Kategorie: Thriller

Leonora Christina Skov | Das Inselhaus

Leonora Christina Skov | Das Inselhaus

„Robin wurde mit einem Mal heiß und kalt. Transparenz machte verletzlich, die Wenigsten schienen zu begreifen, wie sehr eigentlich und das Letzte, was sie wollte, war in Gesellschaft von sechs wildfremden Menschen und einem Hauswart mit einer höchst zweifelhaften Ausstrahlung verletzlich zu sein.“ (Seite 79)

Sieben Künstler erhalten eine Einladung zu einem vierwöchigen Arbeitsaufenthalt auf einer privaten Insel in Dänemark. Als die Künstler auf die Insel kommen, sehen sie, dass sie in einem Haus komplett aus Glas wohnen. Diese fehlende Privatsphäre und die völlige Abgeschiedenheit bringen den ersten Missmut unter den Bewohnern. Doch dann geschehen merkwürdige Dinge und alle werden immer misstrauischer. Was soll dieser Arbeitsaufenthalt wirklich bezwecken?

Unentschlossene Meinung

Das Inselhaus von Leonora Christina Skov lässt mich etwas unentschlossen zurück, muss ich sagen. Den Anfang der Geschichte fand ich ein bisschen schwierig, weil über die Hälfte des Buches vor allem der Vorstellung der Künstler gewidmet ist. Dabei wird die Perspektive immer wieder gewechselt und einerseits ist es interessant, welche Sorgen und Nöte alle mit sich herumtragen und dass der Schein ganz oft trügt, aber besonders spannend fand ich es nicht. Zum Ende hin, wenn sich das Dickicht etwas lichtet, was es mit dem gemeinsamen Aufenthalt auf sich hat und die ersten Gemeinsamkeiten auftauchen, wird es dann wirklich fesselnd und ich konnte nicht aufhören zu lesen.

Sieben unsympathische Protagonisten

Bei den sieben Protagonisten bin ich mir auch nicht ganz schlüssig, wie ich sie finde. Am Anfang aus der eigenen Perspektive klingen alle Entscheidungen des bisherigen Lebens für mich nachvollziehbar und ich kann mich gut in sie hineinversetzen. Aus der Perspektive der anderen Bewohner finde ich sie dann nicht mehr so sympathisch und zum Ende hin mag ich keinen mehr. Das hatte ich so bewusst auch noch bei keinem Buch.

Die Idee dahinter

Die Grundidee der Geschichte finde ich sehr gut, obwohl sie auch nicht neu erfunden ist, wie die Autorin in der Danksagung erwähnt. Denn die Idee ist aus mehreren anderen Romanen „zusammengeschustert“. Besonders gefallen mir Handlungsorte auf Inseln und in einem Glashaus zu wohnen ist bestimmt interessant, würde ich als Urlaubsunterkunft allerdings nicht buchen.

Was bleibt?

Wie lässt mich der Roman zurück? Unschlüssig, wie schon oben beschrieben und mit der Einsicht, dass alle Sichtweisen und Erlebnisse sehr subjektiv sind. Und dass wohl jeder eine Leiche im Keller hat. Meine kenne ich nicht. Vielleicht kommt sie noch oder ich erhalte demnächst eine dubiose Einladung auf eine unbekannte Insel.

Leonora Christina Skov, geboren 1976, ist in ihrer Heimat Dänemark für ihre sarkastische Literaturkritik und ihre bissige Kolumne in der Wochenzeitung Weekendavise bekannt. Für ihre Romane Das Turmzimmer und Der erste Liebhaber wurde sie von der dänischen Kritik gefeiert. Leonora Christina Skov lebt in Kopenhagen. (Verlagsinfo)

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Das Inselhaus | Erschienen am 9. Januar 2018 bei btb
ISBN: 978-3-442-71424-7
416 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

23. Mai 2018

Tom Hillenbrand | Hologrammatica

Tom Hillenbrand | Hologrammatica

In alten Filmen haben Privatdetektive stets verschiedene Visitenkarten zur Hand, damit sie sich als Gott-weiß-wer ausgeben können. Ich hingegen habe an die fünfzig Holomasques gespeichert, die ich jederzeit überstülpen kann – Elektroinstallateur, Verkehrspolizist, Penner und so weiter. Sie sind natürlich gehackt, damit ich sie ohne Brassard tragen kann, auch wenn das ein bisschen illegal ist. (Auszug Seite 65)

