Kategorie: Thriller

Abgehakt September 2019

Abgehakt September 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 3. Quartalsende 2019

 

Hazel Frost | Last Shot

Auf einem einsamen Parkplatz in den bayrischen Alpen wird eine russische Familie von einer Killerin attackiert. Der Vater Youri, ein Bordellbesitzer, und die erwachsenen Zwillingstöchter sterben. Der Sohn Dima bleibt unversehrt, seine Tochter Mathilda überlebt und wird von der Polizei aufgefunden. Die Killerin namens November nimmt eine Tasche voll Geld und wertvoller Waffensoftware an sich. Doch eigentlich hatte sie es noch auf etwas anderes abgesehen. Die Jagd ist noch nicht zu Ende und es mischen weitere merkwürdige Gestalten mit.

Die Autorin mit dem halbherzigen Pseudonym Hazel Frost (alias Katja Bohnet) erwähnt im Nachwort, dass Last Shot zu Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere entstand. Inspiration für diesen ungewöhnlichen Thriller – das offenbart die Autorin selbst – waren legendäre Filmthriller aus den Neunzigern wie Pulp Fiction oder Leon – Der Profi. Und so beherbergt dieser Roman einige schräge Figuren, einen rasanten und harten Plot und eine Menge Blei und Blut. Das ist vielleicht hier und da etwas „drüber“ und bizarr, aber zumeist durchaus unterhaltsam, kurzweilig und in manchen Momenten sogar melancholisch. Insofern gar nicht übel.

 

Last Shot | Erschienen am 10. September 2019 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-30642-0
368 Seiten | 14.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

 

John Steele | Ravenhill

Jackie Shaw kehrt nach zwanzig Jahren nach Belfast zurück, um am Begräbnis seines verstorbenen Vaters teilzunehmen. 1993 war Jackie Mitglied der loyalistischen Paramilitärs der UDA – und ein verdeckter Ermittler der Polizei. Nach einem Vorfall mit drei Toten wurde auch er für tot erklärt und aus der Schusslinie gebracht. Nun erwartet Jackie bei seiner Rückkehr nicht nur der MI5, sondern auch Rab Simpsons und Billy Tyrie, Jackies ehemalige Chefs der UDA-Sektion. Beide sind inzwischen zu Gangstergrößen aufgestiegen und verlangen von Jackie, den jeweils anderen zu töten.

Belfast oder Nordirland bieten mit den gesellschaftlichen Konflikten ein unglaublich interessantes, intensives und auch vielseitiges Setting. In Ravenhill erzählt der gebürtige Belfaster John Steele die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Einmal einige Jahre vor und dann deutlich nach dem Karfreitagsabkommen, das die Situation oberflächlich natürlich erheblich befriedet hat. Allerdings stellt Steele auch unmissverständlich klar, dass die damaligen Protagonisten zwar mit dem Terrorismus aufgehört haben, aber weiterhin Schurken sind, die sich nun in Schutzgelderpressung oder Drogenhandel verdingen. Und die auch kaum angetastet werden, um den Frieden nicht zu stören. Allerdings verlaufen die Fronten nun auch mal innerhalb der ehemaligen Organisationen, was Rückkehrer Jackie Shaw bald feststellt.

Ravenhill ist ein komplexer Noir über Loyalität und Verrat, außerdem eine Hommage an Belfast. Der Autor schreibt hart und realistisch und zeigt auf, wie brüchig der Frieden in Nordirland immer noch ist.

 

Ravenhill | Erschienen am 1. Mai 2019 im Polar Verlag
ISBN 978-3-945133-77-4
352 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Noir/Hardboiled
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jutta Profijt | Unter Fremden

Die Syrerin Madiha kommt als Flüchtling nach Deutschland. Zwar ist sie Analphabetin, aber da sie als Kind nach dem Tod ihrer Mutter bei einem Verwandten mit einer deutschen Ehefrau aufwuchs, spricht sie Deutsch. Auf ihrer Flucht half ihr ihr Landsmann Harun. Nun ist dieser aus dem Flüchtlingsheim verschwunden, nicht ohne Madiha den Schlüssel zu seinem Spind mit seinen wenigen Habseligkeiten anzuvertrauen. Madiha will Harun wieder aufspüren, das glaubt sie, ihm nach seiner Hilfe schuldig zu sein. So stellt sie mit den wenigen Anhaltspunkten, die sie hat, ein paar Nachforschungen an. Und ruft damit nicht nur das LKA, sondern auch andere Personen auf den Plan, die kein Interesse an Madihas Suche haben.

