Kategorie: Spionagethriller

Martin von Arndt | Sojus

Martin von Arndt | Sojus

Würde ihm ein Gespräch mit Sarkis dabei helfen, seine Fragen zu klären? Oder waren diese Fragen im Grunde nichtig? Ging es ihm nicht vielmehr um seine quälend werdende Sinnfrage… um das Verlangen, seine Ruhe, die er in Würzburg gefunden hatte, zu tauschen gegen – ja, wogegen denn? Vielleicht gegen etwas Vertrautes, etwas Ähnliches wie – Heimat.
Oder bürdete er diesem Unbekannten, den er biologisch seinen Sohn nennen durfte, damit eine Last auf, die der unmöglich tragen konnte? (Auszug Seite 95)

Ex-Kommissar Andreas Eckart hat sich im Jahr 1956 eigentlich zur Ruhe gesetzt, als er von Dan Vanuzzi, seinem ehemaligen Partner beim amerikanischen Militärgeheimdienst CIC, kontaktiert wird. Vanuzzi, wie Eckart bei den Amerikanern in Ungnade gefallen, arbeitet neuerdings für den britischen MI6. Er hat Kontakt zu einer Quelle beim ungarischen Geheimdienst, die ihm ein brisantes Dossier über sowjetische Agenten anbietet. Vanuzzi muss nach Budapest, um an das Dossier zu kommen. Doch dort spitzt sich die Lage gerade zu, der Volksaufstand ist im Gange und alles wartet auf die Reaktion der Sowjets. Um Eckart zum Mitkommen zu überreden, verrät Vanuzzi ihm den Namen eines in Ungarn operierenden Sowjetagenten: Sarkis, Eckarts Sohn mit der armenischen Rebellin und Terroristin Aghawni, den er nie kennengelernt hat. So begeben sich die beiden über Umwege nach Ungarn und bewegen sich dort im Untergrund.

Sojus ist der dritte Teil der Reihe um den Psychoanalytiker und Kommissar Andreas Eckart. Interessant an dieser Reihe sind die großen Zeitsprünge zwischen den Bänden. Band 1, Tage der Nemesis, spielt Anfang der 1920er vor dem Hintergrund des Völkermords der Türken an den Armeniern und der instabilen Weimarer Republik. In Band 2, Rattenlinien, ist Eckart nach dem zweiten Weltkrieg auf der Suche nach sich absetzenden Ex-Nazis. Der vorliegende dritte Band greift zunächst einen Strang aus dem zweiten Band wieder auf und beginnt 1948.

Eckart wurde von den Amerikanern in einer Psychiatrie interniert, da sie befürchten, diese könnte schmutzige Deals mit Ex-Nazis an die Öffentlichkeit bringen. Seine ehemaligen Partner Rosenberg und Vanuzzi, inzwischen in Diensten des neu gegründeten israelischen Geheimdienstes, wollen ihn dort herausholen. Die nun folgende Befreiungsaktion ist zwar durchaus spannend, aber wirkt auf mich wie ein Fremdkörper im Rest des Buches, das acht Jahre später spielt. Außer Vanuzzi taucht keine Figur im weiteren Verlauf mehr auf und der Aufenthalt in der Psychiatrie scheint Eckart acht Jahre später kaum noch zu beeinträchtigen.

Ansonsten greift Autor von Arndt allerdings wieder den ersten Teil der Reihe auf: Eckart hatte damals eine Liebesbeziehung zu einer Armenierin. Dieser Liebe war keine gemeinsame Zukunft vergönnt, doch es entstand ein Sohn aus dieser Beziehung. Mehr als dreißig Jahre später ist Sarkis in Diensten des KGB. In Ungarn agiert er als Agent provocateur. Er versucht den Volksaufstand zu radikalisieren, um einen Vorwand für ein sowjetisches Eingreifen zu liefern. Sarkis ist ein kommunistischer Kader geworden. Kann die Begegnung mit seinem Vater ihn ideologisch erschüttern?

Sojus hat seine besten Szenen, wenn Eckart und Vanuzzi das Geheimversteck verlassen und durch die umkämpften Straßen der ungarischen Hauptstadt streifen. Diese Abschnitte sind sehr intensiv und das Setting authentisch. Was ich ein wenig schade finde: Die beiden Hauptfiguren (die ansonsten gut „harmonieren“) kommen von außerhalb, so dass sie irgendwie nur dabei, statt mittendrin sind. Ein detaillierter ungarischer Blick fehlt. Die Ereignisse werden von Dritten wiedergegeben. Trotzdem wird gut deutlich, wie die Ungarn von den Westmächten im Stich gelassen wurden. Einen Konflikt mit den Sowjets wollte niemand riskieren, allerdings sagte man dies den Ungarn nicht so deutlich. Stattdessen sorgten sich Großbritannien und Frankreich um den Zugang zum Suezkanal und intervenierten lieber in Ägypten militärisch. Was der Autor im Nachwort nochmal als durchaus traumatisch beschreibt und nach seiner Ansicht das schwierige Verhältnis der Ungarn zum Westen bis heute teilweise beeinflusst.

Insgesamt ist Sojus ein solider, durchaus spannender Spionage-/Politthriller mit unverbrauchtem Setting. Ein wenig Luft nach oben ist aber vorhanden, zumal auch der Vater-Sohn-Konflikt noch schärfer hätte beleuchtet werden können, die Figur Sarkis bleibt zudem insgesamt zu unscharf. Dennoch gehört die Reihe zu den interessanteren historischen Krimis/Thrillern aus deutscher Feder.

Sojus | Erschienen am 26. Februar .2019 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-86913-974-6
296 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Gunnar zu Tage der Nemesis bei Lovelybooks, Rezension von Anne Kuhlmeyer zu Rattenlinien im Crimemag

Dov Alfon | Unit 8200

Dov Alfon | Unit 8200

„Wunderbar!“, rief der amerikanische Berater aus. „Riesensache: Maulkorberlass aufgehoben, ein Israeli in Paris gekidnappt, Regierung vermutet antijüdische Motive, Premierminister hat französischen Amtskollegen kontaktiert und ihn zum Eingreifen gedrängt. Haben wir Bilder?“
„Ich habe allerdings inzwischen mit dem Obersten Militärberater gesprochen, und der sagt, man sei jetzt sicher, dass die Entführung nichts mit der israelischen Staatsangehörigkeit zu tun hat, sondern dass es sich um einen kriminellen Fall von Personenverwechslung handelt“, sagte der Sprecher.
„Was ist denn das für einer? Ist er der Sprecher des IS? Wie kann er sich über das Motiv sicher sein?“, wetterte der Amerikaner. „Es ist unser Job, lachhafte Spekulationen zu präsentieren, nicht seiner.“ (Auszug Seite 88)

Paris, Flughafen Charles de Gaulle: Kurz nach der Ankunft wird ein Israeli von einer Frau in einen Aufzug gelockt und verschwindet. Wenig später ist anhand von Videoaufzeichnungen klar, dass er von zwei chinesischen Männern ermordet wurde. Doch war der Marketingleiter eines Softwareunternehmens wirklich das gesuchte Opfer? Zunächst wird die Sache heruntergespielt, doch zur Vertuschung eines innenpolitischen Skandals werden in Israel plötzlich alle Register gezogen und eine diplomatische Krise heraufbeschworen.

Hauptmann Zeev Abadi von der Geheimdiensteinheit Unit 8200 war zeitgleich am Flughafen und schaltet sich in die Ermittlungen des französischen Kommissars Léger (Nomen est Omen) ein. Er glaubt, dass in Wahrheit ein anderer das Ziel dieses Verbrechens war, was sich bald als korrekt herausstellen wird. Abadi ist gerade als Chef der Unit 8200 eingesetzt worden, doch er hat mächtige Feinde im Militär, die ihn nur allzu schnell wieder loswerden wollen. Abadis Stellvertreterin Leutnant Oriana Talmur muss währenddessen in Israel die internen Machtkämpfe ausfechten und gleichzeitig Abadi helfen, die Hintergründe aufzudecken.

Obwohl die Perspektive von zahlreichen Figuren eingenommen wird, sind Abadi und Talmur die beiden Hauptfiguren. Sie ist Mitte Zwanzig, die Tochter eines verdienten Offiziers, gutaussehend, ein wenig kratzbürstig. Sie ist eine brillante Analytikerin, Beste ihres Jahrgangs, alle Wege stehen ihr offen. Und sie hat einen feinen Sinn für die internen Machtkämpfe, bleibt jedoch loyal zu dem ihr nicht persönlich bekannten Abadi. Er ist der Sohn tunesischer Juden, in Frankreich aufgewachsen, danach nach Israel gekommen. Ein erfahrener Geheimdienstler, mit allen Wassern gewaschen. Überraschend ist er zum Leiter der Unit 8200 ernannt worden, galt seine Karriere doch als beendet, seitdem er in einem Gerichtsverfahren für die angeklagten Angehörigen der Unit 8200, die aus Gewissensgründen den Dienst verweigert hatten, ausgesagt hatte.

Die „Unit 8200“ gibt es übrigens wirklich. Sie ist eine der renommiertesten Geheimdiensteinheiten Israels, eine Fernmelde- und Aufklärungseinheit, eine der HighTech-Abteilungen des israelischen Militärs. Auch das angesprochene Gerichtsverfahren gab es wirklich. Damals klagten über 40 Reservisten der Einheit die aus ihrer Sicht Menschen verachtende Praxis an, dass Palästinenser in den besetzten Gebieten ausgespäht wurden, um diffamierende private Dinge zu erfahren, damit diese mittels Erpressung als Kollaborateure „angeworben“ werden konnten. Die Reservisten galten fürs Militär (und die überwiegende Öffentlichkeit) als Verräter und wurden entlassen. Dadurch, dass dieser Vorgang Eingang in diesen Thriller findet, ist klar, dass es hier auch sehr politisch wird. Intrigen, Verrat, Einflussnahme, Vorteilsnahme, Seilschaften. Involviert sind die höchsten Kreise, die politischen und strategischen Berater versuchen mit Lügen, Vertuschungen und Fake News abzulenken. Oder man schafft es, die „heiße Kartoffel“ an einen anderen weiterzureichen.

Oriana überlegte, ob alle Nachrichten, die sie hörte, manipuliert waren oder ob die Wahrheit nur in denjenigen fehlte, über die sie zufällig etwas wusste. (Seite 253)

Unit 8200 ist ein rasanter Thriller an zwei Schauplätzen. In bester Thrillermanier wird immer wieder die Perspektive gewechselt. Die erzählte Zeit beträgt gerade einmal etwa 30 Stunden und – „24“ lässt grüßen – regelmäßig wird die genaue Uhrzeit am Kapitelende genannt. Der Autor erzählt mit einem allwissenden personalen Erzähler leichtgängig und mit feiner Ironie. Alfon ist ein Profi und Insider: Er war selbst Mitglied in der Unit 8200 und anschließend Topjournalist in Israel. Das Charmante an diesem Roman ist, dass Alfon ernste Themen auf Tapet bringt, aber sich und sein Buch nicht zu ernst nimmt. Denn er spielt mit den Erwartungen des Lesers an einen Spionagethriller und liefert immer wieder vereinzelt Zutaten wie schöne Frauen, coole Gadgets, fiese Schurken, übertriebene Tötungsarten und ein gewisses Geplänkel zwischen Abadi und Talmur. Das Ganze wird aber zumeist mit einem Schuss Humor und Ironie serviert. Sehr souverän und absolut lesenswert.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Unit 8200 | Erschienen am 19. Februar 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 987-3-499-27570-8
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

John le Carré | Verräter wie wir

John le Carré | Verräter wie wir

John le Carrés Spionagethriller sind bestens für Filmadaptionen geeignet, wie zahlreiche erfolgreiche Verfilmungen beweisen. In Verräter wie wir des britischen Schriftstellers aus dem Jahr 2010 geht es um einen hochrangigen russischen Mafiosi, der nach Großbritannien überlaufen möchte.

Perry Makepiece, ein britischer Oxford-Dozent und seine Freundin Gail Perkins, eine erfolgreiche Anwältin lernen im Urlaub in Antigua beim Tennisspielen eben diesen Mafiosi Dima kennen. Wie sich später herausstellt, ist er „Nummer Eins Geldwäscher von ganzer Welt“, genauer gesagt von einem Syndikat von sieben Wory-Bruderschaften.

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Olen Steinhauer | Der Anruf

Olen Steinhauer | Der Anruf

Sie zieht die Arme zurück in den Schoß und senkt den Blick. „Möchtest du unsere Unterhaltung nicht mitschneiden?“
Ich schüttle den Kopf und tippe mir an die Schläfe. „Lieber nicht, falls Interpol später danach fragt. Vielleicht sagst du etwas, das du nicht an die große Glocke hängen willst.“
Ihr Gesicht drückt aus, dass sie meine Diskretion zu schätzen weiß. Dann erscheint ihre Hand erneut und schiebt sich nach vorn, um nach meiner zu fassen. „Du passt auf mich auf, nicht wahr?“
„Natürlich“, lüge ich. (Auszug Seite 68)

Wien 2006: Eine Gruppe islamischer Terroristen entführt eine Passagiermaschine. Sie fordern die Freilassung von Gleichgesinnten aus österreichischen und deutschen Gefängnissen. Es werden offizielle Verhandlungen geführt. Im Hintergrund mischt auch die CIA-Dependance in Wien mit, die Amerikaner haben sogar einen Mann im Flugzeug. Doch auf einmal endet die Geiselnahme in der Katastrophe: Alle Personen im Flugzeug kommen ums Leben. Einige Jahre später wird das Geschehen noch einmal CIA-intern aufgerollt. Was geschah damals in dieser Nacht? Und wer tätigte den ominösen Anruf aus den CIA-Räumlichkeiten, der das Fiasko auslöste?

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