Der moderne Privatdetektiv

Im Jahr 2088 arbeitet der Londoner Galahad Singh als eine Art Privatdetektiv. Er hat sich als Quästor darauf spezialisiert, verschwundene Menschen zu finden, was im ausgehendem 21. Jahrhundert gar kein leichtes Unterfangen ist. Durch den Klimawandel sind große Teile der Erde abgesoffen und es hat eine weltweite Völkerwanderung bevorzugt Richtung Sibirien gegeben. Wer von der durch eine Seuche stark dezimierten Erdbevölkerung, die mitunter horrenden Temperaturen von 40° Celsius in der Nacht nicht aushält und über genügend Geld verfügt, kann die Erde verlassen und sein Glück im All suchen. Durch neue Technologien ist es mittlerweile sehr einfach, eine neue Identität anzunehmen. Zum einen kann man sein Aussehen durch Holofilter verändern.

Alles nur Fassade

Hologramme sind zum Alltag geworden. Ein holographisches Netz ermöglicht es, visuelle Filter über die graue, schmutzige Realität zu legen. Alles was nicht den optischen Ansprüchen genügt, wird holographiert. Eine Brille benutzt man nur noch, um die Realität ohne Holofilter zu erkennen. Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit. Durch die Technologie des Mind Uploading gelingt es, seine eigene Identität in fremde Körper zu laden. Hierbei wird ein winziger Quantencomputer ins Hirn implantiert, der es ermöglicht, in einen Wunschkörper zu wechseln. Wenn auch nur für kurze Zeit, dann droht der Braincrash, wenn das Cogit nicht wieder in den Stammkörper zurück transferiert wird.

Im vorliegendem Fall soll Singh die Computerexpertin Juliette Perotte aufspüren, die höchstwahrscheinlich gekidnappt wurde. Die hochintelligente Tochter reicher Eltern arbeitete an einer Verschlüsselungstechnik für digitale Gehirne, die sogenannten Cogits. Singh findet in Paris, dem Wohnort der 37-jährigen heraus, dass Perotte mit einem geheimen Projekt beschäftigt war, bei dem sie nach einer Möglichkeit forschte, den Braincrash zu verhindern. Offenbar hatte sie sich in einem riskantem Spiel einer Gruppe von „Deathern“ angeschlossen. Das sind Adrenalinjunkies, die ihre eigene Identität in fremde Gefäße laden und diese Körper dann auf unterschiedlichste Arten umbringen, um den Moment des Todes immer wieder in anderen Varianten zu erleben. Auf der atemlosen Suche nach den Hintergründen und nicht zuletzt als er von Leuten mit riesigen schwarzen Schwertern angegriffen wird, begibt sich der Privatermittler Singh in Gefahr. Er scheint es mit einem übermächtigen Gegner zu tun zu haben, möglicherweise sogar mit einer Künstlichen Intelligenz.

In einem anderen fast surrealen Handlungsstrang findet sich eine Frau auf einer einsamen Insel wieder.
Viel mehr möchte ich über den vielschichtigen, vor phantastischen Ideen sprühenden Plot gar nicht verraten.

Prota

Tom Hillenbrand hat eine immens spannende Mischung aus klassischer Detektivgeschichte und Science-Fiction geschaffen. Dazu gehört auch sein cleverer Protagonist und Ich-Erzähler Galahad Singh, ein relativ bodenständiger Detektiv mit indischen Wurzeln, dessen Lieblingsgetränk der Old Fashioned ist und der in seiner Freizeit am liebsten Saxofon mit einem holographischen John Coltrane als Musiklehrer spielt. Uploads sind ihm suspekt, statt eines digitalen Hirns benutzt er lieber seine grauen Zellen. Der sympathische Singh hat eine schwierige Beziehung zu seinem Vater. Grund dafür ist sicherlich das Verschwinden seines Bruders Percy vor etlichen Jahren, als beide noch Kinder waren. Kein Wunder, dass es ihn komplett aus der Bahn wirft, als er Hinweise erhält, dass Percy noch am Leben ist. Auch in brenzligen Situationen verliert der smarte Singh seinen sarkastischen Humor und seine Selbstironie nicht. Großartig auch die Selbstgespräche mit dem „Komitee der Selbste“, wenn er sich nicht zwischen unterschiedlichen Perspektiven entscheiden kann.

