Kategorie: Andy Ruhr

Michael Robotham | Die andere Frau

Michael Robotham | Die andere Frau

„Man hat ihn aus der Anwaltskammer ausgeschlossen, weil er eine Zeugenaussage manipuliert hat. Es hat Jahre gedauert, bis er seine Zulassung zurückbekommen hat. William hatte seine Ladys, und Kenneth hatte seine Demütigungen.“ „Wen meinst du mit ‚Ladys‘? „Olivia Blackmore natürlich.“ „Gab es weitere?“ (Auszug Seite 264)

Der angesehene Psychologe Joe O’Loughlin eilt ins St. Mary’s Hospital in London. Sein 80-jähriger Vater liegt nach einem unglücklichen Treppensturz mit schweren Kopfverletzungen auf der Intensivstation und wurde ins künstliche Koma versetzt. Im Krankenhaus macht Joe einige verstörende Entdeckungen: Sein Vater, der renommierte Arzt William O’Loughlin, zeigt Spuren schwerster Misshandlungen und wurde offenbar brutal überfallen. Und am Krankenbett sitzt eine ihm unbekannte Frau, die behauptet seit Jahren mit William verheiratet zu sein. Olivia Blackmore lebt angeblich mit ihm in einem Haus im Londoner Stadtteil Chiswick. Joe kann nicht fassen, dass sein Vater, der seit fast 60 Jahren mit seiner Mutter verheiratet ist und mit ihr mittlerweile zurückgezogen in Wales lebt, tatsächlich ein Doppelleben führt.

Die Polizei ermittelt in einem Fall von schwerer Körperverletzung, aber nachdem der ermittelnde Beamte DI Stuart Macdermid nicht mit Joe kooperieren möchte, stellt dieser seine eigenen Nachforschungen an. Um ein mögliches Motiv für den brutalen Überfall zu finden, recherchiert Joe gegen den Willen der Polizei auf eigene Faust.

Ein ganz persönlicher Fall

Noch mysteriöser wird der Fall, als Joes Töchter von Olivias psychisch krankem Sohn Ewan bedroht werden. Joe bittet seinen Freund Vincent Ruiz um Unterstützung und dieser rettet ihn aus einigen brenzligen Situationen und gemeinsam versuchen sie die Wahrheit über das Doppelleben seines Vaters herauszufinden. Obendrein muss Joe durch den neuen Schatzmeister der O’Loughlin-Stiftung erfahren, dass es in der Vergangenheit zu großen finanziellen Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Joe wird immer klarer, dass sowohl Williams Vergangenheit als Arzt wie auch seine Rolle als Vorsitzender der Foundation eine wichtige Bedeutung für die aktuellen Ereignisse haben. Und was verschweigt die Anwaltsfamilie Kenneth Passage, mit der Joes Familie seit einer gefühlten Ewigkeit befreundet ist?

Der elfte Teil der Reihe um den forensischen Psychologen Joe O’Loughlin ist sein persönlichster Fall. Er wird diesmal nicht als Profiler zur Unterstützung durch die Polizei herangezogen, sondern ermittelt in eigener Sache. Der Expolizist Vincent Ruiz arbeitet inzwischen als Ermittler für Unternehmensbetrug und außer, dass dieser Aspekt die Handlung an einer Stelle weiter bringt, spielt er diesmal nur als Randfigur mit. Dabei macht der Psychologe grade eine schwere Zeit durch. Nach dem Tod seiner Frau ist er mit den beiden Töchtern in den Londoner Norden gezogen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Während Charlie in Oxford studiert, leidet besonders die jüngere Emma unter dem Verlust der Mutter. Die 12-Jährige zieht sich immer mehr in sich zurück und macht es dem alleinerziehenden Vater schwer, an sie ran zukommen. Außerdem macht ihm seine Parkinson-Erkrankung wieder sehr zu schaffen und stellt die Bewältigung des Alltags vor große Herausforderungen.

Gottes Leibarzt im Wartestand

Der Thriller beschäftigt sich in großen Teilen mit dem schwierigen Verhältnis von Joe zu seinem Vater, welches in vielen Rückblenden beleuchtet wird. Dadurch gewinnt der Psychologe einige schmerzliche Erkenntnisse und beginnt diese zu reflektieren. Auch der Leser erhält einen tiefen Einblick in das private Umfeld des Protagonisten und entwickelt dadurch eine emotionale Nähe zu dem Helden. Die interessanten Rückblicke machten die Figur des dominanten Vaters, der seine Gefühle nicht zeigen konnte, für mich sehr greifbar. Sein ganzes Leben lang hatte Joe versucht, seinen unterkühlten Vater zu beeindrucken sowie seine Liebe und Zuneigung zu gewinnen. Da er beruflich nicht in Williams Fußstapfen getreten ist, hatte er das Gefühl, dass ihm das nicht gelungen ist. Bei seiner Spurensuche in die Vergangenheit kommen Tatsachen zu Tage, die aber das hehre Bild seines Vaters wanken lassen. Der brillante Chirurg war bei weitem nicht unfehlbar.

Mein Vater hat nichts Leichtes, Spielerisches oder Schelmisches. Ich kann mich nicht erinnern, dass er irgendwann in meiner Kindheit Liedchen gesungen, Tänzchen aufgeführt oder herumgealbert hat. Er hat uns nicht durch den Garten gejagt, mit uns Verstecken gespielt oder auch nur mal mit lustig verstellter Stimme gesprochen. (Seite 30)

Der vorliegende Roman ist mehr Familiendrama als Psychothriller und punktet nicht mit atemlosen Thrill, sondern zieht seine Spannung aus den sukzessiven Enthüllungen der Beziehungen und Geschehnissen der Vergangenheit. Stattdessen hat der Autor mich von der ersten Seite an mit seinem empathischen, feinen Schreibstil sowie sensiblen Personenzeichnungen gefangen und blendend unterhalten. Der Ton ist nie reißerisch, sondern nachdenklich und fast melancholisch. Der Leser weiß nie mehr als der Ich-Erzähler Joe, sieht alles durch seine Augen und deckt mit ihm gemeinsam die teilweise bizarren Geheimnisse auf. Obwohl hier für einen Thriller, und „Psychothriller“ steht schließlich drauf, die spannungserzeugenden Aspekte wie Suspensekurve, durchgehender Thrill, Rasanz usw. fehlen, vergebe ich für Die andere Frau 4.0 von 5.0 Punkten.

Der australische Krimiautor Michael Robotham versteht einfach sein Handwerk, er erfindet den Thriller nicht neu, macht aber einfach Spaß. Joe O’Loughlin ist vielleicht sein wichtigster Charakter. Er ist seit seinem Debüt Adrenalin bei ihm und wahrscheinlich auch sein autobiografischster. Mit seinem Sinn für Humor und seinem Gespür für soziale Gerechtigkeit ähnelt sein Alter Ego dem dreifachen Familienvater Robotham, ist aber natürlich viel cleverer und smarter, sozusagen Michael Robotham 2.0. Er hat mit seinem Helden O’Loughlin einen authentischen Typen mit Tiefgang geschaffen, der durch seine Krankheit Parkinson verletzlich und nahbar wirkt. Der Autor ist sich aber nicht sicher, ob er ihn noch mal mit der Krankheit schlagen würde.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die andere Frau | Erschienen am 27. Dezember 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31504-8
480 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Stephen King | Der Outsider ♬

Stephen King | Der Outsider ♬

Wie in vielen seiner Geschichten entführt Stephen King den Hörer wieder ins amerikanische Kleinstadtmilieu und wie so oft kommt das Grauen von innen. Hier in dem fiktiven Flint City in Oklahoma wird in einem Stadtpark die Leiche eines kleinen Jungen gefunden.

