Kategorie: Andy Ruhr

Jørn Lier Horst | Wisting und der Tag der Vermissten Bd. 1 (13)

Jørn Lier Horst | Wisting und der Tag der Vermissten Bd. 1 (13)

Neben Spezialisten von der Polizei hatten unter anderem Kryptologen vom Militär die mysteriöse Mitteilung untersucht, ohne dass irgendjemand einer Lösung näher gekommen war. Der Code war sogar Experten im Ausland vorgelegt worden, doch auch sie konnten nichts anderes als eine sinnlose Zahlenkombination darin erkennen. (Auszug Seite 7)

Im Mittelpunkt dieses norwegischen Krimis steht Kommissar William Wisting, ein besonnener Mittfünfziger, der sich mit einer stoischen Beharrlichkeit in Akten verbeißen kann. Schon ein Leben lang verfolgt ihn ein Fall, der ihm keine Ruhe lässt. Vor 24 Jahren verschwand eine junge Frau namens Katharina Haugen unter mysteriösen Umständen. Sie hinterließ einen gepackten Koffer, ein paar vertrocknete Rosen und einen Zettel auf dem Küchentisch mit merkwürdigen Zeichen und Zahlen.

Der Katharina-Code

Jedes Jahr am Tag ihres Verschwindens nimmt der Kommissar sich die alten Fallakten vor und sichtet noch mal alle Hinweise um etwas zu entdecken, dass er möglicherweise übersehen hat. Er studiert wieder und wieder sämtliche Zeugenaussagen, Fotos und besonders rätselt er über die mysteriöse Skizze, an der sich schon mehrere Experten erfolglos die Zähne ausgebissen haben und die inzwischen als Katharina-Code bezeichnet wird (so auch der norwegische Original-Titel). Jedes Jahr besucht er sogar Katharinas Ehemann Martin Haugen und über die Jahre hat sich, wenn auch keine Freundschaft, aber so etwas wie eine Bekanntschaft entwickelt, mit der man schon mal zusammen zum Angeln geht.

Dieses Jahr kommt überraschend Bewegung in den Fall. Das erste Mal in all den Jahren trifft der Kommissar an diesem besonderen Tag Martin Haugen nicht zu Hause an und der Ehemann bleibt auch die nächsten Tage unauffindbar. Zeitgleich bringt Adrian Stiller, ein junger Ermittler einer neu gegründeten EU-Gruppe für Cold-Cases aus Oslo neuen Schwung in die Angelegenheit. Dieser hat Haugen in einem ebenfalls lange zurückliegenden Entführungsfall im Visier, denn mit den verbesserten technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit hat man Haugens Fingerabdrücke festgestellt.

True Crime Podcast

Stiller hat seine ganz eigene Art zu ermitteln. Er überredet Wisting bei einer verdeckten Ermittlung den Köder zu spielen, um Haugen zu verunsichern und aus der Reserve zu locken. Außerdem arbeitet er noch mit den Medien zusammen, um den Druck auf den potenziellen Täter zu erhöhen. Ohne Wistings Wissen wählt er auch ganz gezielt dessen Tochter Line aus, eine freiberufliche Journalistin, und bittet sie, eine Artikelserie per Podcast über den alten Entführungsfall zu erstellen. Zeitgleich wird auch in einer Fernsehsendung, vergleichbar mit unserem „Aktenzeichen XY“, über die Wiederaufnahme des Kriminalfalls berichtet.

Ich habe mich noch nie mit True-Crime-Podcasts beschäftigt, aber hier wird sehr ausführlich erzählt, wie Line und ein Kollege damalige Zeugen und Angehörige befragen, wie alles aufgenommen und zusammengeschnitten wird. Durch den journalistischen Aspekt kommt noch mal eine ganz andere Perspektive dazu, die ich sehr interessant fand.

Der sich gemächlich entwickelnde Kriminalroman kommt auf ganz leisen Sohlen daher. Relativ unspektakulär und ohne große Effekthascherei verzichtet er auf große Brutalität und Blutvergießen. Stattdessen überzeugt er mit einem intelligenten Schreibstil und lebensechten Figuren. Wenn sich die beiden Männer Wisting und Haugen misstrauisch umkreisen, mutet das wie ein Kammerspiel an, bei dem sich die subtile Spannung immer mehr in die Höhe schraubt. Einen besonderen Reiz machen die gegensätzlichen Figuren und ihre unterschiedlichen Herangehensweisen aus: Auf der einen Seite der engagierte Kommissar William Wisting, ein umgänglicher, sympathischer Witwer mit einer engen Beziehung zu seinen bereits erwachsenen Kindern. Auf der anderen Seite Adrian Stiller, ein ehrgeiziger, undurchsichtiger Ermittler, der mit ungewöhnlichen Methoden wie Manipulation und Provokation ans Ziel kommen will.

Fazit

Die Verknüpfung von zwei lange zurückliegenden Kriminalfällen hat mir richtig gut gefallen und schon ewig habe ich nicht mehr derart bei der Lösung mitgerätselt. Der Fokus liegt hier auf der detailliert sowie realistisch geschilderten Polizeiarbeit. Und da kann Jørn Lier Horst, der viele Jahre als Kriminalkommissar und Ermittler bei der norwegischen Polizei tätig war, auch auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen.

Dies ist bereits der 13. Teil mit Kommissar Wisting, einer in Norwegen sehr erfolgreichen Serie. Mit diesem Band beginnt ein neuer Abschnitt, bei dem sich alles um Cold Cases dreht. Und zumindest im nächsten Band, der im März 2020 in Deutschland erscheinen wird (Wisting und der fensterlose Raum), ist auch Adrian Stiller wieder mit von der Partie. Trotz einiger schon arg bedächtiger Stellen wäre auch ich wieder gerne mit dabei. Ich mochte diesen unaufgeregten Erzählstil und der Krimi hatte für mich etwas total Entschleunigendes.

Das Cover ist typisch für einen Krimi aus dem Hohen Norden. Über eine Eisfläche steht der Name der Hauptfigur WISTING exponiert im Vordergrund. Das sorgt bei einer Reihe für einen guten Wiedererkennungswert. Das Motiv hat aber mit der Kriminalgeschichte nichts zu tun. Auf dem norwegischen Original-Cover ist zumindest noch der mysteriöse Zettel mit dem Katharina-Code abgebildet.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Wisting und der Tag der Vermissten | Erschienen am 1. Oktober 2019 bei Piper
ISBN 978-3-492-06141-4
464 Seiten | 15.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Alex Beer | Der zweite Reiter Bd. 1

Alex Beer | Der zweite Reiter Bd. 1

„Der erste Reiter hat die Tyrannei gebracht, der zweite den Krieg, der dritte den Hunger, und wenn Sie mir nix geben, wird bald der vierte kommen.“ „Zu mir allein?“ Emmerich lachte. „Jawohl. Furcht, Niedergang und… „ Sie legte eine theatralische Pause ein. „Und?“ „…Tod.“ Sie berührte mit den Fingerspitzen Emmerichs Bauch. „Sie werden sterben.“ Ihr Blick war so voller Überzeugung, dass ihm das Lachen im Hals stecken blieb. „Oder jemand, der Ihnen nahesteht, wird sein Leben verlieren.“ (Auszug Seite 194)

1919 ist die einstige Weltmetropole Wien, die ehemals glanzvolle Residenz, nur noch ein schmutziges Moloch. Kurz nach dem ersten Weltkrieg frieren und hungern die Wiener, während Kriegsheimkehrer humpelnd die Straßen bevölkern. Es fehlt an allem, nicht nur an Lebensmitteln, Kohle, Seife und Kleidung, sondern auch an Medikamenten und vor allem an Arbeit.

Kriegszitterer

Dagegen blühen die Kriminalität und der Schwarzhandel mit Versorgungsgütern aller Art. Bei dem Versuch einen Schwarzhändlerring auszuheben, stolpern Rayonsinspektor August Emmerich und sein junger Assistent Ferdinand Winter eher zufällig über den Leichnam des ehemaligen Soldaten Dietrich Jost, der sich selbst erschossen haben soll. Der verzweifelte Kriegsheimkehrer Jost träumte davon, nach Brasilien auszuwandern. Emmerich zweifelt am Selbstmord des sogenannten Kriegszitterers. Denn wie soll dieser die Waffe ruhig gehalten haben, wenn er seine Hände nicht eine Sekunde still halten konnte? Trotz Verbots seines Vorgesetzten, eines hochdekorierten Offiziers der K.-u.-K.-Armee, der von Polizeiarbeit nicht viel versteht, ermittelt Emmerich weiter.

Der erfahrene Polizist sieht die Chance sich zu profilieren, denn er träumt davon, als Kriminalbeamter zum Dezernat Leib und Leben wechseln zu können. Er wünscht sich ein besseres Leben für sich und Luise, eine Kriegswitwe und deren drei kleinen Kindern, mit denen er zusammen auf engstem Raum zusammenlebt. Emmerich, der durch seine Kindheit in einem Waisenhaus, manchmal zynisch und abgebrüht wirkt, ist mit allen Wassern gewaschen und operiert oft an der Grenze der Legalität. Er verschweigt einen Granatsplitter in seinem Bein, um nicht in den ungeliebten Innendienst versetzt zu werden. Dabei macht ihm die Kriegsverletzung schwer zu schaffen und als er das neue Wundermittel Heroin kennenlernt, treibt ihn das fast in die Heroinsucht.

Den ihm unterstellten Assistenten Winter, ein feines, zartbesaitetes Bürschchen, empfindet er eher als Bürde denn als Hilfe. Der verweichlichte Spross aus einer adligen Wiener Familie lebt mit seiner vom Standesdünkel geleiteten Großmutter in einer großen Villa in einem besseren Viertel von Wien. Doch der ängstliche, oft naiv und nervös agierende Jungspund wächst im Laufe der Geschichte noch über sich selbst hinaus. Grade die Interaktion zwischen Emmerich und Winter sorgt für manchen Schmunzler und bringt ein bisschen Leichtigkeit in die düstere Geschichte.

Packende Jagd durch die Unterwelt Wiens

Die Ermittlungen führen die beiden in einer packenden Jagd durch ein winterliches, kriegsgebeuteltes Wien, in miese Spelunken, versteckte Bordelle, in die Kanalisation, in eine ominöse Auswanderungsagentur und nach Schloss Schönbrunn. Bei ihren Nachforschungen laufen Emmerich und Winter in manche Sackgasse und bringen sich selbst in Lebensgefahr. Bis zum unerwarteten Finale kommt es zu manch überraschenden Volten, die die Handlung am Laufen halten, ohne dass zu Längen kommt.

Alex Beer hat gut recherchiert und lässt den Leser mit vielen plastischen Belegen Anteil nehmen an dem Elend, zum Beispiel wenn aufgrund der Kohlennot jeder Patient ein Brikett mit in Spital bringen muss, um damit das Krankenzimmer zu beheizen. Wenn sich die Menschen um verschimmelte Lebensmittel prügeln oder sich bei der Kälte in die geheizten Straßenbahnen flüchten, macht das die Geschichte sehr lebendig und sorgt für weitere Spannung und Dramatik im Plot. Der Autorin gelingt es mit großer Erzählkunst und auch mit dem teilweisen Einsatz des Wiener Dialektes einen atmosphärisch dichten Kriminalroman zu kreieren. Die historischen Details sind hervorragend eingeflochten, auch die Trost- und Hoffnungslosigkeit der damaligen Zeit wird gekonnt eingefangen. Dadurch zieht sie den Leser in die Geschichte rein und man kann sich vorstellten, dass es genauso gewesen sein muss.

Rasante Zeitreise

Der zweite Reiter ist eine rasante Zeitreise, die mich schon auf den ersten Seiten abgeholt hat! Die Charaktere, wie die schwindsüchtige Prostituierte, die Schmugglerbande um Unterweltboss Veit Kolja, die Obdachlosen oder auch die snobistische Großmutter sind vielleicht an der ein oder anderen Stelle ein bisschen überzeichnet, das tat dem Vergnügen aber keinen Abbruch.

Alex Beer ist das Pseudonym von Daniela Larcher, sie wurde 1977 in Bregenz geboren. Mittlerweile lebt die Autorin in Wien und schreibt unter ihrem bürgerlichen Namen Regionalkrimis und unter ihrem Pseudonym Alex Beer historische Krimis, die in Wien der 1920er Jahre spielen. Mit Der zweite Reiter, dem ersten Teil einer Serie um Kriminalinspektor Emmerich gewann sie den Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur. Im Mai 2020 erscheint bereits der vierte Teil der Serie.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der zweite Reiter | Erschienen am 21. Mai 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-734-1059-99
416 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Simone Buchholz | Hotel Cartagena Bd. 9

Simone Buchholz | Hotel Cartagena Bd. 9

Diese Bar hier macht so sehr einen auf Ausblick, dass ich eigentlich keinem Drink, den ich nicht selbst gemixt habe, über den Weg trauen sollte. Zu viel aufdringliche Schönheit, zu viele Sieh-mich-an-Sachen, zu viel Ablenkung. (Auszug Seite 15)

Die Ausgangssituation des 9. Bandes der Chas-Riley-Reihe könnte aufregender und verheißungsvoller nicht sein. Der ehemalige Hauptkommissar Faller feiert seinen 65. Geburtstag ganz groß in einem Nobelhotel am Hamburger Hafen. Und sie sind alle gekommen, die ganze Bagage rund um Staatsanwältin Chastity Riley und sitzen nun beim Cocktail, hoch oben im 20. Stock in der Hotelbar. Auch wenn Chas findet, dass sie hier eigentlich nicht richtig reinpassen. Nur Ivo Stepanovic vom LKA und Chas aktueller Lover verspätet sich etwas.

Es ist mir ein Rätsel, warum der Faller seinen Geburtstag ausgerechnet hier feiern muss, wir passen doch schlechter an so einen Ort als ein Rudel Straßenköter in einer Plastiktüte, warum stehen wir nicht im Silbersack am klebrigen Tresen und trinken Flaschenbier, warum sitzen wir nicht in einer dunklen Pizzeria und sind laut … (Seite 15)

Wir haben hier eine Situation

Dann stürmen ein Dutzend schwerbewaffnete Geiselnehmer die Bar und bringen alle Gäste sowie das Personal in ihre Gewalt. Forderungen werden keine gestellt, so dass das Motiv der Geiselnahme lange Zeit rätselhaft bleibt. Aus der Perspektive von Riley beobachtet der Leser die Geschehnisse, die sich immer mehr zuspitzen. Während unsere Heldin in diesem Ausnahmezustand am Anfang noch versucht, einen Kontakt zu dem charismatischen Anführer aufzubauen, kommt es wegen einer sich entzündenden Schnittverletzung zu einer Blutvergiftung und ihre Wahrnehmungen werden zunehmend getrübter.

In einem zweiten Erzählstrang geht es rückblickend um das Schicksal von Henning Garbarek, der auf St. Pauli in ärmlichen Verhältnissen ohne große Zukunftsperspektiven aufwächst. Henning ist ein kluger Junge und sieht für sich keine Hoffnung auf dem Kiez. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben ist so groß, dass er eines Tages Mitte der 80er Jahre ziemlich spontan auf einem Schiff Richtung Südamerika anheuert und wenig später in Cartagena, Kolumbien an Land geht. Und zuerst läuft es auch gut für ihn, er findet Arbeit, Freunde und gründet eine Familie. Aber dann gerät er an die falschen Leute und wird zum Mittelsmann eines kolumbianischen Drogenbosses. Nachdem er jahrelang jede Menge nicht ganz saubere Kohle verdient hat, kommt es unwiderruflich zur Katastrophe.

Wo die jungen Leute sich hier treffen? Am Strand. Wo er Arbeit finden könnte? Am Strand. Wo er günstig essen könnte? Am Strand. Worauf er achten müsste, wegen Gefahren und so? Auf das Treiben am Strand. (Seite 36)

Während erst nach und nach klar wird, wie die dramatische Schicksalsgeschichte von Henning mit der Geiselnahme zusammenhängt, überlegt sich Ivo Stepanovic einen waghalsigen Befreiungsversuch. Er gesellt sich vor dem Hotel zu den versammelten Einsatzkräften und wird kurzerhand zu den Verhandlern gesteckt.

In Hotel Cartagena spielen die bekannten Charaktere fast nur eine Nebenrolle, denn die Geschichte, die Simone Buchholz hier auf etwas mehr als 200 Seiten aufblättert, ist eher eine 80er Jahre Koksgeschichte. Und mein einziger kleiner Kritikpunkt ist dann auch folgender: Dass sich unter den Geiseln zufälligerweise ein eingespieltes Team von Kriminalbeamten befindet, oder LKA-Mann Ivo Stepanovic von außen operieren kann, spielt für den Krimi-Plot überhaupt keine Rolle. Dieser ist raffiniert und klug inszeniert, die bedrohliche Situation wird immer verfahrener und langsam läuft es in beiden Erzählsträngen auf eine Eskalation raus. Aber Chastity kann ihren inneren John McClane gar nicht aktivieren, wie im Klappentext vollmundig versprochen wird, da sie das Geschehen durch die Blutvergiftung in einem Fiebertraum fast handlungsunfähig miterlebt.

Nur ein kleiner Kritikpunkt denn ich rauschte nur so durch die kurzen Kapiteln bis zum großen Showdown. Buchholz besticht wieder mit messerscharfen, schnoddrigen Dialogen, die auf den Punkt geschrieben sind. Fasziniert hat mich die Mischung aus Ironie, stakkatohaftem Schreibstil und dann wieder Melancholie und poetische, fantasievolle Sprachbilder, die sie kreiert.

Vermutlich ist er der einzige im Raum, der mit jeder Faser seines Herzens weiß, wie unübersichtlich nicht nur ich bin, sondern wir alle sind, ja sogar alle Menschen auf der ganzen verdammten Welt. Der Faller weiß um den großen Knoten, den wir bilden und den ich manchmal nur erahnen kann, wenn ich an jemandem vorbeistolpere und dabei eine Hand zu fassen kriege und die kleinen Risse, die Beschädigungen in der Oberfläche spüre und denke: wow, du auch? (Seite 17)

Die Autorin pfeift auf alle Krimiregeln und zieht ihren eigenwilligen, lässigen Erzählstil kompromisslos durch. Es geht hier nicht um das klassische Falllösen. Es finden keine Ermittlungen statt und die Aktionen der Polizei sind auch eher Nebenschauplätze. Simone Buchholz interessiert sich sehr viel mehr für ihre Charaktere mit ihren Ecken und Kanten und hat einen ganzen Haufen ambivalenter Figuren – ja Freaks – am Start, wobei der Fokus auf der sperrigen Staatsanwältin liegt. Viele ihrer Ideen habe ich gefeiert, wie um mal beispielhaft das Kapitel Columbohaftigkeit zu nennen, in dem Stepanovic auf einen der Verhandler trifft und die beiden sich erst mal wie Westernhelden abtaxieren. Fast schon zu cool!

Ich finde Simone Buchholz läuft hier zur Hochform auf, und ich habe diesen Kriminalroman abseits des Mainstreams sehr genossen.  Das Coverbild ist wieder von ihrem Freund Achim Multhaupt dem Retro-Look der 80er Jahre nachempfunden und reiht sich stilistisch perfekt in die Reihe der letzten vier im Suhrkamp-Verlag erschienen Bände ein.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Hotel Cartagena | Erschienen am 29. September 2019 bei Suhrkamp
ISBN 978-3-518-47003-9
228 Seiten | 15.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Blaue Nacht und Mexikoring (Bd. 8) von Simone Buchholz.

Francis Durbridge | Paul-Temple Die große Box ♬

Francis Durbridge | Paul-Temple Die große Box ♬

Sechs Hörspiele in den Original-Radiofassungen

Heutzutage sind die meisten Protagonisten eines Krimis, die Ermittler, Detektive oder Kommissare oft irgendwie beschädigt, kaputt oder zumindest traumatisiert. Sie kämpfen mit Alkohol- und Drogenproblemen, ihren inneren Dämonen oder sind zumindest etwas schrullig.

Beim Morpheus!

Ein ganz anderes Kaliber ist der fiktive Kriminalschriftsteller und Hobbydetektiv Paul Temple, der Ende der 1930er Jahre von dem britischen Schriftsteller Francis Durbridge erfunden wurde. Der kultivierte Gentleman löst seine Fälle mit lässigem Charme, ist scharfsinnig, souverän und bleibt einfach immer smart. Es kommt höchstens mal ein „Beim Morpheus!“ wenn er überrascht wird.