Die Welt im Jahre 2088

Wie schon in seinem mit mehreren Preisen ausgezeichneten Krimi Drohnenland hat der Autor eine rasante Zukunftsvision erschaffen, die mich begeistert und die ich verschlungen habe. Indem er den jetzigen Stand der technischen Entwicklungen konsequent und sehr kreativ weiterentwickelt, kann man sich diese nahe Zukunft tatsächlich problemlos so vorstellen. Tom Hillenbrand hat mit großem Einfallsreichtum und überbordender Phantasie ein absolut glaubwürdiges Setting erschaffen, dem man anmerkt, wie sehr ihm die geschaffene Welt am Herzen liegt. Die komplexe Story erfordert volle Aufmerksamkeit. Wobei ich das Glossar am Ende des Buches, in dem einige technologischen Begriffe erläutert werden, gar nicht benutzt habe, da sich alles aus dem Kontext ergibt.

Die Story wird flüssig und rasant mit vielen überraschenden Wendungen erzählt und scheut sich auch nicht vor filmreifen Action-Szenen. Sehr gut gefallen hat mir auch der immer wieder aufblitzende trockene Humor.

Das mit den Milchtüten ist ein etwas makabrer Scherz, den heutzutage keiner mehr versteht. Vor über hundert Jahren war es üblich, die Gesichter von vermissten Kindern auf Getränkekartons zu drucken. Warum man das tat, erschließt sich mir nicht. Die Polizei war offenbar der Meinung, es würde zu sachdienlichen Hinweisen führen, wenn sich schlaftrunkende Menschen morgens beim Müsliessen von einem verschwundenen Kind anstarren lassen. Klingt bekloppt, aber so war’s. Deshalb nennen wir unsere Vermissten ebenfalls Milchtüten. (Seite 16)

Hologrammatica war für mich viel mehr als eine klassische Kriminalgeschichte, eingebettet in einem abgefahrenen Science-Fiction-Thriller, sondern eine Gesellschaftskritik mit philosophischen Einschüben und sogar ein Beitrag zur Gender-Thematik. Der homosexuelle Galahad lernt während seiner Ermittlungen Francesco kennen und verliebt sich, wobei nicht klar ist, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, da dieser in einem Gefäß steckt. Das dessen tatsächliche Identität ein Geheimnis bleibt, führt zumindest bei Galahad anfänglich zu Irritationen, spielt aber im Endeffekt keine große Rolle. Es geht auch um die ganz großen Themen, wie den uralten Wunschtraum der Menschen nach Unsterblichkeit.

Nach Drohnenland waren meine Erwartungen an Hologrammatica sehr hoch und sie wurden noch komplett übertroffen!

Rezension & Foto Andy Ruhr.

Hologrammatica | Erschienen am 15. Februar 2018 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05149-0
560 Seiten | 12.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Drohnenland von Tom Hillenbrand.

Linda Castillo | Böse Seelen

Linda Castillo | Böse Seelen

Böse Seelen ist der achte Fall um Polizeichefin Kate Burkholder und spielt diesmal in einer Amisch-Gemeinde im Staate New York. Ein 15-jähriges amisches Mädchen, wird nach einem Schneesturm erfroren im Wald aufgefunden. Bei der Untersuchung stellt sich heraus, dass sich in ihrem Blut Spuren von Oxycontin, einem starken Schmerzmittel, befinden. Außerdem muss sie vor kurzer Zeit eine Abtreibung vorgenommen haben.

Kate Burkholder, selbst bis zum 18. Lebensjahr Angehörige einer Amischen Gemeinde in Ohio, wird von der New York State Police um Hilfe gebeten und geht als verdeckte Ermittlerin mit falscher amischer Identität nach Roaring Springs. Die mit den Ermittlungen betrauten Sheriffs Suggs und Betancourt bringen Sie in der Nähe der Gemeinde in einem ziemlich heruntergekommenen Wohnwagen auf einem Trailerplatz unter. Von dort aus nimmt sie zunächst mit einigen amischen Frauen, die in Roaring Springs arbeiten, Kontakt auf. So erfährt sie auch schon einiges über den für die Gemeinde zuständigen Bischof Schrock und wird zum nächsten Sonntags-Gottesdienst in die zu dessen Farm gehörende Scheune eingeladen.

