien für mich. Ich habe einige Reihen kennen gelernt, die ich unbedingt komplettieren möchte. Da ist zum Beispiel Simone Buchholz und ihre Krimi-Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastitiy Riley. Nach der Lektüre von Mexikoring, dem 8. Band habe ich mir gleich die ersten Teile besorgt.

Die Amerikanerin von Deon Meyer brachte mir die Reihe um Bennie Griessel und Vaughn Cupido näher, die ich tatsächlich noch nicht kannte und gleich den Wunsch weckte, alle Teile zu lesen.

Im November war ich bei einer Lesung von Volker Kutscher, der den 7. Band seiner Gereon-Rath-Reihe vorstellte. „Marlow“ liegt hier noch ungelesen und dafür habe ich mir erst mal einige ältere Teile als Hörbücher geholt. Und zum Jahresende entdeckte ich beim Lesen von „Der Zorn der Einsiedlerin“, dass Fred Vargas nichts von ihrer Faszination verloren hat. Das hatte ich ein wenig aus den Augen verloren und so habe ich mir den Vorgängerband als Hörbuch besorgt.

Wenn man so viel liest und hört, reicht Spannung und Unterhaltungswert schon lange nicht mehr aus und so sind meine drei Top-Bücher 2018 etwas ganz Besonderes:

Mick Herron | Slow Horses

Ich war wirklich begeistert von dem Auftaktband des britischen Autors Mick Herron, welchen ich während unseres langen Spionagewochenendes las. Die lahmen Gäule, das ist eine Truppe ausgemusterter Geheimdienstler in London. Die in einem heruntergekommenen Gebäude abgeschobenen Looser werden nur noch mit langweiligen Routinearbeiten betraut. Das ändert sich, als ein junger Pakistani entführt wird, dessen Enthauptung live im Netz gezeigt werden soll. Die Geschichte, die immer wieder überraschende Volten schlägt, wird mit so viel trockenem Witz und großartig pointierten Dialogen erzählt, dass ich bei einem weiteren Band auf jeden Fall wieder dabei wäre. In Großbritannien sind bereits fünf Teile der mehrfach ausgezeichneten Spionageserie erschienen.

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Ich war schlichtweg begeistert von diesem raffiniert konstruierten Thriller, der ganz ohne große Action oder Blutvergießen auskommt. Auch nach dem Lesen während unseres Mini-Spezials Japan habe ich diese außergewöhnliche Geschichte nicht so schnell vergessen. Am Anfang steht der Mord an einem Pfandleiher an dem sich der ehrgeizige Kommissar Sasagaki die Zähne ausbeißt. In den nächsten Kapiteln ist dann von dem Kommissar nicht mehr die Rede. Stattdessen schildert der Autor sehr ausführlich und detailliert die Lebenswege von Ryo Kirihara, dem 11-jährigen Sohn des Pfandleihers und der gleichaltrigen, hübschen Yukiho über einen Zeitraum von fast 20 Jahren. Dabei ist jedes Kapitel eine kleine, abgeschlossene Kurzgeschichte und ermöglicht einen Einblick in die japanische Kultur. Erst ganz langsam fügen sich die Puzzlestücke um zwei rücksichtslose Intriganten zu einem Bild zusammen.

Tom Hillenbrand | Hologrammatica

Hillenbrand hat eine rasante Zukunftsvision erschaffen, die ich verschlungen habe. Der Autor überraschte schon vor einiger Zeit mit seinem futuristischen Krimi Drohnenland. Nun legte er mit Hologrammatica nach und schuf mit großem Einfallsreichtum und überbordender Phantasie ein absolut glaubhaftes Setting im Jahr 2088, dem man anmerkt, wie sehr ihm die von ihm kreierte Welt am Herzen liegt. Große Völkerwanderungen und die Möglichkeit seinen Körper zu wechseln ermöglichen es vielen Menschen zu verschwinden. Ein gutes Geschäft für Privatdetektive. Ein solcher ist Galahad Singh, ein sympathischer und kluger Mann mit indischen Wurzeln und der Ich-Erzähler dieses Romans. Er soll eine verschwundene Computerexpertin suchen und begibt sich dabei in große Gefahr. Ich liebe diese komplexe Story, die Hillenbrand rasant mit vielen überraschenden Wendungen sowie trockenen Humoreinschüben erzählt. Dabei ist es nicht nur eine klassische Detektivgeschichte eingebettet in einen abgefahrenen Si-Fi-Thriller. Es geht auch um die ganz großen Themen, wie den uralten Traum der Menschheit nach Unsterblichkeit.

 

Andreas Top Titel 2018

Megan Miranda | Tick Tack – Wie lange kannst du lügen

Nicolette kümmert sich um den Verkauf ihres Elternhauses, als eine Frau spurlos verschwindet. So einen Fall gab es vor zehn Jahren schon mal, damals ist Nics beste Freundin verschollen. Wiederholt sich die Geschichte nun? Das besondere an diesem Buch ist, dass es von hinten nach vorne erzählt wird. Dadurch hatte ich ein völlig neues Leseerlebnis, bei dem ich manchmal ganz schön umdenken musste.

Brenda Novak | Ich töte dich

Evelyn Talbot arbeitet in Alaska in einem Gefängnis mit Psychopathen, die sie erforscht. Dann werden Leichenteile gefunden und Evelyn befürchtet, dass ihr Ex-Freund Jasper, der sie vor Jahren eingesperrt und vergewaltigt hat, zurückgekehrt ist und sie nun endgültig töten will. Spannung wird durch die erschwerten Bedingungen der Ermittlung in Alaska aufgebaut. Außerdem kann das Ende punkten, in dem das „Ruder erneut herumgerissen“ wird, nachdem ich als Leser schon geglaubt habe, dass alles gut werden wird.

Ellen Sandberg | Die Vergessenen

Die Nichte von Vera erleidet einen Schlaganfall und Vera erfährt von geheimen Unterlagen, die ein Verbrechen aus dem zweiten Weltkrieg aufdecken. Auch Manolis Lefteris, ein Mann für besondere Aufträge, wurde auf diese Akten angesetzt. Kann das Geheimnis nach so langer Zeit gelüftet werden? Ein wahrer Pageturner, der nicht nur spannend, sondern auch interessant ist. Unterhaltungsliteratur trifft Geschichte.

Tim Herden | Schwarzer Peter

Der Unternehmer Werner Gilde stirbt und Witwe und Sohn beschuldigen sich gegenseitig dafür verantwortlich zu sein. Dann kommt es zu einem weiteren Todesfall. Stefan Rieder und Ole Damp ermitteln, ob es sich in beiden Fällen um Mord handelt. Ich liebe die wahren Schauplätze auf der Insel Hiddensee und habe die Geschichte auch deshalb verschlungen. Leider scheint das der letzte Fall der beiden Ermittler gewesen zu sein.

Dashiell Hammett | Der Malteser Falke

Dashiell Hammett | Der Malteser Falke

Unter Schmerzen preßte Cairo durch die Zähne: „Ich hätte Sie erschießen können, Mr. Spade!“ „Sie hätten es versuchen können“, räumte Spade ein. „Ich habe es nicht versucht.“ „Ich weiß.“ „Warum haben Sie mich dann geschlagen, nachdem ich entwaffnet war?“ „Tut mir leid“, sagte Spade mit einem wölfischen Grinsen, das seine Backenzähne sehen ließ, „aber stellen Sie sich meine Bestürzung vor, als ich feststellen mußte, daß ihr Fünftausend-Dollar-Angebot nur aus Luft besteht.“ „Da irren Sie sich, Mr. Spade. Das war und ist weiterhin ein ehrliches Angebot.“ (Auszug Seite 55)

Ende der 20er Jahre betreibt Samuel Spade zusammen mit seinem Partner Miles Archer in San Francisco eine Privatdetektei. Eines Tages werden sie von der attraktiven Miss Wonderley konsultiert, die sich Sorgen um ihre Schwester macht, da diese angeblich mit einem ziemlich windigen Typen namens Fred Thursby durchgebrannt sei. Das hört sich nach einem harmlosen aber gut bezahlten Routinefall an und so übernimmt Archer noch am gleichen Abend die Observierung von Thursby. Mitten in der Nacht erfährt Sam Spade durch die Polizei, dass sein Partner erschossen wurde. Noch während Spade am Fundort der Leiche eintrifft, wird auch Thursby ermordet aufgefunden.

Was führt die schöne Rothaarige im Schilde?

Sam verärgert die Polizei, da er nicht kooperieren und den Namen der Auftraggeberin verraten will. Währenddessen befürchtet Miles‘ Witwe Iva Archer, mit der Sam hinter Miles Rücken ein Verhältnis hatte, er habe Miles umgebracht, um mit ihr zusammen sein zu können.

Spade sucht seine Klientin im Hotel auf, die ihm sofort gesteht, die Geschichte mit ihrer Schwester erfunden zu haben. Ihr richtiger Name wäre Brigid O’Shaughnessy und sie wäre vor kurzem mit Thursby aus Hongkong gekommen. Die attraktive Rothaarige scheint vor irgendetwas Angst zu haben, rückt aber nicht richtig mit der Sprache raus und macht Spade schöne Augen, damit er ihr hilft.

In seinem Büro erhält Spade Besuch von dem geheimnisvollen, halbseidenen Joel Cairo. Dieser bietet ihm 5.000 US-Dollar für die Beschaffung einer gestohlenen circa 30 cm großen Figur eines schwarzen Vogels an, die Cairo im Besitz von Brigid O’Shaughnessy vermutet.

Wo ist der Vogel ?

Spade wird schon seit einiger Zeit von einem jungen Mann beschattet. Er stellt den Verfolger zur Rede und wird kurz darauf von dessen Boss angerufen und um ein Treffen ins Hotel Alexandria gebeten. Caspar „ G“ Gutman ist ebenfalls hinter der offenbar sehr wertvollen Vogelstatuette her. Nach kurzem Zögern verrät G ihm die Geschichte hinter dem Falken. Es handelt sich um ein Geschenk des Malteserordens im 16. Jahrhundert an den damaligen König von Schweden. Die mit kostbaren Edelsteinen und Juwelen verzierte Goldstatue wurde mit schwarzer Emailleschicht bedeckt, um den Wert zu verbergen. Gutman jagt schon seit 17 Jahren wie besessen hinter dem Malteser Falken her und verspricht Spade die hohe Summe von 10.000,00 US-Dollar für das Auftreiben des Falken. Und der gewiefte Detektiv blufft, spielt mit und lässt sich nicht in die Karten schauen.

Während aus einer anfangs harmlos scheinenden Observation eine mörderische Jagd nach einer wertvollen Statue wird, verirrt sich der Erzählfaden teilweise im Gewirr der undurchschaubaren Figuren. Am Schluss kommt es bei der Aufklärung der Morde noch zu einigen Überraschungen.

Der unterhaltsame Krimi ist kurzweilig aber nicht rasend spannend, dafür fehlt es an Dramatik. Er lebt von dem kontroversen Aufeinandertreffen seiner Figuren und der Fokussierung auf seine Hauptfigur. Die trockenen, sprachlich knappen Dialoge ziehen sich teilweise in die Länge. Obwohl Hammett sich nicht in ausschweifenden Beschreibungen verliert, wird die Atmosphäre der 30er Jahre gut eingefangen.

Wer ist Sam Spade?

Dashiell Hammett erzählt die Geschichte komplett aus der Perspektive seines Helden Sam Spade. Trotzdem wird dem Leser kein Einblick in die Gefühlswelt des Detektivs präsentiert, so dass man dem Protagonisten nie wirklich nahe kommt. Man weiß nicht, was man von ihm halten soll. Die Ermordung seines Partners scheint ihn nicht zu kümmern, mit Miss O’Shaughnessy beginnt er eine Affäre, aber ob er ihr glaubt, kann man nur vermuten. Dagegen nimmt die Beschreibung der äußerlichen Kennzeichen wie zum Beispiel Gestik und Mimik übertrieben viel Raum ein. Sam wird als umgänglicher, blonder Satan beschrieben, dessen Gesicht aus lauter V’s besteht und der mit gelbgrauen Augen ein wölfisches Lächeln zeigt, dagegen wechselt seine Hautfarbe ins Gelbliche, wenn er wütend wird. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit Humphrey Bogart vor Augen. Dabei ist die kongeniale Kinoversion von John Huston aus dem Jahre 1931 bereits die dritte Verfilmung des Stoffes. Und für Bogart war es die Rolle, die ihn zum Kultstar machte.

Mit der Figur des Samuel Spade hat Dashiell Hammett eine unvergessliche Figur erschaffen, praktisch den Archetyp des hartgesottenen, coolen Privatdetektivs in Literatur und Film. Ein zynischer Einzelgänger ohne Illusionen, der niemandem traut. Er ist viel zu schlau, um sich manipulieren zu lassen und laviert opportun zwischen den Parteien.

Heute wirkt das vom Autor kreierte Figurenpersonal klischeehaft, aber zu seiner Zeit hat Hammett Maßstäbe gesetzt, denn zum ersten Mal waren die Charaktere alle rücksichtslos und konnten nicht einfach in Gut und Böse aufgeteilt werden. In einer skrupellosen Gesellschaft sind die habgierige Figuren in Der Malteser Falke nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, lügen und betrügen. Die düstere Bild- und Figurenwelt sowie die pessimistische Grundstimmung als Unterschied zum klassischen englischen Krimi revolutionierte in den 30er Jahren den Detektivroman. Ein Klassiker mit knapp 230 Seiten, den ich gerne gelesen habe!

Dashiell Hammett wurde 1894 in Maryland geboren. Mit 13 Jahren arbeitete er bereits in einer Detektivagentur, kann also aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Er gilt neben Raymond Chandler als stilbildend für das Genre des Detektivromans und als Begründer der hardboiled Novel. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei geriet er in die Mühlen der McCarthy-Ära. Seine Aussagen vor dem McCarthy-Ausschuss 1953 wurden im Fernsehen übertragen. Er saß im Gefängnis und verstarb verarmt im Jahre 1961.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Malteser Falke | Erstveröffentlichung …
Die aktuelle Ausgabe erschien am 1. Mai 2004 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-20131-4
240 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.