Kategorie: Andrea Köster

Mikaela Bley | Böse Schwestern Bd. 2

Mikaela Bley | Böse Schwestern Bd. 2

„Der Tod, der Tod, der Tod. Einer der vielen Therapeuten hat mir den Tipp gegeben, bestimmte Worte laut auszusprechen, wenn die Erinnerungen zu heftig werden. (…)“
(…) „Sie versuchen, eine Panikattacke zu stoppen. Funktioniert es?“
„Manchmal. Ich habe mal gelesen, dass Astrid Lindgren alle Telefongespräche mit ihrer Schwester so begonnen hat. Auf diese Weise hatten sie alle dunklen Themen im Handumdrehen abgehakt, brauchten sich keine Gedanken mehr darüber zu machen und konnten sich den hellen Dingen zuwenden.“ (Auszug Seite 178)

Nach dem letzten großen Fall über den Ellen Tamm, Journalistin bei TV4 in Stockholm, berichtet hat, fällt sie in ein tiefes Loch. Um da rauszukommen, zieht sie wieder zu ihrer Mutter und besucht einen Psychiater. Doch dann wird in dem beschaulichen Ort eine Leiche gefunden, die scheinbar niemand kennt. Ellen fühlt sich sofort von dem Fall angezogen und möchte darüber berichten, weil sie ahnt, dass mehr dahinter steckt.

Ellen Tamm ist 35 Jahre alt und hat im Alter von acht Jahren ihre Zwillingsschwester verloren. Dieses Ereignis konnte sie noch immer nicht überwinden und gerade der letzte Fall (Glücksmädchen), bei dem es ebenfalls um ein verschwundenes Mädchen ging, hat alle Erinnerungen wieder aufgerissen. Ellen hat außerdem starke Gefühle für ihren Chef Jimmy. Er ist verheiratet, kann sich aber trotzdem nicht von Ellen distanzieren und so kommt es zu einer ständigen On-Off-Affäre.

Überraschungen

Böse Schwestern von Mikaela Bley ist sehr flüssig zu lesen und überrascht in vielerlei Hinsicht. Dass in idyllischen Dörfern nicht immer alles so beschaulich ist, wie es aussieht, ist nichts Neues. Aber Ellen deckt nicht nur ihre eigene Vergangenheit auf, sondern auch ein Familienkonstrukt, das ich mir so gar nicht vorstellen kann. Trotzdem, oder gerade deshalb, war es sehr interessant und bisher auch das erste Buch, das ich zu diesem Thema gelesen habe.

Gegenwart und Vergangenheit

Die Kapitel sind in Tage und Uhrzeiten untergliedert und werden abwechseln von Ellen und zwei weiteren Frauen erzählt. Ansonsten geht es je zur Hälfte um den Fall, zu dem Ellen recherchiert und ihrer Vergangenheit. Ab und zu passen auch Jimmy und Ellens schreckliche Mutter in die Geschichte. Mir war Ellens Trauma ihrer Kindheit etwas zu viel, muss ich sagen. Auch der Titel des Buches zielt mehr auf die getrennten Zwillinge ab, als auf die Tote, um die es für mich hauptsächlich geht. Das finde ich etwas schade.

Ellen, die Journalistin

Ellen macht meiner Meinung nach einen tollen Job. Sie fragt nach, immer wieder, wenn sie etwas erfahren will und gibt nicht so schnell auf. Ihre Hartnäckigkeit hat sich dabei oft bewährt, aber natürlich geht auch nichts über gute Quellen, die auch schon mal etwas kosten können. In der Redaktion ist Ellen nicht unbedingt die Beliebteste und nicht vom Typ „beste Freundin“. Ellen nervt es eher, wenn sie Small-Talk halten muss. Mir ist sie mit ihrer straighten Art sympathisch.

Noch mehr Überraschungen

Im Laufe der Geschichte macht man sich als Leser ja so seine Gedanken, wer denn der Täter gewesen sein könnte. Das Ruder wird zum Ende aber nochmal komplett herumgerissen, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Und dann bleibt das Buch auch noch mit seinem Ende in Bezug auf Ellen sehr offen. Das lässt in mir die Hoffnung keimen, dass es bald ein drittes Buch über Ellen Tamm gibt.

Fazit: Spannende Geschichte mit etwas viel Vergangenheit!

Mikaela Bley wurde 1979 geboren und lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Stockholm. Um ihren ersten Krimi zu schreiben, kündigte sie ihren Job beim schwedischen Fernsehsender SV4.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Böse Schwestern | Erschienen am 9. Februar 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-548-28861-1
397 Seiten |
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zum 1. Band der Ellen-Tamm-Reihe von  Mikaela Bley Glücksmädchen.

16. Mai 2018

Anja Behn | Kalter Sand

Anja Behn | Kalter Sand

„Lautlos glitt ihr schlaffer Körper aus seinen steifen Armen. Er sackte auf die Knie, spürte die kühle Erde zwischen seinen schwitzenden Fingern. Er hob den Kopf und starrte in die Finsternis, bis das Mondlicht sie erhellte. Ein letztes Mal betrachtete er sie. Die tote Hülle im kalten Sand.“ (Auszug Seite 8)

Richard Gruben wird von seinem alten Studienfreund Philipp Stöbsand nach Gellerhagen an die Ostsee eingeladen, um mit ihm die Eröffnung seiner Fotoausstellung zu feiern. Die Vernissage wird allerdings durch einen Mann gestört, der behauptet, Philipp habe vor 6 Jahren seine damals 15-jährige Tochter Annika umgebracht. Diesen Vorwurf hört Richard zum ersten Mal. Was hat es damit auf sich? Und warum hat Philipp ihm diese Anschuldigungen verschwiegen? Ist da etwas Wahres dran?

Richard Gruben ist Mitte vierzig und Kunsthistoriker für britische Gemälde. Er hat einen zweijährigen Sohn, lebt aber von der Mutter getrennt. Vor kurzem ist er von Münster nach Dortmund gezogen, um näher bei seinem Kind zu sein.

Jedes Buch eine Steigerung

Kalter Sand von Anja Behn ist der dritte Küstenkrimi um Richard Gruben und ich finde, dass die Geschichten um den Protagonisten mit jedem Buch besser werden. Diese Geschichte war für mich sehr spannend und flüssig zu lesen. Es bekommen die meisten handelnden Personen eine Stimme und gerade dadurch werden am Anfang viele Informationen gestreut, die aber zunächst nicht näher erläutert werden und sich erst im Laufe der Geschichte erklären. Außerdem wurde ich beim Lesen zum mitraten animiert und am Ende überrascht. Einziges Manko ist, dass es für mich ein sehr kurzes Lesevergnügen war, da das Buch nur 240 Seiten hat. In eineinhalb Tagen war ich durch.

Der Protagonist Richard Grube

Richard Gruben wird mir von Buch zu Buch sympathischer. Er gewöhnt sich scheinbar an, bei jedem Besuch an der Ostsee eine Frau kennenzulernen und sich in sie zu vergucken. Mit seinem Freund, dem Polizisten Mulsow, überlegt und durchdenkt Richard alles, was er zu dem Fall von damals erfahren hat und scheut sich auch nicht, auf eigene Faust loszuziehen, obwohl er dabei nicht blauäugig oder naiv ist. Mir kommt Richard als ein besonnener, ruhiger und überlegter Mensch vor.

Fiktion und Realität

Auch die Landschaft der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst kommt nicht zu kurz. Der Ort im Buch ist ein fiktiv, wenn man sich aber auskennt, kann man erahnen, wo er sich befindet. Das finde ich beim Lesen immer sehr schön, wenn man anhand der Beschreibungen genau weiß, wo zum Beispiel die Person gerade steht und man vielleicht dort auch selbst schon mal war.

Anja Behn wurde 1972 in Rostock geboren, studierte Bauingenieurwesen und arbeitet in einer Rostocker Baufirma. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. Neben ihrer Leidenschaft für Küsten-Krimis widmet sie sich unter dem Pseudonym Jule Vesterlund auch dem Schreiben von gefühlvollen Liebesromanen.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Kalter Sand | Erschienen am 15. März 2018 bei Emons
ISBN 978-3-7408-0281-3
240 Seiten | 10.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zu Anja Behns Küsten-Krimis Stumme Wasser und Küstenbrut.

8. Mai 2018

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenfluch

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenfluch

„Überhaupt lief einiges anders, als er es sich vorgestellt hatte. In seiner Phantasie gingen die Familien aufeinander los, sobald jemand verschwand. Vorwürfe und Verdächtigungen würden das brüchige Band des Zusammenhalts brechen lassen. Am Ende, so hatte er gehofft, ja, geglaubt, würden die Frauen ihm dankbar sein, weil er ihnen die Augen geöffnet hatte. (Auszug Seite 345)

Neben einem Rapsfeld direkt am Deich wird eine Leiche gefunden. Es handelt sich um Angela Röttgen, Ehefrau und zweifache Mutter, die vor einigen Wochen spurlos verschwunden ist. Aufgrund der Berichterstattung der Presse von den Ermittlungen in diesem Fall, für den unter anderem Ann Kathrin Klaasen und ihr Mann Frank Weller zuständig sind, meldet sich ein weiterer Ehemann, dessen Frau auf einmal nicht mehr nach Hause gekommen sei. Dann tauchen Päckchen mit den Klamotten auf, die die Frauen zuletzt getragen haben. Und das ist erst der Anfang…

Klaasen & Weller

Ann Kathrin Klaasen und Frank Weller sind nicht nur Kollegen, sondern seit einigen Jahren auch verheiratet. Beide bekommen Beruf und Alltag ganz gut in den Griff, wie ich finde, obwohl es in einem laufenden Fall natürlich schwierig ist, sich Zweisamkeit zu nehmen. Ann Kathrin hat einen speziellen, aber auch erfolgreichen Ermittlungsstil, der bis über die Grenzen von Ostfriesland bekannt sind. So legt sie sich auch schon mal nackt ins Rapsfeld, um die Stimmung der Opfer nachzuempfinden oder „spricht“ mit dem Tatort.

Viel Inhalt

Ostfriesenfluch von Klaus-Peter Wolf ist nun schon der zwölfte Fall von Ann Kathrin Klaasen. (Sieben davon haben wir übrigens rezensiert: klick) Diese Geschichte ist ziemlich energiegeladen und es passieren viele Dinge, so dass es auf keiner Seite langatmig wird. Es kommt zu Schießereien und Geiselnahmen, zu Verdächtigen, die nichts mehr zu verlieren haben, zu Fluchtversuchen, die sehr vielversprechend beginnen, dann aber doch scheitern, zu Verfolgungsjagden. Und das alles mehrfach auf nicht mal 500 Seiten. Puh, mir ist das fast etwas viel Inhalt, auch wenn ich immer gut mitgekommen bin. Ich war eher so auf entspannte und klassische Ermittlungsarbeit eingestellt. Hat aber den Vorteil, dass es wirklich nicht langweilig wird.

Hauptkommissare

Bei den handelnden Personen bin ich etwas zwiegespalten. Ann Kathrin ist mir grundsätzlich sympathisch und ich bewundere, dass sie ihre teilweise andersartige Ermittlungsarbeit so stark verteidigt und sich mit dem Erfolg auch Respekt erkämpft hat, aber gerade das finde ich auch etwas weit hergeholt. Sie bekommt Hilfe bei ihrem ehemaligen Chef, wenn sie nicht weiterkommt und ist im Grunde die Hauptakteurin im Kommissariat. Mit Frank Weller kann ich mich am meisten identifizieren. Er ist ruhig, behält den Überblick und holt seine Frau immer wieder zurück in die Realität. Außerdem ist er Krimi-Leser. Rupert, ebenfalls Hauptkommissar, ist nicht der schlauste, spielt sich aber gern so auf und denkt er ist der Frauenschwarm schlechthin. Er war mir an einigen Stellen etwas zu nervig. In Krisensituationen wird im Kommissariat, weiterhin nach Tradition des ehemaligen Leiters, ein Marzipan-Seehund geschlachtet. Der Verzehr beruhigt die Nerven.

Besonders schön ist die beschriebene Landschaft und ich bleibe mit etwas Meer-Weh zurück!

Klaus-Peter Wolf wurde 1954 geboren und lebt als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in Norden (Ostfriesland). Er schreibt nicht nur Regionalkrimis, sondern auch Romane und Kinder- und Jugendbücher. Außerdem hat er unter anderem Beiträge für die Reihen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“ geschrieben. Der Autor ist mit Bettina Göschel, einer Kinderliedermacherin, verheiratet, die er auch in diesem Buch namentlich mit in die Geschichte hat einfließen lassen. Am Ende des Buches wird verraten, dass Ann Kathrins neuer Fall im Februar 2019 erscheint.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Ostfriesenfluch | Erschienen am 8. Februar 2018 bei als Fischer Taschenbuch
ISBN 978-3-596-03634-9
512 Seiten | 10.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: bisherige Rezensionen von Wolfs Romanen auf krimirezensionen.de

30. April 2018

Camilla Läckberg | Die Eishexe

Camilla Läckberg | Die Eishexe

„Schließlich hatte niemand mehr eine Frage an Märta, und Britta kam mit ihrem eiskalten Lächeln nach vorn, um sie abzuholen. Hexe, dachte Elin. Wenn jemand eine Hexe ist, dann sie. Als Britta mit Märta zum Ausgang gehen wollte, drehte sich das Kind noch einmal um und winkte Elin strahlend zu. Dann verschwand ihre Tochter in der Hand der Eishexe.“ (Auszug Seite 643)

Vor dreißig Jahren ist die vierjährige Stella vom elterlichen Hof verschwunden und wurde kurze Zeit später tot aufgefunden. Damals wurden zwei dreizehnjährige Mädchen für die Tat verantwortlich gemacht. Jetzt ist das gleiche nochmal passiert. Vom selben Hof einer anderen Familie. Kurz nachdem eins der für schuldig erklärten Mädchen von damals wieder an ihren Heimatort zurückgehkehrt ist. Ist das nicht etwas viel Zufall?

