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Eric Berg | So bitter die Rache

Eric Berg | So bitter die Rache

„Immerhin hat das Verbrechen in meinem Haus stattgefunden. Ich gebe allerdings zu, dass es mir lieber wäre, ich hätte nie davon erfahren. Eines der Opfer soll mit einem Schürhaken erschlagen worden sein, und jetzt fehlt unser Schürhaken. Mir ist natürlich klar, dass die Tatwaffe, sofern sie gefunden wurde, in der Asservatenkammer der Polizei liegt. Aber komisch ist es schon.“ (Auszug Seite 123)

Ellen Holst hat sich von ihrem Ehemann getrennt und zieht mit Sohn Tristan aus dem Ausland in die Wohnsiedlung an der Ostsee in Heiligendamm. Kurz danach erfährt sie, dass vor sechs Jahren in ihrem Haus ein Dreifach-Mord verübt wurde. Erst will Ellen nichts Genaueres darüber wissen, dann siegt die Neugier aber doch. Was genau ist damals vorgefallen? Dann kommt es auch noch zu merkwürdigen Geschehnissen und Parallelen zum damaligen Verbrechen …

Ein Neuanfang

Ellen Holst ist vierzig Jahre alt und war 15 Jahre mit einem Diplomaten verheiratet, der mit ihr und dem gemeinsamen Sohn Tristan quer durch Afrika und Asien gezogen ist. Ellen hat sich in der Rolle der Diplomaten-Gattin schon immer unwohl gefühlt, jetzt endlich zieht sie den Schlussstrich und kauft ein Haus an der Ostsee für sich und Tristan, um ein neues Leben zu beginnen.

Zwei Zeitebenen mit zwei Handlungssträngen

So bitter die Rache ist das dritte Buch, das ich von Eric Berg gelesen habe und das zweite, das ich rezensiere. Im Übrigen haben wir alle Kriminalromane von Eric Berg auf dem Blog besprochen (.siehe unten) Mir hat der Roman sehr gut gefallen, da er sehr spannend gestaltet ist und sich flüssig liest. Die Geschichte ist in zwei Zeitebenen aufgebaut, nämlich Sommer 2010 und Sommer 2016, und außerdem in jeweils zwei Handlungsstränge unterteilt. Es geht einmal um die Wohnsiedlung und im anderen Strang um eine albanische Familie.

Schwieriges Differenzieren

Ab und zu fand ich es schwierig, die Familien und Ereignisse von vor sechs Jahren und die von heute auseinander zu halten, obwohl die Kapitel jeweils gut gekennzeichnet sind. Beim Lesen hatte ich oft das Bedürfnis, alle Geschehnisse und Zeiten und Personen ordnen zu müssen, sonst wäre ich durcheinander gekommen. Ab der Mitte des Buches hatte ich dann aber einen Überblick. Vielleicht macht es gerade das so spannend, weil ich als Leser zweierlei Informationen bekomme, aber beide noch nicht zusammen passen. Man macht sich dann ja so seine Gedanken und stellt Vermutungen an und meine wurden am Ende wunderbar entkräftet, so dass ich überrascht wurde.

Autorenlesung zum Buch

Bevor ich das Buch gelesen habe, war ich bei einer Lesung von Eric Berg zu diesem Kriminalroman. Den Autor finde ich sehr sympathisch und witzig und dem Vorgelesenen habe ich gern zugehört. Als ich im Buch dann die Stellen wiedergefunden habe, die Eric Berg vorgelesen hat, hatte ich seine Stimme und die Betonung wieder im Ohr. Außerdem hat der Schriftsteller erzählt, dass er den Schauplatz seines ersten Krimis – Das Nebelhaus – eher zufällig bei einem Urlaub mit Freunden entdeckt hat und erst Jahre später hat er sich daran erinnert und ihn in einem Buch verarbeitet. Da die Ostsee als Handlungsort mit dem ersten Roman feststand, wurden auch alle anderen dort angesiedelt. Ich kann also noch auf weitere Küstenkrimis hoffen! Die Geschichten sind allerdings bewusst nicht als Regionalkrimi deklariert, denn es geht dem Autor nicht um die genaue und detailgetreue Beschreibung der Ortschaft, sondern lediglich um die Atmosphäre. Interessant fand ich auch, dass Eric Berg erzählt hat, wie schwierig es ist, den Titel für ein Buch zu finden, weil es scheinbar bereits alle schon einmal gab.

Eric Berg ist das Pseudonym des Autors Eric Walz, der mit historischen Romanen bekannt wurde. Er wurde 1966 in Königstein im Taunus geboren und kam erst im Alter von 35 Jahren zum Schreiben. Unter dem Namen Eric Berg wurden bisher vier Ostsee-Kriminalromane und zwei Jugendbücher veröffentlicht.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

So bitter die Rache | Erschienen am 19. März 2018 bei Limes
ISBN: 978-3-8090-2660-0
416 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu Eric Bergs Romanen Das Küstengrab (Dani), Das Nebelhaus (Monika) sowie Die Schattenbucht (Andrea)

Sándor Ferenczy | Die Marsrakete & Der Mann mit der dunklen Brille

Sándor Ferenczy | Die Marsrakete & Der Mann mit der dunklen Brille

Im April diesen Jahres hat Der Audio Verlag historische Hörspielaufnahmen des „ersten großen Schallplattenproduzenten Deutschlands“ Sándor Ferenczy aus den 1950er und 1960er Jahren nach leichter Audiobearbeitung neu aufgelegt. Zwei von inzwischen vier veröffentlichen Medien habe ich mir angehört, und zwar zum einen Der Mann mit der dunklen Brille und weitere Abenteuer von Tobby und Robby sowie Die Marsrakete und weitere Abenteuer.

Sowohl Tobby und Robby als auch die anderen Hörspielprotagonisten sind junge vorwitzige und clevere Schüler, die in den deutschen Nachkriegsjahren viele kleine und größere Kinder vor den Rundfunkgeräten fesselten, denn sie boten eine neue Form der Unterhaltung für Kinder, gepaart mit vermeintlich riskanten Missionen, verwegenen Abenteuern und echten Ermittlern, die sich gerne von Kinderdetektiven unterstützen ließen.

Der Charme der Produktionen liegt für mich eindeutig in dem Alter der Aufnahmen und den daraus resultierenden Ermittlungsmethoden, Ansichten und Vorstellungen der Kinder. Man kann sich durch die Sprecher unheimlich gut in die Zeit der Kindheit unserer Eltern (in meinem Fall) versetzen. Vor mir sehe ich dabei zum Beispiel die Straßen von Berlin, in denen Emil in Emil und die Detektive seine Ermittlungen durchführte. Dabei kommen noch so wunderbar nostalgische Wörter wie Peterwagen (für Polizeieinsatzfahrzeug), Froschmänner (Polizeitaucher) und andere vor.

Auf der CD Die Marsrakete und weitere Abenteuer finden sich vier Hörspiele: Die Marsrakete, Peterwagen 7, Stopp für Nord-Express und Froschmänner im Einsatz. Die Hörspielsammlung Der Mann mit der dunklen Brille und weitere Abenteuer von Tobby und Robby beinhaltet ebenfalls vier spannende Folgen: Der Mann mit der dunklen Brille, Schmuggel über den Wolken, Die schwarze Aktentasche sowie Unfallwagen 4. Auf den Seiten des Audioverlags gibt es zu jeder Folge eine kurze Inhaltsangabe. Da die Folgen kurz sind, verzichte ich auf eine Zusammenfassung des Inhaltes und beschränke mich auf die dringende Empfehlung für all diejenigen, die sich gerne in ihre Kindheit zurückversetzen lassen möchten. Aber auch Hörer, die diese Jahre nicht als Kind erlebt haben, werden Gefallen an den liebevollen Produktionen finden. Es sind sowohl Perlen als auch Zeitzeugen einer ganzen Nachkriegsgeneration, welche unter Berücksichtigung der Originalität restauriert neu aufgelegt wurden.

Andrea hatte für krimirezensionen.de jüngst das fünfzigminütige Hörspiel Die Gentlemen bitten zur Kasse von Sándor Ferenczy besprochen. Es stammt aus der selben Zeit und ist ein weiteres Beispiel für die großartige Welt der Radiohörspiele.

Sándor Ferenczy (1906- 1993) war Hörspielregisseur und -Autor und gilt heute als „erster großer Schallplattenproduzent Deutschlands“. Ferenczy schrieb und bearbeitete in erster Linie Hörspiele für Kinder und Jugendliche; neben zahlreichen Märchenhörspielen der 1950er Jahre auch eine Reihe von modernen oder eigenen Stoffen, zum Beispiel Die Gentlemen bitten zur Kasse (1966/1968) und Der Wal im Wasserturm (1974) oder Peter und das Zauberklavier (1959). 2006 wurde begonnen, die alten Aufnahmen Ferencys zu restaurieren und neu auf CD zu veröffentlichen.