Ihm zur Seite steht Steve, seine zauberhafte, stets gut gelaunte, immer topmodisch gekleidete Ehefrau. Als Sidekick für humorige, geschliffene Dialoge unverzichtbar! Paul ist als Schriftsteller sehr erfolgreich und so gehören die Temples eher zur Upperclass und können sich in ihrer Londoner Wohnung einen Diener leisten. In jeder Folge dabei ist der britisch stocksteife Charlie mit den flapsigen Ausdrücken. Temple arbeitet eng mit Scotland Yard zusammen und Sir Graham Forbes bittet ihn oft um Unterstützung und bringt ihm die Fälle praktisch ins Haus. Und das würde ich doch auch machen, denn Paul löst die richtig verzwickten Fälle.

„Oh Paul, er ist in einem fürchterlichen Zustand!“

Verschiedene Zutaten findet man in leicht abgeänderter Form in jeder Folge. Das sind zum Beispiel der ominöse Nachtclub, das einsame Landhaus oder der geheimnisvolle Megaverbrecher, den noch keiner gesehen hat und jeder nur unter seinem Pseudonym kennt. Oft ruft eine Person Temple an und will etwas Wichtiges zur Aufklärung mitteilen, aber auf keinen Fall sofort am Telefon. Es wird ein Treffpunkt vereinbart, und man kann davon ausgehen, dass die Person vorher beseitigt und oft vom Ehepaar Temple aufgefunden wird. Fast inflationär oft fällt dann von Steve der Satz: „Oh Paul, er / sie / das Opfer / die Leiche ist in einem fürchterlichen Zustand.“ Immer steht ein gewöhnlicher, aber für den Fall mysteriöser Gegenstand im Mittelpunkt, um den sich der Hörer die meisten Gedanken machen kann.

In Paul Temple und der Fall Vandyke führt eine Puppe die Temples nach Paris, wo sie nach einem verschwundenen Baby suchen und einen Drogenhändlerring ausheben, dabei wird eine handgeschriebene Notiz mit dem Vermerk: „Ein Mr. Vandyke hat angerufen; keine Bestellung hinterlassen“ gefunden.

In Paul Temple und der Fall Jonathan verwundert neben einem Siegelring eine Postkarte mit dem Text: „Wir amüsieren uns glänzend. Viele Grüße Jonathan“, die neben der verstümmelten Leiche eines amerikanischen Studenten gefunden wird.

In Paul Temple und der Fall Madison gibt ein verschwundener Penny an einer Uhrenkette Grund für Spekulationen. Bei dem Fall um einen undurchsichtigen Privatdetektiv namens Madison geht es um Erpressung und eine große Falschmünzerbande.

Als Paul und Steve in Paul Temple und der Fall Spencer den Mord an einer jungen Schauspielerin untersuchen, hilft ihnen als Anhaltspunkt eine mysteriöse Schallplatte in der Londoner Wohnung der Toten mit dem Begleitschreiben: „Es war ein Genuss! Herzlichst Spencer“.

Ein blaues Kleid und einige Cocktailstäbchen bringen den charmanten Detektiv in Paul Temple und der Fall Conrad auf die richtige Spur. Hier verschwindet die Tochter eines berühmten Psychiaters aus einem bayrischen Eliteinternat.

In einem Mantel der Firma „Margo“ gehüllt wird in Paul Temple und der Fall Margo die Tochter eines amerikanischen Verlegers tot aus der Themse gezogen.

Für die Begrüßung nehmen sich alle immer viel Zeit, wobei „Hello“ lustigerweise immer englisch ausgesprochen wird. Bei all den kriminellen Machenschaften bleibt auch immer noch Zeit für einen Drink oder zwei. Zum Schluss treffen sich alle Verdächtigen oft zum gepflegten Drink am Abend und Paul Temple entlarvt den Täter.

Aber es gibt auch unterhaltsame Actionszenen, zum Beispiel in Paul Temple und der Fall Madison wird Steve auf einen Kabinenkreuzer verschleppt und kann sich ganz knapp auf einem Polizeiboot in Sicherheit bringen, bevor eine Bombe detoniert. In Paul Temple und der Fall Vandyke entgeht das Ehepaar Temple nur knapp einem Attentat in einem Pariser Straßencafé, in Paul Temple und der Fall Conrad werden sie in den bayerischen Alpen von der Straße abgedrängt und in dieser Folge war für mich auch einer der spannendsten Szenen, als Paul sich mit einem Informanten in einer alten Lagerhalle am Nordufer der Themse trifft, diesen sterbend vorfindet und nachdem ein Feuer ausbricht sich nur durch einen Sprung in die Themse retten kann.

Paul Temple war sein Durchbruch

Francis Durbridge hatte die Krimis rund um Paul Temple nur fürs Radio konzipiert, es gab keine Romanvorlage. Der britische Autor achtete beim Schreiben speziell auf Spannung und Effekte für den Hörer und das Publikum musste immer nach einem spektakulären Cliffhanger eine Woche auf die Fortsetzung warten. Während heute alle Toneffekte digital hinzugefügt werden, agierten die Schauspieler rund um René Deltgen damals noch in echten Räumen und durch die spielerischen Inszenierungen wirkt alles handgemacht. Wenn die Schausprecher Treppen hochlaufen, Türen zuschlagen, Tee eingießen oder live mit Schreckschusspistolen schießen, wirkt alles sehr lebendig und man hört heute noch den Spaß, den das gemacht haben muss.

Ab 1938 produzierte die englische BBC 29 PT-Hörspiele und in Deutschland konnten sich begeisterte Krimihörer ab 1949 an den vom WDR ganz nach dem Vorbild der BBC produzierten Hörspielen vergnügen. Bis 1967 faszinierten 13 Fortsetzungsserien eine ganze Generation von Krimiratefreunden.

Bei den in der Box befindlichen sechs Hörspielen handelt es sich um die Original-Radiofassungen des WDR. Den besonderen Charme macht auch aus, dass hier nichts geschnitten wurde und man auch die damaligen An- und Absagen hört. Es sind zeitlos spannende, nostalgisch anspruchsvolle, raffinierte Kriminalfälle, wobei auch die Originalmusik von Hans Jönsson beiträgt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Paul Temple Die große Box | Erschien am 18. April 2019 im Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-0953-9
6 mp3-CDs| 29,99 Euro
Bibliographische Angaben & Hörprobe

Jo Nesbø | Messer Bd. 12

Jo Nesbø | Messer Bd. 12

Das richtige Messer für die richtige Tätigkeit war entscheidend. Die Messer waren gut, zweckdienlich, von herausragender Qualität. Trotzdem fehlte ihnen, was Svein Finne an Messern besonders schätzte. Persönlichkeit, Seele, Magie. Bevor der groß gewachsene junge Polizist mit den störrischen Haaren alles kaputtgemacht hatte, war Svein Finne der stolze Besitzer einer stattlichen Sammlung von insgesamt sechsundzwanzig Messern gewesen. (Auszug Seite 15)

Die Rezension ist mir diesmal nicht ganz leicht gefallen. Ich bin ein großer Fan der Harry-Hole-Reihe und habe sämtliche Bände gelesen und geliebt, angefangen mit Der Fledermausmann bis zum elften Band Durst. In jenem letzten Band war Harry Hole Dozent an der Polizeihochschule und führte zusammen mit Ehefrau Rakel und Sohn Oleg nach vielen Höhen und Tiefen ein harmonisches Privatleben. Das fand ich zur Abwechslung mal ganz erfrischend, doch das holde Glück war nur von kurzer Dauer.

Harry Hole am Scheideweg

In Messer, dem zwölften Band und nur circa anderthalb Jahre später spielend, ist schon wieder alles vorbei. Harry wurde von seiner Frau rausgeschmissen, den genauen Grund erfährt man erst später. Und er ist wieder dem Alkohol verfallen, lässt sich total gehen und versinkt regelrecht in depressivem Selbstmitleid. Seinen Job als Dozent hat er verloren und arbeitet wieder in seiner alten Dienststelle, wird aber von seiner Chefin Katrine Bratt nur mit einfachen Ermittlungstätigkeiten beschäftigt. Im Laufe der zwölf Bände balancierte der schwierige Einzelgänger oft an der Grenze eines seelischen Abgrundes, aber diesmal befindet er sich endgültig auf einem Selbstzerstörungstrip. Dem wird im aktuellen Buch sehr viel Platz eingeräumt und das war teilweise wirklich schwer zu ertragen, aber ich befürchte dass es sich hierbei um eine realistische Darstellung eines alkoholkranken Menschen handelt. Ein Quartalssäufer funktioniert eine Zeitlang ganz gut und meistens auch abstinent, um dann nach einem totalen Kontrollverlust einen schlimmen Absturz zu erleiden.

Zeitgleich wird der 77-jährige Svein Finne nach langer Haftzeit entlassen. Hole war damals an seiner Verhaftung mitverantwortlich und der perverse, sadistische Serienvergewaltiger mit einer Vorliebe für Messer, schwor Harry und seiner Familie nicht nur aus diesem Grund Rache. Finne wird Der Verlobte genannt und war bekannt dafür, seine Opfer schwängern zu wollen. Er drohte den Frauen, sie umzubringen, wenn sie „sein Kind“ abtreiben wollten. Kaum entlassen, lebt er seine kranken Fantasien erneut aus und geht trotz seines fortgeschrittenen Alters sofort wieder auf die Jagd nach neuen Opfern.

Totaler Blackout

Hole wacht eines Morgens nach einer durchzechten Nacht mit blutverschmierten Klamotten und einem totalen Filmriss auf. Dann passiert etwas, was ihn endgültig aus der Bahn wirft. Einzelheiten möchte ich hier nicht spoilern, mich hat dieser Verlauf sehr geschockt und ich dachte, das kann Nesbø doch nicht machen. Aber der norwegische Autor hat keine Bedenken, den Leser zu verschrecken. So erklärte er einmal in einem Interview, dass er es nicht als seinen Job ansieht, die Erwartungen seiner Leser zu erfüllen, sondern dass ausschließlich Geschichten schreibt, die ihn selbst interessieren. Und so falsch kann er bei mittlerweile über 40 Millionen weltweit verkauften Exemplaren ja auch nicht liegen.

Messer ist ein Thriller, in dem die Gewalt deutlich weniger im Vordergrund steht als in manchen Vorgängerbänden und der sich komplett auf seinen charismatischen Protagonisten Harry Hole konzentriert, dessen Leben nun richtig aus den Fugen gerät. In einer weiteren spannenden Handlungsebene geht es um die Traumata von Soldaten eines Spezialkommandos in Afghanistan und es gibt auch ein Wiedersehen mit einigen Bekannten aus dem Harry-Hole-Kosmos, wie Kaja Solness, die Harry damals in Leopard aus der Drogenhölle Hongkongs holte.

Auch dieser Thriller ist ein düsterer Pageturner mit ständig wechselnden Erzählperspektiven, der mit vielen frappierenden Wendungen, falschen Spuren sowie melancholischer Stimmung glänzt und mit ergreifenden Emotionen überzeugt. Wenn es zum Schluss zur komplett unerwarteten aber logischen Auflösung kommt, kann man die intelligente Konstruktion nur bewundern. Wenn dann alle losen Fäden verknüpft werden, wird die Raffinesse des Plots deutlich. Selbst die sehr ausführlichen Beschreibungen über Musik haben ihre Berechtigung, denn Hole findet einen wichtigen Hinweis mitten zwischen seiner riesigen Plattensammlung, der dann sogar ihn selbst als Täter in den Fokus rückt.

Sung-mins Verdacht, dass Harry Hole im Affekt und umnachtet von Alkohol getötet hatte, war dadurch nur noch verstärkt worden. Er nahm an, dass Harry tatsächlich große Teile des Vorfalls vergessen oder verdrängt und die letzten Tage seines Lebens damit verbracht hatte, gegen sich selbst zu ermitteln. (Seite 462)

Fazit

Messer ist vielleicht der emotionalste, dramatischste Teil, für mich ein Band mit leichten Schwächen, aber für Fans der Reihe ein Muss. Nesbø zeigt sich wieder als gewiefter Meister von vertrackten Plots und rausgekommen ist ein tiefgründiger und vielschichtiger, hervorragend geschriebener Krimi der Extraklasse.

Funfact: Für seinen zerrissenen Helden Harry Hole hat Jo Nesbø die Storyline seines privaten und beruflichen Lebens schon vor Jahren festgelegt und hält sich im Groben auch an diesen Plan.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Messer | Erschienen am 27. August 2019 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-08173-6
576 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Kniv
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Jo Nesbø-Romanen Macbeth, Die Larve und Durst sowie einen Sonderbeitrag Lesung: Jo Nesbø | Blood on Snow. Das Versteck, Bericht von der Lesung in Schwerte