Kategorie: Politthriller

Nicholas Searle | Der Sprengsatz

Nicholas Searle | Der Sprengsatz

„Die alten Regeln gelten nicht mehr. Es ist durchaus vorstellbar, dass wir einfach alles in Stücke hauen und von vorne anfangen, mit … verlässslicher Führung. Sie sind alles andere als unantastbar, weder individuell noch als Behörde. Das ist nichts Persönliches und bleibt uns hoffentlich erspart. Aber so ist die Welt heute nun mal. Wenn etwas schiefgeht, findet sich ein Sündenbock. Immer. Man muss nur richtig suchen. Gut möglich, dass diesmal ihr Verein an der Reihe ist.“ (Auszug Seiten 29-30)

Eine Stadt in Nordengland. Der Geheimdienst hat einen V-Mann in einer islamistischen Terrorzelle. Die Zelle plant einen Sprengstoffanschlag und will angeblich einen Probelauf machen. Der V-Mann Abu Omar wird kontrolliert und überwacht, doch als er den Bahnhof betritt, löst er eine Bombe aus. Ein verheerendes Attentat und der Geheimdienst ist völlig blamiert. Im Zentrum der Kritik steht Führungsoffizier Jake Winter. Er selbst grübelt darüber am meisten nach, in welchem Moment die Sache schief gelaufen ist. Wenige Monate später beginnt die politische Aufbereitung des Attentats – ein unabhängiger Untersuchungsausschuss, in den Jake als (anonym bleibender) Zeuge geladen ist. Er befürchtet, dass man ihn als Sündenbock brandmarkt. Doch zeitgleich bietet sich Jake eine neue, vielleicht letzte Chance: Ein Islamist hat sich als V-Mann angedient. Auch er ist Teil einer Zelle, die einen noch größeren Anschlag vorbereitet. Jake setzt alles daran, seine Fehler nicht zu wiederholen und diesmal an die Hintermänner heranzukommen.

Den Autor Nicholas Searle umgibt eine gewisse mysteriöse Aura. Viel erfährt man nicht über ihn. Brite, studierte Sprachen unter anderem in Göttingen, war danach lange im Staatsdienst in seiner Heimat und in Neuseeland. Zu seinem Debütroman „The Good Liar“ (dt. „Das alte Böse“) ließ sein britischer Verlag verlauten: „[he] is not allowed to say more about his career than that he was a senior civil servant for many years“. Das klingt natürlich sehr undurchsichtig und geheim und erinnert natürlich an Koryphäen wie John le Carré, der seine Jahre als Geheimdienstler gewinnbringend in seine Romane umzusetzen wusste und noch weiß.

Und in diese Tradition kann man Der Sprengsatz in jedem Fall einordnen. Searle beschreibt einen Geheimdienst in schwieriger Lage und mit den zu erwartenden internen Machtspielen und Illoyalitäten. Islamische Gefährder und Rückkehrer aus den Kampfgebieten können jederzeit Anschläge verüben, die Zuverlässigkeit der eigenen V-Männer ist unklar, ausländische Dienste spielen ihr eigenes Spiel. Im konkreten Fall gab es bereits einen verheerenden Anschlag und die Schuldsuche hat eingesetzt. Jake Winter wäre der passende Schuldige. Und vermutlich wäre er schon längst vom Dienst suspendiert, wenn er nicht der Kontaktmann für den nächsten wichtigen V-Mann in der Szene wäre. Doch die Messer werden gewetzt.

Dramaturgisch löst der Autor die Verbindung zwischen altem und neuem Fall sehr geschickt und lässt Jake Winter zwischen Untersuchungsausschuss und V-Mann-Betreuung hin und her pendeln. Nach und nach kommt ein wenig mehr Licht in den alten Fall und zeitgleich spitzt sich die Situation aufs Neue zu. Dabei setzt Searle auf wechselnde Perspektiven. Er begleitet neben Winter weitere Personen des Geheimdienstes, die vier Personen der neuen Terrorzelle und ein Ehepaar mit pakistanischen Wurzeln, das im ersten Anschlag Sohn und Enkeltochter verlor.

Gerade die Abschnitte mit dem Ehepaar Masoud und den Islamisten haben mir auch am besten gefallen. Aus diesen Figuren holt der Autor viel heraus, wohingegen die Hauptfigur Jake Winter über weite Strecken eher vage und ungreifbar bleibt (Geheimdienstler halt). Aber insgesamt überzeugt dieser Thriller mit einem realistischen Plot, sehr gelungenen Dialogen und einem guten Spannungsbogen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Sprengsatz n| Erschienen am 18. Juni 2019 bei Kindler im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-463-40721-0
304 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Don Winslow | Tage der Toten Bd. 1

Don Winslow | Tage der Toten Bd. 1

Art Keller sieht der DC-4 bei der Landung zu.
Sein Auto steht auf einer Anhöhe über dem Flughafen von Guadalajara, neben ihm sitzt Ernie Hidalgo. Nach einer Weile beobachten sie, wie mexikanische Federales beim Löschen der Fracht helfen. […]
„Und was, glaubst du, steckt in den Kisten?“
„Schokokekse?“
„Häschenpantoffeln?“
„Wir wissen nur, was nicht drinsteckt“, sagt Keller. „Nämlich Kokain. Denn…“
Zusammen beenden Sie den Satz: „…es gibt kein Kokain in Mexiko!“ (Auszug Seiten 133-134)

1975: Ex-CIA-Mann Art Keller ist als Neuling in der Anti-Drogenbehörde DEA voller Tatendrang, doch er wird von den Alteingesessenen ausgebremst. Auf seinem Posten in Sinaloa in Mexiko ist er isoliert und wird ignoriert. Doch eines Tages tritt Keller in einer Turnhalle spontan zu einem Sparring gegen einen einheimischen aufstrebenden Boxer an und erwirbt sich den Respekt der Manager des Boxers: Adán und Raúl Barrera. Es ist der Beginn einer kurzen Freundschaft und einer Jahrzehnte dauernden Rivalität.

Schnell kommt Keller auch in Kontakt zu Adáns und Raúls Onkel Tío, Polizeioffizier und rechte Hand des Provinzgouverneurs. Dank Tío erhält Keller endlich Kontakte zu den mexikanischen Behörden. Sie planen eine große Operation als großen Schlag gegen die örtlichen Opiumproduzenten und bringen den regionalen Drogenboss zur Strecke. Ein großer Erfolg für Keller, der endlich in seiner Behörde zu Ansehen gelangt. Offiziell ist der mexikanische Opiumring zerschlagen. Doch Keller weiß, dass die Operation lediglich einen neuen mächtigen Mann an die Spitze des Kartells gespült hat: Tío Barrera.

Don Winslow war in der 1990ern bereits ein erfolgreicher Autor mit seinen Neal Carey-Romanen und „The Death und Life of Bobby Z“. 1999 erschien „California Fire And Life“ (dt. „Die Sprache des Feuers“). Danach nahm sich Winslow mehr als fünf Jahre Zeit für seinen nächsten Roman. Er recherchierte wie ein Besessener in offiziellen Akten, Protokollen, Büchern und führte zahlreiche Interviews über den „War on drugs“, den Krieg der USA gegen Drogen, erstmals postuliert von Richard Nixon im Jahr 1972. Und Winslow selbst meint zur Entstehungsgeschichte:

„Je mehr Informationen ich sammelte, um so größer wurde meine Wut. Da wusste ich dann, dass es ein dickes Buch werden musste, wenn ich der Geschichte gerecht werden wollte.“ (1)

Seine Wut kanalisierte Winslow in dem 700-Seiten-Thriller „Power Of The Dogs“, auf Deutsch Tage der Toten (in Anlehnung an den mexikanischen Feiertag Día de los Muertos). Ein wuchtiger Roman, ein spannender Thriller, gleichzeitig ein Epos, das knapp dreißig Jahre abdeckt. Schon mit den ersten beiden Szenen setzt der Autor den Ton: Im Prolog ein Anwesen in Baja California 1997 mit einer hingerichteten Großfamilie, nach einem Schnitt 1975 ein brennendes Mohnfeld in Sinaloa, „Hieronymus Bosch malt den Drogenkrieg“. Winslow verpflichtet sich zu unbarmherzigem Realismus. Er hat selbst immer erklärt, „praktisch nichts im Roman sei komplett erfunden“ (2).

