Kategorie: Krimi

Alan Carter | Marlborough Man

Alan Carter | Marlborough Man

Der Himmel ist klar, die Sterne leuchten. Da oben ist das Kreuz des Südens, weiter westlich entdecke ich den Skorpion. Der Busch ist voller Vogelgeräusche und Rascheln. Ein seltsames Land. An manchen Tagen ist seine Schönheit atemberaubend, dann wieder nimmt einem die Hässlichkeit die Luft. (Auszug Seite 126)

Nick Chester leitet als Sergeant die Polizeistation in Havelock in den Marlborough Sounds an der Nordküste der Südinsel Neuseelands. Für seinen Dienstgrad eigentlich ein etwas unbedeutender Posten, gibt es dort doch hauptsächlich Trunkenheitsraufereien und Verkehrsdelikte. Und auch aktuell hat es Nick eher mit einem lästigen Fall zu tun: Die Yacht des Holzindustriellen McCormack wurde mit einem Graffito besprüht. Der großspurige McCormack besitzt große Waldflächen rund um Havelock, ist Hauptarbeitgeber der Gemeinde und nutzt dies auch aus, so dass Nick wenig Lust verspürt, den Sprayer zu ermitteln.

Allerdings gibt es in den Sounds nun auch einen großen Kriminalfall. Ein sechsjähriger Junge ist nach dem Schwimmunterricht verschwunden und wird missbraucht und ermordet aufgefunden. Doch Nick nimmt zunächst nur eine Nebenrolle in den Ermittlungen ein. Das liegt daran, dass ihn seine Vergangenheit als Undercover-Cop wieder einholt. In Sunderland in Nordengland hat er vor einigen Jahren die dortige Gangstergröße in den Knast gebracht. Dieser schwor Rache und so wurde Nick mit Ehefrau und Sohn mit neuem Namen versehen und quer über den Erdball verfrachtet. Doch im heutigen digitalen Zeitalter bleibt nichts geheim und so erhält der zunehmend paranoische Nick mehr und mehr Indizien, dass seine alten „Kumpels“ aus Sunderland es auf seinen Kopf abgesehen haben. Und nicht nur auf seinen.

Ich weiß, wer da kommt. Sammy Pritchard. Er lässt mich wissen, dass er mich endlich gefunden hat. Seine Macht reicht weit, noch aus dem Hochsicherheitsgefängnis streckt er seinen Arm nach mir aus. […]
Ich sehe Vanessa an, sie ist schlaftrunken und genervt. Ich denke an Paulie, der unten schläft. Wird sich Sammy mit mir begnügen und die beiden am Leben lassen? Nein. Natürlich nicht. (Seite 12)

Autor Alan Carter ist ein Mackem, also gebürtig aus Sunderland, lebt aber schon seit mehr als zwanzig Jahren in Australien und Neuseeland. Carter hat sich auch in Deutschland in der Krimibranche mit seinen beiden bislang auf Deutsch bei der Edition Nautilus erschienenen Romanen Prime Cut und Des einen Freund einen Namen gemacht, so dass nun sein neuer Roman im Suhrkamp Verlag erscheint. Marlborough Man gewann übrigens im letzten Jahr den Ngaio Marsh Award, den renommiertesten Krimipreis Neuseelands.

Der Protagonist Nick Chester wird hier auf einen wahren Parforceritt beruflich und privat geschickt. In Rückblenden erfährt der Leser von Nicks Undercoverjob und wer ihm aufgrund dessen immer noch auf den Fersen ist. Das belastet Nick selbstredend auch privat. Seine Frau Vanessa ist über den Umzug nach Neuseeland immer noch wenig begeistert, trotz der aus Herr der Ringe bekannten Landschaft. Der gemeinsame Sohn Paulie bedarf wegen seines Down-Syndroms zusätzlicher Aufmerksamkeit. Als dann noch Killer aus der Vergangenheit auftauchen, kriselt es in der Ehe gewaltig. Dies wird neben den Krimi- und Thrillerhandlungen glaubhaft erzählt. Außerdem nimmt auch die Māori-Kultur einen Raum in der Geschichte ein und das immer noch schwierige Verhältnis zwischen den Ureinwohnern und den Pākehā, den europäisch stämmigen Einwohnern.

Carter kreiert aus den Zutaten eine Mischung aus klassischem Whodunit mit (nicht immer) klassischer Ermittlungsarbeit und einem packendem Thriller. Dabei muss man klar zugeben, dass er das Rad nicht neu erfindet. Einige Motive sind aus anderen Romanen des Genres wohl bekannt. Überzeugend ist aber, dass der Autor die Klaviatur exzellent beherrscht, die (zahlreichen) Figuren bleiben nie oberflächlich, die Dialoge sind knackig und auch das Setting Neuseeland wird gebührend eingebaut. Insofern gibt es von mir eine klare Empfehlung!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Marlborough Man |  Erschienen am 17. Juni 2018 im Suhrkamp Verlag
ISBN 987-3-518-46932-3
384 Seiten | 14.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Karin Kehrer | Todesklang und Chorgesang

Karin Kehrer | Todesklang und Chorgesang

Die pensionierte Lehrerin Bee Merryweather lebt in dem beschaulichen South Pendrick in Cornwall, ihr Lieblingshobby ist das Singen im örtlichen Kirchenchor. In ihrem ersten Fall findet sie eines morgens den nicht sehr beliebten Chorleiter Peter Bartholomew tot in seinem Haus. Dann erfährt sie, dass er vergiftet wurde und kann es anschließend nicht lassen – wie einst Miss Marple – selbst Ermittlungen anzustellen. Das ist nicht ganz einfach, da anscheinend so ziemlich jedes Chormitglied und dazu einige Dorfbewohner einen Grund hatten, Peter ans Leben zu wollen. Zugute kommt ihr, dass sie sich mit dem Dorfpolizisten David gut versteht, auch dem Arzt des Dorfes, Dr. Strong, ist sie sehr sympathisch; beide helfen ihr auf unterschiedliche Weise, wenn auch teilweise unfreiwillig. Bis zur endgültigen Auflösung, die doch ziemlich überraschend daherkommt, erlebt Bee Einiges und lernt einige Geheimnisse der Dorfbewohner kennen; dabei gerät sie selbst allerdings auch in Gefahr.

Die Personen der Handlung sind sehr lebendig dargestellt. Allerdings macht es das dem Leser auch ziemlich schwer, selbst auf den Täter zu kommen. Zu viele der Dorfbewohner haben anscheinend ein Motiv und ausgerechnet der Pfarrer hat sich als Hobby einen Garten mit Giftpflanzen angelegt. Leider wurde ausgerechnet mit dem Extrakt aus einer dieser Pflanzen der Tod von Peter herbeigeführt.

Insgesamt gesehen hat die Autorin einen sehr stimmigen Plot aufgebaut und mit ihrem ansprechenden Schreibstil eine Dorfatmosphäre geschaffen, die einem das Gefühl gibt, selbst mittendrin zu sein. Man ist fast geneigt, seinen nächsten Urlaub in South Pendrick zu planen, um Bee kennen zu lernen und mit ihr eine Tasse Tee zu trinken. Vorerst darf man jedoch gespannt sein, wie es mit Bee – und Dr. Strong (!) – weitergeht.

Alles in allem für Liebhaber von Cosy-Crime-Romanen sehr zu empfehlen, tolle Kulisse und eine liebenswerte (wenn auch manchmal leicht unbeholfene) Hauptperson.

Karin Kehrer wurde 1965 im Mühlviertel in Oberösterreich geboren, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Sie schreibt vorwiegend Romane in den Genres Krimi, Fantasy und Thriller und lässt sich von Reisen auf die britischen Inseln inspirieren. Zu ihren Hobbys zählt auch das Singen, das spiegelt sich auch in ihrem ersten Roman um Bee Merryweather wieder.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Todesklang und Chorgesang | Erschienen am 30. November 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-95819-230-0
251 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Edgar Wallace | Der grüne Bogenschütze

Edgar Wallace | Der grüne Bogenschütze

Es gab genug Leute, die ihn verfluchten – Bellamy war ein hartgesottener Geschäftsmann, und sein Name wurde da und dort mit einer Gemeinheit in Verbindung gebracht, was ihm allerdings keine schlaflosen Nächte bereitete. Reue und Furcht kannte er nicht, sondern war im Gegenteil noch stolz auf das Böse, das er getan hatte. Was sich ihm in den Weg stellte, hatte er stets niedergetreten. (…) Seit dreißig Jahren war er mächtig genug, um andere verfolgen und völlig nach seinem Belieben handeln zu können. (Auszug Seite 9)

Der grüne Bogenschütze, der Geist eines im 18. Jahrhundert hingerichteten Wilderers, soll wieder auf Schloss Garre Castle, einem ehemaligen englischen Adelssitz, jetzt im Eigentum des unerbittlichen Chicagoer Geschäftsmanns Abel Bellamy, aufgetaucht sein und dort herumspuken. Der aufs Äußerste unbeliebte Bellamy glaubt nicht an Gespenster, doch als eines Tages sein Freund Charles Creager – erschossen mit einem grünen Pfeil – tot in dessen Garten aufgefunden wird, regt sich doch so etwas wie Angst bei Bellamy, auch wenn er dies öffentlich nicht eingestehen würde. Die Anschaffung zweier scharfer Wachhunde spricht jedoch dafür. Für die Polizei hingegen gilt er als Verdächtiger, denn Creager und Bellamy hatten noch am Vorabend des Mordes einen heftigen Streit.

Spike Holland wird indes von seinem Redaktionsleiter als Journalist in ein Londoner Hotel geschickt, um dort für eine spannende Story über den Grünen Bogenschützen zu recherchieren. Gleichzeitig hat er eine zweite Story in petto, denn er möchte den belgischen Geschäftsmann John Wood in London treffen, um ihn für eine mehrteilige Hintergrundgeschichte zu den von ihm geplanten privaten Kindergärten gewinnen. Wie praktisch, dass sowohl Bellamy als auch Wood im selben Hotel abgestiegen sind. Da Holland von Bellamy abgewimmelt wird (der Mord an Creager geschieht danach), widmet sich der lebhafte Reporter der Geschichte von Mr. Howett und dessen Tochter Valerie. Diese wurden von dem Scotland Yard-Kommissar Jim Featherstone begleitet, da Howett nach London gereist ist, um die vor vielen Jahren verschwundene Mutter Valeries, Mrs. Elaine Held, zu finden.

Genug Stoff für zwei Krimis, sollte man meinen, aber es kommt natürlich noch zu weiteren Verstrickungen im Lauf der Handlung. Der grüne Bogenschütze taucht wiederholt auf und Abel Bellamy wacht mehrfach nachts auf und findet seine zuvor verschlossenen Schlafzimmertüren – trotz Wachhunden – weit offen stehend vor. Durchgehend tritt Bellamy als rücksichtsloser Egozentriker auf, der keine Skrupel hat, Angestellte mit einem Fingerschnippen zu entlassen und die Ermittlungen von Kommissar Featherstone zu behindern. Doch dieser greift zu raffinierten Methoden, um Bellamy auf die Schliche zu kommen.

Hauptsächlich gibt der allwissende Erzähler die Geschehnisse um Abel Bellamy, Mr. Howett und dessen Tochter sowie den Reporter Spike Holland und den Belgier John Wood wieder. Alles ist irgendwie miteinander verquickt, doch wie genau, das gilt es – ebenso wie die Identität des maskierten Bogenschützen – herauszufinden. Dabei bedient sich Edgar Wallace eines beachtlichen Tempos, bei dem ich das ein oder andere Mal eine extra Portion Konzentration aktivieren musste. Zudem hatte ich noch Bilder der vor Jahren mehrfach gesehenen Filmfassung von 1961 mit dem kongenial besetzten Gert Fröbe als Abel Bellamy und Eddi Arent in der Rolle des Spike Holland vor Augen, was ich heute noch sehr passend finde, aber andererseits hat es mich indirekt ablenkt, da ich auch noch eine Ahnung hatte, worauf es hinausläuft, auf Schloss Garre Castle, welches übrigens fiktiv ist, ebenso wie Garre lediglich ein fiktiver Vorort Londons ist. Wallace baut nonchalant noch eine wenig romantische Liebelei zwischen dem attraktiven Kommissar und der bezaubernden Halbwaisen Valerie ein, diese erweckt jedoch eher den Eindruck einer Selbstverständlichkeit und ist daher mehr komisch als störend.

Der grüne Bogenschütze ist einer von vielen Klassikern aus der Feder des weltberühmten Engländers Edgar Wallace, die sich wunderbar als Klassikhäppchen eignen. Immerhin ist diese Geschichte erstmals 1923 veröffentlicht worden, also vor 96 Jahren schon!

 

Rezension und Foto von Nora.

Der grüne Bogenschütze | Erstmals erschienen 1923, in Deutschland 1928
Die gelesene Ausgabe ist eine Sonderauflage des Goldmann Verlags, erschienen am 9. Mai 2019, Vertrieb über Lidl Deutschland
ISBN 978-3-442-60335-0
222 Seiten | 1.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Trailer zur Verfilmung

Den Roman gibt es gedruckt antiquarisch oder als gratis eBook bei zum Beispiel amazon.de

Eva García Sáenz | Die Stille des Todes

Eva García Sáenz | Die Stille des Todes

Ich glaube, das ist das komplexeste Profil, mit dem ich es je zu tun hatte. Eine Cool-Down-Phase von zwanzig Jahren bedeutet, der Mörder ist ein Psychopath, der fähig ist, sich über einen sehr langen Zeitraum zu beherrschen. Ich glaube, dass er keinen Fehler machen wird, ich glaube, dass wir ihn bei keinem Widerspruch ertappen werden, und ich glaube, dass wir bisher nur den Anfang seines Plans erlebt haben. (Auszug Seite 233)

Eva Garcís Sáenz hat mit Die Stille des Todes den ersten Teil einer Kriminalromantrilogie vorgelegt, welche in ihrer Heimatregion, dem spanischen Gebiet der autonomen Gemeinschaft Baskenland, genauer in der Stadt Vitoria-Gasteiz und deren Umgebung spielt. Protagonisten sind die beiden Ermittler Inspector Unai López de Ayala, genannt Kraken, Profilingexperte und Fallanalytiker mit einer Spezialisierung auf Täter sowie seine Kollegin Inspectora Estíbaliz Ruiz de Gauna, eine auf die Analyse von Opfern spezialisierte Viktimologin. Beide arbeiten unter der neuen Subcomisaria Alba Díaz de Salvatierra bei der Kriminalpolizei von Votoria.

Der Roman steigt sofort beim Fund zweier Toter in der Kathedrale von Vitoria ein. Beide sind nackt und wurden sorgfältig drapiert. Je eine Hand des anderen ruht an einer Wange und um sie herum finden sich drei Silberdisteln, im Baskischen sogenannte Eguzkilore oder auch „Blume der Sonne“, welche in der baskischen Mythologie ein bedeutsames Schutzsymbol darstellt. Unai und seine Kollegin Estíbaliz sind geschockt, denn diese Morde erinnern allzu deutlich an eine Mordserie, die Vitoria vor zwanzig Jahren erschütterte. Damals wurden gleich drapierte Tote aufgefunden und es wurde ein Täter ermittelt, der bereits seit zwanzig Jahren inhaftiert ist: Tasio Ortiz de Zárate, ein ehemals angesehener Archäologe und Fernsehmoderator, der seine Schuld immer abstritt, dem jedoch kein Glauben geschenkt werden konnten, deuteten doch alle Indizien ausnahmslos auf ihn.

Tasio ist der Zwilling von Ignacio, wobei die besondere Brisanz in der Beziehung darin besteht, dass Ignacio damals Polizist war und seinen Bruder verhaftet hat. Nun, 2016, steht Tasios erster Freigang nach zwanzig Jahren an und ganz Vitoria ist in Aufruhr deshalb, denn die überwiegende Mehrheit glaubt noch immer an seine Schuld und mit den nun zwei neuen Morden, fragen sich die Votirianer, wie Tasio aus dem Gefängnis heraus agieren konnte. Doch eigentlich meinen ebenjene bereits zu wissen, dass dahinter einzig sei Zwilling Ignacio stecken kann, um Tasio freizubekommen.

Unai und Estíbaliz sind nicht nur ein gut eingespieltes Team, auch sind sie beste Freunde. Wir erfahren im Laufe der Geschichte sukzessive mehr aus ihrer persönlichen Vergangenheit, ihrem Privatleben und ihrer Clique. Subcomisaria Alba ist die Neue im Bunde und hat bedingt durch den Doppelmord keine Zeit, sich einzugewöhnen sondern muss sofort present sein und ihr neues Team leiten. Unai hatte sie bereits am Morgen beim Joggen kennenlernen dürfen, doch beide wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wer der jeweils andere ist. Seiner Kollegin verschweigt er das, denn – man ahnt es schon sehr früh: zwischen Unai und Alba bahnt sich ziemlich schnell eine heftige Romanze an. An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich die Umsetzung dieser Gefühlsausbrüche sehr hölzern fand. Es fehlte mir der Weg dorthin, es war einfach zu sehr Hals über Kopf. Oder aber spanisches Temperament? Jedenfalls bin ich der Meinung, es muss doch auch mal ohne Techtelmechtel gehen. Es macht einen Krimi nicht besser, je mehr die Beteiligten miteinander verstrickt sind.

Diese Verwobenheit im Umfeld der beiden Ermittler mit den Ermittlungsarbeiten setzt sich leider auch in anderer Form durch, was in einem leicht absurd wirkendem Kuddelmuddel zum Ende hin seinen Höhepunkt findet. Schön ist allerdings der unerwartete Twist hin zum Täter, den man dachte zu kennen und dann doch wieder nicht. Was ich sehr gut fand, waren die vielen Rückblenden in die Jahre 1970/71 sowie 1989/90, die sich im Nachhinein als Hinführung zur Tat herausstellen, ohne zuviel zu verraten. Ist man mit den alavesischen Familiennamen etwas vertrauter, hat man auf jeden Fall einen Vorteil, denn ich habe den ein oder anderen Fakt überlesen und bin erst später darauf gekommen.

Wie eingangs geschrieben, ist Die Stille des Todes der erste Band einer Trilogie. Der zweite Teil Das Ritual des Wassers ist für Oktober 2019 angekündigt, der dritte Band Die Herrin der Zeit für März 2020. Die Autorin schreibt – abgesehen von den Liebesszenen und manch wirrem Gedanken Unais – recht flüssig und es liest sich gerade in der zweiten Hälfte des 566 Seiten umfassenden Krimis sehr spannend. Ein Glossar und ein Personenverzeichnis sind angefügt und geben hilfreiche und interessante Informationen, ebenso wie die in den Umschlaginnenseiten abgedruckten Karten von Vitoria bzw. dem Baskenland.

Eva Garcá Sáenz schreibt in ihrer Danksagung

Seltsamerweise ist dies mein bislang autobiographischster Roman, obwohl die Handlung nichts mit meinem Leben zu tun hat. (Seite 554)

Außerdem sei der ganze Roman eine Hommage an ihren Großvater (Seite 555). Die Figur des 94-jährigen Großvaters von Unai und seinem Bruder Germán fand ich sehr sympathisch. Ich gehe davon aus, dass wir ihm im Folgeband wiederbegegnen werden. Ich möchte auf noch mehr Spannung und weniger Verwicklungen hoffen!

 

Rezension und Foto von Nora.

Die Stille des Todes | Erschienen am 26. Juni 2019 bei Scherz im Fischer Verlag
ISBN 978-3-651-02588-2
566 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt Juni 2019

Abgehakt Juni 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 2. Quartalsende 2019

 

Petra Reski | Mafia. 100 Seiten

Die Mafia ist sicherlich die bekannteste kriminelle Organisation der Welt. Inzwischen hat der Begriff „Mafia“ sogar popkulturellen Status: Bücher, Filme, Videospiele, Mafiamusik, sogar eine Gastronomiekette. Doch dahinter verblasst ein wenig die Realität: Gewalt, Drogenhandel, Korruption, Mord. Für die Reihe 100 Seiten des Reclam Verlags versucht die in der Thematik bekannte Journalistin und Autorin Petra Reski mit allerlei Mythen rund um die Mafia aufzuräumen.

Die 100 Seiten werden keineswegs sachbuchartig mit Tabellen oder Grafiken gefüllt, sondern Reski schreibt in mehreren Beiträgen über Aufbau, Vergangenheit und Gegenwart der Mafia. Dabei legt sie einen besonderen Fokus auf Deutschland, das ja gern immer nur als Rückzugsraum und nicht als Operationsraum der Mafia bezeichnet wird. Diesen Beschwichtigern sagt Reski:

„Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies auf Erden: Die Mafia will nicht auffallen und die Deutschen wollen die Mafia nicht sehen. Eine Win-Win-Situation.“ (Seite 67)

Insgesamt muss man schon konstatieren, dass die Thematik in einem so begrenzten Format nur schwer unterzubringen ist. Ein wenig Stirnrunzeln musste ich, als die Autorin mehrere Bücher, Filme und Serien in Zusammenhang zu Folklore und Propaganda setzt. Aber alles in allem sicherlich eine lesenswerte Zusammenstellung.

 

Mafia.100 Seiten | Erschienen am 28. August 2018 im Reclam Verlag
ISBN 978-3-15-020525-9
100 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: True Crime
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jules Grant | Die Nacht ist unser Haus

Donna und Carla sind beste Freundinnen, lesbisch und leiten eine Frauengang in Manchesters rauer Unterwelt. Als Carla die Frau eines konkurrienden Gangleaders abschleppt, eskaliert die Situation. Carla wird in einem Club erschossen und hinterlässt ihre zehnjährige Tochter Aurora. Donna muss nun für Aurora sorgen und ihre Gang retten. Und natürlich sinnt sie auf Rache für Carlas Tod.

Frauen als Gangleader ist gerade ein wenig en vogue in der Kriminalliteratur (z.B. bei „Lola“ von Melissa Scrivner Love oder „River of Violence“ von Tess Sharpe). Autorin Jules Grant treibt es in diesem Roman sogar noch auf die Spitze und führt hier eine Frauengang aus lauter Lesben ein. Die Frauen haben dabei eine nette Marktlücke entdeckt: Liquid Ecstasy in Parfümflaschen. Was mich dabei aber etwas gelangweilt hat: Im Grunde verhalten sich die Ladys die meiste Zeit nicht viel anders als irgendwelche Typen – sie saufen, vögeln und prollen rum.

Ungewöhnlich und durchaus ein Pluspunkt ist die Erzählstimme. Sowohl Donna als auch Aurora (seltener) führen als Ich-Erzähler durch das Buch – schnoddrig, vorlaut und manchmal auch etwas ordinär. Auf der Rückseite prangt eine Empfehlung von Simone Buchholz („Hart und zart zugleich“). Selber schuld, wer darauf hereinfällt, mag man sagen, aber die Deutsche Krimi Preis-Trägerin ist natürlich eine Koryphäe. Und tatsächlich bemüht sich die Autorin, aber das Ergebnis vermag mich letztlich nicht so richtig zu überzeugen. Sie haut manchmal sehr auf den Putz, aber vieles ist zu vorhersehbar, zu klischeehaft und leider auch nur bedingt authentisch. Schade drum.

Die Nacht ist unser Haus | Erschienen am 11.03.2019 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43915-3
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Gangsterroman
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Judith Arendt | Helle und der Tote im Tivoli

Helle Jespers hat einen beschaulichen Dienst als Chefin der Polizeidienststelle in Skagen an der Nordspitze Jütlands. Da trifft die Nachricht ein, dass der pensionierte Direktor des örtlichen Gymnasiums brutal ermordet in Kopenhagen aufgefunden wurde. Das Motiv bleibt zunächst unklar, eventuell Kindesmissbrauch? Dies bestätigt sich, als ein bekannter Päderast ebenfalls von gleichen Mörder umgebracht wird. Die Mordermittler aus Kopenhagen belächeln die Dorfpolizisten, doch Helle spürt, dass die Lösung des Falls in Skagen zu finden ist und lässt sich nicht aus den Ermittlungen drängen.

„Helle und der Tote im Tivoli“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die sympathische dänische Kommissarin Helle Jespers. Dieser Roman versucht den Spagat zwischen „hyggeligem“ dänischen Krimi und einem Rachethriller aufgrund eines alten Falls von Kindesmissbrauch. Leider geschieht dies stilistisch ziemlich konventionell und mit dem Motiv des gestörten Opfers als Serienmörder auch etwas unoriginell. Ich gebe zu, dass der Ermittler als kaputtes Wrack auch nicht gerade kreativ ist, aber die Welt der Helle Jespers mit Haus in den Dünen, halbtags arbeitendem Wikinger-Ehemann, schwulem Teenagersohn und studierender, in einer Kiffer-WG wohnender Tochter war mir dann doch auch ein wenig zuviel der modernen heilen Welt. Und wenn der Familienhund an der Ergreifung des Täters mitwirkt und am Ende herzhaft in eine Zimtschnecke gebissen wird, dann finde ich das auch dem Thema nicht angemessen. Sagen wir es mal ganz neutral: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe dieses Krimis.

Helle und der Tote im Tivoli | Erschienen am 15. September 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00271-3
288 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

 

Helon Habila  | Öl auf Wasser

Nigeria: Das Delta des Niger wird von Ölkonzernen konsequent ausgebeutet. Die ansässige Bevölkerung wehrt sich zunehmend dagegen und gründet Rebellengruppen, die gegen die Regierung und die Ölmultis kämpfen. Ein bewährtes Mittel zur Finanzierung ist die Entführung von ausländischen Konzernmitarbeitern oder deren Angehörigen. Der junge Reporter Rufus und sein erfahrener Kollege Zaq wittern im Zusammenhang mit der Entführung einer Engländerin eine gute Story, zudem hat auch ihr Mann die beiden um Hilfe gebeten hat. Mit Hilfe von einheimischen Bootsführern dringen die Journalistin immer tiefer ins Delta vor und damit in eine undurchsichtige, umkämpfte und zunehmend geschundene Umgebung.

Öl auf Wasser erschien erstmals 2012 im Verlag Das Wunderhorn und gewann überraschend auch den Deutschen Krimipreis. Das Besondere am Roman ist sicherlich auch das Thema, über das man in Europa zumindest in fiktionaler Form nur selten liest: Die innerstaatlichen Konflikte im nigerianischen Nigerdelta vor dem Hintergrund der dortigen großflächigen Ölexploration ausländischer Konzerne mit erheblichen negativen Umwelteffekten. Was dieser Roman denn auch sehr gut beherrscht ist die Balance zwischen politischen und gesellschaftlichen Themen und den Stimmungen der Hauptpersonen. Der Autor verzichtet auf allzu plakativen moralischen Darstellungen, schildert vielmehr die Realitäten von Gewalt und Gegengewalt und vor allem der Zerstörung einer Lebensgrundlage für die dort lebenden Menschen.

Zu Beginn erinnert der Roman an Joseph Conrad Herz der Finsternis. Eine Fahrt auf einem kleinen Boot im Nigerdelta, ölverschmutzte Ufer, verlassene Dörfer, hell leuchtende Abgasfackeln. Erzählt wird aus der Perspektive von Rufus, allerdings nicht chronologisch, immer wieder werden Einschübe aus der Vergangenheit eingeschoben. Das macht den Roman etwas sperrig und lässt die Spannungskurve abflachen. Somit ist dieses Buch weniger etwas für Fans klassischer Krimis, sondern eher für literarisch anspruchsvollere Liebhaber hintergründiger Darstellungen. Ich fand es aber auf jeden Fall lesenswert.

Öl auf Wasser | Die Taschenbuchausgabe erschien am 28. Januar 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20829-2
256 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

André Pilz | Der anatolische Panther

Der Kleinkriminelle und Dealer Tarik Celal ist auf Bewährung auf freiem Fuß, als bei ihm zu Hause Diebesgut gefunden wird. Er ist gezwungen, auf einen Deal einzugehen: Er soll sich in der Moschee und im Umfeld des islamischen Hasspredigers Abdelkader al-Anbari, genannt „Der Derwisch“, einschleichen und dort Beweismaterial sammeln. Doch als Tarik in die Moschee einbricht und Geld stiehlt, überschlagen sich die Ereignisse und er ist auf der Flucht vor der Polizei und dem Derwisch.

Autor André Pilz hat ein offenbar Faible für Underdogs. Tarik Celal war mal ein vielversprechender Jungprofi bei 1860 München. Aus der Karriere ist nichts geblieben außer dem Spitznamen. Inzwischen ein kleiner Gangster mit ebenso kriminellem Freundeskreis, aber dennoch ein Sympathieträger mit großem Herz. Rettungslos verliebt in die schöne Kubanerin Nteba, zu Hause sein schwer kranker Großvater, den er pflegt. Die Stimmung ständig himmelhauchjauchzend, zu Tode betrübt.

Rund um diese tolle Hauptfigur konstruierte Pilz eine spannende, thrillerhafte Story mit vielen aktuellen Bezügen und sehr cleveren gesellschaftlichen Einblicken. Von Multikulti und Vorurteilen, islamischen Extremisten und Terrorhysterie, von Heimat und Ausgrenzung. Sicherlich einer der besten deutschsprachigen Krimis zu diesem Thema.

Der anatolische Panther  | Erschienen am 22. September 2016 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7861-0
448 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Alle fünf Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.