Kategorie: Thriller

Abgehakt Dezember 2019

Abgehakt Dezember 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 4. Quartalsende 2019

 

Romy Hausmann | Liebes Kind

Eine Frau wird nach einem Verkehrsunfall schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, an ihrer Seite ihre vermeintliche Tochter Hannah. Die Frau benennt sich als Lena und sofort wird die Polizei auf einen alten Vermisstenfall aufmerksam: Vor vierzehn Jahren verschwand eine Münchner Studentin spurlos. Es stellt sich heraus, das die Verletzte nicht Lena ist, aber Hannah ist Lenas Tochter. Die Frauen wurden offenbar als Gefangene gehalten und die Verletzte konnte fliehen. In einer Hütte im Wald findet die Polizei dann auch die Leiche eines Mannes und ein weiteres Kind. Doch was genau ist geschehen?

Liebes Kind ist der Debütroman der TV-Redakteurin Romy Hausmann und war dank der Platzierung des Verlags als Spitzentitel des Frühjahrs auch ein Bestseller. Der Psychothriller lebt von seinen kurzen Kapitel- und Perspektivwechseln. Drei Perspektiven werden eingenommen: Von Jasmin (zunächst als Lena identifiziert), von Hannah und Matthias, Lenas Vater und demnach Hannahs Großvater. Dabei werden die Ereignisse durch Rückblenden bei den jeweiligen Personen teilweise erhellt, wenngleich dem Leser natürlich allzu Entscheidendes vorenthalten wird und die Erzähler nicht immer ganz zuverlässig sind bzw. sich deren eigene Wahrnehmung trübt.

Das ist alles stilistisch wirklich gut gemacht, aber der Plot reißt mich nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Zu unrealistisch erscheint mir die Polizeiarbeit und die versteckten Hinweise lassen den weiteren Verlauf der Geschichte zumindest in Teilen erahnen. Irgendwie ist das mit mir und diesen Psychothrillern keine leichte Beziehung.

 

Liebes Kind | Erschienen am 28. Februar 2019 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-26229-3
432 Seiten | 15.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Thomas Hoeps & Jac. Toes | Die Cannabis-Connection

Staatssekretär Marcel Kamrath gilt als Mann mit Perspektive innerhalb der Bundesregierung. Eine aktuelle Gesetzesinitiative zur Legalisierung von Cannabis ist zu großen Teilen sein Verdienst, scheint er sie doch gegen massive Widerstände der konservativen Kräfte seiner Partei durchzubringen. Doch kurz vor den entscheidenden Abstimmungen taucht ein alter (totgeglaubter) Freund von Kamrath wieder auf: Der Niederländer Sander van den Haag. Beide verbindet eine intensive Freundschaft zu Studentenzeiten in Amsterdam zu Zeiten von Studentenprotesten und Hausbesetzungen Anfang der 1980er. Außerdem ein nicht ganz so legales Geschäft mit Cannabis. Und eine tote junge Frau. Sander macht Kamrath mit wachsendem Druck klar, dass er nichts von den Legalisierungsplänen der deutschen Regierung hält. Es beginnt ein gefährliches Duell, bei dem Kamrath mehr zu verlieren hat als nur seinen Gesetzesentwurf.

Das Autoren-Duo Hoeps und Toes arbeitet seit Jahren erfolgreich zusammen. Beide schreiben abwechselnd ihre Kapitel, wobei Thomas Hoeps seine auf Deutsch verfasst und die Kapitel seines niederländischen Kollegen Jac. Toes ins Deutsche übersetzt. Mit Die Cannabis-Connection haben sie einen clever konstruierten Thriller verfasst, der zum einen interessante und für mein Empfinden realistisch wirkende Einblicke ins Politikgeschäft und zum anderen einen spannenden Plot bietet. Abwechselnd zum aktuellen Geschehen flechten die Autoren immer wieder Kapitel ein, die auf die Vorgeschichte in Amsterdam 1982/83 zurückblicken. Das ist alles sehr solide geplottet, durchweg spannend und mit überwiegend glaubhaften Figuren. Nur der kleine Bruch ab dem zweiten Teil zu einer Ich-Erzählerin, einer niederländischen Ex-Geheimdienstlerin und nun Politikberaterin für heikle Angelegenheiten, hat mich etwas irritiert. Letztendlich hat mich dieser (Polit-)Thriller aber wirklich gut unterhalten.

Die Cannabis-Connection | erschienen am 15. Juli 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00551-8
352 Seiten | 19.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Tom Callaghan | Erbarmungsloser Herbst

Inspektor Akyl Borubaew wird vom nicht ganz koscheren Fall einer Drogentoten abgezogen, mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert und vom Dienst suspendiert. Doch sein spezieller „Freund“, der Minister für Staatssicherheit Tynalijew, verlangt von Borubaew, einen Spezialauftrag anzunehmen. Doch als sie bei einem geheimen Treffen plötzlich beschossen werden, gerät die Situation außer Kontrolle. Borubaew flieht und schießt auf der Flucht Tynalijew nieder. Doch dieser überlebt und der vogelfreie Borubaew sucht Kontakt zum mächtigen Drogenboss Alijew.

Die vierbändige, nach Jahreszeiten aufgebaute Thriller-Serie um den kirgisischen Inspektor Akyl Borubaew hat nun mit Erbarmungsloser Herbst ihr Ende gefunden. Diese hartgesottene Krimi/Thriller-Reihe punktete vor allem durch die interessanten Figuren und die schonungslose Darstellung der Autokratie Kirgisistans bei gleichzeitiger eindrucksvoller Beschreibung von Land und Leuten. Nach einem aus meiner Sicht unnötigen Ausflug im dritten Band (Mörderischer Sommer) nach Dubai, kehrt der Autor nun wieder in Borubaews Heimat zurück, daneben gibt es einen Abstecher nach Bangkok.

Das Setting, Spannungsaufbau und auch das Thema Drogenhandel haben mich diesmal wieder überzeugt, auch wenn für mich nicht alle Wendungen plausibel waren. Callaghan schreibt wieder mit Borubaew als Ich-Erzähler in einem rauen, zynischen, fatalistischen Ton. Natürlich taucht auch Borubaews Geliebte, die Topagentin Saltanat wieder auf. Letztendlich findet diese Reihe dann ihren passenden Abschluss in einer Showdownszene in der kirgisischen Nationalgedenkstätte Ata-Bejit.

Erbarmungsloser Herbst | Erschienen am 7. Oktober 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00124-2
352 Seiten | 12.- Euro
als E-Book: 8.99 Euro (ISBN 978-3-455-00661-2)
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Frederick Forsyth | Der Fuchs

Die amerikanische Regierung ist außer sich, hat es doch ein Hacker in den am schärfsten gesicherten Geheimcomputer der NSA geschafft – ohne Schaden anzurichten. Der Hacker wird als der 18-jährige, autistische Brite Luke enttarnt, die Amerikaner verlangen die Auslieferung. Die Briten jedoch überzeugen die Amis, dass dieser Junge mit seinen unglaublichen Fähigkeiten doch viel sinnvoller genutzt werden kann. Der ehemalige zweite Mann im MI6, Sir Adrian Weston, wird reaktiviert und sucht mögliche Ziele für Hackerangriffe. Als erstes gerät der Navigationscomputer des neuesten russischen Schlachtschiffes unter Kontrolle und sorgt für eine Havarie. Die Russen schäumen vor Wut und schwören Rache. Und sie werden nicht die einzigen bleiben, denn Sir Adrian hat schon das nächste Ziel für Luke ausgemacht.

Der mittlerweile 81-jährige Frederick Forsyth ist neben seinem Landsmann John le Carré unbestritten eine lebende Legende im Genre Polit- und Spionagethriller. Seine Thriller wie „Der Schakal“ oder „Die Akte ODESSA“ wurden millionenfach verkauft. In Sachen Spannung und brisante politische Themen bleibt sich Forsysth auch beim neuen Werk Der Fuchs treu. Das Ding ist ein rasanter Pageturner. Allerdings waren die kritischen Zwischentöne noch nie so die Sache des konservativen Forsyth. Und so stößt sich der etwas kritisch denkende Leser irgendwie schon bald daran, wie locker und lässig der MI6 mit seinem Cybergenie als Glücklos hier die größten Schurkenstaaten der Welt ausmanövriert. Auch der Plot ist nur bedingt überzeugend, vielmehr hat man das Gefühl, dass Forsyth eine Liste von fiesen Gegnern (Russland, Iran, Nordkorea) abarbeitet, die unbedingt noch in die Schranken gewiesen werden müssen. Das grundlegende Handwerk beherrscht er allerdings schon noch, was letztendlich doch etwas versöhnt.

 

Der Fuchs | Erschienen am 4. November 2019 im C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-10385-2
352 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Spionagethriller
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weitere Krimis kurz besprochen findet ihr zu jedem Quartalsende auf unserem Blog, die bisher veröffentlichten Kurzrezensionen in der Rubrik Abgehakt.

Jo Nesbø | Messer Bd. 12

Jo Nesbø | Messer Bd. 12

Das richtige Messer für die richtige Tätigkeit war entscheidend. Die Messer waren gut, zweckdienlich, von herausragender Qualität. Trotzdem fehlte ihnen, was Svein Finne an Messern besonders schätzte. Persönlichkeit, Seele, Magie. Bevor der groß gewachsene junge Polizist mit den störrischen Haaren alles kaputtgemacht hatte, war Svein Finne der stolze Besitzer einer stattlichen Sammlung von insgesamt sechsundzwanzig Messern gewesen. (Auszug Seite 15)

Die Rezension ist mir diesmal nicht ganz leicht gefallen. Ich bin ein großer Fan der Harry-Hole-Reihe und habe sämtliche Bände gelesen und geliebt, angefangen mit Der Fledermausmann bis zum elften Band Durst. In jenem letzten Band war Harry Hole Dozent an der Polizeihochschule und führte zusammen mit Ehefrau Rakel und Sohn Oleg nach vielen Höhen und Tiefen ein harmonisches Privatleben. Das fand ich zur Abwechslung mal ganz erfrischend, doch das holde Glück war nur von kurzer Dauer.

Harry Hole am Scheideweg

In Messer, dem zwölften Band und nur circa anderthalb Jahre später spielend, ist schon wieder alles vorbei. Harry wurde von seiner Frau rausgeschmissen, den genauen Grund erfährt man erst später. Und er ist wieder dem Alkohol verfallen, lässt sich total gehen und versinkt regelrecht in depressivem Selbstmitleid. Seinen Job als Dozent hat er verloren und arbeitet wieder in seiner alten Dienststelle, wird aber von seiner Chefin Katrine Bratt nur mit einfachen Ermittlungstätigkeiten beschäftigt. Im Laufe der zwölf Bände balancierte der schwierige Einzelgänger oft an der Grenze eines seelischen Abgrundes, aber diesmal befindet er sich endgültig auf einem Selbstzerstörungstrip. Dem wird im aktuellen Buch sehr viel Platz eingeräumt und das war teilweise wirklich schwer zu ertragen, aber ich befürchte dass es sich hierbei um eine realistische Darstellung eines alkoholkranken Menschen handelt. Ein Quartalssäufer funktioniert eine Zeitlang ganz gut und meistens auch abstinent, um dann nach einem totalen Kontrollverlust einen schlimmen Absturz zu erleiden.

Zeitgleich wird der 77-jährige Svein Finne nach langer Haftzeit entlassen. Hole war damals an seiner Verhaftung mitverantwortlich und der perverse, sadistische Serienvergewaltiger mit einer Vorliebe für Messer, schwor Harry und seiner Familie nicht nur aus diesem Grund Rache. Finne wird Der Verlobte genannt und war bekannt dafür, seine Opfer schwängern zu wollen. Er drohte den Frauen, sie umzubringen, wenn sie „sein Kind“ abtreiben wollten. Kaum entlassen, lebt er seine kranken Fantasien erneut aus und geht trotz seines fortgeschrittenen Alters sofort wieder auf die Jagd nach neuen Opfern.

Totaler Blackout

Hole wacht eines Morgens nach einer durchzechten Nacht mit blutverschmierten Klamotten und einem totalen Filmriss auf. Dann passiert etwas, was ihn endgültig aus der Bahn wirft. Einzelheiten möchte ich hier nicht spoilern, mich hat dieser Verlauf sehr geschockt und ich dachte, das kann Nesbø doch nicht machen. Aber der norwegische Autor hat keine Bedenken, den Leser zu verschrecken. So erklärte er einmal in einem Interview, dass er es nicht als seinen Job ansieht, die Erwartungen seiner Leser zu erfüllen, sondern dass ausschließlich Geschichten schreibt, die ihn selbst interessieren. Und so falsch kann er bei mittlerweile über 40 Millionen weltweit verkauften Exemplaren ja auch nicht liegen.

Messer ist ein Thriller, in dem die Gewalt deutlich weniger im Vordergrund steht als in manchen Vorgängerbänden und der sich komplett auf seinen charismatischen Protagonisten Harry Hole konzentriert, dessen Leben nun richtig aus den Fugen gerät. In einer weiteren spannenden Handlungsebene geht es um die Traumata von Soldaten eines Spezialkommandos in Afghanistan und es gibt auch ein Wiedersehen mit einigen Bekannten aus dem Harry-Hole-Kosmos, wie Kaja Solness, die Harry damals in Leopard aus der Drogenhölle Hongkongs holte.

Auch dieser Thriller ist ein düsterer Pageturner mit ständig wechselnden Erzählperspektiven, der mit vielen frappierenden Wendungen, falschen Spuren sowie melancholischer Stimmung glänzt und mit ergreifenden Emotionen überzeugt. Wenn es zum Schluss zur komplett unerwarteten aber logischen Auflösung kommt, kann man die intelligente Konstruktion nur bewundern. Wenn dann alle losen Fäden verknüpft werden, wird die Raffinesse des Plots deutlich. Selbst die sehr ausführlichen Beschreibungen über Musik haben ihre Berechtigung, denn Hole findet einen wichtigen Hinweis mitten zwischen seiner riesigen Plattensammlung, der dann sogar ihn selbst als Täter in den Fokus rückt.

Sung-mins Verdacht, dass Harry Hole im Affekt und umnachtet von Alkohol getötet hatte, war dadurch nur noch verstärkt worden. Er nahm an, dass Harry tatsächlich große Teile des Vorfalls vergessen oder verdrängt und die letzten Tage seines Lebens damit verbracht hatte, gegen sich selbst zu ermitteln. (Seite 462)

Fazit

Messer ist vielleicht der emotionalste, dramatischste Teil, für mich ein Band mit leichten Schwächen, aber für Fans der Reihe ein Muss. Nesbø zeigt sich wieder als gewiefter Meister von vertrackten Plots und rausgekommen ist ein tiefgründiger und vielschichtiger, hervorragend geschriebener Krimi der Extraklasse.

Funfact: Für seinen zerrissenen Helden Harry Hole hat Jo Nesbø die Storyline seines privaten und beruflichen Lebens schon vor Jahren festgelegt und hält sich im Groben auch an diesen Plan.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Messer | Erschienen am 27. August 2019 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-08173-6
576 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Kniv
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Jo Nesbø-Romanen Macbeth, Die Larve und Durst sowie einen Sonderbeitrag Lesung: Jo Nesbø | Blood on Snow. Das Versteck, Bericht von der Lesung in Schwerte

Jo Nesbø | Die Larve Bd. 9

Jo Nesbø | Die Larve Bd. 9

„Und was ist mit dir, Harry? Kannst du dich nicht auch verändern?“
„Ich wünschte, ich könnte, Oleg. Ich wünschte, ich würde mich so ändern, dass ich in Zukunft besser auf dich aufpassen könnte. Aber für mich ist es zu spät. Ich bleibe der, der ich bin.“
„Und das wäre? Ein Säufer? Jemand, der andere im Stich lässt?“
„Ein Polizist.“
Oleg lachte. „Sonst nichts? Ein Polizist? Nicht etwa ein Mensch, oder so?“
„In erster Linie Polizist.“ (Auszug E-Book, Position 7707)

Drei Jahre lang hat sich Harry Hole in Hongkong aufgehalten. Nun kehrt er nüchtern und in gutem gesundheitlichen Zustand nach Oslo zurück. Sein Stiefsohn Oleg ist wegen Mordes an seinem Freund und Drogendealerkompagnon Gusto Hanssen verhaftet worden. Harry sucht Kontakt zu seiner großen Liebe Rakel und den wenigen verbliebenen Freunden, klopft die Indizien ab, doch auch er kommt zu keiner anderen Erkenntnis, als dass alles für Olegs Täterschaft spricht. Doch wer Harry kennt, weiß, dass er sich damit nicht abfinden kann. Er setzt alles auf eine Karte und lässt keinen Stein auf dem anderen.

Harry ist nämlich aufgefallen, dass der ihm bekannte Drogenmarkt in Oslo („Europas Drogenhauptstadt“) sich in den letzten Jahren erheblich verändert hat. Statt des aggressiven Heroins dominiert nun das Opoid Violin. Noch intensivere Trips, starke Abhängigkeit, aber geringe Wahrscheinlichkeit von Überdosierung. Es gibt auch keine Kämpfe der Drogengangs mehr, sondern ein russischer Boss mit dem Pseudonym Dubai steht an der Spitze der Nahrungskette. Offensichtlich hat dieser auch einen „Brenner“ im Polizeipräsidium, einen korrupten Polizisten, der Beweise manipuliert. Harry stößt in seinen Nachforschungen auch auf seinen ewigen Widersacher Mikael Bellman, designierter Chef der Kripo, und Isabelle Skøyen, Drogenbeauftragte der Stadtverwaltung. Es gibt offenbar Verbindungen zwischen diesen Personen, Dubai und Gusto, Oleg und Gustos Stiefschwester Irene, in die Oleg verliebt ist. Harry verbeißt sich in den Fall, in tiefer Sorge um Oleg, auf den in der Haft ein Mordanschlag verübt wird, nicht ahnend oder ignorierend, dass er selbst längst ins Visier seiner Gegner geraten ist.

Autor Jo Nesbø ist aktuell international sicherlich der bekannteste Thrillerautor Norwegens. Der Autor ist ein wahrer Tausendsassa, war er doch bislang Makler, Finanzanalyst, Journalist und ist immer noch Mitglied der seit mehr als zwanzig Jahren in Norwegen sehr erfolgreichen Popband Di Derre. Nesbø schrieb auch erfolgreich Kinderbücher, Stand-Alones (zuletzt die Adaption von Shakespeares Macbeth), doch die größte Popularität erlangte er mit seiner vielfach prämierten Harry-Hole-Reihe.

Muss man dem Krimileser noch die Figur Harry Hole erklären? Inzwischen ist mit Das Messer der zwölfte Fall mit diesem Ermittler erschienen. Brillanter Kriminaler, Gerechtigkeitsfanatiker, stets auf der Spur des wahren Bösen, das er obsessiv verfolgt. Alkoholiker, wenngleich meist trocken, dennoch mit einer Vielzahl innerer Dämonen ausgestattet, selbstzerstörerisch und auch die wenigen Beziehungen, die er noch hat, ständig auf die Probe stellend.

Die Larve ist der neunte Fall und ein äußerst persönlicher für Harry Hole. Es tut dem Roman für meinen Geschmack ziemlich gut, dass es Harry Hole nicht mit einem der sonst regelmäßig seinen Weg kreuzenden Serienkiller und Psychopathen zu tun hat. Vor allem Oslo als Drogenmetropole mit allerdings fortschreitender Gentrifizierung kommt als Setting gut zur Geltung. Nesbø schreibt souverän aus wechselnden Perspektiven, so lässt er den Toten Gusto Hanssen quasi auf dem Sterbebett Vergangenes rekapitulieren. Er zeichnet in bester Tradition des Nordic Noir ein trübes Bild von Verbindungen zwischen organisiertem Verbrechen und Entscheidungsträgern in Politik und Gesellschaft. Dabei baut er den Plot sehr raffiniert auf und serviert mehrere Spannungshöhepunkte und einen extrem fiesen Cliffhanger am Schluss. Seine Hauptfigur Harry Hole hat der Autor nie geschont, aber hier treibt er es tatsächlich noch mal auf die Spitze. Nebenbei fand ich auch die Einbindung musikalischer Elemente in die Handlung äußerst gelungen, von Mozarts Don Giovanni über die amerikanische Band Wilco bis zu Nirvanas Come as you are an prominenter Stelle. Insgesamt also ein wirklich überzeugender Thriller.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Larve | Erschienen am 9. November 2012 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-54828-493-4
576 Seiten | 22.- Euro
als eBook:
ISBN 978-3-54828-493-4
9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Auch bei uns: Bericht zur Lesung: Jo Nesbø | Blood on Snow. Das Versteck sowie zu der oben genannten Shakespeare-Adaption Macbeth.

Geir Tangen | Seelenmesse Bd. 1

Geir Tangen | Seelenmesse Bd. 1

„Es geht genau um diese Sache. Ich habe einen Tipp bekommen, der darauf hindeutet, dass der Mörder Bücher oder Filme als Vorbild für seine Morde benutzt.“ „Bücher…?“ Du meinst, er ist ein Copycat?“ Er hätte dieses Wort selbst nicht benutzt, aber es war absolut treffend. Copycat … jemand, der nachahmt, was andere vorgemacht haben. (Auszug Seiten 299-300)

Viljar Ravn Gudmundsson ist Journalist der Lokalpresse im norwegischen Haugesund, einer kleinen, idyllischen Stadt an der Nordseeküste. Früher war er mal der große Star der Redaktion. Doch ein grober Fehler vor circa vier Jahren beendete seine glanzvolle Karriere und der einst gefeierte Journalist wurde ein abgehalfterter Schreiberling, der von den Kollegen verachtet, nur noch mit Routineaufgaben beauftragt wird.

Ein großer Scoop?

Als er eine anonyme E-Mail erhält, in der ein selbsternannter Richter ein Todesurteil über eine Frau aus Haugesund ausspricht, die angeblich Schuld auf sich geladen hat und vor Gericht stand, aber aus Gründen nicht verurteilt wurde, denkt Gudmundsson kurz an einen großen Scoop. Doch dann tut er das Ganze als groben Unfug ab, leitet aber die mysteriöse E-Mail an die Polizei weiter. Am nächsten Tag wird tatsächlich die Leiche einer Frau gefunden. Und schnell steht fest, dass sie nicht freiwillig aus dem Fenster gesprungen ist, sondern gestoßen wurde. Mit ihrem Team versucht die junge Oberkommissarin Lotte Skeisvoll die zahlreichen Spuren am Tatort auszuwerten. Dabei kommt raus, dass Viljar und die Tote sich anscheinend gut kannten und so gerät der Journalist in den Fokus der Ermittlungen.

Am nächsten Tag trifft eine weitere E-Mail ein, in der das nächste Opfer angekündigt wird. Kurz darauf wird ein Mann vor seiner Haustür erschossen aufgefunden. Die Polizeibeamten sind über weite Strecken ratlos und hechten immer hinter dem wahnsinnigen Täter her. Dieser hat die Morde sorgfältig geplant und dirigiert die Ereignisse nach Belieben, also wie ein Maestro, so ist auch der norwegische Original-Titel. Aus Oslo wird der erfahrene Hauptkommissar Olav Scheidrup Hansen zur Unterstützung gerufen. Erst als ein belesener Beamter darauf kommt, dass der Täter offenbar ein Kenner skandinavischer Kriminalliteratur ist, kommt Bewegung in die Ermittlungsangelegenheit. Es werden Morde aus norwegischen Erfolgskrimis nachstellt. Angefangen von so namhaften Autoren wie Unni Lindell über Anne Holt, Karin Fossum bis Jo Nesbø.

Kaputte Protagonisten

Es gibt Rückblicke auf die Ereignisse des Jahres 2010, in denen der Leser erfährt, welche Schuld der Journalist auf sich geladen hat. Der Zusammenhang zu den aktuellen Morden wird aber erst langsam klar. Kapitel in denen der Täter zu Wort kommt, sorgen für weitere Unterbrechungen.

In diesem ersten Teil einer Trilogie um die Polizeiermittlerin Lotte Skeisvoll und den Journalisten Viljar Ravn Gudmundsson spielt Autor Geir Tangen wirklich mit jedem Krimiklischee. Neben eisiger Kälte und düsterer Stimmung sind das die zerrissenen Helden und der geniale, wahllos tötende Serienkiller sowie brutale Morde. Auch im Handlungsablauf bedient sich der Autor bewährter Komponenten wie das Wechseln zwischen zwei Zeitebenen und das Legen vieler falscher Fährten. Da dürfen auch die inneren Monologe des irren Täters nicht fehlen.

Der einst supererfolgreiche Viljar befindet sich nach einem folgenschweren Fehler, bei dem durch seine Nachlässigkeit ein Informant aufflog, in psychologischer Behandlung. Der geschiedene Journalist wird als menschliches Wrack dargestellt, der durch ständige Angstzustände und Panikattacken nur noch chaotisch arbeitet.
Die disziplinierte Lotte arbeitet immer sehr genau und gut strukturiert. Andere finden sie fast überkorrekt und durch ihr ständiges Abwegen auch umständlich. Ein massiver Kontrollzwang dominiert ihren Alltag. Seit dem Tod ihrer Eltern fühlt sie sich für ihre jüngere, drogensüchtige Schwester Anna verantwortlich.

Fazit

Ich fand die Geschichte wirklich spannend erzählt, flüssig und wendungsreich geschrieben. Immer wieder tauchen neue Tatverdächtige auf, nur um der Geschichte kurz darauf wieder eine andere Wendung zu geben. Durch den einfachen Schreibstil liest sich der Thriller wie geschnitten Brot. Spannung entsteht nicht zuletzt auch, da Personen zu den Opfern gehören, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Zum Schluss war es vielleicht eine Wendung zu viel und auch das Motiv für den Täter fand ich ziemlich unglaubwürdig. Den Charakteren hätte etwas mehr Tiefe gut getan, die Differenzen zwischen der jungen Lotte Skeisvoll und dem erfahrenen aber übergriffigen Osloer Hauptkommissar Hansen hatten dafür auch genug Potential, welches verschenkt wurde. Überhaupt kommen die Polizeibeamten nicht wirklich gut weg. Es kommt schlussendlich zu sechs Opfern und die Beamten laufen immer nur hinterher und können die Morde nicht verhindern, denn der Täter ist ihnen immer einen Schritt voraus. Und wahrscheinlich habe ich schon zu viele skandinavische Thriller gelesen, aber der Mörder war für mich keine Überraschung.

Geir Tangen lebt in Haugesund und ist ein bekannter Blogger. Auf Norwegens größtem Krimi-Blog Bokbloggeir.com schreibt er seit 2012 Krimi- und Thriller-Rezensionen. 2016 hat er sich seinen Traum erfüllt und mit „Maestro“ den ersten eigenen Thriller veröffentlicht. Der Schriftsteller war bei verschiedenen Zeitschriften journalistisch tätig und diese Erfahrungen konnte er durch authentische Beschreibungen des Redaktionsalltags in sein Debüt einarbeiten.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Seelenmesse | Erschienen am 16. Oktober 2017 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-24865-19
480 Seiten | 10.- Euro
Originaltitel: Maestro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Peter Heller | Der Fluss

Peter Heller | Der Fluss

Es gibt keinen Ort, an dem ich jetzt lieber wäre, dachte er. Aber auch: Etwas stimmt nicht. Er spürte es in seinem Nacken, wo sich ihm die Härchen aufstellten wie zu Hause, wenn in den Never Summer Mountains ein Gewitter drohte; oder in Montana, wenn er einem Bären vor die Nase lief. Er hatte ihn schon immer gehabt, diesen sechsten Sinn – manche Menschen haben ihn einfach-, und er hatte ihm mehr als einmal den Arsch gerettet. (Auszug Seiten 27-28)

Die beiden Studenten und Freunde Jack und Wynn verbindet das gemeinsame Hobby Outdoor- und Survivaltrips. Diesmal sind sie im Spätsommer auf einer Kanutour auf einem kanadischen Fluss, mehr als 150 Meilen durch die Wildnis bis zu einem Ort kurz vor der Hudson Bay. Mehrere Wochen auf sich allein gestellt, nur mit der allernötigsten Ausrüstung. Doch diesmal bemerken sie schon relativ früh einen großen Waldbrand, zwar noch fern, aber näher kommend. Eine Begegnung mit zwei anderen Kanuten, ein Redneck-Duo, verläuft eher unangenehm. Kurz danach hören die beiden den Streit eines Paares im Wald.

Sie fahren weiter, aber beschließen zurückzukehren, um das Paar vor dem Feuer zu warnen. Doch sie finden das Paar nicht wieder. Einen Tag später, als sie am Ufer angelegt haben, um einen Wasserfall zu umgehen, kommt ein einzelner Mann in einem Kanu auf sie zu. Etwas verstört schildert er, dass seine Frau verschwunden sei, er könne sie nicht mehr finden. Jack und Wynn beschließen zurückzufahren, um die Frau zu suchen. Währenddessen kommt der Waldbrand immer näher. Doch das ist nicht der einzige Alptraum, dem sich die beiden in der Folgezeit stellen müssen.

Wynn machte sich noch etwas vor. Er musste aufwachen und den Tatsachen ins Auge sehen, sonst waren sie erledigt.
Sie brauchten einen besseren Plan. Instinktiv wusste er, dass Verteidigung nichts brachte, nicht so, wie sie es letzte Nacht versucht hatten. Sie mussten auf Angriff schalten. (Seite 118)

Zunächst fällt bei diesem Mix aus Abenteuerroman und Thriller natürlich das Setting auf. Eine wilde Flusslandschaft, abwechselnd durchzogen von Seen und schnelleren Abschnitten mit Stromschnellen und Wasserfällen, umgeben von dunklen Wäldern. Einheimische Tierwelt und das regelmäßige Angeln und Beerenpflücken zur Nahrungssuche inklusive. Das alles beschreibt Autor Peter Heller sehr souverän und eindrücklich. Besonders beeindruckend – so viel darf ich vorwegnehmen – wird es zum Ende des Buches, wenn der Waldbrand, der lange Zeit als Bedrohung im Hintergrund schwelt, seine volle Kraft entfaltet. Und dennoch steht die Naturbeschreibung nicht im Zentrum dieser Geschichte.

Dieses bilden vielmehr die beiden jungen Männer Jack und Wynn. Beide werden intensiv beschrieben, der Erzähler taucht tief in die Figuren ein und verrät auch ihre innersten Gedanken. Sie sind beide durchtrainiert, bestens vorbereitet und dabei verantwortungsbewusst. Bereit, andere zu unterstützen. Jack ist dabei der Dominantere der beiden und gleichzeitig zurückhaltender, misstrauischer. Er hat schon in jungen Jahren einen Schicksalsschlag hinnehmen müssen, als seine Mutter bei einem Familienausritt in einen Fluss stürzte und ertrank. Wynn hingegen ist sanfter, aufgeschlossener, aber auch ein Stück weit naiver. Die Freundschaft der beiden ist sehr eng, aber dieser Trip wird dieses Band auf eine harte Probe stellen. Die Entwicklung der beiden Hauptfiguren und deren Freundschaft gehört zu den absoluten Stärken des Romans.

Männer mit Kanu auf einem Fluss. Dem geübten Leser kommt natürlich fast sofort ein Roman in den Sinn, der sozusagen die Referenz für dieses Genre und Setting bildet: James Dickeys Flussfahrt (im Original: „Deliverance“). Auch in Der Fluss wird auf diesen Roman verwiesen. Bekannt ist ebenfalls die Verfilmung unter dem wenig subtilen (deutschen) Titel Beim Sterben ist jeder der Erste. Flussfahrt überzeugt vor allem durch sein konstant hohes Spannungsniveau und die damit verbundene hohe Intensität. Dieses Intensitätsniveau erreicht Der Fluss nicht ganz, aber das war vermutlich auch gar nicht Peter Hellers Intention. Er dosiert seine Spannungsmomente – ohne, dass zwischendurch die Luft raus wäre – und konzentriert sich mehr auf die Entwicklung seiner Hauptfiguren. Dennoch bleibt es ein packender und wuchtiger Thriller/Abenteuerroman, den ich unbedingt empfehle.

Noch ein paar Worte zur Übersetzung: In seiner Besprechung bei Spiegel Online hat Marcus Müntefering die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Matthias Strobel deutlich kritisiert. Eine Beurteilung maße ich mir nicht an. Ich kann als Laie lediglich feststellen, dass mir während der Lektüre der Übersetzung sprachlich-stilistische Holperstellen höchstens sporadisch aufgefallen sind und diese mein Lesevergnügen nicht wirklich getrübt haben.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Fluss | Erschienen am 19. August 2019 im Verlag Nagel & Kimche
ISBN 987-3-312-01134-6
270 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe