Kategorie: Thriller

Louise Voss & Mark Edwards | Stalker

Louise Voss & Mark Edwards | Stalker

„Oh Gott, was, wenn es ein und derselbe Mensch ist, der die Karten und die Blumen und die Unterwäsche geschickt hat? Das würde bedeuten, dass er in meinem Haus war. Was soll ich nur tun? Soll ich zur Polizei gehen? Habe ich einen Stalker?“ (Auszug Seite 121)

Siobhan ist Schriftstellerin, die das erste Mal einen kreativen Schreibkurs gibt. Dort lernt sie Alex kennen, der ein Schüler von ihr ist. Alex verliebt sich in Siobhan, seine Gefühle bleiben aber unerwidert, woraufhin er beginnt, sie zu stalken. Als Siobhan das mitbekommt, stellt sie ihn zur Rede und daraufhin wendet sich das Blatt…

Siobhan ist Mitte dreißig, hat sich gerade von ihrem Freund Phil getrennt und wohnt nun allein mit ihrer Katze. Die letzte Veröffentlichung eines Romans ist schon eine Weile her, deshalb versucht sie sich mit dem Schreiben von Artikeln und diesem Kurs über Wasser zu halten. Alex ist Ende zwanzig, arbeitet im Callcenter und wohnt in einer WG. Vom Schreiben träumt er schon länger und will den Kurs als Sprungbrett nutzen. Doch dann tritt Siobhan in sein Leben und Alex ist zunächst wie berauscht von ihr.

Als ich Stalker von Louise Voss & Mark Edwards begonnen habe zu lesen, habe ich mich gefragt, wie man über vierhundert Seiten mit einer Geschichte füllen kann, in der es ums Stalken geht, ohne dass es irgendwann langweilig wird. Ich kann sagen, dass es den Autoren geglückt ist. Das Thema selbst finde ich sehr interessant, weil man ja immer mal wieder hört, dass jemandem nachgestellt wird, aber eben nicht so konkret. Spannend und auch erschreckend fand ich, wie verhältnismäßig leicht man an Informationen anderer Personen kommt, auch wenn in vielen Situationen Zufall dahintersteckt.

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert und nach nicht mal der Hälfte des Buches wird Alex schon von Siobhan zur Rede gestellt, das Stalking ist also augenscheinlich vorbei. Und was passiert nun in Teil zwei? Das genaue Gegenteil. Und erst hier wird es so richtig interessant. Die Geschichte wird abwechselnd von Alex und Siobhan in Tagebucheinträgen geschildert. Hierbei ist es meiner Meinung nach besonders unterhaltsam, wie eine Situation von zwei Personen so unterschiedlich wahrgenommen wird. In die beiden Protagonisten kann ich mich gut hineinversetzen. Meine Sympathie wechselte in den beiden Teilen von einem zum anderen.

Insgesamt liest sich dieser Thriller sehr flüssig und ich fand ihn ansprechend, allerdings ist er für mich nicht total dramatisch oder aufregend.

Louise Voss sah Mark Edwards in einer Dokumentation über aufstrebende Autoren, daraufhin kontaktierte sie ihn. Das war der Grundstein ihrer schriftstellerischen Zusammenarbeit. Ihre ersten beiden Thriller „Fieber“ und Stalker wurden sofort Sensationserfolge, zunächst online im Eigenverlag und schließlich auch in den Printausgaben. Louise Voss und Mark Edwards leben mit ihren Familien im Süden von London.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Stalker | Erschienen am 14. August 2017 bei btb
ISBN 978-3-442-74571-5
416 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Susanne Jansson | Opfermoor

Susanne Jansson | Opfermoor

 Ein Thriller aus Südschweden

„Roman“ heißt es auf dem (übrigens recht ansprechenden) Cover des bei C. Bertelsmann erschienen Buches, offenbar ist man sich nicht so ganz sicher, welchem Genre denn Opfermoor zuzurechnen ist. Tatsächlich ist eine Festlegung nicht ganz einfach, im Klappentext wird das Buch als „suggestiver Spannungsroman“ gepriesen, und als solcher ist der Erstling der Autorin Susanne Jansson noch am ehesten anzusehen, ein Thriller, der an manchen Stellen in Richtung Psychothriller weist, aber eben nicht nur. Es finden sich neben Krimi-Elementen auch Anklänge an Phantastische Literatur und Schauerromane, an Grusel- oder Gespenstergeschichten, gar an Märchen, eine seltsam unentschiedene Mischung, die auch noch Platz hat für philosophische Betrachtungen zu Kant und Schopenhauer sowie fundamentale Aussagen zum Buddhismus, Einlassungen zur Quantenmechanik und String-Theorie nebst einigem Wissenswerten zur Kunst der Fotografie. Ein wenig viel für ein Buch, da bleibt dann eben nicht mehr allzu viel Raum für den Krimi-Plot.

