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Melinda Mullet | Whisky mit Mord

Melinda Mullet | Whisky mit Mord

Whisky mit Mord ist der Debüt-Roman von Melinda Mullet und spielt hauptsächlich in Balfour, Schottland.

Abigail Logan, 34, ist eine preisgekrönte Fotojournalistin, die für „The London Gazette“ in allen Krisengebieten der Welt unterwegs ist. Im Alter von acht Jahren verlor sie ihre Eltern durch einen Verkehrsunfall, seit dieser Zeit lebte sie bei ihrem Onkel Ben, einem erfolgreichen Londoner Aktienhändler, der mit Begeisterung die Vaterrolle an ihr übernommen hat.

Abby erhält bei ihrem letzten Job in Afrika die Nachricht, dass es Ben, der seit einiger Zeit an Krebs erkrankt war, deutlich schlechter geht. Obwohl sie sofort zurückfliegt, trifft sie ihn leider nicht mehr lebend an. Von seinen Anwälten wird sie dann darüber informiert, dass sie seine Ländereien und Liegenschaften in Schottland, wozu auch die Whisky-Brennerei „Abby Glen“ in Balfour gehört, geerbt hat. Bei einem Treffen mit ihrem besten Freund Patrick, stellvertretender Herausgeber des Magazins „Wine and Spirits Monthly“, macht dieser ihr erst mal klar, dass es sich bei Abby Glen keineswegs um – wie von ihr vermutet – eine kleine heruntergekommene Brennerei, sondern um eine der angesagtesten Nobeldestillerien für Single Malt Whisky in Schottland handelt. Das scheint auch anderen bekannt zu sein, denn kurz nach der Besprechung mit den Anwälten erhält sie einen Drohbrief, der sie anscheinend davon abhalten soll, die Brennereigeschäfte zu übernehmen. Zusätzlich trifft ein Floristenkarton bei ihr ein, Inhalt: ein Riesenstrauß Disteln mit einer Trauerschleife, jedoch ohne weitere Nachricht. Abigail macht sich trotzdem – getreu dem Motto: Bange machen gilt nicht – mit ihrem Hund Liam und Freund Patrick auf nach Schottland, um sich ihr Erbe anzusehen, die Mitarbeiter kennen zu lernen und dann zu entscheiden, ob sie übernimmt oder verkauft.

Nachdem sie sich zunächst die Destillerie angesehen haben, fahren sie zu Bens Wohnhaus und erleben dort die nächste unliebsame Überraschung, an der Haustür hängt eine tote Ente, deren Blut sich über die Eingangsstufen ausgebreitet hat. War der Empfang schon nicht allzu freundlich, geht es in den folgenden Tagen erst so richtig los: nach Manipulationen an den Geräten der Destillerie findet Abby bei einem Kontrollgang einen jungen Angestellten tot in einem Gärbottich, die Mälzscheune geht in Flammen auf und es treffen weitere Drohbotschaften ein.

In ihrem Roman stellt die Autorin eine Protagonistin in den Mittelpunkt, die, gestählt durch ihren beruflich bedingten Aufenthalt in Krisengebieten, sich auch von den Drohungen und Machenschaften der Inhaber anderer Brennereien, die sich zu gerne „Abby Glen“ aneignen würden, nicht einschüchtern lässt. Auch die Charaktere der Mitstreiter bzw. Gegner sind interessant gestaltet, als Leser rätselt man doch einige Zeit, wer zu welcher Gattung gehört.

Im gesamten Handlungsverlauf wird die anfängliche Spannung nicht nur gehalten, sondern bis zur überraschenden Auflösung noch gesteigert, der Schreibstil ist flüssig und humorvoll. Zusätzlich ist erkennbar, dass die Autorin sich ein gutes Hintergrundwissen (evtl. durch ihren Ehemann, einem Whisky-Sammler aus Leidenschaft) über die Whisky-Brennerei, die Vermarktung und auch den Wert von Whisky-Sammlungen angeeignet hat – auch für Nicht-Whisky-Trinker durchaus interessant.

Mein Fazit: Ein gelungener Debüt-Roman, Lesevergnügen bis zum Schluss!

Melinda Mullet hat britische Eltern, ist allerdings in den USA geboren und aufgewachsen. Sie besuchte Schulen in Texas, Washington D.C., England und Österreich. Sie ist Rechtsanwältin und hat sich für Kinderrechte und Schulausbildung von Kindern auf der ganzen Welt eingesetzt. Sie hat viele Reisen unternommen und lebt in der Umgebung von Washington D.C. mit ihrem Ehemann, einem Whisky-Sammler, und zwei Töchtern.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Whisky mit Mord | Erschienen am 13. Juli 2018 bei Aufbau Verlag
ISBN 978-3-7466-3391-6
384 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Simone Buchholz | Mexikoring Bd. 8

Simone Buchholz | Mexikoring Bd. 8

Dortmund, mein Herz hämmert

Am 20. September 2018 stellte Simone Buchholz ihren neuesten Kriminalroman Mexikoring vor, dem mittlerweile achten Band ihrer Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley. Und sie las ihre eigens für Dortmund geschriebene Kurzgeschichte „Dortmund, mein Herz hämmert“ vor, die sie exklusiv für die neunte Anthologie Henkers.Mahl.Zeit geschrieben hat. Die Sammlung von regionalen Kurzkrimis wird seit neun Jahren zeitgleich zum Krimifestival Mord am Hellweg vom Grafit Verlag herausgegeben und Simone Buchholz ist eine von 23 Autorinnen und Autoren, die den Hellweg mit Leichen pflastern dürfen.

Dass der auf St. Pauli lebenden Autorin Dortmund zugewiesen wurde, hat sie sehr gefreut, denn zu Dortmund hat sie eine besondere Beziehung. Ihr guter Freund Achim Multhaupt, zuständig übrigens für die schönen Cover ihrer Hamburg-Krimis, hatte sie vor langer Zeit mal in die Industriestadt eingeladen. Und sie verlor ihr Herz in dem Moment, als sie auf der Südtribüne des Westfalenstadions einen 3:2 Sieg des BVBs mitbekam. Mitreißend schilderte sie noch mal ihre Empfindungen, als Leonardo Dedé das Siegtor schoss und die ganze Tribüne erbebte. Damit hatte sie natürlich das Publikum im Sturm erobert.

Die Kokerei Hansa in Dortmund-Huckrade am Tag der Lesung

In der Waschkaue

Simone Buchholz, die letztes Jahr einige Tage zwecks Recherchearbeiten vor Ort verbrachte, gefielen besonders das Viertel rund um das Dortmunder U und deshalb spielt das Unionsviertel neben dem Phönix-See und der Kokerei Hansa eine große Rolle in ihrem Kurzkrimi. Die Kokerei Hansa war zum ersten Mal Veranstaltungsort für Mord am Hellweg. Simone Buchholz hatte sich die Waschkaue als Lesungsort ausgesucht und das nicht nur, weil sie als bekennende Industieromantikerin die raue Industriekulisse so liebt. In ihren Romanen arbeitet sie immer mit Rhythmus. Dieser ist ihr sehr wichtig und sie zieht eine Verbindung zur Kokerei, wo Stahl auf Stahl einen ähnlichen Rhythmus erzeugt. Außerdem spielt ihre Kurzgeschichte, übrigens ein Riley-Spinoff genau hier. Denn die junge Frau, die auf ihrer Flucht in Dortmund landet, ist Aliza Anteli, einer der Nebenfiguren in Mexikoring. Die intelligente Aliza will nicht das Schicksal ihrer älteren Schwestern erleiden, die ab einem Alter von vierzehn Jahren für fünfstellige Summen verkauft wurden. Bevor dieses passiert, verschwindet sie und landet mit einem roten 7,5-Tonner in Dortmund.

Simone Buchholz verrät noch einen witzigen Funfact, und zwar, dass sie sich für die Anthologie öfter mit den Kollegen Max Anna und Franz Dobler kurzgeschlossen hat. Und dabei hatten die drei beschlossen, dass in jeder ihrer Storys ein roter 7,5 Tonner vorkommen soll.

Im ersten Teil der Lesung geht es aber um ihren aktuellen Krimi und ihre Reihe um Chastity Riley. Diese wurde seit dem fünften Band kaltgestellt und darf nur noch als ermittelnde Staatsanwältin operieren. Gut gelaunt erzählt die Autorin, dass ihr oft vorgeworfen wird, dass in ihren Büchern so viel Alkohol getrunken würde. Darauf reagiert sie dann immer ganz trotzig und lässt noch mehr Alkohol fließen. Auch in ihrem achten Hamburg-Krimi wird auf knapp 250 Seiten viel getrunken und noch mehr geraucht.

Es war einer dieser Anrufe am frühen Morgen, die einen ohne Punkt und Komma auf die Spur schicken. Ob ich da eben hin könnte. Ein brennendes Auto. Schon wieder. Wir müssten das mit den brennenden Autos langsam mal in den Griff kriegen, hieß es. Die brennenden Autors interessieren mich nicht besonders. Du weißt genau, warum deine Autos brennen, Hamburg. (Seite 12)

Romeo und Julia

Chas Riley ist permanent müde und ziemlich genervt, als sie morgens früh zu einem Tatort am Mexikoring gerufen wird. Ein brennendes Auto ist in Hamburg schon lange nichts Besonderes mehr, aber in diesem Wagen sitzt noch ein junger Mann, der wenig später an seinen Verbrennungen verstirbt. Als die Untersuchungen ergeben, dass er vorher betäubt wurde, ist klar, dass es sich definitiv um Mord handelt. Er wird als Nouri Saroukhan identifiziert und gehörte zu einer der Mhallamiye-Familien; kurdische Libanesen, die vorrangig in Bremen agieren. Nouri wollte aus dem kriminellen, von Gewalt geprägten Leben seines Clans ausbrechen und hat seine Familie Richtung Hamburg verlassen, wo sich seine Jugendfreundin Aliza Anteli versteckt hält. Schon als Kinder wollten die beiden ausbrechen und träumen nun von einem Leben in Mexiko. Es ist eine verbotene Liebesgeschichte, denn Alizas Zwangsheirat mit einem anderen ist von ihrer Familie bereits beschlossene Sache.

Riley macht sich mit einer schnell zusammengestellten Soko auf nach Bremen. Die Saroukhan-Familie verhält sich abweisend und zeigt kein Zeichen von Trauer. Sie leben abgeschottet in einer Parallelgesellschaft, halten von der Polizei gar nichts und regeln ihre Angelegenheiten intern. Sie haben Nouri, der nach einem abgebrochenem Jurastudium bei einer Versicherung arbeitete, verstoßen.

Eine Milieustudie

Buchholz greift in diesem Band ein aktuelles, politisch brisantes Thema auf und zeigt dem Leser ein Milieu, das die meisten wahrscheinlich nur aus den Medien kennen. Sie hat gut recherchiert und gibt einen faszinierenden sowie realistischen Einblick in die Welt der großen kurdischen Familienclans, die es in dieser Form in Deutschland seit den 80er Jahren gibt. Die arabischen Großclans sind eine in sich geschlossene Gesellschaft mit eigenen Gesetzen und Strukturen und das ist in der deutschen Realität viel zu spät wahrgenommen worden. Mittlerweile sind sie eng mit der organisierten Kriminalität verwoben und profitieren davon, dass sie nur auf Verwandtschaft basieren, als Preis versäumter Integration.

Fazit

Die Wahlhamburgerin erzählt die Geschichte in ihrem eigenen unverkennbaren Schreibstil mit knackigen Sätzen in kurzen Kapiteln. Spannung wird durch den Wechsel mehrerer Erzählstränge erzeugt. Der Leser begleitet die Ermittlungen auf Tritt und Schritt, ist immer ganz nah an den Figuren. Das Team der Staatsanwältin ist mit Ecken und Kanten ausgestattet und für Chas fast schon so was wie eine Ersatzfamilie. Alle haben ihr Päckchen zu tragen, kämpfen mit Zweifeln, Verunsicherung und Einsamkeit und wirken daher sehr authentisch. Chas selbst ist eine spröde aber doch coole, lässige Frau mit einem trockenen Humor. In diesem Band bewegt sie sich müde und ausgebrannt, aber nie empathielos durch die Geschichte.

Simone Buchholz habe ich tatsächlich erst vor kurzem für mich entdeckt und zunächst mal mit dem Band Eins Revolverherz angefangen. Und ich war sofort fasziniert von der unkonventionellen Ich-Erzählerin Chas Riley, dessen Vater Amerikaner ist. Das Besondere an dieser Reihe ist nicht unbedingt der Krimi-Plot, sondern eher dieser spezielle Sound, den die Autorin erschaffen hat. Der Ton ist teilweise schnoddrig und dann wieder melancholisch und voller Poesie. Herausgekommen ist ein spannender und gesellschaftskritischer Großstadtkrimi.

Es war ein sehr schöner Abend mit einer sympathischen gut gelaunten Autorin. Dazu trug auch die leckere Currywurst bei, die in der Pause serviert wurde.

 

Bericht von der Lesung, Rezension und Fotos von Andy Ruhr.

Mexikoring | Erschienen 10. September 2018 bei Suhrkamp
ISBN 978-3-518-46894-4
247 Seiten | 14.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Kurts Rezension zu Simone Buchholz‘ Roman Blaue Nacht

Burkhard Wetekam | …und am Dornbusch fällt ein Schuss

Burkhard Wetekam | …und am Dornbusch fällt ein Schuss

„Sylke fragte sich später, was ihre erste Empfindung gewesen war, als sie diese Worte gehört hatte. Erschrecken? Kaum. Nervosität? Nicht wirklich. Gegen neun hatten die Kollegen über Funk vom Leichenfund auf dem Leuchtturm gehört und das Thema war längst über alle Flure des Polizeireviers in Barth gelaufen.“ (Auszug Seite 5)

Am Leuchtturm Dornbusch auf Hiddensee wird die Leiche des bekannten und umstrittenen Klimaforschers Volker Flosbach gefunden. Flosbach war einigen ein Dorn im Auge, da er behauptete, der Meeresspiegel wird durch den Klimawandel in einigen Jahren so sehr angestiegen sein, dass ganze Ortschaften überspült und vernichtet werden. Für die Ermittlungen zu dem Mord wird eine SOKO gebildet, die Sylke Bartel, Dienststellenleiterin aus Barth, anführt. Außerdem beauftragt die Tochter des Ermordeten den Privatermittler Tom Brauer, sich ebenfalls nach Spuren umzusehen.

Gut, sich ein eigenes Bild zu machen

Bevor ich …und am Dornbusch fällt ein Schuss von Burkhard Wetekam begonnen habe, gab es eine recht kritische Rezension dazu in der lokalen Presse, sodass ich fast mit Befürchtungen die erste Seite aufgeschlagen habe. Im Nachhinein freue ich mich allerdings darüber, dass ich diesem „Verriss“ so gar nicht zustimmen kann und ich den Krimi wirklich gern gelesen habe.

Klassische Kriminalgeschichte

Diese Geschichte ist ein klassischer Kriminalroman, bei dem der Fokus auf der Aufklärung des Mordes liegt. Dabei geht es unblutig zu, das Hauptaugenmerk liegt bei Recherchen, Befragungen und Zusammenhänge erkennen. Die Polizistin Bartel und der Privatermittler Brauer kommen sich dabei gehörig in die Quere, was auch damit zusammenhängt, dass Bartel einen eher schlechten Start auf der Insel hatte und dadurch mit ihren Ergebnissen zurückliegt. Der Spannungsbogen schießt nicht in ungeahnte Höhen, ist aber durchaus vorhanden und ich konnte das Buch flüssig und ohne Längen lesen.

Viel Ostsee und ein paar Klischees

Schauplätze des Romans sind neben der gesamten Insel Hiddensee Stralsund und Zingst auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Die Orte wurden umfangreich und wahrheitsgetreu beschrieben. Bei den Inselbewohnern wurde etwas in die Klischeekiste gegriffen, wie ich finde. Beispielsweise der etwas dümmliche Inselpolizist, der sich lieber um falsch fahrende Radler kümmert, als um den Mordfall oder die zwei Ermittler Bartel und Brauer, von denen einer bei den Bewohnern aneckt und der andere gleich bei der ersten Begegnung eine Runde Bier ausgibt. Das habe ich so oder so ähnlich auch schon in den Krimis von Tim Herden gelesen.

Roter Faden erkennbar

In der oben genannten Kritik wurde angekreidet, dass zu viele Personen beschrieben werden und es keinen roten Faden in der Geschichte gibt. Ich persönlich kam bei allen Handelnden gut mit und jeder hatte seine mehr oder wenige wichtige Rolle. Es war meiner Meinung nach außerdem erkennbar, dass es immer um die Festnahme des Mörders ging. Dass auf über dreihundert Seiten die eine oder andere persönliche Anekdote der Protagonisten fällt oder Bartel seine Freundin mit in die Ermittlungen einspannt, hat mich nicht gestört.

Burkhard Wetekam wurde 1968 am Rande des Ruhrgebietes geboren. Als Journalist hat er unter anderem für den Deutschlandfunk und die Wochenzeitung DIE ZEIT gearbeitet. Seit Jahren reist er regelmäßig an die Ostsee und erkundet die Landschaft zwischen Lübecker Bucht und Rügen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Hannover. (Verlagsinfo)

Zur Einstimmung auf Hiddensee und die Geschichte kann ich den Video-Trailer des Autors auf seiner Website empfehlen.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

…und hinterm Dornbusch fällt ein Schuss | Erschienen am 1. Februar 2018 im Hinstorff Verlag
ISBN 978-3-35602-178-3
352 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Buchtrailer

Weiterlesen: Die erwähnten Krimis von Tim Herden wurden ebenfalls bei uns besprochen.

Katharina Peters | Todeswoge Bd. 3

Katharina Peters | Todeswoge Bd. 3

„Wir hatten in den letzten Jahren nur noch unregelmäßig Kontakt, aber es gibt immer einen Termin, den Ingo nie vergisst – meinen Geburtstag. Das klingt pathetisch, vielleicht sogar albern, doch so war es, und zwar seit ungefähr zwanzig Jahren. In diesem Jahr meldete er sich allerdings nicht, auch später ließ er nichts von sich hören.“ (Auszug Seite 14)

Emma Klar, Privatdetektivin in Wismar, bekommt einen Auftrag von einer besorgten Frau, die ungewöhnlicherweise keinen Geburtstagsgruß von ihrem Schulfreund erhalten hat und ihn als vermisst meldet. Emma beginnt sofort mit der Recherche und braucht nicht lange, um die ersten Hinweise zu finden. Der vermisste Ingo Beyer stand vor einigen Jahren wegen Kindesmordes vor Gericht, wurde aber freigesprochen. Hat sein Verschwinden damit etwas zu tun? Schnell spitzt sich der Fall zu und Emma erkennt, dass es hier um viel mehr geht und sie Hilfe von der Polizei, speziell von ihrer Freundin vom BKA, benötigt.

Ein komplexer Fall

Todeswoge von Katharina Peters ist der dritte Ostsee-Krimi um Emma Klar und der zweite Fall, in dem sie als Privatdetektivin arbeitet. Diese Geschichte liest sich durchgängig so flüssig und gleichbleibend interessant, dass ich die gut dreihundert Seiten an einem Sonntag verschlungen habe. Aus einer einfachen Suchauftrag ergibt sich schnell ein komplexer Fall, der seinen Ursprung schon vor fast zwanzig Jahren hatte und jetzt aktuell wieder aufbrandet. Dabei verhält es sich keineswegs, wie alle Involvierten zunächst annehmen, der Lauf der Ermittlungen ändert sich immer wieder.

Eine ehemalige LKA-Mitarbeiterin…

Der Krimi wird relativ seicht beschrieben, es kommt zu keinen blutigen Vorkommnissen. Emma Klar wird ihrer Rolle als ehemalige LKA-Mitarbeiterin, die auch gern mal Grenzen übertritt und nicht immer ganz besonnen agiert, am Ende aber doch den richtigen Riecher hatte, gerecht. Als Privatdetektivin entzieht sie sich vielen Regeln, die sie im Polizeiapparat beachten müsste, hat aber auch nicht den vollen Zugriff auf alle Hilfsmittel, um schnell Informationen zu erhalten. Dafür kennt sie eine Menge Leute, auch noch von früher, die ihr dabei helfen.

…und die Liebe

Die Protagonistin hat in diesem Buch eine neue Liebe, die sie bereits in ihrem ersten Buch kennengelernt hat und die ihr bei den Ermittlungen hilft. Die beiden wirken auf mich wie ein eingespieltes Team und sehr sympathisch.

Mir persönlich hätte die Ostsee in der Genre-Bezeichnung noch etwas mehr Programm sein können. Der Krimi spielt sich hauptsächlich in den Hansestädten Wismar und Rostock ab, es geht aber auch weiter ins Innere von Mecklenburg und bis nach Berlin.

Lesung in Rostock

Am 11. September 2018 war ich zu einer Lesung der Autorin in Rostock. Sie hat dort etwa eine Stunde vorgelesen, was allein schon ein Highlight war, da sie das Gelesene und die Dialoge sehr gut betont hat und mit Mimik und Gestik war es fast wie im Theater. Das Vorlesen hat sie bei ihren Söhnen perfektioniert, denn denen hat sie immer lieber vorgelesen als zu puzzeln oder Laternen zu basteln. Außerdem hat die Autorin erzählt, dass ihr Pseudonym Katharina Peters der Mädchenname ihrer Mutter ist, die selbst gern an der Ostsee und auf Rügen war. Ihre Ideen zu den neuen Büchern entnimmt sie allen möglichen Alltagssituationen. Aktuell schreibt die Autorin drei Reihen beim Aufbau-Verlag, von denen jeweils jährlich ein neuer Fall erscheint. Der neue Emma Klar-Krimi ist bereits geschrieben und wird im nächsten Jahr veröffentlicht.

Katharina Peters ist das Pseudonym für die Autorin Manuela Kuck. Sie wurde 1960 in Wolfsburg geboren und hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Heute lebt Manuela Kuck mit ihrer Partnerin, zwei Hunden und vier Katzen als freie Autorin im südöstlichen Berliner Umland und veröffentlicht Regionalkrimis, Romane, Frauenliteratur und Kurzgeschichten. Außerdem ist sie zehnfache Berlin-Marathon-Finisherin und begeistert sich für Aikido, eine japanische Kriegskunst.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Todeswoge | Erschienen am 15. Juni 2018 bei
ISBN 978-3746634159
317 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Katharina Peters Romanen Todesstrand Bd. 2, Leuchtturmmord und Herztod.

Luis Sellano | Portugiesische Tränen

Luis Sellano | Portugiesische Tränen

Portugiesische Tränen von Luis Sellano, ein Lissabon-Krimi mit viel Action

Der Roman spielt nicht nur und ausschließlich in Lissabon, er handelt auch hauptsächlich von Lissabon, die Stadt am Tejo ist Hauptdarsteller und stets präsent. Auf Schritt und Tritt begleiten wir Henrik Falkner auf seinen Wegen durch die unterschiedlichsten Stadtteile, vorbei an mancher Sehenswürdigkeit und hinein in außergewöhnliche Gebäude. Sellano (das Pseudonym eines deutschen Autors) hat es sich ganz offensichtlich zur Aufgabe gemacht, dem Leser die Schönheiten und Besonderheiten Lissabons näher zu bringen. Und dieser Städtetrip der besonderen Art macht auch wirklich Spaß, selbst wenn die Stationen der Rundgänge etwas übertrieben genau verortet werden. Ich muss nicht unbedingt jede Straße und Gasse, jede Kreuzung und jeden noch so kleinen Platz mit Namen kennenlernen. Das besondere Flair, die Stimmung der Frühlingsabende, die einzigartige Atmosphäre in den historischen Vierteln der Stadt mit ihren alten, kleinen und dunklen Häusern, den engen, steilen und verwinkelten Gassen. Die Alfama, Mouraria und Graça, sozusagen die Altstadt, geben die Kulisse ab für die aufregenden Abenteuer des ehemaligen Polizisten Henrik Falkner.

Sellano liefert einen soliden Krimi ab, gut strukturiert, mit einem schlüssigen Plot, der folgerichtig voranschreitet, mit ordentlichem Tempo, das fast über den gesamten Roman beibehalten wird und sich zum Ende hin wie es sich gehört noch einmal ordentlich steigert, mit jeder Menge Action und durchweg beträchtlichem Nervenkitzel, dazwischen der richtigen Dosis Entspannung und auch unerwartet heiteren oder humorvollen Abschnitten. Dabei schreibt Sellano sehr gefällig, mühelos und mit Genuss kann man seinen schönen Milieustudien der Stadt und ihrer Einwohner folgen, wobei wir seltsamerweise kaum einen Portugiesen kennenlernen, aber das ist vermutlich dem Thema dieses Romans geschuldet.

Es geht nämlich um die Jagd nach einem gestohlenen Koi, nicht irgendeinem Koi, sondern einem Purachinagoi, einem platinfarbenen Koi, der ein vollendetes Ebenbild des Gottfisches darstellt. Einer japanischen Legende zufolge verleiht er seinem Besitzer nicht nur besonderen Mut, sondern letztlich Unsterblichkeit, im übertragenen Sinn. So jedenfalls erklärt es Hitomi Tadokoro, die für eine Versicherungsgesellschaft hinter dem verschwundenen Karpfen herjagt. Henrik hat für derlei Aberglauben nur ein Achselzucken übrig. Er erkennt, dass es vielmehr um Macht und Kontrolle geht, basierend auf Reichtum und Besitz.

Auf die Spur der geheimnisvollen Japanerin hatte ihn eine Telefonnummer geführt, gefunden auf einem schmalen Stück Papier, das eine Flasche mit kostbarem Hibiki versiegelte, einem japanischen Whisky. Die war versteckt in einer verstaubten Kiste in seinem Antiquariat, das ihm sein Onkel Martin vererbt hat, zusammen mit einer Unmenge geheimnisvoller Hinweise auf ungeklärte Verbrechen, die er dokumentiert hat, seit sein Lebensgefährte ums Leben kam, getötet von einem Unbekannten. Martin Falkner hatte eine steile Karriere bei der Staatsanwaltschaft vor sich, zog es aber vor, seiner Liebe João de Castro, einem Künstler, nach Lissabon zu folgen. In Diensten der Bundesregierung im konservativen deutschen Justizapparat hätte er sich wohl kaum zu seiner Homosexualität bekennen können. Bei seiner Suche nach dem Mörder seines Lebenspartners stößt er auf weitere Verbrechen, an deren Aufklärung die Behörden wohl kein Interesse hatten, offenbar auf Druck korrupter Politiker, wichtiger Wirtschaftsbosse und einflussreicher Industrieller, denen seine Recherchen sicher ein Dorn im Auge waren. Als er schließlich einem Herzinfarkt erliegt, bezweifeln einige Freunde und Bekannte die Todesursache, auch Henrik glaubt nicht an diese Version.

Er will die Wahrheit herausfinden, und er geht den versteckten Zeichen seines Onkels auf ungesühnte Gewalttaten nach und führt so dessen Suche nach Gerechtigkeit fort. Damit bringt er sich ebenso in Gefahr, und immer wieder auch Personen in seinem Umfeld. Catia, seine einzige Angestellte, ist vor ein paar Monaten entführt worden. Schließlich kam eine Karte von ihr, auf der sie kurz mitteilte, sie sei bald wieder freigelassen worden und lebe nun bei einer Freundin auf São Miguel und solange Henriks Feinde auch sie im Visier hätten, wünsche sie keinerlei Kontakt. Henrik glaubt die Geschichte nicht recht, ebenso wenig wie sein Freund Renato Fernandez, ein Travestiekünstler und einer aus dem buntgemischten Völkchen seiner meist säumigen Mieter. Er hat schon Henriks Onkel im Antiquariat geholfen und bringt sich mehrfach durch unbedachte und leichtsinnige Aktionen in größte Gefahr und zieht sich gleichzeitig den Ärger von Inspetora Helena Gomes von der Divisão de Investigação Criminal der Lissabonner Polizei zu. Die beiden sind ineinander verliebt und mittlerweile heimlich ein Paar, aber mit seinen gegenwärtigen Aktivitäten auf eigene Faust bringt er seine Freundin gegen sich auf, zumal er für sich behält, was er bei seinen Recherchen herausfindet.

Henrik hat seinen Onkel nie kennengelernt. Die mysteriösen Umstände der beiden Todesfälle, das Verschwinden von Catia und nun der gestohlene, äußerst wertvolle Fisch. Henrik hat eine Menge Arbeit vor sich, da bleibt keine Zeit für das Antiquariat. Die aktuelle Jagd nach dem Koi führt ihn schließlich zu Professor Makoto Udagawa, einem hochrangigen Diplomaten der japanischen Botschaft, dessen Tochter vor einem Jahr verschwunden ist. Er ist es, der zur gleichen Zeit den sagenumwobenen Fisch stehlen ließ, offenbar mit Hilfe von Martin Falkner. Nun ist ihm das Tier seinerseits geraubt worden, und Henrik soll sowohl den Koi als auch das Mädchen finden. Bei seinen Nachforschungen ahnt Henrik, auf was er sich da eingelassen hat. Hitomi Tadokoro ist nicht die erste, die wegen des Wunderfisches gestorben ist, und sie wird nicht die letzte bleiben. Das hindert Henrik nicht daran, sich mit gefährlichen und mächtigen Gegnern anzulegen, selbst als er auf offener Straße von einem alten Gegenspieler bedroht und von einem anderen zusammengeschlagen wird. Unverdrossen rappelt er sich nach allen Rückschlägen und auch nachdem er mehrfach knapp mit dem Leben davongekommen ist wieder auf, büxt sogar schwer verletzt aus dem Krankenhaus aus, um seine Mission zu erfüllen. Immer wieder wagt er sich auf höchst gefährliches Terrain, und Sellano hat sich wahrlich beeindruckende Schauplätze und imposante Kulissen ausgedacht für die turbulenten Aktionen und heiklen Situationen, die sein Held überstehen muss. Das mitzuerleben macht richtig Spaß, denn Sellano schafft es hervorragend, den Akteuren die ganz große Bühne für ihre Auftritte zu bereiten, in vielen Momenten ist die Spannung greifbar, eine knisternde Atmosphäre begleitet die Szenen, in denen es für Henrik um Leben oder Tod geht. Aber auch in den eher ruhigen, gemächlichen Passagen gelingen schöne Dialoge und stimmungsvolle Milieustudien.

Zum einigermaßen glücklichen Ende ist zumindest das Rätsel um den verschwundenen Koi gelöst, andere Fragen bleiben weiter offen, und auch hinter der Beziehung von Henrik und Helena steht ein Fragezeichen. Dass Sellano diese Handlungsfäden im folgenden Roman weiterspinnen will, ist offensichtlich und legitim. Dass er aber nach dem Schlusspunkt noch zwei ganze Kapitel weiterschreibt, deren Inhalt bereits zu diesem nächsten Buch der Reihe gehört, nervt den Leser mit allzu dreisten Cliffhangern. Bedauerlicherweise finden sich im Text außerdem einige auffällige und ärgerliche Fehler. Dass der bekennende Lissabon- und Portugal-Liebhaber Sellano mit der portugiesischen Sprache (noch?) auf Kriegsfuß steht, sei verziehen, aber dass er die Saudade ständig „der Saudade“ nennt, das tut weh! Und warum der Koreanische Arbeiter in einer Fischfabrik einen vietnamesischen Namen hat, bleibt auch sein Geheimnis. Aber einige schludrige Formulierungen hätte Sellano durchaus vermeiden können. „Anziehsachen“ ist ein Ausdruck, den heute leider viele Menschen, und nach meiner Wahrnehmung alle Jugendlichen verwenden, ein Schriftsteller sollte noch die schönen Worte „Kleidung“ oder „Kleider“ kennen. Ein einigermaßen sorgfältiger Lektor hätte auch etliche Grammatikfehler, Patzer in der Wortwahl und auch mehrere Druckfehler entdeckt.

Wenn ich diese vermeidbaren Ausrutscher nicht zu hoch bewerte, verdient Portugiesische Tränen in der Wertung 4.0 von 5.0.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Portugiesische Tränen | Erschienen am 10. April 2018 bei Heyne
ISBN 978-3-453-41946-9
352 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe