Kategorie: Klassiker

Richard Stark | The Hunter

Richard Stark | The Hunter

Er wollte nicht, dass Mal wusste, dass er am Leben war. Er wollte nicht, dass Mal Schiss kriegte und abhaute. Er wollte ihn entspannt und zufrieden, wie einen fetten Kater. Er wollte, dass er einfach nur dasaß, grinste und auf Parkers Hände wartete. (Auszug Seite 56)

Parker ist ein Spezialist für Brüche und Raubüberfälle, ein absoluter Profi, der mit wechselnden Partnern zusammenarbeitet. Bei seinem letzten Coup wurde er allerdings von seiner Frau Lynn und seinem Partner Mal Resnick getäuscht. Parker wird niedergeschossen und zurückgelassen in der Annahme, er sei tot. Doch er überlebt, bricht aus dem Gefängnis aus und schlägt sich bis nach New York durch – die Zeit der Abrechnung ist gekommen.

1962 erschien The Hunter und Autor Donald E. Westlake (unter dem Pseudonym Richard Stark) kreierte damit eine der bemerkenswertesten Gangsterfiguren. Parker ist kein smarter Räuber oder ein sonstiger Gangster, mit dem man sympathisieren kann. Im Gegenteil: Parker ist ein knallharter Schuft, ein Profiverbrecher, der auch vor Mord nicht zurückschreckt (dies in der Regel aber vermeidet). Parker ist ein Einzelgänger, der eiskalt seine Pläne durchzieht, ohne Kompromisse und ohne Gewissensbisse. Er ist wortkarg, sucht keinen Anschluss, arbeitet nur bei irgendwelchen Coups mit anderen zusammen. In der Zusammenarbeit verhält er sich dann loyal, wird er allerdings hintergangen (was häufig vorkommt), wird er unbarmherzig.

Das interessante an der Figur Parker ist aber, dass der Autor ihn nicht als Psychopathen beschreibt, sondern Parkers Empathie- und Gnadenlosigkeit irgendwie konsequent in der ihn umgebenden Welt wirkt. Parkers Vorname wird übrigens in der ganzen Serie nie erwähnt, Westlake selbst wird zitiert: „I don’t know what the hell it would be, maybe Frank.“

Anders als in weiteren Romanen beginnt der erste Auftritt von Parker nicht mit einem Coup. Der raffinierte Überfall ist schon erledigt, doch endet für Parker anders als geplant. Der Leser erfährt in Rückblenden von den Einzelheiten. Der Verrat nagt an Parker, er bricht sogar aus der kurzen Haft (wegen Landstreicherei) aus und tötet dabei einen Wärter, um sich auf den Weg machen zu können. Er trifft zunächst auf Lynn, seine Frau, die sich aus Angst und Resignation mit Schlaftabletten umbringt. Dann ist Mal Resnick sein nächstes Ziel, von ihm will er sich nicht nur seinen Anteil holen, diesen Mann will er töten. Doch Resnick gehört zum Syndikat, der mafiösen Verbrecherorganisation. Ein Angriff auf ihn fordert gleichzeitig das Syndikat heraus. Doch Parker ist zu allem entschlossen.

The Hunter ist ein hartgesottener Gangsterroman, der einen radikalen Rachefeldzug beschreibt. Der Plot ist also nicht allzu komplex und die Figuren bleiben zugegeben eher etwas oberflächlich, selbst Parker gibt nicht viel von sich preis. Doch dieser Roman hat einen Sound, dem man sich auch heute noch kaum entziehen kann. Eine stetige, knisternde Spannung liegt in der Luft, der Stil ist knapp und lakonisch, die Dialoge aufs Nötigste beschränkt. Einfach wie aus einem Guss geschrieben, ein wahrlich zeitloser Klassiker.

Richard Stark alias Donald E. Westlake war ein richtiger Vielschreiber, auch unter verschiedenen Pseudonymen. Sehr bekannt sind sicherlich auch seine Romane mit dem Meisterdieb John Archibald Dortmunder. Westlake schrieb insgesamt 24 Parker-Romane. Zunächst 16 zwischen 1962 und 1974. Mehr als zwanzig Jahre später meldete sich Parker 1997 passenderweise mit dem Titel „Comeback“ zurück, weitere sieben Romane folgten bis zum Tod Westlakes 2009. Während die Romane der letzten Phase noch verfügbar sind, sind die anderen Romane schon lange vergriffen. Sie erschienen Ende der 1960er und in den 1970ern überwiegend im Ullstein Verlag in teilweise gekürzter oder veränderter Übersetzung. 2015 erschien dann dieser erste Roman in neuer vollständiger Übersetzung von Nikolaus Stingl im Zsolnay Verlag. Leider war dies nicht der Auftakt zu einer vollständigen Wiederveröffentlichung der Reihe. Aber die Hoffnung bleibt, dass sich vielleicht nochmal einer den älteren Bände annimmt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

The Hunter | Erstmals erschienen 1962
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 20. Juli 2018 bei dtv
ISBN 978-3-
192 Seiten | 9.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Giorgio Scerbanenco | Das Mädchen aus Mailand

Giorgio Scerbanenco | Das Mädchen aus Mailand

Er ging ohne zu antworten. Sie hatten ja recht, aber sie verstanden ihn nicht. Sie mussten das Gesetz befolgen, und manchmal ist das Gesetz merkwürdig, es begünstigt den Verbrecher und bindet dem Ehrlichen die Hände. (Auszug Seite 170)

Der ehemalige Arzt Duca Lamberti erhält nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis einen Auftrag, Davide, den Sohn eines Industriellen, von dessen Alkoholsucht zu kurieren. Nach kurzer Zeit offenbart Davide den Grund seiner Alkoholsucht und Depression: Er fühlt sich schuldig am Selbstmord der Verkäuferin Alberta vor knapp einem Jahr. Doch Alberta hat Davide einen Gegenstand hinterlassen, der Lamberti stutzig macht und an einem Selbstmord zweifeln lässt.

Damals hatte Davide die junge Frau in Mailand aufgegabelt, um gegen Bezahlung mit ihr einen Abend zu verbringen und war mit ihr aus der Stadt gefahren. Doch auf der Rückfahrt fühlt sich Davide plötzlich von ihr bedrängt, als sie ihn beschwört, mit ihr wegzufahren und nicht nach Mailand zurückzukehren. In einem Vorort wirft er sie quasi aus dem Wagen, dort wird sie wenig später mit aufgeschnittenen Pulsadern aufgefunden. Doch sie hatte etwas in Davides Wagen verloren: Ein Taschentuch und einen kleinen metallenen Gegenstand, den erst Lamberti als Film einer Minox-Kamera identifiziert. Auf dem Film sind Nacktfotos von Alberta und einem weiteren Mädchen. Ein Indiz für einen womöglich anderen Ablauf als einen Selbstmord?

Es ist doch immer wieder bemerkenswert, wie groß die weißen Flecken in meiner Krimibibliothek sind. Gerade was die Klassiker betrifft, muss ich immer wieder eingestehen, dass ich vielleicht den Namen des Buches oder des Autors oder der Autorin kenne, aber es noch nicht gelesen habe. Von Giorgio Scerbanenco hatte ich sogar noch gar nichts gehört. Eigentlich ein Frevel, ist doch nach ihm der „Premio Giorgio Scerbanenco“, der wichtigste italienische Krimipreis benannt.

Der Autor kam 1911 als Sohn einer Italienerin und eines Ukrainers in Kiew zu Welt. Nachdem sein Vater während der Russischen Revolution ums Leben kommt, zieht er mit seiner Mutter endgültig nach Italien. Nach vielen Gelegenheitsjobs erhält er schließlich einen Job in einem Mailänder Verlagshaus. Auch erste Erzählungen von ihm werden abgedruckt. Nach dem 2.Weltkrieg beginnt seine produktivste Zeit, er schrieb zahlreiche Romane in verschiedenen Genres, hunderte Erzählungen und war Redakteur bei Frauenzeitschriften. Dennoch gilt er als „Vater des italienischen Krimis“. Den Grund erläutert Richter und Autor Giancarlo de Cataldo (unter anderem „Romanzo Criminale“, Suburra“) im interessanten Nachwort. Mitte der 1960er Jahre war der italienische Kriminalroman auf dem absoluten Tiefpunkt, galt als minderwertig. Es wurden nahezu ausschließlich ausländische Krimis verlegt, sogar in Krimis wie der Reihe um das „87. Polizeirevier“ von Ed McBain wurden italoamerikanische Namen verändert. Dann wurde 1966 mit Das Mädchen aus Mailand der erste Roman um Duca Lamberti veröffntlicht und ein großer Erfolg in allen Leserschichten. Dies gilt als Wendepunkt für den italienischen Krimi. Vier Romane um Duca Lamberti veröffentlichte Scerbanenco bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1969.

Im Gefängnis hatte er gelernt, keine Worte zu verschwenden. Im Prozess, als die Nichte von Signora Maldrigati weinte und jammerte, dass ihre Tante umgebracht worden sei, aber mit keinem Wort die Millionen erwähnte, die sie von ebendieser Tante geerbt hatte, wollte er reden, doch sein Verteidiger hatte ihm fast mit Tränen in den Augen zugeflüstert, er solle bloß nichts sagen, nicht ein einziges Wort, denn sonst hätte er die Wahrheit gesagt, und die Wahrheit ist der Tod; alles darf man sagen, bloß nicht die Wahrheit. Nicht vor Gericht. Nicht in einem Prozess. Und auch nicht im Leben. (Seite 9)

Auf diese Weise führt der Autor den ehemaligen Arzt Duca Lamberti als seinen Protagonisten ein. Lamberti ist ein desillusionierter Mann, der wegen Mordes im Gefängnis saß und seine Approbation verlor, dabei handelte es sich mehr oder weniger um Sterbehilfe. Nun ist seine Karriere ruiniert, aber er hat Verpflichtungen, denn es gilt, seine Schwester und seine kleine Nichte finanziell über Wasser zu halten. Sein Vater war einfacher Polizist, dadurch hat er Kontakte zur Polizei und ein freundschaftliches Verhältnis zu Inspektor Carrua, der ihm Aufträge vermittelt.

Lamberti ist ein einsamer, ruppiger Kerl, der angesichts von Ungerechtigkeit und Verbrechen Sarkasmus, Zorn und einen Drang entwickelt, die Verhältnisse zu bekämpfen. Er wird zu einem Mann, der das Recht zur Not selbst in die Hand nimmt. Lamberti ist also bei weitem kein weißer Ritter, sondern ein Mann im Graubereich, an dem man sich durchaus reiben kann und soll. Im Laufe des Romans lernt er Livia Ussaro kennen, auch sie eine engagierte Frau, die seine Überzeugungen teilt und sich sogar dafür (und für ihn) in Gefahr begibt und dafür einen hohen Preis bezahlt.

Das Mädchen aus Mailand ist ein Kriminalroman, bei dem man sein Erscheinungsdatum nur teilweise bemerkt. Denn die Themen des Romans (Ausbeutung, Frauenhandel) sind immer noch ziemlich aktuell. Auch das Bild von Mailand als kapitalistische Metropole mit all seinen Kehrseiten dürfte sich nicht wesentlich verändert haben. Der große Reiz des Romans liegt wie oben beschrieben an seiner widersprüchlichen Hauptfigur, die aneckt. Interessant ist die Erzählweise Scerbanencos, der einen auktorialen Erzähler mit einem personalen Erzähler mischt. Der Plot hätte zu Beginn für meinen Geschmack etwas mehr Tempo vertragen, aber insgesamt ist dieses Buch ein wirklich lesenswerter Kriminalroman.

 

Rezension und Foto Gunnar Wolters.

Das Mädchen aus Mailand | Erstveröffentlichung 1966
Die aktuelle Ausgabe erschien am 10. Juli 2018 im Folio Verlag
ISBN 987-3-85256-754-9
256 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Sándor Ferenczy | Die Marsrakete & Der Mann mit der dunklen Brille

Sándor Ferenczy | Die Marsrakete & Der Mann mit der dunklen Brille

Im April diesen Jahres hat Der Audio Verlag historische Hörspielaufnahmen des „ersten großen Schallplattenproduzenten Deutschlands“ Sándor Ferenczy aus den 1950er und 1960er Jahren nach leichter Audiobearbeitung neu aufgelegt. Zwei von inzwischen vier veröffentlichen Medien habe ich mir angehört, und zwar zum einen Der Mann mit der dunklen Brille und weitere Abenteuer von Tobby und Robby sowie Die Marsrakete und weitere Abenteuer.

Sowohl Tobby und Robby als auch die anderen Hörspielprotagonisten sind junge vorwitzige und clevere Schüler, die in den deutschen Nachkriegsjahren viele kleine und größere Kinder vor den Rundfunkgeräten fesselten, denn sie boten eine neue Form der Unterhaltung für Kinder, gepaart mit vermeintlich riskanten Missionen, verwegenen Abenteuern und echten Ermittlern, die sich gerne von Kinderdetektiven unterstützen ließen.

Der Charme der Produktionen liegt für mich eindeutig in dem Alter der Aufnahmen und den daraus resultierenden Ermittlungsmethoden, Ansichten und Vorstellungen der Kinder. Man kann sich durch die Sprecher unheimlich gut in die Zeit der Kindheit unserer Eltern (in meinem Fall) versetzen. Vor mir sehe ich dabei zum Beispiel die Straßen von Berlin, in denen Emil in Emil und die Detektive seine Ermittlungen durchführte. Dabei kommen noch so wunderbar nostalgische Wörter wie Peterwagen (für Polizeieinsatzfahrzeug), Froschmänner (Polizeitaucher) und andere vor.

Auf der CD Die Marsrakete und weitere Abenteuer finden sich vier Hörspiele: Die Marsrakete, Peterwagen 7, Stopp für Nord-Express und Froschmänner im Einsatz. Die Hörspielsammlung Der Mann mit der dunklen Brille und weitere Abenteuer von Tobby und Robby beinhaltet ebenfalls vier spannende Folgen: Der Mann mit der dunklen Brille, Schmuggel über den Wolken, Die schwarze Aktentasche sowie Unfallwagen 4. Auf den Seiten des Audioverlags gibt es zu jeder Folge eine kurze Inhaltsangabe. Da die Folgen kurz sind, verzichte ich auf eine Zusammenfassung des Inhaltes und beschränke mich auf die dringende Empfehlung für all diejenigen, die sich gerne in ihre Kindheit zurückversetzen lassen möchten. Aber auch Hörer, die diese Jahre nicht als Kind erlebt haben, werden Gefallen an den liebevollen Produktionen finden. Es sind sowohl Perlen als auch Zeitzeugen einer ganzen Nachkriegsgeneration, welche unter Berücksichtigung der Originalität restauriert neu aufgelegt wurden.

Andrea hatte für krimirezensionen.de jüngst das fünfzigminütige Hörspiel Die Gentlemen bitten zur Kasse von Sándor Ferenczy besprochen. Es stammt aus der selben Zeit und ist ein weiteres Beispiel für die großartige Welt der Radiohörspiele.

Sándor Ferenczy (1906- 1993) war Hörspielregisseur und -Autor und gilt heute als „erster großer Schallplattenproduzent Deutschlands“. Ferenczy schrieb und bearbeitete in erster Linie Hörspiele für Kinder und Jugendliche; neben zahlreichen Märchenhörspielen der 1950er Jahre auch eine Reihe von modernen oder eigenen Stoffen, zum Beispiel Die Gentlemen bitten zur Kasse (1966/1968) und Der Wal im Wasserturm (1974) oder Peter und das Zauberklavier (1959). 2006 wurde begonnen, die alten Aufnahmen Ferencys zu restaurieren und neu auf CD zu veröffentlichen.

 

Der Mann mir der dunklen Brille | Die Marsrakete
Beide Hörspielsammlungen erschienen am 9. Februar 2018 bei DAV Der Audio Verlag
ISBN 978-3742403896 | 978-3742403902
je 1 Audio-CD
Laufzeit in Minuten: 51 | 47
ab 8 Jahren
Hörproben: Der Mann mit der dunklen Brille | Die Marsrakete

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Kinder- und Jugendkrimis.

 

Weiterlesen: Andys Rezension zu Sándor Ferenczys Hörspielproduktion Die Gentlemen bitten zur Kasse

Åke Holmberg | Privatdetektiv Tiegelmann

Åke Holmberg | Privatdetektiv Tiegelmann

Privatdetektiv Teffan Tiegelmann hat sein Büro an der Hauptstraße der großen Stadt mitten im Geschäftsviertel, was natürlich günstig ist für sein Gewerbe. Aber die Geschäfte laufen schlecht, nie erhält er einen Auftrag, und wenn es an der Tür klingelt, ist es zumeist ein Hausierer, der Schuhriemen verkaufen will. Dabei ist Tiegelmann, ein unscheinbarer Mann, klein und mager, aber mit scharfem Profil, das wegen der großen, schmalen Nase einem Habicht gleicht, der geschickteste Detektiv im ganzen Land. Scharfsinnig und kühn wie kein zweiter, der mit Vorliebe die gefährlichsten Aufträge übernähme, wenn er denn beauftragt würde. Aber niemand weiß, wie geschickt Teffan Tiegelmann handeln kann, das weiß nur er selbst.

Obwohl er nie etwas zu tun hat, scheint er immer sehr beschäftigt, wenn zufällig ein Besucher in seinem Büro auftaucht, so als sei er förmlich mit gefährlichen Aufträgen überhäuft. Das liegt daran, dass im Nebenzimmer seine Sekretärin sitzt, die unablässig das Telefon in Gang hält. Fräulein Hanselmeier (Fröken Jansson) ist eine ältere, grauhaarige, sehr verlässliche Dame, die ständig Topflappen häkelt. Sobald jemand bei Tiegelmann eintritt, läutet das Telefon in einem fort, und der Besucher hört etwa: „Hallo. Ja, ist gut! Aber merkt euch: Die Pitolen nur im Notfall anwenden!“

Unser Meisterdetektiv heißt eigentlich Stephan Siegelmann, aber das kann er nicht aussprechen, er stößt nämlich mit der Zunge an, der S-Laut glückt ihm nicht. Deshalb hat er seinen Namen geändert und dies amtlich bestätigen lassen. Er kann übrigens auch nicht „Sahnetörtchen“ sagen, dabei sind die „Tahnetörtchen“ aus der „Konditorei Roda“ sein Lieblingsnaschwerk: groß, gerade richtig braun und mit viel Sahne, die nach allen Seiten überquillt. Leider ist die Konditorei Rosa die einzige im Land, die diese Törtchen das ganze Jahr anbietet, sonst bekommt man sie nur zur Fastenzeit. Deshalb führt Tiegelmann, wenn er die Hauptstadt verlässt, immer genügend davon in einer großen Kuchenschachtel mit sich.

Und schon bald soll er wirklich aufbrechen, nach Preißelbeerkirchen. Denn hier treiben zwei Erzgauner ihr Unwesen, der berüchtigte Wilhelm Wiesel (Ville Vessla)und sein Kompagnon, ein Grobian und Vielfraß genannt der Ochse (Oxen). Eben haben sie den Fräuleins Friederike und Friedlinde Friedborn (Fredericksson), die hier in der Villa Friedrichsruh wohnen, einen Erpresserbrief geschrieben. 3000 Mark sollen sie in einer hohlen Eiche deponieren, sonst könnte etwas geschehen, es sei vorgekommen, dass eine ganze Villa in die Luft flog. Da trifft es sich gut, dass in seinem Büro ein Herr Omar auftaucht, ein Orientale, der ihm einen fliegenden Teppich verkauft. Nun kann er sich sofort aufmachen, um die beiden Verbrecher unschädlich zu machen und die Fräuleins sowie ihre zwei Nichten und zwei Neffen, die jeden Sommer ihre Ferien bei den Tanten verbringen, zu schützen.

Tiegelmann sieht schon die Schlagzeilen vor sich: „Wiesel in dem Städtchen Preißelbeerkirchen festgenommen!
Phantastische Verbrecherjagd T. Tiegelmanns.“

Und zum guten Schluss kommt es natürlich genau so. Mit Hilfe der vier Kinder und „Onkel“ Tiegelmanns unfehlbarem Plan gelingt es schließlich, die Ganoven zu fangen. Das geschieht auf kindgerechte Weise, aber auf erstaunlich hohem Niveau, die sprachliche und stilistische Qualität und Originalität der Geschichten konnte sicher auch Erwachsenen Freude bereiten. Heute mutet manches etwas verstaubt und unzeitgemäß an, Tiegelmann ist sicher kein Superheld und von heutigen Fantasy- oder Actionstories sind seine Abenteuer natürlich Welten entfernt. Bei Holmberg geht es stattdessen ab und an märchenhaft zu, man denke nur an den fliegenden Teppich, und die Personen treten so auf, wie man es für die fünfziger Jahre in einem Kinderbuch erwarten darf. Der Detektiv mit falschen Bärten und allerlei Verkleidungen, die Kinder gewitzt und vorwitzig, die Fräuleins altjüngferlich und die Ganoven – na ja, Mord und Totschlag wird man vergeblich suchen, wenn Ochse dem Mädchen ein Bein stellt und die Nichte sich das Knie aufschlägt, ist das schon schlimm genug.

Holmberg fabuliert immer mit einem Augenzwinkern, humorvoll, mit vielen witzigen Einfällen und Formulierungen. Der stets schlecht gelaunte Wiesel knurrt an einer Stelle: „Ich esse nie auf nüchternen Magen!“ Das könnte in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen werden, wie auch der Begriff „Temlor“ inzwischen durchhaus geläufig ist, und des berühmte „Använd Pitolerna bara i nödfall!“ wird immer noch häufig noch als Scherz gebraucht. Als Holmberg die Bücher schrieb, legte man offensichtlich noch viel Wert auf eine gewählte und kultivierte Ausdrucksweise, dabei gelingt es Holmberg perfekt, seinen unterschiedlichen Figuren entsprechend Alter und Herkunft ihre Sprache in den Mund zu legen, mitunter mit Äußerungen, die heute nicht mehr gebräuchlich, jüngeren wahrscheinlich gar nicht mehr geläufig sind.

Man darf die Geschichten also nicht allzu ernst nehmen, aber sie sind eine amüsante, höchst unterhaltsame Lektüre, die mir auch nach mehr als fünfzig Jahren noch Spaß gemacht hat. Meine drei Abenteuer aus der Sonderausgabe des Tosa-Verlages, im Original 1948, 1949, 1950 erschienen, entsprechen den drei ersten Büchern Holmbergs: „Privatdetektiv Tiegelmann“, „Teffan Tiegelmann in der Wüste“ und „Teffan Tiegelmann in London“. Das Buch stammt wohl aus dem Jahr 1960, ist von Ida Clemenz übersetzt und von Ulrik Schramm durchgehend illustriert, angelehnt an die Originalzeichnungen von Sven Hemmel. Bis in die achtziger Jahre gab es noch Neuauflagen verschiedener Verlage, in späten Veröffentlichungen bei Arena hieß der Detektiv auch in der Übersetzung Ture Sventon. Heute gibt es leider nur noch antiquarische Exemplare, ich habe mir gleich den zweiten Sonderband von Tosa gesichert, „Die neuen Abenteuer des Teffan Tiegelmann“.

In seiner Heimat ist Ture Sventon heute noch populär und die neun Detektivromane von Åke Holmberg erleben ständig neue Auflagen. Mit einer Ausnahme: Das Buch „Ture Sventon i London“ erscheint vorläufig nicht mehr. Auch in Schweden gab es eine Diskussion um Ausdrücke in den alten Geschichten, die heute verpönt sind, in diesem Fall das Wort „Neger“. Es sollte ersetzt werden durch eine politisch korrekte Formulierung, wie es ja auch schon Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ erleben musste. In diesem Fall allerdings weigerten sich die Rechteinhaber, Holmbergs Werk zu verändern. Ansonsten geht Tiegelmann mit der Zeit: Seit 2012 gibt es seine Abenteuer auch als E-book.

1989 war Ture Sventon der Held einer TV-Serie für den berühmten „Julskalendrarna“, den Adventskalender des schwedischen Senders SVT, eine Tradition seit 1960, bei der in der Vorweihnachtszeit jeden Tag bis zum 24. Dezember ein Türchen geöffnet wird. In jenem Jahr befanden sich dahinter jeweils Illustrationen von Sven Hemmel aus den Ture-Sventon-Büchern, die einzelnen zwanzig Minuten langen Filmchen zeigten Abenteuer aus den Büchern „Ture Sventon, Privatdetektiv“, „Ture Sventon in der Wüste“, Ture Sventon in London“ und „Ture Sventon in Stockholm“.

Zuvor gab es bereits 1972 eine erste Verfilmung von „Ture Sventon, Privatdetektiv“ von Pelle Berglund mit Karl Julle in der Hauptrolle. In der Fernsehserie wie auch im Film „Ture Sventon und der Fall Isabella“ von 1991 spielte Helge Skoog den Privatdetektiv.

Der Zeichner und Illustrator Sven Hemmel schuf auch Cartoons von Ture Sventons Abenteuern, die zwischen 1968 und 1975 in der „Berner Post“ erschienen. Die ersten drei Abenteuer wurden auch in „Husmodern“ veröffentlicht, einer lange Zeit sehr beliebten Frauenzeitschrift.

Das erste Buch erschien 1974 auch als Langspielplatte und auf Kassette, Jan Nygren verlieh hier dem Detektiv seine Stimme. Und 2005 wurde eine Hörspielversion von „Ture Sventon in der Wüste“ ausgestrahlt, mit Johan Rabaeus und Rikard Wolff als Sventon und Herr Omar. „Ture Sventon in Stockholm“ wurde 2009 sogar für die Bühne bearbeitet.

Von 1999 bis 2008 wurde Vom Svenska Barnboks Institut für Kinder und Jugendliteratur auf der Buch- und Bibliotheksmesse Göteborg der „Temmelburken“ (offiziell Ture Sventon priset) verliehen, ein Kulturpreis für Kinder- und Jugendbuch-Autoren, der nach der Keksdose benannt war, in welcher der Detektiv seine Temlor (oder Tahnetörtchen) transportierte. Unter anderem bekam Cornelia Funke den Preis im Jahre 2002, und Åke Holmberg selbst (der 1991 verstarb) wurde er 2007 posthum verliehen.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

 

Privatdetektiv Tiegelmann | Erstveröffentlichung 1948
Die gelesene Ausgabe erschien 1963 im Tosa Verlag
173 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17specials Kinder- und Jugendkrimis.

Henry Kolarz | Die Gentlemen bitten zur Kasse ♬

Henry Kolarz | Die Gentlemen bitten zur Kasse ♬

Dickes Ding – kein Job für Kaninchen

Am 8. August 1963 ging in Großbritannien der wohl spektakulärste Postzugraub aller Zeiten über die Bühne. Nach generalstabsmäßiger Planung und Durchführung brachte es den Tätern die Rekordsumme von über zwei Millionen Pfund ein. Und es war ausgerechnet der schmächtige, armselige Twinky, der in einem Pub in Whitechapel dem stets sorgfältig gekleideten Archibald Arrow die folgende Idee unterbreitete:

Täglich werden mit dem Postzug ihrer königlichen Majestät von England größere Mengen abgenutzter, nicht notierter Scheine im Werte von ca. zwei Millionen Pfund von Glasgow nach London gebracht, um dort vernichtet zu werden. Während der neunstündigen Fahrt sind keine Reisende an Bord, nur Pakete und Briefe sowie siebzig bis achtzig Mann unbewaffnetes Personal. Für seinen Tipp beansprucht Twinky einen Anteil von 10 %.

Der sieben Mal vorbestrafte Arrow, Inhaber eines Friseursalon ist erst skeptisch, dann zieht er den Ganoven Michael Donegan ins Vertrauen. Dieser wird von allen nur „der Major“ genannt. Sein Antiquitätengeschäft, dass er zusammen mit seinem Schwager Geoffrey Black führt, hat einen guten Ruf und die wenigsten Kunden wissen, dass er bereits drei Mal im Gefängnis saß. Er ist ein großer Stratege, der sich nicht mit kleineren Diebstählen abgibt. Denn eins ist klar: Der Postzugraub „…ist ein dickes Ding und kein Job für Kaninchen!“

Archy und der Major stellen eine Bande zusammen und die illustre Runde trifft sich im East End Club. Dabei sind unter anderen Harry McIntosh, der sich mit der Herstellung von falschen Portraits für Touristen über Wasser hält. Weiter Ronald Cameron, ein ehemaliger Funker und Bankräuber, dann Andrew Elton, nach jahrelangem Gefängnisaufenthalt als Buchmacher auf der Hunderennbahn tätig. Patrick Kinsey ist Perückenmacher und der immer gut gekleidete Thomas Webster, Teilhaber eines Wettbüros. Zum Schluss noch George Slowfoot, ein Rennfahrer mit den Allüren eines Playboys und vielen Vorstrafen.

Die Truppe braucht noch einen Spezialisten, der sich mit Eisenbahnsignalen auskennt. Donegan erfährt durch Mona, einer alten Freundin, der er viel zu verdanken hat, von dem Elektriker Walter Lloyd. Da dieser zu den Fulham Boys gehört und das keine gute Gegend ist, lässt der Major ihn durch einen Privatdetektiv checken. Dabei stellt sich raus, dass Lloyd ein ordentlicher Mann mit nur drei Vorstrafen wegen Einbruchs ist. Der einzige Haken dabei ist, dass er neben einem vollen Anteil noch zwei seiner Leute, nämlich seinen Schwager Alfred Frost und Arthur Finegan, mit ins Geschäft nimmt.

Betriebskapital muss her

Um Streitigkeiten zu vermeiden, wird vereinbart, dass für den Job und alle Vorbereitungen „der Major“ das Sagen hat, für alles Weitere ist dann Archy der Boss. Die Gentlemen benötigen ca. 50.000 Pfund für die Vorbereitungen und so wird ein älterer Plan in die Tat umgesetzt. Der Gehaltstransport der Airport- Angestellten soll auf dem kurzen Weg von der Bankfiliale zu dem Bürogebäude am Londoner Flughafen überfallen werden. So macht sich eines Morgens um 9 Uhr eine kleine Mannschaft mit acht Mann, Slowfoot am Steuer, mit falschen Schnurrbärten, Bartkoteletten und Perücken auf den Weg. Alles läuft wie am Schnürchen. Kurz vor dem Überfall ziehen sich alle Strumpfmasken über den Kopf. Die uniformierten Wachleute werden überrumpelt, die Geldkassette an sich genommen und Augenzeugen mit Regenschirmen bedroht. Unglücklicherweise gibt der gekränkte Twinky, nachdem er einen Vorschuss nicht bekommt, anonym einen Tipp an die Polizei. Danach haben die Gentlemen vor Scotland Yard keine Ruhe mehr, es kann Ihnen aber nichts bewiesen werden.

Der große Plan

Die Gentlemen beginnen mit der Ausarbeitung der Details anhand einer genauen Abbildung einer Modelleisenbahn in Kinseys Keller. Der Plan sieht vor, die Lok mit dem Geldwaggon vom Rest des Zuges abzuhängen. An einer Brücke soll der Geldwaggon aufgebrochen und blitzschnell entladen werden. Lloyd findet einen alten Rangierlokführer, dem er weismacht, es ging um eine Wette und dieser zeigt ihm die nötigen Handgriffe, um die Waggons auseinanderzukoppeln.

Bis zum Überfall müssen sich alle unauffällig verhalten und für den Tag einwandfreie Alibis besorgen. Arrow kauft ein einsames Landhaus in der Nähe von Oakley, wo die vierzehn Männer sich ungestört bei blickdichten Vorhängen aufhalten können. Tag und Nacht werden Handschuhe getragen und der Major verbietet allen den Gebrauch von Schusswaffen. Cameron beschafft, das heißt, er stiehlt, zwei Range Rover und einen 3-Tonner.

Die Weichen sind gestellt

Niemand ahnt, dass an diesem Tag ein ungewöhnlich hoher Betrag auf die Reise geschickt wird. Mit Walkie-Talkies, in Drillich-Anzügen und Wollmützen über dem Kopf machen sich die Männer auf den Weg. Lloyds Aufgabe ist es, die Telefondrähte zu den Farmhäusern abzukneifen und das Signal umzustellen.

Als der Postzug kurz an der Signalbrücke stoppt, springen sie mit Eisenstangen hervor und überwältigen das Personal. Der sich heftig wehrende Lokführer muss niedergeschlagen werden und wird dann gezwungen, die Lok bis zur Brücke zu fahren. Mit Brechstangen wird die verschlossene und versiegelte Waggontür geöffnet. Die Postsäcke werden auf den 3-Tonner geladen und dann fahren die drei Wagen ohne Licht davon.

Fazit:

Hier endet das 50-minütige Hörspiel und man erfährt nichts über die weiteren Vorkommnisse. Sind die Gentlemen davongekommen? Das Hörbuch nach einer Bearbeitung von Hörspielregisseur Sándor Ferenczy ist sehr komprimiert und hätte für mich noch länger gehen können. Trotzdem wird sehr flott und nachvollziehbar über den tatsächlich größten Zugraub der britischen Kriminalgeschichte berichtet. Ich habe den Inhalt des kurzweiligen Hörbuchs sehr ausführlich wiedergegeben, damit man einen kleinen Eindruck von der Sprache bekommt.

Das Hörspiel, nach einem Bericht des Sternreporters Henry Kolarz im Jahr 1968 konzipiert, hat nichts von seinem Charme verloren und kommt ohne große Brutalitäten aus. Das ist sicherlich dem Stil der kultivierten Gentlemen-Gangster geschuldet. Der Hörer lauscht abwechselnd einem Erzähler, der durch die Geschichte führt und dem Blickwinkel des Hauptakteurs Donegan, der rückblickend seine Geschichte schildert. Neben der Untermalung mit Geräuschen und dem für die damalige Zeit typisch reduzierten Soundtrack punktet der Krimi mit viel Humor in den Dialogen, die das Hörspiel sehr lebendig machen und dem Hörer das Gefühl geben, mit dabei zu sein.

Unter anderen spricht Horst Tappert den kühlen Strategen „Major“. Bevor Tappert international als Oberinspektor Stephan Derrick bekannt wurde, hatte er seinen Durchbruch bereits 1966 im Fernsehen mit Die Gentlemen bitten zur Kasse (Trailer). Der legendäre Krimi-Dreiteiler ist genau wie das Hörspiel an die wahren Begebenheiten des Postzugraubs angelehnt.

Randnotizen

Der „Major“, in der Realität Bruce Reynolds, hielt sich nach mehreren Gefängnisaufenthalten als Buchautor und mit Interviews über Wasser und überreichte 1998 den Fernsehpreis „Telestar“ an seinen deutschen Darsteller Horst Tappert. Er verstarb 2013, genau wie der für mich bekannteste Postzugräuber Ronald Biggs, der im Hörbspiel durch Arthur Finegan, einen der Fulham Boys dargestellt wird.

Funfact: Der Tag des legendären Postraubzugs, der 8. August 1963, war Ronald Biggs 34. Geburtstag!

AdR: Die Bande erbeutete £ 2.631.684. Das sind nach heutigem Wert etwa 49 Millionen Pfund Sterling bzw. 56 Millionen Euro!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Gentlemen bitten zur Kasse | Produktionsjahr: 1968
Die aktuelle Hörbuchausgabe erschien am 9. Februar 2018 bei DAV Der Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-0451-0
1 Audio-CD | 8.95 Euro
Laufzeit: 50 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

28. April 2018