Kategorie: historischer Krimi

Viktor Glass | Schüssler und die verschwundenen Mädchen

Viktor Glass | Schüssler und die verschwundenen Mädchen

Ein zeitgeschichtlicher Kriminalroman

In seinem ersten Kriminalroman präsentiert uns Viktor Glass ein außergewöhnliches Ermittlerteam: Der Privat- oder „Geheim“-Polizist Ludwig Schüssler und das Dienstmädchen Caroline Geiger geraten aneinander und versuchen in der Folge gemeinsam, das Rätsel um mehrere verschwundene Frauen zu lösen.

Im Jahr 1890 hat die Industrialisierung einen Höhepunkt erreicht, in Augsburg, einem Zentrum der Textilindustrie, rüsten immer mehr Fabriken auf Kardier- und Spinnmaschinen um, setzen automatische Webstühle, Bleich- und Färbemaschinen ein um teure Handarbeit zu ersetzen. Ganze Berufszweige sterben aus, und bei den begüterten Schichten halten ebenfalls die ersten modernen Geräte und Maschinen Einzug: Staubsauger, automatische Waschkessel und anderes machen Haushaltshilfen überflüssig. Für die entlassenen Dienstmädchen bedeutet das Not, Armut und Verzweiflung und viele treibt es in den Selbstmord.

Eines dieser bedauernswerten Geschöpfe lernen wir im Prolog des Buches kennen, als das Mädchen sich in die Hochwasser führende Wertach stürzen will. Aber ein Kunstmaler entdeckt die junge Frau, er überredet sie, sich gegen Bezahlung von ihm porträtieren zu lassen und rettet so ihr Leben. Wirklich?

Schon das erste der 26 Kapitel von angenehmer Länge bereitet den Leser vor auf die Atmosphäre des Romans, der das Leben in der Stadt an Lech und Wertach, an der Grenze von Altbayern und Schwaben in einer Zeit des Wandels nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges schildert.

Wir lernen Ludwig Schüssler kennen, der seinem täglichen Ritual frönt, dem abendlichen Besuch im „Lahmen Hasen“, wo er sein Bier trinkt, die Tageszeitung studiert und sich eine Virginia gönnt. An diesem Abend wird Schüssler von einem Cheveauxleger angesprochen (ja, im Laufe der Geschichte lernen wir noch einige Begriffe kennen, die längst nicht mehr in Gebrauch sind), einem Angehörigen des königlichen Kavallerieregiments, Augustin Hipp. Er vermisst seine Verlobte Luise Habenicht, ein Hausmädchen, das verschwunden ist und sich seit Tagen nicht gemeldet hat.

Widerstrebend willigt Schüssler ein, sich einmal umzuhören, soweit seine alltäglichen Aufträge ihm die Zeit lassen. Diese Aufträge bekommt er von den Prinzipalen der Kaufläden und Warenhäuser in denen Diebstähle begangen werden, dort arbeitet er als Ladendetektiv. Sein aktueller Fall führt ihn ins Textilhaus Ganghofer, wo er eine verdächtige Frau in der üblichen Dienstbotenkleidung beobachtet. Die bemerkt ihn allerdings und weist den überrumpelten Schüssler in einem Ton zurecht, der ihr als Dienstmädchen nicht zusteht. Wir befinden uns schließlich in einer Zeit, in der Standesdünkel üblich ist und Frauenfeindlichkeit alltäglich, wie einige erschreckende Beispiele noch zeigen werden. Schüssler imponiert die resolute und unerschrocken Frau, mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, die wahren Diebe zu überführen. Die beiden verabreden, künftig bei passender Gelegenheit erneut zusammenzuarbeiten.

Caroline Geiger, so heißt die Frau, ist relativ unabhängig, verantwortlich nur für fünf alte Damen, die sich ihrer Obhut anvertraut haben. Ehemalige Lehrerinnen allesamt, die für ihren Orden als Teil des Schuldienstes bis nach China und Afrika missioniert haben. Ihren Lebensabend verbringen sie nun in einem eigens für sie geschaffenen Stift, eine große ehemalige Bürgerwohnung. Caroline führt ihnen als Angestellte des Ordens den Haushalt und bewohnt auch eines der sieben Zimmer. Wenn es die Umstände erlauben, arbeitet sie auch außer Haus und auf eigene Rechnung, zum Beispiel wenn große Wäsche ansteht oder ein Hausmädchen erkrankt ist. Sie ist selbstbewusst und selbstbestimmt, ihr Erspartes gibt ihr Sicherheit, sie hätte im Fall des Falles keinen Mann nötig wie so viele Frauen, die ihre Arbeit in den bürgerlichen Haushalten verloren haben oder in den Fabriken, die jetzt massenhaft entlassen. Die Augsburg-Münchener Abendzeitung ist voll mit Inseraten von Frauen, die eine Anstellung suchen oder einen Mann, gerne auch einen älteren. Eltern versuchen, ihre Töchter zu verheiraten oder doch wenigstens zu verloben, sobald sie zwölf , dreizehn Jahre geworden sind.

Caroline liebt ihre Unabhängigkeit, ebenso wie Schüssler, der zwar eine dreijährige Ausbildung in der Polizei- und Gendarmerieschule Fürstenfeldbruck absolviert hat, sich dann aber selbstständig machte, mit einigem Erfolg. Die Polizei verfolgt seine Aktivitäten mit Argwohn, aber in der Bevölkerung hat er sich bereits einen guten Ruf erarbeitet, vor allem, seit er ein kleines Mädchen aufspürte, das ihrem Hausmädchen Anna Valentin auf einem Markt ausriss und als vermisst galt. Schüssler fand die Kleine, die sich in einem Keller versteckt hatte. Anna aber wurde entlassen und ist seither verschwunden, das Schicksal der Luise Habenicht offenbar kein Einzelfall. Schüssler will gemeinsam mit Caroline herausfinden, was den Mädchen widerfahren ist, die zufällig aus dem gleichen kleinen Dorf stammen: sind sie auf der Suche nach Arbeit abgewandert, vielleicht zurückgekehrt in ihr Elternhaus, oder sind sie wie so viele ins Wasser gegangen?

Schüssler wird Zeuge, wie sich eine verzweifelte Hausangestellte vor ein Pferdefuhrwerk stürzt, ein Passant hatte vergeblich versucht, das Mädchen zurückzuhalten. Es ist der Stadtbekannte Maler Eginald „Egi“ Berwanger, der hier gerade eine Ausstellung hat: Dort zeigt er „antike Göttinnen“, die, wie Caroline bei näherer Betrachtung feststellt, allesamt junge Mädchen aus Augsburg zum Vorbild haben, vom Künstler unschicklicherweise nackt abgebildet. Diese Modelle können sich fortan in der Stadt nicht mehr sehen lassen, was hat sie dazu bewogen, sich Berwanger so zu präsentieren? Der Maler räumt ein, die jungen Frauen gezielt auf der Straße anzusprechen und mit der Aussicht auf ein großzügiges Honorar in sein Atelier zu locken. Caroline glaubt, dass er sie dort auf irgend eine Art gefügig macht und wahrscheinlich nicht nur porträtiert. Und sie erfährt, nachdem sie sich angeblich als Modell zur Verfügung stellen will, dass Berwanger die Mädchen fotografiert, um dann nach dieser Vorlage seine Kunstwerke zu erschaffen. Was geschieht danach mit ihnen, und was macht der Künstler mit den Fotografien?

In den Brauhäusern der Stadt treibt sich ein Kartenverkäufer um, Hugo Halblaib, ein kleiner Betrüger und gerissener Geschäftemacher, der Touristen Ansichtskarten mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt aufschwatzt, aber nicht nur: Unter der Hand offeriert er seine „speziellen“ Karten, Aktbilder, die vor allem bei Herren aus England reißend Absatz finden. Ja, zu jener Zeit tauchen die ersten Reisegruppen von der Insel auf, organisiertes Sightseeing durch den umtriebigen Pfarrer Thomas Cook. Diese merkwürdigen Touristen beschreibt Glass auf höchst amüsante Art, wie überhaupt seine Art, für unsere heutigen Begriffe eher ungewöhnliche Figuren zu zeichnen, manchmal ausführlich, mitunter eher knapp, aber immer sehr prägnant und präzise, wie etwa den „Mist-Opa“, der auf seinem Bollerwagen Pferdeäpfel von der Straße sammelt und als Dünger verkauft, oder den „Hackepeter“, einen üblen Kerl, der ab und zu in Augsburg auftaucht.

Solche Milieustudien sind ein Vergnügen und ein Gewinn für den Roman. Der ist trotz mancher dem Thema geschuldeten antiquierten Vokabel oder Redewendung modern geschrieben ist, mit Tempo und Witz, und er hat eine absolut spannende Krimihandlung. Erfreulicherweise stellt Glass diesen Plot in den Mittelpunkt seiner Erzählung und überfrachtet sie nicht mit zu vielen historischen Fakten, dennoch gelingt es ihm jederzeit, die besondere Atmosphäre der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende aufleben und erleben zu lassen. Exemplarisch seien hier die packende Schilderung des Arbeitsalltags in einer Dampfwäscherei genannt oder die aufschlussreichen Bemerkungen zu damals herrschenden Zuständen in den Irrenhäusern.

Die beiden Hauptdarsteller sind ein wenig aus dieser Zeit gefallen, man könnte sie sich gut in unserem Umfeld vorstellen, wie sie Jagd auf die Hintermänner illegaler Bordelle macht, in denen junge Frauen aus Osteuropa, mit falschen Versprechungen angelockt und in die Zwangsprostitution getrieben, ihren Peinigern schutz- und wehrlos ausgeliefert sind. Haben die verschwundenen Mädchen in Augsburg ein ähnliches Schicksal erlitten? Ludwig und Caroline machen sich auf den Weg nach Anhausen, um die Spur der Dienstmädchen Luise und Anna zu verfolgen.

Das Kapitel legt eindrücklich Zeugnis davon ab, wie beschwerlich damals selbst eine relativ kurze Reise war und schildert in nachempfindbaren Bildern das elende Leben der verarmten Landbevölkerung. Die beiden Ermittler finden Anna, schwer an der „Englischen Krankheit“ leidend im Haus ihrer Mutter und erfahren erschütternde Einzelheiten über die erbarmungswürdige Leidensgeschichte der verschwundenen Dienstmädchen und einen skrupellosen Verbrecherring. Als sie kurz darauf das schreckliche Geheimnis endgültig lüften können, zeigt sich, dass alles noch viel schlimmer ist als sie es sich vorstellen konnten.

Dieser erste Auftritt des interessanten und sympathischen Ermittlerpaars bietet solide Krimikost, spannende, gute Unterhaltung die leicht zu lesen ist, mit einem klug konstruierten Plot um den herum ein aufschlussreiches Stück Zeitgeschichte gestrickt ist, ebenso angenehm zu lesen, dabei gleichermaßen informativ wie unterhaltsam. Davon gerne mehr!

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Schüssler und die verschwundenen Mädchen | Erschienen am im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-609-6
296 Seiten | 13.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Henry Kolarz | Die Gentlemen bitten zur Kasse ♬

Henry Kolarz | Die Gentlemen bitten zur Kasse ♬

Dickes Ding – kein Job für Kaninchen

Am 8. August 1963 ging in Großbritannien der wohl spektakulärste Postzugraub aller Zeiten über die Bühne. Nach generalstabsmäßiger Planung und Durchführung brachte es den Tätern die Rekordsumme von über zwei Millionen Pfund ein. Und es war ausgerechnet der schmächtige, armselige Twinky, der in einem Pub in Whitechapel dem stets sorgfältig gekleideten Archibald Arrow die folgende Idee unterbreitete:

Täglich werden mit dem Postzug ihrer königlichen Majestät von England größere Mengen abgenutzter, nicht notierter Scheine im Werte von ca. zwei Millionen Pfund von Glasgow nach London gebracht, um dort vernichtet zu werden. Während der neunstündigen Fahrt sind keine Reisende an Bord, nur Pakete und Briefe sowie siebzig bis achtzig Mann unbewaffnetes Personal. Für seinen Tipp beansprucht Twinky einen Anteil von 10 %.

Der sieben Mal vorbestrafte Arrow, Inhaber eines Friseursalon ist erst skeptisch, dann zieht er den Ganoven Michael Donegan ins Vertrauen. Dieser wird von allen nur „der Major“ genannt. Sein Antiquitätengeschäft, dass er zusammen mit seinem Schwager Geoffrey Black führt, hat einen guten Ruf und die wenigsten Kunden wissen, dass er bereits drei Mal im Gefängnis saß. Er ist ein großer Stratege, der sich nicht mit kleineren Diebstählen abgibt. Denn eins ist klar: Der Postzugraub „…ist ein dickes Ding und kein Job für Kaninchen!“

Archy und der Major stellen eine Bande zusammen und die illustre Runde trifft sich im East End Club. Dabei sind unter anderen Harry McIntosh, der sich mit der Herstellung von falschen Portraits für Touristen über Wasser hält. Weiter Ronald Cameron, ein ehemaliger Funker und Bankräuber, dann Andrew Elton, nach jahrelangem Gefängnisaufenthalt als Buchmacher auf der Hunderennbahn tätig. Patrick Kinsey ist Perückenmacher und der immer gut gekleidete Thomas Webster, Teilhaber eines Wettbüros. Zum Schluss noch George Slowfoot, ein Rennfahrer mit den Allüren eines Playboys und vielen Vorstrafen.

Die Truppe braucht noch einen Spezialisten, der sich mit Eisenbahnsignalen auskennt. Donegan erfährt durch Mona, einer alten Freundin, der er viel zu verdanken hat, von dem Elektriker Walter Lloyd. Da dieser zu den Fulham Boys gehört und das keine gute Gegend ist, lässt der Major ihn durch einen Privatdetektiv checken. Dabei stellt sich raus, dass Lloyd ein ordentlicher Mann mit nur drei Vorstrafen wegen Einbruchs ist. Der einzige Haken dabei ist, dass er neben einem vollen Anteil noch zwei seiner Leute, nämlich seinen Schwager Alfred Frost und Arthur Finegan, mit ins Geschäft nimmt.

Betriebskapital muss her

Um Streitigkeiten zu vermeiden, wird vereinbart, dass für den Job und alle Vorbereitungen „der Major“ das Sagen hat, für alles Weitere ist dann Archy der Boss. Die Gentlemen benötigen ca. 50.000 Pfund für die Vorbereitungen und so wird ein älterer Plan in die Tat umgesetzt. Der Gehaltstransport der Airport- Angestellten soll auf dem kurzen Weg von der Bankfiliale zu dem Bürogebäude am Londoner Flughafen überfallen werden. So macht sich eines Morgens um 9 Uhr eine kleine Mannschaft mit acht Mann, Slowfoot am Steuer, mit falschen Schnurrbärten, Bartkoteletten und Perücken auf den Weg. Alles läuft wie am Schnürchen. Kurz vor dem Überfall ziehen sich alle Strumpfmasken über den Kopf. Die uniformierten Wachleute werden überrumpelt, die Geldkassette an sich genommen und Augenzeugen mit Regenschirmen bedroht. Unglücklicherweise gibt der gekränkte Twinky, nachdem er einen Vorschuss nicht bekommt, anonym einen Tipp an die Polizei. Danach haben die Gentlemen vor Scotland Yard keine Ruhe mehr, es kann Ihnen aber nichts bewiesen werden.

Der große Plan

Die Gentlemen beginnen mit der Ausarbeitung der Details anhand einer genauen Abbildung einer Modelleisenbahn in Kinseys Keller. Der Plan sieht vor, die Lok mit dem Geldwaggon vom Rest des Zuges abzuhängen. An einer Brücke soll der Geldwaggon aufgebrochen und blitzschnell entladen werden. Lloyd findet einen alten Rangierlokführer, dem er weismacht, es ging um eine Wette und dieser zeigt ihm die nötigen Handgriffe, um die Waggons auseinanderzukoppeln.

Bis zum Überfall müssen sich alle unauffällig verhalten und für den Tag einwandfreie Alibis besorgen. Arrow kauft ein einsames Landhaus in der Nähe von Oakley, wo die vierzehn Männer sich ungestört bei blickdichten Vorhängen aufhalten können. Tag und Nacht werden Handschuhe getragen und der Major verbietet allen den Gebrauch von Schusswaffen. Cameron beschafft, das heißt, er stiehlt, zwei Range Rover und einen 3-Tonner.

Die Weichen sind gestellt

Niemand ahnt, dass an diesem Tag ein ungewöhnlich hoher Betrag auf die Reise geschickt wird. Mit Walkie-Talkies, in Drillich-Anzügen und Wollmützen über dem Kopf machen sich die Männer auf den Weg. Lloyds Aufgabe ist es, die Telefondrähte zu den Farmhäusern abzukneifen und das Signal umzustellen.

Als der Postzug kurz an der Signalbrücke stoppt, springen sie mit Eisenstangen hervor und überwältigen das Personal. Der sich heftig wehrende Lokführer muss niedergeschlagen werden und wird dann gezwungen, die Lok bis zur Brücke zu fahren. Mit Brechstangen wird die verschlossene und versiegelte Waggontür geöffnet. Die Postsäcke werden auf den 3-Tonner geladen und dann fahren die drei Wagen ohne Licht davon.

Fazit:

Hier endet das 50-minütige Hörspiel und man erfährt nichts über die weiteren Vorkommnisse. Sind die Gentlemen davongekommen? Das Hörbuch nach einer Bearbeitung von Hörspielregisseur Sándor Ferenczy ist sehr komprimiert und hätte für mich noch länger gehen können. Trotzdem wird sehr flott und nachvollziehbar über den tatsächlich größten Zugraub der britischen Kriminalgeschichte berichtet. Ich habe den Inhalt des kurzweiligen Hörbuchs sehr ausführlich wiedergegeben, damit man einen kleinen Eindruck von der Sprache bekommt.

Das Hörspiel, nach einem Bericht des Sternreporters Henry Kolarz im Jahr 1968 konzipiert, hat nichts von seinem Charme verloren und kommt ohne große Brutalitäten aus. Das ist sicherlich dem Stil der kultivierten Gentlemen-Gangster geschuldet. Der Hörer lauscht abwechselnd einem Erzähler, der durch die Geschichte führt und dem Blickwinkel des Hauptakteurs Donegan, der rückblickend seine Geschichte schildert. Neben der Untermalung mit Geräuschen und dem für die damalige Zeit typisch reduzierten Soundtrack punktet der Krimi mit viel Humor in den Dialogen, die das Hörspiel sehr lebendig machen und dem Hörer das Gefühl geben, mit dabei zu sein.

Unter anderen spricht Horst Tappert den kühlen Strategen „Major“. Bevor Tappert international als Oberinspektor Stephan Derrick bekannt wurde, hatte er seinen Durchbruch bereits 1966 im Fernsehen mit Die Gentlemen bitten zur Kasse (Trailer). Der legendäre Krimi-Dreiteiler ist genau wie das Hörspiel an die wahren Begebenheiten des Postzugraubs angelehnt.

Randnotizen

Der „Major“, in der Realität Bruce Reynolds, hielt sich nach mehreren Gefängnisaufenthalten als Buchautor und mit Interviews über Wasser und überreichte 1998 den Fernsehpreis „Telestar“ an seinen deutschen Darsteller Horst Tappert. Er verstarb 2013, genau wie der für mich bekannteste Postzugräuber Ronald Biggs, der im Hörbspiel durch Arthur Finegan, einen der Fulham Boys dargestellt wird.

Funfact: Der Tag des legendären Postraubzugs, der 8. August 1963, war Ronald Biggs 34. Geburtstag!

AdR: Die Bande erbeutete £ 2.631.684. Das sind nach heutigem Wert etwa 49 Millionen Pfund Sterling bzw. 56 Millionen Euro!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Gentlemen bitten zur Kasse | Produktionsjahr: 1968
Die aktuelle Hörbuchausgabe erschien am 9. Februar 2018 bei DAV Der Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-0451-0
1 Audio-CD | 8.95 Euro
Laufzeit: 50 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

28. April 2018

Susanne Goga | Nachts am Askanischen Platz

Susanne Goga | Nachts am Askanischen Platz

Man hatte den Toten auf den Schulhof getragen, auf eine Plane gelegt und bis zum Kinn zugedeckt. Leo war bewusst, dass der eine oder andere schockiert sein würde – die Sekretärin wurde als Erste gerufen, damit sie es rasch hinter sich bringen konnte. Ein Schupo stand bereit, um ihr im Falle einer Ohnmacht beizustehen. (Auszug Seite 46)

Der Tote auf dem Schulgelände

Das Berlin der goldenen 1920er Jahre bildet die Kulisse für Susanne Gogas Serie um den Kriminalkommissar Leo Wechsler. In dem sechsten Teil der Reihe ermittelt die Polizei im Falle eines unbekannten Toten, der auf einem Schulgelände entdeckt wird. Der schäbig gekleidete Mann, der im Geräteschuppen des Berliner Gymnasiums im Januar 1928 erwürgt aufgefunden wird, kann erst mal nicht identifiziert werden. Bei der Obduktion wird festgestellt, dass der Leichnam diverse Narben, Brüche und eine verheilte Schusswunde aufweist. Diese Merkmale sowie der unterernährte Zustand deuten auf Kriegsverletzungen hin. Viele ehemalige Soldaten waren nach dem 1. Weltkrieg in Gefangenschaft geraten und danach traumatisiert nicht mehr auf die Beine gekommen.

Für Leo Wechsler und seine Kollegen Robert Walther und Jacob Sonnenschein gestalten sich die Recherchen mühsam. Einziger Hinweis ist eine russisch sprechende, hilflos wirkende Frau. Diese hatte einige Tage zuvor verzweifelt in dem neben der Schule befindlichen Theater nach ihrem Verlobten, einem Mann namens Fjodor, gesucht.

Das Cabaret des Bösen

Der Fokus der Ermittlungen richtet sich nun auf das Varieté-Theater, in dem Schauerstücke aufgeführt werden. Das „Cabaret des Bösen“ ist ein Grusel- und Horrortheater, zurückgehend auf ein Pariser Vorbild und bietet ein besonders makabres Unterhaltungsprogramm. Den leicht anrüchigen Ruf verstärkt das Aussehen des Theaterdirektor Louis Lemasque noch. Dieser charismatische wie zwielichtige Mann versteckt sein durch eine Kriegsverletzung grausam entstelltes Gesicht nicht durch eine Maske oder einen Bart.

Die Suche nach der mysteriösen Russin führt unter anderem in eine Barackensiedlung am Tempelhofer Feld, wo russische Flüchtlinge unter einfachen Verhältnissen untergebracht sind und zum Schlesischen Bahnhof, wo sich eine Anlaufstelle für jüdische Flüchtlinge aus dem Osten befindet.

Wechsler will einer Spur nach Stuttgart nachgehen und lässt sich von Kriminalkommissar Ernst Gennat die für die damalige Zeit nicht alltägliche Dienstreise per Zug genehmigen. Der engagierte Oberkommissar ist sehr eingespannt und hat wenig Zeit für sein Privatleben. Trotzdem spürt er, dass sein halbwüchsiger Sohn Georg sich von ihm entfernt. Aber erst durch die Beobachtungen seiner Frau Clara kommt raus, dass Georg seit einiger Zeit heimlich und hinter dem Rücken seiner Familie mit der Hitlerjugend sympathisiert.

Mit der Figur des Oberkommissars Leo Wechsler ist der Autorin ein sympathischer, integrer sowie feinfühliger Charakter gelungen. Der intelligente Leo ist bei seinen Kollegen und Vorgesetzten gleichermaßen beliebt und angesehen. Er handelt überlegt und behält auch in Problemsituationen, wie die mit seinem Sohn, die Nerven und reagiert meistens souverän. Der ehemaliger Witwer mit zwei Kindern ist wieder sehr glücklich in zweiter Ehe mit der Buchhändlerin Clara verheiratet. Abgründe sucht man hier vergeblich. Mir ist er ein bisschen zu glatt gelungen, aber trotzdem hat er das Zeug zum beliebten Serienermittler, von dem ich gerne in weiteren Fällen lesen würde.

Susanne Goga hat in einem angenehmen, emphatischen und sehr flüssigen Schreibstil einen vielschichtigen Krimiplot mit viel klassischer Dektektivarbeit erschaffen, der durchaus zu unterhalten und zu fesseln vermag. Aus dem Thema des gruseligen Horrortheaters hätte man vielleicht mehr machen können. Nach einem ziemlich makaberen Prolog ist davon nicht mehr viel zu spüren. Der Krimi endet in einem spannenden Showdown und hätte vielleicht noch die ein oder andere Wendung vertragen.

Nasenjoseph

Susanne Goga hat akribisch recherchiert und die Atmosphäre im Berlin der 1920er Jahre hervorragend und präzise dargestellt. Noch geht es einigermaßen friedlich zu, doch die ersten Anzeichen der Nationalsozialisten tauchen am Horizont auf. Goga thematisiert unter anderem die Schicksale der Kriegsversehrten und arbeitet auch einige historisch belegte Charaktere ein, wie den Schönheitschirurgen Professor Jacques Joseph. Der als Nasenjoseph bekannt gewordene plastische Chirurg war äußerst erfolgreich auf dem Gebiet der Gesichtsrekonstruktionen an oft grausam entstellten Kriegsverletzten. Auch der schon zu Lebzeiten zur Legende gewordene Kriminalrat Ernst Gennat darf hier nicht fehlen. Der schwergewichtige Buddha vom Alexanderplatz gilt als Wegbereiter der modernen Polizeiarbeit. Informativ fand ich den im Anhang gegebenen Überblick über die im Roman auftauchenden real existierenden, historischen Persönlichkeiten.

Fazit

Es wundert nicht, dass es mittlerweile eine ganze Anzahl von Krimis gibt, die in Berlin in dieser brisanten Zeit spielen. Berlin war damals eine der bedeutendsten Metropolen Europas mit einer immensen Anziehungskraft. Ich kann Nachts am Askanischen Platz nur jedem empfehlen, der Interesse an dieser vielfältigen Epoche hat. Die Einbindung des historischen Kontextes gelingt der Autorin perfekt ohne zu plakativ zu wirken. Die Darstellung der damaligen Lebensverhältnissen fügt sich homogen in den Krimiplot ein, ohne dass historische Fakten aufgedrängt werden. Goga versteht es, Zeitgeschichte geschickt mit einem Kriminalfall zu verknüpfen, auch wenn ich das an anderer Stelle schon mal schillernder gelesen habe.

Susanne Goga

Benedict Cumberbatch wäre ihre Traumbesetzung für die Figur des Leo Wechsler. Das verriet die in Mönchengladbach lebende Autorin und freie literarische Übersetzerin. Für ihre historischen Romane wurde sie mit diversen Preisen ausgezeichnet. Am Berlin der Weimarer Zeit fasziniert sie, dass sich dort alle guten und schlechten Entwicklungen dieser Jahre potenzierten. Für das nötige Lokalkolorit ihrer Milieuschilderungen wälzte sie Fotobände, alte Telefonbücher und Stadtpläne und erkundigte sich bei Polizeiexperten sowie Historikern.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Nachts am Askanischen Platz | Erschienen am 9. Februar 2018 bei DTV
ISBN 978-3-423-21713-2
320 Seiten | 10.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

12. April 2018

Kerstin Ehmer | Der weiße Affe

Kerstin Ehmer | Der weiße Affe

„So sehr hast du versucht ein echter Deutscher zu sein, Shylock“, flüstert sie. „Ich könnt’s nicht glauben, würd ich’s nicht sehn. Dein Traum vom Deutschsein, das ist das hier, das alles. Deutscher, nicht Jude, nicht staatenlos herumgejagt durch die Jahrhunderte, sondern Ordnung, Anstand, Frieden, Ruhe, Heimat, Herkunft, Scholle, das haste dich was kosten lassen.“ Sie sinkt auf einen Sessel. „Ich wusste, dass er den Mut hatte für solche Träume. Und ich wusste nicht, dass wir ihm so gar nicht ausreichten, dass er sich wegstehlen musste in sein Privattheater.“ Sie weint jetzt haltlos, als könne sie nie wieder aufhören. „Es ist, als hätte ich ihn gar nicht gekannt. Plötzlich ist mein Vater ein Fremder und wird es immer bleiben, denn er ist ja tot und kann nichts mehr erklären.“ (Auszug Seite 76)

Berlin in den Goldenen Zwanzigern: Kommissar Ariel Spiro aus dem beschaulichen Wittenberge tritt seinen neuen Job bei der Kripo an. Auf seinen ersten Fall muss er nicht lange warten. In einem Mietshaus wird die Leiche des jüdischen Bankiers Fromm gefunden. Offenbar führte Fromm ein Doppelleben mit einer Geliebten in einer Wohnung im Haus.

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