Kategorie: Andy Ruhr

Simone Buchholz | Hotel Cartagena Bd. 9

Simone Buchholz | Hotel Cartagena Bd. 9

Diese Bar hier macht so sehr einen auf Ausblick, dass ich eigentlich keinem Drink, den ich nicht selbst gemixt habe, über den Weg trauen sollte. Zu viel aufdringliche Schönheit, zu viele Sieh-mich-an-Sachen, zu viel Ablenkung. (Auszug Seite 15)

Die Ausgangssituation des 9. Bandes der Chas-Riley-Reihe könnte aufregender und verheißungsvoller nicht sein. Der ehemalige Hauptkommissar Faller feiert seinen 65. Geburtstag ganz groß in einem Nobelhotel am Hamburger Hafen. Und sie sind alle gekommen, die ganze Bagage rund um Staatsanwältin Chastity Riley und sitzen nun beim Cocktail, hoch oben im 20. Stock in der Hotelbar. Auch wenn Chas findet, dass sie hier eigentlich nicht richtig reinpassen. Nur Ivo Stepanovic vom LKA und Chas aktueller Lover verspätet sich etwas.

Es ist mir ein Rätsel, warum der Faller seinen Geburtstag ausgerechnet hier feiern muss, wir passen doch schlechter an so einen Ort als ein Rudel Straßenköter in einer Plastiktüte, warum stehen wir nicht im Silbersack am klebrigen Tresen und trinken Flaschenbier, warum sitzen wir nicht in einer dunklen Pizzeria und sind laut … (Seite 15)

Wir haben hier eine Situation

Dann stürmen ein Dutzend schwerbewaffnete Geiselnehmer die Bar und bringen alle Gäste sowie das Personal in ihre Gewalt. Forderungen werden keine gestellt, so dass das Motiv der Geiselnahme lange Zeit rätselhaft bleibt. Aus der Perspektive von Riley beobachtet der Leser die Geschehnisse, die sich immer mehr zuspitzen. Während unsere Heldin in diesem Ausnahmezustand am Anfang noch versucht, einen Kontakt zu dem charismatischen Anführer aufzubauen, kommt es wegen einer sich entzündenden Schnittverletzung zu einer Blutvergiftung und ihre Wahrnehmungen werden zunehmend getrübter.

In einem zweiten Erzählstrang geht es rückblickend um das Schicksal von Henning Garbarek, der auf St. Pauli in ärmlichen Verhältnissen ohne große Zukunftsperspektiven aufwächst. Henning ist ein kluger Junge und sieht für sich keine Hoffnung auf dem Kiez. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben ist so groß, dass er eines Tages Mitte der 80er Jahre ziemlich spontan auf einem Schiff Richtung Südamerika anheuert und wenig später in Cartagena, Kolumbien an Land geht. Und zuerst läuft es auch gut für ihn, er findet Arbeit, Freunde und gründet eine Familie. Aber dann gerät er an die falschen Leute und wird zum Mittelsmann eines kolumbianischen Drogenbosses. Nachdem er jahrelang jede Menge nicht ganz saubere Kohle verdient hat, kommt es unwiderruflich zur Katastrophe.

Wo die jungen Leute sich hier treffen? Am Strand. Wo er Arbeit finden könnte? Am Strand. Wo er günstig essen könnte? Am Strand. Worauf er achten müsste, wegen Gefahren und so? Auf das Treiben am Strand. (Seite 36)

Während erst nach und nach klar wird, wie die dramatische Schicksalsgeschichte von Henning mit der Geiselnahme zusammenhängt, überlegt sich Ivo Stepanovic einen waghalsigen Befreiungsversuch. Er gesellt sich vor dem Hotel zu den versammelten Einsatzkräften und wird kurzerhand zu den Verhandlern gesteckt.

In Hotel Cartagena spielen die bekannten Charaktere fast nur eine Nebenrolle, denn die Geschichte, die Simone Buchholz hier auf etwas mehr als 200 Seiten aufblättert, ist eher eine 80er Jahre Koksgeschichte. Und mein einziger kleiner Kritikpunkt ist dann auch folgender: Dass sich unter den Geiseln zufälligerweise ein eingespieltes Team von Kriminalbeamten befindet, oder LKA-Mann Ivo Stepanovic von außen operieren kann, spielt für den Krimi-Plot überhaupt keine Rolle. Dieser ist raffiniert und klug inszeniert, die bedrohliche Situation wird immer verfahrener und langsam läuft es in beiden Erzählsträngen auf eine Eskalation raus. Aber Chastity kann ihren inneren John McClane gar nicht aktivieren, wie im Klappentext vollmundig versprochen wird, da sie das Geschehen durch die Blutvergiftung in einem Fiebertraum fast handlungsunfähig miterlebt.

Nur ein kleiner Kritikpunkt denn ich rauschte nur so durch die kurzen Kapiteln bis zum großen Showdown. Buchholz besticht wieder mit messerscharfen, schnoddrigen Dialogen, die auf den Punkt geschrieben sind. Fasziniert hat mich die Mischung aus Ironie, stakkatohaftem Schreibstil und dann wieder Melancholie und poetische, fantasievolle Sprachbilder, die sie kreiert.

Vermutlich ist er der einzige im Raum, der mit jeder Faser seines Herzens weiß, wie unübersichtlich nicht nur ich bin, sondern wir alle sind, ja sogar alle Menschen auf der ganzen verdammten Welt. Der Faller weiß um den großen Knoten, den wir bilden und den ich manchmal nur erahnen kann, wenn ich an jemandem vorbeistolpere und dabei eine Hand zu fassen kriege und die kleinen Risse, die Beschädigungen in der Oberfläche spüre und denke: wow, du auch? (Seite 17)

Die Autorin pfeift auf alle Krimiregeln und zieht ihren eigenwilligen, lässigen Erzählstil kompromisslos durch. Es geht hier nicht um das klassische Falllösen. Es finden keine Ermittlungen statt und die Aktionen der Polizei sind auch eher Nebenschauplätze. Simone Buchholz interessiert sich sehr viel mehr für ihre Charaktere mit ihren Ecken und Kanten und hat einen ganzen Haufen ambivalenter Figuren – ja Freaks – am Start, wobei der Fokus auf der sperrigen Staatsanwältin liegt. Viele ihrer Ideen habe ich gefeiert, wie um mal beispielhaft das Kapitel Columbohaftigkeit zu nennen, in dem Stepanovic auf einen der Verhandler trifft und die beiden sich erst mal wie Westernhelden abtaxieren. Fast schon zu cool!

Ich finde Simone Buchholz läuft hier zur Hochform auf, und ich habe diesen Kriminalroman abseits des Mainstreams sehr genossen.  Das Coverbild ist wieder von ihrem Freund Achim Multhaupt dem Retro-Look der 80er Jahre nachempfunden und reiht sich stilistisch perfekt in die Reihe der letzten vier im Suhrkamp-Verlag erschienen Bände ein.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Hotel Cartagena | Erschienen am 29. September 2019 bei Suhrkamp
ISBN 978-3-518-47003-9
228 Seiten | 15.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Blaue Nacht und Mexikoring (Bd. 8) von Simone Buchholz.

Francis Durbridge | Paul-Temple Die große Box ♬

Francis Durbridge | Paul-Temple Die große Box ♬

Sechs Hörspiele in den Original-Radiofassungen

Heutzutage sind die meisten Protagonisten eines Krimis, die Ermittler, Detektive oder Kommissare oft irgendwie beschädigt, kaputt oder zumindest traumatisiert. Sie kämpfen mit Alkohol- und Drogenproblemen, ihren inneren Dämonen oder sind zumindest etwas schrullig.

Beim Morpheus!

Ein ganz anderes Kaliber ist der fiktive Kriminalschriftsteller und Hobbydetektiv Paul Temple, der Ende der 1930er Jahre von dem britischen Schriftsteller Francis Durbridge erfunden wurde. Der kultivierte Gentleman löst seine Fälle mit lässigem Charme, ist scharfsinnig, souverän und bleibt einfach immer smart. Es kommt höchstens mal ein „Beim Morpheus!“ wenn er überrascht wird.

Ihm zur Seite steht Steve, seine zauberhafte, stets gut gelaunte, immer topmodisch gekleidete Ehefrau. Als Sidekick für humorige, geschliffene Dialoge unverzichtbar! Paul ist als Schriftsteller sehr erfolgreich und so gehören die Temples eher zur Upperclass und können sich in ihrer Londoner Wohnung einen Diener leisten. In jeder Folge dabei ist der britisch stocksteife Charlie mit den flapsigen Ausdrücken. Temple arbeitet eng mit Scotland Yard zusammen und Sir Graham Forbes bittet ihn oft um Unterstützung und bringt ihm die Fälle praktisch ins Haus. Und das würde ich doch auch machen, denn Paul löst die richtig verzwickten Fälle.

„Oh Paul, er ist in einem fürchterlichen Zustand!“

Verschiedene Zutaten findet man in leicht abgeänderter Form in jeder Folge. Das sind zum Beispiel der ominöse Nachtclub, das einsame Landhaus oder der geheimnisvolle Megaverbrecher, den noch keiner gesehen hat und jeder nur unter seinem Pseudonym kennt. Oft ruft eine Person Temple an und will etwas Wichtiges zur Aufklärung mitteilen, aber auf keinen Fall sofort am Telefon. Es wird ein Treffpunkt vereinbart, und man kann davon ausgehen, dass die Person vorher beseitigt und oft vom Ehepaar Temple aufgefunden wird. Fast inflationär oft fällt dann von Steve der Satz: „Oh Paul, er / sie / das Opfer / die Leiche ist in einem fürchterlichen Zustand.“ Immer steht ein gewöhnlicher, aber für den Fall mysteriöser Gegenstand im Mittelpunkt, um den sich der Hörer die meisten Gedanken machen kann.

In Paul Temple und der Fall Vandyke führt eine Puppe die Temples nach Paris, wo sie nach einem verschwundenen Baby suchen und einen Drogenhändlerring ausheben, dabei wird eine handgeschriebene Notiz mit dem Vermerk: „Ein Mr. Vandyke hat angerufen; keine Bestellung hinterlassen“ gefunden.

In Paul Temple und der Fall Jonathan verwundert neben einem Siegelring eine Postkarte mit dem Text: „Wir amüsieren uns glänzend. Viele Grüße Jonathan“, die neben der verstümmelten Leiche eines amerikanischen Studenten gefunden wird.

In Paul Temple und der Fall Madison gibt ein verschwundener Penny an einer Uhrenkette Grund für Spekulationen. Bei dem Fall um einen undurchsichtigen Privatdetektiv namens Madison geht es um Erpressung und eine große Falschmünzerbande.

Als Paul und Steve in Paul Temple und der Fall Spencer den Mord an einer jungen Schauspielerin untersuchen, hilft ihnen als Anhaltspunkt eine mysteriöse Schallplatte in der Londoner Wohnung der Toten mit dem Begleitschreiben: „Es war ein Genuss! Herzlichst Spencer“.

Ein blaues Kleid und einige Cocktailstäbchen bringen den charmanten Detektiv in Paul Temple und der Fall Conrad auf die richtige Spur. Hier verschwindet die Tochter eines berühmten Psychiaters aus einem bayrischen Eliteinternat.

In einem Mantel der Firma „Margo“ gehüllt wird in Paul Temple und der Fall Margo die Tochter eines amerikanischen Verlegers tot aus der Themse gezogen.

Für die Begrüßung nehmen sich alle immer viel Zeit, wobei „Hello“ lustigerweise immer englisch ausgesprochen wird. Bei all den kriminellen Machenschaften bleibt auch immer noch Zeit für einen Drink oder zwei. Zum Schluss treffen sich alle Verdächtigen oft zum gepflegten Drink am Abend und Paul Temple entlarvt den Täter.

Aber es gibt auch unterhaltsame Actionszenen, zum Beispiel in Paul Temple und der Fall Madison wird Steve auf einen Kabinenkreuzer verschleppt und kann sich ganz knapp auf einem Polizeiboot in Sicherheit bringen, bevor eine Bombe detoniert. In Paul Temple und der Fall Vandyke entgeht das Ehepaar Temple nur knapp einem Attentat in einem Pariser Straßencafé, in Paul Temple und der Fall Conrad werden sie in den bayerischen Alpen von der Straße abgedrängt und in dieser Folge war für mich auch einer der spannendsten Szenen, als Paul sich mit einem Informanten in einer alten Lagerhalle am Nordufer der Themse trifft, diesen sterbend vorfindet und nachdem ein Feuer ausbricht sich nur durch einen Sprung in die Themse retten kann.

Paul Temple war sein Durchbruch

Francis Durbridge hatte die Krimis rund um Paul Temple nur fürs Radio konzipiert, es gab keine Romanvorlage. Der britische Autor achtete beim Schreiben speziell auf Spannung und Effekte für den Hörer und das Publikum musste immer nach einem spektakulären Cliffhanger eine Woche auf die Fortsetzung warten. Während heute alle Toneffekte digital hinzugefügt werden, agierten die Schauspieler rund um René Deltgen damals noch in echten Räumen und durch die spielerischen Inszenierungen wirkt alles handgemacht. Wenn die Schausprecher Treppen hochlaufen, Türen zuschlagen, Tee eingießen oder live mit Schreckschusspistolen schießen, wirkt alles sehr lebendig und man hört heute noch den Spaß, den das gemacht haben muss.

Ab 1938 produzierte die englische BBC 29 PT-Hörspiele und in Deutschland konnten sich begeisterte Krimihörer ab 1949 an den vom WDR ganz nach dem Vorbild der BBC produzierten Hörspielen vergnügen. Bis 1967 faszinierten 13 Fortsetzungsserien eine ganze Generation von Krimiratefreunden.

Bei den in der Box befindlichen sechs Hörspielen handelt es sich um die Original-Radiofassungen des WDR. Den besonderen Charme macht auch aus, dass hier nichts geschnitten wurde und man auch die damaligen An- und Absagen hört. Es sind zeitlos spannende, nostalgisch anspruchsvolle, raffinierte Kriminalfälle, wobei auch die Originalmusik von Hans Jönsson beiträgt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Paul Temple Die große Box | Erschien am 18. April 2019 im Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-0953-9
6 mp3-CDs| 29,99 Euro
Bibliographische Angaben & Hörprobe

Jo Nesbø | Messer Bd. 12

Jo Nesbø | Messer Bd. 12

Das richtige Messer für die richtige Tätigkeit war entscheidend. Die Messer waren gut, zweckdienlich, von herausragender Qualität. Trotzdem fehlte ihnen, was Svein Finne an Messern besonders schätzte. Persönlichkeit, Seele, Magie. Bevor der groß gewachsene junge Polizist mit den störrischen Haaren alles kaputtgemacht hatte, war Svein Finne der stolze Besitzer einer stattlichen Sammlung von insgesamt sechsundzwanzig Messern gewesen. (Auszug Seite 15)

Die Rezension ist mir diesmal nicht ganz leicht gefallen. Ich bin ein großer Fan der Harry-Hole-Reihe und habe sämtliche Bände gelesen und geliebt, angefangen mit Der Fledermausmann bis zum elften Band Durst. In jenem letzten Band war Harry Hole Dozent an der Polizeihochschule und führte zusammen mit Ehefrau Rakel und Sohn Oleg nach vielen Höhen und Tiefen ein harmonisches Privatleben. Das fand ich zur Abwechslung mal ganz erfrischend, doch das holde Glück war nur von kurzer Dauer.

Harry Hole am Scheideweg

In Messer, dem zwölften Band und nur circa anderthalb Jahre später spielend, ist schon wieder alles vorbei. Harry wurde von seiner Frau rausgeschmissen, den genauen Grund erfährt man erst später. Und er ist wieder dem Alkohol verfallen, lässt sich total gehen und versinkt regelrecht in depressivem Selbstmitleid. Seinen Job als Dozent hat er verloren und arbeitet wieder in seiner alten Dienststelle, wird aber von seiner Chefin Katrine Bratt nur mit einfachen Ermittlungstätigkeiten beschäftigt. Im Laufe der zwölf Bände balancierte der schwierige Einzelgänger oft an der Grenze eines seelischen Abgrundes, aber diesmal befindet er sich endgültig auf einem Selbstzerstörungstrip. Dem wird im aktuellen Buch sehr viel Platz eingeräumt und das war teilweise wirklich schwer zu ertragen, aber ich befürchte dass es sich hierbei um eine realistische Darstellung eines alkoholkranken Menschen handelt. Ein Quartalssäufer funktioniert eine Zeitlang ganz gut und meistens auch abstinent, um dann nach einem totalen Kontrollverlust einen schlimmen Absturz zu erleiden.

Zeitgleich wird der 77-jährige Svein Finne nach langer Haftzeit entlassen. Hole war damals an seiner Verhaftung mitverantwortlich und der perverse, sadistische Serienvergewaltiger mit einer Vorliebe für Messer, schwor Harry und seiner Familie nicht nur aus diesem Grund Rache. Finne wird Der Verlobte genannt und war bekannt dafür, seine Opfer schwängern zu wollen. Er drohte den Frauen, sie umzubringen, wenn sie „sein Kind“ abtreiben wollten. Kaum entlassen, lebt er seine kranken Fantasien erneut aus und geht trotz seines fortgeschrittenen Alters sofort wieder auf die Jagd nach neuen Opfern.

Totaler Blackout

Hole wacht eines Morgens nach einer durchzechten Nacht mit blutverschmierten Klamotten und einem totalen Filmriss auf. Dann passiert etwas, was ihn endgültig aus der Bahn wirft. Einzelheiten möchte ich hier nicht spoilern, mich hat dieser Verlauf sehr geschockt und ich dachte, das kann Nesbø doch nicht machen. Aber der norwegische Autor hat keine Bedenken, den Leser zu verschrecken. So erklärte er einmal in einem Interview, dass er es nicht als seinen Job ansieht, die Erwartungen seiner Leser zu erfüllen, sondern dass ausschließlich Geschichten schreibt, die ihn selbst interessieren. Und so falsch kann er bei mittlerweile über 40 Millionen weltweit verkauften Exemplaren ja auch nicht liegen.

Messer ist ein Thriller, in dem die Gewalt deutlich weniger im Vordergrund steht als in manchen Vorgängerbänden und der sich komplett auf seinen charismatischen Protagonisten Harry Hole konzentriert, dessen Leben nun richtig aus den Fugen gerät. In einer weiteren spannenden Handlungsebene geht es um die Traumata von Soldaten eines Spezialkommandos in Afghanistan und es gibt auch ein Wiedersehen mit einigen Bekannten aus dem Harry-Hole-Kosmos, wie Kaja Solness, die Harry damals in Leopard aus der Drogenhölle Hongkongs holte.

Auch dieser Thriller ist ein düsterer Pageturner mit ständig wechselnden Erzählperspektiven, der mit vielen frappierenden Wendungen, falschen Spuren sowie melancholischer Stimmung glänzt und mit ergreifenden Emotionen überzeugt. Wenn es zum Schluss zur komplett unerwarteten aber logischen Auflösung kommt, kann man die intelligente Konstruktion nur bewundern. Wenn dann alle losen Fäden verknüpft werden, wird die Raffinesse des Plots deutlich. Selbst die sehr ausführlichen Beschreibungen über Musik haben ihre Berechtigung, denn Hole findet einen wichtigen Hinweis mitten zwischen seiner riesigen Plattensammlung, der dann sogar ihn selbst als Täter in den Fokus rückt.

Sung-mins Verdacht, dass Harry Hole im Affekt und umnachtet von Alkohol getötet hatte, war dadurch nur noch verstärkt worden. Er nahm an, dass Harry tatsächlich große Teile des Vorfalls vergessen oder verdrängt und die letzten Tage seines Lebens damit verbracht hatte, gegen sich selbst zu ermitteln. (Seite 462)

Fazit

Messer ist vielleicht der emotionalste, dramatischste Teil, für mich ein Band mit leichten Schwächen, aber für Fans der Reihe ein Muss. Nesbø zeigt sich wieder als gewiefter Meister von vertrackten Plots und rausgekommen ist ein tiefgründiger und vielschichtiger, hervorragend geschriebener Krimi der Extraklasse.

Funfact: Für seinen zerrissenen Helden Harry Hole hat Jo Nesbø die Storyline seines privaten und beruflichen Lebens schon vor Jahren festgelegt und hält sich im Groben auch an diesen Plan.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Messer | Erschienen am 27. August 2019 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-08173-6
576 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Kniv
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Jo Nesbø-Romanen Macbeth, Die Larve und Durst sowie einen Sonderbeitrag Lesung: Jo Nesbø | Blood on Snow. Das Versteck, Bericht von der Lesung in Schwerte

Geir Tangen | Seelenmesse Bd. 1

Geir Tangen | Seelenmesse Bd. 1

„Es geht genau um diese Sache. Ich habe einen Tipp bekommen, der darauf hindeutet, dass der Mörder Bücher oder Filme als Vorbild für seine Morde benutzt.“ „Bücher…?“ Du meinst, er ist ein Copycat?“ Er hätte dieses Wort selbst nicht benutzt, aber es war absolut treffend. Copycat … jemand, der nachahmt, was andere vorgemacht haben. (Auszug Seiten 299-300)

Viljar Ravn Gudmundsson ist Journalist der Lokalpresse im norwegischen Haugesund, einer kleinen, idyllischen Stadt an der Nordseeküste. Früher war er mal der große Star der Redaktion. Doch ein grober Fehler vor circa vier Jahren beendete seine glanzvolle Karriere und der einst gefeierte Journalist wurde ein abgehalfterter Schreiberling, der von den Kollegen verachtet, nur noch mit Routineaufgaben beauftragt wird.

Ein großer Scoop?

Als er eine anonyme E-Mail erhält, in der ein selbsternannter Richter ein Todesurteil über eine Frau aus Haugesund ausspricht, die angeblich Schuld auf sich geladen hat und vor Gericht stand, aber aus Gründen nicht verurteilt wurde, denkt Gudmundsson kurz an einen großen Scoop. Doch dann tut er das Ganze als groben Unfug ab, leitet aber die mysteriöse E-Mail an die Polizei weiter. Am nächsten Tag wird tatsächlich die Leiche einer Frau gefunden. Und schnell steht fest, dass sie nicht freiwillig aus dem Fenster gesprungen ist, sondern gestoßen wurde. Mit ihrem Team versucht die junge Oberkommissarin Lotte Skeisvoll die zahlreichen Spuren am Tatort auszuwerten. Dabei kommt raus, dass Viljar und die Tote sich anscheinend gut kannten und so gerät der Journalist in den Fokus der Ermittlungen.

Am nächsten Tag trifft eine weitere E-Mail ein, in der das nächste Opfer angekündigt wird. Kurz darauf wird ein Mann vor seiner Haustür erschossen aufgefunden. Die Polizeibeamten sind über weite Strecken ratlos und hechten immer hinter dem wahnsinnigen Täter her. Dieser hat die Morde sorgfältig geplant und dirigiert die Ereignisse nach Belieben, also wie ein Maestro, so ist auch der norwegische Original-Titel. Aus Oslo wird der erfahrene Hauptkommissar Olav Scheidrup Hansen zur Unterstützung gerufen. Erst als ein belesener Beamter darauf kommt, dass der Täter offenbar ein Kenner skandinavischer Kriminalliteratur ist, kommt Bewegung in die Ermittlungsangelegenheit. Es werden Morde aus norwegischen Erfolgskrimis nachstellt. Angefangen von so namhaften Autoren wie Unni Lindell über Anne Holt, Karin Fossum bis Jo Nesbø.

Kaputte Protagonisten

Es gibt Rückblicke auf die Ereignisse des Jahres 2010, in denen der Leser erfährt, welche Schuld der Journalist auf sich geladen hat. Der Zusammenhang zu den aktuellen Morden wird aber erst langsam klar. Kapitel in denen der Täter zu Wort kommt, sorgen für weitere Unterbrechungen.

In diesem ersten Teil einer Trilogie um die Polizeiermittlerin Lotte Skeisvoll und den Journalisten Viljar Ravn Gudmundsson spielt Autor Geir Tangen wirklich mit jedem Krimiklischee. Neben eisiger Kälte und düsterer Stimmung sind das die zerrissenen Helden und der geniale, wahllos tötende Serienkiller sowie brutale Morde. Auch im Handlungsablauf bedient sich der Autor bewährter Komponenten wie das Wechseln zwischen zwei Zeitebenen und das Legen vieler falscher Fährten. Da dürfen auch die inneren Monologe des irren Täters nicht fehlen.

Der einst supererfolgreiche Viljar befindet sich nach einem folgenschweren Fehler, bei dem durch seine Nachlässigkeit ein Informant aufflog, in psychologischer Behandlung. Der geschiedene Journalist wird als menschliches Wrack dargestellt, der durch ständige Angstzustände und Panikattacken nur noch chaotisch arbeitet.
Die disziplinierte Lotte arbeitet immer sehr genau und gut strukturiert. Andere finden sie fast überkorrekt und durch ihr ständiges Abwegen auch umständlich. Ein massiver Kontrollzwang dominiert ihren Alltag. Seit dem Tod ihrer Eltern fühlt sie sich für ihre jüngere, drogensüchtige Schwester Anna verantwortlich.

Fazit

Ich fand die Geschichte wirklich spannend erzählt, flüssig und wendungsreich geschrieben. Immer wieder tauchen neue Tatverdächtige auf, nur um der Geschichte kurz darauf wieder eine andere Wendung zu geben. Durch den einfachen Schreibstil liest sich der Thriller wie geschnitten Brot. Spannung entsteht nicht zuletzt auch, da Personen zu den Opfern gehören, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Zum Schluss war es vielleicht eine Wendung zu viel und auch das Motiv für den Täter fand ich ziemlich unglaubwürdig. Den Charakteren hätte etwas mehr Tiefe gut getan, die Differenzen zwischen der jungen Lotte Skeisvoll und dem erfahrenen aber übergriffigen Osloer Hauptkommissar Hansen hatten dafür auch genug Potential, welches verschenkt wurde. Überhaupt kommen die Polizeibeamten nicht wirklich gut weg. Es kommt schlussendlich zu sechs Opfern und die Beamten laufen immer nur hinterher und können die Morde nicht verhindern, denn der Täter ist ihnen immer einen Schritt voraus. Und wahrscheinlich habe ich schon zu viele skandinavische Thriller gelesen, aber der Mörder war für mich keine Überraschung.

Geir Tangen lebt in Haugesund und ist ein bekannter Blogger. Auf Norwegens größtem Krimi-Blog Bokbloggeir.com schreibt er seit 2012 Krimi- und Thriller-Rezensionen. 2016 hat er sich seinen Traum erfüllt und mit „Maestro“ den ersten eigenen Thriller veröffentlicht. Der Schriftsteller war bei verschiedenen Zeitschriften journalistisch tätig und diese Erfahrungen konnte er durch authentische Beschreibungen des Redaktionsalltags in sein Debüt einarbeiten.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Seelenmesse | Erschienen am 16. Oktober 2017 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-24865-19
480 Seiten | 10.- Euro
Originaltitel: Maestro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Dror Mishani | Drei

Dror Mishani | Drei

Sie war diejenige, die die Initiative ergriff, die die Sache beschleunigte, die kühn auftrat, ohne das bewusst entschieden zu haben, jedoch aus dem vagen Wissen heraus, dass es nur so klappen konnte, dass sie nur so das Gefühl haben würde, es zu wollen. (Auszug Seite 46)

In Tel Aviv hat die alleinerziehende Lehrerin Orna die Trennung von ihrem Ehemann noch nicht richtig verwunden und fühlt sich nach der Scheidung manchmal einsam und mit der Erziehung von Sohn Eran ein bisschen überfordert. Der introvertierte Neunjährige leidet sehr unter der Trennung von seinem Vater, mit dem er nur hin und wieder skypen kann. Denn Ronen lebt inzwischen weit weg und baut sich mit seiner neuen Partnerin und deren vier Kindern in Nepal ein neues Leben auf.

Dass bereits ein gemeinsames Kind unterwegs ist, bedeutet eine weitere Demütigung für Orna. Sie meldet sich mehr oder weniger enthusiastisch auf einem Dating-Portal an und lernt einen geschiedenen Anwalt kennen. Gil ist nicht unbedingt ihr Traummann, aber ein freundlicher, netter Typ, der gut zuhören kann. Der Vater zweier Mädchen ist geduldig und verständnisvoll und geht auf Orna ein, so dass sie sich tatsächlich langsam näher kommen.

Drei Frauen auf der Suche

Im zweiten Kapitel steht die Lettin Emilia im Mittelpunkt. Aus Riga stammend arbeitet die Neunundvierzigjährige in Israel als Pflegekraft. Zwei Jahre pflegt sie den 80-jährigen Nachum und wohnt bei ihm und seiner Frau Esther. Als der alte Herr stirbt, verliert sie nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Unterkunft. Zwar wird ihr eine schlecht bezahlte Teilzeitstelle in einem Seniorenheim einschließlich Schlafkammer angeboten, doch das Geld reicht hinten und vorne nicht und Emilia, kaum des Hebräischen mächtig, ist unglücklich und einsam. Sie sucht Zuflucht im Glauben, verliert aber langsam den Boden unter den Füßen. Sie würde gerne etwas dazu verdienen und wendet sich rat- und hilfesuchend an Nachums Sohn Gil, der Anwalt ist.

Was Emilia vor Esther zu verbergen suchte und auch vor anderen erfolgreich zu verheimlichen meinte, war, dass sie immer tiefer sank. Dass sie eine Hand brauchte, die ihr hingestreckt wurde und sie vor dem Ertrinken rettete. (Seite 141)

Und dann ist da noch Ella, eine siebenunddreißigjährige gestresste Mutter von drei kleinen Kindern, die noch zusätzlich an der Universität studiert. Um zwischendurch auch mal ohne Störungen an ihrer Masterarbeit schreiben zu können, flüchtet sie regelmäßig in ein kleines Café. Hier lernt sie den Anwalt Gil kennen und es entspinnt sich ein Flirt. Mehr will ich über den Inhalt gar nicht verraten, die Spoilergefahr wäre zu groß.

Der Titel ist Programm

Das Bemerkenswerte an Dror Mishanis Kriminalroman ist die ungewöhnliche dreiteilige Erzählstruktur. Der raffiniert konstruierte Plot ist in drei große Kapitel aufgeteilt, in dem je eine der total unterschiedlichen weiblichen Hauptfiguren im Mittelpunkt steht. Von Beginn an hat mir der literarisch anspruchsvolle Sprachstil gefallen, doch ich wusste lange nicht, wo der Autor hin möchte. Als es mir zum Ende des ersten Teils klar wurde, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe es in einem Rutsch durchgelesen.

Richtig beeindruckt hat mich Mishani mit seinen lebensnahen, authentischen Figurenzeichnungen. Mit präziser Beobachtungsgabe und großer Menschenkenntnis skizziert er die Seelenleben der Charaktere und lässt uns teilhaben an ihren Sorgen, Ängsten und Hoffnungen. An einigen Stellen sind die Verletzlichkeiten und Schwächen praktisch mit den Händen greifbar. Ich denke da zum Beispiel an die sensible Schilderung, als Ornas Exmann Ronen wieder Kontakt zu seinem Sohn aufbauen möchte. Um ihn mit in den Urlaub zu nehmen, schlägt er mit seiner hochschwangeren Ehefrau und der ganzen Familie in Tel Aviv auf und bevölkert Ornas Wohnung und die hält es Eran zuliebe aus.

Sie wahrte die Fassung. Alle Schreie waren schon getan, alle Verwünschungen ausgestoßen, alle Tränen geflossen. Alles war vorüber. (Seite 92)

Man spürt die große emotionale Verbundenheit Mashinis zu seinen Figuren auch in der empathischen Beschreibung der verzweifelten Emilia, die langsam den Halt verliert in einem für sie fremden Land ohne sozialen Anschluss. Dabei sind seine Schilderungen immer sachlich, nüchtern und ohne Larmoyanz. Während ich mich in Orna sehr gut reinversetzen konnte, war ich bei Emilia ziemlich erschüttert von ihrem Schicksal. Der Autor zeigt hier eine Welt, von der ich nicht viel weiß. Ihm scheint es wichtig zu sein, die Menschen um ihn herum zu sehen und wahrzunehmen. Dabei bleibt das Innenleben von Gil bis zuletzt für den Leser bewusst im Dunkeln. Gil scheint über keine eigenen Eigenschaften zu verfügen und kann sich daher perfekt auf die Bedürfnisse seines Gegenübers einstellen. Er ist wie ein Spiegel, der den Frauen genau das projiziert, was sie suchen.

Fazit

Der Roman fasziniert mich mit seinem ruhigen und distanzierten Schreibstil. Er entwickelt eine subtile Spannung, wird immer bedrohlicher und durch unerwartete Wendungen auch sehr fesselnd. Dabei kommt der Krimiaspekt tatsächlich erst zum Schluss zum Vorschein, wobei der Roman hier nicht mehr so stark ist wie in den anderen Teilen.
Der Literaturwissenschaftler Dror Mishani wurde 1975 in Israel geboren und lebt in Tel Aviv. Er beschäftigte sich insbesondere mit der Geschichte, der Definition und der Theorie des Kriminalromans. Berühmt wurde er mit der auch in Deutschland (bei dtv) veröffentlichten Krimireihe um Inspektor Avi Avraham.

Die beiliegende Notiz des Diogenes Verlages, in der inständig gebeten wird, in der Rezension nicht zu viel zu verraten, ist ein toller Marketing-Clou. Das schürt natürlich erst mal Erwartungen, hätte es für mich aber gar nicht gebraucht.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Drei | Erschienen am 28. August 2019 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-07084-2
336 Seiten | 24,00 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe