Kategorie: noir | hardboiled

Jakob Arjouni | Ein Mann, ein Mord

Jakob Arjouni | Ein Mann, ein Mord

Das Eros-Center Elbestrasse hatte vier Stockwerke mit jeweils zwanzig bis fünfundzwanzig Zimmern, einer Dusche und einer Toilette. Erdgeschoß und erster Stock wurden jeden Tag gefegt, waren am unsatzstärksten und fest in deutscher Hand. Nach oben hin wurden die Flure dunkler, die Frauen billiger und farbiger. Im dritten Stock Asiatinnen, im vierten Afrikanerinnen; die Putzfrau kam einmal die Woche. (Auszug Seite 24)

Ein etwas schrulliger Künstler und Autor namens Weidenbusch engagiert Kemal Kayankaya, um seine Freundin Sri Dao zu finden. Diese ist Thailänderin und arbeitete als Prostituierte in einem Club der lokalen Größe Charly Köberle. Weidenbusch bezahlte 5.000 Mark, um Sri Dao freizukaufen. Bei einem Treffen mit einem Kontakt, um falsche Papiere zur Verhinderung von Sri Daos Abschiebung bekommen, wurde Sri Dao in ein Auto gezerrt und Weidenbusch mit einer Waffe bedroht. Seitdem ist die Frau verschwunden.

Kayankaya begibt sich direkt ins Frankfurter Milieu ins Eroscenter des Charly Köberle. Dort trifft er überraschend auf seinen Kumpel Slibulsky, der offenbar jetzt Handlangerdienste für Köberle erledigt. Doch Kayankaya erreichts zunächst nichts. Auch ein Besuch beim Ausländeramt und der Ausländerpolizei gerät zum Desaster, da Kayankaya dort nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird. Doch dann erhält er unerwartet von einem Polizisten doch noch einen Tipp: In einer Villa in Gellersheim sollen in letzter Zeit häufiger Gruppen von Ausländern einquartiert worden sein.

Ein Mann, ein Mord ist der dritte Roman um den inzwischen legendären Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya. 1985 tauchte Kayankaya mit Happy Birthday, Türke! das erste Mal auf der Bildfläche auf. Verkatert und abgeranzt löste er seinen ersten Fall im Rotlichtmilieu der Mainmetropole. Dieser Privatdetektiv steht ganz in der Tradition amerikanischer Hardboiled-Krimis, mehr als einmal wurden von verschiedener Seite Parallelen zu Raymond Chandlers Marlowe gezogen. Jedenfalls waren sowohl Leser als auch Kritiker von dieser Figur begeistert. Maxim Biller schrieb damals im Magazin „Tempo“ euphorisch: „Eine literarische Figur […], die man nie mehr vergißt. Eine Gestalt, die es, jawohl, in der deutschen Literatur seit Oskar Matzerath nicht mehr gab.“ Insgesamt fünf Krimis mit Kayankaya schrieb Autor Jakob Arjouni, der 2013 schon mit 48 Jahren an einem Krebsleiden verstarb.

Arjouni hat diese Figur Kayankaya aber auch äußerst trickreich angelegt. Als Kind türkischer Eltern wurde er als Kleinkind von einem deutschen Ehepaar adoptiert, nachdem die Eltern tödlich verunglückt waren. Nun hat Kayankaya unzweifelhaft einen türkischen Namen und einen türkischen Teint, ist ansonsten aber ein waschechter Hesse, beherrscht nicht einmal die türkische Sprache. Das macht ihn zur Zielscheibe des alltäglichen Rassismus, bei den Vermietern, bei der Polizei, bei den Passanten auf der Straße. Doch Kayankaya hat eigentlich immer eine ironisch-schlagfertige Replik parat. Das macht auch den Charme dieses Privatdetektivs aus: Immer etwas heruntergekommen, immer klamm, immer ein schneller Spruch, er geht keiner Konfrontation aus dem Weg, überquert die Grenzen der Legalität, aber Kayankaya ist im Inneren ein Typ mit viel Herz, Sensibilität und Empathie.

Die Kayankaya-Krimis und seine Hauptfigur nutzt Jakob Arjouni, um neben dem hartgesottenen Krimiplot auch gesellschaftspolitische Statements unterzubringen. Hier in diesem Plot um Menschenhandel und korrupte Behörden, zeigt der Autor klar den gesellschaftlichen und auch behördlichen Rassismus auf. Die Ausländer und Asylsuchenden werden in dieser Geschichte nur ausgenutzt und ausgebeutet, ansonsten sind sie nicht weiter willkommen. Arjouni lässt Kayankaya gegen Ende ein wütendes und resigniertes Selbstgespräch führen, in dem er sich beklagt, wie mit diesen Menschen umgegangen wird und diese als „Schmarotzer“ abgestempelt werden, die auf unsere Kosten leben,

„obwohl diese Kosten seit Jahrhunderten er getragen hat, und der heute nur dahin geht, wo mit dem Reichtum seines Landes unsere Fußgängerzonen, unsere Fliegerstaffeln und unsere Opernhäuser aufgebaut wurden“. (Seite 116)

„Und auch wenn es manchmal so aussieht, als wäre die freie Meinungsäußerung ausschließlich für Republikaner und Leute, die keine Meinung haben, erfunden, sie gilt auch noch für andere.“ (Seite 67)

Kemal Kayankaya ist einfach ein Typ, den man gern haben muss. Ein Ritter der Gerechtigkeit, der durchs Frankfurter Rotlichtviertel und bundesdeutschen Mief und Scheinheiligkeit stampft. Hinzu kommt der lässige Schreibstil von Arjouni mit großartigen Dialogen und viel Sinn fürs Detail, etwa wie Kayankaya und sein Kumpel Slibulsky ein Tennismatch im Fernsehen anschauen. Insgesamt ist Ein Mann, ein Mord ein großartiger Hardboiled-Großstadt-Krimi, der zudem nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Wer diesen Kemal Kayankaya noch nicht kennt, hat definitiv etwas verpasst!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Ein Mann, ein Mord | Erstveröffentlichung 1991
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 1. September 2012 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-22563-1
192 Seiten | 9.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Kemal Kayankayas erstem Fall Happy Birthday, Türke!

James Lee Burke | Flucht nach Mexiko

James Lee Burke | Flucht nach Mexiko

Im Staat Louisiana ist systematische Korruptionsanfälligkeit selbstverständlich. Die Kultur, die Denkart, die religiösen Einstellungen und die Wirtschaft unterscheiden sich in nichts von einem karibischen Staat. Wer glaubt, im Staat Louisiana zu Reichtum und Macht zu kommen, ohne mit dem Teufel Geschäfte zu machen, weiß höchstwahrscheinlich nichts vom Teufel und noch viel weniger über Louisiana. (Auszug Seiten 142-143)

Im Sommer 1958 arbeiten der blutjunge Dave Robicheaux und sein Halbbruder Jimmie in Galveston, Texas. Als die beiden ein wenig weit aufs Meer hinausschwimmen und auf einer Sandbank von einem Hai umkreist werden, kommt ihnen eine junge Frau zur Hilfe. Die Frau heißt Ida Durbin und arbeitet als Prostituierte in einem Stundenhotel. Jimmie verknallt sich in sie und ist entgegen Daves Rat wild entschlossen, sie aus der Prostitution herauszuholen. Dafür legt er sich sogar mit ihrem Zuhälter an. Doch als Jimmie am vereinbarten Treffpunkt eintrifft,um mit Ida aus der Stadt nach Mexiko zu verschwinden, ist Ida nicht da und taucht auch nicht wieder auf. Doch Jahrzehnte später holt Dave das Verschwinden von Ida Durbin wieder ein.

Dave besucht im Krankenhaus seinen Bekannten Troy Bordelon, der ihn im Sterbebett beichtet, dass er damals als Junge gesehen hat, wo Ida Durbin gefangen gehalten wurde. Aber auch er weiß nicht, was mit ihr anschließend passiert ist. Auf dem Weg nach draußen wird Dave von zwei Deputys angesprochen, die ihm auf den Zahn fühlen wollen, was Bordelon ihm verraten haben könnte. Dave ist alarmiert, denn die Deputys stehen auf der Gehaltsliste der einflussreichen Familie Chalon. Diese war bzw. ist neben zahlreichen legalen Geschäften auch an Bordellen beteiligt, unter anderem in Galveston, Texas. Nun ist es an Dave, der nun angestachelt ist, bei den Chalons aufzutauchen und unangenehme Fragen zu stellen. Dabei zieht er den Zorn von Valentine Chalon auf sich, Sohn des Patriarchen Raphael Chalon. Val Chalon, ein bekannter Fernsehjournalist, versucht daraufhin, Dave mit einer Schmutzkampagne aus dem Weg zu räumen.

Gleichzeitig benötigt noch ein anderer Fall Daves Aufmerksamkeit. Ein Serienmörder verschleppt im Bundesstaat Frauen und ermordet sie anschließend äußerst brutal. Auch in Daves Zuständigkeitsbereich als Deputy in New Iberia geschieht ein solcher Mord, zudem wird eine Zeugin, die Dave kurz zuvor in Sachen Familie Chalon befragt hatte, ermordet. Könnte es tatsächlich eine Verbindung von dieser Mordserie zu den Chalons geben?

„Sie sind unser ortsansässiger Attila. Ein bisschen Lagerfeuerrauch und Tierfett in ihren Haaren und Sie wären perfekt. Sie sind der letzte Dreck, Dave Robicheaux. Genauso wie ihre Frau. Sie ist ein Poser und eine Fotze. Das haben Sie nur noch nicht begriffen.“
Schluck den Köder nicht ermahnte ich mich. Doch es gibt Augenblicke, da ist dieser altmodische Rock ’n‘ Roll die einzige Musik in der Jukebox. (Seite 352)

Nicht nur die Kenner der Robicheaux-Reihe werden ahnen, was hier mit Rock ’n‘ Roll gemeint ist. Der gute alte Dave Robicheaux: Unbeherrscht, unvernünftig, aber immer auf der Seite der Gerechtigkeit – und sei auch ein Gesetzesbruch nötig, um diese herzustellen. Flucht nach Mexiko ist der vierzehnte Band der Reihe und endlich wieder eine deutsche Erstausgabe. Der Bielefelder Pendragon Verlag arbeitet sukzessive daran, die ganze Reihe mit Neuauflagen und Neuübersetzungen an den deutschen Leser zu bringen. Immerhin elf Bände und damit die Hälfte sind geschafft – in den Staaten erscheint bald Band 22 „The New Iberia Blues“. Der inzwischen über 80-jährige Altmeister James Lee Burke ist produktiv wie eh und je.

Auch in diesem Roman spielt Burke seine Fähigkeiten gekonnt aus. Flucht nach Mexiko ist ein souverän geplotteter Hardboiled-Krimi im reizvollen Schauplatz des Südens Louisianas, den der Autor wie üblich wortgewaltig in Szene setzt. Im Roman wird die allgegenwärtige Bigotterie des amerikanischen Südens behandelt, die sich in Korruption, Unterdrückung und Gewalt niederschlägt. Dave Robicheaux muss dabei wie üblich einiges einstecken. Verleumdungen durch Valentine Chalon, er steht unter Mordverdacht und wird wieder einmal von seinem Dämon, dem Alkohol, heimgesucht. Doch es gibt Hoffnung, neben seinem treuen, aber ähnlich unkontrollierbaren Kumpel Clete Purcel, erhält Dave eine neue Stütze: Die ehemalige Ordensschwester Molly wird in diesem Roman seine neue Partnerin.

In Flucht nach Mexiko wird die Reihe und das Genre nicht neu erfunden. Es gibt keine Extravaganzen, sondern Altbewährtes. Und das heißt bei James Lee Burke gewohnte Qualität, auf die sich der Leser blind verlassen kann. Harte Gewalt, Gesellschaftskritik und gleichzeitig ein feines Gespür und ein großes Herz für seine Figuren sowie einen warmen Blick für die atemberaubenden Landschaften Louisianas.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Flucht nach Mexiko | Erschienen am 4. Oktober 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-621-8
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Weitere Rezensionen zu Romanen von James Lee Burke

Abgehakt | September 2018

Abgehakt | September 2018

Francis Beeding | Spellbound Das Haus von Dr. Edwardes ♬

Viele Filme des Altmeisters Alfred Hitchcock basieren auf literarischen Vorlagen. Dieser teils vergessenen Perlen hat sich Jens Wawrczeck in einer neuen Hörbuchreihe angenommen und die spannenden Geschichten vertont. Während mich die Die Vögel sehr begeisterte, hatte ich mit Spellbound so meine Schwierigkeiten und bin nicht wirklich in die Geschichte reingekommen.

Das Haus von Dr. Edwardes ist eine Nervenklinik, die einem Schloss ähnlich sehr abgelegen in den Bergen liegt. Die junge Nachwuchsärztin, Dr. Constance Sedgwick, eine attraktive, unterkühlte Frau, fängt neu in der Klinik an, um erste Berufserfahrungen zu sammeln. Ihr Chef, der renommierte Oberarzt Dr. Edwardes befindet sich nach einem Nervenzusammenbruch im Erholungsurlaub. Während seiner Abwesenheit übernimmt Dr. Murchison die Leitung. Der brillante Psychiater lieferte erst kürzlich einen gefährlich psychotischen Patienten ein, der auf dem Transport einen Pfleger tötete. Nur durch das beherzte Eingreifen von Dr. Murchison konnte noch Schlimmeres wie zum Beispiel eine Flucht verhindert werden.

Die ehrgeizige Dr. Sedgwick begegnet bei ihrer Ankunft mehreren Dorfbewohnern, die sie vor den teuflischen Gefahren in der Nervenklinik warnen. Dieses soll wohl gruseligen Schauer verbreiten. Ich war aber nur von den schrulligen Charakteren genervt. Ellenlange Dialoge in einer betulichen Sprache, die die Geschichte nicht wirklich voran brachten, langweilten mich. Nach zweimaligen Anläufen habe ich das Hörbuch abgebrochen. Die Schauergeschichte hat leider meinen Geschmack nicht getroffen.

Spellbound Das Haus von Dr. Edwardes | Die gehörte Edition erschien am 31. Mai 2018 bei audoba
ISBN 978-3-942210-48-5
Laufzeit: 600 Minuten
16.95 Euro
Bibliografische Angaben & Hörprobe
Genre: Psychothriller
Wertung: entfällt wegen Abbruch

 

Ivo Pala | in Fall für Fuchs & Haas: Die Leiche am Strand

Wie der Titel schon sagt, wird eine Leiche am Strand zwischen Wustrow und Ahrenshoop auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst gefunden. Die Kommissare Bodo Fuchs und Gisa Haas beginnen sofort mit den Ermittlungen, denn zunächst muss herausgefunden werden, um wen es sich bei dem Toten handelt. Nach und nach tauchen Fuchs und Haas in die Kunstszene ein, in der es nicht nur um wertvolle Gemälde, sondern auch um Neid, Missgunst und den eigenen Vorteil geht.

Die Geschichte wird aus Sicht von Fuchs geschildert und dabei erzählt er ziemlich „frei Schnauze“ und der Leser wird direkt angesprochen und geduzt, was ich sehr erfrischend finde. Fuchs und Haas sind nicht immer einer Meinung, aber im Grunde ein gutes Team. Beiden ist der Ermittlungserfolg genauso wichtig wie die kulinarische Verpflegung während der Arbeit. Deshalb gibt es am Ende der Geschichte für den Leser noch einige mecklenburgische Rezepte.

Fazit: „Die Leiche am Strand“ von Ivo Pala ist ein kurzweiliger Krimi für Zwischendurch, der mir gute Unterhaltung geboten hat.

Ein Fall für Fuchs & Haas: Die Leiche am Strand | Erschienen am 25. April 2018 independently published
ISBN-13: 978-1980858508
245 Seiten (TB) | 2.99 Euro (eBook)
Die Taschenbuchausgabe gibt es (wie das eBook) für 9.99 Euro über amazon.de
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Regionalkrimi
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Helen Kampen | Möwe, Meer und Mord

Ein Mord an einer Restaurant-Betreiberin auf der Insel Norderney bringt alle in Aufruhr. Kriminalkommissar de Vries und seine Kollegin Nina kommen aus Aurich angereist, um den Mörder zu finden und die Journalistin Amadea, die gerade mit ihrer Familie Urlaub macht, wittert eine interessante Story.

Der Urlaubskrimi Möwe, Meer und Mord von Helen Kampen hält, was er verspricht: Leichte Unterhaltung für zwischendurch. Schön finde ich, dass die Autorin echte Schauplätze mit einbezogen hat. Das Ende wiederum war etwas absehbar und ich hätte mich über eine Überraschung gefreut. Meine Vorfreude auf den Sommerurlaub ist hiermit aber auf jeden Fall gestiegen!

Möwe, Meer und Mord | Erschienen am 17. März 2016 im Emons Verlag
ISBN 978-3-95451-791-6
224 Seiten | 10.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Regionalkrimi
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Tom Bouman | Im Morgengrauen

Wild Thyme, ein ländlicher Flecken im Norden Pennsylvanias. Der Officer Henry Farrell hat einen unangenehmen Fall: Penny Pellings, junge Mutter, drogenabhängig und wohnhaft in einem Wohnwagen, ist spurlos verschwunden. Ihr Partner, Kevin O’Keeffe, ist dringend tatverdächtig, beteuert aber seine Unschuld. Kurz darauf wird eine Leiche aus dem Fluss gezogen, ein Dealer und Bekannter von Penny. Henry bleibt auf der Suche und wird nach und nach immer tiefer in die dunklen Seiten der Region gezogen.

Der Roman spielt im sehr ländlichen Nordosten Pennsylvanias an der Grenze zum Bundesstaat New York. Ein klassisches Setting eines country noir bzw. rural noir: Strukturschwach, sichtbarer Niedergang, nur wenige Profiteure vom neuen Arbeitgeber, der Fracking-Industrie. Stattdessen die Kehrseiten der Medaille: Umweltschäden, Verkehr, Drogen. Erzählt wird die Geschichte vom Ich-Erzähler Henry Farrell. Dieser ist ein Kleinstadtpolizist in den unteren Hierarchiestufen. Ein eher melancholischer, nachdenklicher Typ, schon früh verwitwet.

Im Morgengrauen ist definitiv kein rasanter, temporeicher Krimi, auch die Spannungsmomente sind punktuell dosiert. Da gäbe es also noch Luft nach oben. Allerdings hat mir die Darstellung dieses Landstrichs in Pennsylvania als Symbol für den Niedergang des ländlichen Amerika mit all seinen Facetten gut gefallen. Das Setting und auch die Figuren wirken real und authentisch. Der Roman ist kein klassischer Krimi mit Fokus auf den Ermittlungen, sondern ein Hybrid aus Krimi und Gesellschaftsroman mit weitem Blick auf das Drumherum. Ein entschleunigter Noir. Wer sowas mag, ist bei Tom Bouman durchaus gut aufgehoben.

Im Morgengrauen | Erschienen am 26. Juni 2018 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-86913-900-5
350 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Noir/hardboiled
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Eric Ambler | Waffenschmuggel

Malaya, britisches Protektorat in den 1950ern. Eine kommunistische Rebellengruppe wird aufgerieben und hinterlässt unbemerkt im Dschungel ein Waffenversteck. Der indische Sekretär Girija findet die Waffen und sieht endlich die Chance, mit dem Verkauf der Waffen seinen Lebenstraum zu erfüllen: Die Gründung eines Busunternehmens. Doch der Verkauf der Waffen ist nicht so leicht. Ein Hehler ist in dem windigen chinesischen Geschäftsmann Tan schnell gefunden. Mögliche Käufer wären eine antikommunistische Widerstandsgruppe auf Sumatra. Doch um die Waffen in Singapur zu verkaufen, wird ein Strohmann benötigt. Man findet ihn in dem naiven amerikanischen Geschäftsmann Greg Nilson, der auf einer Kreuzfahrt in der Region weilt.

Wenige Zeit nach Graham Greenes „Der stille Amerikaner“ beschäftigte sich auch Eric Ambler mit Südostasien und brachte auch eine Hommage an Greenes Roman unter, indem er Nilson zu dessen Widerwillen in Saigon eine unfreiwillige Sightseeing-Tour zu den Schauplätzen des „stillen Amerikaners“ spendiert. Obwohl nicht frei von Stereotypen zeigt Ambler die knifflige und diffizile Lage in der Region auf und die Ignoranz, mit der die Amerikaner damit umgehen. Eine aktuelle und weitsichtige Note erhält die Story durch die Tatsache, dass der Amerikaner Nilson im guten Glauben, den Kommunismus zu bekämpfen, eine islamistische Gruppierung bewaffnen will.

Waffenschmuggel ist lange Zeit eine eher leicht launige Nummer, eine Reise durch Südostasien inklusive des Einfädelns eines Waffendeals. Da ist dann zwar zunächst nur verhältnismäßig wenig Thrill – zum Ende hin wird es aber noch richtig aufregend. Alles in allem erweist sich der Autor wieder einmal als versierter Geschichtenerzähler und Vermittler von politischen Hintergründen.

Waffenschmuggel | Erstmals erschienen 1959
Die aktuelle Ausgabe erschien am 5. Juni 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-65116-4
368 Seiten | 14.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Politthriller
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Christopher Brookmyre | Wer andern eine Bombe baut

Raymond Ash hat gerade keine guten Lauf: Zuhause ist die Stimmung angespannt, da sein neugeborener Sohn unter Koliken leidet, sein neuer Lehrerjob entpuppt sich als Höllenjob. Und dann lauern ihm auch noch irgendwelche Killer auf, als er das Abendessen besorgen will. Gleichzeitig ist die Polizistin Angelique de Xavia auf Terroreinsatz. Ein Terroranschlag des internationalen Topterroristen „Black Spirit“ ist für den Norden Großbritanniens angekündigt, nur kennt niemand das genaue Anschlagsziel. Irgendwann wird Angelique klar, dass Raymond der Schlüssel zum Ganzen ist. Beide nehmen den Kampf gegen „Black Spirit“ auf.

Christopher Brookmyre ist ein echter Vielschreiber, aber in deutscher Übersetzung liegen erst vier seiner über 20 Romane vor. Dieser hier ist der erste Auftritt seiner Protagonistin Angelique de Xavia (die auch in Die hohe Kunst des Bankraubs auftritt), klein im Wuchs, aber groß in Selbstbewusstsein und Cleverness. In diesem Buch erhält sie in Raymond Ash einen Mann in der Midlife-Crisis als unfreiwilligen Kompagnon.

Wer andern eine Bombe baut ist ein cleverer und streckenweise rasanter Thriller. Autor Brookmyre ist sehr versiert in schwarzem Humor, bissiger Gesellschaftskritik und popkulturellen Anspielungen. Könnte also ein Wahnsinnsbuch sein, allerdings hat der Autor auch ein Manko: Er plaudert und plaudert, hier noch eine Anekdote, dort noch eine krude Story aus der Vergangenheit der Hauptfiguren. Das schmälert auf Dauer dann doch den Lesefluss und bläht die Story unnötig auf.

Wer andern eine Bombe baut | Erschienen am 8. März 2018 im Galiani Verlag
ISBN 978-3-669-71163-8
368 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3 von 5

Rezension 1 von Andy Ruhr, Rezension 2 und 3 von Andrea Köster, Rezension 4 bis 6 von Gunnar Wolters. Die Rechte für die Fotos liegen bei den Rezensenten.

Weiterlesen: Unsere bisherigen Ausgaben von Abgehakt

Richard Stark | The Hunter

Richard Stark | The Hunter

Er wollte nicht, dass Mal wusste, dass er am Leben war. Er wollte nicht, dass Mal Schiss kriegte und abhaute. Er wollte ihn entspannt und zufrieden, wie einen fetten Kater. Er wollte, dass er einfach nur dasaß, grinste und auf Parkers Hände wartete. (Auszug Seite 56)

Parker ist ein Spezialist für Brüche und Raubüberfälle, ein absoluter Profi, der mit wechselnden Partnern zusammenarbeitet. Bei seinem letzten Coup wurde er allerdings von seiner Frau Lynn und seinem Partner Mal Resnick getäuscht. Parker wird niedergeschossen und zurückgelassen in der Annahme, er sei tot. Doch er überlebt, bricht aus dem Gefängnis aus und schlägt sich bis nach New York durch – die Zeit der Abrechnung ist gekommen.

1962 erschien The Hunter und Autor Donald E. Westlake (unter dem Pseudonym Richard Stark) kreierte damit eine der bemerkenswertesten Gangsterfiguren. Parker ist kein smarter Räuber oder ein sonstiger Gangster, mit dem man sympathisieren kann. Im Gegenteil: Parker ist ein knallharter Schuft, ein Profiverbrecher, der auch vor Mord nicht zurückschreckt (dies in der Regel aber vermeidet). Parker ist ein Einzelgänger, der eiskalt seine Pläne durchzieht, ohne Kompromisse und ohne Gewissensbisse. Er ist wortkarg, sucht keinen Anschluss, arbeitet nur bei irgendwelchen Coups mit anderen zusammen. In der Zusammenarbeit verhält er sich dann loyal, wird er allerdings hintergangen (was häufig vorkommt), wird er unbarmherzig.

Das interessante an der Figur Parker ist aber, dass der Autor ihn nicht als Psychopathen beschreibt, sondern Parkers Empathie- und Gnadenlosigkeit irgendwie konsequent in der ihn umgebenden Welt wirkt. Parkers Vorname wird übrigens in der ganzen Serie nie erwähnt, Westlake selbst wird zitiert: „I don’t know what the hell it would be, maybe Frank.“

Anders als in weiteren Romanen beginnt der erste Auftritt von Parker nicht mit einem Coup. Der raffinierte Überfall ist schon erledigt, doch endet für Parker anders als geplant. Der Leser erfährt in Rückblenden von den Einzelheiten. Der Verrat nagt an Parker, er bricht sogar aus der kurzen Haft (wegen Landstreicherei) aus und tötet dabei einen Wärter, um sich auf den Weg machen zu können. Er trifft zunächst auf Lynn, seine Frau, die sich aus Angst und Resignation mit Schlaftabletten umbringt. Dann ist Mal Resnick sein nächstes Ziel, von ihm will er sich nicht nur seinen Anteil holen, diesen Mann will er töten. Doch Resnick gehört zum Syndikat, der mafiösen Verbrecherorganisation. Ein Angriff auf ihn fordert gleichzeitig das Syndikat heraus. Doch Parker ist zu allem entschlossen.

The Hunter ist ein hartgesottener Gangsterroman, der einen radikalen Rachefeldzug beschreibt. Der Plot ist also nicht allzu komplex und die Figuren bleiben zugegeben eher etwas oberflächlich, selbst Parker gibt nicht viel von sich preis. Doch dieser Roman hat einen Sound, dem man sich auch heute noch kaum entziehen kann. Eine stetige, knisternde Spannung liegt in der Luft, der Stil ist knapp und lakonisch, die Dialoge aufs Nötigste beschränkt. Einfach wie aus einem Guss geschrieben, ein wahrlich zeitloser Klassiker.

Richard Stark alias Donald E. Westlake war ein richtiger Vielschreiber, auch unter verschiedenen Pseudonymen. Sehr bekannt sind sicherlich auch seine Romane mit dem Meisterdieb John Archibald Dortmunder. Westlake schrieb insgesamt 24 Parker-Romane. Zunächst 16 zwischen 1962 und 1974. Mehr als zwanzig Jahre später meldete sich Parker 1997 passenderweise mit dem Titel „Comeback“ zurück, weitere sieben Romane folgten bis zum Tod Westlakes 2009. Während die Romane der letzten Phase noch verfügbar sind, sind die anderen Romane schon lange vergriffen. Sie erschienen Ende der 1960er und in den 1970ern überwiegend im Ullstein Verlag in teilweise gekürzter oder veränderter Übersetzung. 2015 erschien dann dieser erste Roman in neuer vollständiger Übersetzung von Nikolaus Stingl im Zsolnay Verlag. Leider war dies nicht der Auftakt zu einer vollständigen Wiederveröffentlichung der Reihe. Aber die Hoffnung bleibt, dass sich vielleicht nochmal einer den älteren Bände annimmt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

The Hunter | Erstmals erschienen 1962
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 20. Juli 2018 bei dtv
ISBN 978-3-
192 Seiten | 9.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Roland Spranger | Tiefenscharf

Roland Spranger | Tiefenscharf

Vor knapp fünf Jahren hätte ich mit dem Begriff „polar“ in Verbindung mit Kriminalliteratur noch nichts anfangen können. Doch dann gab es diesen frisch gegründeten Verlag, der sich schon im Namen auf den französischen Kriminalroman in Hardboiled- und Noir-Tradition berief. Der Polar Verlag begann sein Programm mit Übersetzungen außergewöhnlicher amerikanischer, französischer und irischer Autoren. Doch insgeheim war Verleger Wolfgang Franßen immer darauf aus, die Tradition eines „Deutschen Polar“ zu begründen. In 2017 wäre dies beinahe schief gegangen, doch ein Investor rettete den Verlag und damit das Projekt. Nun wurde im Frühjahr mit Roland Sprangers „Tiefenscharf“ der erste Roman des „Deutschen Polar“ veröffentlicht und im Vorwort macht Franßen deutlich, wohin die Reise gehen soll: „Kein popcorngerechtes Gangstertum, zum Konsum angerichtet.“ Vielmehr sollen die Sinne geschärft werden. Er fasst das Credo in zwei Sätzen zusammen: „Wir amüsieren uns nicht zu Tode. Wir rebellieren.“ Nun denn.

Oberfranken, Grenze zu Tschechien. Früher nannte man das hier Zonenrandgebiet. Ein Begriff, der den Zustand eigentlich auch heute noch treffend beschreibt. Zwar wurde hier und da einiges aufgehübscht: Ehemalige Schuhfabriken, umgebaut zu Lofts und Appartements, in denen Youtuberinnen hausen, renaturierte Schmutzbäche. Allerdings geht es ansonsten durchaus noch prekär zu. Komplizierte Beziehungen, schwierige Arbeitsverhältnisse. Neo-Nazis, Russencliquen. Brennende Autos, brennende Flüchtlingsheime. Bonjour Tristesse. Und immer im Hintergrund: Crystal Meth, der neue Treibstoff fürs Leben. Voller Einsatz, keine Müdigkeit, keine Kompromisse.

Im Fernseher laufen dauernd Werbefilme der Industrie, die darüber aufklären, wie super Chemie ist. Inspired by your visions. Science for a better life. Und so ist es. Methamphetamin verbessert seit hundert Jahren in der kristallinen Version dein Leben. Haut die Müdigkeit mit einem Schlag kaputt. Macht dich effizienter. Risikobereiter. Bei der Arbeit. Beim Spaß. Beim Alltag. Beim Sex. (Seite 37)

In Tiefenscharf kreuzen sich die Wege von Max, Meth-Vertriebschef auf deutscher Seite, und Sascha, Videoreporter eines Regionalsenders. Max hat sich ein profitables Vertriebsnetz aufgebaut. Allerdings hat er auch ein paar Neonazis als Freunde bzw. Kompagnons und mit Kira eine komplizierte Freundin (übrigens die interessanteste „Nebenfigur“ dieses Romans), die gerne nachts Autos abfackelt, und so unnötige Aufmerksamkeit erzeugt. Doch es ist Max selbst, der das Geschäft gefährdet: Als er auf der Autobahn kontrolliert wird, entledigt er sich einer Lieferung Meth durchs Seitenfenster. Er kann die Lieferung später jedoch nicht wiederfinden, stattdessen verprügelt und ermordet er schließlich einen Obdachlosen, den er verdächtigt hatte, das Zeug an sich genommen zu haben. Damit ist die Büchse der Pandora geöffnet.

Auf der anderen Seite wird Sascha gerade zum zweiten Mal Vater, seine Beziehung zu Ehefrau Lydia ist allerdings durchaus schwierig. Das liegt unter anderem an Saschas Alkoholkonsum. Dieser wird ihm auch beruflich zum Verhängnis. Er ist mit Leib und Seele Reporter, kann sich aber nicht so verwirklichen, wie er es gern hätte. Als er angetrunken mit dem Dienstwagen einen Unfall baut, ist er seinen Job los. Anschließend versucht er, sich als Freelancer durchzuschlagen. Als er eines Abends einen Nazi vom Parolensprayen bei der örtlichen Flüchtlingsunterkunft abhalten will, wird er von diesem böse verprügelt. Durch Zufall bekommt Sascha heraus, dass der Nazi ein Meth-Dealer aus Max‘ Truppe ist. Fortan will Sascha diese Dealer allein (bzw. mit Hilfe seines Kumpels Carsten) zur Strecke bringen. Ein klarer Fehler, wie der erfahrene Leser schnell erkennt.

Autor Roland Spranger lebt in Hof in Oberfranken. 2011 gewann er für seinen Roman „Kriegsgebiete“ den Friedrich-Glauser-Preis. Seinen Provinz-Noir Tiefenscharf siedelt er in seiner Heimat an und das ist vom Setting auf jeden Fall überzeugend. Dies gilt auch für seinen Stil von wechselnden Perspektiven und griffigen Dialogen sowie den Figuren des Romans, die allesamt auf der Suche scheinen und dabei nicht wirklich vorankommen. Müsste ich etwas kritisieren, dann am ehesten die Handlung, bei der manche Szenen für mich vielleicht etwas vorhersehbar waren. Doch alles zusammen genommen gelingen Autor und Verleger ein guter Auftakt für den „Deutschen Polar“. Man darf gespannt sein, was da noch nachkommt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Tiefenscharf | Erschienen am 1. Februar 2018 im Polar Verlag
ISBN 978-3-945133-59-0
368 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe