Kategorie: noir | hardboiled

Roland Spranger | Tiefenscharf

Roland Spranger | Tiefenscharf

Vor knapp fünf Jahren hätte ich mit dem Begriff „polar“ in Verbindung mit Kriminalliteratur noch nichts anfangen können. Doch dann gab es diesen frisch gegründeten Verlag, der sich schon im Namen auf den französischen Kriminalroman in Hardboiled- und Noir-Tradition berief. Der Polar Verlag begann sein Programm mit Übersetzungen außergewöhnlicher amerikanischer, französischer und irischer Autoren. Doch insgeheim war Verleger Wolfgang Franßen immer darauf aus, die Tradition eines „Deutschen Polar“ zu begründen. In 2017 wäre dies beinahe schief gegangen, doch ein Investor rettete den Verlag und damit das Projekt. Nun wurde im Frühjahr mit Roland Sprangers „Tiefenscharf“ der erste Roman des „Deutschen Polar“ veröffentlicht und im Vorwort macht Franßen deutlich, wohin die Reise gehen soll: „Kein popcorngerechtes Gangstertum, zum Konsum angerichtet.“ Vielmehr sollen die Sinne geschärft werden. Er fasst das Credo in zwei Sätzen zusammen: „Wir amüsieren uns nicht zu Tode. Wir rebellieren.“ Nun denn.

Oberfranken, Grenze zu Tschechien. Früher nannte man das hier Zonenrandgebiet. Ein Begriff, der den Zustand eigentlich auch heute noch treffend beschreibt. Zwar wurde hier und da einiges aufgehübscht: Ehemalige Schuhfabriken, umgebaut zu Lofts und Appartements, in denen Youtuberinnen hausen, renaturierte Schmutzbäche. Allerdings geht es ansonsten durchaus noch prekär zu. Komplizierte Beziehungen, schwierige Arbeitsverhältnisse. Neo-Nazis, Russencliquen. Brennende Autos, brennende Flüchtlingsheime. Bonjour Tristesse. Und immer im Hintergrund: Crystal Meth, der neue Treibstoff fürs Leben. Voller Einsatz, keine Müdigkeit, keine Kompromisse.

Im Fernseher laufen dauernd Werbefilme der Industrie, die darüber aufklären, wie super Chemie ist. Inspired by your visions. Science for a better life. Und so ist es. Methamphetamin verbessert seit hundert Jahren in der kristallinen Version dein Leben. Haut die Müdigkeit mit einem Schlag kaputt. Macht dich effizienter. Risikobereiter. Bei der Arbeit. Beim Spaß. Beim Alltag. Beim Sex. (Seite 37)

In Tiefenscharf kreuzen sich die Wege von Max, Meth-Vertriebschef auf deutscher Seite, und Sascha, Videoreporter eines Regionalsenders. Max hat sich ein profitables Vertriebsnetz aufgebaut. Allerdings hat er auch ein paar Neonazis als Freunde bzw. Kompagnons und mit Kira eine komplizierte Freundin (übrigens die interessanteste „Nebenfigur“ dieses Romans), die gerne nachts Autos abfackelt, und so unnötige Aufmerksamkeit erzeugt. Doch es ist Max selbst, der das Geschäft gefährdet: Als er auf der Autobahn kontrolliert wird, entledigt er sich einer Lieferung Meth durchs Seitenfenster. Er kann die Lieferung später jedoch nicht wiederfinden, stattdessen verprügelt und ermordet er schließlich einen Obdachlosen, den er verdächtigt hatte, das Zeug an sich genommen zu haben. Damit ist die Büchse der Pandora geöffnet.

Auf der anderen Seite wird Sascha gerade zum zweiten Mal Vater, seine Beziehung zu Ehefrau Lydia ist allerdings durchaus schwierig. Das liegt unter anderem an Saschas Alkoholkonsum. Dieser wird ihm auch beruflich zum Verhängnis. Er ist mit Leib und Seele Reporter, kann sich aber nicht so verwirklichen, wie er es gern hätte. Als er angetrunken mit dem Dienstwagen einen Unfall baut, ist er seinen Job los. Anschließend versucht er, sich als Freelancer durchzuschlagen. Als er eines Abends einen Nazi vom Parolensprayen bei der örtlichen Flüchtlingsunterkunft abhalten will, wird er von diesem böse verprügelt. Durch Zufall bekommt Sascha heraus, dass der Nazi ein Meth-Dealer aus Max‘ Truppe ist. Fortan will Sascha diese Dealer allein (bzw. mit Hilfe seines Kumpels Carsten) zur Strecke bringen. Ein klarer Fehler, wie der erfahrene Leser schnell erkennt.

Autor Roland Spranger lebt in Hof in Oberfranken. 2011 gewann er für seinen Roman „Kriegsgebiete“ den Friedrich-Glauser-Preis. Seinen Provinz-Noir Tiefenscharf siedelt er in seiner Heimat an und das ist vom Setting auf jeden Fall überzeugend. Dies gilt auch für seinen Stil von wechselnden Perspektiven und griffigen Dialogen sowie den Figuren des Romans, die allesamt auf der Suche scheinen und dabei nicht wirklich vorankommen. Müsste ich etwas kritisieren, dann am ehesten die Handlung, bei der manche Szenen für mich vielleicht etwas vorhersehbar waren. Doch alles zusammen genommen gelingen Autor und Verleger ein guter Auftakt für den „Deutschen Polar“. Man darf gespannt sein, was da noch nachkommt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Tiefenscharf | Erschienen am 1. Februar 2018 im Polar Verlag
ISBN 978-3-945133-59-0
368 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Declan Burke | Eight Ball Boogie

Declan Burke | Eight Ball Boogie

Der Begriff „Screwball“ kommt ursprünglich aus dem Baseball und hat sich in der englische Umgangssprache durchgesetzt. Ein Screwball ist demnach eine exzentrische, skurrile Person. Auch ein Filmgenre wurde danach benannt. In der Screwball-Komödie taucht in der Regel mindestens eine solche skurrile Person als Hauptdarsteller oder Hauptdarstellerin auf und zeichnet sich laut Wikipedia „durch hohe Dialoglastigkeit, feinen und intelligenten Wortwitz, ein rasantes Tempo und eine raffiniert konstruierte Handlung aus“.

Warum ich das alles erzähle?Weil der Stil von Autor Declan Burke von vielen Rezensenten als „Screwball Noir“ bezeichnet wurde. Und das ist durchaus nachzuvollziehen. Übrigens gibt es zahlreiche Paralleln zwischen screwball comedy und film noir, beide sind ungefähr zur gleichen Zeit in den 1930ern/1940ern populär geworden.

Man stelle sich diese skurrilen Hollywood-Komödien vor, transportiere sie in den Nordwesten Irlands und füge eine nicht unerhebliche Menge Alkohol, Betäubungsmittel und Schusswaffen hinzu. Voilá! Eight Ball Boogie ist der Debütroman des irischen Autors aus dem Jahr 2003. Seine späteren Romane The Big O und Absolute Zero Cool wurden bereits ins Deutsche übersetzt. Burke betreibt übrigens auch die interessante Krimiwebsite Crime always pays. Doch worum geht’s in Eight Ball Boogie?

„Na gut“, sagte er. „Das ist Plan A. Und was ist, wenn sie nicht darauf eingehen?“
„Dann überleg ich mir was anderes.“
„Und das ist alles?“, fragte er ungläubig.
„So ziemlich.“
„Scheiße. Scheißescheißescheißescheißescheißescheiße.“ […]
„Du willst das wirklich tun?“
„Ich tu nichts, es tut mich. Ich bin bloß der Beifahrer.“ (Auszug Seite 212)

Harry Rigby ist Privatermittler und verkauft auch gerne pikante Storys an die Boulevardpresse. Er führt eine komplizierte Beziehung zu seiner Freundin Denise und seinem vierjährigen Sohn Ben, das Geschäft könnte auch besser laufen. Da wird die Ehefrau eines bekannten Politikers ermordet und Rigby erhält zeitgleich den Auftrag eines windigen einheimischen Geschäftsmannes, dessen Frau auszuspionieren. Und Rigby findet schnell heraus, dass die Ehefrau offenbar etwas mit dem verwitweten Politiker hatte.

Aber das sind nur die ersten Elemente, denn getreu dem Screwball-Genre geht es in der Folgezeit ziemlich turbulent und abwechslungsreich zu. Und Harry ist über weite Strecken tatsächlich nur ein Getriebener in diesem Plot. Irgendwann wird klar, dass es hier irgendwie um Drogen geht, aber wer wie da jetzt mit drin hängt, ist schwer zu beurteilen (ein wenig auch nach Beendigung des Buches). Die örtlichen Polizeikräfte rücken Harry auf die Pelle, die freie Journalistin Katie verdreht ihm etwas den Kopf. Zur Krönung taucht auch Harrys Bruder Gonzo nach vier Jahren Funkstille auf der Bildfläche auf. Mit seinem Bruder verbindet Harry so etwas wie eine Hassliebe, wobei die Betonung eher auf der ersten Silbe liegt.

Harry führt als Ich-Erzähler durch den Roman. Das ist ungemein praktisch, da der Leser genauso oft auf dem falschen Fuß erwischt wird wie Harry. In den besten Momenten liest sich das Buch wie die Vorlage zu einem frühen Guy-Ritchie-Film, aber es gibt auch Phasen, in denen ich einfach nur noch verwirrt war, wohin sich die Nummer jetzt wieder hin entwickelt hat. Doch alles in allem war ich schon zufrieden, wenn auch nicht begeistert. Declan Burke spart nicht an hartgesottenen Zutaten. Hier gibt es eine Menge schräger Typen in knackigen Dialogen und einem rabenschwarzen Plot. Und das sorgt auf jeden Fall nicht für Langeweile.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Eight Ball Boogie | Erschienen am 5. März 2018 bei Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-068-7
272 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Declan Burkes Website crimealwayspays.blogspot.de 

2. Mai 2018

André Pilz | Man Down

André Pilz | Man Down

Oh ja, Florian, ich liebe den Kick, den Rausch. Er hält mich am Leben und macht mich kaputt. Mit jedem Rausch verliere ich ein Stück meiner Seele und meiner Kraft und meines Willens. Verliere ich einen Teil meiner Lebensfreude. Das ist eine Kapitulation auf Raten. Der Rausch ist verlogen und hinterlistig. Er gaukelt mir vor, lebendig zu sein, voller Leidenschaft und Feuer, und ich glaube ihm, und wenn ich dann wieder runterkomme, wird mir klar, dass ich nur zu einem billigen Porno gewichst habe und dass die heiße Braut nur auf dem Bildschirm existiert.
Ich glaube nicht, dass ich Schmerz jemals ohne Drogen ertragen werde können.
Ich wünschte, ich wäre stärker, aber ich weiß, ich bin es nicht.
Ich ergebe mich lieber den Drogen als dieser Welt (Auszug Seite 100)

Kai Samweber ist gelernter Dachdecker, doch in seinem Beruf wird der Mittzwanziger nach einem Sturz vom Dach wohl nie mehr arbeiten. Seine körperlichen Beschwerden ertränkt er in Alkohol und Drogen. Hinzu kommen auch Geldsorgen. In Erwartung des ihm zugesagten, noch ausstehenden Lohns leiht sich Kai einige tausend Euro bei den zwielichtigen Brüdern seines besten Kumpels Shane. Doch sein alter Chef zahlt nicht, meldet Insolvenz an und Kai hat nun ein echtes Problem. Er muss als Drogenkurier seine Schulden abarbeiten.

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Springflut | Staffel 1 ►

Springflut | Staffel 1 ►

Die engagierte Polizeihochschul-Studentin Olivia Rönning erhält als Semesteraufgabe die Cold-Case-Übung, den sich 1990 zugetragenen „Strandmord“, dem Verbrechen an einer hochschwangeren Frau, zu beleuchten. Diese wurde bei Springflut am Strand bis zum Kopf eingegraben und ihrem Schicksal überlassen, was bis dato nicht aufgeklärt werden konnte.

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