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Tom Hillenbrand | Hologrammatica

Tom Hillenbrand | Hologrammatica

In alten Filmen haben Privatdetektive stets verschiedene Visitenkarten zur Hand, damit sie sich als Gott-weiß-wer ausgeben können. Ich hingegen habe an die fünfzig Holomasques gespeichert, die ich jederzeit überstülpen kann – Elektroinstallateur, Verkehrspolizist, Penner und so weiter. Sie sind natürlich gehackt, damit ich sie ohne Brassard tragen kann, auch wenn das ein bisschen illegal ist. (Auszug Seite 65)

Der moderne Privatdetektiv

Im Jahr 2088 arbeitet der Londoner Galahad Singh als eine Art Privatdetektiv. Er hat sich als Quästor darauf spezialisiert, verschwundene Menschen zu finden, was im ausgehendem 21. Jahrhundert gar kein leichtes Unterfangen ist. Durch den Klimawandel sind große Teile der Erde abgesoffen und es hat eine weltweite Völkerwanderung bevorzugt Richtung Sibirien gegeben. Wer von der durch eine Seuche stark dezimierten Erdbevölkerung, die mitunter horrenden Temperaturen von 40° Celsius in der Nacht nicht aushält und über genügend Geld verfügt, kann die Erde verlassen und sein Glück im All suchen. Durch neue Technologien ist es mittlerweile sehr einfach, eine neue Identität anzunehmen. Zum einen kann man sein Aussehen durch Holofilter verändern.

Alles nur Fassade

Hologramme sind zum Alltag geworden. Ein holographisches Netz ermöglicht es, visuelle Filter über die graue, schmutzige Realität zu legen. Alles was nicht den optischen Ansprüchen genügt, wird holographiert. Eine Brille benutzt man nur noch, um die Realität ohne Holofilter zu erkennen. Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit. Durch die Technologie des Mind Uploading gelingt es, seine eigene Identität in fremde Körper zu laden. Hierbei wird ein winziger Quantencomputer ins Hirn implantiert, der es ermöglicht, in einen Wunschkörper zu wechseln. Wenn auch nur für kurze Zeit, dann droht der Braincrash, wenn das Cogit nicht wieder in den Stammkörper zurück transferiert wird.

Im vorliegendem Fall soll Singh die Computerexpertin Juliette Perotte aufspüren, die höchstwahrscheinlich gekidnappt wurde. Die hochintelligente Tochter reicher Eltern arbeitete an einer Verschlüsselungstechnik für digitale Gehirne, die sogenannten Cogits. Singh findet in Paris, dem Wohnort der 37-jährigen heraus, dass Perotte mit einem geheimen Projekt beschäftigt war, bei dem sie nach einer Möglichkeit forschte, den Braincrash zu verhindern. Offenbar hatte sie sich in einem riskantem Spiel einer Gruppe von „Deathern“ angeschlossen. Das sind Adrenalinjunkies, die ihre eigene Identität in fremde Gefäße laden und diese Körper dann auf unterschiedlichste Arten umbringen, um den Moment des Todes immer wieder in anderen Varianten zu erleben. Auf der atemlosen Suche nach den Hintergründen und nicht zuletzt als er von Leuten mit riesigen schwarzen Schwertern angegriffen wird, begibt sich der Privatermittler Singh in Gefahr. Er scheint es mit einem übermächtigen Gegner zu tun zu haben, möglicherweise sogar mit einer Künstlichen Intelligenz.

In einem anderen fast surrealen Handlungsstrang findet sich eine Frau auf einer einsamen Insel wieder.
Viel mehr möchte ich über den vielschichtigen, vor phantastischen Ideen sprühenden Plot gar nicht verraten.

Prota

Tom Hillenbrand hat eine immens spannende Mischung aus klassischer Detektivgeschichte und Science-Fiction geschaffen. Dazu gehört auch sein cleverer Protagonist und Ich-Erzähler Galahad Singh, ein relativ bodenständiger Detektiv mit indischen Wurzeln, dessen Lieblingsgetränk der Old Fashioned ist und der in seiner Freizeit am liebsten Saxofon mit einem holographischen John Coltrane als Musiklehrer spielt. Uploads sind ihm suspekt, statt eines digitalen Hirns benutzt er lieber seine grauen Zellen. Der sympathische Singh hat eine schwierige Beziehung zu seinem Vater. Grund dafür ist sicherlich das Verschwinden seines Bruders Percy vor etlichen Jahren, als beide noch Kinder waren. Kein Wunder, dass es ihn komplett aus der Bahn wirft, als er Hinweise erhält, dass Percy noch am Leben ist. Auch in brenzligen Situationen verliert der smarte Singh seinen sarkastischen Humor und seine Selbstironie nicht. Großartig auch die Selbstgespräche mit dem „Komitee der Selbste“, wenn er sich nicht zwischen unterschiedlichen Perspektiven entscheiden kann.

Die Welt im Jahre 2088

Wie schon in seinem mit mehreren Preisen ausgezeichneten Krimi Drohnenland hat der Autor eine rasante Zukunftsvision erschaffen, die mich begeistert und die ich verschlungen habe. Indem er den jetzigen Stand der technischen Entwicklungen konsequent und sehr kreativ weiterentwickelt, kann man sich diese nahe Zukunft tatsächlich problemlos so vorstellen. Tom Hillenbrand hat mit großem Einfallsreichtum und überbordender Phantasie ein absolut glaubwürdiges Setting erschaffen, dem man anmerkt, wie sehr ihm die geschaffene Welt am Herzen liegt. Die komplexe Story erfordert volle Aufmerksamkeit. Wobei ich das Glossar am Ende des Buches, in dem einige technologischen Begriffe erläutert werden, gar nicht benutzt habe, da sich alles aus dem Kontext ergibt.

Die Story wird flüssig und rasant mit vielen überraschenden Wendungen erzählt und scheut sich auch nicht vor filmreifen Action-Szenen. Sehr gut gefallen hat mir auch der immer wieder aufblitzende trockene Humor.

Das mit den Milchtüten ist ein etwas makabrer Scherz, den heutzutage keiner mehr versteht. Vor über hundert Jahren war es üblich, die Gesichter von vermissten Kindern auf Getränkekartons zu drucken. Warum man das tat, erschließt sich mir nicht. Die Polizei war offenbar der Meinung, es würde zu sachdienlichen Hinweisen führen, wenn sich schlaftrunkende Menschen morgens beim Müsliessen von einem verschwundenen Kind anstarren lassen. Klingt bekloppt, aber so war’s. Deshalb nennen wir unsere Vermissten ebenfalls Milchtüten. (Seite 16)

Hologrammatica war für mich viel mehr als eine klassische Kriminalgeschichte, eingebettet in einem abgefahrenen Science-Fiction-Thriller, sondern eine Gesellschaftskritik mit philosophischen Einschüben und sogar ein Beitrag zur Gender-Thematik. Der homosexuelle Galahad lernt während seiner Ermittlungen Francesco kennen und verliebt sich, wobei nicht klar ist, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, da dieser in einem Gefäß steckt. Das dessen tatsächliche Identität ein Geheimnis bleibt, führt zumindest bei Galahad anfänglich zu Irritationen, spielt aber im Endeffekt keine große Rolle. Es geht auch um die ganz großen Themen, wie den uralten Wunschtraum der Menschen nach Unsterblichkeit.

Nach Drohnenland waren meine Erwartungen an Hologrammatica sehr hoch und sie wurden noch komplett übertroffen!

Rezension & Foto Andy Ruhr.

Hologrammatica | Erschienen am 15. Februar 2018 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05149-0
560 Seiten | 12.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Drohnenland von Tom Hillenbrand.

Tim Herden | Schwarzer Peter

Tim Herden | Schwarzer Peter

Damp kam auf der Gegenseite mit dem Streifenwagen angefahren. Kein Blaulicht. Es konnte also nicht dringend sein. Damp hatte wieder die alte grüne Uniform an. Er ließ die Seitenscheibe herunter, winkte kurz Claasen zu, doch der erwiderte nicht seinen Gruß, sondern fuhr einfach los. Dann wandte sich Damp an Rieder: „Ein Toter liegt am Schwarzen Peter.“ (Seite 48)

Bei der Beerdigung des Unternehmers Werner Gilde in Kloster auf Hiddensee kommt es zum Streit zwischen Sohn und Witwe. Beide beschuldigen sich, für den Tod von Gilde verantwortlich zu sein. Die beiden Inselpolizisten Ole Damp und Stefan Rieder nehmen sich der Sache an und beginnen zu ermitteln. Dann kommt es zu einem weiteren Todesfall. Handelt es sich in beiden Fällen um Mord?

Rieder

Stefan Rieder ist vor einem Jahr von Berlin nach Hiddensee gekommen, um eine „Auszeit“ zu nehmen. In diesem Jahr ist schon ziemlich viel passiert: diverse Mordfälle wurden aufgeklärt, Rieder war in eine Undercover-Ermittlung involviert und hat einige Frauen kennen und lieben gelernt. Seine letzte Freundin, die ein Café in Neuendorf betrieben hat, ist vor kurzem nach Mallorca geflüchtet. Rieder wohnt in Vitte in einem kleinen Kapitänshaus mit Außentoilette.

Hiddenseer Künstlerinnenbund

Schwarzer Peter von Tim Herden ist der fünfte Insel-Krimi um Damp und Rieder. Ich muss zugeben, dass ich mich wahnsinnig auf dieses Buch gefreut habe, da der letzte Teil Harter Ort bereits vor zwei Jahren erschienen ist. Besonders gelungen finde ich die detaillierten und wahren Insel-Schauplätze der Ermittler, immer auch verbunden mit ein bisschen Wahrheit. In diesem Buch geht es um die Gemälde des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, also um die Werke von Frauen, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts auf der Insel niedergelassen und gemalt haben.

Gegensätzliche Ermittler

Die Protagonisten Damp und Rieder sind sehr unterschiedlich. Ole Damp ist der große, übergewichtige Polizist, der die Arbeit nicht gerade erfunden hat und sich am meisten freut, wenn er einen Radfahrer ohne Licht oder mit Handy am Ohr mit einem Bußgeldbescheid ausstatten kann. Rieder ist das genaue Gegenteil: Er stürzt sich in die Arbeit, gerade bei Mordfällen, behält den Überblick und ist auf Zack. Rieder wird bei den Insulanern auch besser aufgenommen und akzeptiert, so bekommt er schon mal ein Geheimnis aus den eher verschlossenen Bewohnern raus.

Wahre Schauplätze

Besonders toll an diesen Krimis finde ich, dass das Leben auf der Insel wirklich so beschrieben wird, wie es auch ist. Also abgesehen von den vielen Morden. Mein Mann und ich haben uns in einem Sommer auch schon mal den Spaß gemacht und sind mit dem Rad auf der Insel alle Schauplätze aus den Geschichten abgefahren und sind tatsächlich immer fündig geworden. Die Ermittler gefallen mir, weil sie oft „frei Schnauze“ reden, also ziemlich locker sind und sich nicht so gewählt ausdrücken, und es oft auch witzig ist. Dieses Buch bekommt Spannung, weil immer wieder eine Spur verfolgt wird, die sich dann doch in Luft auflöst und die Recherchen von vorn beginnen müssen. Für den Fall wird eine SOKO gebildet und Rieder und Damp bekommen Unterstützung, allerdings geht eine Ermittlerin gern auch unkonventionelle Wege und bringt damit teilweise alle in Schwierigkeiten.

Letzter Teil?

Das Buch lässt die Vorfreude auf meinen Sommerurlaub auf Hiddensee ansteigen. Leider habe ich die Seiten verschlungen und hatte nur zwei Tage Lesevergnügen. Normalerweise habe ich mich sonst immer damit getröstet, dass es in zwei Jahren ein neues Buch gibt, aber das Cover lässt erahnen, dass das diesmal nicht der Fall sein wird. In einem Interview mit dem MDR hat der Autor auch sowas durchblicken lassen.

Tim Herden wurde 1965 in Halle (Saale) geboren, ist seit 1991 Fernsehredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin, er leitet seit 2016 das MDR-Fernsehstudio dort. 2010 veröffentlichte er seinen ersten Hiddensee-Krimi Gellengold.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Schwarzer Peter | Erschienen am 6. März 2018 im Mitteldeutschen Verlag
ISBN 978-3-95462-758-5
308 Seiten | 12.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezension zu Tim Herdens Insel-Krimi Harter Ort

14. April 2018

Ian McGuire | Nordwasser

Ian McGuire | Nordwasser

„Es ist wirklich ungeheuerlich“, sagt Brownlee. „Haben Sie jemals so etwas gehört? Ein kleines Mädchen ist eine Sache. Ein kleines Mädchen, das könnte ich noch halbwegs verstehen. Aber doch keinen verdammten Schiffsjungen, Herrgott, nein. Wir leben in bösen Zeiten, Campbell, das dürfen Sie mir glauben. Böse und widernatürlich.“
Campbell nickt.
„Ich nehme an, der liebe Gott verbringt nicht viel Zeit hier oben im Nordwasser“, sagt er mit einem Lächeln. „Höchstwahrscheinlich mag er die Kälte nicht.“ (Auszug Seite 143)

Hull, Nordengland, 1859: Im Hafen wird das Walfangschiff „Volunteer“ auslaufbereit gemacht. An Bord gehen unter anderem der in sich gekehrte irische Arzt Patrick Sumner und der raue und gefährliche Harpunier Henry Drax. Das Ziel sind die eisigen Gefilden des Nordwassers nordöstlich von Grönland. Schon bald ist klar, dass diese Fahrt unter keinem guten Stern steht, denn ein Schiffsjunge wird zunächst brutal missbraucht und schließlich ermordet. Doch das ist nur der Auftakt zu einer wahren Höllenfahrt.

Reise unter keinem guten Stern

Schon vor dem Auslaufen ist klar, dass es mit der Fahrt der „Volunteer“ kein gutes Ende nehmen wird. Seit einigen Jahren beginnt das Petroleum den Waltran als Brennstoff abzulösen, zudem ist die Überfischung an vielen Stellen der Weltmeere bereits spürbar. So hat der skrupellose Eigner der „Volunteer“ denn auch mit dem Kapitän Brownlee ausgeheckt, dass das Schiff von der Reise nicht zurückkehren soll, um damit die Versicherungssumme zu kassieren. Die Mannschaft erfährt davon freilich nichts. Bis dahin soll aber durchaus der Laderaum gefüllt werden. Ein Schwesterschiff ist in der Nähe, um Ladung und Mannschaft bei der geplanten Havarie im Eismeer aufzunehmen.

So beginnt die Reise zunächst wie gewohnt. Die Crew geht auf Robben- und Waljagd. Die Stimmung an Bord ist rau, allerdings ist das auf einem Walfänger Normalität. Patrick Sumner verarztet die üblichen Kleinigkeiten, bis auf einmal ein Schiffsjunge ihn um Schmerzmittel bittet. Sumner besteht auf einer genauen Untersuchung und entdeckt rektale Verletzungen durch eine Vergewaltigung. Sumner ist entsetzt, doch der Junge schweigt aus Angst und redet von einem Unfall. Der Kapitän will den Fall nicht weiter verfolgen. Kurze Zeit später ist der Junge verschwunden und wird schließlich erdrosselt und erneut missbraucht aufgefunden. Rasch wird ein vermeintlicher Täter ermittelt. Dieser gesteht seine Homosexualität, doch er bestreitet, sich je an Knaben vergangen zu haben. Doch das überzeugt den Kapitän nicht. Sumner allerdings hat von Beginn an Zweifel an der Täterschaft. Er verdächtigt einen anderen, den Harpunier Drax.

Diese beiden Männer bilden die beiden Antipoden dieser Geschichte. Patrick Sumner ist ein Arzt, bei dem sich einige fragen, warum er auf einem Walfänger anheuert. Doch Sumner hat quasi keine andere Wahl. Er war bei der Armee in Indien, hat sich dort während kämpferischer Handlungen auf eine Dummheit eingelassen. Daher wurde er unehrenhaft entlassen, aber was ihm viel schlimmer zusetzt, ist, dass ein kleiner Junge, der ihm dort das Leben rettete, durch seinen Fehler getötet wurde. Nun ist Sumner am Ende, hält sich vorwiegend mit Laudanum über Wasser und hofft, mit der Reise auf dem Walfänger Zeit zu überbrücken. Trotz all seiner Selbstzweifel und seiner Drogenabhängigkeit, ist jedoch von Beginn klar, dass Sumner die Moral in dieser Geschichte verkörpert, denn obwohl sein Glaube und auch seine Zuversicht in Indien abhanden gekommen scheint, ist die tief sitzende Moralität ungebrochen. Ganz im Gegensatz dazu ist Henry Drax die dunkle Seite. Der Harpunier ist ein ruppiger, gewissenloser Mann, gewalttätig, ohne Skrupel. Schon zu Beginn beobachtet der Leser ihn bei einem eiskalten Mord an einem Mann, der ihm im Pub beleidigt hat, und bei einem Missbrauch an einem Jungen. McGuire bescheibt ihn im Abgang zu diesen Szenen als „wilden, unheiligen Machinisten“. Drax ist selbstbewusst und geübt darin, mit seinen Taten ungestraft davon zu kommen. Er glaubt nicht daran, dass Sumner eine Bedrohung für ihn darstellt.

Überlebenskampf

Sie werfen die letzten Holztrümmer in die Flammen und warten gespannt darauf, dass ihre Retter eintreffen. Sie rauchen ihre Pfeifen und blicken erwartungsvoll in die halbdunkle Ferne. Sie reden über Frauen und Kinder, über Häuser und Felder, die sie wiedersehen, wenn sie überleben. Während das Feuer niederbrennt und der Tag anbricht, rechnen sie jeden Moment mit einem Boot, doch es kommt keines. Nach einer Stunde vergeblichen Wartens gerinnt ihr Optimismus, etwas Ranziges und Bitteres nimmt seinen Platz ein. (Seite 201)

Ich mag gar nicht zu viel vom Plot verraten, denn der Mord an dem Schiffsjungen bleibt nur ein Textaspekt dieses Romans. Es geht in die eisigen Gefilden östlich von Grönland, wo das Nordwasser auch im Winter keine geschlossene Eisdecke bildet. Trotzdem bietet es eine eindrucksvolle Kulisse für diesen Roman, in dem das Eis, Eisbären und einheimische Inuit ebenfalls noch ein wichtige Rolle spielen und wo es letztlich, so viel sei verraten, auch auf einen Überlebenskampf hinausläuft.

Autor Ian McGuire stammt aus Hull, ist Literaturwissenschaftler und unter anderem auf Hermann Melville spezialisiert, den Autor von Moby-Dick. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er den Walfang zum Sujet seines zweiten Romans machte. Nordwasser war 2016 auf der Longlist zum Man Booker Prize. Die sehr gelungene Übersetzung übernahm Joachim Körber, Autor, Übersetzer (vor allem von Stephen King) und Verleger der „Edition Phantasia“.

Dieses Buch birgt vielerlei Facetten. Es ist ein historischer Roman, ein Thriller, ein Abenteuerroman, ein Roman mit philosophischen und psychologischen Elementen. Es ist definitiv nichts für schwache Gemüter, es fließt eine Menge Blut, es gibt viel rohe Gewalt. Aber es gehört definitiv zum Besten, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Ein Roman über den Kampf von Gut und Böse, sprachlich eindrucksvoll, dazu äußerst spannend geplottet. Unbedingt lesen!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Nordwasser | Erschienen am 13. Februar 2018 im Mare Verlag
ISBN 978-3-86648-267-8
304 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Für den Bildhintergrund verwendete Gunnar ein Foto des NASA Goddard Space Flight Centers.

7. April 2018

Henning Mankell | Mittsommermord

Henning Mankell | Mittsommermord

Vor zwei Wochen hatten sie beschlossen, wo sie sich treffen wollten. Da war er ihnen schon seit einigen Monaten dicht auf den Fersen. Schon am Tag, nachdem sie ihren Beschluss gefaßt hatten, suchte er die Stelle. […]
Als er dann die Stelle fand, die sie für ihre Mittsommernachtsfeier ausgesucht hatten, dachte er sofort, daß es der ideale Ort war.
Er lag in einer Senke. Darum herum wuchs dichtes Gebüsch, und es gab ein paar Baumgruppen.
Sie hätten keine bessere Stelle wählen können.
Weder für ihre eigenen Zwecke noch für seine. (Auszug Seiten 9-10)

Sommer in Schonen: Kommissar Wallander und seine Kollegen müssen einen Vermisstenfall bearbeiten, der aus ihrer Sicht vermutlich gar keiner ist. Drei junge Menschen sind seit Mittsommer verschwunden, als sie gemeinsam eine Feier geplant hatten. Allerdings schicken sie seitdem in regelmäßigen Abständen Ansichtskarten aus europäischen Städten. Die jungen Leute sind volljährig, es gibt keinen Anhaltspunkt für ein Verbrechen, Wallander würde vermutlich gar nicht ermitteln, wenn nicht besonders eine Mutter immer wieder die Polizei bedrängen würde. Doch dann werden die Polizisten von einem Mord erschüttert: Ihr Kollege Svedberg wurde in seiner Wohnung von einem unbekannten Täter erschossen.

Zunächst hat Wallander wenig Anhaltspunkte, bis er zwei Dinge herausfindet. Svedberg hatte offenbar eine Beziehung zu einer Frau, von der niemand etwas wusste. Er findet ein Foto und einen Namen, „Louise“. Außerdem bemerkt Wallander, dass Svedberg das Verschwinden der drei jungen Leute offenbar ernst nahm und während seines Urlaubs eigene Ermittlungen anstellte. Doch warum teilte er diese nicht mit seinen Kollegen? Mitten während der Mordermittlungen findet ein Wanderer im Wald die Leichen der Vermissten, die offenbar schon länger tot waren und nun arrangiert in festlichen Kostümen platziert wurden. Ein unfassbares Verbrechen, dass Wallander und seine Kollegen unter noch größeren Erwartungsdruck setzt. Aber Wallander hat schnell das Gefühl, dass beide Taten zusammenhängen. Die Frage ist nur: Wird der Täter wieder zuschlagen?

Mehr als 25 Jahre nach seinem ersten Auftritt in Mörder ohne Gesicht ist die Figur des Kurt Wallander ein fester Bestandteil des internationalen Kanons der Kriminalliteratur. Der Kommissar aus Ystad wirkte in insgesamt zwölf Bänden, war Protagonist in zahlreichen Verfilmungen, die zum Teil auf den Romanen beruhen, teils Figuren und Setting mit neuem Stoff adaptieren. 1991 erschien Mördare utan ansikte. Der Roman gewann auf Anhieb den schwedischen und skandinavischen Krimipreis. Der internationale Durchbruch ließ aber noch ein wenig auf sich warten. In Deutschland entschied sich der Rowohlt Verlag gegen eine Veröffentlichung. Die ersten drei Bücher erschienen ab 1993 beim kleinen Berliner Verlag edition q, der zum Quintessenz Verlag gehörte, einem Fachverlag für Zahnheilkunde. Erst 1999 übernahm der Paul Zsolnay Verlag die Erstveröffentlichungen.

Vor allem hofft ein guter Polizist, daß die Kriminalität abnimmt. Aber ein guter Polizist weiß gleichzeitig, daß dies kaum eintreten wird. Solange die Gesellschaft ist, wie sie ist. Solange Ungerechtigkeit der Motor des gesellschaftlichen Fortschritts ist. (Seite 400)

Nachdem es nach den Kommissar-Beck-Romanen international mit schwedischen oder skandivanischen Krimis relativ ruhig wurde, erlebte das später Scandinavian Noir getaufte Genre in den 1990ern international eine Renaissance (einer der herausragenden initiierenden Romane war Peter Høegs Fräulein Smillas Gespür für Schnee). Dabei wurde Henning Mankell mit Wallander zum bedeutenden Vertreter. Mankell sah sich in direkter Tradition von Sjöwall/Wahlöö: Beck und Wallander weisen durchaus ähnliche Züge auf und Mankell kritisiert Entwicklungen in der schwedischen Gesellschaft. Maj Sjöwall grenzte sich in einem Interview mit dem Spiegel jedoch auch deutlich von Mankell ab: „Mankells Bücher beschreiben nur den Zustand der Gesellschaft. Die Missstände, die er aufzeigt, sind so deutlich, dass jeder sie erkennt. Außerdem gibt er vor, realistisch zu schildern. Aber er überzieht stark, ist sehr brutal und schreibt ohne Humor.“ Dennoch ist Mankell sicherlich ein ausgewiesen politischer Autor, der vor allem für sein Engagement für die Palästinenser und für Afrika bekannt wurde. Er lebte auch jahrelang in Afrika, insbesondere in Mosambik. 2015 erlag Mankell einem Krebsleiden.

Mittsommermord erschien im Original 1997 als siebter Wallander-Roman. Es ist ein klassischer Polizeikrimi mit Fokus auf der Ermittlungsarbeit und dabei insbesondere auf der Figur Wallander. Mankell verwendet einen personalen Erzähler, der ausführlich auch das Innenleben des Kommissars beschreibt. Doch neben Wallanders Perspektive gibt es auch Kapitel oder Abschnitte aus Sicht des Täters, womit der Leser den Ermittlern oft (aber nicht immer) einen Schritt voraus ist. Der Täter ist ein psychisch gestörter Mann, ein Serienmörder mit bizarrem Modus, allerdings verzichtet Mankell auf Blutrünstigkeit, die Monstrosität der Taten genügt völlig. Die Polizeiarbeit wird als mühsam und energieraubend, aber auch akribisch und systematisch beschrieben.

Vor etwa fünfzehn Jahren habe ich begeistert Mankells Wallander-Krimis verschlungen und wollte nach langer Zeit überprüfen, ob mich die Werke immer noch begeistern können. Immerhin hat sich mein Krimigeschmack ja doch etwas weiterentwickelt. Ich habe dann Mittsommermord ausgewählt, weil ich noch dunkel im Hinterkopf hatte, dass dies der beste Teil der Reihe gewesen war. Und wie fällt mein Fazit nach dem Wiederlesen aus? Ich war aufs Neue absolut begeistert!

Das liegt weniger am eher soliden Schreibstil Mankells mit vielen, pragmatischen Hauptsätzen. Sondern am fast perfekten Plot mit großartigem Spannungsbogen, der immer wieder kleine Höhepunkte bereithält. Und letztlich vor allem an der Figur des Kurt Wallander. Der ist jetzt nicht so der absolute Sympathiebolzen, aber auch nicht das klischeehafte Wrack, das sich sonst so gerne in den nordischen Krimis einschleicht. Aber Mankell verlieht ihm etwas ganz Wichtiges: Authentizität. Ein Mann kurz vor der 50, geschieden, allein lebend. Ein gewissenhafter, intelligenter Polizist, allerdings manchmal auch etwas grantig und griesgrämig. Er kann durchaus im Team spielen, doch wagt auch riskante Alleingänge. Bei Wallander machen sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Der Fall geht total an seine Substanz. Rastlos, wenig Schlaf, ungesundes Essen, eine Diabetes wird ihm diagnostiziert. Doch er beißt sich durch alle Widrigkeiten und macht seinen Job. Kein strahlender Held, sondern ein Normalo, der zwar gut in seinem Beruf ist, den privat aber so einiges bedrückt.

Insgesamt war es ein absolut erfreuliches Wiedersehen mit Kommissar Wallander. Mittsommermord ist immer noch ein absolut spannender, hervorragend geplotteter Krimi, der außerdem über eine sehr wichtige Eigenschaft für einen guten Roman verfügt: Eine exzellent konzipierte, authentische Hauptfigur.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Mittsommermord | Erstmals erschienen 1997
Die gelesene Ausgabe erschien 2005 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-08607-6
aktuelle Taschenbuchausgabe des dtv Verlag vom 1. Mai 2010:
ISBN 978-3-423-21218-2
608 Seiten | 9.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

1.April 2018

Weiterlesen: Tobias Gohlis über Henning Mankell und seine Figur Wallander

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Ellen Sandberg | Die Vergessenen

Ellen Sandberg | Die Vergessenen

„Liebe Kathrin,
hier nun die Unterlagen, die dir sicher noch vertraut sind. Wir sollten besprechen, was wir damit tun. Seit einiger Zeit überlege ich, ob wir Kontakt zu den Angehörigen aufnehmen sollten. Sie ahnen die Wahrheit ohnehin. Sind wir Ihnen nicht die Gewissheit schuldig? (…)“ (Auszug Seite 202)

Kathrin Mändler erleidet einen Schlaganfall, als sie sich mit ihrem Neffen Chris um Geld streitet. Ihre Nichte Vera kümmert sich danach um alles und erfährt von Unterlagen, mit denen Chris jemanden erpressen will. Was sind das für Dokumente? Manolis Lefteris ist ein Mann für besondere Aufträge. Sein aktueller Fall: Die Akten von Kathrin Mändler aufspüren, bevor sie jemand anderes findet. Während seiner Suche entdeckt er und bald auch Vera, dass es sich bei den Unterlagen um den Beweis eines Verbrechens aus dem zweiten Weltkrieg handelt. Kann Vera Manolis zuvorkommen oder bleibt die so lange geheim gehaltene Tat unentdeckt?

Journalistin vs. Mann für besondere Aufträge

Vera Mändler ist Journalistin in München bei einer Frauenzeitschrift. Die Stelle bietet ihr ein sicheres Einkommen, entspricht aber eigentlich nicht Veras Ambitionen. Viel lieber würde sie im Metier Politik tätig sein. Veras Freund Manolis hat den Wunsch mit ihr zusammenziehen, aber sie möchte lieber weiterhin unabhängig in ihrer eigenen Wohnung leben und fürchtet sich vor einem gemeinsamen „Alltagstrott“. Manolis‘ Vater war ein Gastarbeiter aus Griechenland. Seine Familie wurde während des zweiten Weltkrieges geradezu abgeschlachtet und die nicht verwundeten Erlebnisse daran hat er an seinen Sohn weitergegeben, der nun mit den blutigen Bildern leben muss. Manolis hat kein Vertrauen mehr an die Justiz und deshalb kann er sein „Nebengewerbe“ ohne schlechtes Gewissen ausführen.

Unterhaltung mit Geschichte

Die Vergessenen von Ellen Sandberg ist ein wahrer Pageturner und nicht nur spannend, sondern auch interessant. Dieses Buch hat mir mal wieder bewiesen, dass man durchaus auch bei Unterhaltungsliteratur etwas lernen kann. Dieses Verbrechen, das damals in den Kriegsjahren begangen wurde, war mir nicht bewusst, ich habe hier das erste Mal davon gehört und war schockiert. Das geht vielen Menschen aus meiner Generation vermutlich so, deshalb ist das schon der erste Grund, dieses Buch zu lesen. In der Anmerkung weist die Autorin daraufhin, dass sie sich eng an die historischen Fakten gehalten hat.

Aus Sicht von Dreien

Außerdem ist das Buch sehr flüssig zu lesen und sehr spannend. Die Geschichte wird abwechselnd aus Sicht von Manolis und Vera geschrieben. Ab und zu fließen einige Kapitel aus dem Leben von Kathrin ein, angefangen mit ihrer ersten Stelle als Krankenschwester bis hin zu dem heutigen Leben. Die Protagonisten sind mir sehr sympathisch. Gerade bei Kathrin und Manolis denkt man sich vielleicht im ersten Augenblick, wie man nur so „gewissenlos“ handeln kann, aber im Buch wurden alle Gedanken und Beweggründe ausführlich beschrieben und sie sind für mich nachvollziehbar und verständlich. Die Lebensinhalte von Vera und Manolis, die außerhalb der Suche nach den Dokumenten beschrieben wurden, waren für mich nicht störend oder zu viel, sondern gerade richtig, um zu erfassen, wie die Person „tickt“.

Fazit: Großartige Spannung mit einem bisschen Geschichte.

Ellen Sandberg ist das Pseudonym der Autorin Inge Löhnig. Sie wurde 1957 geboren, studierte Grafikdesign und arbeitete zunächst in verschiedenen Werbeagenturen. Das ursprüngliche Hobby Schreiben wurde nach und nach zum Hauptberuf. Die Autorin schreibt vor allem Ermittlerkrimis um den Protagonisten Konstantin Dühnfort, aber auch Jugendthriller und mit diesem Buch erstmals einen Spannungsroman. Dieser Roman ist ihr Herzensbuch, das sie zehn Jahre mit sich getragen hat, bevor sie es schreiben konnte, schreibt Inge Löhnig auf ihrer Homepage. Auf dieses Thema ist sie durch eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 2005 gestoßen.

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Vergessenen | Erschienen am 27. Dezember 2017 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10089-8
512 Seiten | 13.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

10. März 2018