Unter Fremden ist ein Roman, der sich vor allem mit seiner Protagonistin und der Erzählperspektive aus der Masse abhebt. Madiha ist eine scheue, junge, gehbehinderte Frau aus einer traditionellen Familie, die es auf der Flucht vom Bürgerkrieg nach Deutschland verschlägt. Was einerseits gut ist, da sie aufgrund eines Zufalls auch Deutsch spricht, aber was sie dennoch auf eine harte Probe stellt, da sie ganz allein nun ihren Weg gehen muss und ihr Deutschland völlig fremd ist. Diese naive, scheue Madiha mausert sich im Verlauf der Geschichte und verfolgt ihr Ziel mit Beharrlichkeit und großem Herz. Ihre Suche nach Harun, der eine andere Vergangenheit hatte, als sie glaubte, führt sie zu einem Netzwerk, das den Krieg aus Syrien bis nach Deutschland trägt. Nebenbei liefert Madiha dem Leser einen Einblick in ihr Inneres und wie die Flüchtlinge unser Land und seine Bewohner empfinden könnten, den gut organisierten, aber immer rastlosen Deutschen mit ihrem faden Essen.

Spannungstechnisch stößt die Erzählperspektive aber auch an ihre Grenzen, zu mühsam ist manchmal Madihas Weg. Und gelegentlich erscheint auch Madihas Entwicklung ein wenig zu schnell zu verlaufen. Dennoch ist Unter Fremden (für den Autorin Jutta Profijt 2018 den Friedrich-Glauser-Preis erhielt) auf jeden Fall ein lesenswerter Kriminalroman mit ungewöhnlicher Perspektive.

 

Unter Fremden | Die Originalausgabe erschien am 8. September 2017,
die Taschenbuchausgabe erschien am 21. Juni 2019, beide im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-21774-3
336 Seiten | 10.95 Euro
E-Book: ISBN 978-3-423-43227-6 | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Remigiusz Mróz | Die kalten Sekunden

Damien Werner macht seiner langjährigen Freundin Ewa am Flussufer einen Heiratsantrag. Doch wenig später treffen sie auf eine Gruppe betrunkener Männer. Diese schlagen Werner nieder und vergewaltigen seine Verlobte. Als Werner wieder aufwacht, ist Ewa verschwunden. Und taucht nicht mehr auf. Zehn Jahre später ist es mit Werners Leben rapide abwärts gegangen, von Ewa gibt es nach wie vor keine Spur. Doch da entdeckt ein Freund von ihm Ewa auf einem Bild bei einem Konzert. Werner engagiert eine Detektei, da die Polizei keine Anstalten macht, ihm zu helfen. Als Werners Freund ermordet wird, begibt sich Werner auf eine Jagd quer durch Polen auf der Suche nach weiteren Hinweisen auf Ewa. Unterstützt wird er aus der Ferne von Kassandra Reimann, Chefin der Detektei, die allerdings diesen Fall auch aus eigenem Antrieb verfolgt.

Remigiusz Mróz ist ein absoluter Bestsellerautor in Polen und ein Vielschreiber. Seit seinem Debüt 2013 sind bis heute 25 (!) Romane von ihm erschienen. Die kalten Sekunden ist der erste auf Deutsch erschienene und ein klassischer Thriller mit einigen üblichen Zutaten, aber auch Unerwartetem. Überzeugend sind in erster Linie die Erzählperspektiven (hier wählt Mróz mit Werner und Kassandra zwei Ich-Erzähler) und die äußerst realistische Darstellung des Hauptthemas des Buches: Häusliche Gewalt. Gerade in Polen noch ein großes Problem nutzt Mróz seine Popularität, um auf dieses Tabuthema aufmerksam zu machen. Das tut er drastisch und schockierend, aber vielleicht ist das auch nötig. Allerdings muss ich auch feststellen, dass der Plot bei mir eine Menge Fragezeichen hinterlässt. Plausibel ist das alles meiner Meinung nach nicht und daher bin ich nur mittelmäßig zufrieden.

 

Die kalten Sekunden | Erschienen am 21. Mai 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-27606-4
384 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 2.5 von 5.0

Alle vier Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Frank Goyke | Mörder im Chat

Miriam wird mit einer Machete ermordet, einziger Zeuge ist ein Schweizer, der die Tat im Chat auf seinem Computer beobachtet hat. Die Rostocker Ermittler Jonas Uplegger (alleinerziehender Vater eines Teenagers und Ja-Sager, zuletzt hat er einen ehrenamtlichen Vorsitz angenommen, den er nicht wollte) und Barbara Riedbiester (stark übergewichtig, bekämpft gerade nicht besonders erfolgreich ihre Alkoholsucht und lässt sich von Uplegger ständig irgendetwas googeln) ermitteln in dem Fall und treffen bald auf einige Ungereimtheiten im Leben des Opfers.

Mörder im Chat von Frank Goyke liest sich meiner Meinung nach durch umständliche Formulierungen und viele Fremdwörter nicht sehr flüssig. Außerdem werfen die Protagonisten mit viel Fachwissen auf unterschiedlichen Ebenen um sich. Wer sich aber in Rostock auskennt, wird seine Freude haben und an einigen Stellen konnte ich wirklich lachen.

 

Mörder im Chat | Erschienen am 27. März 2013 im Hinstorff-Verlag
ISBN 978-3-35601-574-4
336 Seiten | 12.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Regionalkrimi
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Stephan Schad | Der Fall Collini

Bei diesem Hörspiel zur Literaturverfilmung Der Fall Collini führt der Erzähler Stephan Schad souverän und mit sonorer Stimme durch die dramatische Geschichte, unterbrochen durch Original Tonmaterial aus dem Film.

Fabrizio Collini, ein seit Jahrzehnten in Deutschland lebender Italiener, erschießt scheinbar ohne Grund den angesehenen Großindustriellen Jean-Baptiste Meyer in dessen Luxus-Suite eines Hotels und traktiert den sterbenden Greis noch mit brutalen Kopftritten. Collinis Pflichtverteidigung übernimmt der unerfahrene Caspar Leinen. Dieser ist total befangen, weil der Ermordete nicht nur der Großvater seiner Jugendliebe war, auch er selbst hat Meyer viel zu verdanken. Der erfahrene Strafverteidiger Professor Richard Mattinger schlägt ihm einen Deal vor, vorausgesetzt der betagte Collini bekennt sich schuldig. Doch der schweigt eisern und so begibt sich Leinen auf die Suche nach einem möglichen Motiv. In dem italienischen Heimatdorf Collinis kommt er dabei einem großen Justizskandal der deutschen Rechtsgeschichte auf die Spur. Wenn zum Schluss im Gerichtssaal die Wahrheit ans Licht kommt, hat das Hörspiel seine besten – weil emotionalsten – Momente.

Bei meinem ersten Film-Hörspiel hatte ich die Bilder des Kinofilms nach einer Romanvorlage von Ferdinand von Schirach mit Schauspielern wie Elyas M‘Barek und Heiner Lauterbach noch im Kopf. Sonst wären mir die ca. 140 Minuten Laufzeit aufgrund der Handlungsdichte vielleicht etwas zu komprimiert gewesen. So fand ich, auch unter dem Einsatz von entsprechender musikalischer Untermalung, ein gelungenes, lebendiges, durch die Brisanz des Themas aufwühlendes Audio-Erlebnis.

 

Der Fall Collini | Das Original-Hörspiel zum Film erschien am 18. April 2019 im Jumbo Verlag
ISBN 978-3-8337-4024-4
2 Audio CDs | 15.99 Euro
Gesamtspielzeit: ca. 140 Minuten
Erzähler: Stephan Schad
Bibliographische Angaben & Hörprobe | Romanvorlage | Filmtrailer

Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.

Andreas Pflüger | Geblendet

Andreas Pflüger | Geblendet

Ein Finger von Aaron zuckt zu Nachtschattens Drosselgrube, sticht aber in die Luft. Ohne dass sie es wahrnahm, hat die Frau die Position gewechselt und steht jetzt hinter ihr.
Aaron fährt herum. Sie wirft sich der Stimme entgegen, aber fliegt an ihrer Gegnerin vorbei.
Stürzt.
Sie hört ihre gelassene Stimme. „Wie eitel du bist. Du glaubst, dass man in Wäldern nie ein stolzeres Tier gesehen hat als dich.“ (Auszug Seite 178)

Einige Monate sind vergangen, seitdem sich die blinde Elite-Polizistin Jenny Aaron sich dem Terroristen Der Broker in einem vermeintlichem Safehouse stellen musste (Band 2: Niemals). Damals starben einige Männer, die zu ihrem Schutz abgestellt waren. Sie ist seitdem nicht zur Abteilung zurückgekehrt, hält sich in West Virginia bei ihrem Meister in Gōjū-Ryū auf, und versucht, zu sich zu finden. Außerdem bereitet sie sich auf die Therapie bei Professor Reimer auf Rügen vor, die ihr das Augenlicht zurückbringen soll. Doch währenddessen arbeiten ihre Kollegen und Freunde weiter und versuchen, denjenigen zur Strecke zu bringen, der den Standort des Safehouses damals verraten hatte.

Eigentlich wissen sie, wer es war. Doch den Innensenator der Korruption und des Verrats zu entlarven, ist alles andere als einfach, denn dieser ist nicht nur gerissen, sondern hat als Koordinator der Innenminister der Länder auch den politischen Einfluss auf die „Abteilung“. Trotzdem setzt die neue Leiterin Demirci ein Team auf ihn an und sie können tatsächlich ein verräterisches Treffen in Portugal mit mafiösen Geschäftsmännern observieren. Doch ein Beweis bleibt weiterhin aus. Da geschieht in Deutschland plötzlich eine unfassbare Tat und Jenny Aaron muss ihre Therapie unterbrechen, die Wiedererlangung ihrer Sehkraft aufs Spiel setzen, um ihre Freunde und Kollegen bei dieser Bedrohung zur Seite zu stehen.

Dabei hätte Jenny die Atempause dringend nötig. Sie ist innerlich in Aufruhr, schwankt zwischen Loyalität und Eigennutz. Die beginnende Therapie zerrt an ihren Sinnen, ist sie wirklich bereit, ihre herausragenden Fähigkeiten in Gehör und Geruch ein Stück weit einzubüßen, wenn sie dafür wieder sehen kann? Zudem beginnt sie nun endlich ihre Beziehung zu ihrem Vater, dem ehemaligen Leiter der GSG 9, zu hinterfragen. Dabei kommt ihr aber überraschend die Konfrontation mit einer ebenbürtigen Gegnerin zur Hilfe.

Die sieben Samurai, das ist wahr.
„Du weißt, dass nur zwei am Leben bleiben“, sagte Kishō.
„Ein würdiger Tod.“
„So ehrenhaft eine Tat auch erscheinen mag: Manch einer hat mit dem letzten Atemzug anders darüber gedacht.“ (Seite 249)

Andreas Pflüger hat mit der Reihe um Jenny Aaron die Maßstäbe im deutschen Thriller hoch gesetzt, manche Kritiker sind sogar der Ansicht, dies gelte weltweit. Das vermag ich nicht wirklich zu beurteilen, allerdings ist Pflügers Stilistik extrem überzeugend. Tempo, Sprache, Dialoge sind geschliffen und aus einem Guss. Auch als Leser, der eher realistische Stoffe bevorzugt und mit Superhelden- und Superschurkengeschichten so seine Probleme hat, muss ich sagen, dass diese Reihe einfach sehr stark geschrieben ist und absolut rund wirkt. In diesem (letzten?) Band geht es nochmal sehr stark um Jenny Aaron selbst, ihr Selbstbild, wie sie zu dem wurde, was sie ist, und ob sie dies auch selbst einordnen kann. Das hemmt manchmal die Rasanz und Spannung des Plots, aber das ist ein Jammern auf sehr hohem Niveau. Geblendet ist wie seine Vorgänger (die man chronologisch lesen sollte) ein überzeugender Pageturner, die ganze Reihe ein Muss für Thrillerfans.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Geblendet | Erschienen am 12. August 2019 im Suhrkamp Verlag
ISBN 987-3-518-42895-5
508 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Die Rezensionen zu den Romanen Endgültig und Niemals von Andreas Pflüger.

Yrsa Sigurdardóttir | R.I.P.

Yrsa Sigurdardóttir | R.I.P.

Stella musste auf einmal an den Snap denken, den sie kurz nach der Pause erhalten hatte. Sie hatte keine Ahnung, wer der Absender war, hatte ihn nie geadded. Sie musste endlich mal einstellen, dass Unbekannte ihr keine Nachrichten mehr schicken konnten, jetzt, wo auch die Erwachsenen diese App entdeckt hatten. Erst hatten sie Facebook kaputt gemacht, und jetzt rissen sie auch noch Snapchat an sich. (Auszug Seite 6)

R.I.P. ist der dritte Teil einer isländischen Thriller-Serie um Kommissar Huldar und Kinderpsychologin Freyja von Yrsa Sigurdardóttir. Die Autorin startet wieder mit einem hochspannenden und verstörenden Prolog. Die 16-jährige Stella verdient sich nach der Schule in einem Kino etwas dazu. Nach der letzten Vorstellung ist sie alleine im Kino, als sie auf der Toilette von ihrem Mörder überrascht wird. Bevor das Mädchen brutal erschlagen wird, filmt der Täter sie mit ihrem eigenen Handy. Ihre letzten Minuten und ihr flehentliches Bitten um Gnade werden per Snapchat an ihre Kontaktliste geschickt. Das Besondere an dem kostenlosen Message-Dienst Snapchat ist, dass die aufgenommenen und verschickten Videos sich nach einmaligem Ansehen automatisch und für immer löschen.

Was haben die Jugendlichen verbrochen?

Von dem toten Mädchen und dem Handy fehlen jede Spur und der einzige Anhaltspunkt ist ein Überwachungsvideo, auf dem eine Person mit einer Darth-Vader-Maske zu sehen ist. Für die Kriminalpolizei aus Reykjavík unter der Leitung von Erla beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, um jemanden aus Stellas Kontakten zu finden, der das Video noch nicht gesehen und damit gelöscht hat. Die Befragungen beginnen bei den Jugendlichen aus Stellas Freundeskreis und Huldar setzt sich dafür ein, dass Freyja wieder mit einbezogen wird.

Kurz darauf wird ein weiterer Jugendlicher direkt aus seinem Elternhaus entführt. Auch der 15-jährige Egill wird gezwungen, vor laufender Handy-Kamera um Entschuldigung zu bitten. Auch hier findet man keine Leiche, aber eine riesige Blutspur deutet an, dass der Junge nicht mehr leben kann. Das Ermittlerteam steht unter großem Druck, da sich keine Verbindungen zwischen den beiden Teenagern finden lassen. Zusätzlich deuten Zahlen an den Tatorten darauf hin, dass es noch weitere Opfer geben wird. Die oft frustrierende und mühselige Polizeiarbeit wird detailliert und realistisch dargestellt, zum Beispiel die Schwierigkeiten bei der Einsichtnahme in Chatprofile oder in die isländische Gendatenbank.

Mobbing auch im Polizeialltag

Freyja gibt den guten Hinweis, dass das verbindende Element Mobbing sein könnte. Aber die aktuellen Ermittlungen leiden unter dem schlechten Verhältnis der Kollegen. Besonders die Spannungen und Zwistigkeiten zwischen Huldar und seiner direkten Vorgesetzten Erla aufgrund einer Vorgeschichte bringen eine negativ besetzte Grundstimmung, die ich als derart anstrengend empfand und die für mich den Lesespaß doch erheblich trübte. Erla nutzt ihre Position aus, um Huldar das Leben schwer zu machen und ihn kaltzustellen. Hier hätte ich mir mehr Professionalität gewünscht. Auch das Verhältnis zwischen Huldar und Freyja ist seit Beginn vorbelastet und das Ringen der beiden mit ihren widersprüchlichen Gefühlen nervt irgendwann nur noch. Fand ich im ersten Teil die Kabbeleien noch ganz amüsant, fehlt mir hier eine Weiterentwicklung der Charaktere.

„Wenn ich das richtig sehe, gibt es genug zu tun. Mehr als wir bewältigen können. Warum kriegen Guðlaugur und ich nichts zu tun? Wir kennen den Fall. Wir haben am wenigsten Überstunden im ganzen Team, es liegt also auf der Hand, dass du uns einspannst. Und darf ich dich daran erinnern, dass wir durchaus gute Polizisten sind?“ (Seite 170)

Mobbing sowie im Besonderen Cybermobbing und dessen Auswirkungen sind das zentrale Thema, das Sigurdardóttir auf ihre schonungslose Art aufgreift. Mobbing hat es immer gegeben, aber mit den elektronischen Kommunikationsmitteln der heutigen Zeit, ist es viel leichter und schneller geworden, Menschen abzuwerten, zu verunglimpfen oder lächerlich zu machen. Die Auswirkungen auf die Opfer werden dramatisch durch Blog-Einträge demonstriert, die die Handlung mehrfach unterbrechen. Hier erzählt eine Betroffene über Schikanen und Ausgrenzungen in ihrer Jugend.

Meine Meinung

Trotz der Einbindung eines hochbrisanten, gesellschaftlichen Problems gibt es einige Schwächen in diesem leider nur durchschnittlichen Thriller. Die persönlichen Befindlichkeiten der Protagonisten nehmen zu viel Raum ein und drängen das sensible Thema fast in den Hintergrund. Es war mir an vielen Stellen zu plakativ und die Charaktere wenig nachvollziehbar und übertrieben herausgearbeitet. So heißt es zum Beispiel über Huldar an einer Stelle:

Helgi hielt nach einem Fluchtweg Ausschau, für den Fall, dass Huldar auf ihn losging. Das überrascht Huldar nicht. Seit er eine Zigarette im Auge eines Verhafteten ausgedrückt hatte, galt er unter den Kollegen nicht gerade als der Sanftmütigste.

Der Plot des Island-Thrillers ist handwerklich solide aufbereitet und durch den fesselnden Schreibstil auch schnell und flüssig zu lesen. Zahlreiche Wendungen überraschen und wissen zu unterhalten. Andrerseits kommt es durch einige ermüdende Wiederholungen zu Längen. Typisch für einen Thriller aus dem Hohen Norden ist die Stimmung durchgehend düster und dass sich alle mit Vornamen ansprechen gewöhnungsbedürftig. Die Auflösung zum Schluss ist schlüssig, wirkt auf mich aber auch etwas konstruiert und zu weit hergeholt.

R.I.P. ist nach DNA und Sog wieder ein Drei-Buchstaben-Titel, der zusammen mit dem Coverbild keinen Zusammenhang zur Handlung erkennen lässt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

R.I.P. | Erschienen am 24. Juni 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-75665-0
448 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zum Roman DNA von Yrsa Sigurdardóttir.

Stephen King | Der Outsider ♬

Stephen King | Der Outsider ♬

Wie in vielen seiner Geschichten entführt Stephen King den Hörer wieder ins amerikanische Kleinstadtmilieu und wie so oft kommt das Grauen von innen. Hier in dem fiktiven Flint City in Oklahoma wird in einem Stadtpark die Leiche eines kleinen Jungen gefunden.

Coach T als Kindsmörder

Kurz darauf wird der geschätzte Jugendtrainer und Englischlehrer Terry Maitland während eines Baseballspiels verhaftet und vor allen Zuschauern einschließlich seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Handschellen abgeführt. Die drastischen Vorwürfe scheinen das medienwirksame Spektakel zu rechtfertigen: Der Coach soll den elfjährigen Frank Peterson sexuell missbraucht, grausam ermordet und sogar zerstückelt haben. Die Beweise sind erdrückend: Mehrere Zeugen haben Maitland mit blutverschmierter Kleidung in der Nähe des Tatorts gesehen und eindeutig identifiziert. An dem Lieferwagen, mit dem der Junge entführt wurde, finden sich Maitlands Fingerabdrücke. Als später auch seine DNA auf der Leiche des Opfers eindeutig festgestellt wird, besteht für den ansässigen Detective Ralph Anderson absolut kein Zweifel mehr an der Schuld des kumpelhaften Coach. Dass dieser auch seinen halbwüchsigen Sohn Derek trainierte plus die Abscheulichkeit des Verbrechens sorgte für zusätzlichen Druck und lassen Anderson nicht mehr sachlich agieren.

Der beliebte Coach T bestreitet die Tat auch nach seiner Verhaftung vehement. Er kann zur allgemeinen Verwunderung ein unwiderlegbares Alibi vorweisen, denn zur fraglichen Zeit war er mit mehreren Kollegen auf einer Tagung in einer anderen Stadt. Dies können nicht nur alle bezeugen, sondern es gibt auch einen Video-Mitschnitt einer Krimi-Lesung mit Harlan Coben, auf der Maitland eindeutig in der ersten Reihe sitzend zu erkennen ist und auch hier werden seine Fingerabdrücke sichergestellt.

Eine Stadt dreht durch

Inzwischen formieren sich die Bürger von Flint City zu einem hysterischen Lynchmob, der davon überzeugt ist, dass der bis dahin unbescholtene Coach T ein Monster ist. Nur Maitlands Frau und sein Anwalt Howard Gold halten noch zu ihm. Nicht nur für die Maitlands beginnt ein regelrechter Albtraum. Auch über die Familie des Opfers, die Petersons, bricht in immenser Geschwindigkeit Chaos und Elend herein. Es beginnt eine Tour de Force und man ahnt, dass diese tragische Geschichte ein katastrophales Ende nehmen wird. King entwirft hier mit großer Rasanz ein faszinierendes Szenario. Die vielen schockierenden Momente hatten an dieser Stelle eine große Sogwirkung auf mich und machten es mir schwer, das Hörbuch auszuschalten.

Die Verantwortlichen, allen voran, Detective Ralph Anderson, sind überfordert. Er bereut inzwischen den showartigen Verhaftungszirkus im Stadion zusammen mit dem ehrgeizigen Bezirksstaatsanwalt Bill Samuels. Die Widersprüche nagen an dem integren Detective und nach einer kurzzeitigen Suspendierung stellt er zusammen mit dem Anwalt Gold und dem Privatdetektiv Alec Pelly eigene Ermittlungen an. Als dazu Informationen aus einem anderen Bundesstaat benötigt werden, stößt auch noch die Privatermittlerin Holly Gibney dazu. Die schrullige Detektivin, ausgestattet mit einigen Zwangsneurosen, kennt man vielleicht aus der Bill-Hodges-Trilogie. Und diese sollte man vorher gelesen haben, da wirklich viel gepoilert wird!

Fazit

So sehr ich mich über das Auftauchen von Holly Gibney gefreut habe, geht dem Thriller in der zweiten Romanhälfte leider etwas die Luft aus. Die rätselhafte Geschichte lässt sich nicht plausibel auflösen und Stephen King zieht hier den übernatürlichen Joker. Obwohl dann natürlich das logische Mitraten wegfällt, habe ich gar kein Problem mit einem Wechsel ins Metaphysische. Aber zum einen verdrängt Holly den bisherigen Protagonisten Ralph Anderson und durchschaut relativ schnell das böse Horrorwesen. Und zum anderen konnte mich der Antagonist nicht restlos überzeugen. Der Gestaltwandler, der sich von Trauer und Elend nährt und sich auf eine mexikanische Folklegende bezieht, schien mir nicht komplett durchdacht und ist in Teilen ein alberner und wenig bedrohlicher Dämon.

Die Handlung flacht bis zum großen Showdown in einer Tropfsteinhöhle in Marysville auch durch viele Wiederholungen leider etwas ab und die Auflösung kann nicht vollständig überzeugen.

Stephen King ist ein großer, begnadeter Erzähler, egal welches Genre er bedient. Der Outsider ist eine komplex gestrickte Mischung aus klassischem Krimi und Horrormär mit intensiven Passagen am Anfang, in denen der Autor mit seinem schriftstellerischen Können glänzt und der zum Schluss etwas schwächelt und an Raffinesse verliert. So als hätte der Autor keine Lust mehr gehabt und die Geschichte schnell zu Ende gefrickelt.

Das macht David Nathan aber mit seiner begeisterten Lesung wieder wett. Er lässt sich richtig in die weit ausgebreitete Geschichte fallen und gestaltet die verschiedenen, lebensnahen Charaktere wirklich hervorragend. Kings Art zu schreiben ist wie für Hörbücher gemacht und Nathan gelingt es problemlos Bilder in die Köpfe der Hörer zu transportieren.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Outsider |Das Hörbuch erschien am 27. August 2018 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-3-8371-4284-6
3 mp3 CDs | 24.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 19 Stunden 9 Minuten
Original-Titel: Outsider (Scribner)
Sprecher: David Nathan
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

Stephen King | Der Anschlag

Stephen King | Der Anschlag

„Glückliches neues Jahr, G…“ Sie wich stirnrunzelnd einen halben Schritt zurück. „Was hast du?“
Vor meinem inneren Auge stand plötzlich das Texas School Book Depository, ein hässlicher Klinkerkasten mit Fenstern wie Augen. Es war das Jahr angebrochen, in dem das Schulbuchlager ein geschichtsträchtiger Ort werden würde.
Das wird es nicht. So weit lasse ich dich nicht kommen, Lee. Du gelangst nie an dieses Fenster im fünften Stock. Das ist mein guter Vorsatz. (Auszug Seite 663)

Der Englischlehrer Jake Epping lebt ein ereignisarmes Leben in Lisbon Falls. Eines Tages offenbart ihm sein guter Bekannter Al Templeton, Besitzer eines Imbiss-Trailers, dass er unheilbar krank ist und in Kürze verstirbt. Gleichzeitig zeigt Al Jake ein großes Geheimnis: Im Hinterzimmer seines Imbisses gibt es ein Zeitportal. Man gelangt in den September des Jahres 1958 und auch wieder zurück. Al selbst hat dieses Portal regelmäßig benutzt, unter anderem, um sich mit günstigem Burgerfleisch zu versorgen. Doch Al hat auch eine Mission: Er will das Attental auf John F. Kennedy am 22.11.1963 in Dallas verhindern. Dafür hat er eine Menge Material über Lee Harvey Oswald gesammelt. Doch aufgrund seiner Erkrankung kann er die Mission nicht mehr ausführen. Deshalb will Al Jake dafür gewinnen.

Doch der schreckt natürlich erstmal zurück vor so einer gewaltigen Aufgabe. Will sich erst mal hereintasten in die Vergangenheit. Ausprobieren, ob so etwas überhaupt gelingen kann. Denn Al warnt durchaus: So leicht lässt sich die Vergangenheit nicht verändert, sie wehrt sich und wird widerspenstig. So sucht sich Jake zunächst eine kleinere Mission aus. Vor einiger Zeit hatte Jake in einem Englischkurs für Erwachsene einen Aufsatz mit dem Thema „Der Tag, der mein Leben veränderte“ schreiben lassen. Darunter war der Aufsatz des Schulhausmeisters Harry Dunning, der mit erheblichen Rechtschreib- und Grammatikschwächen zu kämpfen hatte, aber eine unglaublich traurige Geschichte über den Tag an Halloween 1958 schrieb, als sein Vater seine Mutter und seine Geschwister erschlug und ihn schwer verletzte. Jake nimmt sich vor, diese Tragödie zu verhindern und reist in die Vergangenheit nach Derry, Maine.

Derry lässt King-Fans sicherlich wissend aufhorchen. Die fiktive Stadt ist Schauplatz mehrerer King-Romane und hinterlässt das Gefühl eines feindseligen, bösen Ortes. Ich mag gar nicht zu viel verraten, was Jake Epping in Derry widerfährt, allerdings wird auch hier schnell klar, dass es nicht so leicht ist, die Vergangenheit zu ändern und selbst wenn man es schaffen sollte, was sind die weiteren Auswirkungen? Erreicht man in der Folge überhaupt das Beabsichtigte? Der berühmt-berüchtigte Schmetterlingseffekt. Diesen lernt Jake in Derry zum ersten Mal kennen und er wird auch in der weiteren Geschichte in Dallas eine große Rolle spielen.

Ohne zu viel vorweg zu nehmen: Jake nimmt Als Mission schließlich an. Allerdings ist bis zum 22. November 1963 noch einiges an Zeit herumzubringen und so erzählt King die Geschichte von Jake, wie er sich langsam Richtung Texas aufmacht, mit Geld einen Abschluss erkauft und schließlich auch in der Vergangenheit als Lehrer arbeitet. Er landet in der Kleinstadt Jodie, wo er freundschaftlich aufgenommen wird und sich schließlich in die von ihrem psychisch gestörten Mann getrennt lebende Schulbibliothekarin Sadie Dunhill verliebt. Doch irgendwann rückt das Datum immer näher und Jake will die Mission weiterführen, muss allerdings schon bald erkennen, dass sie aufs Schmerzlichste mit seinem glücklich verlaufenden Leben in der Vergangenheit kollidiert.

Wollte ich Jahre in der Vergangenheit verbringen? Nein. Aber ich wollte dorthin zurück. Und wenn auch nur, um zu hören, wie Little Richard geklungen hatte, als er noch Top of the Pops gewesen war. Oder um an Bord einer Maschine der Trans World Airlines zu gehen, ohne meine Schuhe ausziehen und durch einen Ganzkörperscanner und einen Metalldetektor gehen zu müssen.
Und ich wollte noch ein Root Beer. (Seite 71)

Die Ermordung Kennedys durch Lee Harvey Oswald ist immer noch ein nationales Trauma der Vereinigten Staaten. Stephen King selbst hatte die Idee zu diesem Roman schon Anfang der 1970er, ließ aber dann davon ab, weil er meinte, dass es noch zu frisch war für eine solche Darstellung. Interessant ist, was Al und auch Jake glauben, durch die Verhinderung des Attentats positiv beeinflussen zu können: Der Vietnamkrieg und die Rassenunruhen in den USA. Doch, ob sich der alternative Geschichtsverlauf sich wirklich so positiv auswirken würde? Was die Ermordung Kennedys betrifft, verzichtet King übrigens auf irgendwelche Verschwörungstheorien, sondern hält sich an die Fakten bezüglich der Täterschafts Oswalds (wobei er einige unklare Stellen schon erwähnt). Dies hat mich zunächst etwas enttäuscht, im Nachhinein muss ich aber zugeben, dass es richtig war, die Konstruktion dieser Zeitreisegeschichte nicht noch mit alternativen Theorien zu überfrachten.

Wie so häufig bedient sich der Autor eines Ich-Erzählers, der rückblickend diese Geschichte erzählt. Jake Epping ist ein typischer Durchschnittstyp, Lehrer, noch nicht allzu alt, dennoch bereits von seiner alkoholkranken Ehefrau getrennt. Ein intelligenter, aber gutmütiger, nicht allzu ambitionierter Mann. Er schreckt vor der Aufgabe ein wenig zurück, bringt es aber auch nicht fertig, seinem Kumpel Al den Wunsch auszuschlagen. Aber Jake wächst mit seiner Aufgabe, geht immer zielstrebiger und auch hartgesottener vor. Bis die Liebe zu Sadie Dunhill ihn auf eine harte Probe stellt.

King erzählt die Vergangenheit über weite Strecken in einem fröhlichen Ton: Die Luft ist frischer, das Gras ist grüner, das Bier schmeckt besser. Aber er ist weit davon entfernt, einen „früher war alles besser“-Ton zu vermitteln. Dafür reicht ein kurzer Blick an einem Rastplatz, wo es eine Damen- und Herrentoilette gibt und einen Hinweispfeil „für Schwarze“, der zu einem Donnerbalken über einem stinkenden Bach führt. Was man in diesem Roman natürlich auch vorfindet, sind die zahlreichen Querverweise zu Kings Gesamtwerk – etwa ein weiß-roter Plymouth Fury, der regelmäßig vorkommt, oder Verweise auf ES in Derry.

Der Anschlag beinhaltet viele Elemente aus Thriller, historischem Roman, Sci-Fi und daneben eine große Lovestory. Das alles beherrscht King ziemlich souverän und erweist sich als begnadeter Erzähler, der 1000 Seiten scheinbar mühelos zu füllen vermag. Dabei zeigt er sich als guter Beobachter, der die Zeiten und Verhältnisse beschreibt, dabei aber nicht das große Ganze, sondern den Einzelnen im Blick behält. Denn bei allen nationalen Traumata – die wahren Tragödien erfährt doch jeder im Privaten. Insgesamt für mich ein sehr vielseitiger und trotz des Umfangs kurzweiliger Roman.

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Anschlag | Erschienen am 23. Januar 2012 im Heyne Verlag
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 10. Juni 2013 ebenfalls im Heyne Verlag
ISBN: 978-3-453-43716-6
1072 Seiten | 12.99 Euro
Originaltitel: 11/22/63
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

 

Zum Bild von Lee Harvey Oswald (aus Wikipedia/Public Domain):
Photo of Lee Harvey Oswald with rifle, taken in Oswald’s back yard, Neely Street, Dallas Texas, March 1963. Originated from the report of the Warren Commission, a US Government report. From WH Vol.16 page 510.