Kategorie: Krimi

Volker Klüpfel & Michael Kobr | Kluftinger Bd. 10

Volker Klüpfel & Michael Kobr | Kluftinger Bd. 10

Einen Kluftinger-Krimi im wahrsten Sinne des Wortes kredenzen uns die beiden Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr zum Jubläum: zum zehnten Mal ermittelt der Allgäuer Kommissar auf seine unnachahmliche Art, diesmal sogar in eigener Sache.

Kommissar Kluftinger aus Altusried im Allgäu hat mittlerweile reichhaltige Erfahrungen in der Ermittlungsarbeit vorzuweisen. So scharfsinnig er seine Fälle löst , so tollpatschig ist er oft, technischen Neuerungen nicht gerade aufgeschlossen gegenüber und immer bereit, in so manches Fettnäpfchen zu treten. Gegen die gut gemeinten Bevormundungen seiner Eltern und seiner Frau kommt er nicht wirklich an, obwohl er mittlerweile stolzer Opa ist. Sein spezieller „Freund“ ist der stets allwissende und sich einmischende Dr. Langhammer (in diesem Buch auch noch Besitzer eines aufdringlichen Hundes), den er immer wieder versucht, außen vorzulassen – was ihm allerdings auch nicht gelingt. In Kluftiger erfahren wir sogar seinen bisher unbekannten vollen Vornamen. In seiner Freizeit spielt er die große Trommel in der örtlichen Musikkapelle und wirkt bei einem Laienspieltheater mit. Eine besondere Vorliebe hat er für die Kässpatzen seiner Frau Erika und seinen uralten VW Passat.

Kluftinger wird beim alljährlichen Friedhofsrundgang mit seiner Familie zu Allerheiligen auf eine immer größer werdende Menschenansammlung aufmerksam; eine sich aus der Menge lösende Frau stößt bei seinem Anblick einen spitzen Schrei aus. Natürlich will er nun wissen, was da los ist. Als er es endlich bis zu dem frisch angelegten Grab geschafft hat, wird ihm ganz anders: auf dem Holzkreuz steht sein eigener Name. Ist das nun ein dummer Streich oder hat es jemand auf ihn abgesehen?

Eine erste Spur tut sich auf, als er einen Anruf von Heinz Rösler erhält, einem ehemals legendären Seriendieb, der ihm bei der Aufklärung bei einem seiner spektakulärsten Fälle, einem Kunstraub, geholfen hatte. Rösler teilt ihm mit, dass der an diesem Kunstraub beteiligte Albert Mang, genannt der Schutzpatron, wieder in der der Nähe ist und eventuell hinter der Sache stecken könnte. Als Kluftinger von Dr. Langhammer (natürlich) darauf aufmerksam gemacht wird, dass es sich bei dem Spruch auf dem Kreuz um ein Zitat von Albertus Magnus handelt, ist Kluftiger sich ziemlich sicher, dass Rösler ihn auf die richtige Spur gebracht hat. Dazu passt auch, dass in einem Museum oberhalb des Kochelsees ein wertvolles Gemälde, das den Friedhof (!) von Kochel darstellt, trotz hochmoderner Sicherheitsvorkehrungen gestohlen wurde.

Kurz darauf taucht in der Zeitung eine Todesanzeige mit seinem Namen und dem Spruch „We’ll fly you to the promised land“ auf, ein Spruch, der ihn an ein Ereignis in seiner Jugend erinnert, ein dunkles Kapitel, dass er bisher erfolgreich verdrängt hatte.

Die anderen fünf erhoben sich, bildeten einen Kreis, und jeder streckte die rechte Hand so in die Mitte, dass sie sich alle über der Glut trafen. Ich schwöre, über die Sache heute abend mit niemandem außer der Clique zu sprechen, egal, was kommt. Für immer und ewig. Auf Leben und Tod“, sagte Hotte eindringlich, und alle sprachen die Worte murmelnd nach. (Seite 151)

Das damals erlebte war wohl für Kluftinger auch mit einer der Gründe, später in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und ebenfalls Polizist zu werden. Im weiteren Verlauf der Handlung taucht noch ein weiterer Hinweis des Täters auf: in der Kirche findet seine Mutter beim Rosenkranzgebet Sterbebildchen, darauf ein ca. dreißig Jahre altes Foto von Kluftinger.

Das Bild sah aus, als habe man es von einem anderen kopiert. Er stutzte. War das nicht das Portrait, das er beim Fotografen hatte machen lassen, für seinen ersten Dienstausweis als Steifenpolizist? Es war auch einmal in einer Zeitung veröffentlicht worden, damals, bei seinem ersten großen Fall am Funkensonntag. Dieser grauenvollen Geschichte, in die er nur durch Zufall hineingeraten war und die doch so viel verändert hatte. (Seite 279)

Kluftinger hat es somit gleich mit Spuren zu drei alten Fällen zu tun, die einen eventuellen Täter veranlassen könnten, ihm nach dem Leben zu trachten.

In Kluftinger, dem mittlerweile zehnten dieser Reihe, geben die Autoren auch Einblick in die Jugendzeit von Kommissar Kluftinger, sowohl in negative (mit seiner alten Clique) als auch in positive Ereignisse; sehr schön der mit Augenzwinkern geschilderte erste Besuch seiner damaligen Freundin Erika (seiner jetzigen Ehefrau) bei seinen Eltern, aber auch die erste Begegnung mit seinem späteren, damals noch jugendlichen, Intimfeind Dr. Langhammer. Man erfährt auch, wie Kluftinger durch seine Mitarbeit in einem spektakulären Mordfall vom einfachen Steifenpolizisten zum Kripobeamten wird und dass er einstmals die Bewerbung eines mittlerweile auch berühmten Kommissars (ein wunderbarer Seitenhieb der Autoren, gemeint ist der Garmisch-Partenkirchener Kommissar Jennerwein, Alpenkrimilesern wahrscheinlich ebenfalls bestens bekannt) als neuer Mitarbeiter für sein Team abgelehnt hat. Auch die bisher bekannten Sticheleien unter den Kollegen sind wieder dabei, allerdings muss sich Eugen Strobl bei den Autoren irgendwie unbeliebt gemacht haben. Der kommt diesmal ziemlich schlecht weg, andererseits spielt er aber auch eine bedeutende Rolle, als es für Kluftinger gefährlich wird.

Was den Plot besonders auszeichnet, ist die Verknüpfung von bisherigen Fällen des Kommissars, sowohl von uns Lesern bisher unbekannten Mordfällen als auch dem aus Band sechs (Schutzpatron) bekannten Kunstraub. Mit dieser genialen Idee, die Kluftingers neuen Fall zwischen Vergangenheit und Gegenwart ansiedelt und nicht nur den Kommissar, sondern auch uns Leser immer wieder von einer augenscheinlich sicheren Spur abbringt, haben die Autoren etwas besonderes für den Jubiläumsfall geschaffen.

Die auch in der Vergangenheit unterschiedlichen Handlungsstränge sind in einem sich stetig steigernden Spannungsbogen verknüpft. Aber auch der aus den bisherigen Romanen bekannte Humor kommt nicht zu kurz. Etwas, was mir immer sehr gut gefällt, weil er Kluftinger auch sehr sympathisch macht: ein gewiefter Kommissar mit Fehlern und Schwächen, die er nicht so gerne zugibt (zum Beispiel die Schwierigkeiten des Enkelhütens, denen er versucht, mit technischen Möglichkeiten Herr zu werden), ihn aber sehr menschlich rüberkommen lassen.

Fazit: Alles in allem ein sehr gelungener Roman, Lesevergnügen pur. Für mich mit einer der besten der Reihe und auf jeden Fall empfehlenswert. Ob der Schlussabsatz bereits auf den nächsten Fall hinweist? Ich bin gespannt!

Volker Klüpfel, Jahrgang 1971, stammt wie der Kommissar aus Altusried und lebt mit seiner Familie im Allgäu, studierte in Bamberg Politikwissenschaft und Geschichte. Nach einer Tätigkeit bei einer Zeitung in den USA, der Augsburger Allgemeinen und beim Bayrischen Rundfunk entschied er sich jedoch endgültig für die Schriftstellerei.
Michael Kobr, Jahrgang 1973, geboren in Kempten/Allgäu, lebt mit seiner Familie im Unterallgäu, studierte in Erlangen Germanistik und Romanistik und arbeitete zunächst als Realschullehrer, diese Tätigkeit gab er (zum Glück) zugunsten der Schriftstellerei auf.

Die bisherigen Bücher brachten ihnen bereits mehrfach Auszeichnungen ein; mittlerweile halten sie an unterschiedlichsten Orten stets gut besuchte Lesungen mit schauspielerischem Einsatz, vor kurzem lieferten sie sich sogar in SAT 1 ein Krimi-Duell mit einem tatsächlichen Ermittler, das sie – wenn auch knapp – gewannen. Man darf auf Weiteres gespannt sein.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Kluftinger | Erschienen 27. April 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-550-08179-8
480 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu Grimmbart, dem 8. Band dieser Reihe, auf krimirezensionen.de

Hannah O’Brien | Irisches Erbe Bd. 4

Hannah O’Brien | Irisches Erbe Bd. 4

Irisches Erbe ist der vierte Fall für das Ermittlerteam um Grace O’Malley und spielt im County Galway in der Republik Irland. Grace O’Malley und ihr Kollege Rory Coyne von der Mordkommission in Galway müssen ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit wegen mehrerer Morde, verübt in zwei Kirchen des County, ermitteln. Die Opfer waren jeweils Gemeindehelferinnen, aufgefunden wurden die Mordopfer merkwürdigerweise immer von demselben Priester, Father Duffy. Aufgrund der Umstände (beide Morde im Abstand von je einer Woche an einem Adventwochenende, beide mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen) liegt die Vermutung nahe, dass es sich um einen Serientäter handeln könnte.

Grace erfährt im Gespräch mit der Gemeindesekretärin, Mary O’Shea, dass Father Duffy für insgesamt drei der Gemeinden im Westen des County Galway zuständig ist, in der Gemeinde Maycullen, in der der zweite Mord verübt wurde, ist er kurzfristig als Ersatz für einen erkrankten Kollegen eingesprungen. Somit ist Father Duffy höchst verdächtig und Grace sieht sich unter Zugzwang (vier Gemeinden, vier Adventwochenenden, bereits zwei Morde).
Allerdings könnte es sich auch um einen Racheakt gegen Father Duffy handeln, indem man ihn als Täter darstellt. Wie sich bei den Befragungen herausstellt, war dieser in den 90er Jahren, als es in Nordirland noch Kämpfe zwischen der (katholischen) IRA und der (protestantischen) UDA gab, in Belfast eingesetzt.

Grace hatte die Beine übereinandergeschlagen und studierte sein Gesicht. „Father Duffy, ich möchte zunächst mit Ihnen über ein Ereignis sprechen, das schon sehr lange zurückliegt und scheinbar nichts mit unseren Fällen hier zu tun hat.“ Duffys Gesichtsausdruck wirkte ratlos. Er sagte jedoch keinen Ton. “Sie waren in den Neunzigerjahren Priester in der Falls Road in Belfast. Ist das richtig?“ Duffys Augen waren vor Schreck geweitet. Er nickte heftig. „Soweit wir wissen, begegneten Sie eines Nachts in Ihrer Kirche einem schwerverletzten militanten Unionisten, dem Sie zu Hilfe kamen.“ (Seite 295)

Tatsächlich führen die Ermittlungen Grace und Rory zurück in die Vergangenheit; sie erfahren allerdings auch von Begebenheiten, die man in einem kirchlichen Umfeld nicht unbedingt erwartet, vor allem nicht in der heutigen Zeit:

Father McLeish räusperte sich schließlich. „Nun, die Kirche hat durch das Fehlverhalten Einzelner – und ich betone Einzelner – bedauerlicherweise an Glaubwürdigkeit verloren. Und durch das Fehlverhalten vieler – und ich betone vieler – Priester heutzutage, die bereit sind, Homosexualität und andere unnatürliche Verfehlungen in ihrer Mitte zu dulden und nicht konsequent auszumerzen, wie Scheidung oder das sogenannte Recht auf Abtreibung, hat sie noch viel mehr an Boden verloren, was den Glauben und die Glaubwürdigkeit der einzigen Kirche Gottes und seines Sohnes betrifft. Es musste etwas geschehen.“ (Seite 409)

Die Autorin Hannah O’Brien hat in ihrem Roman die Lebensläufe mehrerer Protagonisten zu einer spannenden Handlung verknüpft. Bis zur Auflösung ist man als Leser hin- und hergerissen zwischen „..ich glaube, ich weiß wer’s war“ und „….kann aber eigentlich doch nicht sein“. Wie sich herausstellt, sind die Motive für die Morde andere als zunächst vermutet  und witzigerweise wird einer der Morde durch einen Handy-Klingelton bewiesen.

Was mich an dem Buch auch beeindruckt hat, ist die Einbindung der irischen Vergangenheit, die auch von der Autorin erläutert wird, sowohl in der Handlung als auch im anschließenden Glossar, man spürt die Verbundenheit der Autorin mit ihrer Wahlheimat. Sozusagen als „Bonbon“ gibt es noch die ausführliche Vorstellung der Protagonisten und eine Landkarte, auf der die im Buch genannten Orte zu finden sind.

Fazit: Eine Handlung zwischen irischer Vergangenheit (nicht nur der politischen, sondern auch der kirchlichen) und Gegenwart, spannend bis zum Schluss!

Hannah O’Brien ist ein Pseudonym von Hannelore Hippe-Davies, geboren 1951 in Frankfurt am Main. Sie lebte lange in ihrer Wahlheimat Connemara und fühlt sich dort bis heute zu Hause. Sie arbeitet seit 1985 als freie Journalistin, vorwiegend für die Rundfunkanstalten der ARD und schrieb zahlreiche Features und Hörspiele bzw. -dokumentationen sowie Romane, allerdings nicht nur Kriminalromane, sondern auch „kulinarische Entdeckungsreisen“. Ab 2015 schrieb sie dann unter dem Pseudonym über die Ermittlerin Grace O’Malley.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Irisches Erbe | Erschienen am 9. März 2018 bei dtv
ISBN 978-3-423-21720-0
432 Seiten | 9.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Tom Callaghan | Mörderischer Sommer

Tom Callaghan | Mörderischer Sommer

Ich musste über den Schlamassel nachdenken, in dem ich bis zum Hals steckte. Und darüber, was ich deswegen unternehmen wollte – allein, unsicher und in einer Stadt, die so fremd war, dass sie genauso gut auf einem anderen Planeten hätte liegen können. Ich war in Dubai.“ (Auszug Seite 12)

Akyl Borubaew, ehemaliger kirgisischer Polizeikommissar, wird zum Minister für Staatssicherheit bestellt. Dieser hat einen Auftrag für Akyl: Des Ministers Geliebte ist mit Kontozugangsdaten und Geheimdokumenten nach Dubai verschwunden. Der Minister will, dass Akyl die Frau oder wenigstens den USB-Stick mit den Daten zurück nach Kirgisistan bringt. Und er ist kein Mann, dem man einen solchen Auftrag abschlägt. Doch kaum ist Akyl in den Emiraten eingetroffen, gerät er direkt in größere Schwierigkeiten.

Denn als erstes stößt er auf die Leiche eines Zuhälters und Waffenhehlers. Auch sein Kontaktmann in Dubai ist ihm irgendwie suspekt. Als er schließlich die gesuchte Frau aufstöbert, stellt Akyl fest, dass diese erheblich verschlagener ist als gedacht. Schließlich spielen auch noch tschetschenische Terrororganisationen beim Rennen um die Dokumente mit und auch seine Freundin Saltanat vom usbekischen Geheimdienst taucht auf. Bei aller Verbundenheit kann er aber nur eingeschränkt auf ihre Unterstützung setzen, denn Saltanat hat wie immer ihre eigene Agenda.

Mörderischer Sommer ist der dritte Teil der Reihe um den Kirgisen Akyl Borobaew. Dritte Teile sind ja durchaus immer etwas knifflig. Nach einem starken Auftakt und einer gelungenen Fortsetzung entscheidet sich ja oft im dritten Teil, ob man einer Serie weiterhin erhalten bleibt oder ob der Reiz so langsam abflacht. Blutiger Winter und Tödlicher Frühling konnten mich auf jeden Fall überzeugen. Der Reiz lag zum einen bei den Figuren. Akyl Borubaew, ein eigenwilliger, harter, aber gleichzeitig auch einsamer und melancholischer Mann. In einem Waisenhaus aufgewachsen, hat er später als Polizist seine Bestimmung gefunden. Er hat seine geliebte Frau an den Krebs verloren, ihr sogar aktiv beim Sterben geholfen. Dieser Verlust nagt allerdings sehr an ihm, obwohl eine neue Frau in sein Leben getreten ist. Saltanat Umarowa ist eine eiskalte, gefährliche Agentin des usbekischen Geheimdienstes. Doch irgendwie wurde ein Band zwischen beiden geknüpft, allerdings ein sehr zerbrechliches. Dritte wiederkehrende Hauptperson ist der korrupte, machtbewusste Minister für Staatssicherheit, Michail Tynalijew, der Akyl zu Aufträgen zwingt, ihm immer wieder seine Allmacht vorführt, aber gleichzeitig auch seine Hand über Akyl hält.

Zum anderen war aber ein großes Plus der Reihe das unverbrauchte Setting im zentralasiatischen Kirgisistan. Ein raues Land voll landschaftlicher Schönheit, aber als junger Staat im Schatten Russlands und Chinas immer an der Schwelle (oder darüber hinaus) zur Autokratie, in der sich gesellschaftliche Abgründe auftun. Von diesem Reiz weicht Autor Tom Callaghan leider in diesem dritten Band erheblich ab, in dem er die Handlung nach Dubai verlagert. Die moderne Stadt am persischen Golf kann es als Schauplatz leider überhaupt nicht mit Bischkek und Kirgisistan aufnehmen. Obwohl der Autor sich bemüht, auch ein paar Schattenseiten zu zeigen, bleibt Dubai ein relativ uninteressanter, austauschbarer Schauplatz.

Zudem vermag mich dieses Mal auch der Plot nicht so richtig zu überzeugen. Während in den ersten beiden Bänden Themen wie die dreckige Droge „Krokodil“ oder Kindesmissbrauch den Leser zu fesseln wussten, ist das undurchsichtige Spiel verschiedener Gruppen um Geld und Dokumente in diesem Band nur eher solide. Spätestens wenn Akyl zum Einholen von Informationen zum fünften Mal dieselbe Bar aufsucht, wünscht man sich doch etwas mehr Finesse. So bleibt am Ende das Fazit, dass der dritte Band mich diesmal doch nicht so ganz überzeugen konnte. Allerdings sprechen die interessanten Protagonisten und die Tatsache, dass diese Reihe (anhand der Jahreszeiten erkennbar) auf vier Bände ausgelegt ist, dann doch dafür, auch in den letzten Band hereinzuschauen, um zu sehen, was aus Akyl und Saltanat noch wird.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Mörderischer Sommer | Erschienen am 24. April 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00123-5
333 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Noras Rezensionen zu den Krimis Blutiger Winter und Tödlicher Frühling von Tom Callaghan

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Japan ist momentan literarisch schwer angesagt. Nicht nur, dass der letzte und angesichts der Verhältnisse des Komitees wohl längere Zeit amtierende Literaturnobelpreisträger aus Japan kommt, auch in Sachen Kriminalliteratur gibt es einige aktuelle japanische Titel mit hoher Aufmerksamkeit. Ich muss gestehen, dass ich mit japanischen Titel immer so meine Schwierigkeiten hatte, zu sehr unterscheiden sich teilweise der westliche und japanische Kulturkreis, so dass ich mit manchen Handlungen und Figuren so meine Probleme hatte. Zuletzt ließ mich Kanae Minatos „Geständnisse“ einigermaßen ratlos zurück. Nun dachte ich mir: Probiere ich es doch mal mit einem Titel, der in Japan spielt, aber von einem europäischen Autor. Gesagt, getan.

Schatten der schwarzen Sonne von Nicolás Obregón, ein Autor mit spanisch-französischen Wurzeln, in London geboren und für ein englisches Reisemagazin lange in Japan unterwegs gewesen. Aber um es vorweg zu nehmen: So richtig überzeugt war ich am Ende auch wieder nicht.

„Max Weber hat mal gesagt, ‚der Mensch ist ein Wesen, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist‘. Der, den du suchst, ist verstrickt in dieses System der schwarzen Sonne. Es ist nicht seine Visitenkarte. Ich glaube, es ist sein ganzes Gewebe. Er lebt und atmet damit.“ (Seite 101)

Kommissar Kosuke Iwata ist neu in die Mordkommission im Tokioter Stadtbezirk Shibuya versetzt worden. Sein Vorgänger hatte kurz zuvor Selbstmord begangen und hinterlässt ihm direkt einen mysteriösen Fall: Eine koreanische Familie wurde auf grausame Weise getötet. Am Tatort die Zeichnung einer schwarzen Sonne, offenbar von einem der Opfer gezwungenermaßen geschrieben. Iwata recherchiert im Umfeld der Familie, ein psychisch gestörter Bekannter der Mutter ist der perfekte Täter. Damit ist Iwata allerdings nicht zufrieden. Da geschieht ein weiterer Mord. Eine alte Frau wurde getötet, die Witwe eines Richters. Wieder am Tatort ist das Symbol der schwarzen Sonne. Iwata versucht verzweifelt, den Zusammenhang zwischen den Taten herzustellen, um einen nächsten Mord zu verhindern. Aber gleichzeitig wird an seinem Stuhl gesägt, seine Suspendierung droht. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Schatten der schwarzen Sonne ist der Auftakt zu einer Reihe. Dadurch erhält die Hauptfigur Kosuke Iwata und seine Vergangenheit sehr großen Raum im Buch. Iwata ist der typische Außenseiter-Cop in seinem neuen Revier. Ein Einzelgänger, der sich auch direkt mit den Platzhirschen anlegt und dadurch in Schwierigkeiten gerät. Seine Vergangenheit, die regelmäßig in Rückblicken erzählt wird, ist außerdem traumatisch. Als Kind von der Mutter sitzengelassen, im Waisenhaus aufgewachsen. In den USA lernt er seine Frau Cleo kennen, die er nun in einer Psychiatrie besucht. Erst nach und nach offenbart sich eine weitere Familientragödie. Der englische Originaltitel „Blue Light Yokohama“ bezieht sich übrigens auf einen Song der Sängerin und Schauspielerin Ayumi Ishida, einen japanischen Nr.1-Hit aus dem Jahr 1968, auf den auch im Buch regelmäßig Bezug genommen wird.

Der Kriminalroman, der außerdem über ausgedehnte Thrillerelemente verfügt, ist grundsätzlich sehr solide, verfügt über einen guten Spannungsbogen, vielleicht sind die Rückblicke in die Vergangenheit des Kommissars manchmal etwas ausschweifend. Wichtigste Nebenfigur ist die pfiffige Kommissarsanwärterin Sakai, die anfangs Iwata zur Seite gestellt ist, später abgezogen wird, aber irgendwie in die Geschichte verwickelt ist.

Obwohl Schatten der schwarzen Sonne ein ordentlicher Krimi ist, der das Genre nicht neu erfindet, aber passabel unterhält, gab es für mich irgendwie einen faden Beigeschmack. Ich war ein wenig enttäuscht von der Geschichte und das lag für mich an deutlichen Schwächen in der Authentizität. Zunächst mal die internen Reibereien im Polizeirevier. Sexismus, Mobbing, Korruption. Das war für mich so schematisch, es hätte anstatt Shibuya auch das LAPD oder die Pariser Polizeipräfektur sein können. Des Weiteren mag Nicolás Obregón ein ausgewiesener Japan-Kenner sein, aber dann hätte er auch ein wenig mehr in die japanische Seele eintauchen können. Die Themen, die er in diesem Krimi vermischt, sind wirklich ein paar der gängigsten (kriminellen) Japan-Themen (Selbstmorde, Rassismus gegenüber Koreanern, fanatische Sekten). Das wirkt auf mich dann doch etwas sehr kalkuliert. Schade. Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, dass das viele andere nicht stört.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Schatten der schwarzen Sonne | Erschienen am 1. März 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31475-1
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Abgehakt | Juni 2018

Abgehakt | Juni 2018

Adrian McKinty | Dirty Cops

Nordirland, 1988. Ein seltsamer Mordfall in Carrickfergus: Ein Mann wird vom einem Armbrustpfeil erschossen aufgefunden. Der Tote war ein Dealer, aber die Mordwaffe ist schon sehr ungewöhnlich. Die Ehefrau des Toten ist keine große Hilfe, war sie doch vermutlich selbst in die Deals ihres Mannes verstrickt. Über Umwege gibt sie Duffy schließlich einen entscheidenden Hinweis, das Kennzeichen eines Autos, das das Paar kurz vor dem Mord verfolgt haben soll. Duffys Vorgesetzten wollen den Fall allerdings zu den Akten legen, zumal eine IRA-nahe Gruppierung sich mehr oder weniger zu der Tat bekannt hat. Doch so leicht lässt sich Duffy nicht von einer Fährte abbringen. Er gräbt weiter und bringt damit noch gefährlichere Gegner als seine Vorgesetzten gegen sich auf.

Es sind immer noch die 80er und immer noch geht es drunter und drüber in Nordirland. Allerdings ist DI Sean Duffy doch etwas solider geworden, immerhin ist er jetzt fest liiert und Papa geworden. Aber er bleibt sich natürlich und zum Glück in vielen Dingen treu, vor allem, dass er trotz gegenteiliger Anordnungen von manchen Dingen nicht fern bleiben kann. Trotzdem wird es diesmal verdammt brenzlig für ihn, denn das Buch beginnt im Prolog damit, dass er von einem IRA-Kommando in den Wald geführt wird, um dort sein eigenes Grab zu schaufeln. Ob und wie er sich da herauswinden kann, werde ich an dieser Stelle nicht verraten. Jedoch verraten kann ich, dass mir dieser sechste Band der Reihe wieder mal ganz vorzüglich gefallen hat. Ein kniffliger Mordfall, politische/polizeiliche Verstricklungen, der gewohnte lässig-hartgesottene Schreibstil, der böse Humor und die Weiterentwicklung des Sean Duffy zum Familienvater sind die feinen Zutaten für diesen Kriminalroman.

Für alle Fans dieser Reihe gibt es auch weiterhin gute Nachrichten: Die Verträge für die Bände 7-9 sind bereits unter Dach und Fach.

 

Dirty Cops | Erschienen am 25.September 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46642-5
392 Seiten | 14,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Philip Kerr | Die Hand Gottes

Play-Offs zur Champions League: London City muss bei den heißblütigen Griechen von Olympiakos Piräus antreten. Londons Offensivmann Bekim Develi schießt die Gäste aus England schnell in Führung – und bricht kurz darauf auf dem Spielfeld zusammen und stirbt. London ist geschockt, das Spiel endet 4:1 für Olympiakos. Am nächsten Morgen kommt die Polizei ins Mannschaftshotel. Am Abend vor dem Spiel war eine Frau bei Develi im Zimmer und diese ist nun tot im Hafenbecken gefunden worden. Die Polizei stellt die Mannschaft unter Verdacht und lässt sie nicht ausreisen. Trainer Scott Manson ist gefordert: Zum einen will er herausfinden, wie sein Spieler und diese Frau gestorben sind, zum anderen muss er sein Team unter diesen widrigen Bedingungen aufs Rückspiel vorbereiten.

Die Hand Gottes ist der zweite Band der dreiteiligen Reihe um Scott Manson, Cheftrainer und Gelegenheitsermittler. Auch in diesem Roman nimmt sich Philip Kerr, der leider im März mit 62 Jahren verstarb, das Fußball-Business zur Brust. Windige Investoren, Spielmanipulation, Korruption, Homophobie und Rassismus: Kerr spart kein heißes Thema aus und hat sichtlich Spaß dabei. Griechenland in der Eurokrise als Schauplatz hat einiges an Reiz, auch die Rivalität zwischen Olympiakos und Panathinaikos wird groß thematisiert. Obwohl Kerr es nicht ganz lassen kann, zu viel erklären zu wollen, anstatt auf das Fußball-Wissen des Lesers zu vertrauen, hat mir dieser Thriller insgesamt besser gefallen als Band 1, Der Winter-Transfer. Um in der Fußballsprache zu bleiben: Die Geschichte hat einfach mehr Zug zum Tor als der Vorgänger, der am Ende etwas cosy wurde. Und damit ist das Buch vielleicht die passende Lektüre zur laufenden Fußball-WM.

 

Die Hand Gottes | Erschienen am 19. März 2016 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50139-1
als Taschenbuchausgabe: 397 Seiten | 9,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Wallace Stroby | Fast ein guter Plan

Gerade erst hat Crissa Stone einen Teil der Beute vom legendären Lufthansa-Raub eingesackt, da bietet sich ihr ein neuer Job. Zu viert rauben sie mehr als 300.000 Dollar aus einem Drogendeal. Doch beim Aufteilen der Beute hat einer einen Hinterhalt geplant. Zwei Komplizen werden erschossen, Crissa entkommt nur knapp mit der Hälfte des Geldes. Doch die Probleme fangen erst an, denn der Drogenboss engagiert einen skrupellosen Ex-Cop, um ihm die Kohle wiederzubringen.

Nachdem der zweite Band, Geld ist nicht genug, sowas wie der Durchbruch von Wallace Strobys Heldin Crissa Stone in Deutschland war, hat der Pendragon Verlag relativ schnell den nächsten Band der Reihe nachgelegt. Crissa Stone ist aber auch ein seltener Glücksgriff als Protagonistin: Eine taffe Gangsterin, intelligent, hart, abgebrüht wenn’s um den Job geht. Aber gleichzeitig auch eine empathische, loyale Person mit Verantwortungsbewusstsein. Das könnte ihr in diesem Falle zum Verhängnis werden. Fast ein guter Plan setzt die gute Reihe nahtlos fort. Schnörkellos und rasant geschrieben und mit einer harten, aber herzlichen, verdammt coolen Heldin.

Fast ein guter Plan | Erschienen am 29. Januar 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-607-2
320 Seiten | 17.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 4.0 von 5.0

Donato Carrisi | Der Nebelmann

Avechot, ein kleiner Ort in einem Nebental der italienischen Alpen. Ein Mädchen aus einer tiefreligiösen Familie verschwindet am Tag vor Weihnachten. Die Polizei schickt Sonderermittler Vogel, einen eitlen, exzentrischen Mann, der sich vor allem auf eines versteht: Manipulation. Geschickt versteht er es, die Presse und Öffentlichkeit für seine Zwecke zu nutzen, um das Interesse am Fall hoch zu halten. Denn auch nach Neujahr gibt es keine Spur der Vermissten. Doch für Vogel kristallisiert sich ein Verdächtiger heraus.

Dieser Thriller kommt höchst ungewöhnlich daher, denn so eine Figur wie diesen Vogel sieht man nicht allzu häufig in einem Thriller. Vogel paktiert mit der Presse, nutzt die Gerüchteküche des Dorfes, setzt den Verdächtigen unter Druck und schreckt nicht davor zurück, Beweise zu manipulieren. Das ist über weite Strecken ordentlich gemacht. Auch der Aufbau des Buches mit zahlreichen Brüchen in der Chronologie trägt zur Manipulation des Lesers bei. Allerdings will es Carrisi für meinen Geschmack zum Ende hin zu pfiffig machen. Nachdem er sich für den Verlauf der Geschichte zunächst viel Zeit nimmt, kommen die Wendungen am Schluss einfach zu plötzlich und etwas übertrieben daher. Das mag manchen Thrillerfan trotzdem begeistern, für mich gab es hierfür Abzüge.

Der Nebelmann | Erschienen am 4. August 2017 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-016-2
336 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Charlotte Link | Das Echo der Schuld

 

Das Boot der Deutschen Nathan und Livia sinkt vor der Küste Schottlands und beide stehen plötzlich mit völlig leeren Händen da. Livia hat vorher kurzzeitig im Ferienhaus von Virginia Quentin und ihrem Mann gejobbt und sie und Nathan finden dort nun Hilfe und Unterstützung. Als Virginia in ihr Zuhause nach Norfolk zurückkehrt, erfährt sie, dass in der Gegend gerade einige Kinder vermisst werden. Nathan spürt Virginia in Norfolk auf und plötzlich verschwindet auch Virginias Tochter Kim.

Dieser Spannungsroman liest sich sehr flüssig, ohne wahnsinnig nervenaufreibend zu sein. Ich empfand ihn als gute Unterhaltung für zwischendurch. Die Geschichte ließ mich als Leser immer wieder an Personen und eventuell Verdächtigen zweifeln, außerdem konnte mich das Ende überraschen. Interessant sind auch die eingestreuten Erinnerungen an Virginias Vergangenheit, die dem Leser nicht sofort, sondern nach und nach präsentiert werden.

 

Das Echo der Schuld | Erschienen am 17. März 2014 bei Blanvalet
ISBN 978-344-238354-2
542 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.