Kategorie: Krimi

Abgehakt Juni 2019

Abgehakt Juni 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 2. Quartalsende 2019

 

Petra Reski | Mafia. 100 Seiten

Die Mafia ist sicherlich die bekannteste kriminelle Organisation der Welt. Inzwischen hat der Begriff „Mafia“ sogar popkulturellen Status: Bücher, Filme, Videospiele, Mafiamusik, sogar eine Gastronomiekette. Doch dahinter verblasst ein wenig die Realität: Gewalt, Drogenhandel, Korruption, Mord. Für die Reihe 100 Seiten des Reclam Verlags versucht die in der Thematik bekannte Journalistin und Autorin Petra Reski mit allerlei Mythen rund um die Mafia aufzuräumen.

Die 100 Seiten werden keineswegs sachbuchartig mit Tabellen oder Grafiken gefüllt, sondern Reski schreibt in mehreren Beiträgen über Aufbau, Vergangenheit und Gegenwart der Mafia. Dabei legt sie einen besonderen Fokus auf Deutschland, das ja gern immer nur als Rückzugsraum und nicht als Operationsraum der Mafia bezeichnet wird. Diesen Beschwichtigern sagt Reski:

„Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies auf Erden: Die Mafia will nicht auffallen und die Deutschen wollen die Mafia nicht sehen. Eine Win-Win-Situation.“ (Seite 67)

Insgesamt muss man schon konstatieren, dass die Thematik in einem so begrenzten Format nur schwer unterzubringen ist. Ein wenig Stirnrunzeln musste ich, als die Autorin mehrere Bücher, Filme und Serien in Zusammenhang zu Folklore und Propaganda setzt. Aber alles in allem sicherlich eine lesenswerte Zusammenstellung.

 

Mafia.100 Seiten | Erschienen am 28. August 2018 im Reclam Verlag
ISBN 978-3-15-020525-9
100 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: True Crime
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jules Grant | Die Nacht ist unser Haus

Donna und Carla sind beste Freundinnen, lesbisch und leiten eine Frauengang in Manchesters rauer Unterwelt. Als Carla die Frau eines konkurrienden Gangleaders abschleppt, eskaliert die Situation. Carla wird in einem Club erschossen und hinterlässt ihre zehnjährige Tochter Aurora. Donna muss nun für Aurora sorgen und ihre Gang retten. Und natürlich sinnt sie auf Rache für Carlas Tod.

Frauen als Gangleader ist gerade ein wenig en vogue in der Kriminalliteratur (z.B. bei „Lola“ von Melissa Scrivner Love oder „River of Violence“ von Tess Sharpe). Autorin Jules Grant treibt es in diesem Roman sogar noch auf die Spitze und führt hier eine Frauengang aus lauter Lesben ein. Die Frauen haben dabei eine nette Marktlücke entdeckt: Liquid Ecstasy in Parfümflaschen. Was mich dabei aber etwas gelangweilt hat: Im Grunde verhalten sich die Ladys die meiste Zeit nicht viel anders als irgendwelche Typen – sie saufen, vögeln und prollen rum.

Ungewöhnlich und durchaus ein Pluspunkt ist die Erzählstimme. Sowohl Donna als auch Aurora (seltener) führen als Ich-Erzähler durch das Buch – schnoddrig, vorlaut und manchmal auch etwas ordinär. Auf der Rückseite prangt eine Empfehlung von Simone Buchholz („Hart und zart zugleich“). Selber schuld, wer darauf hereinfällt, mag man sagen, aber die Deutsche Krimi Preis-Trägerin ist natürlich eine Koryphäe. Und tatsächlich bemüht sich die Autorin, aber das Ergebnis vermag mich letztlich nicht so richtig zu überzeugen. Sie haut manchmal sehr auf den Putz, aber vieles ist zu vorhersehbar, zu klischeehaft und leider auch nur bedingt authentisch. Schade drum.

Die Nacht ist unser Haus | Erschienen am 11.03.2019 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43915-3
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Gangsterroman
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Judith Arendt | Helle und der Tote im Tivoli

Helle Jespers hat einen beschaulichen Dienst als Chefin der Polizeidienststelle in Skagen an der Nordspitze Jütlands. Da trifft die Nachricht ein, dass der pensionierte Direktor des örtlichen Gymnasiums brutal ermordet in Kopenhagen aufgefunden wurde. Das Motiv bleibt zunächst unklar, eventuell Kindesmissbrauch? Dies bestätigt sich, als ein bekannter Päderast ebenfalls von gleichen Mörder umgebracht wird. Die Mordermittler aus Kopenhagen belächeln die Dorfpolizisten, doch Helle spürt, dass die Lösung des Falls in Skagen zu finden ist und lässt sich nicht aus den Ermittlungen drängen.

„Helle und der Tote im Tivoli“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die sympathische dänische Kommissarin Helle Jespers. Dieser Roman versucht den Spagat zwischen „hyggeligem“ dänischen Krimi und einem Rachethriller aufgrund eines alten Falls von Kindesmissbrauch. Leider geschieht dies stilistisch ziemlich konventionell und mit dem Motiv des gestörten Opfers als Serienmörder auch etwas unoriginell. Ich gebe zu, dass der Ermittler als kaputtes Wrack auch nicht gerade kreativ ist, aber die Welt der Helle Jespers mit Haus in den Dünen, halbtags arbeitendem Wikinger-Ehemann, schwulem Teenagersohn und studierender, in einer Kiffer-WG wohnender Tochter war mir dann doch auch ein wenig zuviel der modernen heilen Welt. Und wenn der Familienhund an der Ergreifung des Täters mitwirkt und am Ende herzhaft in eine Zimtschnecke gebissen wird, dann finde ich das auch dem Thema nicht angemessen. Sagen wir es mal ganz neutral: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe dieses Krimis.

Helle und der Tote im Tivoli | Erschienen am 15. September 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00271-3
288 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

 

Helon Habila  | Öl auf Wasser

Nigeria: Das Delta des Niger wird von Ölkonzernen konsequent ausgebeutet. Die ansässige Bevölkerung wehrt sich zunehmend dagegen und gründet Rebellengruppen, die gegen die Regierung und die Ölmultis kämpfen. Ein bewährtes Mittel zur Finanzierung ist die Entführung von ausländischen Konzernmitarbeitern oder deren Angehörigen. Der junge Reporter Rufus und sein erfahrener Kollege Zaq wittern im Zusammenhang mit der Entführung einer Engländerin eine gute Story, zudem hat auch ihr Mann die beiden um Hilfe gebeten hat. Mit Hilfe von einheimischen Bootsführern dringen die Journalistin immer tiefer ins Delta vor und damit in eine undurchsichtige, umkämpfte und zunehmend geschundene Umgebung.

Öl auf Wasser erschien erstmals 2012 im Verlag Das Wunderhorn und gewann überraschend auch den Deutschen Krimipreis. Das Besondere am Roman ist sicherlich auch das Thema, über das man in Europa zumindest in fiktionaler Form nur selten liest: Die innerstaatlichen Konflikte im nigerianischen Nigerdelta vor dem Hintergrund der dortigen großflächigen Ölexploration ausländischer Konzerne mit erheblichen negativen Umwelteffekten. Was dieser Roman denn auch sehr gut beherrscht ist die Balance zwischen politischen und gesellschaftlichen Themen und den Stimmungen der Hauptpersonen. Der Autor verzichtet auf allzu plakativen moralischen Darstellungen, schildert vielmehr die Realitäten von Gewalt und Gegengewalt und vor allem der Zerstörung einer Lebensgrundlage für die dort lebenden Menschen.

Zu Beginn erinnert der Roman an Joseph Conrad Herz der Finsternis. Eine Fahrt auf einem kleinen Boot im Nigerdelta, ölverschmutzte Ufer, verlassene Dörfer, hell leuchtende Abgasfackeln. Erzählt wird aus der Perspektive von Rufus, allerdings nicht chronologisch, immer wieder werden Einschübe aus der Vergangenheit eingeschoben. Das macht den Roman etwas sperrig und lässt die Spannungskurve abflachen. Somit ist dieses Buch weniger etwas für Fans klassischer Krimis, sondern eher für literarisch anspruchsvollere Liebhaber hintergründiger Darstellungen. Ich fand es aber auf jeden Fall lesenswert.

Öl auf Wasser | Die Taschenbuchausgabe erschien am 28. Januar 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20829-2
256 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

André Pilz | Der anatolische Panther

Der Kleinkriminelle und Dealer Tarik Celal ist auf Bewährung auf freiem Fuß, als bei ihm zu Hause Diebesgut gefunden wird. Er ist gezwungen, auf einen Deal einzugehen: Er soll sich in der Moschee und im Umfeld des islamischen Hasspredigers Abdelkader al-Anbari, genannt „Der Derwisch“, einschleichen und dort Beweismaterial sammeln. Doch als Tarik in die Moschee einbricht und Geld stiehlt, überschlagen sich die Ereignisse und er ist auf der Flucht vor der Polizei und dem Derwisch.

Autor André Pilz hat ein offenbar Faible für Underdogs. Tarik Celal war mal ein vielversprechender Jungprofi bei 1860 München. Aus der Karriere ist nichts geblieben außer dem Spitznamen. Inzwischen ein kleiner Gangster mit ebenso kriminellem Freundeskreis, aber dennoch ein Sympathieträger mit großem Herz. Rettungslos verliebt in die schöne Kubanerin Nteba, zu Hause sein schwer kranker Großvater, den er pflegt. Die Stimmung ständig himmelhauchjauchzend, zu Tode betrübt.

Rund um diese tolle Hauptfigur konstruierte Pilz eine spannende, thrillerhafte Story mit vielen aktuellen Bezügen und sehr cleveren gesellschaftlichen Einblicken. Von Multikulti und Vorurteilen, islamischen Extremisten und Terrorhysterie, von Heimat und Ausgrenzung. Sicherlich einer der besten deutschsprachigen Krimis zu diesem Thema.

Der anatolische Panther  | Erschienen am 22. September 2016 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7861-0
448 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Alle fünf Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.

Christoffer Carlsson | Zeit der Angst Bd. 4

Christoffer Carlsson | Zeit der Angst Bd. 4

Abschluss der schwedischen Leo-Junker-Reihe von Christoffer Carlsson: Tristesse – resignativ

Den tunna blå linjen, so der Titel des Originals, bezieht sich auf ein Symbol der schwedischen Polizeibehörde. Es wird von Polizisten manchmal als Button auf der Uniform getragen, eine weiße Flagge auf schwarzem Grund, horizontal geteilt von einer aquamarinblauen Linie. Die obere Hälfte repräsentiert die Allgemeinheit, die Gesetzestreuen, die zum Erhalt der Gesellschaft beitragen. Die untere Hälfte stellt die Welt der Gesetzlosen, der Kriminellen dar. Dazwischen gibt es nur die Polizisten, die als Beschützer der Gesellschaft verhindern sollen, dass sich Gewalt und Anarchie in sie hinein ausbreiten. Sie sind die blaue Linie, die Barrikade zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Leben und Tod. Aber diese Grenze ist durchlässig, und sie wird auch von Polizisten manchmal überschritten. Das ist ein wichtiges Thema Carlssons, und es spielt auch in diesem Roman eine große Rolle. Wie gewohnt erleben wir den Autor als unbequemen Mahner, der glaubwürdig Missstände im Polizeiapparat aufzeigt. Als studierter Kriminologe kennt er das Innenleben der Behörden sehr wohl und weiß, wovon er spricht, nämlich von bürokratischen Hemmnissen, von Intrigen und Inkompetenz, aber auch von falsch verstandenem Korpsgeist, von Zusammenhalt gegen Angriffe von außen genauso wie gegen Nestbeschmutzer aus den eigenen Reihen. Carlsson tritt aber vor allem auf als gnadenloser System- und Gesellschaftskritiker sowie als Chronist, der nicht nur die Probleme in seinem Heimatland, sondern immer auch das aktuelle Weltgeschehen im Blick hat und in seine Romane einfließen lässt.

Diesmal färben die Ereignisse im Herbst 2015 auf die Handlung ab, der Titel der deutschen Ausgabe spielt an auf die Stimmungslage, die angesichts der angespannten Flüchtlingssituation auch in Schweden zu kippen droht. Nach den Terroranschlägen vom 13. November in Paris, als im Bataclan-Theater und an mehreren anderen Tatorten 130 Tote zu beklagen waren, sind die Bürger schockiert und besorgt, und als das Gerücht die Runde macht, dass auch in Stockholm ein Attentat geplant sei, bricht Panik aus. Sämtliche verfügbaren Polizeikräfte sind abkommandiert, um die muslimischen Kreise der Hauptstadt mit allen Mitteln zu beobachten und zu überwachen. Dabei herrscht sowieso schon Chaos bei den Ordnungshütern; seit einem Jahr läuft die Umstrukturierung des schwedischen Polizeiwesens, aber sie läuft komplett aus dem Ruder. Wahllos werden die Mitarbeiter in die verschiedensten Dezernate geschickt, so dass sie nicht einmal das Wichtigste erledigen können. Im Morddezernat beispielsweise ist man schon lange am Anschlag vor Überlastung.

So ist die Leiterin der Abteilung, Anja Morovi, überhaupt nicht begeistert von der Bitte eines ihrer Kriminalbeamten, einen alten Fall noch einmal aufrollen zu dürfen, dessen Akten nach ergebnislosen Ermittlungen im Archiv verstauben und in Kürze an die Abteilung für Cold Cases übergeben und endgültig begraben werden sollen. Immerhin kann sie sich dem Argument nicht verschließen, dass es der Mordkommission gut zu Gesicht stünde, wenn der ungelöste Fall in letzter Minute aufgeklärt werden könnte. Also gibt sie ihre Zustimmung, Leo Junker bekommt zwei Wochen Zeit, um gemeinsam mit seinem Partner Gabriel Birck den Mord an einer Prostituierten aufzuklären, der vor fünf Jahren Berge von Ermittlungsakten füllte, die schließlich ergebnislos geschlossen wurden. Damals war Leo gar nicht mit den Untersuchungen befasst, seine Beweggründe, sich jetzt doch noch mit dem Verbrechen an der jungen Frau zu beschäftigen, behält er vorläufig für sich. Er wühlt nämlich nur widerwillig und auf Drängen seines alten Freundes John Grimberg in einigen laufenden Metern Archivkartons.

Mit ihm ist Leo aufgewachsen, in einem sozialen Brennpunkt der Hauptstadt, sie wurden beste Freunde und niemand kannte ihn so gut wie Grim, der ihm umgekehrt immer ein Rätsel blieb und irgendwann sein schlimmster Feind wurde, der ihn sogar töten wollte und seine Freundin Sam schwer verletzt. Grim landete schließlich im kriminellen Milieu, während Leo Polizist wird und eine beachtliche Karriere macht, bis er bei einem missglückten Einsatz aus Versehen einen Kollegen erschießt. Das traumatische Erlebnis hat einen steilen Abstieg zur Folge, es folgen Tablettensucht, Alkoholabhängigkeit, Suspendierung vom Dienst und eine schwere Krise in der Beziehung mit Sam. Leo ist ganz unten angekommen, da wird er angeschossen und liegt schwer verletzt im Krankenhaus, als er überraschend Besuch von Grim bekommt. Der sitzt zu dieser Zeit in der Forensischen Psychiatrie ein und erzwingt sich einen Freigang, um den Freund zu besuchen, der vielleicht sterben wird. Unter den Augen seiner Bewacher löst er sich in Luft auf und bleibt anschließend wie vom Erdboden verschwunden.

Das war vor gut einem Jahr, inzwischen hat Leo unter großer Anstrengung seine Sucht überwunden, sein Verhältnis zu Sam scheint sich zu normalisieren und vor allem, er darf nun wieder ganz offiziell bei der Kripo arbeiten. Plötzlich meldet sich Grim, nach dem immer noch gefahndet wird, aus dem Untergrund und verlangt einen Freundschaftsdienst von ihm. Nach einigem Zögern tut er ihm den Gefallen und bringt sich damit in größte Schwierigkeiten. Leo kann selbst nicht begründen, warum er seinen alten Freund schützt, denn dass er den Kontakt zu ihm verheimlicht, ist Strafvereitelung im Amt. Grim, so glaubt er, ist der Einzige, der ihn je verstanden hat. In ihm sieht Leo fast ein Spiegelbild seiner selbst, glaubt, dass sie einander ganz gleich sind, er kein Bisschen besser als Grim. Später wird er erkennen, dass der Freund ihn nur benutzt hat, nicht zum ersten Mal. Als er ihn fragt, warum, antwortet der: „Weil ich es nie lerne“. Aber auch Leo wiederholt seine Fehler, so belügt er seine Freundin und verheimlicht ihr, dass ihr alter Feind wieder da ist. Sam zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus, um über ihre Beziehung nachzudenken. Schließlich wird sie zurückkehren, um Leo noch eine letzte Chance zu geben.

Warum Grim unbedingt ihm so zusetzt, damit er den Fall des Prostituierten-Mordes noch einmal untersucht, wird Leo erst klar, als er erkennt, dass sein Freund damals selbst an dem Geschehen beteiligt war. Aber welche Rolle hat er gespielt? Gabriel Birck ahnt von den Zusammenhängen nichts, er beteiligt sich eher lustlos an den Recherchen, zumal die Ermittler am eigenen Leib erfahren müssen, wie heikel und schwierig ihre Arbeit gegen Widerstände im eigenen Haus und gegen den Willen der Führungsetage ist. Der Grund hierfür wird klar, als sie erkennen müssen, dass auch mehrere Kollegen offenbar in die Vorgänge verwickelt waren. Je mehr sich Leo und Gabriel in den Fall verbeißen, desto fraglicher wird, ob sie wirklich genug Beweise sammeln können, um den Täter zu überführen. Ihre Verdachtsmomente gründen sich hauptsächlich auf vage Hinweise aus den Archiven, in denen sie eine mühsame Suche nach Spuren aufnehmen, denen die Kollegen seinerzeit nicht nachgegangen sind. Auch wenn sie wenig in der Hand haben, können sie ihre Chefin überzeugen, insgeheim weiterforschen zu dürfen.

Und so studieren sie weiter geduldig die fünf Jahre alten Niederschriften, lesen ein ums andere Mal die Verhör-Protokolle und Befragungsnotizen, schauen sich Aufnahmen vom Tatort an. Akribische, alltägliche Polizeiarbeit also, realistisch dargestellt und entsprechend nüchtern, fast monoton, ohne die ganz große Spannung kommt der Plot daher, ohne mitreißende, fesselnde Szenen kommt die Krimihandlung aus, die zudem immer wieder in den Hintergrund rückt. Das führt dazu, dass der Plot nur mühsam, geradezu lethargisch entwickelt wird und auch der Stil Carlssons passt sich der Grundstimmung an, ist unaufgeregt, langsam, fast ein wenig müde. Es scheint, als fiele dem Autor nicht mehr viel zu seinem Protagonisten ein, der nun über vier Bände hinweg einen weiten Handlungsbogen trägt, der nun sein wohlüberlegtes und wohl folgerichtiges Ende erreicht.

Waren die ersten Romane der Leo-Junker-Reihe noch geprägt von einem Wust an Figuren und Handlungssträngen und damit verbunden mit einem hektischen hin und her zwischen Gegenwart und Vergangenheit sowie ständigen Perspektivwechseln, so konzentriert sich Carlsson diesmal ganz und gar auf Leo und die wenigen Personen, mit denen er im Hier und Jetzt zu tun hat. Wenn Ereignisse aus der Vergangenheit eine Rolle spielen, so sind es Leo oder Grim, die sich daran erinnern und davon erzählen. Für den Kenner der Reihe lässliche Reminiszenzen, für Neueinsteiger eher zu dürftige Informationen über die doch recht komplexen Zusammenhänge. Es empfiehlt sich daher, die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, denn es gibt einen Handlungsbogen, der sich über alle vier Romane hinweg ausbreitet und die Entwicklung der wichtigsten Personen und ihre Beziehung zueinander einschließt. Dies betrifft natürlich vor allem die besondere Verbindung zwischen Leo und Grim, ihr persönliches Drama, das hier etwas nachdenklich, wehmütig, melancholisch erzählt wird. Neben und noch vor der soliden Krimihandlung ist es dieses merkwürdige Verhältnis, das die Substanz dieses abschließenden Bandes ausmacht. Leo versucht, sich über die Verbindung zu seinem Freund Grim klar zu werden, diese merkwürdige, anstrengende und häufig schmerzhafte Beziehung zu verstehen und für sich einzuordnen. Oft genug wurde seine Loyalität auf die Probe gestellt, wurde er hintergangen und die Freundschaft verraten. Ist es möglich, all das zu verdrängen, die Verletzungen zu vergessen, trotz aller Differenzen die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen? Leo träumt von einer harmonischen Zukunft mit Grim, aber er weiß, dass es die nicht geben kann, zu weit haben sie sich voneinander entfernt. Schließlich wird ihm die Entscheidung abgenommen.

Leo Junker , dieser eigenartige, melancholische, manchmal fragwürdige und oft schwierige und problematische Charakter, den ich nie vollständig verstanden habe und selten uneingeschränkt sympathisch fand, ist mir bei diesem letzten Auftritt irgendwie näher als in den vorigen Romanen. Am Ende scheint Leo, der immer auch verunsichert, von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt war, bei sich angekommen zu sein und mit sich im Reinen. Während die vorhergehenden Bücher immer mit einem Fragezeichen endeten, zieht Carlsson diesmal einen klaren Schlussstrich. Das Ende der Geschichte von Leo und Grim ist nicht frei von Tristesse und der Blick auf Leos berufliche wie auch private Perspektive ziemlich pessimistisch und fast resignativ, auch wenn für den Moment fast alles im Lot scheint. Mehr werden wir nicht erfahren, lautet das Resümee.

Mein Fazit für „Zeit der Angst“ lautet: Nicht der stärkste Band der Reihe.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Zeit der Angst | Erschienen am 24. September 2018 im Verlag C. Bertelsmann
ISBN 978-3-570-10344-9
368 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Die Rezensionen zu den vorangestellten drei Teilen Der Turm der toten Seelen (Bd. 1), Schmutziger Schnee (Bd. 2) und Der Lügner und sein Henker (Bd. 3)

Natasha Korsakova | Tödliche Sonate

Natasha Korsakova | Tödliche Sonate

Tödliche Sonate ist der Debütroman der international bekannten Violinistin Natasha Korsakova, welcher in Rom spielt. Der Roman ist eine Mischung aus Kriminalroman und historischer Erzählung über den wohl bekanntesten Geigenbauer – Antonio Stradivari, dessen Instrumente einen Millionenwert darstellen. Man spürt in dem Buch die Begeisterung der Autorin für die Geige, sozusagen „ihrem“ Instrument.

Commissario Di Bernardo ermittelt in dem Mord an der bekannten Musikagentin Cornelia Giordano, die in ihrem Büro brutal niedergestochen wurde. Gefunden wurde sie von ihrer Sekretärin, die das Haus nur kurz für Einkäufe verlassen hatte. Diese erzählt dem Commissario, dass es an dem Abend kurz vor dem Mord einen Streit gab zwischen Cornelia und ihrer Nichte Arabella Giordano, einer bekannten Geigerin. Bei der Befragung von Arabella erfährt Di Bernardo, dass es wohl auch Auseinandersetzungen der Toten mit ihrem jüngeren Sohn Boris gab, der wegen Drogenhandel eine Gefängnisstrafe abgesessen hatte. Im weiteren Verlauf der Handlung ergeben sich weitere Verdächtige – die mächtige Konzertagentin war wohl alles andere als beliebt. Ein Überfall auf Arabella macht die Ermittlungen für Di Bernardo auch nicht einfacher und die Hinweise verdichten sich, dass ein Geheimnis um eine Stradivari eine Rolle spielen könnten.

Die Autorin Natasha Korsakova hat in Ihrem Roman zwei Handlungsstränge verknüpft: die Mordermittlungen in der Jetzt-Zeit und der in der Vergangenheit spielenden, gut ausgedachten Geschichte um eine geheimnisvolle Stradivari. Dies vermittelt einen Einblick in die Welt der berühmten Geigenbauer und sorgt gleichzeitig für die für einen Krimi nötige Spannung. Auch die Personen sind gut gezeichnet, allen voran die des Commissario Di Bernardo (der sich aus Kalabrien nach Rom versetzen ließ, um den blutigen Mafia-Morden zu entgehen). Der Schauplatz Rom plus Umgebung kommt in der Geschichte auch nicht zu kurz, die Atmosphäre ist deutlich zu spüren.

Fazit: Sowohl für Krimifans als auch Musikliebhaber ein Lesevergnügen; ein gelungenes Debüt!

Natasha Korsakova, spielt seit dem fünften Lebensjahr Violine, sie studierte zunächst am Moskauer Konservatorium, später dann auch in Nürnberg und Köln. Bereits in jungen Jahren erhielt sie mehrere Preise, ab 1994 folgten ihre Debüts u. a. an der Berliner und Kölner Philharmonie und dem Leipziger Gewandhausorchester. Auch international wurde sie bekannt, u. a. wurde sie 1998 in Chile als Künstlerin des Jahres ausgezeichnet.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Tödliche Sonate | Erschienen am 8. Oktober 2018 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-42267-4
448 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ellen Dunne | Schwarze Seele Bd. 2

Ellen Dunne | Schwarze Seele Bd. 2

„Mein spontanes Lachen war schwarz. Kam direkt von einem Ort, der wahrscheinlich meine Seele war. Kris hörte sich langsam an wie ich. Objektiv vielleicht keine gute Entwicklung, aber im Augenblick tröstlich.“ (Auszug Seiten Seite 134 und 135)

Eine Leiche wird in einem Bach entdeckt. Sie liegt da schon seit einigen Tagen und ist ziemlich entstellt, von Spuren ringsherum ist aufgrund des Novemberwetters auch nichts mehr zu erkennen. Alles deutet auf einen Unfall hin, aber Patsy Logan will sich damit nicht zufrieden geben und überredet ihren Chef, weitere Nachforschungen anstellen zu dürfen. Die Ergebnisse der Ermittlungen sind allerdings eher Spekulationen und nichts Handfestes, bis es zu einem weiteren Toten kommt. Hier steht ziemlich schnell fest, dass es kein Unfall war. Hängt alles miteinander zusammen und hat Patsy ihr Instinkt nicht getäuscht?

Zweiter Fall für Patsy Logan

Schwarze Seele von Ellen Dunne ist der zweite Kriminalroman um die Protagonistin Patsy Logan. Von Harte Landung, dem ersten Fall, war ich sehr begeistert. Dieser Fall liest sich ebenfalls sehr flüssig und ich bin gut durch die Kapitel gekommen. Insgesamt wurde ich von den Ermittlungen aber nicht wahnsinnig gepackt, was vermutlich damit zusammenhängt, dass es lange keine wirkliche Spur gibt und Patsy und ihre Kollegin Kris „auf blauen Dunst“ Leute aus dem Umfeld des Opfers befragen und sich irgendwelche Theorien zusammenreimen.

Viel Privatleben

Patsys Privatleben wird in dieser Geschichte ziemlich weitreichend beschrieben. Sie ist seit acht Jahren mit Stefan liiert und seit vier Jahren mit ihm verheiratet. Beide wohnen zusammen in einer Wohnung in München, die sie sich außerdem mit einem Papagei teilen. Seit einem Jahr versuchen die beiden auf künstlichem Wege Eltern zu werden und sind nun bei dem vierten Versuch. Diese Tatsache ist für Patsy emotional sehr aufreibend und dann schneit auch noch ihr Bruder herein und wohnt vorübergehend bei den beiden. Das Thema unerfüllter Kinderwunsch finde ich interessant und wird wirklich viel zu wenig thematisiert; davon habe ich gern gelesen, den Bruder fand ich teilweise etwas anstrengend und nervig.

Ende und Fazit

Zum Ende hin habe ich erst gedacht, dass der Täter dem Leser ja ziemlich früh mitgeteilt wird, aber es gab dann doch noch eine Wendung, die mir gefallen hat. Die Auflösung des Falls ist nicht übermäßig spektakulär, aber spannend, was mir gefällt. Insgesamt also ein solider Krimi mit interessanten privaten Aspekten der Protagonistin. Ich freue mich auf einen möglichen dritten Fall!

Ellen Dunne wurde 1977 nahe Salzburg geboren, arbeitete als Texterin bei Werbeagenturen und danach bei Google im Europa-Hauptquartier in Dublin. Sie lebte in Berlin, München, Mexico-Stadt und nun seit 2004 in Dublin. Die Autorin hat bis jetzt fünf Bücher veröffentlicht.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Schwarze Seele | Erschienen am 14. Januar 2019 bei Insel im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-458-36383-5
379 Seiten | 10.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Wie du mir und Harte Landung von Ellen Dunne

Abgehakt | März 2019

Abgehakt | März 2019

Birgit Lautenbach und Johann Ebend | Hühnergötter

Auf der Ostseeinsel Hiddensee wird in der Hochsaison ein drei Monate alter Säugling aus seinem Kinderwagen entführt. Die Mutter verständigt umgehend die beiden Inselpolizisten Daniel Pieplow und Lothar Kästner, die sofort den Ernst der Lage erkennen und sich Verstärkung von Rügen und aus Stralsund holen. Die ganze Insel ist in Aufruhe und auf der Suche nach dem Kind.

Gefallen hat mir die Spannung, die dadurch erzielt wird, dass der Täter auch zu Wort kommt und der Leser dadurch etwas im Vorsprung zu den Ermittlungen ist. Außerdem wird die Urlaubsregion authentisch beschrieben und in Gedanken konnte ich den einzelnen Schauplätzen gut folgen. Einziges Manko ist, dass es sich um einen eher kurzen Krimi handelt.

Hühnermord | Die gelesene Ausgabe erschien 2008 in 3. Auflage im Prolibis Verlag
ISBN 978-3-935263-29-0
nur noch antiquarisch erhältlich

Am 19. März 2019 erschien eine independently published Neuauflage
ISBN 978-1-79665648-0
139 Seiten | 7.99 Euro
Bibliografischer Angaben & Leseprobe

Genre: Küstenkrimi
Wertung: 4.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Lars Kepler | Lazarus

Im bereits siebter Fall für Joona Linna wird es persönlich, denn unerwartet taucht in der Wohnung eines Grabschänders der Schädel seiner verstorbenen Frau in einer Gefriertruhe auf, zwischen Leichenteilen anderer. Als er dann noch Parallelen hinter einigen grausamen Morden vermutet, deren Opfer an verschiedenen europäischen Schauplätzen auftauchen, ahnt Joona, dass ein längst tot geglaubter schwedischer Serienmörder zurückgekehrt ist, um einen neuen Partner zu rekrutieren. Seine Theorie: Jurek Walter ermordet Kandidaten, die seinen Ansprüchen nicht genügten, was wiederum zur Verknüpfung der Einzeltaten zu einem Ganzen führte. Durch die Ereignisse und seine Hypothese alarmiert, setzt Joona umgehend einen wohlfein ausgearbeiteten Notfallplan für sich und seine Tochter in Gang, in den er am liebsten auch seine Freundin Saga einbeziehen möchte, aber es ist nicht jedermanns Sache, von jetzt auf gleich alle Brücken einzureißen und auf der Flucht zu leben, möglicherweise ohne die Möglichkeit auf Rückkehr ins gewohnte Leben. Joona akzeptiert Sagas Entscheidung, doch sein Vorhaben steht, denn er muss um jeden Preis seine Tochter vor Jurek Walter schützen.

Die Rahmenhandlung stimmte für mich, das Buch hat ein schönes, aufwendig gestaltetes Cover, das Auge liest mit. Leider nicht lange, denn mit Fortschreiten der Geschichte stellte sich bei mir immer mehr Unlust zum Weiterlesen ein, denn Autor Lars Kepler scheint seinen Spannungsbogen auf besonders grauenvolle Taten aufzubauen, die geradezu brutal sind (höher, schneller, weiter?). Das ließe sich noch überlesen, wenn es wenigstens flüssig voran ginge. Aber Kepler arbeitet mit teils seltsamen Satzkonstrukten und besonders die Gedanken so mancher Figur erschienen mir doch recht unlogisch.

„Der Täter muss einen gehörigen Serotoningehalt im präfrontalen Kortex und eine gesteigerte Aktivität der Amygdala haben, denkt Saga.“ (Auzug Seite 189)

Als dann auch immer häufiger noch Kommissar Zufall mitspielte, fühlte ich mich veralbert. Hätten wenigstens die Figuren ehrlichen Tiefgang, aber auch hiernach sucht man vergebens. Ich kann leider nicht beurteilen, ob sich Lazarus nur nach vorheriger Lektüre der sechs Vorgängerbände empfiehlt.

Lars Kepler ist das Pseudonym der Autoren Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril.

Lazarus | Erschienen am 28. Februar 2019 im Verlag Bastei Lübbe
ISBN 978-3-785-72650-1
640 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

Rezension und Foto von Nora.

 

Susanne Saygin | Feinde

Der Kölner Kommissar Can Arat und seine Chefin Simone Kerkmann ermitteln in einem brutalen Doppelmord an zwei bulgarischen Roma, die offenbar auf dem Schrottstrich gearbeitet haben. Die Kommissare stellen eine Verbindung zum Bauunternehmer und Mäzen Nolden fest. Doch der einzige Zeuge, der sich bereit erklärt zu reden, landet vor einer U-Bahn. Der Staatsanwalt ist außerdem ein Karnevalskumpel von Nolden. Der Fall droht im Sande zu verlaufen, doch Can ist nicht bereit, dies zu akzeptieren und ermittelt weiter – auf Teufel komm raus.

Autorin Susanne Saygin wohnte in Köln selbst in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem „Bulgarenhaus“, einer völlig überfüllten, heruntergekommenen Immobilie voller Arbeitssklaven. Dies inspirierte sie zu diesem packenden Krimi über Menschenhandel, Korruption und Ausbeutung, der auch sprachlich keine Kompromisse macht und die Dinge beim Namen nennt. Interessant fand ich die Wandlung des Romans, der erst als typischer Ermittlungskrimi beginnt und dann sich immer mehr auf den von Migräne geplagten und persönlich betroffenen Can fokussiert, bis hin zu seinem Road Trip nach Bulgarien auf der Suche nach der Wahrheit. Dabei beinhaltet die Story auch noch eine komplizierte Liebesgeschichte. Nur das Ende kam mir etwas zu kunstvoll oder märchenhaft vor in dieser sonst so knallharten Geschichte. Doch insgesamt ein richtig starkes, intensives Krimidebüt.

Feinde | Erschienen am 10. September 2018 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43889-7
352 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Alex Pohl | Eisige Tage

Die Leipziger Kommissare Hanna Seiler und Milo Novic ermitteln im Fall eines ermordeten russischen Anwalts. Dieser war bis vor einigen Jahren im Dunstkreis des Paten Vadim Iwanow, war danach in Ungnade gefallen. Doch der Anwalt scheint ein neues Betätigungsfeld gefunden zu haben, findet man doch in seinen Hinterlassenschaften eindeutige Bilder von minderjährigen Mädchen. Der Tote war offenbar in Mädchenhandel verstrickt und Seiler und Novic ziehen schließlich eine Verbindung zu mehreren aktuellen Vermisstenfällen in Leipzig.

Eisige Tage ist das Verlagsdebüt des erfolgreichen (Selfpublisher-)Autors Alex Pohl, bisher bekannt unter dem Pseudonym L.C. Frey. Ein grundsolider Kriminalroman mit düsterem Einschlag, für den nicht nur das Thema, sondern auch der russische Gangster Onkel Vadim sorgt, der als Bedrohung ständig im Hintergrund mitschwingt und zu dem die Polizisten eine ungesunde Beziehung entwickeln. Beide Ermittler haben wie üblich ihr Päckchen zu tragen. Der etwas monkhafte Novic, der eine grauenvolle Vergangenheit im Kosovokrieg hatte, ist (eher als seine Kollegin) aber durchaus als interessante Figur angelegt. Eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen auch die jungen Neffen Iwanovs, die Gebrüder Karamasow (ernsthaft?). Nicht so ganz gelungen fand ich die merkwürdigen Zeitsprünge, die der Autor in der Geschichte einbaut, und die stellenweise etwas aufgesetzt wirkende Härte. Insgesamt war es aber ein durchaus ordentlicher und kurzweiliger Kriminalroman.

Eisige Tage | Erschienen am 11. Februar 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10323-3 (Taschenbuch) | ISBN 978-3-641-22801-9 (eBook)
432 Seiten | 10.- Euro | 8.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jurica Pavičić | Die Zeugen

Während des Kroatienkriegs im Juni 1992 führt Kreso seinen kleinen Trupp versehentlich durch ein von ihm selbst gelegtes Minenfeld. Zwei Männer sterben, Kreso selbst verliert ein Bein. Kurz bevor Kreso aus der Rehabilitation zurückkehrt, begehen einige seiner Kameraden aus Wut, Frust und Hass einen Mord an einem serbischen Unternehmer. Die 12-jährige Tochter wird Zeugin des Mordes, die Täter entführen und verstecken sie. Über Beziehungen zum angesehenen Arzt Matić gelingt es ihnen zunächst, die Tat zu vertuschen. Doch was sollen sie mit dem Mädchen machen? Kreso und auch seine Schwester, die Journalistin Lidija, werden auf den Fall aufmerksam.

Die Jugoslawienkriege waren der letzte bewaffnete Konflikt in der Mitte Europas. Ein brutaler Konflikt, dessen traumatische Ereignisse bis heute in der Region nachwirken. Die Zeugen spielt 1992 überwiegend in Split, dessen Hinterland zwischen Kroaten und Serben noch umkämpft war. Eine beengte, fast kleinstädtische Szenerie, ständig weht der Wind. Korruption und Vetternwirtschaft. Von den Bergen grollt der Krieg herunter. Der Roman ist ein aus verschiedenen Perspektiven erzählter Gesellschaftsroman, gleichwohl spannend. Sehr überzeugend ist der Blick auf die verschiedenen Figuren. Vor allem die Sicht auf die Reservisten, die perspektivlos und traumatisiert sich den niederen Instinkten ergeben, dabei aber in Kriegszeiten auf Rückendeckung von oben hoffen dürfen.

„Seit der Granatsplitter Luka umgebracht hatte, waren sie zu unbarmherzigen, männlichen Hass verurteilt. […] Sie mussten entschlossen und unbeirrbar sein, ihrem Zorn ergeben. Für andere mochte Hass eine Tugend sein, für sie war er eine Pflicht.“ Auszug Seite 40

Ein lesenswerter Roman über Hass, Wut, Scham, Schuld und Sühne, der sich aber der völligen Schwärze verweigert, sondern auch ein wenig Hoffnung verbreitet. Die Verfilmung, Svjedoci, gewann 2004 den Friedenspreis der Berlinale.

Die Zeugen | Erstveröffentlichung 1998
Die überarbeitete Neuauflage erschienen am 11. Februar 2019 im Verlag Schruf & Stipetic
ISBN 978-3-944359-44-1 | ISBN 978-3-944359-54-0 (eBook)
288 Seiten | 12.90 Euro | 5.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Antti Tuomainen | Palm Beach, Finland

Jorma Leivo hat eine Vision: Ein Ferienparadies mit Palmen, Sandstrand und Miami-Feeling – an der finnischen Ostsee. Er hat schon einiges investiert in „Palm Beach, Finland“. Aber er braucht Haus und Grundstück von Olivia Koski. Die will allerdings nicht verkaufen. Deshalb heuert er Chico und Robin an, um Olivia ein wenig einzuschüchtern. Die treffen in Olivias Haus allerdings nicht auf Olivia, sondern auf einen Einbrecher und töten diesen versehentlich. Damit nehmen die Dinge ihren Lauf und rufen nicht nur Undercover-Cop Jan Nyman, sondern auch einen Auftragskiller, den Bruder des Getöteten, auf den Plan.

Mit Die letzten Meter bis zum Friedhof hatte mich Autor Antti Toumainen im letzten Jahr sehr überzeugt. Ein skurriler, melancholischer Roman mit interessanten Figuren, der eine gelungene Mischung aus Humor und Ernst war. Typisch finnisch. Umso mehr muss ich nach der Lektüre des aktuellen Romans Palm Beach, Finland feststellen, dass diese Mischung für mich leider bei weitem nicht erreicht wurde. Der Humor tendiert teilweise eher zu albern, die ernsthaften Momente plätschern dahin. Auch der Plot bietet nur wenig echte Überraschungen, sondern sorgt eher für Stirnrunzeln, zum Beispiel, ob der Profikiller wirklich hätte sein müssen. Am bedauerlichsten ist jedoch, dass die Figuren diesmal irgendwie blass bleiben, die Tiefe der Figuren des Vorgängers erreichen sie zu keiner Phase. So bleibt am Ende ein relativ unwitziger „komischer“ Krimi. Klingt unbefriedigend, las sich auch so.

Palm Beach, Finland | Erschienen am 22. Januar 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-06556-0
368 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: komischer Krimi
Wertung: 1.5 von 5.0

Auch bei uns: Gunnars Rezension zum Krimi Die letzten Meter bis zum Friedhof von Antti Tuomainen.

Rezension 3 bis 6 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weitere Ausgaben unserer Rubrik Abgehakt, Krimis kurz besprochen, findet ihr hier.