Im weiteren Verlauf der Ermittlungen wird immer klarer, dass es auf der Farm nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Bei den Gesprächen mit den amischen Frauen erfährt Kate, dass auf Intervention des Bischofs der Enkel einer der Frauen, Rebecca, in eine andere Gemeinde geschickt wurde. Auch ihr Sohn, die Schwiegertochter und die beiden Enkelinnen sind anscheinend ohne Abschied abgereist, von keinem hat Rebecca bisher wieder ein Lebenszeichen erhalten. Kate trifft Rebecca kurz danach bei einem Nähkreis und bemerkt etwas, das ihre Ermittlung auf eine zusätzlich Spur bringt.

Alle Blicke schnellen zu Rebecca. Erst jetzt bemerke ich den Verband an ihrer linken Hand, den sie seltsamerweise zu verbergen versucht. Ich sehe genauer hin und erkenne an der Form, dass ihr kleiner Finger fehlt. Im allgemeinen ist bekannt, dass Farmarbeit gefährlich ist. (…) Solche Unfälle sind zweifellos traumatisch, aber warum der allgemeine Schock? In dem Moment wird mir klar, dass keine gefragt hat, wie das passiert ist. Sie wissen es schon, flüstert mir eine kleine Stimme ins Ohr. (Seite 189)

Bei einem nächtlichen Erkundungsgang am Fundort der Leiche des erforenen Mädchens im Wald auf dem Anwesen von Bischof Schrock stößt Kate auf zwei amische Männer auf Benzin betriebenen Schneemobilen – eine Beförderungsart, die Amischen eigentlich verboten ist. Auf den Rücksitzen bemerkt Kate zwei Frauen, die augenscheinlich nicht ganz freiwillig dabei sind. Da sie ihre Tarnung nicht aufgeben will, greift sie nicht ein, sondern informiert anschließend Sheriff Suggs und den Bischof.

Hätte ich ihn nicht so genau beobachtet, hätte ich den herablassenden, ja amüsierten Ausdruck, der kurz in seinen Augen aufblitzt, wahrscheinlich nicht bemerkt. Er hat nicht eine Frage nach dem Aussehen der beiden Männer gestellt, um sie ausfindig machen zu können. Du weißt bereits, wer sie waren, (…). (Seite 162)

Der Fall wird immer rätselhafter und Kate gerät in Lebensgefahr.

Linda Castillo hat den Plot zu Böse Seelen mit zahlreichen Hinweisen auf die eventuelle Auflösung gefüttert, allerdings ist die spannender und unerwarteter, als zunächst zu vermuten ist. Als Leser fühle ich mich wieder mitgenommen in die Atmospäre einer amischen Gemeinde und die Begebenheiten um Kate Burkholder, auch der Schreibstil in Ich-Form trägt dazu bei. Der Aufbau der Handlung hält die Spannung hoch bis zum Schluss. Der Handlungsstrang über die private Kate fällt diesmal kürzer aus, als in manchen der vorhergehenden Bücher, finde ich aber auch nicht schlimm.

Mein Fazit: Lesenswert bis zum Schluss, wieder mal ein gelungener Thriller aus der Welt der Amischen!

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Böse Seelen | Erschienen am 27. Juli 2017 im Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-596-29801-3
350 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

Weiterlesen: Monikas Rezensionen zu den Linda Castillo Romanen Teuflisches Spiel, Mörderische Angst, Das Böse naht & Leise hallt der Tod sowie Grausame Nacht

19. April 2018

Jordan Harper | Die Rache der Polly McClusky

Jordan Harper | Die Rache der Polly McClusky

„Das ist kein Spiel, Polly. Da sind Männer mit Pistolen, die kein Problem damit haben, einem kleinen Mädchen weh zu tun.“ […]
„Du hast gesagt, für uns ist es überall gefährlich. Also sollten wir zusammenbleiben. Ich will helfen.“
Eine Weile lang sagte er nichts. Er warf ihr einen Blick von der Seite zu, atmete lange ein und langsam aus.
„Dann hilf mir.“
„Okay“, sagte Polly. „Aber du musst mir sagen, was ich machen soll. Ich hab noch nie was überfallen.“ (Auszug Seite 147)

Kurz vor seiner Entlassung bringt Nate McClusky mehr oder weniger in Notwehr einen Mitgefangenen im Gefängnis um und hat sich damit mit der mächtigen Gang „Aryan Steel“ angelegt. Ein Kopfgeld wird auf ihn ausgesetzt und nicht nur auf ihn, sondern auch auf seine Exfrau und ihre gemeinsame Tochter Polly. Polly ist ein schüchternes elfjähriges Mädchen und hat ihren Vater seit Jahren nicht mehr gesehen, bis dieser sie plötzlich von der Schule abholt und mit ihr die Flucht antritt.

Allerdings wird dies eine Flucht nach vorne, denn Nate merkt bald, dass er sich kaum noch verstecken kann. Pollys Mutter und ihr neuer Partner wurden bereits ermordet. Nate glaubt, dass er einen Waffenstillstand erreichen kann, wenn er zum Gegenschlag ausholt. Doch dafür braucht er Polly als echte Hilfe. So trainiert er seine Tochter zu einer Fighterin und legt damit einen Schalter bei dem intelligenten Mädchen um.

Obwohl das Buch aus mehreren Perspektiven erzählt wird, ist Polly das Zentrum dieses Romans, der eine Mischung aus Rache-Thriller, Road Movie und Coming-of-Age-Geschichte ist. Polly ist ein scheues Mädel, das in der Schule sehr in sich gekehrt ist und noch mit ihrem Teddybär herumläuft. Dieser ist ihr ständiger Begleiter, sie spricht mit ihm wie mit einem Familienangehörigen und lässt ihn sich pantomimisch erklären (Laut Autor eine Hommage an dessen eigenen Teddybär). Doch sie ist hochintelligent, was ein Schultest bewiesen hat. Zunächst fremdelt sie verständlicherweise mit ihrem Vater, der sich ebenfalls mit seiner Rolle noch anfreunden muss. Aber Polly wird der Ernst der Lage spätestens mit dem Tod ihrer Mutter bewusst und sie lernt schnell die Lektionen in Fitness, Selbstverteidigung und Ganoventum, die sich ihr Vater ausdenkt. Aber es dauert nicht lange, bis bei Tochter und Vater nicht so ganz klar ist, wer wen stärker beeinflusst.

In einem Interview mit dem Autor, das der Verlag dem Rezensionsexemplar beigefügt hat, erklärt Jordan Harper, dass er sich für Menschen interessiert, die schwach erscheinen, aber eigentlich recht stark sind. Daher seine Entscheidung für Polly als Hauptfigur und für diesen Rache-Plot. In meiner Generation sieht man natürlich sofort eine Parallele zum jungen Mädchen Mathilda aus Léon – Der Profi, dargestellt von der damals 13-jährigen Natalie Portman. Auch „Polly“ ist auf dem Weg zur Verfilmung (ob diesem dem Vergleich zu Léon standhalten kann, bleibt abzuwarten). Jordan Harper ist erfolgreicher Drehbuchautor und hat mit diesem Thriller sein Romandebüt vorgelegt. Er arbeitet zurzeit auch am Drehbuch. Und das alles verwundert nicht, denn das Buch ist von vornherein filmisch angelegt: Kurze Kapitel, schnelle Wechsel, rasante Action. Das liest sich problemlos weg und ist damit auch keineswegs langweilig. Und doch hatte ich am Ende das Gefühl, nicht wirklich etwas gelesen zu haben, was mir noch lange im Gedächtnis bleibt.

So bleibt mir am Ende für Die Rache der Polly McClusky nur eine sehr durchschnittliche Bewertung. Der Plot, Action und Spannung sind solide bis ordentlich, wenngleich oft etwas kalkuliert wirkend. Was mich allerdings wenig überzeugt hat, waren zum einen die Figur der Polly, deren Entwicklung vom scheuen Einzelkind zur knallharten Kämpferin, die in Sachen Rachedurst und Kampfeswillen sogar ihren Vater in den Schatten stellt, mir einfach zu glatt und nicht plausibel genug vorkommt. Zum anderen hat mir die Sprache und der Erzählstil nicht gefallen. Einmal haut Jordan Harper knallharte Sprache raus, um dann wenig später (oft in Pollys Perspektive) ein wenig Poesie versprühen zu wollen (Mädchen von der Venus, Wassermelonenhaare) oder er bringt Lautmalerei. Das passt nicht so richtig zusammen. Außerdem nervt dieser Teddybär!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Rache der Polly McClusky | Erschienen am 23. Februar 2018 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-08150-7
288 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension dieses Buches auf dem Schurkenblog | Beitrag von Sonja Hartl über „Verbrecherische Mädchen“

