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Katrine Engberg | Krokodilwächter

Katrine Engberg | Krokodilwächter

Einen Krimi zu schreiben ist ungefähr ähnlich schwierig wie der Versuch, einen Zopf aus Spinnweben zu flechten; tausend Fäden kleben an den Fingern und reißen, wenn man sich nicht konzentriert. (Auszug Seite 333)

Krokodilwächter ist der Auftaktband einer neuen dänischen Spannungsreihe. Und der Anfang hat es schon in sich! Der betagte Gregers Hermansen wohnt in dem Haus der ehemaligen Professorin Esther de Laurenti in der Kopenhagener Innenstadt. Die leicht exzentrische Esther lebt mit zwei Möpsen zusammen und bessert mit der Vermietung der restlichen Wohnungen ihre Rente auf. Ihre Tage verbringt sie mit zu viel Rotwein und sie hat angefangen, an einem Kriminalroman zu schreiben. Eines Morgens stolpert Gregers beim Müllrausbringen buchstäblich über die Leiche der grausam ermordeten Julie in der Wohnung unter ihm. Die Studentin wurde mit zahlreichen Messerstichen im Gesicht schrecklich zugerichtet und Gregers erleidet einen Herzinfarkt.

Vom Kopenhagener Polizeihauptquartier kommen die Polizeiassistenten Jeppe Kørner und Anette Werner und beginnen mit ihren Ermittlungen. Julie war erst vor kurzem mit ihrer Freundin Caroline aus dem ländlichen Jütland in die Großstadt gezogen.

Romanvorlage für einen Mord

Die Spurensicherung ergibt, dass Julie sich gewehrt haben muss und trotz der vielen Schnitte an einem Schlag mit einem schweren Gegenstand starb. Die Hinweise deuten in verschiedene Richtungen. Da ist der junge Theatergarderobier Kristoffer, der Esther Gesangsstunden gab und sich sehr in Julie verliebt hatte. Sie hatte diese Gefühle aber nicht erwidert, sondern einen älteren Mann auf der Straße kennen gelernt, um den sie ein großes Geheimnis machte. Auch diese Spur verläuft im Sand. Die Professorin gerät in Verdacht, da die Vorgehensweise des Mordes direkt aus ihrem Romanmanuskript zu kommen scheint. Wer kannte das Manuskript, hatte es als Vorlage für den Mord benutzt und dann ein Foto der Leiche ins Netz gestellt? Esther hatte erst die ersten drei Kapitel fertiggestellt und online in einer Schreibgruppe veröffentlicht. Die alte Dame kämpft mit Schuldgefühlen, denn es war ihr erster Roman und sie hatte darin ihr Umfeld mit eingebaut und ihre jugendliche Untermieterin zum Opfer werden lassen. Grade als die Untersuchungen auf der Stelle treten, geschieht ein weiterer Mord. Dieser war für mich wie ein Paukenschlag.

Sie musste ihn fragen, wie gut er sie eigentlich gekannt hatte. Sie musste ihr ganzes Projekt neu bewerten. Sie musste sich entscheiden, ob sie der Polizei erzählen sollte, dass sie Julie ermordet hatte. (Seite 65)

Das Figurenpersonal

Als Leser bleibt man ganz nahe bei dem Ermittlungsteam und das lese ich immer wieder gerne. Ich mag es, wenn die Polizeiarbeit so detailliert beschrieben wird und man mitraten und miträtseln kann. Katrine Engberg nimmt sich viel Zeit, die beiden Hauptcharaktere zu entwickeln, was ja bei einem Serienstart durchaus Sinn macht. Auch wenn sie bei dem Versuch, die Figuren lebendig zu machen und sie als Menschen mit Stärken und Schwächen darzustellen, nicht ganz ohne Klischees auskommt.

Die beiden Polizeiassistenten, die seit acht Jahren zusammen arbeiten, sind sehr unterschiedlich und werden trotz oder vielleicht grade deswegen oft als Team zusammengestellt. Die zupackende Anette ist meistens direkter und frei heraus. Der sensible Jeppe dagegen ist diplomatischer und agiert bedächtiger. Er leidet unter der kürzlichen Trennung von seiner Ehefrau und kämpft dadurch mit vielen körperlichen Symptomen. Wobei der ständig an sich und seiner Potenz zweifelnde Polizeiassistent schon an mancher Stelle etwas zu dick aufgetragen wirkt. Da Jeppe im gesamten Handlungsverlauf mehr Raum einnimmt, könnte ich mir vorstellen, dass im nächsten Band vielleicht Anette mehr in den Vordergrund rückt. Der große Pluspunkt ist aber die Figur Esther. Die einsame Professorin, die von einer Karriere als Kriminalschriftstellerin träumt, wird in ihrer Gefühlswelt sehr einfühlsam von der Autorin beschrieben.

Dichtung und Wahrheit

Die Kapitel des Buches sind nach den Ermittlungstagen aufgeteilt, unterbrochen durch die Einschübe von Esthers Manuskriptseiten. Diese werden in einer anderen Schriftart dargestellt und der Vergleich mit dem eigentlichen Thriller lässt die Klasse der Autorin Katrine Engberg erst richtig erkennen. Sie hat eine genaue Beobachtungsgabe für die kleinen zwischenmenschlichen Szenen und zeichnet sich durch sensible Personenzeichnungen aus. Das Besondere an diesem Debüt, das mir großen Spaß gemacht hat und sich aus dem Wust an Skandinavischen Thrillern heraushebt, ist die Sprache mit fein ausgewählten Worten. Es ist kein spektakuläres Buch, sondern ein grundsolider Thriller, bei dem der ruhige Schreibstil irgendwie unaufgeregt und nie reißerisch wirkt. Die Spannung ergibt sich am Anfang durch die undurchsichtige Verquickung von Fiktion und Realität. Der gut konstruierte Plot unterhält mit raffinierten Wendungen, die viel Raum für Spekulationen lassen und einigen Humoreinschüben.

„Sag mal, befinden wir uns mitten in einem beschissenen Kriminalroman?“ „Keine Ahnung, Jeppe, ist das so?“ (Seite 276)

Erst wenn zum Ende hin alle Fäden mehr oder weniger plausibel zusammengeführt werden, macht auch der Titel einen Sinn. Ein „Krokodilwächter“ ist eine afrikanischer Vogelart, die angeblich die Mäuler der Krokodile von Parasiten freihält und daher vom Krokodil geduldet wird.

Ich muss noch etwas zu dem aufwendig gestalteten Cover sagen, weil man das auf dem Foto gar nicht so genau erkennt. Im Schutzumschlag sind tatsächlich Schlitze, die den blutroten Leineneinband durchscheinen lassen. Sehr schön gemacht!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Krokodilwächter | Erschienen am 1. April 2018 bei Diogenes
ISBN: 978-3-257-07028-6
512 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ursula Poznanski & Arno Strobel | Invisible

Ursula Poznanski & Arno Strobel | Invisible

„Der dritte Tod in einer Woche und ein Muster, das keines ist. Bislang mehr oder minder unbescholtene Menschen bringen völlig Fremde um. Die sie zwar nie gesehen haben, von denen sie sich aber trotzdem verfolgt, provoziert, bedroht fühlen. Sie gehen nicht hin oder stellen sie zur Rede, sie beschränken sich nicht auf eine simple Prügelei oder zeigen den Betreffenden an – sie töten ihn. Das ist so weit weg von allem, was mir in meinem Beruf bisher untergekommen ist, dass es mich völlig aus dem Tritt bringt.“ (Auszug Seite 94)

Die Kriminalkommissare Nina Salomon und Daniel Buchholz haben es bei diesem Fall mit ganz besonderen Taten zu tun: Ein Arzt sticht sein Skalpell in das Herz eines Patienten, ein Mann wird in aller Öffentlichkeit erschlagen und ein Immobilienmakler wird an seiner Haustür erstochen. Die Suche nach den Tätern ist hierbei zweitrangig, da diese sofort feststehen und verhaftet werden können. Viel schwieriger wird es bei der Suche nach den Motiven, denn keiner der Täter kannte sein Opfer persönlich. Die Täter geben nur an, dass sie von ihnen bedroht wurden. Können die beiden Kommissare die Mordserie stoppen, ohne dass es zu neuen Toten kommt?

Zwei ungleiche Partner

Nina Salomon ist vor einiger Zeit wegen eines Disziplinarverfahrens von Bremen nach Hamburg versetzt worden. Seitdem arbeitet sie mit Daniel Buchholz zusammen. Die Partner sind ein sehr unterschiedliches Gespann: Nina ist impulsiv und spontan und begibt sich auch gern mal auf einen Alleingang. Dabei nimmt sie es mit den Vorschriften nicht so genau. Daniel hingegen ist eher überlegt und erinnert Nina immer wieder daran, wo in einem Rechtsstaat die Grenzen der Polizei sind.

Buch Drei der beiden Autoren

Invisible ist der dritte gemeinsame Thriller von Ursula Poznanski & Arno Strobel. Die beiden ersten Bücher Fremd und Anonym habe ich auch bereits gelesen und war begeistert, deshalb habe ich bei dem neuen Fall um Salomon und Buchholz auch gar nicht lange gezögert. Ich bin also mit recht hohen Erwartungen in die Seiten eingestiegen und wurde nicht enttäuscht! Der Fall ist kniffelig und alle scheinbaren Indizien verlaufen in Sackgassen, dadurch bleibt es konstant spannend.

Zermürbende Ermittlungen

Die Protagonisten sind mir sympathisch, weil sie zwar sehr verschieden sind, aber im Grunde gut zusammenarbeiten. Dieser Fall zermürbt alle und der sonst so überlegte Daniel wird zusehends unbeherrschter im Umgang mit seinen Kollegen. Denn die Arbeit an dem eh schon schwierigen und nervenaufreibenden Fall wird zusätzlich erschwert durch einen neuen Kollegen, der Unruhe stiftet und durch Daniels private Probleme, die ihn nächtelang grübeln lassen.

Anfang & Ende

Am Anfang fand ich es etwas störend, dass Daniels private Probleme nicht gleich benannt wurden, sondern immer nur Andeutungen gemacht werden. Dieser ganze Handlungsstrang hätte für mich auch nicht in die Geschichte gemusst. Da die Kapitel abwechselnd aus Sicht der beiden Ermittler geschrieben sind, kam ich ab und zu durcheinander, wer denn jetzt gerade an der Reihe ist. Das Ende ist ganz anders, als ich gedacht habe und regt zum Nachdenken an.

Insgesamt ein gut zu lesender und interessanter Fall, der die beiden Protagonisten an ihre Grenzen bringt.

Ursula Poznanski wurde 1968 geboren und lebt zusammen mit ihrer Familie im Süden von Wien. Sie pflegt dort neben der Leidenschaft zum Schreiben auch die Tradition des Kaffeehausbesuches. Die Autorin ist im Jahr 2000 bei einem Drehbuchwettbewerb zum Schreiben gekommen und hat seitdem 20 Bücher veröffentlicht. Darunter befinden sich nicht nur Thriller, sondern auch Kinderbücher und Jugendthriller.

Arno Strobel wurde 1962 geboren und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in der Nähe von Trier. Mit Anfang 40 veröffentlichte Arno Strobel seine ersten Kurzgeschichten in Internetforen. Sein erster Roman wurde im selbst gegründeten Verlag gedruckt und erst nach Verkauf der Startauflage wurden namhafte Verlage aufmerksam. Seitdem hat der Autor fünfzehn Bücher veröffentlicht, darunter zwei Jugendbücher.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Invisible | Erschienen am 27. März 2018 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-0015-8
368 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zu den Romanen Fremd und Anonym des Autorenduos.

Christina Bacher | Bolle und die Bolzplatzbande: Das Römergrab

Christina Bacher | Bolle und die Bolzplatzbande: Das Römergrab

Das Römergrab ist bereits der 7. Fall für die Bolzplatzbande, einem Köln-Krimi für Pänz.

Die Hauptpersonen: Die Bolzplatzbande, bestehend aus den Schulfreunden Laura, Sema, Kevin sowie dem tadschikischen Flüchtlingsjungen Wladi, der seit einem knappen Jahr in Köln lebt.

Die Handlung spielt im Köln der Gegenwart. Tatsächlich werden in Köln immer wieder bei Bauarbeiten Relikte aus der Römerzeit ausgegraben, im Römisch-Germanischen Museum kann man anhand der dort ausgestellten Objekte einiges über die Römerzeit erfahren.

Passend am letzten Schultag vor den Ferien ergibt sich ein neuer Fall für die Bolzplatzbande. Wladi hat Lauras Mutter telefonisch Bescheid gegeben, dass Laura ihn in der Werkstatt des mit ihnen befreundeten Straßenkehrers Bolislav Fischer, genannt Bolle, treffen soll. Bolle hat Wladi mitten in der Nacht eine SMS mit einer Bitte um Hilfe geschickt und mitgeteilt, dass er in eine heiße Sache verwickelt ist. In der Werkstatt ist Bolle jedoch nicht, stattdessen sieht alles nach einem Einbruch aus und an die Wand wurde in schwarzen, riesengroßen Buchstaben die Botschaft „Cave Canem“ (Warnung vor dem Hund) geschrieben. Alles sehr rätselhaft und somit perfekt für die Detektive der Bolzplatzbande.

Bei ihren Ermittlungen erfahren sie, dass auf dem Bauplatz, wo Bolle als Wachmann arbeitet, ein Römergrab gefunden wurde, in dem ein Hundeskelett mit diversen Grabbeigaben lag. Ein Bauarbeiter hat davon ein Handy-Foto gemacht und es ins Netz gestellt. Kurz darauf ist jedoch nicht nur der Grabinhalt, sondern auch Bolle verschwunden.

Der Fall wird immer rätselhafter, als sich auch noch Zusammenhänge mit jugendlichen Anhängern der Dark-Metal-Band „Monsters of Dogs“ ergeben. Merkwürdig ist auch eine Begegnung Lauras bei der Pressekonferenz im Römisch-Germanischen Museum, wohin der Fund aus dem Römergrab eigentlich gebracht werden sollte und bei der sie im Vorraum der Damentoilette von einer Journalistin angesprochen wird.

Die Tätowierte aus der Konferenz kommt aus einer der Kabinen, wäscht sich die Hände und grinst dabei Lauras Spiegelbild an, ein silbernes Piercing zwischen den Vorderzähnen blitzt hervor. „Und ich sag dir, Kleine. Der Hund rächt sich an allen, die seine Ruhe stören – auch an Journalisten. Sie dich vor, dass du dich von der Story fernhältst“, sagt die Frau mit bedrohlicher Geste. Schnell weg von hier, denkt Laura und trocknet sich rasch die Hände ab. „Cave Canem!“, ruft die kleine Frau ihr hinterher. „Wir müssen die Warnung des Hundes ernst nehmen!“. (Auszug)

Weitere Handelnde: Eine besondere Rolle spielt Conchita, eine Pudeldame, auf die Laura im Auftrag einer etwas merkwürdigen Nachbarin ein paar Tage aufpassen sollte, ein netter und ein fieser Schulkamerad von Laura sowie eine Wissenschaftlerin, die in Rom auf einer Spezialtagung zum Thema „Kind und Hund im alten Rom“ teilgenommen hat.

Die gesamte Handlung ist jedenfalls spannend aufgebaut und bleibt es bis zum Schluss. Erwähnenswert finde ich, dass die Autorin immer mal wieder in die Handlung Hinweise über Kölner Straßen oder Gebäude (zum Beispiel die Alte Feuerwache Köln) einfügt, das macht es für Kölner Leser, die diese Bereiche kennen, besonders interessant. Aber auch Ortsfremde können sich gut in die Erzählung einfinden.

Die Autorin Christina Bacher, geb. 1973, gründete vor einigen Jahren Bachers Büro – eine Schmiede für Texte aller Art. Seither arbeitet sie als Chefredakteurin des Kölner Straßenmagazins „Draussenseiter“ und schreibt Jugendbücher, Kriminalromane und Ratekrimis fürs Radio. Die Idee der Krimi-Reihe um die Figuren Bolle und die Bolzplatzbande wurde ursprünglich für eine Ratekrimi-Serie des Hessischen Rundfunks und schließlich für die Buchreihe entwickelt.

Mein Fazit: gut ausgedachte und mit Hinweisen auf die Örtlichkeit, in der sie stattfindet, angereicherte Handlung, spannend und altersgerecht geschrieben für die Zielgruppe Kinder ab 8 Jahren.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Bolle und die Bolzplatzbande: Das Römergrab | Erschienen am 23. März 2017 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0039-0
144 Seiten | 7.95 Euro
ab 8 Jahre
Bibliografhische Angaben & Leseprobe, Buchtrailer

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Kinder- und Jugendkrimis.

Kyra Dittmann | Wild Horse Valley

Kyra Dittmann | Wild Horse Valley

“Die Dessertvariationen begannen, in meinem Magen Salto zu tanzen. Auch wenn ich eigentlich fast daran glaubte, dass Greyson mit seiner rätselhaften Art übertrieb, kam ich mir vor, als wäre ich bereits in ein düsteres Geheimnis verwickelt. Ich hatte ja sowas von keine Ahnung.“ (Auszug Seite 136)

Abby wohnt in Liverpool und fährt am liebsten Skateboard. Kurz vor den Sommerferien eröffnet Abbys Mutter ihrer Tochter, dass sie sich in einen Baron verliebt hat und gemeinsam mit Abby zwei Wochen bei ihm auf dem Schloss verbringen will. Ihrer Mutter zu Liebe und weil das Schloss auch einen eigenen Reitstall hat, erklärt sich Abby einverstanden. Die ersten Tage in der Ferienunterkunft verlaufen aber so gar nicht wie gewünscht. Irgendwie sind alle abweisend und kühl. Und was ist eigentlich mit Greyson, dem Sohn des Barons? Einerseits ist er genauso versnobt, wie alle anderen, dann wieder furchtbar nett. Abby ahnt, dass es hinter der ganzen Fassade ein Geheimnis gibt…

Skateboard und Pferdegeschichten

Abby ist fünfzehn Jahre alt und in eher bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Ihr Vater ist bereits vor einigen Jahren an einer Krankheit verstorben. Abby hat noch viele Erinnerungen an ihn, unter anderem den Traum, irgendwann einmal mit ausgebreiteten Armen und offenen Augen dem Wind entgegen zu galoppieren. Abbys Leidenschaft neben dem Skaten sind Bücher, bevorzugt Pferdegeschichten. Reiten kann Abby aber noch nicht.

Zottelpony statt wildem Hengst

Ich hätte mir ja nicht träumen lassen, dass ich für diesen Blog mal einen Pferde-Roman besprechen darfAber dieses Special eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Da ich selbst Reiterin bin, lag die Entscheidung für Wild Horse Valley von Kyra Dittmann nahe. Ich habe mich sehr auf das Buch gefreut, war aber ehrlich gesagt auch recht skeptisch, weil man ja diese typischen Kleinmädchen-, Wendy- und Ostwind-Geschichten kennt. Von dieser Geschichte wurde ich aber positiv überrascht, weil Abby eben nicht einem wilden Hengst begegnet, den nur sie zähmen kann oder das erste Mal auf einem Pferderücken sitzt und sofort über die Wiesen galoppiert. Nein, Abby freundet sich mit einem zotteligen Pony an und geht mit ihm spazieren. Das finde ich sehr sympathisch!

Alles vereint

In diesem Buch geht es aber nicht nur um die Pferde, sondern tatsächlich auch um Mord. Spannung entsteht dadurch, dass Abby Greyson doch mit der Zeit etwas näher kommt und er sogar ihre Hilfe benötigt, sich bei den Begründungen aber mehr als kryptisch ausdrückt. Außerdem beobachtet Abby immer wieder merkwürdiges Verhalten der anderen Schlossbewohner, kann sich aber keinen Reim darauf machen. Dazu kommen falsche Anschuldigungen, Missverständnisse und Sticheleien sowie Abbys Versuche, sich in dieser neuen und feinen Welt zurechtzufinden. Ein bisschen Liebe und der erste Kuss darf auch nicht fehlen und schon ist alles vereint, was Teenies sich wünschen.

Empfehlung

Ich fand den Roman sehr flüssig zu lesen und kann ihn wirklich empfehlen. Kleine Klischee-Ansätze sind immer mal wieder vorhanden, werden im Großen und Ganzen dann aber gut umschifft. Das Buch eignet sich gut als leichte Spannungslektüre für Erwachsene. Zudem finde ich das Cover sehr schön gestaltet.

Kyra Dittmann wurde 1972 in Bonn geboren und arbeitete nach einer Schreinerlehre viele Jahre im Handwerk. Dann stellte sie ihre Weichen neu und absolvierte diverse Schreib- und Drehbuchseminare und arbeitet heute als freie Autorin. Kyra Dittmann lebt mit ihrem Mann und den sechzehnjährigen Zwillingstöchtern in Bonn. Sie ist selbst eine begeisterte Reiterin.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Wild Horse Valley | Erschienen am 16. März 2018 im Coppenrath Verlag
ISBN 978-3-649-62774-6
320 Seiten | 12.99 Euro
ab 12 Jahre
Bibliografische Angaben & Leseprobe

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Kinder- und Jugendkrimi.

Alexander Oetker | Château Mort

Alexander Oetker | Château Mort

Ein Krimi aus dem Médoc und aus Saint-Émilion.

Château Mort knüpft fast nahtlos an den Erstling aus dem vergangenen Jahr an, in Retour hatten Commissaire Luc Verlain und seine von ihm angehimmelte Kollegin Anouk Filipetti den Mord an einem jungen Mädchen aufgeklärt. Am folgenden Tag war Anouk nach Venedig aufgebrochen, wegen eines Trauerfalles, mehr wusste Luc nicht. Nun sind zwei Monate vergangen und per SMS kündigt sie Luc ihre Rückkehr für den kommenden Tag an. Der ist voller Vorfreude und macht seinen Freund Yacine neugierig auf die Frau, wegen der schlaflose Nächte hatte.

Yacine Zitouna, Sohn algerischer Einwanderer, wurde von Luc von der Straße weg in die Polizeiausbildung geholt, mittlerweile ist er Capitaine de Police bei der Pariser Mordbrigade, Lucs Kollege. Der hat sich gerade nach Bordeuax versetzen lassen, um bei seinem todkranken Vater sein zu können, den er gerade in einen Kurort zur Erholung gebracht hat. In diesem zweiten Roman Oetkers spielt er leider überhaupt keine Rolle. Ebenso übrigens wie Lucs baskischer Kollege Etxeberria, mit dem gemeinsam er die Brigade Criminelle Aquitaine leiten soll, solange er in Bordeaux ist. Wollte er anfangs lieber heute als morgen zurück in die Hauptstadt, so ist er inzwischen hin- und hergerissen zwischen seinem Alltag in der geliebten, quirligen Metropole und der Schönheit der Landschaften und dem ruhigen und guten Leben im Südwesten Frankreichs, wo er in einem kleinen Ort am Meer aufwuchs.

Yacine ist gerade zu einem kurzen Besuch über das Wochenende eingetroffen, um der Großstadt für ein paar Tage zu entfliehen, die wie ganz Frankreich unter einer Rekord-Hitzewelle stöhnt, und das Anfang September. Er will mit Luc in dessen Strandhütte, der Cabane seines Vaters, einem früherer Austernfischer, ein wenig entschleunigen, bei viel Bier und Wein, guten Gesprächen und noch besserem Essen. Die beiden lassen es tatsächlich gehörig krachen, mit den ersten Zeilen des Buches wachen sie mit einem Brummschädel am Strand auf. Dennoch müssen sie ran, die Polizisten haben sich als Freiwillige zur Verfügung gestellt, um als Streckenposten beim berühmten Marathon du Médoc zu fungieren, einem Riesenspektakel, bei dem rund 7500 Läufer auf die Strecke gehen, zum großen Teil in abenteuerlichen Kostümen und Verkleidungen. Der Kurs führt rund um Pauillac, vorbei an den schönsten Weinschlössern des Gebietes, und nicht nur daran vorbei: Die Läufer bekommen an den Verpflegungsständen vor den Châteaux tatsächlich Rotwein, wenn auch nur eine Probe in kleinen Bechern.

Am Vorabend des Ereignisses findet traditionell ein Nudelessen mir 1500 geladenen Gästen statt, das „Dinner Mille Pâtes“. Dieses Jahr richtet Lucs alter Freund, der Winzer Richard das Fest aus, und er bittet ihn, bei dieser Gelegenheit einem Konkurrenten auf den Zahn zu fühlen: Hubert de Langeville, ein alter, sehr renommierter Winzer, der sich zur Ruhe setzen will. Richard hat vor, dessen kleines Château in Saint-Émilion zu erwerben. Aber es kommt ganz anders, das fast schon perfekte Geschäft platzt, Hubert scheint im Gegenteil plötzlich expandieren zu wollen. Aber das Châtau Bordas, auf das er ein Auge geworfen hat, reizt offenbar auch andere Interessenten. Hubert, der sich prächtig mit Luc versteht, verspricht ihm, die Hintergründe am kommenden Tag nach dem Marathon zu erläutern. Dazu wird es allerdings nicht mehr kommen, denn während des Laufes passiert Dramatisches. Als Luc und Yacine am Stand von Richard eine Pause machen, gesellt sich plötzlich Anouk zu ihnen, die endlich zurück ist. Die Wiedersehensfreude ist groß, wird aber schnell getrübt: Nicht weit entfernt sind etliche Läufer kollabiert, aber nicht aufgrund der enormen Hitze. Der sous-préfet des Départements kann gerade noch wiederbelebt werden, für einen anderen kommt jede Hilfe zu spät. Es ist Hubert de Langeville.

Vergiftet mit einem Medikament, das offenbar in den Wein gemischt wurde, der als Probe an die Läufer ausgeschenkt wurde – ausgerechnet am Château von Richard! Und das aufgrund einer chronischen Krankheit Hubert zum Verhängnis wurde. Wer wusste von dieser Krankheit? Wer hatte ein Interesse an seinem Tod? Jetzt beginnen die verzwickten Ermittlungen, die sich nicht nur als schwierig herausstellen, sondern zuweilen auch heikel und delikat sind. Während Yacine zurück in sein Pariser Kommissariat muss, nehmen Luc und Anouk ihre bewährte Teamarbeit auf. Und geraten diesmal gehörig aneinander. Denn während immer mehr Indizien auf Richard, Lucs alten Freund hinweisen, weigert sich der, den Tatsachen ins Auge zu sehen und ermittelt fast im Alleingang in andere Richtungen. Ganz klassisch mit viel „Laufarbeit“ (Luc fährt einen alten Jaguar), mit Gesprächen, Befragungen, Verhören.

Wobei die Dialoge durchaus noch etwas lebendiger, abwechslungsreicher sein könnten. Wenn Oetker allerdings ins Erzählen gerät, zeigt sich seine Stärke mit wunderbar leichten, legeren Beschreibungen von Land und Leuten, der Besonderheiten in den Weinbauregionen um Bordeaux, ihrer sehr eigenen Schlossbesitzer, der Einwohner in den kleinen Städtchen, all das gelingt ihm so fließend, so flott, dass man die Seiten förmlich überfliegen kann. Wer sich ein wenig interessiert für die Welt der Winzer, den Weinanbau und -Handel, für die Entstehung der Cuvées und Gand Crus, der kommt auf seine Kosten bei einem Blick hinter die Kulissen der Branche – inklusive einer Schlossführung mit Weinprobe für Touristen, die fast schon eine Parodie ist. Wer „nur“ einen soliden Krimi erwartet, ist möglicherweise ein wenig enttäuscht, dafür ist Oetker an vielen Stellen zu ausführlich und genau, er hält sich gern an Einzelheiten auf. Besonders rückt er Lucs Liebesleben in den Mittelpunkt, der Frauenheld ist nämlich nicht nur verrückt nach Anouk, er hat noch zwei andere Eisen im Feuer, eine etwas fragwürdige Haltung, aber irgendwie nimmt man sie dem charmanten, sympathischen Kerl nicht übel.

Darüber plätschert der Mordfall eine Zeitlang dahin, Luc kommt der Lösung einfach nicht näher, zu viele mögliche Täter, zu viele offene Fragen. Der Filialleiter der Crédit Agricole weiß einiges, will aber nichts sagen, die Apothekerin verkörpert praktisch die Nachrichtenzentrale des Ortes, weiß aber nicht genug, was der Arzt weiß, lässt sich zunächst nicht prüfen, er ist verschwunden. Und manch einer weiß angeblich gar nichts. Lucs Ermittlungen sind langwierig aber nicht langweilig, so dass der Leser nicht ungeduldig wird, denn es bleibt jederzeit unterhaltsam. Auch weil wir es mit einem sehr geschickt zusammengestellten Personal zu tun haben. Die interessanten, faszinierenden Figuren sind allesamt sehr lebendig, greifbar, echte Typen, die zum Teil sehr grob geschnitzt, ein wenig überzeichnet und doch absolut echt sind, zum anderen aber treten Akteure auf, die durch eine sehr feine und empfindsame Ausgestaltung und Charakterisierung anziehen.

Der Aufbau des Romans gleicht dem Debüt, 54 Kapitel spiegeln die Ereignisse zwischen Vendredi, Freitag bis zum Sonntag der kommenden Woche, Dimanche. Eine recht kurze Zeitspanne, in der auch nicht sehr viel passiert, ein Mord und recht zähe Ermittlungen, ansonsten viel Privates und Persönliches, auch Pikantes und Peinliches aus der feineren Gesellschaft. Ja, Luc und seine Mitstreiter verteilen wieder Seitenhiebe auf die Politiker und die Politik, auf die Eliten und die sogenannte High-Society. Das macht Spaß und lockert den raffinierten, nicht so leicht zu durchschauenden Plot auf, der schließlich noch sehr spannend wird bis Luc endlich ein Licht aufgeht und die etwas überraschende Aufklärung des Falles gelingt. Ein paar Rätsel bleiben aber und werden wohl im kommenden Jahr in Oetkers nächstem Krimi gelöst. Dann erfahren wir auch, wie es weitergeht mit Luc und seinen Frauen,

Auch diesmal haben mir das Cover und vor allem die schönen Karten auf den Innenseiten des Einbands gefallen, wobei ausgerechnet hier ein fataler Rechtschreibfehler zu beklagen ist. Der zweite Roman von Alexander Oetker ist für mich eine Steigerung!

Anmerkung: In diesem Jahr findet der 34. Marathon du Médoc am Samstag, den 8. September 2018 unter dem Motto: „La Fête Foraine“ (Ein Jahrmarkt) statt.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Château Mort | Erschienen am 14. März 2018 bei Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-00076-4
336 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Kurts Rezension zum 1. Band der Reihe Retour.

6. Mai 2018