Hinzu kommt ein kaum überschaubarer Apparat von gut zwei Dutzend Akteuren, da muss man sich als Leser schon konzentrieren, um den Überblick zu behalten, auch wenn viele Personen nur als Randfiguren auftreten. Die Hauptakteure allerdings sind sehr gut herausgearbeitet, gründlich und sorgfältig gezeichnet, so dass ein äußerst genaues und facettenreiches Bild entsteht. Dies trifft vor allem für die beiden starken Frauengestalten des Romans zu, zwei recht unterschiedliche Typen, die doch einiges gemeinsam haben. Da ist die Biologiestudentin Nathalie Ström, die nach vierzehn Jahren aus Göteborg zurückkehrt in die Landschaft ihrer Kindheit in Südschweden, zwischen Dalsland und Värmland, ein Land der Seen und Wälder – und der Moore. Nathalie ist jetzt sechsundzwanzig und schreibt an ihrer Doktorarbeit, dafür will sie im Moor Feldforschungen zur globalen Erwärmung durchführen und mietet sich in eine kleine Kate auf dem Gutshof Mossmarken ein. Das große Torfmoor vor der Haustür diente früher als ritueller Ort, an dem Menschen geopfert wurden. Als Nathalie hier als Kind lebte, wurde eine Moorleiche gefunden, das sogenannte Preiselbeermädchen, inzwischen Hauptattraktion des regionalen Museums.

Während Nathalie sich in ihrer alten Heimat wieder einlebt, macht sie die Bekanntschaft eines jungen Kunststudenten, der jeden Tag auf einem Bohlenweg durch das Moor seine Runde dreht und dabei an ihrer Hütte vorbeijoggt. Eines Tages hat Nathalie eine Ahnung und rennt ihm nach, sie kann gerade noch verhindern, dass er im Moor versinkt. Johannes Ayeb, so der Name des jungen Mannes, wurde niedergeschlagen und ist bewusstlos, neben ihm findet sich ein Beutel mit Goldmünzen und ein offensichtlich hastig geschaufeltes, für ihn bestimmtes Grab. Johannes wird erst am Ende des Buches im Krankenhaus wieder aufwachen, inzwischen versucht Inspektor Leif Berggren, den Fall zu lösen. An seiner Seite ist die Künstlerin Maya Linde, die nebenberuflich als Polizeifotografin in Teilzeit arbeitet. Sie ist die zweite starke Frau in dieser Geschichte und offensichtlich ein Alter Ego der Autorin. Wie diese ist Maya in Åmål an der Grenze zu Norwegen aufgewachsen, auch sie ging nach ihrer Ausbildung für einige Jahre nach New York. Nun, mit Mitte Fünfzig, ist sie zurück in ihrer südschwedischen Heimat und hat sich im Künstlerort Fengerskog ein Haus gekauft. Dank ihres künstlerischen Erfolgs ist sie finanziell unabhängig, aber einen Tatort zu dokumentieren fasziniert sie, einen Menschen abzubilden, der seinen letzten Atemzug getan hat, alltägliche Gegenstände zu fotografieren, die plötzlich eine ganz neue Bedeutung erlangen.