17. April 2018

Arno Strobel | Kalte Angst

Arno Strobel | Kalte Angst

Der Zettel stammte nicht von Kirsten, und was Max dort las, ließ schlagartig jedes Gefühl in ihm sterben – außer einem: kalte Angst. (Auszug Seite 364)

Eine Mordserie in Düsseldorf: Der Mörder dringt in Häuser ein, trägt eine Fliegenmaske und hinterlässt jedes Mal nur einen Überlebenden. Max Bischoff ermittelt als Fallanalytiker in diesem Fall. Bald erfährt er, dass ein Patient aus der Psychiatrie, ein verurteilter Mörder, die Taten vorhersagt. Dieser will der Polizei aber nur helfen, wenn er im Gegenzug die Freilassung erhält. Kann Max den Mörder stoppen?

Max Bischoff ist Anfang dreißig, groß, schlank und sportlich. Er hat gerade eine berufliche Auszeit hinter sich, da ihm sein letzter Fall doch sehr zugesetzt hat. Auch der aktuelle Fall lässt die Erinnerungen daran immer wieder aufleben. Außerdem wird Max Schwester Kirsten seit einem halben Jahr von einem Stalker auf Facebook bedroht und Max macht sich Sorgen um sie.

Blutige Beschreibungen

Kalte Angst von Arno Strobel hat mir sehr gut gefallen. Von Anfang an wird der Fall spannend erzählt. Hauptsächlich geht es um die Ermittlungsarbeit, ab und zu durchsetzt von einem Kapitel des Mordes aus Sicht der Opfer. Dabei wird die Tötungsakt recht detailliert und blutig beschrieben, ist also eher nichts für schwache Nerven. Immer wieder wird Bezug auf den ersten Fall von Max Bischoff genommen, dem Leser werden hier aber nur Bruchstücke verraten. Da ich das erste Buch nicht gelesen habe, fand ich es etwas anstrengend, dass nicht kurz detaillierter darauf eingegangen wurde, um es nachvollziehen zu können. Man braucht dieses Wissen nicht für den Roman, aber es hätte mich interessiert.

Zusätzlich ein Stalker

Max kümmert sich neben der Suche nach dem Mörder noch um seine Schwester Kirsten, die im Rollstuhl sitzt, da sie auf Facebook bedroht wird. Dieser Handlungsstrang ist nur ein Faden, der eingesponnen wird. Es kommt zu keinem abschließenden Ende, dafür wird auf den letzten Seiten verraten, dass im Februar 2019 ein neuer Thriller des Autors erscheint und es darin dann um Kirstens Stalker geht.

Ein kurzes Ende

Das gesamte Buch ist packend gestaltet, denn die Ermittlungsarbeit geht nicht voran. Das Team um Max ermittelt, befragt und recherchiert unter Hochdruck, doch es kommt zu keiner wirklichen Spur. Und auch der Psychiatriepatient spricht nur in Rätseln. Und immer wieder kommen neue Opfer dazu. Das Ende und die Auflösung sind dann kurz gehalten und für mich gab es nur eine kurze Stelle, an der ich buchstäblich die Luft angehalten habe. Für meinen Geschmack klingt der Hintergrund der Tat dann auch etwas weit hergeholt. Trotzdem lohnt es sich, das Buch zu lesen.

Arno Strobel wurde 1962 in Saarlouis geboren. Bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete er lange bei einer großen deutschen Bank in Luxemburg. Als Ausgleich zum Schreiben versucht Arno Strobel drei bis vier Mal in der Woche zehn Kilometer durch den Wald zu laufen. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Trier.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Kalte Angst | Erschienen am 11. Januar 2018 im Fischer Verlag
ISBN 978-3-596-29617-0
368 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Kurts Rezension zu Arno Strobels Thriller Die Flut sowie Monikas Rezension zu Das Dorf.