 

Der Mann mir der dunklen Brille | Die Marsrakete
Beide Hörspielsammlungen erschienen am 9. Februar 2018 bei DAV Der Audio Verlag
ISBN 978-3742403896 | 978-3742403902
je 1 Audio-CD
Laufzeit in Minuten: 51 | 47
ab 8 Jahren
Hörproben: Der Mann mit der dunklen Brille | Die Marsrakete

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Kinder- und Jugendkrimis.

 

Weiterlesen: Andys Rezension zu Sándor Ferenczys Hörspielproduktion Die Gentlemen bitten zur Kasse

Denise Mina | Blut Salz Wasser

Denise Mina | Blut Salz Wasser

„Wissen Sie, was ich an diesem Land so abstoßend finde?“, fragte Susan und ließ ihren Akzent in einen anderen übergehen. „Diese scheiß Scheinheiligkeit.“
Der Ladenbesitzer war überfordert. „Was? Heiligkeit?“
„Scheinheiligkeit. Selbstgerechtigkeit.“ Der Akzent klang jetzt sehr viel amerikanischer. […]
Der Ladenbesitzer war entschlossen, nicht zuzugeben, dass er im Unrecht war. Er zuckte die Achseln. „So sind Menschen eben, oder nicht?“
„Nein“, sagte die echte Susan. So ist es hier.“ (Auszug Seite 263)

Alles beginnt mit einem Mord. Einem brutalen Mord an einer Frau am Ufer des Loch Lomond. Der Mörder Iain Fraser übt diese Tat etwas widerwillig, aber letztlich effizient aus. Sein Boss Mark Barratt hat die Befehle gegeben und er führt sie aus, um eine Schuld zu tilgen, auch noch eine Schuld für jemand anderen. Der Leser begleitet anschließend Iain immer wieder durch diese Geschichte und ist überrascht, dass dieser Mann, dieser brutale Mörder, die traurigste Gestalt der ganzen Geschichte ist. Ein Mann mit verkorkster Vergangenheit, voller Schwermut und noch nicht mal sein Mord bringt letztlich etwas. Zwei Menschen sterben bei einem Brand und das stürzt ihn noch tiefer in den Abgrund.

Gleichzeitig hat DI Alex Morrow einen verdammt unangenehmen Fall auf dem Tisch. Eine großangelegte Polizeiaktion der Londoner Polizei und der Police Scotland. Roxanna Fuentecilla ist eine Geldwäscherin eines Drogenrings. Schon lange von der Polizei in London observiert, ist sie vor kurzem nach Glasgow gekommen und hat hier eine windige Versicherungsagentur übernommen. Die Observation geht weiter und die Polizeibehörden belauern sich: Wer am Ende das Drogengeld sicherstellt, darf davon den Löwenanteil dem eigenen Budget zuteilen. Das Problem nun ist jedoch: Fuentecilla ist verschwunden, hat die Verfolger abgehängt. Die letzte Handyortung der Vermissten führt Alex nach Helensburgh. In der Nähe wird schließlich die Leiche im Loch gefunden. Wie sich herausstellt, ist es nicht die Vermisste. Dennoch hatten beide Frauen miteinander zu tun, eine Verbindung zeichnet sich ab.

Die dritte Erzählperspektive nimmt Boyd Fraser ein. Er ist der Besitzer eines Cafés in Helensburgh, wo er auf Bio und nachhaltig macht und seine Speisen und Getränke zu gesalzenen Preisen an den Kunden bringt. Boyd ist ein Getriebener, unzufrieden und unglücklich, ohne recht zu wissen warum. Da kommt eines Tages eine Frau in sein Café. Susan Grierson, eine ehemalige Pfadfinderleiterin, die offenbar nach zwanzig Jahren nach Helensburgh zurückgekehrt ist. Irgendwie umgibt sie allerdings ein Geheimnis, dass jedoch weder Boyd noch Iain am Anfang bemerken und sich von ihr in die weiteren Ereignisse hereinziehen lassen.

Vor knapp einem Jahr habe ich Monika Geiers Alles so hell da vorn gelesen und war schwer begeistert. Nun habe ich mich während der Lektüre von Blut Salz Wasser wieder daran erinnert, da ich schon glaube, einige Gemeinsamkeiten entdeckt zu haben. Beide richten den Fokus auf die Mikroebene, auf das Lokale/Regionale – hier das kleine Örtchen Helensburgh – ohne aber dabei das große Ganze zu vernachlässigen. Hier spielen die ganzen Ereignisse vor dem bevorstehenden schottischen Unabhängigkeitsreferendum, was zusätzlichen Diskussionsstoff birgt. Trotzdem sind es vor allem die kleinen Szenen, die mich begeistert haben, weil sie realistisch und doch voller Finesse geschildert werden. So zum Beispiel die Befragung des versnobten Anwalts Delahunt in dessen Haus oder die Szene, in der sich Morrow und die örtliche Polizeichefin Simmons misstrauisch beäugen, nur um dann festzustellen, dass sie beide Reste von Erbrochenem auf ihrer Kleidung haben – Simmons von ihrer pflegebedürftigen Mutter, Morrow von ihren Zwillingen.

Blut Salz Wasser ist der fünfte Teil der Reihe um die Ermittlerin Alex Morrow. Trotz der spürbaren Vorgeschichte ist dieser Band aber problemlos auch ohne die Vorgänger zu lesen. Teil 3 ist übrigens noch unübersetzt und soll bald nachgeschoben werden. Übersetzerin von diesem Band ist übrigens Zoë Beck, auch keine Unbekannte in der deutschen (Krimi-)Literaturszene. Autorin Denise Mina hat nach dem Jurastudium angefangen, Kriminalromane zu schreiben. Gleich ihr Debüt Garnethill gewann sie 1998 den Dagger Award. Inzwischen wird ihr inoffiziell der Titel „Queen of Tartan Noir“ zugeschrieben. „Tartan Noir“ ist dabei die oftmals sehr gedehnte Klammer für die realistische und dunkle schottische Kriminalliteratur. In einem Interview bekannte Mina aber, das unscharfe Label inzwischen zu akzeptieren („Wir machen alle ganz unterschiedliche Bücher, es gibt kein Tartan Noir als Genre, aber die Bezeichnung hilft uns, bekannter zu werden“, Interview Culturmag 2010).

DI Alex Morrow ist übrigens eine sehr gelungene Protagonistin. Ihre private Seite wird in diesem Band nur ab und zu angeschnitten; sie ist Mutter von zwei kleinen Zwillingen. Doch familiär ist nicht alles im Lot. Immer wieder trübt sich ihr Gemüt, wenn ihre Gedanken um ihren kriminellen Stiefbruder Danny kreisen, der aktuell einsitzt. Beruflich ist sie eine gewissenhafte und durchsetzungsstarke Polizistin. Eine Frau aus der Arbeiterklasse, die es durch Fleiß und Beharrlichkeit zu etwas gebracht hat, die sich aber trotzdem keine Illusionen über ihren Platz macht. Doch am besten lasse ich sie selbst zu Wort kommen:

Sie sind nicht loyal, sagte Iain. Sie wissen nicht, zu wem sie gehören.
Da sah sie ihn direkt an, und sie lächelte, aber sie war wütend. Sie sagte: Nein, Mr. Fraser, ich weiß genau, zu wem ich gehöre. Und ich weiß, wer ich bin: Ich bin die Person, die die Wahrheit sagt, auch wenn sie mir nicht gefällt. Auch wenn sie mir wehtut. (Seite 336)

Der Plot von Blut Salz Wasser ist durchaus komplex, aber absolut virtuos erzählt. Der Roman lebt vor allem auch von den hervorragenden und authentischen Figuren, die ihr Innerstes offenbaren. Gleichzeitig haben wir hier einen definitiv verzwickten Kriminalfall, der am Ende zwar gelöst werden wird, aber einen bitteren Geschmack hinterlässt. Es war mein erstes Buch von Denise Mina und ich habe bislang vermutlich einiges verpasst. Glückwunsch an den Argument Verlag (der ohnehin nicht für Lückenbüßer bekannt ist), eine solche Autorin neu im Verlagsprogramm zu haben!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Blut Salz Wasser | Erschienen am 16. April 2018 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-230-2
362 Seiten | 19.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Denise Minas Roman Die tote Stunde sowie Interview von Zoë Beck mit Denise Mina (aus dem Jahr 2010) und Interview mit Denise Mina bei krimiscout.de

Anja Behn | Kalter Sand

Anja Behn | Kalter Sand

„Lautlos glitt ihr schlaffer Körper aus seinen steifen Armen. Er sackte auf die Knie, spürte die kühle Erde zwischen seinen schwitzenden Fingern. Er hob den Kopf und starrte in die Finsternis, bis das Mondlicht sie erhellte. Ein letztes Mal betrachtete er sie. Die tote Hülle im kalten Sand.“ (Auszug Seite 8)

Richard Gruben wird von seinem alten Studienfreund Philipp Stöbsand nach Gellerhagen an die Ostsee eingeladen, um mit ihm die Eröffnung seiner Fotoausstellung zu feiern. Die Vernissage wird allerdings durch einen Mann gestört, der behauptet, Philipp habe vor 6 Jahren seine damals 15-jährige Tochter Annika umgebracht. Diesen Vorwurf hört Richard zum ersten Mal. Was hat es damit auf sich? Und warum hat Philipp ihm diese Anschuldigungen verschwiegen? Ist da etwas Wahres dran?

Richard Gruben ist Mitte vierzig und Kunsthistoriker für britische Gemälde. Er hat einen zweijährigen Sohn, lebt aber von der Mutter getrennt. Vor kurzem ist er von Münster nach Dortmund gezogen, um näher bei seinem Kind zu sein.

Jedes Buch eine Steigerung

Kalter Sand von Anja Behn ist der dritte Küstenkrimi um Richard Gruben und ich finde, dass die Geschichten um den Protagonisten mit jedem Buch besser werden. Diese Geschichte war für mich sehr spannend und flüssig zu lesen. Es bekommen die meisten handelnden Personen eine Stimme und gerade dadurch werden am Anfang viele Informationen gestreut, die aber zunächst nicht näher erläutert werden und sich erst im Laufe der Geschichte erklären. Außerdem wurde ich beim Lesen zum mitraten animiert und am Ende überrascht. Einziges Manko ist, dass es für mich ein sehr kurzes Lesevergnügen war, da das Buch nur 240 Seiten hat. In eineinhalb Tagen war ich durch.

Der Protagonist Richard Grube

Richard Gruben wird mir von Buch zu Buch sympathischer. Er gewöhnt sich scheinbar an, bei jedem Besuch an der Ostsee eine Frau kennenzulernen und sich in sie zu vergucken. Mit seinem Freund, dem Polizisten Mulsow, überlegt und durchdenkt Richard alles, was er zu dem Fall von damals erfahren hat und scheut sich auch nicht, auf eigene Faust loszuziehen, obwohl er dabei nicht blauäugig oder naiv ist. Mir kommt Richard als ein besonnener, ruhiger und überlegter Mensch vor.

Fiktion und Realität

Auch die Landschaft der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst kommt nicht zu kurz. Der Ort im Buch ist ein fiktiv, wenn man sich aber auskennt, kann man erahnen, wo er sich befindet. Das finde ich beim Lesen immer sehr schön, wenn man anhand der Beschreibungen genau weiß, wo zum Beispiel die Person gerade steht und man vielleicht dort auch selbst schon mal war.

Anja Behn wurde 1972 in Rostock geboren, studierte Bauingenieurwesen und arbeitet in einer Rostocker Baufirma. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. Neben ihrer Leidenschaft für Küsten-Krimis widmet sie sich unter dem Pseudonym Jule Vesterlund auch dem Schreiben von gefühlvollen Liebesromanen.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Kalter Sand | Erschienen am 15. März 2018 bei Emons
ISBN 978-3-7408-0281-3
240 Seiten | 10.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zu Anja Behns Küsten-Krimis Stumme Wasser und Küstenbrut.

8. Mai 2018

Linda Castillo | Böse Seelen

Linda Castillo | Böse Seelen

Böse Seelen ist der achte Fall um Polizeichefin Kate Burkholder und spielt diesmal in einer Amisch-Gemeinde im Staate New York. Ein 15-jähriges amisches Mädchen, wird nach einem Schneesturm erfroren im Wald aufgefunden. Bei der Untersuchung stellt sich heraus, dass sich in ihrem Blut Spuren von Oxycontin, einem starken Schmerzmittel, befinden. Außerdem muss sie vor kurzer Zeit eine Abtreibung vorgenommen haben.

Kate Burkholder, selbst bis zum 18. Lebensjahr Angehörige einer Amischen Gemeinde in Ohio, wird von der New York State Police um Hilfe gebeten und geht als verdeckte Ermittlerin mit falscher amischer Identität nach Roaring Springs. Die mit den Ermittlungen betrauten Sheriffs Suggs und Betancourt bringen Sie in der Nähe der Gemeinde in einem ziemlich heruntergekommenen Wohnwagen auf einem Trailerplatz unter. Von dort aus nimmt sie zunächst mit einigen amischen Frauen, die in Roaring Springs arbeiten, Kontakt auf. So erfährt sie auch schon einiges über den für die Gemeinde zuständigen Bischof Schrock und wird zum nächsten Sonntags-Gottesdienst in die zu dessen Farm gehörende Scheune eingeladen.

Im weiteren Verlauf der Ermittlungen wird immer klarer, dass es auf der Farm nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Bei den Gesprächen mit den amischen Frauen erfährt Kate, dass auf Intervention des Bischofs der Enkel einer der Frauen, Rebecca, in eine andere Gemeinde geschickt wurde. Auch ihr Sohn, die Schwiegertochter und die beiden Enkelinnen sind anscheinend ohne Abschied abgereist, von keinem hat Rebecca bisher wieder ein Lebenszeichen erhalten. Kate trifft Rebecca kurz danach bei einem Nähkreis und bemerkt etwas, das ihre Ermittlung auf eine zusätzlich Spur bringt.

Alle Blicke schnellen zu Rebecca. Erst jetzt bemerke ich den Verband an ihrer linken Hand, den sie seltsamerweise zu verbergen versucht. Ich sehe genauer hin und erkenne an der Form, dass ihr kleiner Finger fehlt. Im allgemeinen ist bekannt, dass Farmarbeit gefährlich ist. (…) Solche Unfälle sind zweifellos traumatisch, aber warum der allgemeine Schock? In dem Moment wird mir klar, dass keine gefragt hat, wie das passiert ist. Sie wissen es schon, flüstert mir eine kleine Stimme ins Ohr. (Seite 189)

Bei einem nächtlichen Erkundungsgang am Fundort der Leiche des erforenen Mädchens im Wald auf dem Anwesen von Bischof Schrock stößt Kate auf zwei amische Männer auf Benzin betriebenen Schneemobilen – eine Beförderungsart, die Amischen eigentlich verboten ist. Auf den Rücksitzen bemerkt Kate zwei Frauen, die augenscheinlich nicht ganz freiwillig dabei sind. Da sie ihre Tarnung nicht aufgeben will, greift sie nicht ein, sondern informiert anschließend Sheriff Suggs und den Bischof.

Hätte ich ihn nicht so genau beobachtet, hätte ich den herablassenden, ja amüsierten Ausdruck, der kurz in seinen Augen aufblitzt, wahrscheinlich nicht bemerkt. Er hat nicht eine Frage nach dem Aussehen der beiden Männer gestellt, um sie ausfindig machen zu können. Du weißt bereits, wer sie waren, (…). (Seite 162)

Der Fall wird immer rätselhafter und Kate gerät in Lebensgefahr.

Linda Castillo hat den Plot zu Böse Seelen mit zahlreichen Hinweisen auf die eventuelle Auflösung gefüttert, allerdings ist die spannender und unerwarteter, als zunächst zu vermuten ist. Als Leser fühle ich mich wieder mitgenommen in die Atmospäre einer amischen Gemeinde und die Begebenheiten um Kate Burkholder, auch der Schreibstil in Ich-Form trägt dazu bei. Der Aufbau der Handlung hält die Spannung hoch bis zum Schluss. Der Handlungsstrang über die private Kate fällt diesmal kürzer aus, als in manchen der vorhergehenden Bücher, finde ich aber auch nicht schlimm.

Mein Fazit: Lesenswert bis zum Schluss, wieder mal ein gelungener Thriller aus der Welt der Amischen!

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Böse Seelen | Erschienen am 27. Juli 2017 im Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-596-29801-3
350 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

Weiterlesen: Monikas Rezensionen zu den Linda Castillo Romanen Teuflisches Spiel, Mörderische Angst, Das Böse naht & Leise hallt der Tod sowie Grausame Nacht

19. April 2018