Auf ihren Fotos vom Tatort im Moor entdeckt sie bei der Vergrößerung im Hintergrund des Bildes undeutlich eine Gestalt, die offensichtlich versucht, sich zu verbergen. Der Täter? Wer war es, und was war sein Motiv? Als bald darauf ein Toter im Moor gefunden wird, der gepfählt wurde und dem man ebenfalls Goldmünzen mit ins Grab gegeben hat, beginnen die Spekulationen. Kann es sein, dass abergläubische Menschen an diesem rituellen Ort nach wie vor Opfer bringen, Menschenopfer wie vor hunderten und tausenden Jahren, um Unheil oder Unglück abzuwenden und das Moor und seine Geister gnädig zu stimmen? Immerhin sollen hier in jüngerer Vergangenheit in regelmäßigen Abständen Personen spurlos verschwunden sein. Tatsächlich stößt Maya, die vor allem ein künstlerisches Interesse an der Landschaft hat, bei ihren Gesprächen mit den Einheimischen auf eine Menge Aberglauben, auf Gerüchte und Geschichten von bösen Mächten, Gespenstern und Wiedergängern, die hinter vorgehaltener Hand erzählt werden. Sie trifft die Wirtin des Gutshofes , die sich nebenbei als Yoga-Lehrerin und „Entwicklungs-Coach“ versucht und mit ihrer kruden Esoterik-Methode „Matrix Mind“ verspricht, die Wirklichkeit mit Hilfe reiner Gedankenkraft beeinflussen zu können. Oder Texas, einen seltsamen Kauz aber liebenswürdigen Zeitgenossen, einen Überlebenden der Hippie-Generation, der die Augen lieber verschließt vor den mysteriösen Ereignissen im Moor.

Und auch Nathalie, die das Moor in ihrer Kindheit selbst als geheimnisvoll und unheimlich erlebt hatte, wenn sie mit ihrer Freundin in der selbstgebauten Hütte auf Gespensterjagd ging, begegnet einigen Menschen, die höchst empfänglich sind für Spuk und Spökenkiekerei. Zum Beispiel dem früheren Physikprofessor Göran Dahlberg, der inzwischen Geisterjäger ist und sich in Geschichten über das scheinbar Unerklärliche vertieft und mit wilden Theorien auseinandersetzt die übernatürliche Phänomene erklären sollen. Es sind einige sehr interessante Figuren, die Susanne Jansson einführt und deren wichtigste sie angemessen sorgfältig darstellt. Der eigentliche Star aber ist die Moorlandschaft. Wer sich an die meisterhafte Ballade Der Knabe im Moor erinnert, jenes schaurig-schöne Gedicht der Annette von Droste-Hülshoff mit seinen höchst eindrucksvollen, gruseligen Naturbeschreibungen samt gespenstischer Geräusche und furchteinflößender Spukerscheinungen, der mag sich vorstellen, welche Wirkung der Schauplatz des Opfermoores entwickeln könnte. Hier allerdings klingt die Beschreibung der Natur eher beschaulich statt bedrohlich:

„Die knorrigen, grauen Kiefern. Tümpel wie funkelnde Wasseraugen zwischen grünsaftigen Grasbüscheln. Eine behagliche Ödnis in matten Farben. Schimmerndes Wollgras auf dünnen, herbstlich rostroten Stängeln. Eine stille Weite mit gelblichem Gras und Moos unter dem riesigen weißen Himmel.“

Die Dämonie der Natur wird also ausgespart, aber die Farben und Stimmungen sind in einer sehr bildhaften Sprache wunderbar eingefangen, die sich überhaupt durch das gesamte Buch zieht und das Lesen zu einem Genuss macht. Das Unheimliche, Unheilvolle, Beängstigende geht von mysteriösen Geschehnissen aus, die sich in der Vergangenheit abgespielt haben und die Beteiligten nun einholen. Auch Nathalie hat offenbar ein Trauma zu bewältigen und muss nun diese Ängsten überwinden. Die Geschichte ihrer Kindheit, die mit zwei Tragödien endete, erfahren wir aus den Erinnerungen und Vorstellungen, in die sich die Hauptfigur häufig verliert. Bislang hatte sie immer den Kopf mit wissenschaftlichen Fakten gefüllt um bestimmte Informationen, die sie nicht verarbeiten konnte, nicht an sich heranzulassen. Jetzt muss sie sich endlich der Wahrheit stellen.

Der Kriminalfall ist recht einfach gestrickt, aber die Autorin versteht es geschickt, seine Klärung immer wieder hinauszuzögern, Informationen werden dem Leser vorenthalten oder erscheinen fragwürdig, es gibt einige Cliffhanger und der weitere Verlauf bringt auch nur ganz allmählich neue Splitter der Wahrheit (oder doch nur eine neue Wahnvorstellung?) zutage. Die Auflösung aller, fast aller Rätsel geht dann rasch und unspektakulär über die Bühne, die Dorfgemeinschaft hat sich getroffen, um Dinge von allgemeinem Interesse zu diskutieren, und so sind alle verdächtigen Personen in einem Raum versammelt, als die Polizeibeamten auftauchen und Handschellen klicken. Johannes ist endlich aus dem Koma erwacht und hat die entscheidenden Hinweise gegeben, danach ging alles ganz schnell und das Geständnis folgt auf dem Fuße.

Ein sehr schönes Debüt von Susanne Jansson, wenn man darüber hinweg sieht, dass der Faden des Krimi-Plots ein wenig dünn gesponnen ist und der Spannungsbogen zwischendurch manchmal abfällt. Dafür eine Menge Lesenswertes über Land und Leute im ländlichen Südschweden, über wunderschöne, beeindruckende Natur und über Aberglauben, alte Sagen und Rituale. Das alles sehr schön geschrieben und offensichtlich toll übersetzt von Lotta Rüegger und Holger Wohlandt. Die bildgewaltige und ebenso klangvolle Sprache, die auch an der einen oder anderen Stelle geschickt musikalische Zitate einbringt und so für eine Art Soundtrack sorgt, von Kris Kristofferson über Bob Dylan bis zu Arvo Pärts „Für Alina“, trägt bei zum uneingeschränkten Lesespaß, der allemal gute Unterhaltung auf beachtlichem Niveau bietet.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Opfermoor | Erschienen am 12. März 2018 bei C. Bertelsmann
ISBN 978-3-570-10336-4
320 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Juni 2018

Abgehakt | Juni 2018

Adrian McKinty | Dirty Cops

Nordirland, 1988. Ein seltsamer Mordfall in Carrickfergus: Ein Mann wird vom einem Armbrustpfeil erschossen aufgefunden. Der Tote war ein Dealer, aber die Mordwaffe ist schon sehr ungewöhnlich. Die Ehefrau des Toten ist keine große Hilfe, war sie doch vermutlich selbst in die Deals ihres Mannes verstrickt. Über Umwege gibt sie Duffy schließlich einen entscheidenden Hinweis, das Kennzeichen eines Autos, das das Paar kurz vor dem Mord verfolgt haben soll. Duffys Vorgesetzten wollen den Fall allerdings zu den Akten legen, zumal eine IRA-nahe Gruppierung sich mehr oder weniger zu der Tat bekannt hat. Doch so leicht lässt sich Duffy nicht von einer Fährte abbringen. Er gräbt weiter und bringt damit noch gefährlichere Gegner als seine Vorgesetzten gegen sich auf.

Es sind immer noch die 80er und immer noch geht es drunter und drüber in Nordirland. Allerdings ist DI Sean Duffy doch etwas solider geworden, immerhin ist er jetzt fest liiert und Papa geworden. Aber er bleibt sich natürlich und zum Glück in vielen Dingen treu, vor allem, dass er trotz gegenteiliger Anordnungen von manchen Dingen nicht fern bleiben kann. Trotzdem wird es diesmal verdammt brenzlig für ihn, denn das Buch beginnt im Prolog damit, dass er von einem IRA-Kommando in den Wald geführt wird, um dort sein eigenes Grab zu schaufeln. Ob und wie er sich da herauswinden kann, werde ich an dieser Stelle nicht verraten. Jedoch verraten kann ich, dass mir dieser sechste Band der Reihe wieder mal ganz vorzüglich gefallen hat. Ein kniffliger Mordfall, politische/polizeiliche Verstricklungen, der gewohnte lässig-hartgesottene Schreibstil, der böse Humor und die Weiterentwicklung des Sean Duffy zum Familienvater sind die feinen Zutaten für diesen Kriminalroman.

Für alle Fans dieser Reihe gibt es auch weiterhin gute Nachrichten: Die Verträge für die Bände 7-9 sind bereits unter Dach und Fach.

 

Dirty Cops | Erschienen am 25.September 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46642-5
392 Seiten | 14,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Philip Kerr | Die Hand Gottes

Play-Offs zur Champions League: London City muss bei den heißblütigen Griechen von Olympiakos Piräus antreten. Londons Offensivmann Bekim Develi schießt die Gäste aus England schnell in Führung – und bricht kurz darauf auf dem Spielfeld zusammen und stirbt. London ist geschockt, das Spiel endet 4:1 für Olympiakos. Am nächsten Morgen kommt die Polizei ins Mannschaftshotel. Am Abend vor dem Spiel war eine Frau bei Develi im Zimmer und diese ist nun tot im Hafenbecken gefunden worden. Die Polizei stellt die Mannschaft unter Verdacht und lässt sie nicht ausreisen. Trainer Scott Manson ist gefordert: Zum einen will er herausfinden, wie sein Spieler und diese Frau gestorben sind, zum anderen muss er sein Team unter diesen widrigen Bedingungen aufs Rückspiel vorbereiten.

Die Hand Gottes ist der zweite Band der dreiteiligen Reihe um Scott Manson, Cheftrainer und Gelegenheitsermittler. Auch in diesem Roman nimmt sich Philip Kerr, der leider im März mit 62 Jahren verstarb, das Fußball-Business zur Brust. Windige Investoren, Spielmanipulation, Korruption, Homophobie und Rassismus: Kerr spart kein heißes Thema aus und hat sichtlich Spaß dabei. Griechenland in der Eurokrise als Schauplatz hat einiges an Reiz, auch die Rivalität zwischen Olympiakos und Panathinaikos wird groß thematisiert. Obwohl Kerr es nicht ganz lassen kann, zu viel erklären zu wollen, anstatt auf das Fußball-Wissen des Lesers zu vertrauen, hat mir dieser Thriller insgesamt besser gefallen als Band 1, Der Winter-Transfer. Um in der Fußballsprache zu bleiben: Die Geschichte hat einfach mehr Zug zum Tor als der Vorgänger, der am Ende etwas cosy wurde. Und damit ist das Buch vielleicht die passende Lektüre zur laufenden Fußball-WM.

 

Die Hand Gottes | Erschienen am 19. März 2016 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50139-1
als Taschenbuchausgabe: 397 Seiten | 9,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Wallace Stroby | Fast ein guter Plan

Gerade erst hat Crissa Stone einen Teil der Beute vom legendären Lufthansa-Raub eingesackt, da bietet sich ihr ein neuer Job. Zu viert rauben sie mehr als 300.000 Dollar aus einem Drogendeal. Doch beim Aufteilen der Beute hat einer einen Hinterhalt geplant. Zwei Komplizen werden erschossen, Crissa entkommt nur knapp mit der Hälfte des Geldes. Doch die Probleme fangen erst an, denn der Drogenboss engagiert einen skrupellosen Ex-Cop, um ihm die Kohle wiederzubringen.

Nachdem der zweite Band, Geld ist nicht genug, sowas wie der Durchbruch von Wallace Strobys Heldin Crissa Stone in Deutschland war, hat der Pendragon Verlag relativ schnell den nächsten Band der Reihe nachgelegt. Crissa Stone ist aber auch ein seltener Glücksgriff als Protagonistin: Eine taffe Gangsterin, intelligent, hart, abgebrüht wenn’s um den Job geht. Aber gleichzeitig auch eine empathische, loyale Person mit Verantwortungsbewusstsein. Das könnte ihr in diesem Falle zum Verhängnis werden. Fast ein guter Plan setzt die gute Reihe nahtlos fort. Schnörkellos und rasant geschrieben und mit einer harten, aber herzlichen, verdammt coolen Heldin.

Fast ein guter Plan | Erschienen am 29. Januar 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-607-2
320 Seiten | 17.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 4.0 von 5.0

Donato Carrisi | Der Nebelmann

Avechot, ein kleiner Ort in einem Nebental der italienischen Alpen. Ein Mädchen aus einer tiefreligiösen Familie verschwindet am Tag vor Weihnachten. Die Polizei schickt Sonderermittler Vogel, einen eitlen, exzentrischen Mann, der sich vor allem auf eines versteht: Manipulation. Geschickt versteht er es, die Presse und Öffentlichkeit für seine Zwecke zu nutzen, um das Interesse am Fall hoch zu halten. Denn auch nach Neujahr gibt es keine Spur der Vermissten. Doch für Vogel kristallisiert sich ein Verdächtiger heraus.

Dieser Thriller kommt höchst ungewöhnlich daher, denn so eine Figur wie diesen Vogel sieht man nicht allzu häufig in einem Thriller. Vogel paktiert mit der Presse, nutzt die Gerüchteküche des Dorfes, setzt den Verdächtigen unter Druck und schreckt nicht davor zurück, Beweise zu manipulieren. Das ist über weite Strecken ordentlich gemacht. Auch der Aufbau des Buches mit zahlreichen Brüchen in der Chronologie trägt zur Manipulation des Lesers bei. Allerdings will es Carrisi für meinen Geschmack zum Ende hin zu pfiffig machen. Nachdem er sich für den Verlauf der Geschichte zunächst viel Zeit nimmt, kommen die Wendungen am Schluss einfach zu plötzlich und etwas übertrieben daher. Das mag manchen Thrillerfan trotzdem begeistern, für mich gab es hierfür Abzüge.

Der Nebelmann | Erschienen am 4. August 2017 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-016-2
336 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Charlotte Link | Das Echo der Schuld

 

Das Boot der Deutschen Nathan und Livia sinkt vor der Küste Schottlands und beide stehen plötzlich mit völlig leeren Händen da. Livia hat vorher kurzzeitig im Ferienhaus von Virginia Quentin und ihrem Mann gejobbt und sie und Nathan finden dort nun Hilfe und Unterstützung. Als Virginia in ihr Zuhause nach Norfolk zurückkehrt, erfährt sie, dass in der Gegend gerade einige Kinder vermisst werden. Nathan spürt Virginia in Norfolk auf und plötzlich verschwindet auch Virginias Tochter Kim.

Dieser Spannungsroman liest sich sehr flüssig, ohne wahnsinnig nervenaufreibend zu sein. Ich empfand ihn als gute Unterhaltung für zwischendurch. Die Geschichte ließ mich als Leser immer wieder an Personen und eventuell Verdächtigen zweifeln, außerdem konnte mich das Ende überraschen. Interessant sind auch die eingestreuten Erinnerungen an Virginias Vergangenheit, die dem Leser nicht sofort, sondern nach und nach präsentiert werden.

 

Das Echo der Schuld | Erschienen am 17. März 2014 bei Blanvalet
ISBN 978-344-238354-2
542 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Katrine Engberg | Krokodilwächter

Katrine Engberg | Krokodilwächter

Einen Krimi zu schreiben ist ungefähr ähnlich schwierig wie der Versuch, einen Zopf aus Spinnweben zu flechten; tausend Fäden kleben an den Fingern und reißen, wenn man sich nicht konzentriert. (Auszug Seite 333)

Krokodilwächter ist der Auftaktband einer neuen dänischen Spannungsreihe. Und der Anfang hat es schon in sich! Der betagte Gregers Hermansen wohnt in dem Haus der ehemaligen Professorin Esther de Laurenti in der Kopenhagener Innenstadt. Die leicht exzentrische Esther lebt mit zwei Möpsen zusammen und bessert mit der Vermietung der restlichen Wohnungen ihre Rente auf. Ihre Tage verbringt sie mit zu viel Rotwein und sie hat angefangen, an einem Kriminalroman zu schreiben. Eines Morgens stolpert Gregers beim Müllrausbringen buchstäblich über die Leiche der grausam ermordeten Julie in der Wohnung unter ihm. Die Studentin wurde mit zahlreichen Messerstichen im Gesicht schrecklich zugerichtet und Gregers erleidet einen Herzinfarkt.

Vom Kopenhagener Polizeihauptquartier kommen die Polizeiassistenten Jeppe Kørner und Anette Werner und beginnen mit ihren Ermittlungen. Julie war erst vor kurzem mit ihrer Freundin Caroline aus dem ländlichen Jütland in die Großstadt gezogen.

Romanvorlage für einen Mord

Die Spurensicherung ergibt, dass Julie sich gewehrt haben muss und trotz der vielen Schnitte an einem Schlag mit einem schweren Gegenstand starb. Die Hinweise deuten in verschiedene Richtungen. Da ist der junge Theatergarderobier Kristoffer, der Esther Gesangsstunden gab und sich sehr in Julie verliebt hatte. Sie hatte diese Gefühle aber nicht erwidert, sondern einen älteren Mann auf der Straße kennen gelernt, um den sie ein großes Geheimnis machte. Auch diese Spur verläuft im Sand. Die Professorin gerät in Verdacht, da die Vorgehensweise des Mordes direkt aus ihrem Romanmanuskript zu kommen scheint. Wer kannte das Manuskript, hatte es als Vorlage für den Mord benutzt und dann ein Foto der Leiche ins Netz gestellt? Esther hatte erst die ersten drei Kapitel fertiggestellt und online in einer Schreibgruppe veröffentlicht. Die alte Dame kämpft mit Schuldgefühlen, denn es war ihr erster Roman und sie hatte darin ihr Umfeld mit eingebaut und ihre jugendliche Untermieterin zum Opfer werden lassen. Grade als die Untersuchungen auf der Stelle treten, geschieht ein weiterer Mord. Dieser war für mich wie ein Paukenschlag.

Sie musste ihn fragen, wie gut er sie eigentlich gekannt hatte. Sie musste ihr ganzes Projekt neu bewerten. Sie musste sich entscheiden, ob sie der Polizei erzählen sollte, dass sie Julie ermordet hatte. (Seite 65)

Das Figurenpersonal

Als Leser bleibt man ganz nahe bei dem Ermittlungsteam und das lese ich immer wieder gerne. Ich mag es, wenn die Polizeiarbeit so detailliert beschrieben wird und man mitraten und miträtseln kann. Katrine Engberg nimmt sich viel Zeit, die beiden Hauptcharaktere zu entwickeln, was ja bei einem Serienstart durchaus Sinn macht. Auch wenn sie bei dem Versuch, die Figuren lebendig zu machen und sie als Menschen mit Stärken und Schwächen darzustellen, nicht ganz ohne Klischees auskommt.

Die beiden Polizeiassistenten, die seit acht Jahren zusammen arbeiten, sind sehr unterschiedlich und werden trotz oder vielleicht grade deswegen oft als Team zusammengestellt. Die zupackende Anette ist meistens direkter und frei heraus. Der sensible Jeppe dagegen ist diplomatischer und agiert bedächtiger. Er leidet unter der kürzlichen Trennung von seiner Ehefrau und kämpft dadurch mit vielen körperlichen Symptomen. Wobei der ständig an sich und seiner Potenz zweifelnde Polizeiassistent schon an mancher Stelle etwas zu dick aufgetragen wirkt. Da Jeppe im gesamten Handlungsverlauf mehr Raum einnimmt, könnte ich mir vorstellen, dass im nächsten Band vielleicht Anette mehr in den Vordergrund rückt. Der große Pluspunkt ist aber die Figur Esther. Die einsame Professorin, die von einer Karriere als Kriminalschriftstellerin träumt, wird in ihrer Gefühlswelt sehr einfühlsam von der Autorin beschrieben.

Dichtung und Wahrheit

Die Kapitel des Buches sind nach den Ermittlungstagen aufgeteilt, unterbrochen durch die Einschübe von Esthers Manuskriptseiten. Diese werden in einer anderen Schriftart dargestellt und der Vergleich mit dem eigentlichen Thriller lässt die Klasse der Autorin Katrine Engberg erst richtig erkennen. Sie hat eine genaue Beobachtungsgabe für die kleinen zwischenmenschlichen Szenen und zeichnet sich durch sensible Personenzeichnungen aus. Das Besondere an diesem Debüt, das mir großen Spaß gemacht hat und sich aus dem Wust an Skandinavischen Thrillern heraushebt, ist die Sprache mit fein ausgewählten Worten. Es ist kein spektakuläres Buch, sondern ein grundsolider Thriller, bei dem der ruhige Schreibstil irgendwie unaufgeregt und nie reißerisch wirkt. Die Spannung ergibt sich am Anfang durch die undurchsichtige Verquickung von Fiktion und Realität. Der gut konstruierte Plot unterhält mit raffinierten Wendungen, die viel Raum für Spekulationen lassen und einigen Humoreinschüben.

„Sag mal, befinden wir uns mitten in einem beschissenen Kriminalroman?“ „Keine Ahnung, Jeppe, ist das so?“ (Seite 276)

Erst wenn zum Ende hin alle Fäden mehr oder weniger plausibel zusammengeführt werden, macht auch der Titel einen Sinn. Ein „Krokodilwächter“ ist eine afrikanischer Vogelart, die angeblich die Mäuler der Krokodile von Parasiten freihält und daher vom Krokodil geduldet wird.

Ich muss noch etwas zu dem aufwendig gestalteten Cover sagen, weil man das auf dem Foto gar nicht so genau erkennt. Im Schutzumschlag sind tatsächlich Schlitze, die den blutroten Leineneinband durchscheinen lassen. Sehr schön gemacht!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Krokodilwächter | Erschienen am 1. April 2018 bei Diogenes
ISBN: 978-3-257-07028-6
512 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Leonora Christina Skov | Das Inselhaus

Leonora Christina Skov | Das Inselhaus

„Robin wurde mit einem Mal heiß und kalt. Transparenz machte verletzlich, die Wenigsten schienen zu begreifen, wie sehr eigentlich und das Letzte, was sie wollte, war in Gesellschaft von sechs wildfremden Menschen und einem Hauswart mit einer höchst zweifelhaften Ausstrahlung verletzlich zu sein.“ (Seite 79)

Sieben Künstler erhalten eine Einladung zu einem vierwöchigen Arbeitsaufenthalt auf einer privaten Insel in Dänemark. Als die Künstler auf die Insel kommen, sehen sie, dass sie in einem Haus komplett aus Glas wohnen. Diese fehlende Privatsphäre und die völlige Abgeschiedenheit bringen den ersten Missmut unter den Bewohnern. Doch dann geschehen merkwürdige Dinge und alle werden immer misstrauischer. Was soll dieser Arbeitsaufenthalt wirklich bezwecken?

Unentschlossene Meinung

Das Inselhaus von Leonora Christina Skov lässt mich etwas unentschlossen zurück, muss ich sagen. Den Anfang der Geschichte fand ich ein bisschen schwierig, weil über die Hälfte des Buches vor allem der Vorstellung der Künstler gewidmet ist. Dabei wird die Perspektive immer wieder gewechselt und einerseits ist es interessant, welche Sorgen und Nöte alle mit sich herumtragen und dass der Schein ganz oft trügt, aber besonders spannend fand ich es nicht. Zum Ende hin, wenn sich das Dickicht etwas lichtet, was es mit dem gemeinsamen Aufenthalt auf sich hat und die ersten Gemeinsamkeiten auftauchen, wird es dann wirklich fesselnd und ich konnte nicht aufhören zu lesen.

Sieben unsympathische Protagonisten

Bei den sieben Protagonisten bin ich mir auch nicht ganz schlüssig, wie ich sie finde. Am Anfang aus der eigenen Perspektive klingen alle Entscheidungen des bisherigen Lebens für mich nachvollziehbar und ich kann mich gut in sie hineinversetzen. Aus der Perspektive der anderen Bewohner finde ich sie dann nicht mehr so sympathisch und zum Ende hin mag ich keinen mehr. Das hatte ich so bewusst auch noch bei keinem Buch.

Die Idee dahinter

Die Grundidee der Geschichte finde ich sehr gut, obwohl sie auch nicht neu erfunden ist, wie die Autorin in der Danksagung erwähnt. Denn die Idee ist aus mehreren anderen Romanen „zusammengeschustert“. Besonders gefallen mir Handlungsorte auf Inseln und in einem Glashaus zu wohnen ist bestimmt interessant, würde ich als Urlaubsunterkunft allerdings nicht buchen.

Was bleibt?

Wie lässt mich der Roman zurück? Unschlüssig, wie schon oben beschrieben und mit der Einsicht, dass alle Sichtweisen und Erlebnisse sehr subjektiv sind. Und dass wohl jeder eine Leiche im Keller hat. Meine kenne ich nicht. Vielleicht kommt sie noch oder ich erhalte demnächst eine dubiose Einladung auf eine unbekannte Insel.

Leonora Christina Skov, geboren 1976, ist in ihrer Heimat Dänemark für ihre sarkastische Literaturkritik und ihre bissige Kolumne in der Wochenzeitung Weekendavise bekannt. Für ihre Romane Das Turmzimmer und Der erste Liebhaber wurde sie von der dänischen Kritik gefeiert. Leonora Christina Skov lebt in Kopenhagen. (Verlagsinfo)

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Das Inselhaus | Erschienen am 9. Januar 2018 bei btb
ISBN: 978-3-442-71424-7
416 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

23. Mai 2018