Kategorie: noir | hardboiled

Abgehakt September 2019

Abgehakt September 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 3. Quartalsende 2019

 

Hazel Frost | Last Shot

Auf einem einsamen Parkplatz in den bayrischen Alpen wird eine russische Familie von einer Killerin attackiert. Der Vater Youri, ein Bordellbesitzer, und die erwachsenen Zwillingstöchter sterben. Der Sohn Dima bleibt unversehrt, seine Tochter Mathilda überlebt und wird von der Polizei aufgefunden. Die Killerin namens November nimmt eine Tasche voll Geld und wertvoller Waffensoftware an sich. Doch eigentlich hatte sie es noch auf etwas anderes abgesehen. Die Jagd ist noch nicht zu Ende und es mischen weitere merkwürdige Gestalten mit.

Die Autorin mit dem halbherzigen Pseudonym Hazel Frost (alias Katja Bohnet) erwähnt im Nachwort, dass Last Shot zu Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere entstand. Inspiration für diesen ungewöhnlichen Thriller – das offenbart die Autorin selbst – waren legendäre Filmthriller aus den Neunzigern wie Pulp Fiction oder Leon – Der Profi. Und so beherbergt dieser Roman einige schräge Figuren, einen rasanten und harten Plot und eine Menge Blei und Blut. Das ist vielleicht hier und da etwas „drüber“ und bizarr, aber zumeist durchaus unterhaltsam, kurzweilig und in manchen Momenten sogar melancholisch. Insofern gar nicht übel.

 

Last Shot | Erschienen am 10. September 2019 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-30642-0
368 Seiten | 14.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

 

John Steele | Ravenhill

Jackie Shaw kehrt nach zwanzig Jahren nach Belfast zurück, um am Begräbnis seines verstorbenen Vaters teilzunehmen. 1993 war Jackie Mitglied der loyalistischen Paramilitärs der UDA – und ein verdeckter Ermittler der Polizei. Nach einem Vorfall mit drei Toten wurde auch er für tot erklärt und aus der Schusslinie gebracht. Nun erwartet Jackie bei seiner Rückkehr nicht nur der MI5, sondern auch Rab Simpsons und Billy Tyrie, Jackies ehemalige Chefs der UDA-Sektion. Beide sind inzwischen zu Gangstergrößen aufgestiegen und verlangen von Jackie, den jeweils anderen zu töten.

Belfast oder Nordirland bieten mit den gesellschaftlichen Konflikten ein unglaublich interessantes, intensives und auch vielseitiges Setting. In Ravenhill erzählt der gebürtige Belfaster John Steele die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Einmal einige Jahre vor und dann deutlich nach dem Karfreitagsabkommen, das die Situation oberflächlich natürlich erheblich befriedet hat. Allerdings stellt Steele auch unmissverständlich klar, dass die damaligen Protagonisten zwar mit dem Terrorismus aufgehört haben, aber weiterhin Schurken sind, die sich nun in Schutzgelderpressung oder Drogenhandel verdingen. Und die auch kaum angetastet werden, um den Frieden nicht zu stören. Allerdings verlaufen die Fronten nun auch mal innerhalb der ehemaligen Organisationen, was Rückkehrer Jackie Shaw bald feststellt.

Ravenhill ist ein komplexer Noir über Loyalität und Verrat, außerdem eine Hommage an Belfast. Der Autor schreibt hart und realistisch und zeigt auf, wie brüchig der Frieden in Nordirland immer noch ist.

 

Ravenhill | Erschienen am 1. Mai 2019 im Polar Verlag
ISBN 978-3-945133-77-4
352 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Noir/Hardboiled
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jutta Profijt | Unter Fremden

Die Syrerin Madiha kommt als Flüchtling nach Deutschland. Zwar ist sie Analphabetin, aber da sie als Kind nach dem Tod ihrer Mutter bei einem Verwandten mit einer deutschen Ehefrau aufwuchs, spricht sie Deutsch. Auf ihrer Flucht half ihr ihr Landsmann Harun. Nun ist dieser aus dem Flüchtlingsheim verschwunden, nicht ohne Madiha den Schlüssel zu seinem Spind mit seinen wenigen Habseligkeiten anzuvertrauen. Madiha will Harun wieder aufspüren, das glaubt sie, ihm nach seiner Hilfe schuldig zu sein. So stellt sie mit den wenigen Anhaltspunkten, die sie hat, ein paar Nachforschungen an. Und ruft damit nicht nur das LKA, sondern auch andere Personen auf den Plan, die kein Interesse an Madihas Suche haben.

Unter Fremden ist ein Roman, der sich vor allem mit seiner Protagonistin und der Erzählperspektive aus der Masse abhebt. Madiha ist eine scheue, junge, gehbehinderte Frau aus einer traditionellen Familie, die es auf der Flucht vom Bürgerkrieg nach Deutschland verschlägt. Was einerseits gut ist, da sie aufgrund eines Zufalls auch Deutsch spricht, aber was sie dennoch auf eine harte Probe stellt, da sie ganz allein nun ihren Weg gehen muss und ihr Deutschland völlig fremd ist. Diese naive, scheue Madiha mausert sich im Verlauf der Geschichte und verfolgt ihr Ziel mit Beharrlichkeit und großem Herz. Ihre Suche nach Harun, der eine andere Vergangenheit hatte, als sie glaubte, führt sie zu einem Netzwerk, das den Krieg aus Syrien bis nach Deutschland trägt. Nebenbei liefert Madiha dem Leser einen Einblick in ihr Inneres und wie die Flüchtlinge unser Land und seine Bewohner empfinden könnten, den gut organisierten, aber immer rastlosen Deutschen mit ihrem faden Essen.

Spannungstechnisch stößt die Erzählperspektive aber auch an ihre Grenzen, zu mühsam ist manchmal Madihas Weg. Und gelegentlich erscheint auch Madihas Entwicklung ein wenig zu schnell zu verlaufen. Dennoch ist Unter Fremden (für den Autorin Jutta Profijt 2018 den Friedrich-Glauser-Preis erhielt) auf jeden Fall ein lesenswerter Kriminalroman mit ungewöhnlicher Perspektive.

 

Unter Fremden | Die Originalausgabe erschien am 8. September 2017,
die Taschenbuchausgabe erschien am 21. Juni 2019, beide im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-21774-3
336 Seiten | 10.95 Euro
E-Book: ISBN 978-3-423-43227-6 | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Remigiusz Mróz | Die kalten Sekunden

Damien Werner macht seiner langjährigen Freundin Ewa am Flussufer einen Heiratsantrag. Doch wenig später treffen sie auf eine Gruppe betrunkener Männer. Diese schlagen Werner nieder und vergewaltigen seine Verlobte. Als Werner wieder aufwacht, ist Ewa verschwunden. Und taucht nicht mehr auf. Zehn Jahre später ist es mit Werners Leben rapide abwärts gegangen, von Ewa gibt es nach wie vor keine Spur. Doch da entdeckt ein Freund von ihm Ewa auf einem Bild bei einem Konzert. Werner engagiert eine Detektei, da die Polizei keine Anstalten macht, ihm zu helfen. Als Werners Freund ermordet wird, begibt sich Werner auf eine Jagd quer durch Polen auf der Suche nach weiteren Hinweisen auf Ewa. Unterstützt wird er aus der Ferne von Kassandra Reimann, Chefin der Detektei, die allerdings diesen Fall auch aus eigenem Antrieb verfolgt.

Remigiusz Mróz ist ein absoluter Bestsellerautor in Polen und ein Vielschreiber. Seit seinem Debüt 2013 sind bis heute 25 (!) Romane von ihm erschienen. Die kalten Sekunden ist der erste auf Deutsch erschienene und ein klassischer Thriller mit einigen üblichen Zutaten, aber auch Unerwartetem. Überzeugend sind in erster Linie die Erzählperspektiven (hier wählt Mróz mit Werner und Kassandra zwei Ich-Erzähler) und die äußerst realistische Darstellung des Hauptthemas des Buches: Häusliche Gewalt. Gerade in Polen noch ein großes Problem nutzt Mróz seine Popularität, um auf dieses Tabuthema aufmerksam zu machen. Das tut er drastisch und schockierend, aber vielleicht ist das auch nötig. Allerdings muss ich auch feststellen, dass der Plot bei mir eine Menge Fragezeichen hinterlässt. Plausibel ist das alles meiner Meinung nach nicht und daher bin ich nur mittelmäßig zufrieden.

 

Die kalten Sekunden | Erschienen am 21. Mai 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-27606-4
384 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 2.5 von 5.0

Alle vier Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Frank Goyke | Mörder im Chat

Miriam wird mit einer Machete ermordet, einziger Zeuge ist ein Schweizer, der die Tat im Chat auf seinem Computer beobachtet hat. Die Rostocker Ermittler Jonas Uplegger (alleinerziehender Vater eines Teenagers und Ja-Sager, zuletzt hat er einen ehrenamtlichen Vorsitz angenommen, den er nicht wollte) und Barbara Riedbiester (stark übergewichtig, bekämpft gerade nicht besonders erfolgreich ihre Alkoholsucht und lässt sich von Uplegger ständig irgendetwas googeln) ermitteln in dem Fall und treffen bald auf einige Ungereimtheiten im Leben des Opfers.

Mörder im Chat von Frank Goyke liest sich meiner Meinung nach durch umständliche Formulierungen und viele Fremdwörter nicht sehr flüssig. Außerdem werfen die Protagonisten mit viel Fachwissen auf unterschiedlichen Ebenen um sich. Wer sich aber in Rostock auskennt, wird seine Freude haben und an einigen Stellen konnte ich wirklich lachen.

 

Mörder im Chat | Erschienen am 27. März 2013 im Hinstorff-Verlag
ISBN 978-3-35601-574-4
336 Seiten | 12.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Regionalkrimi
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Stephan Schad | Der Fall Collini

Bei diesem Hörspiel zur Literaturverfilmung Der Fall Collini führt der Erzähler Stephan Schad souverän und mit sonorer Stimme durch die dramatische Geschichte, unterbrochen durch Original Tonmaterial aus dem Film.

Fabrizio Collini, ein seit Jahrzehnten in Deutschland lebender Italiener, erschießt scheinbar ohne Grund den angesehenen Großindustriellen Jean-Baptiste Meyer in dessen Luxus-Suite eines Hotels und traktiert den sterbenden Greis noch mit brutalen Kopftritten. Collinis Pflichtverteidigung übernimmt der unerfahrene Caspar Leinen. Dieser ist total befangen, weil der Ermordete nicht nur der Großvater seiner Jugendliebe war, auch er selbst hat Meyer viel zu verdanken. Der erfahrene Strafverteidiger Professor Richard Mattinger schlägt ihm einen Deal vor, vorausgesetzt der betagte Collini bekennt sich schuldig. Doch der schweigt eisern und so begibt sich Leinen auf die Suche nach einem möglichen Motiv. In dem italienischen Heimatdorf Collinis kommt er dabei einem großen Justizskandal der deutschen Rechtsgeschichte auf die Spur. Wenn zum Schluss im Gerichtssaal die Wahrheit ans Licht kommt, hat das Hörspiel seine besten – weil emotionalsten – Momente.

Bei meinem ersten Film-Hörspiel hatte ich die Bilder des Kinofilms nach einer Romanvorlage von Ferdinand von Schirach mit Schauspielern wie Elyas M‘Barek und Heiner Lauterbach noch im Kopf. Sonst wären mir die ca. 140 Minuten Laufzeit aufgrund der Handlungsdichte vielleicht etwas zu komprimiert gewesen. So fand ich, auch unter dem Einsatz von entsprechender musikalischer Untermalung, ein gelungenes, lebendiges, durch die Brisanz des Themas aufwühlendes Audio-Erlebnis.

 

Der Fall Collini | Das Original-Hörspiel zum Film erschien am 18. April 2019 im Jumbo Verlag
ISBN 978-3-8337-4024-4
2 Audio CDs | 15.99 Euro
Gesamtspielzeit: ca. 140 Minuten
Erzähler: Stephan Schad
Bibliographische Angaben & Hörprobe | Romanvorlage | Filmtrailer

Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.

Dashiell Hammett | Rote Ernte

Dashiell Hammett | Rote Ernte

Der erste, von dem ich’s hörte, war ein rothaariger Strolch namens Hikey Dewey im „Großen Schiff“ in Butte gewesen. Bei dem hieß Peaceville stur immer Pissville. Da er aber statt Fusel auch Fussel sagte, habe ich nicht weiter drüber nachgedacht, was er dem Namen der Stadt angetan hatte. […] Erst ein paar Jahre später, als ich selbst nach Peaceville kam, ging mir ein Licht auf. (Auszug Seite 9)

Ein Agent einer bekannten, landesweit agierenden Detektei kommt in die wenig beschauliche Bergwerks- und Industriestadt Peaceville. Doch noch vor der ersten Besprechung wird sein Auftraggeber Donald Willsson ermordet und dessen Frau macht sich spontan verdächtig. Der Vater des Toten, Elihu Willsson, Industriemagnat und vermeintlicher Herr über die Stadt, gibt dem Agenten 10.000 Dollar und den Auftrag, mit den Verbrechern in der Stadt aufzuräumen, zieht den Auftrag aber kurz darauf wieder zurück. Doch da hat der Agent längst mit der Arbeit begonnen und ist nicht gewillt aufzuhören.

Offenbar hat der Industrielle Elihu Willsson im Kampf gegen die Gewerkschaften und die Forderungen seiner Beschäftigten sich zwielichtiger Gestalten bedient, die den Arbeitskampf blutig und gewalttätig beendeten. Elihu Willsson wurde sie aber anschließend nicht mehr los, war erpressbar und sie forderten ihren Teil am Kuchen bzw. an dieser Stadt. Nun haben diese Kriminellen zahlreiche legale und illegale Geschäfte unter sich aufgeteilt, Pete der Finne, Lew Yard, Max Thaler und Noohan, der Polizeichef. Die Stadt versinkt in Korruption und Kriminalität. Der junge Donald Willsson schrieb als Zeitungsverleger gegen die Zustände an und wurde nun ermordet.

Der Agent findet schnell heraus, auch dank der Informationen von Dinah Brand, der Freundin von Max Thaler und Bekannten von Donald Willsson, dass es zwischen den kriminellen Gangs offene Rivalitäten gibt. Als Begleiter von Polizeichef Noohan, der Max Thaler festnehmen will, gerät der Agent vermutlich absichtlich in die Schusslinie der Polizei und kann nur mit Glück entkommen. Dies bestärkt ihn in seiner Entschlossenheit, den Auftrag von Elihu Willsson gegen dessen Willen weiterzuführen. Er bewegt sich zwischen den Rivalen, schürt Intrigen, steckt Geheimnisse durch und schürt so den Konflikt zwischen den Gangs, der bald in einen offenen Krieg ausufert.

Ich lachte mit ihr und versuchte dabei aus dem Gin aufzutauchen, in dem ich versoffen war.
„Wer säß denn noch in der Patsche?“, fragte ich.
„Die ganze gottverdammte Brut“. Sie fuchtelte mit der Hand. „Max, Lew Yard, Pete, Noohan und Elihu Willsson – die ganze gottverdammte Brut.“ (Seiten 47-48)

Der namenlose Ich-Erzähler, später als „The Continental Op“ bezeichnet, ist neben Sam Spade aus Der Malteser Falke die wohl bekannteste Figur aus dem Werk von Dashiell Hammett. Angestellt ist er bei der „Continental Detective Agency“, einer fiktiven Detektei mit eindeutigen Bezügen zur berühmt-berüchtigten Pinkerton Detektei, damals ein ungemein einflussreiches Sicherheitsunternehmen. Hammett selbst war einige Jahre Angestellter von Pinkerton und hat dies auch im Roman verarbeitet. Seine Figur „The Continental Op“ taucht in zahlreiche Kurzgeschichten und schließlich auch in zwei Romanen von Hammett auf. Er ist ein harter, intelligenter, mit allen Wassern gewaschener Agent. In diesem Roman spinnt er meisterhaft die Fäden von Täuschung und Betrug, um die rivalisierenden Parteien gegeneinander auszuspielen. „The Continental Op“ ist (auch als Liebhaber hochprozentiger alkoholischer Getränke) der Prototyp des „hardboiled detective“. Bei aller Abgebrühtheit kommen ihm aber zwischenzeitlich kurz Gewissensbisse, bei denen er befürchtet, völlig zu verrohen – ein Zustand, den er trotz allem nicht anstrebt.

Harte Typen, viel Blei und Blut, komplexe Gemengelage, lässige Dialoge – heutzutage würde man Tarantino das Drehbuch anvertrauen. Dabei bietet Hammett die interessante Perspektive des Ich-Erzählers, der sich auch erst mal einen Überblick über die Situation verschaffen muss. Der Roman zeigt eine Stadt, in der Kriminelle die Kontrolle über die Verwaltungsapparate übernommen haben, ein Ort vollständiger Korruption, in dem die Hauptfigur zwar Ordnung schafft, aber durch die Wahl seiner Mittel ein fragwürdiger Held bleibt. Rote Ernte ist ein echter Klassiker, den man auch heute noch hervorragend lesen kann.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Rote Ernte | Erstveröffentlichung 1929, die gelesene Ausgabe erschien 1976 im Diogenes Verlag
aktuelle Taschenbuchausgabe:
ISBN 978-3-257-20292-2
256 Seiten | 11.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zu Der Malteser Falke von Dashiell Hammett.

James Sallis | Willnot

James Sallis | Willnot

Kurz darauf machten wir eine Kaffeepause, und als wir auf den Betonbänken vor dem gelben Bzzzy Bee Café saßen und Richard eindeutig immer noch über das Nummernschild nachdachte, fragte er mich, an was ich wirklich glaubte.
Wir stiegen wieder in den Wagen und fuhren weiter.
„An die Fähigkeit des Menschen“, sagte ich ihm, „unter erheblichen Anstrengungen geringfügig besser zu sein als seine ureigenen Instinkte und Neigungen.“ (Auszug Seite 60)

Normalerweise gebe ich an dieser Stelle einen kurzen Abriss zur Handlung. Dieser könnte in etwa lauten: In der amerikanischen Kleinstadt Willnot wird eine Grube voller Leichen gefunden. Auch der Arzt Lamar Hale ist an den Untersuchungen beteiligt. Kurze Zeit später kommt ein alter Bekannter in seine Praxis, der lange Zeit nicht mehr in Willnot war. Der Ex-Marine und Scharfschütze Brandon Lowndes wird von einer FBI-Agentin gesucht. Aber um ganz ehrlich zu sein: Autor James Sallis kam es eher weniger auf seinen Plot an. Er versandet vielmehr, stattdessen werden eine Menge Fragen aufgeworfen, ohne wirklich beantwortet zu werden.

Ich-Erzähler dieses Romans ist Lamar Hale. Ein älterer Arzt, der sowohl in einer Praxis als auch im Krankenhaus praktiziert und von der Polizei bei Bedarf herangezogen wird. Ein Mann, der sehr respektiert wird und diesen Respekt mit Gewissenhaftigkeit und Einsatz verdient. Hale lebt in einer Partnerschaft mit dem Lehrer Richard. Das Besondere an Dr. Hale: Im Alter von zwölf Jahren war er für einen längeren Zeitraum im Koma, dessen Ursachen nie diagnostiziert wurden. Er beschreibt, dass während des Komas und seitdem „Besucher“ zu ihm kommen. Menschen, deren Seelenleben er spürt und die sich „durch ihn hindurchbewegen“, zumeist in seinen Träumen. Für Hale eine ständige psychische Belastung. Hale versucht auch seine eigene Vergangenheit zu ergründen, vor allem seine Beziehung zu seinem Vater, einem Science-Fiction-Autor.

Somit bewegt sich der Roman sehr schnell weg von einer Krimihandlung zu psychologischen, philosophischen Fragen. Dabei kommen zahlreiche Figuren aus Lamar Hales Umgebung ins Spiel, wie etwa der Sheriff Hobbes, FBI-Agentin Ogden oder ein Junge aus Richards Schule. Sallis kommt über seine Figuren zu existentiellen Überlegungen über Leben, Krankheit, Ohnmacht und Tod.

„Wie ich schon sagte – wir nennen es Landung. Und zwar eine harte. Man kommt von einer Mission, alles war so fokussiert, und jetzt hängt alles nur noch lose zusammen, ohne Verbindung, und flattert im Wind. Man bekommt es nicht in den Griff und kann auch nicht begreifen, wieso alles so blass ist. Weil die Farbe fehlt.“ (Seite 119)

Willnot ist wieder so ein Buch, bei dem selbst ein sehr aufgeschlossener Leser wie ich ins Grübeln kommt, ob das hier überhaupt noch Kriminalliteratur ist. Es ist zwar schon in der Krimibestenliste gelistet, aber ich für mich würde es verneinen. James Sallis hat sich hier für meinen Geschmack schon sehr weit vom Genre entfernt. Ich hatte mir schon gewünscht, dass ein wenig mehr Thriller oder Noir drin gewesen wäre. Bitte nicht falsch verstehen, es handelt sich hier um keinen schlechten Roman. Sallis schreibt gute Dialoge, hat ein gutes Gespür für seine Figuren. Ich denke, wer von vornherein weiß, dass er hier eher etwas Existentialistisches als einen Thriller zu erwarten hat, kann sich besser auf diesen Roman einlassen. Ich habe mich aber von Anfang an schwer getan und muss daher feststellen, dass es bei mir nicht gezündet hat.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Willnot | Erschienen am 18. Februar 2019 in der Verlagsbuchhandlung Liebeskind
ISBN 987-3-95438-102-9
224 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Alan Parks | Blutiger Januar

Alan Parks | Blutiger Januar

Madame Polo stand auf, brachte McCoy zur Haustür. „Finden Sie heraus, was ihr da widerfahren ist, Mr. McCoy.“ Im Licht der Diele wirkte sie älter, müde. „Die Leute schauen auf die Mädchen hier herab, halten sie für wertlos. Aber es sind einfach nur Mädchen, nicht besser und nicht schlimmer als alle anderen.“ (Auszug Seite 159)

Glasgow, 1.Januar 1973: Detective Harry McCoy wird ins Gefängnis gerufen, wo ihm der Gefangene Howie Nairn den Tipp gibt, dass ein Mädchen namens Lorna demnächst umgebracht werden soll. Obwohl McCoy dieser Tipp des skrupellosen Nairns reichlich merkwürdig vorkommt, macht er sich tatsächlich auf die Suche nach Lorna. Doch als er und sein Kollege Wattie am Busbahnhof auf Lorna warten, taucht plötzlich ein Jugendlicher mit einer Waffe auf und erschießt erst Lorna, dann sich selbst.

Der Fall erscheint sehr rätselhaft – eine Beziehungstat erscheint McCoys Kollegen noch am wahrscheinlichsten. Doch wie passt Howie Nairn da ins Bild? Bevor McCoy dies herausfinden kann, wird Nairn im Gefängnis ermordet. Lornas Mörder, Tommy Malone, arbeitete im Anwesen der Dunlops, einer der einflussreichsten Familien der Stadt, auf die McCoy allerdings nicht gut zu sprechen ist – und umgekehrt. Das kann McCoy nicht als Zufall abtun. Zudem wird schnell klar, dass Lorna als Gelegenheitsprostituierte gearbeitet hat und dabei auch etwas härtere Wünsche der Kunden erfüllt hat. Obwohl McCoy von verschiedenen Stellen gewarnt wird und sein Chef den Fall für beendet erklärt, setzt er seine Untersuchungen fort.

Blutiger Januar ist der Auftakt zu einer angekündigten Serie mit Harry McCoy im düsteren Glasgow der 1970er Jahre. Autor Alan Parks war vor seinem Romandebüt Creative Director eines Musiklabels, daher gibt es auch hier immer mal musikalische Remineszenzen, beispielsweise einen Auftritt von David Bowie, der tatsächlich im Januar 1973 in Glasgow stattfand. Seine Hauptfigur Harry McCoy ist ein hartgesottener Cop, wie er im Buche steht. Ein Einzelgänger, heruntergekommen, seine Ex lebt inzwischen mit seinem größten Rivalen zusammen, durchaus impulsiv, Alkohol und Drogen nicht abgeneigt, pflegt die Zweisamkeit mit einer süchtigen Prostituierten. Er ist jedoch ein guter Cop, weshalb sein Chef Murray noch seine schützende Hand über ihn hält, obwohl er den Einflussreichen in Glasgow regelmäßig auf die Füße tritt. Doch McCoy ist noch aus einem anderen Grund angreifbar. Er und der Gangsterboss Stevie Cooper sind seit gemeinsamen, schrecklichen Tagen in einem Kinderheim dicke Kumpels. Und obwohl er und Cooper natürlich kleinere Deals zum gegenseitigen Vorteil machen, hält sich McCoy für selbstbestimmt. Doch welche Folgen sein enges Verhältnis zu Cooper haben kann, wird ihm im Laufe dieser Geschichte nur allzu bewusst.

Springburn bestand nur noch aus Autobahnen, halb demolierten Wohnblocks mit tapezierten Zimmern unter freiem Himmel und einem einzigen, im Nichts gestrandeten Pub. Ringsum war alles verschwunden. Die Stadtverwaltung hätte ebenso gut Brandbomben werfen können, das wäre wenigstens schneller gegangen. (Seite 58-59)

Sehr überzeugend ist der gewählte Schauplatz. Glasgow ist Anfang der 1970er Jahre seit einiger Zeit eine Stadt im Niedergang: Deindustrialisierung, Verfall der Bausubstanz, Arbeitslosigkeit, Kriminalität. Die gut gemeinten städtebaulichen Gegenmaßnahmen der 60er mit dem Ausbau der Autobahnen und Großwohnsiedlungen haben die Situation letztlich nur verschlimmbessert. Mit dem Verfall kamen auch die Drogen in die Stadt: Das Marihuana der Sechziger wird mehr und mehr von härteren Sachen abgelöst: Speed und Heroin. Hinzu kommt in diesem Roman das schmuddelige Januarwetter. So bewegt sich Alan Parks in bester Tradition William McIlvanneys, der 1977 mit Laidlaw das düstere Glasgow als Kriminalschauplatz in Szene setzte.

Blutiger Januar erfindet das Genre nicht neu. Die Zutaten sind durchaus bekannt, werden aber zu einem wirklich guten, harten Copkrimi angerichtet. Eine schwarze Geschichte von Drogen, Sexpartys, Ausbeutung, Korruption und Mord in einem schmutzig-düsteren Glasgow mit einem ambivalenten Cop. Das Ganze ist sehr geradlinig geschrieben. Ein gelungener Reihenauftakt, der Anfang 2019 mit dem Titel February’s Son fortgesetzt wird.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Blutiger Januar | Erschienen am 3. September 2018 bei Heyne Hardcore
ISBN 987-3-453-27188-3
400 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezension zu Laidlaw von William McIlvanneys.

Dennis Lehane | Ein letzter Drink

Dennis Lehane | Ein letzter Drink

Seit ich meinen ersten Roman von Dennis Lehane gelesen habe, bin ich begeistert von seinem flüssigen, homogenen Erzählstil, der charakteristisch ist für seine Bücher. Bei nachfolgenden Geschichten habe ich dies neben seinen besonderen Figuren sehr geschätzt.

Auch in seinem Erstling, dem Detektivroman Ein letzter Drink ist dies schon seine Basis, allerdings ging er die Patrick Kenzie/Angela Gennaro-Krimis anders an. Lehane hat den Detektiv Kenzie als Ich-Erzähler installiert, den wir dadurch auf eine andere Art kennenlernen, was aber auch Rückblicke persönlicher Natur aus seiner eigenen Sicht schlüssiger ermöglicht.

Patrick Kenzie betreibt gemeinsam mit seiner Partnerin Angela Gennaro eine Detektei in South Bosten, deren Büro sich im Glockenturm einer Kirche befindet, mehr aus praktischen Gesichtspunkten, denn aus Glaubensgründen. Denn damit ist es bei Patrick Kenzie nicht weit her. Er ist ein rauher Kerl, der Prügel kassiert und nicht davor zurückscheut, selbst auszuteilen, Schnauze um Schnauze! Dabei hat er auch eine durchaus gefühlvolle Seite, insbesondere seiner Partnerin Angie gegenüber, die er – nicht nur heimlich – anhimmelt. Ihren Mann, von dem sie regelmäßig Schläge kassiert, verflucht er, doch Angie bindet ihm die Hände.

In ihrem aktuellen Fall, sollen die beiden eine verschwundene Person finden. Bei einem Treffen mit seinem Klienten im Ritz, trifft er auf seinen Abgeordneten, den seiner Stadt Dorchester, der ihn in Gegenwart weiterer, ranghöherer Politiker, engagiert, seine Putzfrau ausfindig zu machen. Sie soll mit brisanten Unterlagen verschwunden sein, die eine wichtige bevorstehende Abstimmung gefährden könnten.

Ein easy Job, wie die beiden denken. Aber für einen hardboiled Lehane wohl weitaus zu easy, als dass das alles wäre. Kenzie und Angie machen Jenna, die Putzfrau, relativ rasch ausfindig, allerdings hat diese keine Dokumente mitgehen lassen, sondern hochbrisante Fotografien, an denen noch weitere Personenen größtes Interesse haben. Bei der Übergabe eines der Fotos wird Jenna erschossen. Das Bild bietet zwar Ansätze, aber was die beiden Detektive bei den Ermittlungen noch ausgraben werden, hatten sie nicht erahnt.

Dennis Lehane hat insgesamt sechs Kenzie-Fälle geschrieben und veröffentlicht. Ein letzter Drink war sowohl sein Debüt als auch sein erster Kenzie-Roman. Mir liegen seine anderen Romane sehr, hier hat mich die deutlich distanziertere Beziehung zu den Romanfiguren gestört. Der Erzählstil ist flüssig, ist gleichbleibend gut, aber eben ein anderer als zum Beispiel in Mystic River oder In der Nacht. Die Kapitel sind recht kurz, was in Kombination mit der Sprache des Detektivs als Ich-Erzähler ein Stakkato erzeugt. Dadurch habe ich mich weder der Geschichte noch den Protagonisten nahe gefühlt. Wer Detektivromane mag, sollte die von Dennis Lehane unbedingt lesen, aber ich habe für mich durch diesen Titel gelernt, dass dieses Subgenre nicht mein Fall ist. Leider, muss ich sagen, denn ich finde ihn ja großartig! Wie ich mich kenne, lese ich irgendwann den 2. Kenzie-Fall und dann platzt der Knoten vielleicht.

 

Ein letzter Drink | Erstveröffentlichung 1994
Die aktuelle Ausgabe erschien am 24. August 2016 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-30030-7
368 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.