Kategorie: 4 von 5

Christina Bacher | Bolle und die Bolzplatzbande: Das Römergrab

Christina Bacher | Bolle und die Bolzplatzbande: Das Römergrab

Das Römergrab ist bereits der 7. Fall für die Bolzplatzbande, einem Köln-Krimi für Pänz.

Die Hauptpersonen: Die Bolzplatzbande, bestehend aus den Schulfreunden Laura, Sema, Kevin sowie dem tadschikischen Flüchtlingsjungen Wladi, der seit einem knappen Jahr in Köln lebt.

Die Handlung spielt im Köln der Gegenwart. Tatsächlich werden in Köln immer wieder bei Bauarbeiten Relikte aus der Römerzeit ausgegraben, im Römisch-Germanischen Museum kann man anhand der dort ausgestellten Objekte einiges über die Römerzeit erfahren.

Passend am letzten Schultag vor den Ferien ergibt sich ein neuer Fall für die Bolzplatzbande. Wladi hat Lauras Mutter telefonisch Bescheid gegeben, dass Laura ihn in der Werkstatt des mit ihnen befreundeten Straßenkehrers Bolislav Fischer, genannt Bolle, treffen soll. Bolle hat Wladi mitten in der Nacht eine SMS mit einer Bitte um Hilfe geschickt und mitgeteilt, dass er in eine heiße Sache verwickelt ist. In der Werkstatt ist Bolle jedoch nicht, stattdessen sieht alles nach einem Einbruch aus und an die Wand wurde in schwarzen, riesengroßen Buchstaben die Botschaft „Cave Canem“ (Warnung vor dem Hund) geschrieben. Alles sehr rätselhaft und somit perfekt für die Detektive der Bolzplatzbande.

Bei ihren Ermittlungen erfahren sie, dass auf dem Bauplatz, wo Bolle als Wachmann arbeitet, ein Römergrab gefunden wurde, in dem ein Hundeskelett mit diversen Grabbeigaben lag. Ein Bauarbeiter hat davon ein Handy-Foto gemacht und es ins Netz gestellt. Kurz darauf ist jedoch nicht nur der Grabinhalt, sondern auch Bolle verschwunden.

Der Fall wird immer rätselhafter, als sich auch noch Zusammenhänge mit jugendlichen Anhängern der Dark-Metal-Band „Monsters of Dogs“ ergeben. Merkwürdig ist auch eine Begegnung Lauras bei der Pressekonferenz im Römisch-Germanischen Museum, wohin der Fund aus dem Römergrab eigentlich gebracht werden sollte und bei der sie im Vorraum der Damentoilette von einer Journalistin angesprochen wird.

Die Tätowierte aus der Konferenz kommt aus einer der Kabinen, wäscht sich die Hände und grinst dabei Lauras Spiegelbild an, ein silbernes Piercing zwischen den Vorderzähnen blitzt hervor. „Und ich sag dir, Kleine. Der Hund rächt sich an allen, die seine Ruhe stören – auch an Journalisten. Sie dich vor, dass du dich von der Story fernhältst“, sagt die Frau mit bedrohlicher Geste. Schnell weg von hier, denkt Laura und trocknet sich rasch die Hände ab. „Cave Canem!“, ruft die kleine Frau ihr hinterher. „Wir müssen die Warnung des Hundes ernst nehmen!“. (Auszug)

Weitere Handelnde: Eine besondere Rolle spielt Conchita, eine Pudeldame, auf die Laura im Auftrag einer etwas merkwürdigen Nachbarin ein paar Tage aufpassen sollte, ein netter und ein fieser Schulkamerad von Laura sowie eine Wissenschaftlerin, die in Rom auf einer Spezialtagung zum Thema „Kind und Hund im alten Rom“ teilgenommen hat.

Die gesamte Handlung ist jedenfalls spannend aufgebaut und bleibt es bis zum Schluss. Erwähnenswert finde ich, dass die Autorin immer mal wieder in die Handlung Hinweise über Kölner Straßen oder Gebäude (zum Beispiel die Alte Feuerwache Köln) einfügt, das macht es für Kölner Leser, die diese Bereiche kennen, besonders interessant. Aber auch Ortsfremde können sich gut in die Erzählung einfinden.

Die Autorin Christina Bacher, geb. 1973, gründete vor einigen Jahren Bachers Büro – eine Schmiede für Texte aller Art. Seither arbeitet sie als Chefredakteurin des Kölner Straßenmagazins „Draussenseiter“ und schreibt Jugendbücher, Kriminalromane und Ratekrimis fürs Radio. Die Idee der Krimi-Reihe um die Figuren Bolle und die Bolzplatzbande wurde ursprünglich für eine Ratekrimi-Serie des Hessischen Rundfunks und schließlich für die Buchreihe entwickelt.

Mein Fazit: gut ausgedachte und mit Hinweisen auf die Örtlichkeit, in der sie stattfindet, angereicherte Handlung, spannend und altersgerecht geschrieben für die Zielgruppe Kinder ab 8 Jahren.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Bolle und die Bolzplatzbande: Das Römergrab | Erschienen am 23. März 2017 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0039-0
144 Seiten | 7.95 Euro
ab 8 Jahre
Bibliografhische Angaben & Leseprobe, Buchtrailer

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Kinder- und Jugendkrimis.

Kyra Dittmann | Wild Horse Valley

Kyra Dittmann | Wild Horse Valley

“Die Dessertvariationen begannen, in meinem Magen Salto zu tanzen. Auch wenn ich eigentlich fast daran glaubte, dass Greyson mit seiner rätselhaften Art übertrieb, kam ich mir vor, als wäre ich bereits in ein düsteres Geheimnis verwickelt. Ich hatte ja sowas von keine Ahnung.“ (Auszug Seite 136)

Abby wohnt in Liverpool und fährt am liebsten Skateboard. Kurz vor den Sommerferien eröffnet Abbys Mutter ihrer Tochter, dass sie sich in einen Baron verliebt hat und gemeinsam mit Abby zwei Wochen bei ihm auf dem Schloss verbringen will. Ihrer Mutter zu Liebe und weil das Schloss auch einen eigenen Reitstall hat, erklärt sich Abby einverstanden. Die ersten Tage in der Ferienunterkunft verlaufen aber so gar nicht wie gewünscht. Irgendwie sind alle abweisend und kühl. Und was ist eigentlich mit Greyson, dem Sohn des Barons? Einerseits ist er genauso versnobt, wie alle anderen, dann wieder furchtbar nett. Abby ahnt, dass es hinter der ganzen Fassade ein Geheimnis gibt…

Skateboard und Pferdegeschichten

Abby ist fünfzehn Jahre alt und in eher bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Ihr Vater ist bereits vor einigen Jahren an einer Krankheit verstorben. Abby hat noch viele Erinnerungen an ihn, unter anderem den Traum, irgendwann einmal mit ausgebreiteten Armen und offenen Augen dem Wind entgegen zu galoppieren. Abbys Leidenschaft neben dem Skaten sind Bücher, bevorzugt Pferdegeschichten. Reiten kann Abby aber noch nicht.

Zottelpony statt wildem Hengst

Ich hätte mir ja nicht träumen lassen, dass ich für diesen Blog mal einen Pferde-Roman besprechen darfAber dieses Special eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Da ich selbst Reiterin bin, lag die Entscheidung für Wild Horse Valley von Kyra Dittmann nahe. Ich habe mich sehr auf das Buch gefreut, war aber ehrlich gesagt auch recht skeptisch, weil man ja diese typischen Kleinmädchen-, Wendy- und Ostwind-Geschichten kennt. Von dieser Geschichte wurde ich aber positiv überrascht, weil Abby eben nicht einem wilden Hengst begegnet, den nur sie zähmen kann oder das erste Mal auf einem Pferderücken sitzt und sofort über die Wiesen galoppiert. Nein, Abby freundet sich mit einem zotteligen Pony an und geht mit ihm spazieren. Das finde ich sehr sympathisch!

Alles vereint

In diesem Buch geht es aber nicht nur um die Pferde, sondern tatsächlich auch um Mord. Spannung entsteht dadurch, dass Abby Greyson doch mit der Zeit etwas näher kommt und er sogar ihre Hilfe benötigt, sich bei den Begründungen aber mehr als kryptisch ausdrückt. Außerdem beobachtet Abby immer wieder merkwürdiges Verhalten der anderen Schlossbewohner, kann sich aber keinen Reim darauf machen. Dazu kommen falsche Anschuldigungen, Missverständnisse und Sticheleien sowie Abbys Versuche, sich in dieser neuen und feinen Welt zurechtzufinden. Ein bisschen Liebe und der erste Kuss darf auch nicht fehlen und schon ist alles vereint, was Teenies sich wünschen.

Empfehlung

Ich fand den Roman sehr flüssig zu lesen und kann ihn wirklich empfehlen. Kleine Klischee-Ansätze sind immer mal wieder vorhanden, werden im Großen und Ganzen dann aber gut umschifft. Das Buch eignet sich gut als leichte Spannungslektüre für Erwachsene. Zudem finde ich das Cover sehr schön gestaltet.

Kyra Dittmann wurde 1972 in Bonn geboren und arbeitete nach einer Schreinerlehre viele Jahre im Handwerk. Dann stellte sie ihre Weichen neu und absolvierte diverse Schreib- und Drehbuchseminare und arbeitet heute als freie Autorin. Kyra Dittmann lebt mit ihrem Mann und den sechzehnjährigen Zwillingstöchtern in Bonn. Sie ist selbst eine begeisterte Reiterin.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Wild Horse Valley | Erschienen am 16. März 2018 im Coppenrath Verlag
ISBN 978-3-649-62774-6
320 Seiten | 12.99 Euro
ab 12 Jahre
Bibliografische Angaben & Leseprobe

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Kinder- und Jugendkrimi.

Alexander Oetker | Château Mort

Alexander Oetker | Château Mort

Ein Krimi aus dem Médoc und aus Saint-Émilion.

Château Mort knüpft fast nahtlos an den Erstling aus dem vergangenen Jahr an, in Retour hatten Commissaire Luc Verlain und seine von ihm angehimmelte Kollegin Anouk Filipetti den Mord an einem jungen Mädchen aufgeklärt. Am folgenden Tag war Anouk nach Venedig aufgebrochen, wegen eines Trauerfalles, mehr wusste Luc nicht. Nun sind zwei Monate vergangen und per SMS kündigt sie Luc ihre Rückkehr für den kommenden Tag an. Der ist voller Vorfreude und macht seinen Freund Yacine neugierig auf die Frau, wegen der schlaflose Nächte hatte.

Yacine Zitouna, Sohn algerischer Einwanderer, wurde von Luc von der Straße weg in die Polizeiausbildung geholt, mittlerweile ist er Capitaine de Police bei der Pariser Mordbrigade, Lucs Kollege. Der hat sich gerade nach Bordeuax versetzen lassen, um bei seinem todkranken Vater sein zu können, den er gerade in einen Kurort zur Erholung gebracht hat. In diesem zweiten Roman Oetkers spielt er leider überhaupt keine Rolle. Ebenso übrigens wie Lucs baskischer Kollege Etxeberria, mit dem gemeinsam er die Brigade Criminelle Aquitaine leiten soll, solange er in Bordeaux ist. Wollte er anfangs lieber heute als morgen zurück in die Hauptstadt, so ist er inzwischen hin- und hergerissen zwischen seinem Alltag in der geliebten, quirligen Metropole und der Schönheit der Landschaften und dem ruhigen und guten Leben im Südwesten Frankreichs, wo er in einem kleinen Ort am Meer aufwuchs.

Yacine ist gerade zu einem kurzen Besuch über das Wochenende eingetroffen, um der Großstadt für ein paar Tage zu entfliehen, die wie ganz Frankreich unter einer Rekord-Hitzewelle stöhnt, und das Anfang September. Er will mit Luc in dessen Strandhütte, der Cabane seines Vaters, einem früherer Austernfischer, ein wenig entschleunigen, bei viel Bier und Wein, guten Gesprächen und noch besserem Essen. Die beiden lassen es tatsächlich gehörig krachen, mit den ersten Zeilen des Buches wachen sie mit einem Brummschädel am Strand auf. Dennoch müssen sie ran, die Polizisten haben sich als Freiwillige zur Verfügung gestellt, um als Streckenposten beim berühmten Marathon du Médoc zu fungieren, einem Riesenspektakel, bei dem rund 7500 Läufer auf die Strecke gehen, zum großen Teil in abenteuerlichen Kostümen und Verkleidungen. Der Kurs führt rund um Pauillac, vorbei an den schönsten Weinschlössern des Gebietes, und nicht nur daran vorbei: Die Läufer bekommen an den Verpflegungsständen vor den Châteaux tatsächlich Rotwein, wenn auch nur eine Probe in kleinen Bechern.

Am Vorabend des Ereignisses findet traditionell ein Nudelessen mir 1500 geladenen Gästen statt, das „Dinner Mille Pâtes“. Dieses Jahr richtet Lucs alter Freund, der Winzer Richard das Fest aus, und er bittet ihn, bei dieser Gelegenheit einem Konkurrenten auf den Zahn zu fühlen: Hubert de Langeville, ein alter, sehr renommierter Winzer, der sich zur Ruhe setzen will. Richard hat vor, dessen kleines Château in Saint-Émilion zu erwerben. Aber es kommt ganz anders, das fast schon perfekte Geschäft platzt, Hubert scheint im Gegenteil plötzlich expandieren zu wollen. Aber das Châtau Bordas, auf das er ein Auge geworfen hat, reizt offenbar auch andere Interessenten. Hubert, der sich prächtig mit Luc versteht, verspricht ihm, die Hintergründe am kommenden Tag nach dem Marathon zu erläutern. Dazu wird es allerdings nicht mehr kommen, denn während des Laufes passiert Dramatisches. Als Luc und Yacine am Stand von Richard eine Pause machen, gesellt sich plötzlich Anouk zu ihnen, die endlich zurück ist. Die Wiedersehensfreude ist groß, wird aber schnell getrübt: Nicht weit entfernt sind etliche Läufer kollabiert, aber nicht aufgrund der enormen Hitze. Der sous-préfet des Départements kann gerade noch wiederbelebt werden, für einen anderen kommt jede Hilfe zu spät. Es ist Hubert de Langeville.

Vergiftet mit einem Medikament, das offenbar in den Wein gemischt wurde, der als Probe an die Läufer ausgeschenkt wurde – ausgerechnet am Château von Richard! Und das aufgrund einer chronischen Krankheit Hubert zum Verhängnis wurde. Wer wusste von dieser Krankheit? Wer hatte ein Interesse an seinem Tod? Jetzt beginnen die verzwickten Ermittlungen, die sich nicht nur als schwierig herausstellen, sondern zuweilen auch heikel und delikat sind. Während Yacine zurück in sein Pariser Kommissariat muss, nehmen Luc und Anouk ihre bewährte Teamarbeit auf. Und geraten diesmal gehörig aneinander. Denn während immer mehr Indizien auf Richard, Lucs alten Freund hinweisen, weigert sich der, den Tatsachen ins Auge zu sehen und ermittelt fast im Alleingang in andere Richtungen. Ganz klassisch mit viel „Laufarbeit“ (Luc fährt einen alten Jaguar), mit Gesprächen, Befragungen, Verhören.

Wobei die Dialoge durchaus noch etwas lebendiger, abwechslungsreicher sein könnten. Wenn Oetker allerdings ins Erzählen gerät, zeigt sich seine Stärke mit wunderbar leichten, legeren Beschreibungen von Land und Leuten, der Besonderheiten in den Weinbauregionen um Bordeaux, ihrer sehr eigenen Schlossbesitzer, der Einwohner in den kleinen Städtchen, all das gelingt ihm so fließend, so flott, dass man die Seiten förmlich überfliegen kann. Wer sich ein wenig interessiert für die Welt der Winzer, den Weinanbau und -Handel, für die Entstehung der Cuvées und Gand Crus, der kommt auf seine Kosten bei einem Blick hinter die Kulissen der Branche – inklusive einer Schlossführung mit Weinprobe für Touristen, die fast schon eine Parodie ist. Wer „nur“ einen soliden Krimi erwartet, ist möglicherweise ein wenig enttäuscht, dafür ist Oetker an vielen Stellen zu ausführlich und genau, er hält sich gern an Einzelheiten auf. Besonders rückt er Lucs Liebesleben in den Mittelpunkt, der Frauenheld ist nämlich nicht nur verrückt nach Anouk, er hat noch zwei andere Eisen im Feuer, eine etwas fragwürdige Haltung, aber irgendwie nimmt man sie dem charmanten, sympathischen Kerl nicht übel.

Darüber plätschert der Mordfall eine Zeitlang dahin, Luc kommt der Lösung einfach nicht näher, zu viele mögliche Täter, zu viele offene Fragen. Der Filialleiter der Crédit Agricole weiß einiges, will aber nichts sagen, die Apothekerin verkörpert praktisch die Nachrichtenzentrale des Ortes, weiß aber nicht genug, was der Arzt weiß, lässt sich zunächst nicht prüfen, er ist verschwunden. Und manch einer weiß angeblich gar nichts. Lucs Ermittlungen sind langwierig aber nicht langweilig, so dass der Leser nicht ungeduldig wird, denn es bleibt jederzeit unterhaltsam. Auch weil wir es mit einem sehr geschickt zusammengestellten Personal zu tun haben. Die interessanten, faszinierenden Figuren sind allesamt sehr lebendig, greifbar, echte Typen, die zum Teil sehr grob geschnitzt, ein wenig überzeichnet und doch absolut echt sind, zum anderen aber treten Akteure auf, die durch eine sehr feine und empfindsame Ausgestaltung und Charakterisierung anziehen.

Der Aufbau des Romans gleicht dem Debüt, 54 Kapitel spiegeln die Ereignisse zwischen Vendredi, Freitag bis zum Sonntag der kommenden Woche, Dimanche. Eine recht kurze Zeitspanne, in der auch nicht sehr viel passiert, ein Mord und recht zähe Ermittlungen, ansonsten viel Privates und Persönliches, auch Pikantes und Peinliches aus der feineren Gesellschaft. Ja, Luc und seine Mitstreiter verteilen wieder Seitenhiebe auf die Politiker und die Politik, auf die Eliten und die sogenannte High-Society. Das macht Spaß und lockert den raffinierten, nicht so leicht zu durchschauenden Plot auf, der schließlich noch sehr spannend wird bis Luc endlich ein Licht aufgeht und die etwas überraschende Aufklärung des Falles gelingt. Ein paar Rätsel bleiben aber und werden wohl im kommenden Jahr in Oetkers nächstem Krimi gelöst. Dann erfahren wir auch, wie es weitergeht mit Luc und seinen Frauen,

Auch diesmal haben mir das Cover und vor allem die schönen Karten auf den Innenseiten des Einbands gefallen, wobei ausgerechnet hier ein fataler Rechtschreibfehler zu beklagen ist. Der zweite Roman von Alexander Oetker ist für mich eine Steigerung!

Anmerkung: In diesem Jahr findet der 34. Marathon du Médoc am Samstag, den 8. September 2018 unter dem Motto: „La Fête Foraine“ (Ein Jahrmarkt) statt.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Château Mort | Erschienen am 14. März 2018 bei Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-00076-4
336 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Kurts Rezension zum 1. Band der Reihe Retour.

6. Mai 2018

Henry Kolarz | Die Gentlemen bitten zur Kasse ♬

Henry Kolarz | Die Gentlemen bitten zur Kasse ♬

Dickes Ding – kein Job für Kaninchen

Am 8. August 1963 ging in Großbritannien der wohl spektakulärste Postzugraub aller Zeiten über die Bühne. Nach generalstabsmäßiger Planung und Durchführung brachte es den Tätern die Rekordsumme von über zwei Millionen Pfund ein. Und es war ausgerechnet der schmächtige, armselige Twinky, der in einem Pub in Whitechapel dem stets sorgfältig gekleideten Archibald Arrow die folgende Idee unterbreitete:

Täglich werden mit dem Postzug ihrer königlichen Majestät von England größere Mengen abgenutzter, nicht notierter Scheine im Werte von ca. zwei Millionen Pfund von Glasgow nach London gebracht, um dort vernichtet zu werden. Während der neunstündigen Fahrt sind keine Reisende an Bord, nur Pakete und Briefe sowie siebzig bis achtzig Mann unbewaffnetes Personal. Für seinen Tipp beansprucht Twinky einen Anteil von 10 %.

Der sieben Mal vorbestrafte Arrow, Inhaber eines Friseursalon ist erst skeptisch, dann zieht er den Ganoven Michael Donegan ins Vertrauen. Dieser wird von allen nur „der Major“ genannt. Sein Antiquitätengeschäft, dass er zusammen mit seinem Schwager Geoffrey Black führt, hat einen guten Ruf und die wenigsten Kunden wissen, dass er bereits drei Mal im Gefängnis saß. Er ist ein großer Stratege, der sich nicht mit kleineren Diebstählen abgibt. Denn eins ist klar: Der Postzugraub „…ist ein dickes Ding und kein Job für Kaninchen!“

Archy und der Major stellen eine Bande zusammen und die illustre Runde trifft sich im East End Club. Dabei sind unter anderen Harry McIntosh, der sich mit der Herstellung von falschen Portraits für Touristen über Wasser hält. Weiter Ronald Cameron, ein ehemaliger Funker und Bankräuber, dann Andrew Elton, nach jahrelangem Gefängnisaufenthalt als Buchmacher auf der Hunderennbahn tätig. Patrick Kinsey ist Perückenmacher und der immer gut gekleidete Thomas Webster, Teilhaber eines Wettbüros. Zum Schluss noch George Slowfoot, ein Rennfahrer mit den Allüren eines Playboys und vielen Vorstrafen.

Die Truppe braucht noch einen Spezialisten, der sich mit Eisenbahnsignalen auskennt. Donegan erfährt durch Mona, einer alten Freundin, der er viel zu verdanken hat, von dem Elektriker Walter Lloyd. Da dieser zu den Fulham Boys gehört und das keine gute Gegend ist, lässt der Major ihn durch einen Privatdetektiv checken. Dabei stellt sich raus, dass Lloyd ein ordentlicher Mann mit nur drei Vorstrafen wegen Einbruchs ist. Der einzige Haken dabei ist, dass er neben einem vollen Anteil noch zwei seiner Leute, nämlich seinen Schwager Alfred Frost und Arthur Finegan, mit ins Geschäft nimmt.

Betriebskapital muss her

Um Streitigkeiten zu vermeiden, wird vereinbart, dass für den Job und alle Vorbereitungen „der Major“ das Sagen hat, für alles Weitere ist dann Archy der Boss. Die Gentlemen benötigen ca. 50.000 Pfund für die Vorbereitungen und so wird ein älterer Plan in die Tat umgesetzt. Der Gehaltstransport der Airport- Angestellten soll auf dem kurzen Weg von der Bankfiliale zu dem Bürogebäude am Londoner Flughafen überfallen werden. So macht sich eines Morgens um 9 Uhr eine kleine Mannschaft mit acht Mann, Slowfoot am Steuer, mit falschen Schnurrbärten, Bartkoteletten und Perücken auf den Weg. Alles läuft wie am Schnürchen. Kurz vor dem Überfall ziehen sich alle Strumpfmasken über den Kopf. Die uniformierten Wachleute werden überrumpelt, die Geldkassette an sich genommen und Augenzeugen mit Regenschirmen bedroht. Unglücklicherweise gibt der gekränkte Twinky, nachdem er einen Vorschuss nicht bekommt, anonym einen Tipp an die Polizei. Danach haben die Gentlemen vor Scotland Yard keine Ruhe mehr, es kann Ihnen aber nichts bewiesen werden.

Der große Plan

Die Gentlemen beginnen mit der Ausarbeitung der Details anhand einer genauen Abbildung einer Modelleisenbahn in Kinseys Keller. Der Plan sieht vor, die Lok mit dem Geldwaggon vom Rest des Zuges abzuhängen. An einer Brücke soll der Geldwaggon aufgebrochen und blitzschnell entladen werden. Lloyd findet einen alten Rangierlokführer, dem er weismacht, es ging um eine Wette und dieser zeigt ihm die nötigen Handgriffe, um die Waggons auseinanderzukoppeln.

Bis zum Überfall müssen sich alle unauffällig verhalten und für den Tag einwandfreie Alibis besorgen. Arrow kauft ein einsames Landhaus in der Nähe von Oakley, wo die vierzehn Männer sich ungestört bei blickdichten Vorhängen aufhalten können. Tag und Nacht werden Handschuhe getragen und der Major verbietet allen den Gebrauch von Schusswaffen. Cameron beschafft, das heißt, er stiehlt, zwei Range Rover und einen 3-Tonner.

Die Weichen sind gestellt

Niemand ahnt, dass an diesem Tag ein ungewöhnlich hoher Betrag auf die Reise geschickt wird. Mit Walkie-Talkies, in Drillich-Anzügen und Wollmützen über dem Kopf machen sich die Männer auf den Weg. Lloyds Aufgabe ist es, die Telefondrähte zu den Farmhäusern abzukneifen und das Signal umzustellen.

Als der Postzug kurz an der Signalbrücke stoppt, springen sie mit Eisenstangen hervor und überwältigen das Personal. Der sich heftig wehrende Lokführer muss niedergeschlagen werden und wird dann gezwungen, die Lok bis zur Brücke zu fahren. Mit Brechstangen wird die verschlossene und versiegelte Waggontür geöffnet. Die Postsäcke werden auf den 3-Tonner geladen und dann fahren die drei Wagen ohne Licht davon.

Fazit:

Hier endet das 50-minütige Hörspiel und man erfährt nichts über die weiteren Vorkommnisse. Sind die Gentlemen davongekommen? Das Hörbuch nach einer Bearbeitung von Hörspielregisseur Sándor Ferenczy ist sehr komprimiert und hätte für mich noch länger gehen können. Trotzdem wird sehr flott und nachvollziehbar über den tatsächlich größten Zugraub der britischen Kriminalgeschichte berichtet. Ich habe den Inhalt des kurzweiligen Hörbuchs sehr ausführlich wiedergegeben, damit man einen kleinen Eindruck von der Sprache bekommt.

Das Hörspiel, nach einem Bericht des Sternreporters Henry Kolarz im Jahr 1968 konzipiert, hat nichts von seinem Charme verloren und kommt ohne große Brutalitäten aus. Das ist sicherlich dem Stil der kultivierten Gentlemen-Gangster geschuldet. Der Hörer lauscht abwechselnd einem Erzähler, der durch die Geschichte führt und dem Blickwinkel des Hauptakteurs Donegan, der rückblickend seine Geschichte schildert. Neben der Untermalung mit Geräuschen und dem für die damalige Zeit typisch reduzierten Soundtrack punktet der Krimi mit viel Humor in den Dialogen, die das Hörspiel sehr lebendig machen und dem Hörer das Gefühl geben, mit dabei zu sein.

Unter anderen spricht Horst Tappert den kühlen Strategen „Major“. Bevor Tappert international als Oberinspektor Stephan Derrick bekannt wurde, hatte er seinen Durchbruch bereits 1966 im Fernsehen mit Die Gentlemen bitten zur Kasse (Trailer). Der legendäre Krimi-Dreiteiler ist genau wie das Hörspiel an die wahren Begebenheiten des Postzugraubs angelehnt.

Randnotizen

Der „Major“, in der Realität Bruce Reynolds, hielt sich nach mehreren Gefängnisaufenthalten als Buchautor und mit Interviews über Wasser und überreichte 1998 den Fernsehpreis „Telestar“ an seinen deutschen Darsteller Horst Tappert. Er verstarb 2013, genau wie der für mich bekannteste Postzugräuber Ronald Biggs, der im Hörbspiel durch Arthur Finegan, einen der Fulham Boys dargestellt wird.

Funfact: Der Tag des legendären Postraubzugs, der 8. August 1963, war Ronald Biggs 34. Geburtstag!

AdR: Die Bande erbeutete £ 2.631.684. Das sind nach heutigem Wert etwa 49 Millionen Pfund Sterling bzw. 56 Millionen Euro!

 

Rezension und Foto von Andy Richter.

Die Gentlemen bitten zur Kasse | Produktionsjahr: 1968
Die aktuelle Hörbuchausgabe erschien am 9. Februar 2018 bei DAV Der Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-0451-0
1 Audio-CD | 8.95 Euro
Laufzeit: 50 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

28. April 2018

Camilla Läckberg | Die Eishexe

Camilla Läckberg | Die Eishexe

„Schließlich hatte niemand mehr eine Frage an Märta, und Britta kam mit ihrem eiskalten Lächeln nach vorn, um sie abzuholen. Hexe, dachte Elin. Wenn jemand eine Hexe ist, dann sie. Als Britta mit Märta zum Ausgang gehen wollte, drehte sich das Kind noch einmal um und winkte Elin strahlend zu. Dann verschwand ihre Tochter in der Hand der Eishexe.“ (Auszug Seite 643)

Vor dreißig Jahren ist die vierjährige Stella vom elterlichen Hof verschwunden und wurde kurze Zeit später tot aufgefunden. Damals wurden zwei dreizehnjährige Mädchen für die Tat verantwortlich gemacht. Jetzt ist das gleiche nochmal passiert. Vom selben Hof einer anderen Familie. Kurz nachdem eins der für schuldig erklärten Mädchen von damals wieder an ihren Heimatort zurückgehkehrt ist. Ist das nicht etwas viel Zufall?

Erica & Patrik

Protagonisten sind der Polizist Patrik und seine Frau Erica. Beide sind verheiratet und haben drei Kinder. Erica ist Schriftstellerin und hat gerade damit begonnen, ein Buch über Stella zu schreiben, als das zweite Mädchen vermisst wird. Es ist für das Ehepaar nicht einfach, beide zeitaufwändigen Jobs und das Familienleben unter einen Hut zu bekommen. Sie meistern es aufgrund von viel Unterstützung aus der Familie aber sehr gut, wie ich finde.

Viele Seiten und viele Personen

Die Eishexe von Camilla Läckberg ist ein ziemlicher „Schinken“ mit 752 Seiten. Die Handlung ist sehr komplex und es tauchen viele Namen auf, aber zu keiner Zeit habe ich den Überblick verloren (auf der deutschen Homepage der Autorin kann man sich ansonsten ein Figurenposter herunterladen). Die Geschichte bezieht sich nicht nur pur auf die Ermittlungen, sondern es wird auch viel vom Privatleben der Kommissare erzählt. Diese Teile hätte man bestimmt weglassen können, für die Stimmung der Geschichte sind sie aber unverzichtbar. Mir war es auch gar nicht zu viel, ich hatte zu keinen Zeitpunkt das Gefühl, dass es langatmig ist.

Eine Geschichte in der Geschichte

Im Roman bekommt so gut wie jede handelnde Person eine Stimme und nach und nach erschließt sich dem Leser, worum es hier geht und dass es viele Geheimnisse in dem kleinen schwedischen Ort Fjällbacka gibt. Die Ermittlungen starten schwerfällig, da es kaum Spuren oder Anhaltspunkte gibt. Am Ende der Kapitel gibt es noch einen Rückblick auf den ersten Vermisstenfall oder es wird von Elin Jonsdotter aus dem Jahre 1617 erzählt. Ich war sehr gespannt, wie sich diese zweite Geschichte im Buch mit den Ermittlungen verbindet und wurde zufriedengestellt.

Ein hochdramatisches Ende

Das Ende des Romans läuft dann etwas aus dem Ruder und ist wirklich hochdramatisch. Mir persönlich war das etwas zu viel. Außerdem wird hier auch das Thema Flüchtlinge aufgegriffen, was für mich aber interessant war, obwohl ich über das Thema sonst nicht so gerne lese. Jugendliche im heutigen Leben, Gruppendynamik und Mobbingopfer spielen ebenfalls eine Rolle. Zusammengefasst gibt es also viel Inhalt auf vielen Seiten, aber dadurch auch ein spannendes und langes Lesevergnügen.

Camilla Läckberg, Jahrgang 1974, stammt aus Fjällbacka – der kleine Ort und seine Umgebung sind Schauplatz ihrer Kriminalromane. Heute lebt sie in einer großen Patchworkfamilie in Stockholm. Dieses Buch ist der zehnte Krimi um Patrik und Erica.

Bei meiner Recherche zu der Autorin bin ich über die DVD-Box Mord in Fjällbacka gestoßen und habe sie bestellt. Seitdem bin ich ein großer Fan der Protagonisten und werde mir wohl auch die vorherigen Romane organisieren.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Eishexe | Erschienen am 2. Januar 2018 bei List
ISBN 978-3-471-35107-8
752 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Noras Rezension zu Camilla Läckbergs Krimi Die Engelmacherin und Andreas Rezension zu Camilla Läckbergs Krimi Die Schneelöwin

25. April 2018