Coach T als Kindsmörder

Kurz darauf wird der geschätzte Jugendtrainer und Englischlehrer Terry Maitland während eines Baseballspiels verhaftet und vor allen Zuschauern einschließlich seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Handschellen abgeführt. Die drastischen Vorwürfe scheinen das medienwirksame Spektakel zu rechtfertigen: Der Coach soll den elfjährigen Frank Peterson sexuell missbraucht, grausam ermordet und sogar zerstückelt haben. Die Beweise sind erdrückend: Mehrere Zeugen haben Maitland mit blutverschmierter Kleidung in der Nähe des Tatorts gesehen und eindeutig identifiziert. An dem Lieferwagen, mit dem der Junge entführt wurde, finden sich Maitlands Fingerabdrücke. Als später auch seine DNA auf der Leiche des Opfers eindeutig festgestellt wird, besteht für den ansässigen Detective Ralph Anderson absolut kein Zweifel mehr an der Schuld des kumpelhaften Coach. Dass dieser auch seinen halbwüchsigen Sohn Derek trainierte plus die Abscheulichkeit des Verbrechens sorgte für zusätzlichen Druck und lassen Anderson nicht mehr sachlich agieren.

Der beliebte Coach T bestreitet die Tat auch nach seiner Verhaftung vehement. Er kann zur allgemeinen Verwunderung ein unwiderlegbares Alibi vorweisen, denn zur fraglichen Zeit war er mit mehreren Kollegen auf einer Tagung in einer anderen Stadt. Dies können nicht nur alle bezeugen, sondern es gibt auch einen Video-Mitschnitt einer Krimi-Lesung mit Harlan Coben, auf der Maitland eindeutig in der ersten Reihe sitzend zu erkennen ist und auch hier werden seine Fingerabdrücke sichergestellt.

Eine Stadt dreht durch

Inzwischen formieren sich die Bürger von Flint City zu einem hysterischen Lynchmob, der davon überzeugt ist, dass der bis dahin unbescholtene Coach T ein Monster ist. Nur Maitlands Frau und sein Anwalt Howard Gold halten noch zu ihm. Nicht nur für die Maitlands beginnt ein regelrechter Albtraum. Auch über die Familie des Opfers, die Petersons, bricht in immenser Geschwindigkeit Chaos und Elend herein. Es beginnt eine Tour de Force und man ahnt, dass diese tragische Geschichte ein katastrophales Ende nehmen wird. King entwirft hier mit großer Rasanz ein faszinierendes Szenario. Die vielen schockierenden Momente hatten an dieser Stelle eine große Sogwirkung auf mich und machten es mir schwer, das Hörbuch auszuschalten.

Die Verantwortlichen, allen voran, Detective Ralph Anderson, sind überfordert. Er bereut inzwischen den showartigen Verhaftungszirkus im Stadion zusammen mit dem ehrgeizigen Bezirksstaatsanwalt Bill Samuels. Die Widersprüche nagen an dem integren Detective und nach einer kurzzeitigen Suspendierung stellt er zusammen mit dem Anwalt Gold und dem Privatdetektiv Alec Pelly eigene Ermittlungen an. Als dazu Informationen aus einem anderen Bundesstaat benötigt werden, stößt auch noch die Privatermittlerin Holly Gibney dazu. Die schrullige Detektivin, ausgestattet mit einigen Zwangsneurosen, kennt man vielleicht aus der Bill-Hodges-Trilogie. Und diese sollte man vorher gelesen haben, da wirklich viel gepoilert wird!

Fazit

So sehr ich mich über das Auftauchen von Holly Gibney gefreut habe, geht dem Thriller in der zweiten Romanhälfte leider etwas die Luft aus. Die rätselhafte Geschichte lässt sich nicht plausibel auflösen und Stephen King zieht hier den übernatürlichen Joker. Obwohl dann natürlich das logische Mitraten wegfällt, habe ich gar kein Problem mit einem Wechsel ins Metaphysische. Aber zum einen verdrängt Holly den bisherigen Protagonisten Ralph Anderson und durchschaut relativ schnell das böse Horrorwesen. Und zum anderen konnte mich der Antagonist nicht restlos überzeugen. Der Gestaltwandler, der sich von Trauer und Elend nährt und sich auf eine mexikanische Folklegende bezieht, schien mir nicht komplett durchdacht und ist in Teilen ein alberner und wenig bedrohlicher Dämon.

Die Handlung flacht bis zum großen Showdown in einer Tropfsteinhöhle in Marysville auch durch viele Wiederholungen leider etwas ab und die Auflösung kann nicht vollständig überzeugen.

Stephen King ist ein großer, begnadeter Erzähler, egal welches Genre er bedient. Der Outsider ist eine komplex gestrickte Mischung aus klassischem Krimi und Horrormär mit intensiven Passagen am Anfang, in denen der Autor mit seinem schriftstellerischen Können glänzt und der zum Schluss etwas schwächelt und an Raffinesse verliert. So als hätte der Autor keine Lust mehr gehabt und die Geschichte schnell zu Ende gefrickelt.

Das macht David Nathan aber mit seiner begeisterten Lesung wieder wett. Er lässt sich richtig in die weit ausgebreitete Geschichte fallen und gestaltet die verschiedenen, lebensnahen Charaktere wirklich hervorragend. Kings Art zu schreiben ist wie für Hörbücher gemacht und Nathan gelingt es problemlos Bilder in die Köpfe der Hörer zu transportieren.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Outsider |Das Hörbuch erschien am 27. August 2018 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-3-8371-4284-6
3 mp3 CDs | 24.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 19 Stunden 9 Minuten
Original-Titel: Outsider (Scribner)
Sprecher: David Nathan
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

Stephen King | Mr. Mercedes Bd. 1 ♬

Stephen King | Mr. Mercedes Bd. 1 ♬

Bill-Hodges-Serie Band 1

In einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA haben sich schon vor Sonnenaufgang Hunderte Arbeitssuchende vor der Stadthalle versammelt. Jeder will der erste sein, wenn das Jobcenter öffnet. Da passiert das Unvorstellbare: Ein grauer Mercedes SL 500 rast ohne Vorwarnung in die Menge, setzt sogar noch mal zurück und nimmt erneut Anlauf. Es gibt jede Menge Schwerverletzte und acht Tote, darunter eine Mutter und ihr Baby. Der Wagen wird später gefunden, während der Fahrer unerkannt entkommen kann.

Der fette Excop

Monate später ist der kaltblütige Terrorakt immer noch nicht aufgeklärt und belastet den inzwischen pensionierten Detective Bill Hodges. Der übergewichtige Rentner verbringt seine Zeit in trostloser Stumpfsinnigkeit mit TV-Talkshows, Alkohol und zu fettem Essen. Ein einsamer Mann, der nach seiner Scheidung mit Depressionen dahinvegetiert, seine Dienstwaffe immer in Reichweite.

Das ändert sich, als Hodges plötzlich einen Brief vom Täter erhält, der sich mit dem grausamen Blutbad brüstet und ihn mit Hohn und Spott überschüttet. Er nennt sich Mr. Mercedes und weiß über diverse Einzelheiten der Tat Bescheid. Er erwähnt zum Beispiel Olivia Trelawney, von der er den Mercedes gestohlen hat. Die rechtmäßige Besitzerin hatte aufgrund von Schuldgefühlen kurz darauf Selbstmord begangen. Ziel des Briefes ist es, den Excop zu verunsichern und auch in den Suizid zu treiben. Doch Hodges münzt die Provokationen um und lässt endlich die Fernbedienung fallen. Aus seiner Apathie erwachend nimmt er die Herausforderung an. Anstatt seine ehemaligen Kollegen zu informieren, ermittelt er auf eigene Faust. Es entbrennt ein spannendes Katz- und Mausspiel über ein Chat-Forum, denn Mr. Mercedes lädt ihn ein, über eine Internetseite namens „Under Debbies Blue Umbrella“ mit ihm zu kommunizieren.

Der harmlose Eismann

Der Mörder bleibt für den Hörer kein Geheimnis, sondern wird in einem zweiten Handlungsstrang präsentiert. Brady Hartsfield ist ein junger unauffälliger Mann, der sich und seine Mutter mit zwei Jobs über Wasser hält. Als Servicemitarbeiter in einem Elektroladen ermöglicht ihm die Arbeit den Zugang zu vielen Wohnungen und zu Computern in vielen Haushalte. Zusätzlich fährt er als Verkäufer in einem kleinen bunten Eiswagen unbehelligt durch die Straßen, wobei er unbemerkt Hodges und seine Nachbarn beobachten kann. Immer darauf achtend, dass seine Verachtung und sein Hass für die zumeist junge Kundschaft nicht bemerkt wird. Im Keller hat sich der psychisch kranke und gestörte Mann einen Raum voller Computer und Elektronik eingerichtet. Mit seiner Mutter Debby, einer Alkoholikerin, verbindet ihn eine inzestuöse Hassliebe. Die Reaktion von Bill Hodges macht ihn ungeheuer wütend und dadurch nimmt sein krimineller Wahnsinn immer mehr Fahrt auf, bis er vollständig die Kontrolle verliert. Verschiedene Rückblenden erlauben Einblicke in Bradys seelische Abgründe inklusive gruseliger und verstörender Bilder.

Die Underdogs

Bill Hodges, unbeholfen im Umgang mit elektronischen Geräten, holt sich Hilfe bei einem Computer-affinen Nachbarsjungen. Jerome, ein aufgeweckter Jugendlicher, der ihm regelmäßig für ein Taschengeld den Rasen mäht, steht ihm nicht nur in Fragen des Internets zur Seite. Während seiner Recherchen lernt Hodges die Familie der verstorbenen Olivia Trelawney kennen und insbesondere die depressive, verhaltensgestörte Nichte Holly ist bald ein wichtiges Mitglied des Teams.

Fazit

Trotz einiger Zufälle, die die Geschichte weiterbringen und trotz einiger Klischees, an denen sich Stephen King bedient, hat mir der Thriller großen Spaß gemacht. Das liegt einmal an der tollen Schreibweise des Autors und an der durchgängigen Spannung, denn immer wieder sorgt Unvorhergesehenes für Überraschung und es kommt zu einigen Verwechslungen mit Todesfolge.

Der Auftakt ist, wenn auch schwer zu ertragen, ungeheuer fesselnd und aufwühlend, denn Stephen King hat ein feines Gespür für die Abgründe einer Gesellschaft. Er nimmt sich sehr viel Zeit um seine Geschichte ruhig und gemächlich aufzubauen und seine Figuren und deren ganz gewöhnliche Leben dem Hörer näher zu bringen. Seine große Stärke sind für mich die authentischen Figurenbeschreibungen, wobei er besonders mit dem Sympathieträger Bill Hodges punktet.

Die Beschreibungen der Menschen in der Arbeitslosenschlange in einer von der Wirtschaftskrise gebeutelten Stadt sind beklemmend genau. Indem King zwei Opfer des wahnsinnigen Anschlages heraus nimmt, um sie detailliert mit ihren Hoffnungen und Sehnsüchten auf den langersehnten Arbeitsplatz zu skizzieren, ist man als Hörer oder Leser sehr nah an den Figuren dran und fiebert mit ihnen mit. Sehr unterhaltsam fand ich auch die kleinen Anspielungen des Autors auf frühere Werke, wenn zum Beispiel auf dem Beifahrersitz des leeren Mercedes eine Clownsmaske gefunden wird. King erfindet den Thriller nicht neu, es ist ein klassischer, fast altmodischer Krimi aber auf die gute altmodische Art.

Mr. Mercedes ist der Auftakt zu einer Trilogie rund um den Ermittler Bill Hodges. Und die Szenen sind derart bildhaft beschrieben, dass es mich gar nicht verwundert hat, dass es tatsächlich eine Verfilmung gibt. Basierend auf Kings Vorlage Mr. Mercedes wurde eine gleichnamige Fernsehserie mit bisher zwei Staffeln ausgestrahlt. Die Geschichte hat mich sehr in den Bann gezogen und die Charaktere werden durch die hervorragende Lesung von David Nathan unglaublich lebendig.

