Kategorie: Thriller

Daan Heerma van Voss & Thomas Heerma van Voss | Zeuge des Spiels

Daan Heerma van Voss & Thomas Heerma van Voss | Zeuge des Spiels

Die Leute glauben, dass ein Mord nur eine Tat ist. Das ist ein Irrtum. Mord ist in erster Linie ein Gedanke. Ein Gedanke, den man anfangs noch von sich weist. Was man aber auch tun mag, der Gedanke wird immer zu einem zurückfinden, es ist die permanente Einflüsterung von etwas Sublimem. Täglich werden Hunderte Mörder geboren, sie warten auf den einen überspringenden Funken. (Auszug Seite 115)

Während der Feiern am Mardi Gras wird in den Sümpfen vor New Orleans die junge Natalie Underwood brutal ermordet. Ein Fall mit hoher öffentlicher Aufmerksamkeit. An die Spitze der Verdächtigen rückt schnell der Freund der Toten, der Niederländer Alexander van Zandt. Hat er aus Eifersucht gemordet? Die Ermittlerin Hanna Vincennes bleibt skeptisch, doch als sich viele Indizien auf van Zandt verdichten, wird Anklage erhoben.

Da wird Aron Mulder, der Vater des Angeklagten, auf den Fall aufmerksam. Er lebt seit einigen Jahren in einer Feriensiedlung, hat sich dort regelrecht verkrochen. Vor fünf Jahren wurde seine Frau Nora ermordet, der Fall wurde nie aufgeklärt, Aron war sogar selbst kurzzeitig festgenommen worden. Nach seiner Freilassung war sein altes Leben vorbei, sein Sohn Alexander reiste in die USA aus und brach jeglichen Kontakt zu seinem Vater ab. Nun ist sein Sohn in Haft, in der gleichen Situation wie er damals. Aron reist in die Staaten, fest entschlossen, seinen Sohn vor der Verurteilung zu bewahren. Doch in New Orleans gibt es jemanden, der alles daran setzt, dass Alexander verurteilt wird.

Die beiden Brüder Daan & Thomas Heerma van Voss sind in ihrer Heimat Niederlande bereits seit einigen Jahren etablierte Autoren. Von Thomas erschien bereits der 2013 im Original veröffentlichte Roman Stern geht in deutscher Übersetzung (ebenfalls bei Schöffling), von Daan erscheint Ende 2018 Abels letzter Krieg (bei dtv). 2015 taten sich beide Brüder erstmals zusammen und veröffentlichten diesen literarischen Thriller (mit dem Titel „Ultimatum“ im Original).

Zeuge des Spiels beginnt mit der Schilderung des brutalen Mordes an Natalie Underwood und führt anschließend mit Detective Hanna Vincennes und Aron Mulder die beiden Protoganisten ein. Die Autoren erzählen im Folgenden die Geschichte im Wesentlichen aus diesen beiden Perspektiven. Der Spannungsbogen flacht nach dem Start allerdings merklich ab und steigt dann wieder erst langsam an. Die Identität des Mörders bleibt offen, es kristallisieren sich mehrere Verdächtige heraus, für die Polizei vor allem Alexander van Zandt, der sich zunächst sogar einer Befragung durch Flucht entzieht. Dennoch hat man als Leser schnell Zweifel an der Täterschaft van Zandts (genährt auch durch die Polizistin Hanna), doch ausschließen kann man ihn nicht. Weitere Fahrt nimmt die Story auf, als Aron in New Orleans einen Privatermittler auf den Mord ansetzt.

Großen Reiz erfährt dieser Roman aus der Konstellation zwischen Vater und Sohn, die beide eines Mordes (zu Unrecht?) beschuldigt werden oder wurden. Dieses nach dem Tod der Mutter/der Ehefrau zerrüttete Vater-Sohn-Verhältnis wird von den Autoren überzeugend in Szene gesetzt. Der eine flieht in die Staaten, lässt seinen Namen ändern und die Heimat hinter sich, der andere verkauft Haus und Hof, zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück (die ihm immer noch zurückhaltend begegnet, der Mörder seiner Frau ist schließlich noch nicht gefasst) und findet selbst über eine neue Beziehung nur langsam wieder Antrieb.

Der Plot ist durchaus reizvoll, Suspense vorhanden, die Figurenkonstellation interessant. Dennoch ist bei mir der Funke nicht komplett übergesprungen. Das liegt zum einen an der aus meiner Sicht langweiligen zweiten Hauptfigur Hanna Vincennes. Die Polizistin, die sich eigentlich nach einem Burnout in den Innendienst versetzen lassen will, bekommt hier ihren vermutlich letzten großen Fall auf den Tisch. Zunächst auch durchaus engagiert und mit Zweifeln, ob es von ihren Vorgesetzten richtig ist, van Zandt so schnell als Mörder anzuklagen, macht sie einfach zu viele Fehler in ihren Ermittlungen und erweist sich zu schnell in diesem Spiel (und dazu wird es tatsächlich) als eindeutig Unterlegene. Zum anderen bin ich mit dem Plot an einigen Stellen einfach unzufrieden, insbesondere wenn der Klappentext mit dem Begriff des „perfekten Verbrechens“ spielt. Das war es aus meiner Sicht nämlich nicht, mehr darf ich aber auch nicht sagen, ohne zu spoilern. Aber es trübt halt meinen Gesamteindruck dieses ambitionierten Thrillers.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Zeuge des Spiels | Erschienen am 7. August 2018 im Verlag Schöffling & Co.
ISBN 978-3-89561-208-4
302 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Uwe Wilhelm | Die 7 Kreise der Hölle

Uwe Wilhelm | Die 7 Kreise der Hölle

„Er wusste, soeben hatte er das vierte Kapitel der sieben Kreise der Hölle beschrieben. Er würde es ausformulieren und aufschreiben. Es sollte den Titel Wut tragen.“ (Auszug Seite 274)

Helena Faber tritt gerade aus der Tür, als sie gerade noch sieht, wie ihre beiden Töchter in einen Transporter einsteigen, der anschließend wegfährt. Sie versucht noch, den Wagen zu stoppen, aber vergeblich. Was hat das zu bedeuten? Warum steigen ihre Kinder in ein fremdes Auto und wo werden sie hingebracht? Helena und ihr Mann Robert setzen sofort alle Hebel in Bewegung, um die Entführung zu verhindern.

Helena Faber wohnt in Berlin, ist Staatsanwältin und ist von ihrem Mann Robert seit vier Jahren getrennt. Robert arbeitet bei der Polizei. Die beiden gemeinsamen Töchter Katharina und Sophie sind dreizehn und elf Jahre alt.

Teil zwei der Trilogie

Die 7 Kreise der Hölle von Uwe Wilhelm ist der zweite Krimi um die Staatsanwältin Helena Faber. Im ersten Buch, Die 7 Farben des Blutes, verfolgt sie einen Serienmörder. Diese Geschichte baut stark auf den ersten Teil auf. Ich habe mit dem zweiten Fall begonnen und fand es schwer, die gesamten Vorgänge aus dem ersten zu erfassen, die für das Verständnis der Entführung notwendig gewesen wäre. Meiner Meinung nach wurde die Vorgeschichte hier nicht ausreichend beleuchtet und nur häppchenweise zur Verfügung gestellt, sodass ich empfehle, mit dem Anfang der Serie zu beginnen.

Pädophilie in Istanbul

Die Spur der Mädchen führt Helena und Robert in die Türkei. Hier geht es um Kindesmissbrauch und Kinderhandel. Die Details dazu kamen mir gut recherchiert vor, aber sie werden auch genauso unbarmherzig beschrieben, wie sie sind. Außerdem geht es viel um Korruption und dass dieser Ring, deren Mitglieder sich als Kunsthändler und Kunstkenner ausgeben, überall seine Kontakte hat und Helena und Robert selbst ihren engsten Kollegen bei der Polizei nicht mehr trauen können. Für meinen Geschmack ist mir die Geschichte zu politisch.

Ein konstanter Spannungsbogen

Der Thriller ist in vier Abschnitte unterteilt und die kurz gehaltenen Kapitel in Tage gegliedert. Der Text liest sich grundsätzlich flüssig, mich haben aber die türkischen Passagen gestört. Diese sind zum Glück übersetzt worden und ich habe diese Zeilen dann überflogen und habe gleich die Übersetzung gelesen. Der Autor arbeitet mit vielen kurzen Sätzen und dieser Schreibstil hat mich an Bernhard Aichner erinnert. Das mochte ich, denn dadurch wird die Geschichte rasanter. Der Spannungsbogen ist über viele Seiten präsent, denn immer wenn die Protagonisten das Gefühl haben, sie sind nur noch eine Handbreit von ihren Kindern entfernt, passiert etwas, so dass die beiden doch nicht gerettet werden können. Als Helena dann auch noch in Gefahr gerät und ebenfalls gerettet werden muss, wurde es mir ein bisschen zu dramatisch.

Abgebrochen

Ich habe mich entschieden, die letzten einhundert Seiten nicht mehr zu lesen, da das Buch im Großen und Ganzen nicht meinem Geschmack entspricht. Ich lese nicht gern politische Romane und leider war das Thema so nicht auf dem Klappentext erkennbar. Zudem bin ich mit Helena nicht richtig warm geworden. Sie ist zwar mutig und tut wirklich alles, um ihre Mädchen zu retten, lässt sich aber auch immer wieder mit Männern ein, die ihr am Ende schaden.

Uwe Wilhelm wurde 1957 in Hanau geboren, hat Germanistik und Schauspiel studiert und anschließend Drehbücher (unter anderem Polizeiruf und Tatort), Theaterstücke und Sachbücher geschrieben. Nach einem Schicksalsschlag ist der Autor mehrere Monate durch die Welt gereist und hat begonnen Romane zu schreiben. Mit Helena Faber hat er seine erste Trilogie begonnen. Auf der Homepage des Autors gibt es einen Videoblog der Protagonistin zu ihrem ersten Fall, der auf jeden Fall einen Besuch wert ist und den ich sehr gut finde.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die 7 Kreise der Hölle | Erschienen am 21. Mai 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-734-10345-2
480 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Die Frau schritt nun zögernd auf die Leiche zu. Vor dem Sofa blieb sie stehen und schaute auf den Toten hinab. Sasagaki merkte, dass ihr Kinn zitterte. „Ist das Ihr Mann?“, fragte Nagatsuka. Ohne zu antworten, legte die Frau die Hände auf die Wangen und bedeckte mit ihnen schließlich ihr ganzes Gesicht. Ihre Knie gaben nach, und sie sank zu Boden. Netter Auftritt, dachte Sasagaki. (Auszug Seite 12)

Am Anfang steht ein Mord

1973 entdecken spielende Kinder in einem leerstehenden Gebäude zufällig die Leiche des erstochenen Pfandleihers Yosuke Kirihara. Die Ermittlungen unter Kommissar Junzo Sasagaki ergeben, dass das Opfer an diesem Tag einen großen Geldbetrag von der Bank abgeholt hatte und auf dem Weg zu einer Kundin war. Mit dieser Fumiyo Nishimoto, einer alleinerziehenden Witwe, wird ihm ein Verhältnis nachgesagt, was diese bestreitet. Das Geld bleibt verschwunden und trotz großer Bemühungen des ehrgeizigen Kommissars verlaufen auch alle anderen Spuren im Sand. Ein Jahr später stirbt Fumiyo in ihrer Wohnung an einer Gasvergiftung, ob Unfall oder Suizid, wird nie ganz geklärt, und hinterlässt eine zwölfjährige Tochter namens Yukiho.

In den nächsten Kapiteln ist dann von Kommissar Sasagaki erst mal nicht mehr die Rede. Stattdessen werden die Lebenswege von Ryo Kirihara, dem damals elfjährigen Sohn des Pfandleihers und der gleichaltrigen, bildhübschen Yukiho beleuchtet.

Die Wächtergrundel und der Knallkrebs

In diesen Kapiteln erzählt Keigo Higashino sehr ausführlich und detailliert über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren. So wird jedes Kapitel fast zu einer kleinen abgeschlossenen Kurzgeschichte, in der sich die Lebenswege vieler Menschen schneiden. Ein gewiefter Schachzug, denn als Leser grübelt man die ganze Zeit über den großen Zusammenhang und kann ihn nur schwer erahnen. Erst ganz langsam fügen sich die einzelnen Puzzlestücke zu einem Bild zusammen. Das habe ich in dieser Raffinesse noch nicht gelesen. Die Verbindungen und Hintergründe beim Lesen nachzuvollziehen macht einen besonderen Reiz dieses Thrillers aus. Dazu passt, dass der Autor die einzelnen Episoden zuerst für eine Zeitschrift konzipiert und dann diese für seinen 1999 in Japan erschienenen Thriller überarbeitet hatte.

Yukiho investiert viel in Bildung und gutes Benehmen und wird zu einer auffallend schönen und erfolgreichen Geschäftsfrau. Auch Ryo, den immer eine düstere Aura umgibt, ist sehr umtriebig und nutzt die Wirtschaftsblase der 80er Jahre, um mit dubiosen sowie illegalen Geschäften wie zum Beispiel Erpressung, Bankenbetrug oder Wirtschaftsspionage sein Geld zu verdienen. Beide haben an sozialen Kontakten nur soweit Interesse, wenn sie ihre Mitmenschen benutzen können und sind Meister der Manipulation. Beide verstehen es, Menschen in ihren Bann zu ziehen, aber wo sie auftauchen, geschieht ein Unglück. Der subtile Thrill entsteht durch die Betrachtung dieser beiden rücksichtslosen Intriganten.

Obwohl sie in den Kapiteln nie aufeinander treffen, ahnt man irgendwann, dass Yukiho und Ryo eine besondere Verbindung haben. Der Kommissar vergleicht das mit einem Beispiel aus dem Tierreich: Grundel und Knallkrebs gehen eine Art Symbiose ein, indem sie sich zum Beispiel vor Gefahren warnen. Diese Kapitel sind auch eine Zeitreise in die 80er Jahre und ermöglichen einen Einblick in die japanische Gesellschaft und fremde Kultur. Es ist der Beginn des Computerzeitalters und man nimmt teil an den Anfängerjahren der Videospiele wie das bekannte Super Mario Bros. oder das Benutzen der ersten Geldkarten. Man lernt dabei auch einiges über die Mentalität der Japaner.

Cold Case

Zwanzig Jahre nach dem Tod des Pfandleihers sind die Ermittlungen natürlich schon lange eingestellt. Der Kommissar ist inzwischen in Rente, aber der Fall hat ihn nie losgelassen. Und so verfolgt er beharrlich weitere Spuren, ermittelt auf eigene Faust und engagiert sogar einen Detektiv. Als Leser hat man inzwischen eine Ahnung, aber das Motiv wird erst auf den letzten Seiten enthüllt. Der Autor überrascht mit einer stimmigen Auflösung, wenn zum Schluss alle Handlungsfäden zusammengeführt werden. Es erfordert eine große Aufmerksamkeit, damit man kein Detail überliest.

Higashino bedient sich einer klaren, fast emotionslosen Sprache. Sein Figurenpersonal ist immens, aber er verzichtet darauf, seine Charaktere psychologisch zu analysieren. Stattdessen berichtet er distanziert und fast dokumentarisch von außen wie ein Beobachter aus der Ferne.

Eine große Herausforderung waren die vielen japanischen für europäische Ohren ähnlich klingenden Namen für mich. Ohne das beiliegende Namensverzeichnis einschließlich Kurzbiographien der wichtigsten Personen wäre ich verloren gewesen.

Keigo Higashino hat mit Unter der Mitternachtssonne einen außergewöhnlichen, brillant konstruierten Thriller auf über 700 Seiten kreiert, den ich auch nach dem Lesen nicht so schnell vergessen werde, ganz großes Kino, auch ohne große Action und viel Blutvergießen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Unter der Miternachtssonne | Erschienen am 10. März 2018 bei Tropen im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-50348-7
720 Seiten | 25.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Simon Beckett | Totenfang ♬

Simon Beckett | Totenfang ♬

„Der menschliche Körper, selbst zu über sechzig Prozent aus Wasser bestehend, ist nicht von sich aus schwimmfähig. Er treibt nur so lange an der Wasseroberfläche, wie Luft in den Lungen vorhanden ist. Sobald sie den Körper verlässt, sinkt er langsam auf den Grund. Wenn das Wasser warm genug ist, um Bakterien Lebensraum zu bieten, verwest er. In den Eingeweiden entstehen Gase, die dem Körper Auftrieb geben, so dass er an die Oberfläche zurückkehrt. Dann erheben sich ganz buchstäblich die Toten.“ (Anfang des Romans)

Im fünften Fall der Reihe um den Anthropologen Dr. David Hunter ist dieser immer noch an einer Londoner Uni angestellt. Der Witwer hat den Verlust seiner Frau und Tochter durch einen Unfalltod einigermaßen überwunden, aber um seine sozialen Kontakte ist es immer noch nicht gut gestellt. Beruflich eine Koryphäe, hat sein Ruf Schaden durch den Fall im letzten Band genommen, so dass er erst mal nicht mehr als Forensiker zu Rate gezogen wird. Deshalb freut er sich, als er einen Anruf von der Ostküste Englands von einem ihm unbekannten Detective bekommt. DI Bob Lundy bittet ihn um Mithilfe bei der Bergung einer Wasserleiche in einem abgelegenen Küstengebiet nördlich der Themsemündung, den sogenannten Backwaters. Überrascht und neugierig macht sich Hunter sofort auf in das von Kanälen und Prielen durchsetzte Mündungsgebiet von Essex, da der den Gezeiten ausgesetzte Körper bei unsachgemäßer Behandlung schnell in Einzelteile auseinanderfallen könnte.

In den Backwaters

Weit draußen im Sumpfgebiet gelingt es mit Hunters Hilfe die auf einer Sandbank angespülte, stark verweste Leiche zu heben. Unter den Schaulustigen, die sich auf dem Gelände einer ehemaligen Austernfischerei eingefunden haben, befindet sich auch Sir Stephen Villiers. Der vermögende, einflussreiche Gutsherr aus der Gegend befürchtet, der Tote könnte sein seit mehreren Wochen verschwundener Sohn Leo sein. Und obwohl Hände und Füße fehlen, wird anhand der Kleidung und der Uhr des Toten schnell vermutet, dass es sich tatsächlich um den vermissten Leo Villiers handelt. Eine Schussverletzung am Kopf deutet auf einen Selbstmord des jungen Lokalpolitikers hin, der aufgrund seines lockeren Lebenswandels auch das schwarze Schaf der Familie war. Eine Obduktion am nächsten Tag, zu der auch Hunter geladen ist, soll genauere Erkenntnisse liefern.

Auf dem Weg zurück verliert Dr. Hunter in dem unübersichtlichen Labyrinth aus Wasserwegen die Orientierung und bleibt mit seinem Fahrzeug in einer Furt stecken. Ein vorbeikommender Autofahrer hilft ihm aus seiner misslichen Lage. Da sein Wagen schweren Schaden genommen hat, kann er in dem Bootshaus seines Retters unterkommen. Trotzdem wirkt Andrew Trask abweisend und verbittert. Er lebt mit seinen beiden Kindern und seiner Schwägerin Rachel in einem einsamen Haus in den Backwaters. Seine Frau Emma, eine Fotografin und Innenarchitektin, wird nach einer lautstarken Auseinandersetzung mit Leo Villiers, mit dem ihr ein Verhältnis nachgesagt wird, auch seit einiger Zeit vermisst. Als Hunter kurz darauf einen Turnschuh mitsamt Fuß aus dem Treibgut im Flussbett angelt, ist er sich ziemlich sicher, dass dieser zu einer anderen Leiche gehört. Am nächsten Tag wird in einem Flussarm, eingewickelt in Stacheldraht, eine zweite Leiche entdeckt, und Dr. Hunter vermutet hier, dass  es sich höchstwahrscheinlich nicht um den gesuchte Villiers handelt.

Die Männergrippe

Simon Beckett punktet auch hier wieder mit seinem sympathischen Protagonisten David Hunter, der einfach ein netter Kerl ist. Der zurückhaltende, schicksalsgebeutelte Mann mittleren Alters ist gesundheitlich angeschlagen und hat sich auf See ziemlich erkältet. Fortan kämpft er mit Fieber und anderen Wehwehchen und denkt gleich an eine schlimme tödlich verlaufende Krankheit. Aufgrund der ständigen Hinweise auf seinen Gesundheitszustand konnte ich mir ein Augenrollen oft nicht verkneifen. Aber zumindest grübelt der schwermütige David nicht ganz so stark wie in anderen Bänden vorher und bändelt sogar mit der attraktiven Rachel an.

Hervorragend sind Becketts atmosphärisch dichten Beschreibungen des rauen Küstenstrichs. Eine unwirtliche Gegend, in der ständiger Regen und Sturmböen, sowie das Auf und Ab der Gezeiten eine bedrohliche, düstere Stimmung erzeugen. Das Marschland wird durch ein Gewirr von Kanälen und Bächen durchzogen, die bei Ebbe leerlaufen und dann Schlick und Schlamm freilegen. Nachdem die Austernfischerei nicht mehr das Leben der Bewohner in dem kleinen Küstenort bestimmt, bildet die menschenleere Einöde einen bedrückenden und deprimierenden Anblick. Die Beschreibungen von Land und Leuten sind einfach stimmig und erzeugen entsprechend passende Bilder.

Der erste bereits 2006 erschienene Band Die Chemie des Todes um Dr. David Hunter hatte mich damals sehr begeistert. Aber bereits bei den nachfolgenden Bänden waren die ersten Abnutzungserscheinungen nicht zu übersehen. Den fünften Teil verfolgte ich als Hörbuch auf meinem Arbeitsweg. Und dabei stört es mich meistens nicht sonderlich, wenn die Geschichte so ein bisschen dahin plätschert. Beckett glänzt in Totenfang nicht mit atemlosen Thrill oder actiongeladener Spannung. Es ist ein solider, spannender Plot mit einigen überraschenden Wendungen, den der britische Autor hier routiniert erzählt, vielleicht etwas behäbig aber immer noch besser als viele andere Autoren.

Seine Geschichten sind natürlich auch immer ein bisschen unappetitlich, obwohl so viele Beschreibungen der forensischen Details in Totenfang gar nicht vorkommen. Allerdings bin ich mit den gefundenen Leichenteilen auch ein wenig durcheinander gekommen. Erst ganz zum Schluss wird die Spannungsschraube noch angezogen und der temporeiche Showdown in einem verfallenen Wehrturm auf hoher See wartet mit einer unerwarteten Lösung auf.

Kino im Kopf

Johannes Steck hat sämtliche Krimis von Simon Beckett eingelesen und wurde dafür mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Mit seiner wohlmodulierenden Stimme gibt er allen Stereotypen wie dem gutmütigen Polizisten Lundy, dem mürrischen Trask oder dem arroganten Großgrundbesitzer eine individuelle Note. Man hat die Situationen und Figuren stets vor Augen und so entsteht Kino im Kopf.

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Totenfang | Als Hörbuch am 14. Oktober 2016 im Argon Verlag erschienen
ISBN: 978-3-8398-1535-9
ungekürzte Lesung von Johannes Steck
12 Audio-CDs
Laufzeit: 12 Stunden, 47 Minuten
Die Buchausgabe erschien bei Rowohlt
Bibliografische Angaben & Hörprobe | Trailer zu Totenfang | 55 Minuten XXL-Hörprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zu Simon Becketts Romanen Der Hof und Voyeur

Louise Voss & Mark Edwards | Stalker

Louise Voss & Mark Edwards | Stalker

„Oh Gott, was, wenn es ein und derselbe Mensch ist, der die Karten und die Blumen und die Unterwäsche geschickt hat? Das würde bedeuten, dass er in meinem Haus war. Was soll ich nur tun? Soll ich zur Polizei gehen? Habe ich einen Stalker?“ (Auszug Seite 121)

Siobhan ist Schriftstellerin, die das erste Mal einen kreativen Schreibkurs gibt. Dort lernt sie Alex kennen, der ein Schüler von ihr ist. Alex verliebt sich in Siobhan, seine Gefühle bleiben aber unerwidert, woraufhin er beginnt, sie zu stalken. Als Siobhan das mitbekommt, stellt sie ihn zur Rede und daraufhin wendet sich das Blatt…

Siobhan ist Mitte dreißig, hat sich gerade von ihrem Freund Phil getrennt und wohnt nun allein mit ihrer Katze. Die letzte Veröffentlichung eines Romans ist schon eine Weile her, deshalb versucht sie sich mit dem Schreiben von Artikeln und diesem Kurs über Wasser zu halten. Alex ist Ende zwanzig, arbeitet im Callcenter und wohnt in einer WG. Vom Schreiben träumt er schon länger und will den Kurs als Sprungbrett nutzen. Doch dann tritt Siobhan in sein Leben und Alex ist zunächst wie berauscht von ihr.

Als ich Stalker von Louise Voss & Mark Edwards begonnen habe zu lesen, habe ich mich gefragt, wie man über vierhundert Seiten mit einer Geschichte füllen kann, in der es ums Stalken geht, ohne dass es irgendwann langweilig wird. Ich kann sagen, dass es den Autoren geglückt ist. Das Thema selbst finde ich sehr interessant, weil man ja immer mal wieder hört, dass jemandem nachgestellt wird, aber eben nicht so konkret. Spannend und auch erschreckend fand ich, wie verhältnismäßig leicht man an Informationen anderer Personen kommt, auch wenn in vielen Situationen Zufall dahintersteckt.

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert und nach nicht mal der Hälfte des Buches wird Alex schon von Siobhan zur Rede gestellt, das Stalking ist also augenscheinlich vorbei. Und was passiert nun in Teil zwei? Das genaue Gegenteil. Und erst hier wird es so richtig interessant. Die Geschichte wird abwechselnd von Alex und Siobhan in Tagebucheinträgen geschildert. Hierbei ist es meiner Meinung nach besonders unterhaltsam, wie eine Situation von zwei Personen so unterschiedlich wahrgenommen wird. In die beiden Protagonisten kann ich mich gut hineinversetzen. Meine Sympathie wechselte in den beiden Teilen von einem zum anderen.

Insgesamt liest sich dieser Thriller sehr flüssig und ich fand ihn ansprechend, allerdings ist er für mich nicht total dramatisch oder aufregend.

Louise Voss sah Mark Edwards in einer Dokumentation über aufstrebende Autoren, daraufhin kontaktierte sie ihn. Das war der Grundstein ihrer schriftstellerischen Zusammenarbeit. Ihre ersten beiden Thriller „Fieber“ und Stalker wurden sofort Sensationserfolge, zunächst online im Eigenverlag und schließlich auch in den Printausgaben. Louise Voss und Mark Edwards leben mit ihren Familien im Süden von London.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Stalker | Erschienen am 14. August 2017 bei btb
ISBN 978-3-442-74571-5
416 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe