Kategorie: Polizeiroman

Harry Bingham | Fiona: Den Toten verpflichtet Bd. 1

Harry Bingham | Fiona: Den Toten verpflichtet Bd. 1

So richtig entspannen kann ich mich nur, wenn ich nicht im Stadtzentrum bin – wo ich leider Gottes arbeite -, sondern nach Butetown fahre. In Butetown trinkt man lieber Tee als Kaffee, und weder das eine noch das andere kostet 2,50 Pfund die Tasse. Klar, hin und wieder wird in Butetown eine Drogensüchtige ermordet, oder man findet ein kleines Mädchen, das sein Leben unter einem hochwertigen Spülbecken ausgehaucht hat. Verbrechen, die man sehen, und Opfer, die man berühren kann, sind mir trotzdem lieber. (Auszug Seite 39)

In einem kleinen Kaff in der Nähe von Cardiff wird die junge, drogensüchtige Prostituierte Janet Mancini in einer Wohnung, die einem vermüllten Dreckloch gleicht, tot aufgefunden. Eine Todesursache lässt sich nicht sofort feststellen. Neben ihr liegt ihre sechsjährige Tochter April, die auf grausamste Weise mit einem Spülbecken erschlagen wurde. Mancinis traurige Biografie führt über verschiedene Heime und Pflegefamilien in die Drogenabhängigkeit und Schwangerschaft. Neben ihrer Leiche wird eine Kreditkarte gefunden. Diese gehört einem millionenschweren Transportunternehmer, der vor einigen Monaten bei einem Flugzeugabsturz mit seiner Privatmaschine ums Leben kam.

Operation Lohan

Die Ermittlung des brutalen Doppelmordes wird intern nach der Schauspielerin Lindsay Lohan benannt, die genau wie das Opfer rothaarig ist und Probleme mit Alkohol und Drogen hat. Die junge Polizistin Detective Constable Fiona Griffiths, die grade mit langweiligen Routinearbeiten beschäftigt ist, soll mit zum Ermittlungsteam gehören. Die ehrgeizige Fiona ist froh und verbeißt sich in den Fall. Immer wieder handelt sie auf eigene Verantwortung, schießt dabei oft übers Ziel hinaus und nervt mit ihren Alleingängen ihren Chef.

Die hochintelligente Fiona wirkt auf ihre Mitmenschen manchmal etwas verschroben und hat große Probleme mit dem sozialen Miteinander. Schon im Prolog wird angedeutet, dass sie als Teenager sehr krank war. Welche Krankheit das war, bleibt bis zum Schluss geheim und sorgt für zusätzliche Spannung. Man ahnt, dass es sich um eine psychische Erkrankung handeln und ein traumatisches Ereignis in ihrer Vergangenheit sie nachhaltig geprägt haben muss. Sie kann nicht gut mit menschlichen Gefühlen umgehen und emotionale Reaktionen sind ihr sogar ganz fremd. Um sich angemessen zu verhalten, imitiert sie meistens ihre Mitmenschen.

Erzählt wird aus der Ich-Perspektive Fionas und so erhält der Leser Einblick in ihre teilweise sehr schrägen Gedanken. Das ist Gott sei Dank sehr unterhaltsam, da ihr Ton oft beißend sarkastisch ist, besonders in Bezug auf ihre eigenen Diskrepanzen.

Die Superheldin Fiona

Auch wenn sehr viel Polizeiarbeit geschildert wird, nehmen die unkonventionelle Ermittlerin und ihre Psyche viel mehr Raum ein als die eigentliche Aufklärung des undurchsichtigen Kriminalfalles. DC Griffiths überschreitet ein ums anderer Mal ihr Kompetenzen, hält sich nicht an Regeln, übergeht Anweisungen und operiert am Rande der Legalität. Dabei beweist sie aber auch oft einen untrüglichen Instinkt für die richtige Spuren und bringt die Ermittlungen nach vorne.

Harry Bingham hat mit Fiona und ihren Beobachtungen auf die Welt einen interessanten und sympathischen Charakter geschaffen, der das Zeug für weitere Bände hat. Während ich den Anfang noch hochspannend fand, verliert die Story leider an Fahrt, bevor Superheldin Fiona im Finale über sich hinauswächst und fast im Alleingang die Verbrecher zur Strecke bringt. Fesselnder als die Aufklärung des brutalen Doppelmordes, präsentiert sich für mich Fionas Persönlichkeitsstörung.

Binghams Schreibstil ist flüssig und humorvoll, einfallsreich und intelligent mit viel Waliser Lokalkolorit. Der Kriminalroman lebt von der Eigentümlichkeit der Polizistin Fiona und das geht leider zu Lasten des Spannungsbogens.

Im letzten Jahr erschien der 3. Fall der Reihe als Hardcover und nach großem Erfolg hat der Verlag dieses Jahr mit der Taschenausgabe auch die ersten beiden Bände des britischen Autors veröffentlicht. Band vier und fünf sollen 2019 folgen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Fiona: Den Toten verpflichtet | Erschienen am 26. Juni 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499291357
496 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Hideo Yokoyama | 64

Hideo Yokoyama | 64

„Die Leute, die es bis an die Spitze schafften, die Durchkommer, waren die, die ihre Geheimnisse für sich behielten. In dem Moment, in dem man sie preisgab, ob nun die eigenen oder fremde, hatte man schon verloren.“ (Auszug Seite 759)

Irgendwo in der japanischen Provinz, in der Präfektur D, ist Yoshinobu Mikami Direktor der Pressestelle der Polizei. Mikami holt ein alter Fall wieder ein: Vor vierzehn Jahren gab es in D einen tragischen Kriminalfall. Ein siebenjähriges Mädchen wurde entführt. Trotz großer Polizeipräsenz gelingt dem Täter die Flucht nach der Lösegeldübergabe. Das Mädchen wird kurz darauf ermordet aufgefunden, der Täter bislang nicht ermittelt. Die Tat ereignete sich im Januar 1989, kurz vor dem Tod des Kaisers Hirohito in dessen 64. Regentschaftsjahr. Daher erhält dieser Fall den polizeiinternen Codenamen „64“. Mikami war damals Teil der riesigen Ermittlungseinheit. Nun kündigt sich kurz vor Ende der Verjährungszeit der Generalinspektor der Polizei an. Er will die Präfektur D besuchen und dem hinterbliebenen Vater des Mädchens und der Öffentlichkeit signalisieren, dass bis zuletzt intensiv an der Aufklärung gearbeitet wird. Bei der Vorbereitung auf den Besuch stößt Mikami auf einige Ungereimtheiten und ihm wird langsam klar, dass der Besuch noch zu etwas anderem genutzt werden soll.

Hegomoniestreben. Die eigene Macht auszuweiten war einer der Urinstinkte jeder Zentralautorität. Irgendwo in Tokio hatte sich ein Räderwerk in Gang gesetzt. Sie würden die Autonomie der regionalen Polizei systematisch untergraben. Den Vorhang herunterreißen, ihre Ambitionen auf ein zentralisiertes Polizeikommando durchschimmern lassen. (Seite 461)

Mikami gerät in die Mühlen von intensiven Ränkespielen innerhalb des Polizeipräsidiums. Die regional organisierte Polizei besteht im Wesentlichen aus zwei großen Einheiten: Das Kriminaluntersuchungsamt mit den Beamten, die die Ermittlungsarbeit erledigen und der Verwaltung, zu der auch die Pressestelle gehört. Beide Einheiten misstrauen sich traditionell. Die Verwaltung pflegt eine größere Nähe zur Nationalen Polizeibehörde in Tokio und offenbar gibt es Bestrebungen, auch das Kriminaluntersuchungsamt mehr auf Linie zu bringen. Ein Ansatzpunkt ist scheinbar der alte Fall „64“ und Mikami findet heraus, dass damals wohl nicht alles glatt gelaufen ist. Er begibt sich auf die Suche nach dem ominösen „Koda-Memo“, das ein Mitglied der Vor-Ort-Einheit damals geschrieben haben soll.

Das Buch ist ein wahres Epos mit mehreren Facetten. Da wäre der alte Entführungsfall „64“, der zwar über weite Strecken nicht die Hauptrolle spielt, aber immer im Hintergrung mitschwingt und so viel darf verraten werden, am Ende eine erstaunliche Aufklärung erfährt. Da sind außerdem die polizeiinterne Rivalitäten und Intrigen und die Darstellung der internen Hierarchien. Dazu gehört die besonders eindrucksvolle Beschreibung der japanischen Verhaltens- und Umgangsformen, der Bedeutung von Macht, Pflicht, Loyalität, Gesichtsverlust. Letztlich ist dieses Buch aber auch das grandiose Porträt eines gebeutelten Mannes, gefangen in Pflichtbewusstsein, einem ritualisierten Verhaltenskodex, mangelnder Empathiefähigkeit und Sorge. (Doch er gewinnt im Laufe des Buches stetig an Format.)

Er hatte seine Familie als Schutzschild benutzt. Er war Kompromisse eingegangen, sooft seine Stellung bei der Polizei gefährdet schien, und jedes Mal hatte er es auf seine Familie geschoben. Dabei lag die Wahrheit auf der Hand. Er konnte ohne seine Familie zurechtkommen, aber er würde zerbrechen, wenn er seinen Platz bei der Polizei verlor. Bevor er sich das nicht eingestand, sich nicht zu dem bekannte, was er war, würde er auch seinen wahren Platz in der Welt nicht finden. (Seite 480).

Yoshinubo Mikami ist nämlich Vater einer jugendlichen Tochter, die seit einiger Zeit von zu Hause ausgerissen und seitdem verschwunden ist. Das Verschwinden seiner Tochter und vor allem auch die Entfremdung zu seiner Frau, einer ehemaligen Polizeibeamtin, nagen an ihm, dennoch ist er kaum in der Lage, aus seinem Panzer aus Steifheit und Konvention auszubrechen. Auch beruflich steht er unter Druck. Für Mikami bergen die Rivalitäten im Präsidium besondere Brisanz. Er war lange Zeit im Kriminaluntersuchungsamt erfolgreicher Ermittler, wurde nun aber auf den Posten des Pressedirektors innerhalb der Verwaltung wegbefördert. Ein undankbarer Job, denn die Presse bedrängt die Pressestelle um Informationen. Diese erhält aber aus dem eigenen Hause oft nur die allernötigsten Informationen, in der Befürchtung, dass sie zur Presse durchsickern könnten. So wird jeden Tag aufs Neue mit der Presse gerungen und es geht oft hoch her. Mikami sitzt zwischen allen Stühlen, immer bemüht seinen Job zu erfüllen, aber in der Hoffnung, zu einem späteren Zeitpunkt in seine alte Abteilung zurückkehren zu können.

64 ist schon von ersten Eindruck ein gewaltiges, fast Respekt einflößendes Werk. Knapp unter 800 Seiten, ein schicker Farbschnitt. Der Roman wurde 2013 als bester japanischer Kriminalroman ausgezeichnet und in Folge auch in den USA und Großbritannien zu einem Bestseller. Die deutsche Übersetzung von Sabine Roth und Nikolaus Stingl erfolgte interessanterweise auch nicht aus dem Original, sondern aus der englischen Übersetzung. 64 erhielt auch im deutschsprachigen Raum direkt allerhöchstes Lob von den Kritikern, stand zwei Monate auf der Nummer 1 der Krimibestenliste und deren Jury meinte gar: „Wenn es einen Nobelpreis für Kriminalliteratur gäbe: Yokoyama hätte ihn verdient.“ Und doch gibt es im Bewertungsportal eines bekannten Onlinehändlers erstaunlich viele negative Stimmen mit dem Tenor „langweilig, langatmig, ermüdend“. Das liegt vermutlich an der falschen Erwartungshaltung, da auf dem Titel der Begriff „Thriller“ prangt (worüber man tatsächlich trefflich diskutieren kann), und auch der Inhalt so ganz anders ist als man sich den typischen Kriminalroman vorstellt. Für alle anderen Leser, die längst erkannt haben, dass Genreliteratur mehr bieten kann, ist dieser Roman aber vermutlich ein Fest. In der Tat geht Yokoyama sehr kleinschrittig mit seinem Protoganisten voran und lässt den Fall „64“ zwischendurch auf Sparflamme kochen, aber dadurch erhält der Leser auch intensive Einblicke in die Hauptfigur, in japanische Denkweisen, Formalismen und Zwänge. Und vor allem der Machtkampf im Polizeiapparat und auch die Winkelzüge mit der Presse sind mindestens so spannend wie ein Thriller. Und wie gesagt, am Ende geht es auch beim Kriminalfall nochmal richtig hoch her. Dieser Roman hat mich mit japanischen Krimis versöhnt, daher eine absolute Empfehlung.

 

Rension und Foto von Gunnar Wolters.

64 | Erschienen am 8. März 2018 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-017-9
768 Seiten | 28.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „64“ bei Literaturreich

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Japan.