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Jo Nesbø | Die Larve Bd. 9

Jo Nesbø | Die Larve Bd. 9

„Und was ist mit dir, Harry? Kannst du dich nicht auch verändern?“
„Ich wünschte, ich könnte, Oleg. Ich wünschte, ich würde mich so ändern, dass ich in Zukunft besser auf dich aufpassen könnte. Aber für mich ist es zu spät. Ich bleibe der, der ich bin.“
„Und das wäre? Ein Säufer? Jemand, der andere im Stich lässt?“
„Ein Polizist.“
Oleg lachte. „Sonst nichts? Ein Polizist? Nicht etwa ein Mensch, oder so?“
„In erster Linie Polizist.“ (Auszug E-Book, Position 7707)

Drei Jahre lang hat sich Harry Hole in Hongkong aufgehalten. Nun kehrt er nüchtern und in gutem gesundheitlichen Zustand nach Oslo zurück. Sein Stiefsohn Oleg ist wegen Mordes an seinem Freund und Drogendealerkompagnon Gusto Hanssen verhaftet worden. Harry sucht Kontakt zu seiner großen Liebe Rakel und den wenigen verbliebenen Freunden, klopft die Indizien ab, doch auch er kommt zu keiner anderen Erkenntnis, als dass alles für Olegs Täterschaft spricht. Doch wer Harry kennt, weiß, dass er sich damit nicht abfinden kann. Er setzt alles auf eine Karte und lässt keinen Stein auf dem anderen.

Harry ist nämlich aufgefallen, dass der ihm bekannte Drogenmarkt in Oslo („Europas Drogenhauptstadt“) sich in den letzten Jahren erheblich verändert hat. Statt des aggressiven Heroins dominiert nun das Opoid Violin. Noch intensivere Trips, starke Abhängigkeit, aber geringe Wahrscheinlichkeit von Überdosierung. Es gibt auch keine Kämpfe der Drogengangs mehr, sondern ein russischer Boss mit dem Pseudonym Dubai steht an der Spitze der Nahrungskette. Offensichtlich hat dieser auch einen „Brenner“ im Polizeipräsidium, einen korrupten Polizisten, der Beweise manipuliert. Harry stößt in seinen Nachforschungen auch auf seinen ewigen Widersacher Mikael Bellman, designierter Chef der Kripo, und Isabelle Skøyen, Drogenbeauftragte der Stadtverwaltung. Es gibt offenbar Verbindungen zwischen diesen Personen, Dubai und Gusto, Oleg und Gustos Stiefschwester Irene, in die Oleg verliebt ist. Harry verbeißt sich in den Fall, in tiefer Sorge um Oleg, auf den in der Haft ein Mordanschlag verübt wird, nicht ahnend oder ignorierend, dass er selbst längst ins Visier seiner Gegner geraten ist.

Autor Jo Nesbø ist aktuell international sicherlich der bekannteste Thrillerautor Norwegens. Der Autor ist ein wahrer Tausendsassa, war er doch bislang Makler, Finanzanalyst, Journalist und ist immer noch Mitglied der seit mehr als zwanzig Jahren in Norwegen sehr erfolgreichen Popband Di Derre. Nesbø schrieb auch erfolgreich Kinderbücher, Stand-Alones (zuletzt die Adaption von Shakespeares Macbeth), doch die größte Popularität erlangte er mit seiner vielfach prämierten Harry-Hole-Reihe.

Muss man dem Krimileser noch die Figur Harry Hole erklären? Inzwischen ist mit Das Messer der zwölfte Fall mit diesem Ermittler erschienen. Brillanter Kriminaler, Gerechtigkeitsfanatiker, stets auf der Spur des wahren Bösen, das er obsessiv verfolgt. Alkoholiker, wenngleich meist trocken, dennoch mit einer Vielzahl innerer Dämonen ausgestattet, selbstzerstörerisch und auch die wenigen Beziehungen, die er noch hat, ständig auf die Probe stellend.

Die Larve ist der neunte Fall und ein äußerst persönlicher für Harry Hole. Es tut dem Roman für meinen Geschmack ziemlich gut, dass es Harry Hole nicht mit einem der sonst regelmäßig seinen Weg kreuzenden Serienkiller und Psychopathen zu tun hat. Vor allem Oslo als Drogenmetropole mit allerdings fortschreitender Gentrifizierung kommt als Setting gut zur Geltung. Nesbø schreibt souverän aus wechselnden Perspektiven, so lässt er den Toten Gusto Hanssen quasi auf dem Sterbebett Vergangenes rekapitulieren. Er zeichnet in bester Tradition des Nordic Noir ein trübes Bild von Verbindungen zwischen organisiertem Verbrechen und Entscheidungsträgern in Politik und Gesellschaft. Dabei baut er den Plot sehr raffiniert auf und serviert mehrere Spannungshöhepunkte und einen extrem fiesen Cliffhanger am Schluss. Seine Hauptfigur Harry Hole hat der Autor nie geschont, aber hier treibt er es tatsächlich noch mal auf die Spitze. Nebenbei fand ich auch die Einbindung musikalischer Elemente in die Handlung äußerst gelungen, von Mozarts Don Giovanni über die amerikanische Band Wilco bis zu Nirvanas Come as you are an prominenter Stelle. Insgesamt also ein wirklich überzeugender Thriller.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Larve | Erschienen am 9. November 2012 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-54828-493-4
576 Seiten | 22.- Euro
als eBook:
ISBN 978-3-54828-493-4
9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Auch bei uns: Bericht zur Lesung: Jo Nesbø | Blood on Snow. Das Versteck sowie zu der oben genannten Shakespeare-Adaption Macbeth.

Anne Holt | Blinde Göttin Bd. 1

Anne Holt | Blinde Göttin Bd. 1

Sie kam Håkon erschöpft vor, ihr weißer Atem jagte, obwohl sie doch ganz still saßen. […]
„Sieh dir seinen Geschäftskram genauer an“, befahl sie ihrem Vorgesetzten. „und laß eine Liste der Strafprozesse erstellen, in denen er während der letzten beiden Jahre aufgetreten ist. Ich wette, daß wir da irgendwas finden. Und außerdem“, fügte sie hinzu. „faßt die Fälle jetzt endlich zusammen. Und zwar gehören sie beide zu mir; ich hatte den ersten.“ Sie wirkte fast glücklich über den Gedanken. (Auszug Seiten 94-95)

Bei einer Runde mit ihrem Hund findet die Anwältin Karen Borg eine übel zugerichtete Leiche. Wenig später nimmt die Polizei einen verwirrten Mann mit blutiger Kleidung fest. Der Mann, ein Niederländer, gesteht den Mord, schweigt sich aber ansonsten aus. Kommisarin Hanne Wilhelmsen und Håkon Sand, Jurist im Polizeidienst, bearbeiten den Fall und würden gerne mehr über die Hintergründe erfahren. Da geschieht ein weiterer Mord, diesmal an einem schlecht beleumundenten Anwalt. Aus Intuition zieht Hanne Wilhelmsen eine Verbindung zum ersten Mord und behält damit recht.

Inzwischen hat Karen Borg auf dessen Wunsch die Verteidigung des Niederländers übernommen, obwohl sie eigentlich nur Wirtschaftsfälle verhandelt. Zwar hält sich der Mörder immer noch sehr bedeckt, aber inzwischen ist klar, dass es ein Mord im Drogenmilieu war. Der Täter bereut seine Tat, verschweigt aus Angst aber seinen Auftraggeber. Zwischen Karen Borg und Håkon Sand besteht seit gemeinsamen Studienzeiten eine enge Freundschaft und eine von ihr (bislang) nicht erwiderte Zuneigung. Dennoch arbeiten die beiden enger zusammen, als zwischen Polizei und Straftverteidiger üblich, und Karen erzählt, dass sie merkwürdigerweise von einem prominenten Anwalt mehrfach gebeten wurde, ihm das Mandat des Niederländers zu übergeben. Zudem findet Hanne Wilhelmsen heraus, dass der tote Anwalt Verteidiger des ersten Opfers war und sich beide am Tag des ersten Mordes getroffen hatten. Als Hanne im Präsidium niedergeschlagen wird und Akten verschwinden, sind sich Hanne und Håkon sicher, dass sie hier einen großen Fall mit der Drogenmafia vor sich haben, in den offenbar auch Osloer Rechtsanwälte verstrickt sind.

Autorin Anne Holt zählt zu den bekanntesten Schriftstellern Norwegens. Holt studierte Jura, arbeite (wie Håkon Sand) als Juristin im Polizeidienst und als Anwältin. Für wenige Monate Ende 1996 bis Anfang 1997 war sie Justizministerin ihres Landes. 1993 erschien mit „Blind Gudinne“ der erste Teil der bis heute andauernde Serie mit der Osloer Kommissarin Hanne Wilhelmsen, die mit ihrer Autorin einige Gemeinsamkeiten hat. So hat Hanne Wilhelmsen ein Faible für die Vereinigten Staaten und lebt in einer lesbischen Beziehung, trägt dies aber eher nicht nach außen. Die Figur Hanne ist eine attraktive, erfolgreiche Polizistin, eigenwillig, durchsetzungsstark, aber beliebt bei den Kollegen. In diesem ersten Band ist sie allerdings nicht die uneingeschränkte Hauptfigur, denn vor allem ihr Kollege Håkon Sand nimmt mindestens den gleichen Raum ein. Sand ist ein zuverlässiger, aber vom Polizeidienst zunehmend desillusionierter und ungeduldig gewordener Jurist. Obwohl formal Hanne Wilhelmsen vorgesetzt, beugt er sich ihren ermittlerischen Fähigkeiten. Privat ist er alleinstehend und voller Hoffnung, als seine große Liebe Karen Borg wieder in sein Leben tritt.

Auffallend an diesem Krimi ist das akribische Augenmerk, das die Autorin auf der Beschreibung der Vorgänge im Polizeipräsidium und der Figuren legt und dem Geschehen einen sehr authentischen Touch verliert. Insofern ist der generell immer etwas fragwürdige Vergleich zu einem berühmten Kollegen auf dem Klappentext („weibliches Pendant zu Henning Mankell“) nicht ganz verkehrt.

Grundsätzlich ist Blinde Göttin ein skandinavischer Kriminalroman mit durchaus klassischen Zutaten: Mord und Verbrechen mit Auswirkungen bis in höhere Kreise. Das hat man zwar schon mehrfach gelesen, aber wenn es so abwechslungsreich mit verschiedenen Perspektiven, glaubwürdigen Figuren und einem ordentlichen Spannungsbogen geschrieben ist wie in diesem Fall, dann nimmt man sich so einen Krimi doch gerne vor. Insofern ist Blinde Göttin ein immer noch sehr lesenswerter Klassiker des norwegischen Krimis.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Blinde Göttin | Erstmals erschienen 1993
Die gelesene Ausgabe erschien am 1. August 2002 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-23602-7
320 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Dror Mishani | Drei

Dror Mishani | Drei

Sie war diejenige, die die Initiative ergriff, die die Sache beschleunigte, die kühn auftrat, ohne das bewusst entschieden zu haben, jedoch aus dem vagen Wissen heraus, dass es nur so klappen konnte, dass sie nur so das Gefühl haben würde, es zu wollen. (Auszug Seite 46)

In Tel Aviv hat die alleinerziehende Lehrerin Orna die Trennung von ihrem Ehemann noch nicht richtig verwunden und fühlt sich nach der Scheidung manchmal einsam und mit der Erziehung von Sohn Eran ein bisschen überfordert. Der introvertierte Neunjährige leidet sehr unter der Trennung von seinem Vater, mit dem er nur hin und wieder skypen kann. Denn Ronen lebt inzwischen weit weg und baut sich mit seiner neuen Partnerin und deren vier Kindern in Nepal ein neues Leben auf.

Dass bereits ein gemeinsames Kind unterwegs ist, bedeutet eine weitere Demütigung für Orna. Sie meldet sich mehr oder weniger enthusiastisch auf einem Dating-Portal an und lernt einen geschiedenen Anwalt kennen. Gil ist nicht unbedingt ihr Traummann, aber ein freundlicher, netter Typ, der gut zuhören kann. Der Vater zweier Mädchen ist geduldig und verständnisvoll und geht auf Orna ein, so dass sie sich tatsächlich langsam näher kommen.

Drei Frauen auf der Suche

Im zweiten Kapitel steht die Lettin Emilia im Mittelpunkt. Aus Riga stammend arbeitet die Neunundvierzigjährige in Israel als Pflegekraft. Zwei Jahre pflegt sie den 80-jährigen Nachum und wohnt bei ihm und seiner Frau Esther. Als der alte Herr stirbt, verliert sie nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Unterkunft. Zwar wird ihr eine schlecht bezahlte Teilzeitstelle in einem Seniorenheim einschließlich Schlafkammer angeboten, doch das Geld reicht hinten und vorne nicht und Emilia, kaum des Hebräischen mächtig, ist unglücklich und einsam. Sie sucht Zuflucht im Glauben, verliert aber langsam den Boden unter den Füßen. Sie würde gerne etwas dazu verdienen und wendet sich rat- und hilfesuchend an Nachums Sohn Gil, der Anwalt ist.

Was Emilia vor Esther zu verbergen suchte und auch vor anderen erfolgreich zu verheimlichen meinte, war, dass sie immer tiefer sank. Dass sie eine Hand brauchte, die ihr hingestreckt wurde und sie vor dem Ertrinken rettete. (Seite 141)

Und dann ist da noch Ella, eine siebenunddreißigjährige gestresste Mutter von drei kleinen Kindern, die noch zusätzlich an der Universität studiert. Um zwischendurch auch mal ohne Störungen an ihrer Masterarbeit schreiben zu können, flüchtet sie regelmäßig in ein kleines Café. Hier lernt sie den Anwalt Gil kennen und es entspinnt sich ein Flirt. Mehr will ich über den Inhalt gar nicht verraten, die Spoilergefahr wäre zu groß.

Der Titel ist Programm

Das Bemerkenswerte an Dror Mishanis Kriminalroman ist die ungewöhnliche dreiteilige Erzählstruktur. Der raffiniert konstruierte Plot ist in drei große Kapitel aufgeteilt, in dem je eine der total unterschiedlichen weiblichen Hauptfiguren im Mittelpunkt steht. Von Beginn an hat mir der literarisch anspruchsvolle Sprachstil gefallen, doch ich wusste lange nicht, wo der Autor hin möchte. Als es mir zum Ende des ersten Teils klar wurde, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe es in einem Rutsch durchgelesen.

Richtig beeindruckt hat mich Mishani mit seinen lebensnahen, authentischen Figurenzeichnungen. Mit präziser Beobachtungsgabe und großer Menschenkenntnis skizziert er die Seelenleben der Charaktere und lässt uns teilhaben an ihren Sorgen, Ängsten und Hoffnungen. An einigen Stellen sind die Verletzlichkeiten und Schwächen praktisch mit den Händen greifbar. Ich denke da zum Beispiel an die sensible Schilderung, als Ornas Exmann Ronen wieder Kontakt zu seinem Sohn aufbauen möchte. Um ihn mit in den Urlaub zu nehmen, schlägt er mit seiner hochschwangeren Ehefrau und der ganzen Familie in Tel Aviv auf und bevölkert Ornas Wohnung und die hält es Eran zuliebe aus.

Sie wahrte die Fassung. Alle Schreie waren schon getan, alle Verwünschungen ausgestoßen, alle Tränen geflossen. Alles war vorüber. (Seite 92)

Man spürt die große emotionale Verbundenheit Mashinis zu seinen Figuren auch in der empathischen Beschreibung der verzweifelten Emilia, die langsam den Halt verliert in einem für sie fremden Land ohne sozialen Anschluss. Dabei sind seine Schilderungen immer sachlich, nüchtern und ohne Larmoyanz. Während ich mich in Orna sehr gut reinversetzen konnte, war ich bei Emilia ziemlich erschüttert von ihrem Schicksal. Der Autor zeigt hier eine Welt, von der ich nicht viel weiß. Ihm scheint es wichtig zu sein, die Menschen um ihn herum zu sehen und wahrzunehmen. Dabei bleibt das Innenleben von Gil bis zuletzt für den Leser bewusst im Dunkeln. Gil scheint über keine eigenen Eigenschaften zu verfügen und kann sich daher perfekt auf die Bedürfnisse seines Gegenübers einstellen. Er ist wie ein Spiegel, der den Frauen genau das projiziert, was sie suchen.

Fazit

Der Roman fasziniert mich mit seinem ruhigen und distanzierten Schreibstil. Er entwickelt eine subtile Spannung, wird immer bedrohlicher und durch unerwartete Wendungen auch sehr fesselnd. Dabei kommt der Krimiaspekt tatsächlich erst zum Schluss zum Vorschein, wobei der Roman hier nicht mehr so stark ist wie in den anderen Teilen.
Der Literaturwissenschaftler Dror Mishani wurde 1975 in Israel geboren und lebt in Tel Aviv. Er beschäftigte sich insbesondere mit der Geschichte, der Definition und der Theorie des Kriminalromans. Berühmt wurde er mit der auch in Deutschland (bei dtv) veröffentlichten Krimireihe um Inspektor Avi Avraham.

Die beiliegende Notiz des Diogenes Verlages, in der inständig gebeten wird, in der Rezension nicht zu viel zu verraten, ist ein toller Marketing-Clou. Das schürt natürlich erst mal Erwartungen, hätte es für mich aber gar nicht gebraucht.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Drei | Erschienen am 28. August 2019 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-07084-2
336 Seiten | 24,00 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Peter Heller | Der Fluss

Peter Heller | Der Fluss

Es gibt keinen Ort, an dem ich jetzt lieber wäre, dachte er. Aber auch: Etwas stimmt nicht. Er spürte es in seinem Nacken, wo sich ihm die Härchen aufstellten wie zu Hause, wenn in den Never Summer Mountains ein Gewitter drohte; oder in Montana, wenn er einem Bären vor die Nase lief. Er hatte ihn schon immer gehabt, diesen sechsten Sinn – manche Menschen haben ihn einfach-, und er hatte ihm mehr als einmal den Arsch gerettet. (Auszug Seiten 27-28)

Die beiden Studenten und Freunde Jack und Wynn verbindet das gemeinsame Hobby Outdoor- und Survivaltrips. Diesmal sind sie im Spätsommer auf einer Kanutour auf einem kanadischen Fluss, mehr als 150 Meilen durch die Wildnis bis zu einem Ort kurz vor der Hudson Bay. Mehrere Wochen auf sich allein gestellt, nur mit der allernötigsten Ausrüstung. Doch diesmal bemerken sie schon relativ früh einen großen Waldbrand, zwar noch fern, aber näher kommend. Eine Begegnung mit zwei anderen Kanuten, ein Redneck-Duo, verläuft eher unangenehm. Kurz danach hören die beiden den Streit eines Paares im Wald.

Sie fahren weiter, aber beschließen zurückzukehren, um das Paar vor dem Feuer zu warnen. Doch sie finden das Paar nicht wieder. Einen Tag später, als sie am Ufer angelegt haben, um einen Wasserfall zu umgehen, kommt ein einzelner Mann in einem Kanu auf sie zu. Etwas verstört schildert er, dass seine Frau verschwunden sei, er könne sie nicht mehr finden. Jack und Wynn beschließen zurückzufahren, um die Frau zu suchen. Währenddessen kommt der Waldbrand immer näher. Doch das ist nicht der einzige Alptraum, dem sich die beiden in der Folgezeit stellen müssen.

Wynn machte sich noch etwas vor. Er musste aufwachen und den Tatsachen ins Auge sehen, sonst waren sie erledigt.
Sie brauchten einen besseren Plan. Instinktiv wusste er, dass Verteidigung nichts brachte, nicht so, wie sie es letzte Nacht versucht hatten. Sie mussten auf Angriff schalten. (Seite 118)

Zunächst fällt bei diesem Mix aus Abenteuerroman und Thriller natürlich das Setting auf. Eine wilde Flusslandschaft, abwechselnd durchzogen von Seen und schnelleren Abschnitten mit Stromschnellen und Wasserfällen, umgeben von dunklen Wäldern. Einheimische Tierwelt und das regelmäßige Angeln und Beerenpflücken zur Nahrungssuche inklusive. Das alles beschreibt Autor Peter Heller sehr souverän und eindrücklich. Besonders beeindruckend – so viel darf ich vorwegnehmen – wird es zum Ende des Buches, wenn der Waldbrand, der lange Zeit als Bedrohung im Hintergrund schwelt, seine volle Kraft entfaltet. Und dennoch steht die Naturbeschreibung nicht im Zentrum dieser Geschichte.

Dieses bilden vielmehr die beiden jungen Männer Jack und Wynn. Beide werden intensiv beschrieben, der Erzähler taucht tief in die Figuren ein und verrät auch ihre innersten Gedanken. Sie sind beide durchtrainiert, bestens vorbereitet und dabei verantwortungsbewusst. Bereit, andere zu unterstützen. Jack ist dabei der Dominantere der beiden und gleichzeitig zurückhaltender, misstrauischer. Er hat schon in jungen Jahren einen Schicksalsschlag hinnehmen müssen, als seine Mutter bei einem Familienausritt in einen Fluss stürzte und ertrank. Wynn hingegen ist sanfter, aufgeschlossener, aber auch ein Stück weit naiver. Die Freundschaft der beiden ist sehr eng, aber dieser Trip wird dieses Band auf eine harte Probe stellen. Die Entwicklung der beiden Hauptfiguren und deren Freundschaft gehört zu den absoluten Stärken des Romans.

Männer mit Kanu auf einem Fluss. Dem geübten Leser kommt natürlich fast sofort ein Roman in den Sinn, der sozusagen die Referenz für dieses Genre und Setting bildet: James Dickeys Flussfahrt (im Original: „Deliverance“). Auch in Der Fluss wird auf diesen Roman verwiesen. Bekannt ist ebenfalls die Verfilmung unter dem wenig subtilen (deutschen) Titel Beim Sterben ist jeder der Erste. Flussfahrt überzeugt vor allem durch sein konstant hohes Spannungsniveau und die damit verbundene hohe Intensität. Dieses Intensitätsniveau erreicht Der Fluss nicht ganz, aber das war vermutlich auch gar nicht Peter Hellers Intention. Er dosiert seine Spannungsmomente – ohne, dass zwischendurch die Luft raus wäre – und konzentriert sich mehr auf die Entwicklung seiner Hauptfiguren. Dennoch bleibt es ein packender und wuchtiger Thriller/Abenteuerroman, den ich unbedingt empfehle.

Noch ein paar Worte zur Übersetzung: In seiner Besprechung bei Spiegel Online hat Marcus Müntefering die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Matthias Strobel deutlich kritisiert. Eine Beurteilung maße ich mir nicht an. Ich kann als Laie lediglich feststellen, dass mir während der Lektüre der Übersetzung sprachlich-stilistische Holperstellen höchstens sporadisch aufgefallen sind und diese mein Lesevergnügen nicht wirklich getrübt haben.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Fluss | Erschienen am 19. August 2019 im Verlag Nagel & Kimche
ISBN 987-3-312-01134-6
270 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Anna Simons | Verborgen

Anna Simons | Verborgen

In Verborgen wird Eva Korell, die Hauptprotagonistin, erstmals als Gefängnisärztin in München tätig. Hierher gekommen ist sie, um einen Neuanfang zu wagen, der komplett andere Arbeitsbedingungen bietet als in ihrer bisherigen Position als Klinikärztin in der Notaufnahme – aber auch, um Dinge aus ihrer privaten Vergangenheit zu vergessen. Außerdem wohnt sie nun auch näher bei ihrer Freundin Ann-Kathrin, die sie auch zu dem Wechsel nach München ermuntert hat.

An ihrem letzten freien Abend vor dem Beginn ihrer Arbeit als Gefängnisärztin fährt sie nach einem Ausflug ins Umland eine Tankstelle an. Dort fällt ihr eine junge Frau auf, die schwerfällig den Gehsteig entlang läuft, taumelt und dann einfach umkippt. Eva kommt ihr sofort zu Hilfe, doch trotz der Platzwunde am Kopf lehnt die junge Frau, Nicole Arendt, eine Einlieferung ins Krankenhaus ab. Sie verschwindet, als Eva die Rechnung zahlt und ihren Wagen holt, um Nicole nach Hause zu fahren.

Wie sich später herausstellt, ist sie die Frau eines Häftlings, Robert Arendt. Sie hat zu Hause eine Entdeckung gemacht, die sie total verstört, einen Ring, der dem Opfer eines Gewaltverbrechens gehörte. Da sie einerseits nun ihren Mann verdächtigt, ihn andererseits aber trotz häuslicher Gewalt immer noch liebt und total abhängig von ihm ist, sucht sie Hilfe bei Eva. Von deren Dienstantritt als Gefängnisärztin sie aus einer Zeitungsnotiz erfahren hat – und taucht eines Abends bei ihr auf. Die lehnt aber sofort ab, als Nicole mit ihr über ihren inhaftierten Mann sprechen möchte, als Gefängnisärztin will sie sich korrekt verhalten und sich nicht über Insassen äußern, auch nicht der Ehefrau gegenüber. Im Laufe der weiteren Handlung verschwindet Nicole Arendt, nachdem in ihrer Wohnung ein Brand ausgebrochen ist. Eva ist nun doch nachdenklich geworden und beginnt, eigene Ermittlungen anzustellen – und gerät dabei selbst in Lebensgefahr.

Die Autorin Anna Simons hat hier einen guten Start für eine neue Serie auf die Beine gestellt. Im ersten Teil wird ihre Protagonistin Eva Korell und ihre Tätigkeit als Gefängnisärztin ausführlich vorgestellt. Man erfährt einiges über den teilweise durchaus riskanten Arbeitsalltag, schon am ersten Arbeitstag muss sie sich behaupten. Sehr schnell realisiert sie, dass auch das Wachpersonal und Kollegen im Klinikbereich durchaus mit Vorsicht zu genießen sind, lässt sich jedoch nicht einschüchtern.

Auch die private Eva lernt man kennen: einerseits noch verletzlich aufgrund der Erlebnisse in ihrer Vergangenheit (die jedoch nur angedeutet werden). Aber eben auch stark genug, um mit aufsässigen Häftlingen und anderen Anforderungen fertig zu werden und empathisch genug, sich trotz anfänglicher Bedenken um eine junge Frau zu kümmern, die körperlich und seelisch schwer geschädigt ist.

Die Spannung der Handlung baut sich zwar nur langsam, dann aber kontinuierlich auf. Gut dargestellt ist auch die psychische Situation von Nicole Arendt, die trotz allem nicht von ihrem Mann loskommt. Auch diese Protagonistin ist ein wichtiger Bestandteil der Handlung, durchaus lebensnah dargestellt, sie wirkt sowohl bemitleidenswert als auch stark. Insgesamt handelt es sich hier um einen Plot, in dem es nicht direkt zu Anfang schon mit einem Mord beginnt, sich dafür aber stetig steigert und psychologisch gut durchdacht der überraschenden Auflösung nähert.

Fazit: Die Person Eva Korell und ihre berufliche Tätigkeit bietet noch genügend Möglichkeiten für weitere Fälle, man darf gespannt sein!

Anna Simons ist erfolgreiche Sachbuchautorin, studierte Anglistin und Romanistin und schreibt Sachbücher zu zahlreichen Gesundheitsthemen. Sie ist verheiratet und lebt in Berlin.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Verborgen | Erschienen am 8. Oktober 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10289-2
430 Seiten | 10.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe