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Volker Klüpfel & Michael Kobr | Kluftinger Bd. 10

Volker Klüpfel & Michael Kobr | Kluftinger Bd. 10

Einen Kluftinger-Krimi im wahrsten Sinne des Wortes kredenzen uns die beiden Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr zum Jubläum: zum zehnten Mal ermittelt der Allgäuer Kommissar auf seine unnachahmliche Art, diesmal sogar in eigener Sache.

Kommissar Kluftinger aus Altusried im Allgäu hat mittlerweile reichhaltige Erfahrungen in der Ermittlungsarbeit vorzuweisen. So scharfsinnig er seine Fälle löst , so tollpatschig ist er oft, technischen Neuerungen nicht gerade aufgeschlossen gegenüber und immer bereit, in so manches Fettnäpfchen zu treten. Gegen die gut gemeinten Bevormundungen seiner Eltern und seiner Frau kommt er nicht wirklich an, obwohl er mittlerweile stolzer Opa ist. Sein spezieller „Freund“ ist der stets allwissende und sich einmischende Dr. Langhammer (in diesem Buch auch noch Besitzer eines aufdringlichen Hundes), den er immer wieder versucht, außen vorzulassen – was ihm allerdings auch nicht gelingt. In Kluftiger erfahren wir sogar seinen bisher unbekannten vollen Vornamen. In seiner Freizeit spielt er die große Trommel in der örtlichen Musikkapelle und wirkt bei einem Laienspieltheater mit. Eine besondere Vorliebe hat er für die Kässpatzen seiner Frau Erika und seinen uralten VW Passat.

Kluftinger wird beim alljährlichen Friedhofsrundgang mit seiner Familie zu Allerheiligen auf eine immer größer werdende Menschenansammlung aufmerksam; eine sich aus der Menge lösende Frau stößt bei seinem Anblick einen spitzen Schrei aus. Natürlich will er nun wissen, was da los ist. Als er es endlich bis zu dem frisch angelegten Grab geschafft hat, wird ihm ganz anders: auf dem Holzkreuz steht sein eigener Name. Ist das nun ein dummer Streich oder hat es jemand auf ihn abgesehen?

Eine erste Spur tut sich auf, als er einen Anruf von Heinz Rösler erhält, einem ehemals legendären Seriendieb, der ihm bei der Aufklärung bei einem seiner spektakulärsten Fälle, einem Kunstraub, geholfen hatte. Rösler teilt ihm mit, dass der an diesem Kunstraub beteiligte Albert Mang, genannt der Schutzpatron, wieder in der der Nähe ist und eventuell hinter der Sache stecken könnte. Als Kluftinger von Dr. Langhammer (natürlich) darauf aufmerksam gemacht wird, dass es sich bei dem Spruch auf dem Kreuz um ein Zitat von Albertus Magnus handelt, ist Kluftiger sich ziemlich sicher, dass Rösler ihn auf die richtige Spur gebracht hat. Dazu passt auch, dass in einem Museum oberhalb des Kochelsees ein wertvolles Gemälde, das den Friedhof (!) von Kochel darstellt, trotz hochmoderner Sicherheitsvorkehrungen gestohlen wurde.

Kurz darauf taucht in der Zeitung eine Todesanzeige mit seinem Namen und dem Spruch „We’ll fly you to the promised land“ auf, ein Spruch, der ihn an ein Ereignis in seiner Jugend erinnert, ein dunkles Kapitel, dass er bisher erfolgreich verdrängt hatte.

Die anderen fünf erhoben sich, bildeten einen Kreis, und jeder streckte die rechte Hand so in die Mitte, dass sie sich alle über der Glut trafen. Ich schwöre, über die Sache heute abend mit niemandem außer der Clique zu sprechen, egal, was kommt. Für immer und ewig. Auf Leben und Tod“, sagte Hotte eindringlich, und alle sprachen die Worte murmelnd nach. (Seite 151)

Das damals erlebte war wohl für Kluftinger auch mit einer der Gründe, später in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und ebenfalls Polizist zu werden. Im weiteren Verlauf der Handlung taucht noch ein weiterer Hinweis des Täters auf: in der Kirche findet seine Mutter beim Rosenkranzgebet Sterbebildchen, darauf ein ca. dreißig Jahre altes Foto von Kluftinger.

Das Bild sah aus, als habe man es von einem anderen kopiert. Er stutzte. War das nicht das Portrait, das er beim Fotografen hatte machen lassen, für seinen ersten Dienstausweis als Steifenpolizist? Es war auch einmal in einer Zeitung veröffentlicht worden, damals, bei seinem ersten großen Fall am Funkensonntag. Dieser grauenvollen Geschichte, in die er nur durch Zufall hineingeraten war und die doch so viel verändert hatte. (Seite 279)

Kluftinger hat es somit gleich mit Spuren zu drei alten Fällen zu tun, die einen eventuellen Täter veranlassen könnten, ihm nach dem Leben zu trachten.

In Kluftinger, dem mittlerweile zehnten dieser Reihe, geben die Autoren auch Einblick in die Jugendzeit von Kommissar Kluftinger, sowohl in negative (mit seiner alten Clique) als auch in positive Ereignisse; sehr schön der mit Augenzwinkern geschilderte erste Besuch seiner damaligen Freundin Erika (seiner jetzigen Ehefrau) bei seinen Eltern, aber auch die erste Begegnung mit seinem späteren, damals noch jugendlichen, Intimfeind Dr. Langhammer. Man erfährt auch, wie Kluftinger durch seine Mitarbeit in einem spektakulären Mordfall vom einfachen Steifenpolizisten zum Kripobeamten wird und dass er einstmals die Bewerbung eines mittlerweile auch berühmten Kommissars (ein wunderbarer Seitenhieb der Autoren, gemeint ist der Garmisch-Partenkirchener Kommissar Jennerwein, Alpenkrimilesern wahrscheinlich ebenfalls bestens bekannt) als neuer Mitarbeiter für sein Team abgelehnt hat. Auch die bisher bekannten Sticheleien unter den Kollegen sind wieder dabei, allerdings muss sich Eugen Strobl bei den Autoren irgendwie unbeliebt gemacht haben. Der kommt diesmal ziemlich schlecht weg, andererseits spielt er aber auch eine bedeutende Rolle, als es für Kluftinger gefährlich wird.

Was den Plot besonders auszeichnet, ist die Verknüpfung von bisherigen Fällen des Kommissars, sowohl von uns Lesern bisher unbekannten Mordfällen als auch dem aus Band sechs (Schutzpatron) bekannten Kunstraub. Mit dieser genialen Idee, die Kluftingers neuen Fall zwischen Vergangenheit und Gegenwart ansiedelt und nicht nur den Kommissar, sondern auch uns Leser immer wieder von einer augenscheinlich sicheren Spur abbringt, haben die Autoren etwas besonderes für den Jubiläumsfall geschaffen.

Die auch in der Vergangenheit unterschiedlichen Handlungsstränge sind in einem sich stetig steigernden Spannungsbogen verknüpft. Aber auch der aus den bisherigen Romanen bekannte Humor kommt nicht zu kurz. Etwas, was mir immer sehr gut gefällt, weil er Kluftinger auch sehr sympathisch macht: ein gewiefter Kommissar mit Fehlern und Schwächen, die er nicht so gerne zugibt (zum Beispiel die Schwierigkeiten des Enkelhütens, denen er versucht, mit technischen Möglichkeiten Herr zu werden), ihn aber sehr menschlich rüberkommen lassen.

Fazit: Alles in allem ein sehr gelungener Roman, Lesevergnügen pur. Für mich mit einer der besten der Reihe und auf jeden Fall empfehlenswert. Ob der Schlussabsatz bereits auf den nächsten Fall hinweist? Ich bin gespannt!

Volker Klüpfel, Jahrgang 1971, stammt wie der Kommissar aus Altusried und lebt mit seiner Familie im Allgäu, studierte in Bamberg Politikwissenschaft und Geschichte. Nach einer Tätigkeit bei einer Zeitung in den USA, der Augsburger Allgemeinen und beim Bayrischen Rundfunk entschied er sich jedoch endgültig für die Schriftstellerei.
Michael Kobr, Jahrgang 1973, geboren in Kempten/Allgäu, lebt mit seiner Familie im Unterallgäu, studierte in Erlangen Germanistik und Romanistik und arbeitete zunächst als Realschullehrer, diese Tätigkeit gab er (zum Glück) zugunsten der Schriftstellerei auf.

Die bisherigen Bücher brachten ihnen bereits mehrfach Auszeichnungen ein; mittlerweile halten sie an unterschiedlichsten Orten stets gut besuchte Lesungen mit schauspielerischem Einsatz, vor kurzem lieferten sie sich sogar in SAT 1 ein Krimi-Duell mit einem tatsächlichen Ermittler, das sie – wenn auch knapp – gewannen. Man darf auf Weiteres gespannt sein.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Kluftinger | Erschienen 27. April 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-550-08179-8
480 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu Grimmbart, dem 8. Band dieser Reihe, auf krimirezensionen.de

Viktor Glass | Schüssler und die verschwundenen Mädchen

Viktor Glass | Schüssler und die verschwundenen Mädchen

Ein zeitgeschichtlicher Kriminalroman

In seinem ersten Kriminalroman präsentiert uns Viktor Glass ein außergewöhnliches Ermittlerteam: Der Privat- oder „Geheim“-Polizist Ludwig Schüssler und das Dienstmädchen Caroline Geiger geraten aneinander und versuchen in der Folge gemeinsam, das Rätsel um mehrere verschwundene Frauen zu lösen.

Im Jahr 1890 hat die Industrialisierung einen Höhepunkt erreicht, in Augsburg, einem Zentrum der Textilindustrie, rüsten immer mehr Fabriken auf Kardier- und Spinnmaschinen um, setzen automatische Webstühle, Bleich- und Färbemaschinen ein um teure Handarbeit zu ersetzen. Ganze Berufszweige sterben aus, und bei den begüterten Schichten halten ebenfalls die ersten modernen Geräte und Maschinen Einzug: Staubsauger, automatische Waschkessel und anderes machen Haushaltshilfen überflüssig. Für die entlassenen Dienstmädchen bedeutet das Not, Armut und Verzweiflung und viele treibt es in den Selbstmord.

Eines dieser bedauernswerten Geschöpfe lernen wir im Prolog des Buches kennen, als das Mädchen sich in die Hochwasser führende Wertach stürzen will. Aber ein Kunstmaler entdeckt die junge Frau, er überredet sie, sich gegen Bezahlung von ihm porträtieren zu lassen und rettet so ihr Leben. Wirklich?

Schon das erste der 26 Kapitel von angenehmer Länge bereitet den Leser vor auf die Atmosphäre des Romans, der das Leben in der Stadt an Lech und Wertach, an der Grenze von Altbayern und Schwaben in einer Zeit des Wandels nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges schildert.

Wir lernen Ludwig Schüssler kennen, der seinem täglichen Ritual frönt, dem abendlichen Besuch im „Lahmen Hasen“, wo er sein Bier trinkt, die Tageszeitung studiert und sich eine Virginia gönnt. An diesem Abend wird Schüssler von einem Cheveauxleger angesprochen (ja, im Laufe der Geschichte lernen wir noch einige Begriffe kennen, die längst nicht mehr in Gebrauch sind), einem Angehörigen des königlichen Kavallerieregiments, Augustin Hipp. Er vermisst seine Verlobte Luise Habenicht, ein Hausmädchen, das verschwunden ist und sich seit Tagen nicht gemeldet hat.

Widerstrebend willigt Schüssler ein, sich einmal umzuhören, soweit seine alltäglichen Aufträge ihm die Zeit lassen. Diese Aufträge bekommt er von den Prinzipalen der Kaufläden und Warenhäuser in denen Diebstähle begangen werden, dort arbeitet er als Ladendetektiv. Sein aktueller Fall führt ihn ins Textilhaus Ganghofer, wo er eine verdächtige Frau in der üblichen Dienstbotenkleidung beobachtet. Die bemerkt ihn allerdings und weist den überrumpelten Schüssler in einem Ton zurecht, der ihr als Dienstmädchen nicht zusteht. Wir befinden uns schließlich in einer Zeit, in der Standesdünkel üblich ist und Frauenfeindlichkeit alltäglich, wie einige erschreckende Beispiele noch zeigen werden. Schüssler imponiert die resolute und unerschrocken Frau, mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, die wahren Diebe zu überführen. Die beiden verabreden, künftig bei passender Gelegenheit erneut zusammenzuarbeiten.

Caroline Geiger, so heißt die Frau, ist relativ unabhängig, verantwortlich nur für fünf alte Damen, die sich ihrer Obhut anvertraut haben. Ehemalige Lehrerinnen allesamt, die für ihren Orden als Teil des Schuldienstes bis nach China und Afrika missioniert haben. Ihren Lebensabend verbringen sie nun in einem eigens für sie geschaffenen Stift, eine große ehemalige Bürgerwohnung. Caroline führt ihnen als Angestellte des Ordens den Haushalt und bewohnt auch eines der sieben Zimmer. Wenn es die Umstände erlauben, arbeitet sie auch außer Haus und auf eigene Rechnung, zum Beispiel wenn große Wäsche ansteht oder ein Hausmädchen erkrankt ist. Sie ist selbstbewusst und selbstbestimmt, ihr Erspartes gibt ihr Sicherheit, sie hätte im Fall des Falles keinen Mann nötig wie so viele Frauen, die ihre Arbeit in den bürgerlichen Haushalten verloren haben oder in den Fabriken, die jetzt massenhaft entlassen. Die Augsburg-Münchener Abendzeitung ist voll mit Inseraten von Frauen, die eine Anstellung suchen oder einen Mann, gerne auch einen älteren. Eltern versuchen, ihre Töchter zu verheiraten oder doch wenigstens zu verloben, sobald sie zwölf , dreizehn Jahre geworden sind.

Caroline liebt ihre Unabhängigkeit, ebenso wie Schüssler, der zwar eine dreijährige Ausbildung in der Polizei- und Gendarmerieschule Fürstenfeldbruck absolviert hat, sich dann aber selbstständig machte, mit einigem Erfolg. Die Polizei verfolgt seine Aktivitäten mit Argwohn, aber in der Bevölkerung hat er sich bereits einen guten Ruf erarbeitet, vor allem, seit er ein kleines Mädchen aufspürte, das ihrem Hausmädchen Anna Valentin auf einem Markt ausriss und als vermisst galt. Schüssler fand die Kleine, die sich in einem Keller versteckt hatte. Anna aber wurde entlassen und ist seither verschwunden, das Schicksal der Luise Habenicht offenbar kein Einzelfall. Schüssler will gemeinsam mit Caroline herausfinden, was den Mädchen widerfahren ist, die zufällig aus dem gleichen kleinen Dorf stammen: sind sie auf der Suche nach Arbeit abgewandert, vielleicht zurückgekehrt in ihr Elternhaus, oder sind sie wie so viele ins Wasser gegangen?

Schüssler wird Zeuge, wie sich eine verzweifelte Hausangestellte vor ein Pferdefuhrwerk stürzt, ein Passant hatte vergeblich versucht, das Mädchen zurückzuhalten. Es ist der Stadtbekannte Maler Eginald „Egi“ Berwanger, der hier gerade eine Ausstellung hat: Dort zeigt er „antike Göttinnen“, die, wie Caroline bei näherer Betrachtung feststellt, allesamt junge Mädchen aus Augsburg zum Vorbild haben, vom Künstler unschicklicherweise nackt abgebildet. Diese Modelle können sich fortan in der Stadt nicht mehr sehen lassen, was hat sie dazu bewogen, sich Berwanger so zu präsentieren? Der Maler räumt ein, die jungen Frauen gezielt auf der Straße anzusprechen und mit der Aussicht auf ein großzügiges Honorar in sein Atelier zu locken. Caroline glaubt, dass er sie dort auf irgend eine Art gefügig macht und wahrscheinlich nicht nur porträtiert. Und sie erfährt, nachdem sie sich angeblich als Modell zur Verfügung stellen will, dass Berwanger die Mädchen fotografiert, um dann nach dieser Vorlage seine Kunstwerke zu erschaffen. Was geschieht danach mit ihnen, und was macht der Künstler mit den Fotografien?

In den Brauhäusern der Stadt treibt sich ein Kartenverkäufer um, Hugo Halblaib, ein kleiner Betrüger und gerissener Geschäftemacher, der Touristen Ansichtskarten mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt aufschwatzt, aber nicht nur: Unter der Hand offeriert er seine „speziellen“ Karten, Aktbilder, die vor allem bei Herren aus England reißend Absatz finden. Ja, zu jener Zeit tauchen die ersten Reisegruppen von der Insel auf, organisiertes Sightseeing durch den umtriebigen Pfarrer Thomas Cook. Diese merkwürdigen Touristen beschreibt Glass auf höchst amüsante Art, wie überhaupt seine Art, für unsere heutigen Begriffe eher ungewöhnliche Figuren zu zeichnen, manchmal ausführlich, mitunter eher knapp, aber immer sehr prägnant und präzise, wie etwa den „Mist-Opa“, der auf seinem Bollerwagen Pferdeäpfel von der Straße sammelt und als Dünger verkauft, oder den „Hackepeter“, einen üblen Kerl, der ab und zu in Augsburg auftaucht.

Solche Milieustudien sind ein Vergnügen und ein Gewinn für den Roman. Der ist trotz mancher dem Thema geschuldeten antiquierten Vokabel oder Redewendung modern geschrieben ist, mit Tempo und Witz, und er hat eine absolut spannende Krimihandlung. Erfreulicherweise stellt Glass diesen Plot in den Mittelpunkt seiner Erzählung und überfrachtet sie nicht mit zu vielen historischen Fakten, dennoch gelingt es ihm jederzeit, die besondere Atmosphäre der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende aufleben und erleben zu lassen. Exemplarisch seien hier die packende Schilderung des Arbeitsalltags in einer Dampfwäscherei genannt oder die aufschlussreichen Bemerkungen zu damals herrschenden Zuständen in den Irrenhäusern.

Die beiden Hauptdarsteller sind ein wenig aus dieser Zeit gefallen, man könnte sie sich gut in unserem Umfeld vorstellen, wie sie Jagd auf die Hintermänner illegaler Bordelle macht, in denen junge Frauen aus Osteuropa, mit falschen Versprechungen angelockt und in die Zwangsprostitution getrieben, ihren Peinigern schutz- und wehrlos ausgeliefert sind. Haben die verschwundenen Mädchen in Augsburg ein ähnliches Schicksal erlitten? Ludwig und Caroline machen sich auf den Weg nach Anhausen, um die Spur der Dienstmädchen Luise und Anna zu verfolgen.

Das Kapitel legt eindrücklich Zeugnis davon ab, wie beschwerlich damals selbst eine relativ kurze Reise war und schildert in nachempfindbaren Bildern das elende Leben der verarmten Landbevölkerung. Die beiden Ermittler finden Anna, schwer an der „Englischen Krankheit“ leidend im Haus ihrer Mutter und erfahren erschütternde Einzelheiten über die erbarmungswürdige Leidensgeschichte der verschwundenen Dienstmädchen und einen skrupellosen Verbrecherring. Als sie kurz darauf das schreckliche Geheimnis endgültig lüften können, zeigt sich, dass alles noch viel schlimmer ist als sie es sich vorstellen konnten.

Dieser erste Auftritt des interessanten und sympathischen Ermittlerpaars bietet solide Krimikost, spannende, gute Unterhaltung die leicht zu lesen ist, mit einem klug konstruierten Plot um den herum ein aufschlussreiches Stück Zeitgeschichte gestrickt ist, ebenso angenehm zu lesen, dabei gleichermaßen informativ wie unterhaltsam. Davon gerne mehr!

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Schüssler und die verschwundenen Mädchen | Erschienen am im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-609-6
296 Seiten | 13.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Die Frau schritt nun zögernd auf die Leiche zu. Vor dem Sofa blieb sie stehen und schaute auf den Toten hinab. Sasagaki merkte, dass ihr Kinn zitterte. „Ist das Ihr Mann?“, fragte Nagatsuka. Ohne zu antworten, legte die Frau die Hände auf die Wangen und bedeckte mit ihnen schließlich ihr ganzes Gesicht. Ihre Knie gaben nach, und sie sank zu Boden. Netter Auftritt, dachte Sasagaki. (Auszug Seite 12)

Am Anfang steht ein Mord

1973 entdecken spielende Kinder in einem leerstehenden Gebäude zufällig die Leiche des erstochenen Pfandleihers Yosuke Kirihara. Die Ermittlungen unter Kommissar Junzo Sasagaki ergeben, dass das Opfer an diesem Tag einen großen Geldbetrag von der Bank abgeholt hatte und auf dem Weg zu einer Kundin war. Mit dieser Fumiyo Nishimoto, einer alleinerziehenden Witwe, wird ihm ein Verhältnis nachgesagt, was diese bestreitet. Das Geld bleibt verschwunden und trotz großer Bemühungen des ehrgeizigen Kommissars verlaufen auch alle anderen Spuren im Sand. Ein Jahr später stirbt Fumiyo in ihrer Wohnung an einer Gasvergiftung, ob Unfall oder Suizid, wird nie ganz geklärt, und hinterlässt eine zwölfjährige Tochter namens Yukiho.

In den nächsten Kapiteln ist dann von Kommissar Sasagaki erst mal nicht mehr die Rede. Stattdessen werden die Lebenswege von Ryo Kirihara, dem damals elfjährigen Sohn des Pfandleihers und der gleichaltrigen, bildhübschen Yukiho beleuchtet.

Die Wächtergrundel und der Knallkrebs

In diesen Kapiteln erzählt Keigo Higashino sehr ausführlich und detailliert über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren. So wird jedes Kapitel fast zu einer kleinen abgeschlossenen Kurzgeschichte, in der sich die Lebenswege vieler Menschen schneiden. Ein gewiefter Schachzug, denn als Leser grübelt man die ganze Zeit über den großen Zusammenhang und kann ihn nur schwer erahnen. Erst ganz langsam fügen sich die einzelnen Puzzlestücke zu einem Bild zusammen. Das habe ich in dieser Raffinesse noch nicht gelesen. Die Verbindungen und Hintergründe beim Lesen nachzuvollziehen macht einen besonderen Reiz dieses Thrillers aus. Dazu passt, dass der Autor die einzelnen Episoden zuerst für eine Zeitschrift konzipiert und dann diese für seinen 1999 in Japan erschienenen Thriller überarbeitet hatte.

Yukiho investiert viel in Bildung und gutes Benehmen und wird zu einer auffallend schönen und erfolgreichen Geschäftsfrau. Auch Ryo, den immer eine düstere Aura umgibt, ist sehr umtriebig und nutzt die Wirtschaftsblase der 80er Jahre, um mit dubiosen sowie illegalen Geschäften wie zum Beispiel Erpressung, Bankenbetrug oder Wirtschaftsspionage sein Geld zu verdienen. Beide haben an sozialen Kontakten nur soweit Interesse, wenn sie ihre Mitmenschen benutzen können und sind Meister der Manipulation. Beide verstehen es, Menschen in ihren Bann zu ziehen, aber wo sie auftauchen, geschieht ein Unglück. Der subtile Thrill entsteht durch die Betrachtung dieser beiden rücksichtslosen Intriganten.

Obwohl sie in den Kapiteln nie aufeinander treffen, ahnt man irgendwann, dass Yukiho und Ryo eine besondere Verbindung haben. Der Kommissar vergleicht das mit einem Beispiel aus dem Tierreich: Grundel und Knallkrebs gehen eine Art Symbiose ein, indem sie sich zum Beispiel vor Gefahren warnen. Diese Kapitel sind auch eine Zeitreise in die 80er Jahre und ermöglichen einen Einblick in die japanische Gesellschaft und fremde Kultur. Es ist der Beginn des Computerzeitalters und man nimmt teil an den Anfängerjahren der Videospiele wie das bekannte Super Mario Bros. oder das Benutzen der ersten Geldkarten. Man lernt dabei auch einiges über die Mentalität der Japaner.

Cold Case

Zwanzig Jahre nach dem Tod des Pfandleihers sind die Ermittlungen natürlich schon lange eingestellt. Der Kommissar ist inzwischen in Rente, aber der Fall hat ihn nie losgelassen. Und so verfolgt er beharrlich weitere Spuren, ermittelt auf eigene Faust und engagiert sogar einen Detektiv. Als Leser hat man inzwischen eine Ahnung, aber das Motiv wird erst auf den letzten Seiten enthüllt. Der Autor überrascht mit einer stimmigen Auflösung, wenn zum Schluss alle Handlungsfäden zusammengeführt werden. Es erfordert eine große Aufmerksamkeit, damit man kein Detail überliest.

Higashino bedient sich einer klaren, fast emotionslosen Sprache. Sein Figurenpersonal ist immens, aber er verzichtet darauf, seine Charaktere psychologisch zu analysieren. Stattdessen berichtet er distanziert und fast dokumentarisch von außen wie ein Beobachter aus der Ferne.

Eine große Herausforderung waren die vielen japanischen für europäische Ohren ähnlich klingenden Namen für mich. Ohne das beiliegende Namensverzeichnis einschließlich Kurzbiographien der wichtigsten Personen wäre ich verloren gewesen.

Keigo Higashino hat mit Unter der Mitternachtssonne einen außergewöhnlichen, brillant konstruierten Thriller auf über 700 Seiten kreiert, den ich auch nach dem Lesen nicht so schnell vergessen werde, ganz großes Kino, auch ohne große Action und viel Blutvergießen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Unter der Miternachtssonne | Erschienen am 10. März 2018 bei Tropen im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-50348-7
720 Seiten | 25.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Henrik Siebold | Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder

Henrik Siebold | Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder

Siebold wartet in Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder, dem dritten Roman der Reihe um den japanischen Austauschpolizisten, mit einem mitreißenden und höchst vertrackten Fall auf und präsentiert erneut sein ungewöhnliches und spannendes Ermittlerduo Claudia Harms und Kenjiro Takeda. Das Aufeinandertreffen dieser beiden so unterschiedlichen Charaktere ist schon ein gehöriger Kulturclash, mit allen daraus entstehenden manchmal komischen Missverständnissen und Kontroversen. Dabei kommen die zwei grundsätzlich ausgesprochen gut miteinander klar, sie hegen sogar große Sympathie füreinander und bilden für gewöhnlich ein bestens funktionierendes Team, vor allem wenn sie gemeinsamen dem ungeliebten und unsympathischen weil ungerechten Chef Holger Sauer die Stirn bieten. Manche Eigenheiten oder Eigenarten Takedas nerven Claudia, der wiederum bestaunt und bewundert seine Kollegin für die eine oder andere Verhaltensweise. Darüber hinaus besteht aber ein herzliches Verhältnis zwischen den beiden, die mitunter fast den Eindruck eines Liebespaares vermitteln, und tatsächlich hat jeder für sich schon mit dem Gedanken an ein engeres Verhältnis gespielt, beide wollen aber ihre gute Beziehung nicht durch eine Affäre gefährden.

Im Moment allerdings richtet sich ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den aktuellen Fall, der eigentlich klar zu sein scheint. Am S-Bahnsteig des Dammtor-Bahnhofs ist eine Frau vor den einfahrenden Zug gestürzt, augenscheinlich gestoßen von einem Schüler, der sich mit seiner Klasse auf Exkursion befindet. Simon Kallweit, 17 Jahre alt, gibt die Tat unumwunden zu, außerdem stehen zahlreiche Zeugen zur Verfügung, seine Mitschüler, andere Reisende, ebenso Bilder der Überwachungskamera und etliche Handyfilme, dieses abscheuliche Verbrechen dürfte demnach wohl bald aufgeklärt sein. Aber so einfach ist es nicht: Noch bevor sie den mutmaßlichen Täter vernehmen können, taucht der schmierige Anwalt Lothar Röhler auf, im Schlepptau Simons Eltern. Der alte Kallweit ist Hamburgs Justizsenator, das bedeutet, Claudia und Ken werden bei der Aufklärung eine Menge Fingerpitzengefühl brauchen. Hartmut Kallweit tut den Verdacht, dass sein Sohn ein kaltblütiger Mörder ist, als Unsinn ab und behauptet, dass man ihm persönlich etwas anhängen will um ihn politisch kaltzustellen und seinen Rücktritt zu erzwingen. Auch die Mutter Astrid Kallweit ist von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt und bricht zusammen, als ihr klar wird, dass der vorläufig in Untersuchungshaft bleiben muss.

Die wird allerdings nicht lange andauern. Simon widerruft sein Geständnis und die Zeugenbefragungen bringen kein Ergebnis. Es stellt sich heraus, dass niemand wirklich gesehen hat, wie die Frau gestoßen wurde und auch die Videoaufnahmen zeigen den entscheidenden Moment nicht eindeutig. Also kommt der Verdächtige frei und das Ermittlerteam steht am Beginn langwieriger und schwieriger Untersuchungen. Während sie mühsam versuchen, Beweismaterial zusammenzutragen, geschieht ein weiterer Mord an einem scheinbar zufälligen Opfer. In einem Kino wird ein Besucher während der Spätvorstellung mit einer Drahtschlinge erwürgt. Wieder gibt es keine Augenzeugen, aber diesmal finden Claudia und Ken einen Hinweis auf dem Band einer Überwachungskamera des nahen U-Bahnhofs. Simon Kallweit hat sich zum Tatzeitpunkt in der Nähe des Kinos aufgehalten. Ist er also doch ein Mörder, der zwei willkürlich ausgewählte Opfer auf dem Gewissen hat, plant er womöglich weitere Taten? Claudia glaubt nicht an Zufall, sie hält auch nichts von der Theorie einer Intrige gegen den Senator, obwohl inzwischen klar ist, dass er in einen Bauskandal verwickelt ist.

Nicht nur hier ist die Geschichte sehr realistisch und aktuell, sie thematisiert unter anderem eine Affäre um Flüchtlingsunterkünfte, nimmt Bezug auf Wohnungsnot und Mietwucher und spielt an auf Auswüchse wie die Auto-Raserszene oder die zunehmende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen. Vor allem aber gibt Siebold, der eigentlich Daniel Bielenstein heißt, an dieser Stelle tiefe Einblicke in die hanseatische Politik und ihre Kehrseite, die versteckten Machtstrukturen, die Seilschaften und Netzwerke im Senat und in den Parteien, den Filz und die Intrigen.

Er kennt sich aus, ist Journalist und Wahl-Hamburger seit vielen Jahren, er macht uns auch bekannt mit den vielen Facetten der Stadt, von Alsterdorf bis Poppenbüttel, vom Schanzenviertel zum Ohlsdorfer Friedhof und durch manch anderen Vorort geht die Reise, Siebold lässt keinen Kiez und kein Viertel aus. Aber er setzt nicht nur „sein“ Hamburg mit einer Art Hassliebe in Szene, er ist auch bemüht, den Blick zu öffnen für die japanische Kultur und Lebensart abseits von gängigen Klischees. Mit den Eigenheiten dieser weitgehend fremden Gesellschaft die einen Spagat versucht zwischen Tradition und Fortschritt ist er bestens vertraut, verbrachte einige prägende Jahre seiner Kindheit und Schulzeit in Tokio und beherrscht perfekt Schrift und Sprache des Landes, für das er weiterhin eine große Faszination verspürt und das er regelmäßig besucht. Klar, dass in seinen Krimi an passender Stelle immer wieder einmal japanische Vokabeln und Begriffe einfließen, vor allem, wenn er uns den Menschen Ken, seine Persönlichkeit, sein Wesen näher bringen will. Der Liebhaber teurer Designer-Anzüge ist geschieden, begeht manchmal feierlich die Teezeremonie, beherrscht die Kampfkunst Takeda-ryū und ist häufig schlaflos. Dann geht er hinaus in die Nacht und ans Elbufer, um Jazz zu spielen. Ken ist ein großartiger Saxofonist und tritt manchmal in Hamburger Clubs auf, er hat aber auch Spaß daran, in Karaoke-Bars zu singen. Hin und wieder findet man ihn aber auch in seinem Stammlokal bei einer Flasche Whisky, wenn er das Bedürfnis hat, sich in Stresssituationen oder in Momenten von Heimweh oder Zweifeln zu betrinken.

Und Zweifel tauchen im aktuellen Fall immer häufiger auf, mehr als einmal müssen Claudia und Ken ihre Thesen widerrufen und feststellen, dass sie sich offenbar verrannt haben und ihrer Sache zu sicher waren. So gibt es ein paar Misstöne zwischen den beiden Ermittlern, denn während Ken mehr denn je das Gefühl hat, dass sie bei Simon auf der richtigen Fährte sind, verfolgt Claudia andere mögliche Spuren. Beide versuchen in immer neuen Ansätzen, ihre unterschiedlichen Theorien zu untermauern und erleben dabei, wie sich ein ums andere Mal die Dinge nicht so entwickeln, wie es zu erwarten war. Der Plot wartet mit etlichen überraschenden Kehrtwendungen auf und die Ermittler bleiben mehrmals irritiert und ratlos zurück. Ken versucht in intensiven Gesprächen Simon aus der Reserve zu locken und lernt dabei einen hochintelligenten, aber undurchschaubaren Jungen kennen, von dem man nie weiß, wann er lügt und wann er die Wahrheit sagt. Ganz sicher aber verbirgt er etwas, auch wenn er sich dem Japaner, für den er offensichtlich Sympathien hegt, ein wenig geöffnet hat. Mit einer rätselhaften Bemerkung allerdings weiß Ken zunächst nichts anzufangen: „Ore wa Ghouru da!“, „Ich bin ein Ghoul!“ erklärt ihm der Junge.

Ghoule sind eine Mischung aus Zombie und Vampir, die Menschen töten, um sich von deren Fleisch zu ernähren, sie manchmal aber auch aus purer Mordlust umbringen. Tokyo Ghoul ist ein Manga, dessen Hauptfigur Ken Kaneki ist, ein junger Student, der durch einen Unfall in einen Halb-Ghoul verwandelt wird und fortan mordet. Dabei ist er eigentlich ein nachdenklicher Einzelgänger, der sich für Literatur interessiert und mit dem sich viele Teenager identifizieren können. Manga können dazu führen, dass sich junge Leser völlig von der Außenwelt abwenden und nur noch in der Welt der Zeichengeschichte leben, dabei den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Sollte das auch bei Simon der Fall sein?

Bis dieses Rätsel gelöst wird und der Roman ein überraschendes aber durchaus passendes Ende findet, erfahren wir noch eine Menge mehr über eher unbekannte japanische Zustände wie auch über deutsche Befindlichkeiten. Dieser sehr aktuelle Krimi wirkt nur zu Beginn etwas betulich, erweist sich dann aber als „moderner“ Roman mit viel Tempo, clever erdacht und hervorragend erzählt. Daneben gibt es immer wieder auch eher ruhige, nachdenkliche, fast meditative Sequenzen. Für die sorgt in der Regel der tiefgründige, fast philosophische Ken, aber manchmal scheint es, als ob seine japanische Lebensart auch auf Claudia bereits abfärbt. Das Thema lässt wenig Raum für Scherze, aber wenn es ab und zu witzig wird, ist der Humor absolut treffend. Dabei sorgt vor allem Kens häufig überraschendes, unvorhersehbares Verhalten für ungewollte Komik. Es gibt wenig auszusetzen an diesem Roman, der auch dank der ständigen Kehren und Wenden bis zum Schluss die Spannung hält, daher für diesen Fall des Japanischen Inspektors fünf Sterne.

 

Rezension und Foto Kurt Schäfer.

Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder | Erschienen am 13. April 2018 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-7466-3385-5
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Dominique Manotti | Kesseltreiben

Dominique Manotti | Kesseltreiben

Kann das Zufall sein? Just als ich Kesseltreiben, den neuen Roman von Dominique Manotti beendet hatte, las ich folgende Nachrichtenmeldung: „Zu wenig Jobs geschaffen. Frankreich droht US-Konzern mit Geldstrafe“. Mal abgesehen davon, dass der bevorstehende Malus von bis zu 34 Mio. Euro General Electric angesichts eines Gewinns von 8,8 Mrd. Dollar nicht unbedingt beeindrucken wird, kommt mit dieser Meldung eine schon vergessene Unternehmensübernahme und ein windiges Wirtschaftsmanöver wieder in die Schlagzeilen. 2015 hatte General Electric die Energie- und Kraftwerkssparte des französischen Großkonzerns Alstom übernommen, nach anfänglich erheblichem Protest der sozialistischen französischen Regierung. Der Übernahme vorangegangen war unter anderem eine Korruptionsermittlung gegen Alstom in den USA. Zuletzt wurde nachträglich aus den Wikileaks-Dokumenten bekannt, wie stark die NSA in Frankreich Wirtschaftsspionage betrieben hatte – offenbar zugunsten amerikanischer Konzerne. Diese und einige andere Fakten nutzt Manotti, um daraus sehr frei einen eigenen Wirtschaftskrimi zu schreiben. Die Firmen im Roman sind fiktiv, allerdings sind die Parallelen zur Realität an einigen Stellen offensichtlich, an anderen frei erfunden (hofft der nicht vollends abgestumpfte Leser zumindest).

Die Kirsche auf der Torte, Nicolas, wenn Sie während der großen Wirtschaftsmanöver aufseiten der Sieger spielen, können Sie ohne Risiko viel Geld machen: Sie werden gleichzeitig am Steuer und an der Kasse sein.“
„Ich bin nicht sicher, ob ich in der Lage bin, solche Spiele zu spielen“ […]
July erhebt ihre Champagnerschale, sie neigt den Kopf, die Flut ihres schwarzen Haars gleitet zu ihrer Schulter, verleiht ihrem Lächeln Tiefe.
„Seien Sie kein Angsthase, Nicolas, setzen Sie auf Krise“. (Seite 68)

Der Roman beginnt mit einer Festnahme: François Lamblin, ein Manager des französischen Konzerns Orstam, wird am Flughafen JFK in New York vom FBI verhaftet. Vorwurf: Beteiligung an einem Korruptionsgeschäft in Indonesien. Lamblin ist entgeistert, es hatte zwar innerbetrieblich eine Reisewarnung gegeben, doch in der Rechtsabteilung der Firma hatte man seine Zweifel zerstreut. Hat man ihn ins offene Messer laufen lassen? In Frankreich unternimmt die Geschäftsführung von Orstam wenig, informiert nicht einmal die Behörden. Der Geschäftsführer beauftragt den jungen aufstrebenden Nachwuchsmanager Nicolas Barrot, die Geschichte klein zu halten. Die Belegschaft ist verstimmt, über Kontakte erfährt ein Ermittler des Nachrichtendienstes der Pariser Polizeipräfektur von der Sache.

Dort, in der Sektion Wirtschaftliche Sicherheit, bekommt man noch einen zweiten Fall auf den Tisch. Ludovic Castelvieux ist ein Krimineller, der in Montreal mit der Mafia Geldwäsche für die PE-Credit, eine Bank des US-Konzerns Power Energy (PE), betrieben hat. Ihm ist nach zwei Leichenfunden in Kanada der Boden zu heiß geworden. Sein Millionenhonorar wurde allerdings eingefroren, sein Kontaktmann in Paris hält ihn hin. So sucht er Kontakt zur Polizei, um sich als Kronzeuge anzudienen. Ein zweiter Kontakt kommt allerdings nicht zustande. Castelvieux ist spurlos verschwunden. Ermordet? Die Überraschung ist groß, als sich eine Verbindung abzeichnet: Der Kontakt Stevie Buck war Banker auf den Caymans in Diensten der PE und nun sitzt er im Management von Orstam. Was planen die Amerikaner?

Es entwickelt sich ein komplexer, aber durchweg spannender und furioser Wirtschaftskrimi. Auf der einen Seite ein amerikanisches Großunternehmen, das sich die wichtigste Sparte eines französischen Konzerns einverleiben will und alle Register zieht. Justizanklage wegen Korruptionsaffären in der dritten Welt, Industriespionage, Einschüchterung, Erpressung, sogar Mord? Der Chef der Franzosen wird unter Druck auf Linie gebracht und kooperiert. Gegner innerhalb des französischen Konzerns werden systematisch ausgebootet. Unter den französischen Wirtschaftseliten gibt es zudem weitere Unterstützer. Auf der anderen Seite ein dreiköpfiges Team des Inlandsnachrichtendienstes, angesiedelt bei der Pariser Polizei. Die sammeln Beweise, observieren, hören ab, finden nach und nach heraus, worum es in dieser Sache wirklich geht, schreiben Berichte, lancieren Dossiers. Und dringen nach oben nicht durch. Ihre Appelle verhallen ungehört bzw. werden nicht wirklich ernst genommen.

„Wir haben unsere Arbeit gemacht. Wir dürfen stolz sein.“
„Und es interessiert kein Schwein. Wir dürfen verzweifelt sein.“ (Seite 336)

Die Autorin gönnt sich, ihre zwei wiederkehrenden Protagonisten aus vorherigen Büchern in diesem Krimi aufeinandertreffen zu lassen. Hauptfigur ist aber Noria Ghozali. Die zornige Polizeianfängerin in Roter Glamour und gereifte interne Ermittlerin in Einschlägig bekannt ist inzwischen fast 50 und nach einer karrieretechnischen Fehlentscheidung in einer beruflichen Sackgasse angekommen. Als Leiterin eines Drei-Mann-Teams in der Sektion Wirtschaftliche Sicherheit des Nachrichtendienstes. Fachlich ohne echte Ahnung findet sie jedoch direkt den Draht zu ihren beiden jüngeren männlichen Kollegen und sie bilden ein gut zusammenarbeitendes Team. Diese Teamarbeit und Kollegialität wird übrigens sehr betont beschrieben. Noria holt sich außerdem Rat bei Théo Daquin. Der Kommissar aus vier früheren Büchern ist inzwischen aus dem aktiven Polizeidienst ausgeschieden und doziert nun als Elder Statesman an der Polizeihochschule. Daquin nimmt aber nur eine Nebenrolle ein.

Dominique Manotti erzählt diesen Roman wie gewohnt schnörkellos, präzise, in schnellen Ortswechseln, Perspektivwechseln und im Präsens. Trotz ihres verknappten Stils bleiben die wichtigsten Figuren aber nicht oberflächlich, sondern stets plausibel in ihren Handlungen. Der Spannungsbogen bleibt konstant hoch, obwohl der Ausgang der Geschichte erahnt wird. Es ist einfach ganz große Kunst, wie Manotti hier das Einmaleins einer feindlichen Übernahme durchspielt. Mit der Erkenntnis, dass es im Grunde nur um drei Dinge geht: Geld, Macht und Sex. Ich bin als bekennender Fan der Autorin möglicherweise voreingenommen, aber Kesseltreiben ist ein restlos überzeugender Kriminalroman.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Kesseltreiben | Erschienen am 22. Mai 2018 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-231-9
398 Seiten | 20,- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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