Winslow vermittelt einen Eindruck vom „schmutzigen“ Drogenkrieg, Stichwort Iran-Contra-Affäre oder School of the Americas. Er zeigt die Instabilität Mexikos auf, eine ungeheure Verflechtung von organisiertem Verbrechen, Staatsmacht und Kirche. Außerdem schildert er die Gnadenlosigkeit der Kartelle und beschreibt eine Brutalität, die mindestens einmal selbst Hartgesottenen das Blut gefrieren lässt (die Szene auf der Brücke in Kolumbien). Doch all die Gewalt wird nicht zum Selbstzweck geschildert, sondern ist quasi nur ein fiktives Abbild der Wirklichkeit.

In den meisten Nächten also leisten ihm die Toten Gesellschaft.
Sie haben immer Zeit für ihn, und sie sind viele. Ernie Hidalgo, Pilar Talavera und ihre zwei Kinder. Juan Parada. Allesamt Opfer seines Privatkriegs gegen die Barreras. Sie besuchen ihn des Nachts, reden mit ihm, fragen ihn, ob es die Sache wert war.
Bis jetzt zumindest lautet seine Antwort nein. (Seite 539)

Im Zentrum der Geschichte steht Art Keller, zu Beginn ein „Company Cowboy“, ein Ex-CIA-Mann, was ihm im Laufe der Zeit doch eher zum Vorteil gereicht. Seine Zusammenarbeit mit den Barreras lässt ihn, obwohl er in der Hierarchie der DEA aufsteigt, verbittert und unzufrieden zurück. So macht er sich mit glühendem Eifer daran, ihnen das Handwerk zu legen. Da sind Kollateralschäden nicht weit, es sterben eine Menge Menschen und auch seine Familie hält Kellers Feldzug nicht aus. Seine Nemesis ist Adán Barrera, der bald seinem Onkel Tío an die Spitze des Kartells folgt. Adán ist ein gemäßigter Mann, ein Stratege, kein Großkotz, ein liebender Vater einer behinderten Tochter. Doch natürlich ist er machtbewusst und weiß, wann Härte vonnöten ist, wenngleich er diese Dinge seinem impulsiven Bruder Raúl überlässt.

„Gott segne dich.“
„Ich glaube nicht an Gott“, erwidert Keller.
„Macht nichts“, sagt Parada. „Er glaubt an dich.“
Dann, denkt Keller, ist er ein ganz schöner Trottel. (Seite 74)

Winslow wählt eine multiperspektivische personale Erzählweise, in der noch mehr Personen ins Blickfeld kommen: Nora Hayden, ein Luxus-Callgirl; Sean Callan, ein irischer Killer in Diensten der New Yorker Mafia; Pater Juan Parada, ein Kirchenmann des Volkes, was nicht nur dem Opus Dei sauer aufstößt. Allen Figuren verleiht Winslow eine authentische Perspektive, vermeidet Schwarz-Weiß-Skizzierungen. So überschreitet der Mann des Gesetzes, Art Keller, nicht nur einmal die Grenze zur Illegalität, der Drogenboss Adán Barrera ist ein treu sorgender Vater und der Ire Callan im Grunde ein ganz netter Kerl.

Tage der Toten ist ein harter Thriller, der die Realitäten schonungslos rekapituliert und den Leser in ziemliche Düsternis führt. Am Ende gibt es zwar einen Funken Hoffnung, die aber allzu trügerisch wirkt. Winslow erzählt im Präsens, mit vielen knappen, prägnanten Sätzen (ohne in das Stakkato eines bekannten Kollegen zu verfallen) und starken Dialogen. Die Spannungskurve flacht eigentlich gar nicht ab. Der Puls des Romans bleibt konstant hoch, auch durch die Perspektivwechsel. Auf den Punkt gebracht ist Tage der Toten ein brillanter Thriller, schon jetzt ein Klassiker, der Autor Don Winslow in den Olymp der Genreschriftsteller katapultierte. Und das völlig zurecht.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Tage der Toten | Erstmals erschienen 2005
Die aktuelle Ausgabe erschien am 16. April 2012 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46340-6
689 Seiten | 10.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

(1) Interview Christophe Dupuis mit Don Winslow
(2) Artikel von Peter Körte in der FAZ

Auch bei uns: Rezension zu Corruption von Don Winslow.

Weiterlesen: Rezension zu Tage der Toten von Der Schneemann

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezial Die Kartell-Trilogie von Don Winslow.

André Georgi | Die letzte Terroristin

André Georgi | Die letzte Terroristin

Oben auf dem Brief prangen der rote Stern und das Sturmgewehr. Darunter bekennt sich das Kommando Holger Meins zu dem Attentat. Kawert lässt den Brief sinken und schaut zurück auf das Desaster hinter ihm, auf den völlig zerstörten Wagen, auf Wegners halb von Kawerts Mantel bedeckte Leiche. Noch nie in seinem Leben – noch nie – hat Kawert sich so sehr wie ein Versager gefühlt wie heute. (Auszug Seite 30)

Das frisch vereinte Deutschland im Jahr 1991: Treuhand-Chef Hans-Georg Dahlmann hat den undankbarsten Job im Land: Er muss die ostdeutsche Staatsbetriebe privatisieren und dabei versuchen, genügend Jobs im Osten zu erhalten. Doch die westdeutsche und ausländische Wirtschaft wollen im Osten eher Schnäppchen machen. So wird Dahlmann zwischen den Positionen zerrieben und angefeindet. Er steht bereits auf der Liste der Roten Armee Fraktion.

In dieser Situation bewirbt sich eine junge Frau bei ihm um eine Assistentenstelle, Sandra Wellmann. Eine ehemalige Kommillitonin seiner Tochter, begabt und strebsam. Dahlmann stellt sie ein und sie wird schnell seine rechte Hand. Doch was er nicht weiß: Wellmann ist während des Studium von der RAF rekrutiert worden. Sie soll ihn ausspionieren, einen Anschlag vorbereiten. Doch ihre Entschlossenheit wird auf eine harte Probe gestellt, denn Dahlmann ist kein Raubtierkapitalist. Er kennt Marx und Engels besser als sie, er kämpft gegen andere, um den totalen Ausverkauf zu verhindern, er protegiert sie.

Währenddessen versucht BKA-Abteilungsleiter Andreas Kawert die dritte Generation der RAF aufzuspüren. Anders als die vorherigen RAF-Generationen hinterlässt diese kaum Spuren. Kawert hat viel Mühe investiert, um ein V-Mann-Netz aufzubauen, um die RAF zu infiltrieren. Doch den Anschlag auf den Bankchef Wegner konnte Kawert nicht verhindern. Nun steht er unter enormen Druck. Denn er ahnt, dass Hans-Georg Dahlmann der nächste auf der Todesliste der RAF ist.

Autor André Georgi ist vor allem als Drehbuchautor tätig und hat für zahlreiche TV-Reihen und Fernsehfilme die Vorlage verfasst. 2014 gab er sein Debüt als Autor mit dem starken Thriller Tribunal über den Bosnienkrieg und die Kriegsverbrecherprozesse in Den Haag. Und auch mit seinem zweiten Buch bleibt er dem Sujet des Politthrillers treu. Wer sich in der Geschichte der Bundesrepublik ein wenig auskennt, der wird erkennen, was Georgi hier zu einem fiktiven Politthriller zusammenbraut. Das Attentat auf Alfred Herrhausen, der Mord an Detlev Rohwedder, der Polizeizugriff in Bad Kleinen. Alles mehr als 25 Jahre her, von einigen sicherlich längst vergessen (wie die RAF) – ist das heutzutage noch der richtige Stoff für einen spannenden Thriller?

Das kann ich absolut bejahen. Das gilt auch für die vielen, die die Ereignisse von damals kaum noch präsent haben dürften. Georgi schreibt spannend, mit dem richtigen Gespür für Tempo und Dialoge. Aber es funktioniert genauso für jemanden wie mich, den die Geschichte der RAF schon immer faszinierte, seitdem ich als Neunjähriger in den Fernsehnachrichten die Bilder vom Tatort des Mordes an Gerold von Braunmühl gesehen hatte. Ich kenne die Fakten, dementsprechend das grobe Gerüst des Plots bis hin zum Ende – und trotzdem war es für mich nicht langweilig, sondern ich fühlte mich gut unterhalten. Zum einen durch die fiktiven Parts, die alternativen Erklärungsansätze, manche nennen es Verschwörungstheorien (der Mord an Rohwedder wird offiziell immer noch der RAF zugeschrieben und die Spuren weisen auch eindeutig in diese Richtung, doch es gab immer mal wieder Zweifel an der Version). Zum anderen an dem präzisen Blick des Autors für die verschiedenen Figuren und den deutschen Realitäten Anfang der Neunziger, die er mit teilweise spitzer Feder beschreibt.

Wo sind die Erben des Sozialismus, die uns beistehen und den Anschluss rückgängig machen? Denen wir gezeigt haben, dass wir bereit sind, alles aufzugeben? Eine satte, selbstzufriedene Landschaft verweigert den Ausnahmezustand. Eine Partisanin sticht den Leviathan mit einer Tannennadel in den Fuß, der Leviathan spürt ein Kitzeln, lacht ein frühlingsblaues Lachen und holt die Fliegenklatsche. Zehn Minuten noch oder zehn Wochen, dann klebe ich als zermatschtes Insekt an der Windschutzscheibe von DaimlerAudiBMWOpelVWPorscheland. (Seiten 249-250)

Der Roman wurde nach einem Drehbuchs des Autors auch als Zweiteiler verfilmt. Am 5.und 7. November 2018 lief im ZDF „Der Mordanschlag“. Nach dem zweiten Teil folgte dann noch eine 45-minütige Dokumentation. Die Hauptrollen spielen Petra Schmidt-Schaller als Sandra Wellmann, Ulrich Tukur als Hans-Georg Dahlmann, Jenny Schily als Terroristin Bettina Pohlheim und Maximilian Brückner als Andreas Kawert. Der Film ist bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzt worden (u.a. Susanne von Borsody, Stefanie Stappenbeck, Christoph Bach, Alexander Held). Ein exzellenter Cast, bei dem – wieder einmal – Tukur als harter, aber herzlicher Macher mit Augenmaß herausragt. Dagegen bleibt Schmidt-Schaller etwas blass, was auch daran liegen könnte, dass man als Zuschauer lange rätselt, warum sie überhaupt bei der RAF mitmacht, wirkt sie doch über weite Strecken eher wenig kämpferisch.

Dadurch, dass Drehbuch und Buch aus einer Hand kommen, sind Buch und Film auch nahe beieinander. Das Spiel, dass Georgi um Fakten und Fiktion treibt, ist im Film noch einen Tick extremer, da einige Szenen (insbesondere beim Attentat auf Wegner/Herrhausen) sehr eng an den tatsächlichen Ereignissen angelehnt inszeniert wurden und die alten Bilder dem Zuschauer wieder ins Gedächtnis kommen. Um die Verschwörungstheorien jedoch nicht allzu sehr ins Kraut schießen zu lassen, wird die Täterschaft der RAF in der anschließenden Dokumentation noch mal deutlich betont. Ansonsten verfolgt diese eher die Person Rohwedder und sein Wirken in der Treuhand und weniger der RAF. Das fand ich ein wenig schade, aber neue Erkenntnisse beim Mord an Rohwedder sind wohl nicht mehr zu erwarten. Die RAF hat sich zum Mord bekannt, Haarspuren des in Bad Kleinen getöteten Terroristen Wolfgang Grams wurden am Tatort gefunden, die genauen Täter sind bis heute nicht ermittelt und werden es wohl auch nie.
Insgesamt war der Fernsehfilm durchaus passabel, allerdings gelingt es ihm – anders als dem Buch – zu selten, die Tiefe der Figuren auszuloten. Insofern gibt es von mir eine klare Empfehlung für das Buch für alle Freunde des gepflegten Politthrillers.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die letzte Terroristin | Erschienen am 13. August 2018 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46780-0
362 Seiten | 14.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Der Fernsehfilm „Der Mordanschlag“ ist noch bis Anfang Mai 2019 und „Der Mordanschlag – Die Dokumentation“ bis November 2023 in der Mediathek des ZDF abrufbar.

Gerald Seymour | Vagabond

Gerald Seymour | Vagabond

„Ich kenne keinen Besseren als Vagabond. Er ist so erfolgreich, weil er durchs Feuer geht, um seine Zielperson zu kriegen. Der ruft nicht bei der Gesundheitsbehörde an, wenn’s mal brenzlig wird, oder beschwert sich wegen Überstunden. Dieser Mann wäre von den Toten auferstanden, um meiner Anweisung zu folgen. Hatte ich das Recht, ihn aus dem Ruhestand zu holen? Diese Bürde muss ich tragen.“ (Auszug Seite 449-450)

Nordirland, 2000er Jahre: Nach dem Friedensschluss ist verhältnismäßig Ruhe eingekehrt im zerrissenen Land. Die meisten der ehemaligen Kämpfer haben sich dem Prozess unterworfen. Doch es gibt sie noch, die Frustrierten, ewig Gestrigen. Doch sie sind weitgehend isoliert, haben nur noch wenig direkte Unterstützung und nur noch sehr begrenzte finanzielle Mittel. Mit frischen, modernen Waffen könnte man vielleicht wieder ins Spiel kommen. Und so bemüht sich eine IRA-Splittergruppe um Waffen von einem russischen Waffenhändler. Doch der Deal steht im Visier des Geheimdienstes, der Mittelsmann ist ein Informant. Die Aktion wird geleitet von Gaby Davies, doch ihr Vorgesetzter beim MI5, Matthew Broderick, hat besondere Anforderungen, so dass er einen zusätzlichen Agenten reaktiviert: Danny Curnow, ehemaliger Deckname: Vagabond.

Danny war jahrelang Agentenführer beim FRU, einer verdeckten Geheimdiensteinheit in Nordirland, die sich auf die Infiltration von republikanischen Terroristengruppen spezialisiert hatte. Vagabond war einer der erfolgreichsten Führungsoffiziere, sorgte für die Festnahme oder für den Tod von IRA-Kämpfern, aber war ebenso mitbeteiligt, wenn Informanten getötet wurden oder sogar Unbeteiligte geopfert wurden, um die Glaubwürdigkeit von wichtigen Spitzeln zu erhalten. Irgendwann wurde es Danny zu viel und er ist einfach gegangen, ohne offiziell zu kündigen. Er hat sich mit seinem engen Kollegen Dusty neu orientiert. Die beiden sind nach Nordfrankreich gezogen und haben sich dort als Touristenführer für die Schauplätze des Zweiten Weltkriegs etabliert. Dort wird Danny von Broderick aufgespürt und mit leichtem Zwang rekrutiert.

Schauplatz des Deals wird Tschechien sein. Dort, in einer Villa in Karlovy Vary, residiert Timofei Simonow, ehemaliger russischer Geheimdienstler, der sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Waffenhandel und anderen kriminellen Geschäften etablierte. Der Mittelsmann und Informant Ralph Exton ist ein alter Freund von Simonow, ein Lügner und Opportunist. Von Seiten der IRA ist ein alter Bekannter von Danny Curnow beteiligt, Malachy Riordan. Vagabond hatte vor Jahrzehnten dessen Vater liquidieren lassen. In Prag warten die meisten der Beteiligten auf den Abschluss des Deals, belauern sich und nähren ihre Zweifel, Ängste, Nervosität oder gar Vorfreunde.

Autor Gerald Seymour arbeitete lange Jahre als politischer Journalist. 1975 veröffentlichte er seinen ersten Politthriller „Harry’s Game“ („Das tödliche Patt“ in der deutschen Übersetzung). Seitdem brachte Seymour fast jährlich ein neues Buch heraus und etablierte sich insbesondere in seiner britischen Heimat in der ersten Riege der Politthrillerautoren. Mehrere seiner Romane wurden fürs britische Fernsehen verfilmt. In Deutschland wurde Seymours Thriller bis zum Ende der 1990er regelmäßig übersetzt. Danach tat sich allerdings fast zwanzig Jahre oder vierzehn Romane lang nichts, bevor Thomas Wörtche ihn in seiner Reihe bei Suhrkamp wieder hervorholte. Übersetzt wurde „Vagabond“ übrigens von den in der deutschen Krimiszene auch nicht ganz unbekannten Zoë Beck und Andrea O´Brien.

Danny Curnow hatte vor all den Jahren, als Hanna ihn vor die Wahl stellte, geschwiegen, weil er nichts anderes gewagt hatte. Er war vergiftet. Mit den Toten zu marschieren war die Schuld, die er zu begleichen hatte. (Seite 70)

Müsste ich Gerald Seymours Stil in Vagabond mit einem Wort beschreiben, würde ich vermutlich „präzise“ wählen. Oder „minutiös“. Seymour sammelt von Beginn an ein üppiges Personal an und wechselt auch sehr häufig die Perspektive. Dadurch wird es durchaus komplex, aber man hat trotzdem das Gefühl, dass der Autor alles im Griff hat. Das Buch ist durchaus ein Polit- oder Spionagethriller, es geht um die IRA und um einen Waffenhändler und um die schmutzige Arbeit der Geheimdienste. Aber keine Angst vor politischen Referaten, denn Seymour nähert sich der Thematik über seine Figuren. Diese werden intensiv beschrieben und aufs Engste durch diese Geschichte begleitet.

Fast alle haben eine Schuld auf sich geladen, sind Verräter, Opportunisten, Karrieristen, doch ihre Beschreibung bleibt nicht eindimensional. Sehr eindrucksvoll gelingt dem Autor auch die Skizzierung eines Nordirland, in dem die Grenzen zwischen Informanten, Verrätern, Terroristen und Friedensgewinnern sehr diffus sind und die Vergangenheit nicht so einfach unter den Teppich gekehrt werden kann. Denn dafür gab es zu viele Ungerechtigkeiten, zu viele Personen auf beiden Seiten wurden vereinnahmt, unter Druck gesetzt, gebrochen und dann wieder allein gelassen. Oder der Rache der Gegenseite überlassen.

Der Leser darf hier kein Actionfeuerwerk erwarten. Es gibt keinen wilden Ritt durch mehrere Länder mit großem Waffenarsenal. Stattdessen bietet Vagabond in bester Le-Carré’scher Tradition einen unverfälschten Blick in die deprimierende Arbeit der Geheimdienste, präzise Psychogramme der beteiligten Figuren und darüber hinaus einen manchmal etwas tempoarmen, aber dennoch spannenden Plot, bei dem der Leser irgendwann ahnt, dass hinter der ganzen Aktion noch mehr steckt, als es zunächst den Anschein hat. Und recht behält (eigentlich unnötig, dass der Klappentext dies auch andeutet).

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Vagabond | Erschienen am 12. Dezember 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 987-3-518-46742-8
498 Seiten | 14.95 Euro
Bibliografischer Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.

Claudia Piñeiro | Der Privatsekretär

Claudia Piñeiro | Der Privatsekretär

Wieder wäre ich am liebsten mit den Fäusten auf ihn losgegangen. Aber damit hätte ich mir keinen Gefallen getan. Das Spiel um die Macht, das zwischen uns ausgetragen wurde,entschied sich auf einem anderen Feld und bei einer anderen, womöglich kaum wahrnehmbaren Gelegenheit. Irgendwann würde es so weit sein, dass er, der Herr, seinem Knecht unterlegen wäre. Aber wie würde ich merken, dass dieser Augenblick gekommen wäre. Nun – er war es, jetzt. (Auszug Seite 211).

Der junge Román Sabaté bewirbt sich mehr durch Zufall für einen Job bei „Pragma“, einer aufstrebenden populistischen Partei in Argentinien. Der Parteichef Fernando Rovira ist ein charismatischer Mann, der nur ein Ziel kennt: Das Präsidentenamt. Román schafft es bis in den innersten Zirkel um Rovira und erkennt irgendwann das Ausmaß der Polittricks, Lügen und Manipulationen. Doch sein Versuch, aus diesem Netz auszubrechen, wird für Román höchstgefährlich.

Der Roman beginnt mit einer Flucht: Román wartet im Busbahnhof auf einen Bus, der ihn aus Buenos Aires herausbringen soll. Aber er tritt die Flucht nicht alleine an: Er hat Joaquín bei sich, Fernando Roviras kleinen Sohn. Die Geschichte wird nun abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven erzählt und mit Rückblicken wird offenbart, wie es so weit kommen konnte.

Román Sabate ist gerade erst nach Buenos Aires gezogen, benötigt dringend Geld, um sich über Wasser zu halten und probiert es einfach mal bei dem Vorstellungsgespräch bei dieser Partei „Pragma“, zu dem ihn sein Zimmergenosse Sebastián Petit mitgeschleppt hat. Anders als sein Kumpel, der Politikwissenschaft studiert, hat Román mit Politik nicht viel am Hut, trotzdem erhält überraschend er den Job und nicht Sebastián (der allerdings später über Román in die Partei kommt). Der Parteichef Fernando Rovira hält von Anfang an große Stücke auf Román, obwohl dieser nicht unbedingt ein politischer Stratege ist. Román wird Privatsekretär und Fitnesstrainer von Rovira und erhält auch Zugang zu dessen Frau und später zu dessen Sohn. Doch nach und nach wird in dieser Geschichte Unglaubliches aufgedröselt, eine Manipulation ungeheuren Ausmaßes, in der Rovira Román verwickelt hat und die diesen schließlich veranlasst, sich Rovira entgegenzustellen. Dabei erhält er Unterstützung durch die Journalistin Valentina Sureda (wegen ihrer asiatischen Augen „China“ genannt), in die sich Román verguckt hat (und umgekehrt). China ist Reporterin eines TV-Senders und schreibt gerade ein Buch, durch das sie Kontakt zu Rovira und Román hat. Dieses Buch (das in Skizzenform auch als Kapitel in diesem Roman vorkommt) handelt vom sogenannten Alsina-Fluch. Ein hartnäckiger Fluch, der von allen Politikern in Argentinien bestritten wird und doch im Verborgenen durch den verbreiteten Aberglauben das Handeln bestimmt. Dieser Fluch besagt, dass es keinem Gouverneur der Provinz Buenos Aires (zu dem die Hauptstadt wegen eines Sonderstatus nicht gehört) gelingt, argentinischer Präsident zu werden. Besondere Bedeutung erlangt dabei die Planstadt und Provinzhauptstadt La Plata, um deren Gründung sich ebenfalls merkwürdige Gerüchte ranken.

Fernando Rovira war erfolgreicher Bauunternehmer, bevor er dann in die Politik ging, eine Bürgerbewegung gründete und bei der Wahl des Gouverneurs gewann. Doch Rovira weiß um diesen Fluch, er hat einen umtriebigen Spin-Doctor und eine Mutter, die so etwas wie eine Seherin ist, die ebenfalls darauf hinarbeiten, diesen Fluch zu bezwingen. Und so arbeitet Rovira verbissen auf sein Ziel, das Präsidentenamt, hin und ist sich dabei keiner Täuschung und poltischen Instrumentalisierung zu schade. Sein wichtigstes politisches Projekt aktuell: Die Teilung der Provinz Buenos Aires in zwei neue Provinzen, um damit den Fluch zu brechen.

Sehr faszinierend ist der Einblick in die Mechanismen der Macht, den die Autorin hier bietet. Eine sklavische Unterordnung an Umfragewerte, Meinungsbilder und Statistiken, garniert mit einer großen Portion Aberglaube. Fernando Rovira ist eine dieser skrupellosen, populistischen, aber charismatischen Politaufsteiger, die ohne große eigene Visionen sich allerlei Tricks und Lügen (und Schlimmeres) zu Nutze machen. Dies fällt irgendwann auch Román auf, der dann auf einer Busfahrt ein Aha-Erlebnis hat. Er kommt ins Gespräch mit einer Philosophielehrerin, die ihn auf Hegels Dialektik von Herr und Knecht aufmerksam macht. Obwohl das Verhältnis eindeutig scheint, sich der Knecht untergeordnet hat, ist der Herr in Wirklichkeit ebenfalls von seinem Knecht abhängig.

Autorin Claudia Piñeiro ist eine der erfolgreichsten argentinischen Autoren. Sie schreibt auch Kinder- und Jugendbücher, arbeitet als Regisseurin und beim Theater. Piñeiro ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitete vor ihrer schriftstellerischen Karriere als Rechnungsprüferin. Ihr Debütroman „Ganz die Deine“ erschien 2003. Ihre Romane sind zumeist Dramen mit aktuellen gesellschaftlichen Themen, oftmals verpackt in eine Kriminalgeschichte.

Der Privatsekretär ist ein wirklich exzellent komponierter Roman. Die ganzen Perspektivwechsel, Rückblenden und Buchauszüge fügen sich sehr gekonnt zu einer starken Geschichte zusammen. Auch die Figuren überzeugen in ihren jeweiligen Rollen. Was ich bemerkenswert fand: Der Roman zeigt den Niedergang einer demokratischen politischen Kultur und kommt gleichzeitig ohne politische Themen aus. Wofür Rovira und „Pragma“ eigentlich stehen, bleibt völlig offen. Entscheidend ist die entblößende Darstellung und Analyse eines Politikstils der Täuschung und Machtgier ohne Inhalte. Trotz der anspruchsvollen Konzeption des Romans gelingt Claudia Piñeiro auch noch ein gelungener Spannungsbogen. Lediglich das Ende fühlte sich (ohne zu spoilern) relativ unspektakulär an, bietet aber dafür eines der großartigsten Schlussbilder, die ich bisher in einem Thriller gelesen habe. Das Buch ist definitiv ein Highlight in diesem Jahr!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Privatsekretär | Erschienen am 1. Februar 2018 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-31014-8 (EPUB)
eBook: 288 Seiten | 18.99 Euro
ISBN 978-3-293-00534-1 (Hardcover)
320 Seiten | 22. Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe