Kategorie: Krimi

Fred Vargas | Der Zorn der Einsiedlerin

Fred Vargas | Der Zorn der Einsiedlerin

„Nehmen wir an, unser Mörder hat sich eine kleine Sammlung von Einsiedlerspinnen zugelegt. Er packt zwei oder vier davon in einen Schuh, in eine Hose – Hose ist gut, denn da bleiben sie hängen -, in eine Socke oder in das Bett des Alten, und es gibt große Chancen, dass der Mann sie quetscht und sie ihn beißen.“
„Das Problem ist nur“, sagte Adamsberg, „dass man bei zwei von den Todesfällen weiß, dass der Biss der Spinne draußen im Freien erfolgte.“ „Scheiße“, sagte Voisenet. (Auszug Seite 172)

Mord durch Spinnenbisse

Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg genießt eine Auszeit in Island und es passt ihm gar nicht, als er offiziell nach Paris zurück beordert wird. Ein ungeklärter Mordfall, bei dem eine Frau überfahren wurde, wird dann auch ziemlich schnell im Vorbeigehen geklärt. Vielmehr interessiert den Kommissar die zufällig aufgeschnappte Nachricht vom Tode mehrerer Senioren in Südfrankreich. Dass die alten Männer aufgrund von Spinnenbissen der braunen Einsiedlerspinne verstarben, lässt ihn nicht mehr los. Ja es packt den verschrobenen Kommissar eigenartigerweise am Nacken und versetzt ihn in unerklärliche Unruhe. Der wunderbar versponnene Adamsberg, der statt rational lieber mit psychologischem Gespür an die Fälle herangeht, beobachtet noch kleinste Details, ermittelt hauptsächlich intuitiv und zieht daraus die richtigen Schlüsse. Er vermutet eine Mordserie mittels Spinnenbissen. Dabei ist das schon rein statistisch gar nicht möglich. Außerdem ist die braune Einsiedlerspinne, wie der Name schon vermuten lässt, ein sehr scheues Wesen, das sich in dunklen Ecken versteckt.

Adamsberg gegen die Brigade

Adamsberg recherchiert die Umstände erst mal hinter den Kulissen, da er von den Mitarbeitern der Brigade criminelle im 13. Arrondissement von Paris kaum Unterstützung erfährt. Er kann nur einige wenige Kollegen, wie Louis Veyrenc mit den rostroten Haarspitzen, der wie Adamsberg aus einem kleinen Pyrenäendorf stammt und ihn noch am besten versteht, auf seine Seite ziehen. Ausgerechnet sein Stellvertreter Adrien Danglard versucht einen Keil ins Team zu treiben, in dem er immer wieder die Ermittlungen blockiert und seinen Chef der Lächerlichkeit preisgibt. Die Stimmung im Kommissariat ist in diesem elften Band dadurch sehr angespannt. Die Zwietracht zwischen Adamsberg und seinem Freund und engstem Vertrauten Commandant Danglard mit dem enzyklopädischen Wissen fand ich sehr betrüblich, sorgt aber auch für einen realistischen Anstrich und bringt einen weiteren spannenden Aspekt ins Spiel.

Mobbing mit schlimmen Folgen

Während im Internet hitzige Diskussionen um die zunehmende Gefährlichkeit von Spinnen entbrennen und man beunruhigt über die Häufung der Todesfälle spekuliert, nimmt Adamsberg Kontakt zu einem Arachnologen auf. Er verbeißt sich in den Fall, gräbt immer tiefer und muss sich auch seiner eigenen Vergangenheit stellen. Die Spur führt in ein längst geschlossenes Waisenhaus in der Nähe von Nîmes, in dem in den 40er Jahren eine Bande grausamer Jugendlicher andere Kinder mit sadistischen Spielchen quälte, die lebenslange Schäden zur Folge hatten. Doch die Spur einer verspäteten Rache entpuppt sich als Sackgasse.

„1944 bis 1947. Das heißt zweiundsiebzig Spinnengenerationen vor den heutigen.“ „ Rechnen wir die Zeit jetzt in Spinnengenerationen?“, fragte Danglard. „ Und warum nicht?“ (Seite 226)

Als Lieutenant Froissy, die Computerexpertin der Brigade von einem Nachbarn sexuell belästigt wird, aber aus Scham keine Anzeige erstattet, zieht Adamsberg den Vergewaltiger aus dem Verkehr. Mit welcher Lässigkeit er diesen zur Strecke bringt und dass es ihm so wichtig ist, dass Froissy davon nichts mitbekommt, hat mich sehr berührt und für ihn eingenommen. Überhaupt die Brigade. Die schrulligen Gestalten werden so liebenswert mit allerlei Skurrilitäten gezeichnet, ich hatte das Gefühl alte und liebgewonnene Bekannte wiederzutreffen. Das hat mit der Realität natürlich nicht viel zu tun. Ich kann mir jedenfalls keine Dienststelle vorstellen, in dem das Maskottchen der Brigade, ein lebensuntüchtiger fetter Kater namens Die Kugel ständig auf dem Kopierer liegt, in dem eine Kollegin unverhältnismäßig viel Nahrung hortet oder ein anderer alle paar Stunden in den Tiefschlaf fällt. Aber alle haben auch ihre Stärken und werden genau dort eingesetzt, wo sie diese am besten entfalten können.

Und wenn dann die Ermittlungen stocken, und das tun sie oft, dann geht man ins Restaurant und isst erst mal Gabure, ein traditionelles Arme-Leute-Eintopfgericht aus den Pyrenäen und wenn dann noch mit einer Ernsthaftigkeit eine Amselfamilie gerettet wird, würde ich in jedem anderen Kriminalroman die Augen verdrehen. Aber hier ist alles stimmig, wird mit so viel absurdem Charme erzählt und ich kann nur jubilieren und Beifall klatschen!

Bis zum zugegeben etwas konstruierten Schluss wirft die französischen Autorin noch mit verschiedenen Nebelkerzen und führt den Leser sowie Adamsberg auf Irrwege während seines unkonventionellen Weges der Ermittlung.

Mystik und Zoologie

Wer einen realistischen Polizeiroman lesen will und viel Wert auf Plausibilität und Logik legt, ist mit der Schriftstellerin Fred Vargas nicht gut bedient. Aber wer ein Faible für phantasievolle Fabulierlust fernab vom Mainstream und Dutzendware mit wunderbar pointierten Dialogen hat, der sollte zugreifen. Vargas hat einen ganz eigenen literarischen Schreibstil. Die Historikerin, Mittelalterarchäologin und Archäozoologin verbindet den spannenden Kriminalfall mit mystischen Elementen und in diesem speziellen Fall auch noch mit Zoologie, denn es kommen außer Spinnen auch noch Totenkäfer, Tauben und Amseln vor. Sie bietet dem Leser einige Details zur Historie in dem sie die Geschichte der Einsiedlerinnen im Mittelalter streift. Dabei verliert sie nie ihren scharfen Blick auf die gesellschaftliche Realität, denn es geht um Gewalt gegen Frauen, um Vergewaltigung, um Kindesmissbrauch und die damit zusammenhängende Sprachlosigkeit, alles ohne große Effekthascherei geschildert.

Vargas unterhält mit poetischer Sprache und nicht zuletzt mit augenzwinkerndem Humor, der oft in den schrägen Dialogen aufblitzt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Zorn der Einsiedlerin | Erschienen am 29. Oktober 2018 bei Limes
ISBN 978-3-8090-2693-8
512 Seiten | 23.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Kurzrezension zu Fred Vargas Roman Das barmherzige Fallbeil

Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt | Die Opfer, die man bringt

Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt | Die Opfer, die man bringt

(…) Aber heute Nacht hast du mich angefleht, dich zu retten. Euch beide zu retten. Doch ich konnte es nicht. Nicht einmal im Traum konnte ich es. Also tue ich stattdessen das, was ich kann. Und ich habe vor, es wieder zu tun. Heute Abend. Die fünfte. (…) (Auszug Seite 7)

Die Polizei in Uppsala ermittelt in einer brutalen Vergewaltigungsserie und bittet die Reichsmordkommission und den Kriminalpsychologen Sebastian Bergman um Hilfe. Schnell ergeben sich Hinweise, dass die Opfer keineswegs zufällig ausgewählt wurden und der Täter einen Plan verfolgt. Die Lösung des Falles scheint in der Vergangenheit zu liegen. Kann das Team weitere Opfer vermeiden und den Täter fassen?

Vanja hat vorher ebenfalls bei der Reichsmordkommission gearbeitet, sich nach dem letzten Fall aber nach Uppsala versetzen lassen, um aus persönlichen Gründen nicht mehr mit Sebastian zusammenarbeiten zu müssen. Jetzt bittet ausgerechnet ihre neue Chefin Sebastian um Mithilfe und Vanja muss sich doch wieder arrangieren. Sebastian hingegen freut sich auf diesen Einsatz, da er die Gelegenheit nutzen möchte, um Vanjas Vertrauen zurückzugewinnen.

Der sechste Fall

Die Opfer, die man bringt von Michael Hjorth und Hans Rosenfeld ist der sechste Fall um Sebastian Bergman. Einen Vorgeschmack auf Band drei und vier gibt es ebenfalls auf dem Blog. Ich persönlich habe auch bereits zwei Bücher dieser Reihe gelesen und habe mich auf das neue gefreut. Zu meiner Freude wurden meine Erwartungen nicht enttäuscht, denn es handelt sich wieder um einen spannenden Kriminalroman, bei dem anfangs nichts so scheint, wie es wirklich ist.

Klassische Ermittlung und private Einblicke

Der Hauptteil der über fünfhundert Seiten besteht also aus klassischer Ermittlungsarbeit, wobei viele Personen zu Wort kommen: Der Täter, die Ermittler, einige Opfer. Zusätzliche Spannung wird durch kryptisches Täterwissen zu Beginn einiger Kapitel und immer wieder heiße Spuren, die dann doch im Sande verlaufen, erzeugt. Zwischendurch gibt es viele private Einblicke in das Leben aller Ermittler der Reichsmordkommission: Vanja hat mit ihrer Familie gebrochen und sich nun verliebt, Ursula möchte sich verlieben und datet einen Mann, den sie im Internet kennengelernt hat, Torkel und Billy sind glücklich gebunden, wobei Billy sich gerade ganz andere Gedanken macht und Sebastian ist nach wie vor traumatisiert vom Verlust von Frau und Kind, kann seinen Hosenstall nur schwer geschlossen halten und versucht Vanja wieder auf seine Seite zu ziehen. Es wird also auch außerhalb der Arbeit nie langweilig.

Fazit

Mich hat die Geschichte gut unterhalten und ich kam flüssig durch die Seiten. Den Fall an sich fand ich spannend, mir waren die persönlichen Sorgen und Nöte der Ermittler allerdings fast etwas zu viel, da es sich nicht unbedingt um alltägliche Probleme handelt, sondern einige von ihnen schon recht „kaputt“ sind. Das Ende des Buches hat den berühmten Cliffhanger, so dass ich als Leser das neue Buch natürlich kaum erwarten kann.

Michael Hjorth ist ein bekannter Regisseur, Produzent und Drehbuchschreiber. Hans Rosenfeldt arbeitet als Schauspieler, Drehbuchautor, Schriftsteller und Moderator.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Opfer, die man bringt | Erschienen am 11. Oktober bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-5088-7
560 Seiten | 22.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Nors Rezensionen zu den Romanen Die Toten, die niemand vermisst und Das Mädchen, das verstummte des Autorenduos Hjorth & Rosenfeldt

Sir Arthur Conan Doyle | Eine Studie in Scharlachrot

Sir Arthur Conan Doyle | Eine Studie in Scharlachrot

Klassischer Detektivroman aus dem Jahre 1881

„Ich muss ihnen für alles danken. Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hingefahren und hätte so die beste Studie verpasst, die mir je untergekommen ist: Eine Studie in Scharlachrot, eh? Warum sollten wir nicht ein wenig Kunstjargon verwenden? Der scharlachrote Faden des Mordes verläuft durch das farblose Knäuel des Lebens, und unsere Pflicht ist es, ihn zu entwirren, zu isolieren und jeden Zoll davon bloßzulegen.“ *

Der Meister selbst also ist für den Titel des Romans verantwortlich, der über den allerersten Fall von Sherlock Holmes und Doktor Watson berichtet und im November 1887 den Lesern eines Londoner Magazins das ungewöhnliche Gespann bekannt macht, Beeton’s Christmas Annual. Erst ein Jahr später erscheint die Geschichte dann auch in Buchform beim Verlag Ward, Lock & Co., noch ohne großen Zuspruch. Zugegeben, es ist auch ein eher schwächerer erster Auftritt des gegensätzlichen Duos, welches bald darauf – und bis heute! – die Kriminalliteratur verändern und beeinflussen sollte. Insofern ist dieses Debüt natürlich von hohem Interesse für jeden Liebhaber des Sherlock-Holmes-Kanons, erleben wir doch hier das erste Treffen der Gefährten, den Beginn einer ungewöhnlichen und folgenreichen Beziehung.

Der junge Mediziner Dr. John H. Watson ist gerade aus Afghanistan zurückgekehrt, wo er als Assistenzarzt im Krieg gearbeitet hat und schwer verwundet wurde. Gesundheitlich angeschlagen, kehrt er zur Erholung nach London zurück, wo er nun eine preiswerte Unterkunft braucht. Und so macht er die Bekanntschaft von Sherlock Holmes, eines jungen Mannes, der gerade einen Mitbewohner für eine möblierte Wohnung sucht. Er wird beschrieben als ein Mann mit komischen Ideen, ein Enthusiast was einige akademische Disziplinen angeht, mit einer Leidenschaft für präzises, exaktes Wissen. Ganz gut in Anatomie und ein erstklassiger Chemiker, aber sehr sprunghaft und exzentrisch, was seine Studien angeht, hat er offensichtlich eine Menge abseitiger Kenntnisse angehäuft, über die seine Professoren staunen würden.

So begegnet Watson seinem künftigen Zimmergenossen und Begleiter bei vielen aufregenden Abenteuern, im Labor eines Krankenhauses, wo er soeben eine der praktischsten gerichtsmedizinischen Entdeckungen der letzten Jahre gemacht hat, die einen unfehlbaren Nachweis für Blutflecken liefert. Watson ist ebenso irritiert wie interessiert. Kurz gesagt, die beiden so unterschiedlichen jungen Männer sind sich sympathisch und schnell ist abgemacht: sie teilen sich zwei gemütliche Schlafzimmer und einen gemeinsamen großen Wohnraum bei Mrs. Hudson. Ihre neue Adresse, heute weltbekannt: 221b Baker Street.

Watson ist fasziniert von seinem neuen Bekannten, der ihn immer wieder verblüfft mit seinen rätselhaften Kenntnissen über Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen kann und wohl nur durch irgendwelche heimlichen Schliche erworben hat. Dann aber entdeckt Watson einen Zeitungsartikel, in dem aufgezeigt wird, wie viel ein aufmerksamer Beobachter durch genaue und systematische Untersuchung all dessen, was ihm begegnet, zu lernen vermag. Wie alle anderen Künste, heißt es da, lässt sich die Wissenschaft der Deduktion und Analyse nur durch langes und geduldiges Studium erwerben. Watson hält das alles für unsägliches Geschwätz, aber Holmes widerspricht. Er selbst hat diesen Artikel geschrieben, und in der Folge wird er seinem neuen Zimmergenossen eine ganze Reihe Beispiele und Beweise für die Richtigkeit seiner Thesen liefern.

In einem Gespräch mit Watson erläutert er, wie wir uns seine Tätigkeit vorzustellen haben:

„Ich habe einen besonderen Beruf, ich glaube, ich bin der einzige Beratende Detektiv auf der Welt. Hier in London haben wir jede Menge beamtete Detektive und etliche private. Wenn diese Leute nicht weiterwissen, kommen sie zu mir, und ich bringe sie auf die richtige Fährte. (…) Das Beobachten ist mir zur zweiten Natur geworden.“

Sein neuester Fall scheint sich zu einem dieser komplizierteren zu entwickeln. Er beginnt mit einem kurzen Brief an Sherlock Holmes, in dem seine Hilfe erbeten wird. In einem leerstehenden Haus wurde der Leichnam eines gut gekleideten Gentleman gefunden, mit Karten in der Tasche, die ihn als Bürger der USA ausweisen. Es wurde nichts gestohlen, der Tote weist keinerlei Wunden auf, aber im Zimmer fanden sich Blutspuren. Wie der Mann hierher kam, ist unklar, überhaupt scheint dem Absender des Hilferufs die ganze Angelegenheit ein Rätsel. Holmes kennt ihn, es ist Gregson, den er für den intelligentesten Mann bei Scotland Yard hält.

„Er und Lestrade sind die Einäugigen unter den Blinden dort.“

Als Holmes und Watson am Tatort eintreffen, finden sie die beiden Detektive tatsächlich Ratlos vor. Ihre Untersuchungen haben sie keinen Schritt vorangebracht. Erst, als an einer Wand das mit Blut geschrieben Wort RACHE entdeckt wird und sich zudem der Ehering einer Frau findet, ist sich Lestrade sicher: „Wenn dieser Fall aufgeklärt ist, werden sie sehen, dass eine Frau namens Rachel etwas damit zu tun hatte.“

Natürlich ist Holmes schon viel weiter. Im Hinausgehen wirft er in den Raum: „Es ist ein Mord verübt worden, und der Mörder ist ein Mann. Er ist über sechs Fuß groß, im besten Alter, hat für seine Größe kleine Füße, trägt grobe Stiefel, die vorn viereckig enden, und er hat eine Trichinopoly-Zigarre geraucht. Er ist zusammen mit seinem Opfer in einem vierrädrigen Wagen hergekommen, der von einem Pferd mit drei alten Hufeisen und einem neuen am rechten Vorderhuf gezogen wurde. Höchstwahrscheinlich hat der Mörder ein blühendes Aussehen, und die Fingernägel seiner rechen Hand sind bemerkenswert lang. Das sind nur ein paar Hinweise, aber sie könnten ihnen nützlich sein.“ Lestrade und Gregson sehen einander mit einem ungläubigen Lächeln an. „Wenn dieser Mann ermordet worden ist, wie ist der Mord dann begangen worden?“ – „Gift“, und noch etwas, Lestrade. „Rache“ ist das deutsche Wort für „revenge“; vergeuden sie also nicht ihre Zeit damit, dass sie nach Miss Rachel suchen.“

So erhält Watson seinen ersten Anschauungsunterricht in den Methoden des Meisters, und er kann kaum glauben, dass Holmes sich völlig sicher ist. Als dieser ihm die Beobachtungen schildert, die zu seinen Schlussfolgerungen führten, ist Watson erst recht verwirrt. Ihm scheint alles nur noch mysteriöser, aber Holmes stellt fest, dass vieles zwar noch dunkel ist, sein Urteil über die wichtigsten Tatsachen aber bereits abgeschlossen. Wie später noch so oft macht sich Sherlock Holmes einen Spaß daraus, seine überraschten Gegenüber im Unklaren darüber zu lassen, wie er zu seinen erstaunlichen Erkenntnissen gekommen ist.

„Ich werde ihnen nicht viel mehr über diesen Fall erzählen, Doktor. Sie wissen schon: Ein Zauberer bekommt keinen Applaus mehr, wenn er erst seinen Trick verraten hat; und wenn ich ihnen zu viel von meiner Arbeitsmethode zeige, werden sie zu dem Schluss kommen, dass ich schließlich doch ein ganz gewöhnliches Individuum bin.“

„Zu diesem Schluss werde ich niemals kommen“,sagte ich. „Sie haben die Detektion einer exakten Wissenschaft so weit angenähert, dass man sie in dieser Welt nicht mehr übertreffen wird.“

Worauf Holmes, wie Watson weiter ausführt, errötet, weil er für Schmeicheleien über seine Kunst äußerst empfänglich ist. Natürlich weiß er, dass er nicht ganz gewöhnlich ist, er ist selbstbewusst genug, zu erkennen, dass er mit seinen besonderen Fähigkeiten den meisten Menschen weit überlegen ist, und es macht ihm große Freude, diese Überlegenheit zu demonstrieren und effektvoll zu inszenieren. So kann man kritisch anmerken, dass der bewunderte Detektiv (oder der Autor) durchaus Details verschweigt oder irreführende Hinweise gibt, um den Leser hinzuhalten und dann mit einer wohlgesetzten Schlusspointe die Lösung des Rätsels zu verraten. Der geniale Detektiv hatte natürlich längst alles durchschaut, während alle anderen die brillanten Folgerungen und fantastischen Gedankengängen des Meisters nicht nachvollziehen können.