Der Autor

Für die meisten Fans ist Stephen King der Meister des Horrors, bekannt und geliebt dafür, dass in seinen Werken immer viel Übersinnliches und Geisterhaftes geschieht und viel Blut fließt. Dennoch hat er nicht zum ersten Mal, so wie in diesem Thriller, das klassische Horror-Genre verlassen.  Der Vielschreiber legt einen Bestseller nach dem anderen vor und ist mit einem weltweiten Verkauf von über 400 Millionen verkauften Exemplaren einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. 2003 bekam er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 ehrte ihn der damalige Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama mit der National Medal of Arts. Mr. Mercedes gewann im Mai 2015 den „Edgar Allan Poe Award“.

Das war mein erster richtiger King und es wurde wirklich Zeit, dass ich mich intensiv mit diesem Ausnahmeschriftsteller beschäftigt habe!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Mr. Mercedes |Das Hörbuch erschien am 8. September 2014 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-3-8371-2639-6
1 mp3 CD | 19.99 Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 16 Stunden 30 Minuten
Original-Titel: Mr. Mercedes
Sprecher: David Nathan
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

Christof Weigold | Der blutrote Teppich Bd. 2

Christof Weigold | Der blutrote Teppich Bd. 2

Hollywood 1922: Hardy Engels zweiter Fall

Noch heute, zwanzig Jahre später, erinnere ich mich ganz deutlich an das erste Erbeben, das ich in Los Angeles miterlebt habe. Vielleicht liegt es daran, dass es sich ereignete, während ich gerade zwei Mörder verfolgte. (Auszug Seite 7)

1922 gibt es den berühmten Hollywood-Schriftzug in den Hollywood-Hills noch nicht, aber bereits gefühlt mehr Studiokulissen als Wohnhäuser und viele Deutschstämmige. Einer davon, der ehemalige Polizist Hardy Engel hat den Traum von der Schauspielerei bereits wieder aufgegeben, auch von der Detektivarbeit hat er nach den dramatischen Ereignissen seines ersten Falles und dem Verlust eines Auges die Nase voll.

Frustriert und knapp bei Kasse verbringt er die meiste Zeit bei Kumpel Buck in dessen Flüsterkneipe, denn trotz Prohibition floss der Alkohol in Strömen. Froh nimmt Engel den dringend benötigten Auftrag des Starregisseurs William Desmond Taylor an. Er soll den beliebten Filmstar Mabel Normand observieren, die sich mit den falschen Leuten eingelassen hatte. Als Engel am anderen Morgen Bericht erstatten will, findet er Taylor erschossen auf dem Teppich im Salon seines Bungalow vor. Selbst als Täter in Verdacht stehend, beschließt Engel den rätselhaften Tod des Regisseurs zu untersuchen. Ihm zur Seite steht die kesse Regisseurin Polly Brandeis, die von Taylors Studio beauftragt wird, Nachforschungen anzustellen.

Liebesbriefe und Spitzenhöschen

Viele Liebesbriefe, unter anderem auch von der kokainsüchtigen Mabel Normand und der blutjungen Schauspielerin Mary Miles Minter, sowie eine Sammlung von Spitzenhöschen mit Namensschildern versehen, werden bei Taylor gefunden und diese Trophäen-Sammlung geben Anlass für wilde Spekulationen. Andere Spuren führen zu einem Drogenbaron, der die gesamte Filmbranche mit Kokain versorgt und zu einem ehemaligen Butler von Taylor, der ihn erst kürzlich in einem Brief erpresste. Des weiteren war der schwarze Hausboy Henry Peavey verhaftet worden, weil er im Park junge Männer angesprochen hatte.

Im Auftrag der Staatsanwaltschaft reist der Privatdetektiv von der sonnigen Westküste ins kalte New York und entdeckt eine ganz andere Spur. Der charmante Top-Regisseur Taylor hatte Jahre vor seiner Hollywood-Karriere unter anderem Namen als Antiquitätenhändler gearbeitet, bevor er Frau und Tochter ohne Erklärung klammheimlich verließ und ein neues Leben anfing.

Skandalpanik

Hardy Engel sieht bei seinen Nachforschungen in die skandalträchtigen Abgründe Hollywoods, denn sowohl die Filmbranche als auch die Polizei machen es ihm schwer und scheinen an einer Aufklärung des Mordes nicht wirklich interessiert zu sein. Beweise werden manipuliert, Zeugen ermordet oder verschwinden einfach. Die großen Studiobosse fürchten sich vor weiteren Skandalen und setzen hysterisch alles daran, die Verfehlungen ihrer Stars zu vertuschen und den glamourösen Schein zu wahren. Eilig wird das Hays Office gegründet um Hollywoods Sauberkeit zu überwachen und in deren Folge eine schwarze Liste von über 100 Filmleuten erstellt wird, die als Sittlichkeitsrisiko in der Versenkung verschwinden.

Legendärer Mordfall

Wie schon im ersten Band – Der Mann, der nicht mitspielt – liegt hier ein wahrer Kriminalfall zugrunde und dieser wird mit der gerade erwachenden Filmindustrie verknüpft. Die ausführlichen Beschreibungen jeder Szene betten dabei den Krimiplot in eine stimmige Atmosphäre und zündeten bei mir ein richtiges Kopfkino. Der Drehbuchautor Christof Weigold benutzt eine bildhafte Sprache, die es mir ermöglichte, völlig in die Geschichte einzutauchen. Beeindruckend wie der Autor historisch belegte Fakten in den Krimiplot einarbeitet, wie zum Beispiel den berühmten literarischen Zirkel, den Dorothy Parker mit Freunden im Algonquin Hotel in New York bildete und wo sie durch ihre scharfzüngige Schlagfertigkeit zur Legende wurde. Als Leser ist man live bei dem riesigen Spektakel von Taylors Beerdigung dabei, fährt 5 ½ Tage mit Hardy im Zug von Los Angeles bis New York oder erlebt den ersten Einsatz eines roten Teppichs bei einer Filmpremiere.

Die Farbe, die er für diesen Teppich gewählt hatte, war ein leuchtendes Rot, das mich unwillkürliches an frisches Blut denken ließ, als wäre es damit getränkt worden. Und auf gewisse Weise, dachte ich, war es auch so. (Seite 608)

Das macht das Buch für mich faszinierend und voller Informationen, die ich mit Hilfe des Internets noch vertieft habe. Das sollte man aber besser im Nachhinein machen, denn man bringt sich sonst um viele Überraschungen.
Nach vielen Wendungen löst der Ich-Erzähler Hardy Engel den Fall und es wird eine schlüssige aber natürlich unbewiesene Auflösung geboten. Die Detailverliebtheit und Begeisterung des Autors für diese Zeit ist auf jeder Seite spürbar. Und es sind viele Seiten und ja, einige Filmgrößen, die Weigold durch den Handlungsverlauf flanieren lässt, Charlie Chaplin, Cecil B. DeMille oder Douglas Fairbanks, um nur einige zu nennen, bringen die Geschichte nicht unbedingt nach vorne. Für mich hat das aber gerade den besonderen Reiz ausgemacht und ich wäre bei einem dritten Teil mit dem trinkfesten Privatdetektiv und seinem Glasauge wieder dabei.

Fakt am Rande: Der mysteriöse Todesfall ist bis heute nicht aufgeklärt und hielt die Fantasie der Menschen jahrzehntelang gefangen. Mehrere Bücher gibt es inzwischen über den legendären Mordfall und 1985 wurde sogar eine eigene Zeitschrift gegründet: Taylorology.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der blutrote Teppich | Erschienen am 11. April 2019 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05141-4
640 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zum ersten Hardy Engel-Fall Der Mann, der nicht mitspielt.

Christof Weigold | Der Mann, der nicht mitspielt Bd. 1

Christof Weigold | Der Mann, der nicht mitspielt Bd. 1

Hollywood 1921: Hardy Engels erster Fall

Als ich an einem Sonntagnachmittag Anfang September nach Hause kam, stolperte ich auf der Treppe über eine scharfe Rothaarige. Ich hatte am Freitag ein misslungenes Casting bei Hal Roach gehabt, danach auf dem Nachhauseweg einen oder drei auf das Labor-Day-Wochenende getrunken und dachte zuerst, ich würde sie nur träumen. (Auszug Seite 11, Anfang)

In den 1920er Jahren war Hollywood ein richtiges Sündenbabel. Trotz Prohibition gab es nicht nur bei ausschweifenden Partys ungehemmten Drogen- und Alkoholkonsum. In diese Zeit hat Christof Weigold seine Serie angelegt ganz im Stil des klassischen Hardboiled-Krimis mit einem Helden ähnlich Hammetts Sam Spade.

Vergewaltigung mit Todesfolge

Nachdem der deutschstämmige Hardy Engel als Schauspieler scheiterte, versucht er sich als Privatdetektiv über Wasser zu halten. Er wird von der bildhübschen, rothaarigen Pepper Murphy beauftragt, das verschwundene Starlet Virginia Rappe aufzuspüren. Er findet sie in San Francisco auf einer Party des beliebten Komikers Roscoe „Fatty“ Arbuckle, als sie nackt und in sehr schlechter Verfassung aus dessen Suite heraustaumelt. Kurz darauf ist sie tot und für Polizei und Medien steht Arbuckle als Schuldiger fest. Der bestbezahlteste Filmstar seiner Zeit wird der Vergewaltigung mit Todesfolge angeklagt und sorgt für ein riesiges Aufsehen in der Öffentlichkeit.

Der hartgesottene Engel hat daran Zweifel und da er ein Mann mit Prinzipien und ihm die Wahrheit sehr wichtig ist, setzt er alles dran, um den Fall aufzuklären. Er lässt sich als Sicherheitschef bei den Universal Studios anstellen und wird bei seinen Ermittlungen ständig unter Druck und auf falsche Fährten gesetzt. Denn der riesige Skandal, verstärkt noch durch die Boulevard-Presse, könnte das Aus für die im Aufstieg begriffene Filmindustrie sein. Engel entlarvt die Traumfabrik als einen korrupten von Drogen, Alkohol, Sex und Erpressung beherrschten Sumpf. Er gerät zwischen die rivalisierenden Filmstudios und ist auch privat involviert, da er sich in die geheimnisvolle Pepper verliebt hat.

Erste große Skandal der Filmindustrie

Der Autor hat für seinen Serienstart mit Hardy Engel detailreich recherchiert, denn die Geschichte beruht auf einem wahren sowie spektakulären Fall. Der erste große Skandal der amerikanischen Filmindustrie wurde nie richtig aufgeklärt. Christof Weigold bettet die Handlung mit real existierenden Figuren in eine stimmige Atmosphäre. Man trifft auf viele bekannte Namen und dann fährt mal eben Buster Keaton im Automobil vorbei. Die auftauchenden Figuren werden sehr gut skizziert, wie zum Beispiel der jüdische Filmmogul Carl Laemmle aus dem Schwabenland, Boss der Universal Pictures und einer der Gründungsväter Hollywoods. Die große Stärke des Kriminalromans ist die bildhafte Darstellung des Hollywoods der 1920er Jahre mit all ihren Facetten. Die Geschichte hat mich von Anfang an gepackt, auch der lakonische Schreibstil haben mich begeistert. Dabei war besonders der Blick hinter die Kulissen der Filmindustrie interessant.

Der Autor

Christof Weigold wurde 1966 in Mannheim geboren und lebt aktuell in München. Seit 2000 arbeitet er als freier Dehbuchautor für Film und Fernsehen. 2019 wurde Der Mann, der nicht mitspielt für den Friedrich-Glauser-Preis in der Kategorie „Debütroman“ nominiert. Für seine Recherchen besorgte Weigold sich unter anderem antiquarisch das Polizei-Handbuch, mit dem auch Raymond Chandler recherchierte.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Mann, der nicht mitspielt | Die Taschenbuchausgabe erschien am 11. April 2019 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05290-9
640 Seiten | 10.- Euro
Die gebundene Fassung erschien am 15. Februar 2018 für 22.- Euro im selben Verlag
Bibliografische Angaben & Leseprobe