Kategorie: Krimi

Hannah O’Brien | Irisches Erbe Bd. 4

Hannah O’Brien | Irisches Erbe Bd. 4

Irisches Erbe ist der vierte Fall für das Ermittlerteam um Grace O’Malley und spielt im County Galway in der Republik Irland. Grace O’Malley und ihr Kollege Rory Coyne von der Mordkommission in Galway müssen ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit wegen mehrerer Morde, verübt in zwei Kirchen des County, ermitteln. Die Opfer waren jeweils Gemeindehelferinnen, aufgefunden wurden die Mordopfer merkwürdigerweise immer von demselben Priester, Father Duffy. Aufgrund der Umstände (beide Morde im Abstand von je einer Woche an einem Adventwochenende, beide mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen) liegt die Vermutung nahe, dass es sich um einen Serientäter handeln könnte.

Grace erfährt im Gespräch mit der Gemeindesekretärin, Mary O’Shea, dass Father Duffy für insgesamt drei der Gemeinden im Westen des County Galway zuständig ist, in der Gemeinde Maycullen, in der der zweite Mord verübt wurde, ist er kurzfristig als Ersatz für einen erkrankten Kollegen eingesprungen. Somit ist Father Duffy höchst verdächtig und Grace sieht sich unter Zugzwang (vier Gemeinden, vier Adventwochenenden, bereits zwei Morde).
Allerdings könnte es sich auch um einen Racheakt gegen Father Duffy handeln, indem man ihn als Täter darstellt. Wie sich bei den Befragungen herausstellt, war dieser in den 90er Jahren, als es in Nordirland noch Kämpfe zwischen der (katholischen) IRA und der (protestantischen) UDA gab, in Belfast eingesetzt.

Grace hatte die Beine übereinandergeschlagen und studierte sein Gesicht. „Father Duffy, ich möchte zunächst mit Ihnen über ein Ereignis sprechen, das schon sehr lange zurückliegt und scheinbar nichts mit unseren Fällen hier zu tun hat.“ Duffys Gesichtsausdruck wirkte ratlos. Er sagte jedoch keinen Ton. “Sie waren in den Neunzigerjahren Priester in der Falls Road in Belfast. Ist das richtig?“ Duffys Augen waren vor Schreck geweitet. Er nickte heftig. „Soweit wir wissen, begegneten Sie eines Nachts in Ihrer Kirche einem schwerverletzten militanten Unionisten, dem Sie zu Hilfe kamen.“ (Seite 295)

Tatsächlich führen die Ermittlungen Grace und Rory zurück in die Vergangenheit; sie erfahren allerdings auch von Begebenheiten, die man in einem kirchlichen Umfeld nicht unbedingt erwartet, vor allem nicht in der heutigen Zeit:

Father McLeish räusperte sich schließlich. „Nun, die Kirche hat durch das Fehlverhalten Einzelner – und ich betone Einzelner – bedauerlicherweise an Glaubwürdigkeit verloren. Und durch das Fehlverhalten vieler – und ich betone vieler – Priester heutzutage, die bereit sind, Homosexualität und andere unnatürliche Verfehlungen in ihrer Mitte zu dulden und nicht konsequent auszumerzen, wie Scheidung oder das sogenannte Recht auf Abtreibung, hat sie noch viel mehr an Boden verloren, was den Glauben und die Glaubwürdigkeit der einzigen Kirche Gottes und seines Sohnes betrifft. Es musste etwas geschehen.“ (Seite 409)

Die Autorin Hannah O’Brien hat in ihrem Roman die Lebensläufe mehrerer Protagonisten zu einer spannenden Handlung verknüpft. Bis zur Auflösung ist man als Leser hin- und hergerissen zwischen „..ich glaube, ich weiß wer’s war“ und „….kann aber eigentlich doch nicht sein“. Wie sich herausstellt, sind die Motive für die Morde andere als zunächst vermutet  und witzigerweise wird einer der Morde durch einen Handy-Klingelton bewiesen.

Was mich an dem Buch auch beeindruckt hat, ist die Einbindung der irischen Vergangenheit, die auch von der Autorin erläutert wird, sowohl in der Handlung als auch im anschließenden Glossar, man spürt die Verbundenheit der Autorin mit ihrer Wahlheimat. Sozusagen als „Bonbon“ gibt es noch die ausführliche Vorstellung der Protagonisten und eine Landkarte, auf der die im Buch genannten Orte zu finden sind.

Fazit: Eine Handlung zwischen irischer Vergangenheit (nicht nur der politischen, sondern auch der kirchlichen) und Gegenwart, spannend bis zum Schluss!

Hannah O’Brien ist ein Pseudonym von Hannelore Hippe-Davies, geboren 1951 in Frankfurt am Main. Sie lebte lange in ihrer Wahlheimat Connemara und fühlt sich dort bis heute zu Hause. Sie arbeitet seit 1985 als freie Journalistin, vorwiegend für die Rundfunkanstalten der ARD und schrieb zahlreiche Features und Hörspiele bzw. -dokumentationen sowie Romane, allerdings nicht nur Kriminalromane, sondern auch „kulinarische Entdeckungsreisen“. Ab 2015 schrieb sie dann unter dem Pseudonym über die Ermittlerin Grace O’Malley.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Irisches Erbe | Erschienen am 9. März 2018 bei dtv
ISBN 978-3-423-21720-0
432 Seiten | 9.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Tom Callaghan | Mörderischer Sommer

Tom Callaghan | Mörderischer Sommer

Ich musste über den Schlamassel nachdenken, in dem ich bis zum Hals steckte. Und darüber, was ich deswegen unternehmen wollte – allein, unsicher und in einer Stadt, die so fremd war, dass sie genauso gut auf einem anderen Planeten hätte liegen können. Ich war in Dubai.“ (Auszug Seite 12)

Akyl Borubaew, ehemaliger kirgisischer Polizeikommissar, wird zum Minister für Staatssicherheit bestellt. Dieser hat einen Auftrag für Akyl: Des Ministers Geliebte ist mit Kontozugangsdaten und Geheimdokumenten nach Dubai verschwunden. Der Minister will, dass Akyl die Frau oder wenigstens den USB-Stick mit den Daten zurück nach Kirgisistan bringt. Und er ist kein Mann, dem man einen solchen Auftrag abschlägt. Doch kaum ist Akyl in den Emiraten eingetroffen, gerät er direkt in größere Schwierigkeiten.

Denn als erstes stößt er auf die Leiche eines Zuhälters und Waffenhehlers. Auch sein Kontaktmann in Dubai ist ihm irgendwie suspekt. Als er schließlich die gesuchte Frau aufstöbert, stellt Akyl fest, dass diese erheblich verschlagener ist als gedacht. Schließlich spielen auch noch tschetschenische Terrororganisationen beim Rennen um die Dokumente mit und auch seine Freundin Saltanat vom usbekischen Geheimdienst taucht auf. Bei aller Verbundenheit kann er aber nur eingeschränkt auf ihre Unterstützung setzen, denn Saltanat hat wie immer ihre eigene Agenda.

Mörderischer Sommer ist der dritte Teil der Reihe um den Kirgisen Akyl Borobaew. Dritte Teile sind ja durchaus immer etwas knifflig. Nach einem starken Auftakt und einer gelungenen Fortsetzung entscheidet sich ja oft im dritten Teil, ob man einer Serie weiterhin erhalten bleibt oder ob der Reiz so langsam abflacht. Blutiger Winter und Tödlicher Frühling konnten mich auf jeden Fall überzeugen. Der Reiz lag zum einen bei den Figuren. Akyl Borubaew, ein eigenwilliger, harter, aber gleichzeitig auch einsamer und melancholischer Mann. In einem Waisenhaus aufgewachsen, hat er später als Polizist seine Bestimmung gefunden. Er hat seine geliebte Frau an den Krebs verloren, ihr sogar aktiv beim Sterben geholfen. Dieser Verlust nagt allerdings sehr an ihm, obwohl eine neue Frau in sein Leben getreten ist. Saltanat Umarowa ist eine eiskalte, gefährliche Agentin des usbekischen Geheimdienstes. Doch irgendwie wurde ein Band zwischen beiden geknüpft, allerdings ein sehr zerbrechliches. Dritte wiederkehrende Hauptperson ist der korrupte, machtbewusste Minister für Staatssicherheit, Michail Tynalijew, der Akyl zu Aufträgen zwingt, ihm immer wieder seine Allmacht vorführt, aber gleichzeitig auch seine Hand über Akyl hält.

Zum anderen war aber ein großes Plus der Reihe das unverbrauchte Setting im zentralasiatischen Kirgisistan. Ein raues Land voll landschaftlicher Schönheit, aber als junger Staat im Schatten Russlands und Chinas immer an der Schwelle (oder darüber hinaus) zur Autokratie, in der sich gesellschaftliche Abgründe auftun. Von diesem Reiz weicht Autor Tom Callaghan leider in diesem dritten Band erheblich ab, in dem er die Handlung nach Dubai verlagert. Die moderne Stadt am persischen Golf kann es als Schauplatz leider überhaupt nicht mit Bischkek und Kirgisistan aufnehmen. Obwohl der Autor sich bemüht, auch ein paar Schattenseiten zu zeigen, bleibt Dubai ein relativ uninteressanter, austauschbarer Schauplatz.

Zudem vermag mich dieses Mal auch der Plot nicht so richtig zu überzeugen. Während in den ersten beiden Bänden Themen wie die dreckige Droge „Krokodil“ oder Kindesmissbrauch den Leser zu fesseln wussten, ist das undurchsichtige Spiel verschiedener Gruppen um Geld und Dokumente in diesem Band nur eher solide. Spätestens wenn Akyl zum Einholen von Informationen zum fünften Mal dieselbe Bar aufsucht, wünscht man sich doch etwas mehr Finesse. So bleibt am Ende das Fazit, dass der dritte Band mich diesmal doch nicht so ganz überzeugen konnte. Allerdings sprechen die interessanten Protagonisten und die Tatsache, dass diese Reihe (anhand der Jahreszeiten erkennbar) auf vier Bände ausgelegt ist, dann doch dafür, auch in den letzten Band hereinzuschauen, um zu sehen, was aus Akyl und Saltanat noch wird.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Mörderischer Sommer | Erschienen am 24. April 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00123-5
333 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Noras Rezensionen zu den Krimis Blutiger Winter und Tödlicher Frühling von Tom Callaghan

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Japan ist momentan literarisch schwer angesagt. Nicht nur, dass der letzte und angesichts der Verhältnisse des Komitees wohl längere Zeit amtierende Literaturnobelpreisträger aus Japan kommt, auch in Sachen Kriminalliteratur gibt es einige aktuelle japanische Titel mit hoher Aufmerksamkeit. Ich muss gestehen, dass ich mit japanischen Titel immer so meine Schwierigkeiten hatte, zu sehr unterscheiden sich teilweise der westliche und japanische Kulturkreis, so dass ich mit manchen Handlungen und Figuren so meine Probleme hatte. Zuletzt ließ mich Kanae Minatos „Geständnisse“ einigermaßen ratlos zurück. Nun dachte ich mir: Probiere ich es doch mal mit einem Titel, der in Japan spielt, aber von einem europäischen Autor. Gesagt, getan.

Schatten der schwarzen Sonne von Nicolás Obregón, ein Autor mit spanisch-französischen Wurzeln, in London geboren und für ein englisches Reisemagazin lange in Japan unterwegs gewesen. Aber um es vorweg zu nehmen: So richtig überzeugt war ich am Ende auch wieder nicht.

„Max Weber hat mal gesagt, ‚der Mensch ist ein Wesen, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist‘. Der, den du suchst, ist verstrickt in dieses System der schwarzen Sonne. Es ist nicht seine Visitenkarte. Ich glaube, es ist sein ganzes Gewebe. Er lebt und atmet damit.“ (Seite 101)

Kommissar Kosuke Iwata ist neu in die Mordkommission im Tokioter Stadtbezirk Shibuya versetzt worden. Sein Vorgänger hatte kurz zuvor Selbstmord begangen und hinterlässt ihm direkt einen mysteriösen Fall: Eine koreanische Familie wurde auf grausame Weise getötet. Am Tatort die Zeichnung einer schwarzen Sonne, offenbar von einem der Opfer gezwungenermaßen geschrieben. Iwata recherchiert im Umfeld der Familie, ein psychisch gestörter Bekannter der Mutter ist der perfekte Täter. Damit ist Iwata allerdings nicht zufrieden. Da geschieht ein weiterer Mord. Eine alte Frau wurde getötet, die Witwe eines Richters. Wieder am Tatort ist das Symbol der schwarzen Sonne. Iwata versucht verzweifelt, den Zusammenhang zwischen den Taten herzustellen, um einen nächsten Mord zu verhindern. Aber gleichzeitig wird an seinem Stuhl gesägt, seine Suspendierung droht. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Schatten der schwarzen Sonne ist der Auftakt zu einer Reihe. Dadurch erhält die Hauptfigur Kosuke Iwata und seine Vergangenheit sehr großen Raum im Buch. Iwata ist der typische Außenseiter-Cop in seinem neuen Revier. Ein Einzelgänger, der sich auch direkt mit den Platzhirschen anlegt und dadurch in Schwierigkeiten gerät. Seine Vergangenheit, die regelmäßig in Rückblicken erzählt wird, ist außerdem traumatisch. Als Kind von der Mutter sitzengelassen, im Waisenhaus aufgewachsen. In den USA lernt er seine Frau Cleo kennen, die er nun in einer Psychiatrie besucht. Erst nach und nach offenbart sich eine weitere Familientragödie. Der englische Originaltitel „Blue Light Yokohama“ bezieht sich übrigens auf einen Song der Sängerin und Schauspielerin Ayumi Ishida, einen japanischen Nr.1-Hit aus dem Jahr 1968, auf den auch im Buch regelmäßig Bezug genommen wird.

Der Kriminalroman, der außerdem über ausgedehnte Thrillerelemente verfügt, ist grundsätzlich sehr solide, verfügt über einen guten Spannungsbogen, vielleicht sind die Rückblicke in die Vergangenheit des Kommissars manchmal etwas ausschweifend. Wichtigste Nebenfigur ist die pfiffige Kommissarsanwärterin Sakai, die anfangs Iwata zur Seite gestellt ist, später abgezogen wird, aber irgendwie in die Geschichte verwickelt ist.

Obwohl Schatten der schwarzen Sonne ein ordentlicher Krimi ist, der das Genre nicht neu erfindet, aber passabel unterhält, gab es für mich irgendwie einen faden Beigeschmack. Ich war ein wenig enttäuscht von der Geschichte und das lag für mich an deutlichen Schwächen in der Authentizität. Zunächst mal die internen Reibereien im Polizeirevier. Sexismus, Mobbing, Korruption. Das war für mich so schematisch, es hätte anstatt Shibuya auch das LAPD oder die Pariser Polizeipräfektur sein können. Des Weiteren mag Nicolás Obregón ein ausgewiesener Japan-Kenner sein, aber dann hätte er auch ein wenig mehr in die japanische Seele eintauchen können. Die Themen, die er in diesem Krimi vermischt, sind wirklich ein paar der gängigsten (kriminellen) Japan-Themen (Selbstmorde, Rassismus gegenüber Koreanern, fanatische Sekten). Das wirkt auf mich dann doch etwas sehr kalkuliert. Schade. Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, dass das viele andere nicht stört.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Schatten der schwarzen Sonne | Erschienen am 1. März 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31475-1
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Abgehakt | Juni 2018

Abgehakt | Juni 2018

Adrian McKinty | Dirty Cops

Nordirland, 1988. Ein seltsamer Mordfall in Carrickfergus: Ein Mann wird vom einem Armbrustpfeil erschossen aufgefunden. Der Tote war ein Dealer, aber die Mordwaffe ist schon sehr ungewöhnlich. Die Ehefrau des Toten ist keine große Hilfe, war sie doch vermutlich selbst in die Deals ihres Mannes verstrickt. Über Umwege gibt sie Duffy schließlich einen entscheidenden Hinweis, das Kennzeichen eines Autos, das das Paar kurz vor dem Mord verfolgt haben soll. Duffys Vorgesetzten wollen den Fall allerdings zu den Akten legen, zumal eine IRA-nahe Gruppierung sich mehr oder weniger zu der Tat bekannt hat. Doch so leicht lässt sich Duffy nicht von einer Fährte abbringen. Er gräbt weiter und bringt damit noch gefährlichere Gegner als seine Vorgesetzten gegen sich auf.

Es sind immer noch die 80er und immer noch geht es drunter und drüber in Nordirland. Allerdings ist DI Sean Duffy doch etwas solider geworden, immerhin ist er jetzt fest liiert und Papa geworden. Aber er bleibt sich natürlich und zum Glück in vielen Dingen treu, vor allem, dass er trotz gegenteiliger Anordnungen von manchen Dingen nicht fern bleiben kann. Trotzdem wird es diesmal verdammt brenzlig für ihn, denn das Buch beginnt im Prolog damit, dass er von einem IRA-Kommando in den Wald geführt wird, um dort sein eigenes Grab zu schaufeln. Ob und wie er sich da herauswinden kann, werde ich an dieser Stelle nicht verraten. Jedoch verraten kann ich, dass mir dieser sechste Band der Reihe wieder mal ganz vorzüglich gefallen hat. Ein kniffliger Mordfall, politische/polizeiliche Verstricklungen, der gewohnte lässig-hartgesottene Schreibstil, der böse Humor und die Weiterentwicklung des Sean Duffy zum Familienvater sind die feinen Zutaten für diesen Kriminalroman.

Für alle Fans dieser Reihe gibt es auch weiterhin gute Nachrichten: Die Verträge für die Bände 7-9 sind bereits unter Dach und Fach.

 

Dirty Cops | Erschienen am 25.September 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46642-5
392 Seiten | 14,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Philip Kerr | Die Hand Gottes

Play-Offs zur Champions League: London City muss bei den heißblütigen Griechen von Olympiakos Piräus antreten. Londons Offensivmann Bekim Develi schießt die Gäste aus England schnell in Führung – und bricht kurz darauf auf dem Spielfeld zusammen und stirbt. London ist geschockt, das Spiel endet 4:1 für Olympiakos. Am nächsten Morgen kommt die Polizei ins Mannschaftshotel. Am Abend vor dem Spiel war eine Frau bei Develi im Zimmer und diese ist nun tot im Hafenbecken gefunden worden. Die Polizei stellt die Mannschaft unter Verdacht und lässt sie nicht ausreisen. Trainer Scott Manson ist gefordert: Zum einen will er herausfinden, wie sein Spieler und diese Frau gestorben sind, zum anderen muss er sein Team unter diesen widrigen Bedingungen aufs Rückspiel vorbereiten.

Die Hand Gottes ist der zweite Band der dreiteiligen Reihe um Scott Manson, Cheftrainer und Gelegenheitsermittler. Auch in diesem Roman nimmt sich Philip Kerr, der leider im März mit 62 Jahren verstarb, das Fußball-Business zur Brust. Windige Investoren, Spielmanipulation, Korruption, Homophobie und Rassismus: Kerr spart kein heißes Thema aus und hat sichtlich Spaß dabei. Griechenland in der Eurokrise als Schauplatz hat einiges an Reiz, auch die Rivalität zwischen Olympiakos und Panathinaikos wird groß thematisiert. Obwohl Kerr es nicht ganz lassen kann, zu viel erklären zu wollen, anstatt auf das Fußball-Wissen des Lesers zu vertrauen, hat mir dieser Thriller insgesamt besser gefallen als Band 1, Der Winter-Transfer. Um in der Fußballsprache zu bleiben: Die Geschichte hat einfach mehr Zug zum Tor als der Vorgänger, der am Ende etwas cosy wurde. Und damit ist das Buch vielleicht die passende Lektüre zur laufenden Fußball-WM.

 

Die Hand Gottes | Erschienen am 19. März 2016 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50139-1
als Taschenbuchausgabe: 397 Seiten | 9,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Wallace Stroby | Fast ein guter Plan

Gerade erst hat Crissa Stone einen Teil der Beute vom legendären Lufthansa-Raub eingesackt, da bietet sich ihr ein neuer Job. Zu viert rauben sie mehr als 300.000 Dollar aus einem Drogendeal. Doch beim Aufteilen der Beute hat einer einen Hinterhalt geplant. Zwei Komplizen werden erschossen, Crissa entkommt nur knapp mit der Hälfte des Geldes. Doch die Probleme fangen erst an, denn der Drogenboss engagiert einen skrupellosen Ex-Cop, um ihm die Kohle wiederzubringen.

Nachdem der zweite Band, Geld ist nicht genug, sowas wie der Durchbruch von Wallace Strobys Heldin Crissa Stone in Deutschland war, hat der Pendragon Verlag relativ schnell den nächsten Band der Reihe nachgelegt. Crissa Stone ist aber auch ein seltener Glücksgriff als Protagonistin: Eine taffe Gangsterin, intelligent, hart, abgebrüht wenn’s um den Job geht. Aber gleichzeitig auch eine empathische, loyale Person mit Verantwortungsbewusstsein. Das könnte ihr in diesem Falle zum Verhängnis werden. Fast ein guter Plan setzt die gute Reihe nahtlos fort. Schnörkellos und rasant geschrieben und mit einer harten, aber herzlichen, verdammt coolen Heldin.

Fast ein guter Plan | Erschienen am 29. Januar 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-607-2
320 Seiten | 17.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 4.0 von 5.0

Donato Carrisi | Der Nebelmann

Avechot, ein kleiner Ort in einem Nebental der italienischen Alpen. Ein Mädchen aus einer tiefreligiösen Familie verschwindet am Tag vor Weihnachten. Die Polizei schickt Sonderermittler Vogel, einen eitlen, exzentrischen Mann, der sich vor allem auf eines versteht: Manipulation. Geschickt versteht er es, die Presse und Öffentlichkeit für seine Zwecke zu nutzen, um das Interesse am Fall hoch zu halten. Denn auch nach Neujahr gibt es keine Spur der Vermissten. Doch für Vogel kristallisiert sich ein Verdächtiger heraus.

Dieser Thriller kommt höchst ungewöhnlich daher, denn so eine Figur wie diesen Vogel sieht man nicht allzu häufig in einem Thriller. Vogel paktiert mit der Presse, nutzt die Gerüchteküche des Dorfes, setzt den Verdächtigen unter Druck und schreckt nicht davor zurück, Beweise zu manipulieren. Das ist über weite Strecken ordentlich gemacht. Auch der Aufbau des Buches mit zahlreichen Brüchen in der Chronologie trägt zur Manipulation des Lesers bei. Allerdings will es Carrisi für meinen Geschmack zum Ende hin zu pfiffig machen. Nachdem er sich für den Verlauf der Geschichte zunächst viel Zeit nimmt, kommen die Wendungen am Schluss einfach zu plötzlich und etwas übertrieben daher. Das mag manchen Thrillerfan trotzdem begeistern, für mich gab es hierfür Abzüge.

Der Nebelmann | Erschienen am 4. August 2017 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-016-2
336 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Charlotte Link | Das Echo der Schuld

 

Das Boot der Deutschen Nathan und Livia sinkt vor der Küste Schottlands und beide stehen plötzlich mit völlig leeren Händen da. Livia hat vorher kurzzeitig im Ferienhaus von Virginia Quentin und ihrem Mann gejobbt und sie und Nathan finden dort nun Hilfe und Unterstützung. Als Virginia in ihr Zuhause nach Norfolk zurückkehrt, erfährt sie, dass in der Gegend gerade einige Kinder vermisst werden. Nathan spürt Virginia in Norfolk auf und plötzlich verschwindet auch Virginias Tochter Kim.

Dieser Spannungsroman liest sich sehr flüssig, ohne wahnsinnig nervenaufreibend zu sein. Ich empfand ihn als gute Unterhaltung für zwischendurch. Die Geschichte ließ mich als Leser immer wieder an Personen und eventuell Verdächtigen zweifeln, außerdem konnte mich das Ende überraschen. Interessant sind auch die eingestreuten Erinnerungen an Virginias Vergangenheit, die dem Leser nicht sofort, sondern nach und nach präsentiert werden.

 

Das Echo der Schuld | Erschienen am 17. März 2014 bei Blanvalet
ISBN 978-344-238354-2
542 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Ursula Poznanski & Arno Strobel | Invisible

Ursula Poznanski & Arno Strobel | Invisible

„Der dritte Tod in einer Woche und ein Muster, das keines ist. Bislang mehr oder minder unbescholtene Menschen bringen völlig Fremde um. Die sie zwar nie gesehen haben, von denen sie sich aber trotzdem verfolgt, provoziert, bedroht fühlen. Sie gehen nicht hin oder stellen sie zur Rede, sie beschränken sich nicht auf eine simple Prügelei oder zeigen den Betreffenden an – sie töten ihn. Das ist so weit weg von allem, was mir in meinem Beruf bisher untergekommen ist, dass es mich völlig aus dem Tritt bringt.“ (Auszug Seite 94)

Die Kriminalkommissare Nina Salomon und Daniel Buchholz haben es bei diesem Fall mit ganz besonderen Taten zu tun: Ein Arzt sticht sein Skalpell in das Herz eines Patienten, ein Mann wird in aller Öffentlichkeit erschlagen und ein Immobilienmakler wird an seiner Haustür erstochen. Die Suche nach den Tätern ist hierbei zweitrangig, da diese sofort feststehen und verhaftet werden können. Viel schwieriger wird es bei der Suche nach den Motiven, denn keiner der Täter kannte sein Opfer persönlich. Die Täter geben nur an, dass sie von ihnen bedroht wurden. Können die beiden Kommissare die Mordserie stoppen, ohne dass es zu neuen Toten kommt?

Zwei ungleiche Partner

Nina Salomon ist vor einiger Zeit wegen eines Disziplinarverfahrens von Bremen nach Hamburg versetzt worden. Seitdem arbeitet sie mit Daniel Buchholz zusammen. Die Partner sind ein sehr unterschiedliches Gespann: Nina ist impulsiv und spontan und begibt sich auch gern mal auf einen Alleingang. Dabei nimmt sie es mit den Vorschriften nicht so genau. Daniel hingegen ist eher überlegt und erinnert Nina immer wieder daran, wo in einem Rechtsstaat die Grenzen der Polizei sind.

Buch Drei der beiden Autoren

Invisible ist der dritte gemeinsame Thriller von Ursula Poznanski & Arno Strobel. Die beiden ersten Bücher Fremd und Anonym habe ich auch bereits gelesen und war begeistert, deshalb habe ich bei dem neuen Fall um Salomon und Buchholz auch gar nicht lange gezögert. Ich bin also mit recht hohen Erwartungen in die Seiten eingestiegen und wurde nicht enttäuscht! Der Fall ist kniffelig und alle scheinbaren Indizien verlaufen in Sackgassen, dadurch bleibt es konstant spannend.

Zermürbende Ermittlungen

Die Protagonisten sind mir sympathisch, weil sie zwar sehr verschieden sind, aber im Grunde gut zusammenarbeiten. Dieser Fall zermürbt alle und der sonst so überlegte Daniel wird zusehends unbeherrschter im Umgang mit seinen Kollegen. Denn die Arbeit an dem eh schon schwierigen und nervenaufreibenden Fall wird zusätzlich erschwert durch einen neuen Kollegen, der Unruhe stiftet und durch Daniels private Probleme, die ihn nächtelang grübeln lassen.

Anfang & Ende

Am Anfang fand ich es etwas störend, dass Daniels private Probleme nicht gleich benannt wurden, sondern immer nur Andeutungen gemacht werden. Dieser ganze Handlungsstrang hätte für mich auch nicht in die Geschichte gemusst. Da die Kapitel abwechselnd aus Sicht der beiden Ermittler geschrieben sind, kam ich ab und zu durcheinander, wer denn jetzt gerade an der Reihe ist. Das Ende ist ganz anders, als ich gedacht habe und regt zum Nachdenken an.

Insgesamt ein gut zu lesender und interessanter Fall, der die beiden Protagonisten an ihre Grenzen bringt.

Ursula Poznanski wurde 1968 geboren und lebt zusammen mit ihrer Familie im Süden von Wien. Sie pflegt dort neben der Leidenschaft zum Schreiben auch die Tradition des Kaffeehausbesuches. Die Autorin ist im Jahr 2000 bei einem Drehbuchwettbewerb zum Schreiben gekommen und hat seitdem 20 Bücher veröffentlicht. Darunter befinden sich nicht nur Thriller, sondern auch Kinderbücher und Jugendthriller.

Arno Strobel wurde 1962 geboren und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in der Nähe von Trier. Mit Anfang 40 veröffentlichte Arno Strobel seine ersten Kurzgeschichten in Internetforen. Sein erster Roman wurde im selbst gegründeten Verlag gedruckt und erst nach Verkauf der Startauflage wurden namhafte Verlage aufmerksam. Seitdem hat der Autor fünfzehn Bücher veröffentlicht, darunter zwei Jugendbücher.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Invisible | Erschienen am 27. März 2018 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-0015-8
368 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zu den Romanen Fremd und Anonym des Autorenduos.