Wer die Geschichten heute liest, ist kaum noch auf so plumpe Weise hinters Licht zu führen, für ihn liegt der Reiz möglicherweise im Geist des viktorianischen Zeitalters, der die Geschichten durchweht, und in der eleganten, angenehmen Sprache der Epoche, in der diese dargeboten werden. Für den zeitgenössischen Leser allerdings war vermutlich Sherlock Holmes‘ Kunst der Deduktion durchaus zum Staunen, weil noch recht unbekannt und wenig beschrieben. Genau genommen hatte Sherlock Holmes zwei Vorläufer, die sich ähnlicher Methoden bedienten, und Conan Doyle kannte sie sehr gut: Da erschien zunächst ein Chevalier Auguste Dupin im Jahre 1841 auf der Bühne der Weltliteratur. Edgar Allan Poe ließ seinen genialen Spürhund in den folgenden Jahren in drei Detektivgeschichten ermittel. Auch Dupin hatte einen Gefährten, der über die Fälle anschließend berichtet, und er hatte auch schon einige Marotten und bemerkenswerte Angewohnheiten, die seine Nachfolger auszeichnen sollten. Insbesondere hatte auch dieser grandiose Geist die Angewohnheit, seine Umgebung mit den erstaunlichen Ergebnissen seiner Deduktionen zu verblüffen.

Im Jahre 1863 erschien dann das erste Abenteuer des Monsieur Lecoq, eines jungen Polizisten und späteren Inspektors, den Emile Gaboriau erfunden hat. Auch dieser scharfsinnige Detektiv löst in einer Reihe erfolgreicher Romane sämtliche Rätsel durch logische Schlussfolgerungen. Conan Doyle war also keinesfalls der erste, der einen solchen Detektiv ins Rennen schickte, und Holmes nicht der erste, der sich mit seinen Ermittlungsmethoden einen Namen machte. Unterhalten sich Holmes und Watson im vorliegenden Roman über die beiden Vorgänger unseres Meisters. Watson bewundert sie und ist ein wenig indigniert, als Holmes sie schlichtweg als „minderen Gesellen“ und „ miserablen Stümper“ bezeichnet. Somit stellt Conan Doyle klar: Holmes ist mit Dupin oder Lecoq nicht zu vergleichen, und er selbst nicht einfach ein Nachfolger von Poe und Gaboriau.

Sein erster Detektivroman aber ist weder besonders noch besonders interessant oder spannend, im Gegenteil. Dem Leser wird einiges an Geduld abverlangt, denn der möglicherweise noch unsichere weil unerfahrene Schriftsteller Conan Doyle traut sich offenbar noch nicht, ganz auf seine beiden Helden und ihre gemeinsamen Abenteuer zu setzen. So kommt es, dass dieser erste Roman zweigeteilt ist, die „Erinnerungen von John H. Watson M.D.“ brechen im entscheidenden Moment ab und es folgt eine längere Schilderung von Ereignissen in Utah nach der Gründung von Salt Lake City durch die Mormonen. Diese Vorgeschichte zu den Morden im London des Jahres 1881 muss natürlich ohne Holmes und Watson auskommen und macht den Leser stattdessen bekannt mit John Ferrier und den Umständen, die ihn zu einem erbarmungslosen Rachefeldzug führten. Auch das ist durchaus schön und spannend geschrieben, aber eigentlich wartet man nur auf den „Fortgang der Erinnerungen von John Watson“, in denen das Geschehen um die „Studie in Scharlachrot“ vollständig aufgerollt wird.

John Ferrier fasst die Ereignisse von Beginn an bis zum überraschenden Ende zusammen und Holmes darf dozieren, wie und warum er das alles schon vor diesem Geständnis wissen konnte und also den Täter überführen und festnehmen konnte. Es endet wie in vielen Fällen, die Holmes in der Folge auf seine geniale Art lösen wird: Lestrade und Gregson heimsen die Lorbeeren ein, Holmes muss sich vorläufig mit dem Wissen um die Wahrheit bescheiden und mit der Aussicht auf die Veröffentlichungen seines Chronisten, der die Tatsachen irgendwann zurechtrücken wird.

*Alle Zitate entstammen der Taschenbuch-Ausgabe sämtlicher Sherlock-Holmes-Geschichten und -Romane des Insel Verlages, Eine Studie in Scharlachrot insel taschenbuch 3313.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Eine Studie in Scharlachrot | Erstveröffentlichung 1881
Die aktuelle gelesene Ausgabe erschien am 26. November 2007 bei Insel im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-458-35013-2
189 Seiten | 7.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Die Abenteuer des Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle

Dashiell Hammett | Der Malteser Falke

Dashiell Hammett | Der Malteser Falke

Unter Schmerzen preßte Cairo durch die Zähne: „Ich hätte Sie erschießen können, Mr. Spade!“ „Sie hätten es versuchen können“, räumte Spade ein. „Ich habe es nicht versucht.“ „Ich weiß.“ „Warum haben Sie mich dann geschlagen, nachdem ich entwaffnet war?“ „Tut mir leid“, sagte Spade mit einem wölfischen Grinsen, das seine Backenzähne sehen ließ, „aber stellen Sie sich meine Bestürzung vor, als ich feststellen mußte, daß ihr Fünftausend-Dollar-Angebot nur aus Luft besteht.“ „Da irren Sie sich, Mr. Spade. Das war und ist weiterhin ein ehrliches Angebot.“ (Auszug Seite 55)

Ende der 20er Jahre betreibt Samuel Spade zusammen mit seinem Partner Miles Archer in San Francisco eine Privatdetektei. Eines Tages werden sie von der attraktiven Miss Wonderley konsultiert, die sich Sorgen um ihre Schwester macht, da diese angeblich mit einem ziemlich windigen Typen namens Fred Thursby durchgebrannt sei. Das hört sich nach einem harmlosen aber gut bezahlten Routinefall an und so übernimmt Archer noch am gleichen Abend die Observierung von Thursby. Mitten in der Nacht erfährt Sam Spade durch die Polizei, dass sein Partner erschossen wurde. Noch während Spade am Fundort der Leiche eintrifft, wird auch Thursby ermordet aufgefunden.

Was führt die schöne Rothaarige im Schilde?

Sam verärgert die Polizei, da er nicht kooperieren und den Namen der Auftraggeberin verraten will. Währenddessen befürchtet Miles‘ Witwe Iva Archer, mit der Sam hinter Miles Rücken ein Verhältnis hatte, er habe Miles umgebracht, um mit ihr zusammen sein zu können.

Spade sucht seine Klientin im Hotel auf, die ihm sofort gesteht, die Geschichte mit ihrer Schwester erfunden zu haben. Ihr richtiger Name wäre Brigid O’Shaughnessy und sie wäre vor kurzem mit Thursby aus Hongkong gekommen. Die attraktive Rothaarige scheint vor irgendetwas Angst zu haben, rückt aber nicht richtig mit der Sprache raus und macht Spade schöne Augen, damit er ihr hilft.

In seinem Büro erhält Spade Besuch von dem geheimnisvollen, halbseidenen Joel Cairo. Dieser bietet ihm 5.000 US-Dollar für die Beschaffung einer gestohlenen circa 30 cm großen Figur eines schwarzen Vogels an, die Cairo im Besitz von Brigid O’Shaughnessy vermutet.

Wo ist der Vogel ?

Spade wird schon seit einiger Zeit von einem jungen Mann beschattet. Er stellt den Verfolger zur Rede und wird kurz darauf von dessen Boss angerufen und um ein Treffen ins Hotel Alexandria gebeten. Caspar „ G“ Gutman ist ebenfalls hinter der offenbar sehr wertvollen Vogelstatuette her. Nach kurzem Zögern verrät G ihm die Geschichte hinter dem Falken. Es handelt sich um ein Geschenk des Malteserordens im 16. Jahrhundert an den damaligen König von Schweden. Die mit kostbaren Edelsteinen und Juwelen verzierte Goldstatue wurde mit schwarzer Emailleschicht bedeckt, um den Wert zu verbergen. Gutman jagt schon seit 17 Jahren wie besessen hinter dem Malteser Falken her und verspricht Spade die hohe Summe von 10.000,00 US-Dollar für das Auftreiben des Falken. Und der gewiefte Detektiv blufft, spielt mit und lässt sich nicht in die Karten schauen.

Während aus einer anfangs harmlos scheinenden Observation eine mörderische Jagd nach einer wertvollen Statue wird, verirrt sich der Erzählfaden teilweise im Gewirr der undurchschaubaren Figuren. Am Schluss kommt es bei der Aufklärung der Morde noch zu einigen Überraschungen.

Der unterhaltsame Krimi ist kurzweilig aber nicht rasend spannend, dafür fehlt es an Dramatik. Er lebt von dem kontroversen Aufeinandertreffen seiner Figuren und der Fokussierung auf seine Hauptfigur. Die trockenen, sprachlich knappen Dialoge ziehen sich teilweise in die Länge. Obwohl Hammett sich nicht in ausschweifenden Beschreibungen verliert, wird die Atmosphäre der 30er Jahre gut eingefangen.

Wer ist Sam Spade?

Dashiell Hammett erzählt die Geschichte komplett aus der Perspektive seines Helden Sam Spade. Trotzdem wird dem Leser kein Einblick in die Gefühlswelt des Detektivs präsentiert, so dass man dem Protagonisten nie wirklich nahe kommt. Man weiß nicht, was man von ihm halten soll. Die Ermordung seines Partners scheint ihn nicht zu kümmern, mit Miss O’Shaughnessy beginnt er eine Affäre, aber ob er ihr glaubt, kann man nur vermuten. Dagegen nimmt die Beschreibung der äußerlichen Kennzeichen wie zum Beispiel Gestik und Mimik übertrieben viel Raum ein. Sam wird als umgänglicher, blonder Satan beschrieben, dessen Gesicht aus lauter V’s besteht und der mit gelbgrauen Augen ein wölfisches Lächeln zeigt, dagegen wechselt seine Hautfarbe ins Gelbliche, wenn er wütend wird. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit Humphrey Bogart vor Augen. Dabei ist die kongeniale Kinoversion von John Huston aus dem Jahre 1931 bereits die dritte Verfilmung des Stoffes. Und für Bogart war es die Rolle, die ihn zum Kultstar machte.

Mit der Figur des Samuel Spade hat Dashiell Hammett eine unvergessliche Figur erschaffen, praktisch den Archetyp des hartgesottenen, coolen Privatdetektivs in Literatur und Film. Ein zynischer Einzelgänger ohne Illusionen, der niemandem traut. Er ist viel zu schlau, um sich manipulieren zu lassen und laviert opportun zwischen den Parteien.

Heute wirkt das vom Autor kreierte Figurenpersonal klischeehaft, aber zu seiner Zeit hat Hammett Maßstäbe gesetzt, denn zum ersten Mal waren die Charaktere alle rücksichtslos und konnten nicht einfach in Gut und Böse aufgeteilt werden. In einer skrupellosen Gesellschaft sind die habgierige Figuren in Der Malteser Falke nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, lügen und betrügen. Die düstere Bild- und Figurenwelt sowie die pessimistische Grundstimmung als Unterschied zum klassischen englischen Krimi revolutionierte in den 30er Jahren den Detektivroman. Ein Klassiker mit knapp 230 Seiten, den ich gerne gelesen habe!

Dashiell Hammett wurde 1894 in Maryland geboren. Mit 13 Jahren arbeitete er bereits in einer Detektivagentur, kann also aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Er gilt neben Raymond Chandler als stilbildend für das Genre des Detektivromans und als Begründer der hardboiled Novel. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei geriet er in die Mühlen der McCarthy-Ära. Seine Aussagen vor dem McCarthy-Ausschuss 1953 wurden im Fernsehen übertragen. Er saß im Gefängnis und verstarb verarmt im Jahre 1961.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Malteser Falke | Erstveröffentlichung …
Die aktuelle Ausgabe erschien am 1. Mai 2004 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-20131-4
240 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Dorothy L. Sayers | Starkes Gift

Dorothy L. Sayers | Starkes Gift

Für unser Spezial um Privatdetektive/innen habe ich statt eines neu erschienen Buches eines meiner älteren Bücher ausgewählt: eines aus Dorothy L. Sayers Reihe um Lord Peter Wimsey. Aus dieser Serie besitze ich bis auf die letzten beiden (die ich jetzt bei meiner Recherche im Internet entdeckt habe und mir auch noch zulegen werde) alle Bücher. Die Fälle zeichnen sich durch die humorvollen, aber auch scharfsinnigen, immer gut recherchierten und spannenden Handlungen aus, die ohne viel Action auskommen; braucht man manchmal zur Erholung. Zum Motto des Specials passt dieses Buch (finde ich jedenfalls) gut, da hier zwar von einem männlichen Detektiv ermittelt wird, der aber von weiblichen Dektektivinnen Unterstützung erhält.

Die Hauptakteure: Lord Peter Death Bredon Wimsey, geb. um 1890 (wie die Autorin) zweiter Sohn des 15. Herzogs von Denver, besuchte Eton und das Ballion College in Oxford, Hobbys: Sammeln von kostbaren Erstausgaben und Aufklärung von Gewaltverbrechen, immer unterstützt von seinem Diener Bunter, zeitweise auch als Tatortfotograf und Spurenermittler eingesetzt. Harriet Vane, Tochter eines Landarztes, Examen am Shrewsbury College in Oxford, Kriminalschriftstellerin, lebt alleine, Angeklagte in einem Mordprozess.

Im Band Starkes Gift will Lord Peter die Unschuld der wegen Giftmordes vor Gericht stehenden Kriminalschriftstellerin Harriet Vane beweisen, eine „selbständige“ Frau, wie sie im Buche steht. Die Tatsache, dass sie nicht nur erfolgreiche Kriminalromane schreibt (an sich schon ungehörig), lebte sie auch noch mit dem Mordopfer Philip Boyes, ebenfalls Schriftsteller (allerdings weniger erfolgreich) jahrelang in wilder Ehe zusammen. Die Anklage legt ihr zur Last, dass Boyes, von dem sie sich nach dessen Heiratsantrag getrennt hatte (für die Allgemeinheit völlig unglaubhaft), nach einem Versöhnungsbesuch bei ihr mit einem Kaffee, der mit Arsen versetzt war, vergiftet wurde. Er verstarb nach seiner Rückkehr ins Haus seines Cousins Norman Urquhart, wo er nach der Trennung zeitweise gewohnt hatte.

In der Verhandlung wird ausführlich dargelegt, dass Philip Boyes zwar bei seinem Cousin vor dem Treffen mit Harriet Vane ein umfangreiches Abendessen eingenommen hatte, dieses aber nach den Ermittlungen von Scotland Yard als Grund für die Vergiftung nicht in Frage kommt, da alle Getränke und Gerichte von mindesten zwei Personen (Boyes und Urquhardt), überwiegend aber auch vom Hauspersonal Urquhardts konsumiert wurden. Von Harriet Vane wurde allerdings bekannt, dass sie mehrfach Arsen eingekauft hatte, angeblich zur Recherche ihres neuen Kriminalromans. Somit bleibt nach Ansicht der Anklage nur der Kaffee von Harriet Vane als Mordinstrument übrig. Der Meinung ist jedoch Lord Peter Wimsey, der die Verhandlung mit wachsender Unruhe verfolgt, absolut nicht.

Abgesehen davon, dass er die Angeklagte für unschuldig hält, hat er sich auch noch in sie verliebt – ganz klar, er muss den wahren Mörder finden. Zum Glück befindet sich unter den Geschworenen eine ihm wohlbekannte ältere Dame, Miss Climpson, die standhaft genug ist, ihre Zweifel an Harriets Schuld gegen die Meinung der anderen Geschworenen über einen Zeitraum von sechs Stunden aufrecht zu erhalten. Da die anderen Geschworenen dem Richter auf Nachfrage verzweifelt mitteilen, dass keine Einigkeit erzielt werden kann muss der Prozess neu aufgerollt werden, der Richter setzt einen neuen Termin in einem Monat an.

Lord Peter hat nun – wenn auch knapp bemessen – Zeit, den wahren Mörder zu finden und die Beweise dafür zu beschaffen. Und ab hier ist nicht nur Lord Peter als Privatdetektiv tätig, sondern auch Miss Climpson, eine sogenannte alte Jungfer, die seit einiger Zeit unauffällig für Lord Peter ermittelt. Während Lord Peter sich mit der Familie von Philip Boyes und dem privaten Umfeld von Philip und Harriet, überwiegend bestehend aus Künstlern, befasst, wird Miss Climpson in einer besonderen Mission in einen kleinen Ort gesandt, in dem eine pflegebedürftige, aber reiche Tante von Norman Urquhardt (der ihr Testamentsvollstrecker ist) und Philip Boyes lebt.

Miss Climpson macht sich mit der Pflegerin der Tante bekannt und wendet eine ziemlich ungewöhnliche Art der Ermittlung an: da die Pflegerin an Hellseher etc. glaubt, stellt sie sich als Medium vor, bei einer Seance gibt sie vor, mit dem Geist der Tante, die seit einiger Zeit nicht mehr ansprechbar ist, Kontakt aufgenommen zu haben (hier werden sehr schön einige Tricks verraten, mit denen in diesem Bereich gearbeitet wurde/wird). Miss Climpson kommt tatsächlich an die benötigten Informationen, was im Anschluss dazu führt, dass eine Mitarbeiterin von Miss Climpson als Schreibkraft tätig wird, nicht ohne vorher von Lord Peter eingeführt bei einem mit ihm befreundeten ehemaligen Einbrecher Tricks zum Öffnen von Schlössern ohne den dazugehörigen Schlüssel zu lernen, um die endgültigen Beweise zu sichern.

Die Autorin Dorothy L. Sayers hat in Starkes Gift einen Plot geschaffen, der Spannung, aber auch Humor vereinigt. Die Spannung bleibt bis zur überraschenden Auflösung erhalten, wobei die Spannung weniger darauf beruht, den wahren Mörder zu finden (dem geübten Krimileser ist schnell klar, wohin der Hase läuft) sondern die Mordmethode herauszufinden. Die Schilderung der Handlungsweise der Protagonisten lässt den Leser immer wieder schmunzeln; Peter ist trotz adliger Herkunft alles andere als abgehoben und auch die anderen Figuren sind sehr lebendig geschildert.

Auch wenn der Roman die Zeit der 1930er Jahre wiederspiegelt, ist er nach wie vor gut zu lesen und durchaus interessant. Erstmals in der Lord-Peter-Reihe geht es nicht wie üblich nur um seine Detektivarbeit; Lord Peter wandelt endlich auf Freiersfüßen. Das erweist sich jedoch als schwierig, seine Angebetete Harriet Vane wird von der Autorin als eine Person dargestellt, die trotz ihres bisher bekannten Lebenswandels durchaus moralische Skrupel hat; hin- und hergerissen zwischen ihrer Dankbarkeit gegenüber Lord Peter und der Befürchtung, dass ihr bisheriges Leben irgendwann die Beziehung zerstören würde, lehnt sie seine Anträge ab.

Es sei jedoch erwähnt, dass sich die Bemühungen von Lord Peter wie ein roter Faden durch seine nächsten Fälle zieht. Harriet Vane wird auch selbst in zwei Romanen als Detektivin tätig (allerdings bleibt die jeweilige Auflösung Lord Peter vorbehalten). Ein Happy End gibt es dann doch nach Jahren noch – und selbst das wird von der Autorin noch zu einem vergnüglichen Krimi verarbeitet.

Eigentlich sind alle Lord-Peter-Bücher lesens- und empfehlenswert, wenn man nicht gerade ein ausgewiesener Thriller-Fan ist. Diese Buch ist aber noch mal etwas besonderes, da Lord Peter hier in seinen Ermittlungen Unterstützung von Frauen erhält, die in der damaligen Zeit (und teilweise auch heute noch) leicht abschätzig betrachtet wurden: Künstlerinnen und allein stehende ältere „Frolleins“.

Meine Rezension beruht auf der 1982 im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH erschienenen Ausgabe. Die Werke von Dorothy L. Sayers sind auch weiterhin (mindestens online) als Bücher (neu und gebraucht), als Hörbücher und E-Books erhältlich. Einige Bücher wurden 1972 – 1975 für eine 21-teilige englische Fernsehrserie verfilmt, in den 70er und 80er Jahren wurden diese auch im Bayrischen Rundfunk ausgestrahlt. Es gibt DVDs davon, allerdings soweit mir bekannt ist, nur in englischer Sprache.

Dorothy L. Sayers, geboren am 13. Juni 1893 in Oxford als Tochter eines Pfarrers und Schuldirektors aus altem englischen Landadel, legte als eine der ersten Frauen an der Universität Oxford ihr Examen ab. In ihren Kriminalromanen etablierte sie – ungewöhnlich zu dieser Zeit! – eine adlige Detektivfigur. Ab 1923 (erstes Buch: Der Tote in der Badewanne oder auch Ein Toter zu wenig) ließ sie Lord Peter Wimsey ermitteln, das hier besprochene Buch erschien 1934 und spiegelt logischerweise die Denk- und Lebensweise der damaligen Zeit wider, also auch das, was sich für Frauen „geziemt“, selbständige Frauen wurden noch misstrauisch beobachtet.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Starkes Gift | Erstveröffentlichung 1934
Angaben zur aktuellen E-Book-Ausgabe:
Veröffentlicht am 22. April 2014 bei Rowohlt
ASIN B0184SZZ36
1013 KB, ca. 295 Seiten | 4.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.