Erica & Patrik

Protagonisten sind der Polizist Patrik und seine Frau Erica. Beide sind verheiratet und haben drei Kinder. Erica ist Schriftstellerin und hat gerade damit begonnen, ein Buch über Stella zu schreiben, als das zweite Mädchen vermisst wird. Es ist für das Ehepaar nicht einfach, beide zeitaufwändigen Jobs und das Familienleben unter einen Hut zu bekommen. Sie meistern es aufgrund von viel Unterstützung aus der Familie aber sehr gut, wie ich finde.

Viele Seiten und viele Personen

Die Eishexe von Camilla Läckberg ist ein ziemlicher „Schinken“ mit 752 Seiten. Die Handlung ist sehr komplex und es tauchen viele Namen auf, aber zu keiner Zeit habe ich den Überblick verloren (auf der deutschen Homepage der Autorin kann man sich ansonsten ein Figurenposter herunterladen). Die Geschichte bezieht sich nicht nur pur auf die Ermittlungen, sondern es wird auch viel vom Privatleben der Kommissare erzählt. Diese Teile hätte man bestimmt weglassen können, für die Stimmung der Geschichte sind sie aber unverzichtbar. Mir war es auch gar nicht zu viel, ich hatte zu keinen Zeitpunkt das Gefühl, dass es langatmig ist.

Eine Geschichte in der Geschichte

Im Roman bekommt so gut wie jede handelnde Person eine Stimme und nach und nach erschließt sich dem Leser, worum es hier geht und dass es viele Geheimnisse in dem kleinen schwedischen Ort Fjällbacka gibt. Die Ermittlungen starten schwerfällig, da es kaum Spuren oder Anhaltspunkte gibt. Am Ende der Kapitel gibt es noch einen Rückblick auf den ersten Vermisstenfall oder es wird von Elin Jonsdotter aus dem Jahre 1617 erzählt. Ich war sehr gespannt, wie sich diese zweite Geschichte im Buch mit den Ermittlungen verbindet und wurde zufriedengestellt.

Ein hochdramatisches Ende

Das Ende des Romans läuft dann etwas aus dem Ruder und ist wirklich hochdramatisch. Mir persönlich war das etwas zu viel. Außerdem wird hier auch das Thema Flüchtlinge aufgegriffen, was für mich aber interessant war, obwohl ich über das Thema sonst nicht so gerne lese. Jugendliche im heutigen Leben, Gruppendynamik und Mobbingopfer spielen ebenfalls eine Rolle. Zusammengefasst gibt es also viel Inhalt auf vielen Seiten, aber dadurch auch ein spannendes und langes Lesevergnügen.

Camilla Läckberg, Jahrgang 1974, stammt aus Fjällbacka – der kleine Ort und seine Umgebung sind Schauplatz ihrer Kriminalromane. Heute lebt sie in einer großen Patchworkfamilie in Stockholm. Dieses Buch ist der zehnte Krimi um Patrik und Erica.

Bei meiner Recherche zu der Autorin bin ich über die DVD-Box Mord in Fjällbacka gestoßen und habe sie bestellt. Seitdem bin ich ein großer Fan der Protagonisten und werde mir wohl auch die vorherigen Romane organisieren.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Eishexe | Erschienen am 2. Januar 2018 bei List
ISBN 978-3-471-35107-8
752 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Noras Rezension zu Camilla Läckbergs Krimi Die Engelmacherin und Andreas Rezension zu Camilla Läckbergs Krimi Die Schneelöwin

25. April 2018

Tim Herden | Schwarzer Peter

Tim Herden | Schwarzer Peter

Damp kam auf der Gegenseite mit dem Streifenwagen angefahren. Kein Blaulicht. Es konnte also nicht dringend sein. Damp hatte wieder die alte grüne Uniform an. Er ließ die Seitenscheibe herunter, winkte kurz Claasen zu, doch der erwiderte nicht seinen Gruß, sondern fuhr einfach los. Dann wandte sich Damp an Rieder: „Ein Toter liegt am Schwarzen Peter.“ (Seite 48)

Bei der Beerdigung des Unternehmers Werner Gilde in Kloster auf Hiddensee kommt es zum Streit zwischen Sohn und Witwe. Beide beschuldigen sich, für den Tod von Gilde verantwortlich zu sein. Die beiden Inselpolizisten Ole Damp und Stefan Rieder nehmen sich der Sache an und beginnen zu ermitteln. Dann kommt es zu einem weiteren Todesfall. Handelt es sich in beiden Fällen um Mord?

Rieder

Stefan Rieder ist vor einem Jahr von Berlin nach Hiddensee gekommen, um eine „Auszeit“ zu nehmen. In diesem Jahr ist schon ziemlich viel passiert: diverse Mordfälle wurden aufgeklärt, Rieder war in eine Undercover-Ermittlung involviert und hat einige Frauen kennen und lieben gelernt. Seine letzte Freundin, die ein Café in Neuendorf betrieben hat, ist vor kurzem nach Mallorca geflüchtet. Rieder wohnt in Vitte in einem kleinen Kapitänshaus mit Außentoilette.

Hiddenseer Künstlerinnenbund

Schwarzer Peter von Tim Herden ist der fünfte Insel-Krimi um Damp und Rieder. Ich muss zugeben, dass ich mich wahnsinnig auf dieses Buch gefreut habe, da der letzte Teil Harter Ort bereits vor zwei Jahren erschienen ist. Besonders gelungen finde ich die detaillierten und wahren Insel-Schauplätze der Ermittler, immer auch verbunden mit ein bisschen Wahrheit. In diesem Buch geht es um die Gemälde des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, also um die Werke von Frauen, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts auf der Insel niedergelassen und gemalt haben.

Gegensätzliche Ermittler

Die Protagonisten Damp und Rieder sind sehr unterschiedlich. Ole Damp ist der große, übergewichtige Polizist, der die Arbeit nicht gerade erfunden hat und sich am meisten freut, wenn er einen Radfahrer ohne Licht oder mit Handy am Ohr mit einem Bußgeldbescheid ausstatten kann. Rieder ist das genaue Gegenteil: Er stürzt sich in die Arbeit, gerade bei Mordfällen, behält den Überblick und ist auf Zack. Rieder wird bei den Insulanern auch besser aufgenommen und akzeptiert, so bekommt er schon mal ein Geheimnis aus den eher verschlossenen Bewohnern raus.

Wahre Schauplätze

Besonders toll an diesen Krimis finde ich, dass das Leben auf der Insel wirklich so beschrieben wird, wie es auch ist. Also abgesehen von den vielen Morden. Mein Mann und ich haben uns in einem Sommer auch schon mal den Spaß gemacht und sind mit dem Rad auf der Insel alle Schauplätze aus den Geschichten abgefahren und sind tatsächlich immer fündig geworden. Die Ermittler gefallen mir, weil sie oft „frei Schnauze“ reden, also ziemlich locker sind und sich nicht so gewählt ausdrücken, und es oft auch witzig ist. Dieses Buch bekommt Spannung, weil immer wieder eine Spur verfolgt wird, die sich dann doch in Luft auflöst und die Recherchen von vorn beginnen müssen. Für den Fall wird eine SOKO gebildet und Rieder und Damp bekommen Unterstützung, allerdings geht eine Ermittlerin gern auch unkonventionelle Wege und bringt damit teilweise alle in Schwierigkeiten.

Letzter Teil?

Das Buch lässt die Vorfreude auf meinen Sommerurlaub auf Hiddensee ansteigen. Leider habe ich die Seiten verschlungen und hatte nur zwei Tage Lesevergnügen. Normalerweise habe ich mich sonst immer damit getröstet, dass es in zwei Jahren ein neues Buch gibt, aber das Cover lässt erahnen, dass das diesmal nicht der Fall sein wird. In einem Interview mit dem MDR hat der Autor auch sowas durchblicken lassen.

Tim Herden wurde 1965 in Halle (Saale) geboren, ist seit 1991 Fernsehredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin, er leitet seit 2016 das MDR-Fernsehstudio dort. 2010 veröffentlichte er seinen ersten Hiddensee-Krimi Gellengold.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Schwarzer Peter | Erschienen am 6. März 2018 im Mitteldeutschen Verlag
ISBN 978-3-95462-758-5
308 Seiten | 12.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezension zu Tim Herdens Insel-Krimi Harter Ort

14. April 2018