Kategorie: 4.5 von 5

Abgehakt Juni 2019

Abgehakt Juni 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 2. Quartalsende 2019

 

Petra Reski | Mafia. 100 Seiten

Die Mafia ist sicherlich die bekannteste kriminelle Organisation der Welt. Inzwischen hat der Begriff „Mafia“ sogar popkulturellen Status: Bücher, Filme, Videospiele, Mafiamusik, sogar eine Gastronomiekette. Doch dahinter verblasst ein wenig die Realität: Gewalt, Drogenhandel, Korruption, Mord. Für die Reihe 100 Seiten des Reclam Verlags versucht die in der Thematik bekannte Journalistin und Autorin Petra Reski mit allerlei Mythen rund um die Mafia aufzuräumen.

Die 100 Seiten werden keineswegs sachbuchartig mit Tabellen oder Grafiken gefüllt, sondern Reski schreibt in mehreren Beiträgen über Aufbau, Vergangenheit und Gegenwart der Mafia. Dabei legt sie einen besonderen Fokus auf Deutschland, das ja gern immer nur als Rückzugsraum und nicht als Operationsraum der Mafia bezeichnet wird. Diesen Beschwichtigern sagt Reski:

„Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies auf Erden: Die Mafia will nicht auffallen und die Deutschen wollen die Mafia nicht sehen. Eine Win-Win-Situation.“ (Seite 67)

Insgesamt muss man schon konstatieren, dass die Thematik in einem so begrenzten Format nur schwer unterzubringen ist. Ein wenig Stirnrunzeln musste ich, als die Autorin mehrere Bücher, Filme und Serien in Zusammenhang zu Folklore und Propaganda setzt. Aber alles in allem sicherlich eine lesenswerte Zusammenstellung.

 

Mafia.100 Seiten | Erschienen am 28. August 2018 im Reclam Verlag
ISBN 978-3-15-020525-9
100 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: True Crime
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jules Grant | Die Nacht ist unser Haus

Donna und Carla sind beste Freundinnen, lesbisch und leiten eine Frauengang in Manchesters rauer Unterwelt. Als Carla die Frau eines konkurrienden Gangleaders abschleppt, eskaliert die Situation. Carla wird in einem Club erschossen und hinterlässt ihre zehnjährige Tochter Aurora. Donna muss nun für Aurora sorgen und ihre Gang retten. Und natürlich sinnt sie auf Rache für Carlas Tod.

Frauen als Gangleader ist gerade ein wenig en vogue in der Kriminalliteratur (z.B. bei „Lola“ von Melissa Scrivner Love oder „River of Violence“ von Tess Sharpe). Autorin Jules Grant treibt es in diesem Roman sogar noch auf die Spitze und führt hier eine Frauengang aus lauter Lesben ein. Die Frauen haben dabei eine nette Marktlücke entdeckt: Liquid Ecstasy in Parfümflaschen. Was mich dabei aber etwas gelangweilt hat: Im Grunde verhalten sich die Ladys die meiste Zeit nicht viel anders als irgendwelche Typen – sie saufen, vögeln und prollen rum.

Ungewöhnlich und durchaus ein Pluspunkt ist die Erzählstimme. Sowohl Donna als auch Aurora (seltener) führen als Ich-Erzähler durch das Buch – schnoddrig, vorlaut und manchmal auch etwas ordinär. Auf der Rückseite prangt eine Empfehlung von Simone Buchholz („Hart und zart zugleich“). Selber schuld, wer darauf hereinfällt, mag man sagen, aber die Deutsche Krimi Preis-Trägerin ist natürlich eine Koryphäe. Und tatsächlich bemüht sich die Autorin, aber das Ergebnis vermag mich letztlich nicht so richtig zu überzeugen. Sie haut manchmal sehr auf den Putz, aber vieles ist zu vorhersehbar, zu klischeehaft und leider auch nur bedingt authentisch. Schade drum.

Die Nacht ist unser Haus | Erschienen am 11.03.2019 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43915-3
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Gangsterroman
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Judith Arendt | Helle und der Tote im Tivoli

Helle Jespers hat einen beschaulichen Dienst als Chefin der Polizeidienststelle in Skagen an der Nordspitze Jütlands. Da trifft die Nachricht ein, dass der pensionierte Direktor des örtlichen Gymnasiums brutal ermordet in Kopenhagen aufgefunden wurde. Das Motiv bleibt zunächst unklar, eventuell Kindesmissbrauch? Dies bestätigt sich, als ein bekannter Päderast ebenfalls von gleichen Mörder umgebracht wird. Die Mordermittler aus Kopenhagen belächeln die Dorfpolizisten, doch Helle spürt, dass die Lösung des Falls in Skagen zu finden ist und lässt sich nicht aus den Ermittlungen drängen.

„Helle und der Tote im Tivoli“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die sympathische dänische Kommissarin Helle Jespers. Dieser Roman versucht den Spagat zwischen „hyggeligem“ dänischen Krimi und einem Rachethriller aufgrund eines alten Falls von Kindesmissbrauch. Leider geschieht dies stilistisch ziemlich konventionell und mit dem Motiv des gestörten Opfers als Serienmörder auch etwas unoriginell. Ich gebe zu, dass der Ermittler als kaputtes Wrack auch nicht gerade kreativ ist, aber die Welt der Helle Jespers mit Haus in den Dünen, halbtags arbeitendem Wikinger-Ehemann, schwulem Teenagersohn und studierender, in einer Kiffer-WG wohnender Tochter war mir dann doch auch ein wenig zuviel der modernen heilen Welt. Und wenn der Familienhund an der Ergreifung des Täters mitwirkt und am Ende herzhaft in eine Zimtschnecke gebissen wird, dann finde ich das auch dem Thema nicht angemessen. Sagen wir es mal ganz neutral: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe dieses Krimis.

Helle und der Tote im Tivoli | Erschienen am 15. September 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00271-3
288 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

 

Helon Habila  | Öl auf Wasser

Nigeria: Das Delta des Niger wird von Ölkonzernen konsequent ausgebeutet. Die ansässige Bevölkerung wehrt sich zunehmend dagegen und gründet Rebellengruppen, die gegen die Regierung und die Ölmultis kämpfen. Ein bewährtes Mittel zur Finanzierung ist die Entführung von ausländischen Konzernmitarbeitern oder deren Angehörigen. Der junge Reporter Rufus und sein erfahrener Kollege Zaq wittern im Zusammenhang mit der Entführung einer Engländerin eine gute Story, zudem hat auch ihr Mann die beiden um Hilfe gebeten hat. Mit Hilfe von einheimischen Bootsführern dringen die Journalistin immer tiefer ins Delta vor und damit in eine undurchsichtige, umkämpfte und zunehmend geschundene Umgebung.

Öl auf Wasser erschien erstmals 2012 im Verlag Das Wunderhorn und gewann überraschend auch den Deutschen Krimipreis. Das Besondere am Roman ist sicherlich auch das Thema, über das man in Europa zumindest in fiktionaler Form nur selten liest: Die innerstaatlichen Konflikte im nigerianischen Nigerdelta vor dem Hintergrund der dortigen großflächigen Ölexploration ausländischer Konzerne mit erheblichen negativen Umwelteffekten. Was dieser Roman denn auch sehr gut beherrscht ist die Balance zwischen politischen und gesellschaftlichen Themen und den Stimmungen der Hauptpersonen. Der Autor verzichtet auf allzu plakativen moralischen Darstellungen, schildert vielmehr die Realitäten von Gewalt und Gegengewalt und vor allem der Zerstörung einer Lebensgrundlage für die dort lebenden Menschen.

Zu Beginn erinnert der Roman an Joseph Conrad Herz der Finsternis. Eine Fahrt auf einem kleinen Boot im Nigerdelta, ölverschmutzte Ufer, verlassene Dörfer, hell leuchtende Abgasfackeln. Erzählt wird aus der Perspektive von Rufus, allerdings nicht chronologisch, immer wieder werden Einschübe aus der Vergangenheit eingeschoben. Das macht den Roman etwas sperrig und lässt die Spannungskurve abflachen. Somit ist dieses Buch weniger etwas für Fans klassischer Krimis, sondern eher für literarisch anspruchsvollere Liebhaber hintergründiger Darstellungen. Ich fand es aber auf jeden Fall lesenswert.

Öl auf Wasser | Die Taschenbuchausgabe erschien am 28. Januar 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20829-2
256 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

André Pilz | Der anatolische Panther

Der Kleinkriminelle und Dealer Tarik Celal ist auf Bewährung auf freiem Fuß, als bei ihm zu Hause Diebesgut gefunden wird. Er ist gezwungen, auf einen Deal einzugehen: Er soll sich in der Moschee und im Umfeld des islamischen Hasspredigers Abdelkader al-Anbari, genannt „Der Derwisch“, einschleichen und dort Beweismaterial sammeln. Doch als Tarik in die Moschee einbricht und Geld stiehlt, überschlagen sich die Ereignisse und er ist auf der Flucht vor der Polizei und dem Derwisch.

Autor André Pilz hat ein offenbar Faible für Underdogs. Tarik Celal war mal ein vielversprechender Jungprofi bei 1860 München. Aus der Karriere ist nichts geblieben außer dem Spitznamen. Inzwischen ein kleiner Gangster mit ebenso kriminellem Freundeskreis, aber dennoch ein Sympathieträger mit großem Herz. Rettungslos verliebt in die schöne Kubanerin Nteba, zu Hause sein schwer kranker Großvater, den er pflegt. Die Stimmung ständig himmelhauchjauchzend, zu Tode betrübt.

Rund um diese tolle Hauptfigur konstruierte Pilz eine spannende, thrillerhafte Story mit vielen aktuellen Bezügen und sehr cleveren gesellschaftlichen Einblicken. Von Multikulti und Vorurteilen, islamischen Extremisten und Terrorhysterie, von Heimat und Ausgrenzung. Sicherlich einer der besten deutschsprachigen Krimis zu diesem Thema.

Der anatolische Panther  | Erschienen am 22. September 2016 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7861-0
448 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Alle fünf Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.

Volker Kutscher | Die Akte Vaterland ♬

Volker Kutscher | Die Akte Vaterland ♬

Schnapsbrennerei und indianisches Pfeilgift

Der vierte Teil der Gereon-Rath-Reihe führt uns in den Sommer von 1932. Im Lastenaufzug von Haus Vaterland, einer riesigen Vergnügungsstätte am Potsdamer Platz in Berlin, wird ein Spirituosenhändler tot aufgefunden. Alle Ermittlungen deuten darauf hin, dass er ertrunken ist. Zwei weitere ähnlich gelagerte Todesfälle ergeben, dass die Opfer durch ein indianisches Pfeilgift gelähmt wurden. Kommissar Gereon Rath ist frustriert, denn seine Ermittlungen gegen einen mysteriösen Auftragsmörder, genannt „Phantom“ treten auf der Stelle und er muss die Ermittlungen abgeben. Charlotte Ritter kommt von einem Studienjahr aus Paris zurück und fängt als Kommissaranwärterin bei der Weiblichen Kriminalpolizei am Alex an. Sie wird ausgerechnet Gereons Mordkommission zugeteilt und endlich machen die beiden durch eine Verlobung ihre Beziehung öffentlich. Charly wird undercover als Küchenhilfe in Haus Vaterland eingeschleust und nicht nur hier ist sie mehrfach frauenfeindlichen Übergriffen ausgesetzt.

Die Spur führt nach Ostpreußen

Da alle Spuren in eine Spirituosenbrennerei nach Ostpreußen führen, macht sich Rath in die masurische Kleinstadt Treuburg auf. Die wortkargen Einwohner erweisen sich als nicht besonders auskunftsfreudig und sind Fremden gegenüber erst mal misstrauisch. Einige Bewohner versuchen sogar, den Kommissar bewusst ins Moor zu leiten und hoffen, dass er nie wieder auftaucht. Der Reiz entsteht hier durch den absoluten Gegensatz zwischen der pulsierenden, aufgeklärten Weltstadt Berlin und dem vermeintlich idyllischen Treuburg. Mittels Volksabstimmung war Masuren grade wieder deutsch geworden und der Hass auf alles was polnisch oder katholisch ist, immer noch spürbar.

Ich kann die vielschichtige Handlung hier nur anreißen. Volker Kutscher nimmt sich viel Zeit und entwickelt langsam und ruhig seinen Plot mit mehreren miteinander verwobenen Fällen. Der Autor schafft es wieder, Zeitgeschichte in einen unterhaltsamen Kriminalroman zu transportieren ohne die Spannungskurve zu vernachlässigen. Kutscher glänzt nicht mit temporeichen atemlosen Thrill, sondern mit ausgefeilter Dramaturgie. Seinen immensen Einfallsreichtum kann ich nur wieder bewundern. Es geht um organisierte Schnapsbrennerei und ein in den Wäldern lebenden Ostpreußen. Vom Staatsputsch im Juli 1932 gegen die demokratische Regierung bekommt der Berliner Kommissar aufgrund seiner Ermittlungen in der Wildnis von Masuren gar nichts mit. Dabei gerät Rath dadurch ganz schön in Bedrängnis, da auch die Spitze der Berliner Polizei ausgetauscht wird und er damit den Schutz des Polizeivizepräsidenten verliert. Nach wie vor haben die Menschen keine Ahnung vom bevorstehenden Untergang und der politisch eher uninteressierte Gereon Rath, beispielhaft für einen Teil der Bevölkerung, verabscheut zwar die Nazis, versucht sich aber mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

David Nathan ist der perfekte Interpret für diese Zeitreise in eine ganz andere Welt. Er benötigt nur wenige Minuten und man kann sich dem Kopfkino nicht mehr entziehen. Bei dem Hörbuch handelt es sich um eine gekürzte Version.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Akte Vaterland | Das Hörbuch erschien am 26. September 2018 im Argon Verlag
ISBN 978-3-8398-9394-4
1 mp3-CD | 10.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesefassung: 7 Stunden 21 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Volker Kutscher.

Auch bei uns: Rezensionen zu Volker Kutschers Romanen Der nasse Fisch, Der stumme Tod, Lunapark und Goldstein.

Abgehakt | März 2019

Abgehakt | März 2019

Birgit Lautenbach und Johann Ebend | Hühnergötter

Auf der Ostseeinsel Hiddensee wird in der Hochsaison ein drei Monate alter Säugling aus seinem Kinderwagen entführt. Die Mutter verständigt umgehend die beiden Inselpolizisten Daniel Pieplow und Lothar Kästner, die sofort den Ernst der Lage erkennen und sich Verstärkung von Rügen und aus Stralsund holen. Die ganze Insel ist in Aufruhe und auf der Suche nach dem Kind.

Gefallen hat mir die Spannung, die dadurch erzielt wird, dass der Täter auch zu Wort kommt und der Leser dadurch etwas im Vorsprung zu den Ermittlungen ist. Außerdem wird die Urlaubsregion authentisch beschrieben und in Gedanken konnte ich den einzelnen Schauplätzen gut folgen. Einziges Manko ist, dass es sich um einen eher kurzen Krimi handelt.

Hühnermord | Die gelesene Ausgabe erschien 2008 in 3. Auflage im Prolibis Verlag
ISBN 978-3-935263-29-0
nur noch antiquarisch erhältlich

Am 19. März 2019 erschien eine independently published Neuauflage
ISBN 978-1-79665648-0
139 Seiten | 7.99 Euro
Bibliografischer Angaben & Leseprobe

Genre: Küstenkrimi
Wertung: 4.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Lars Kepler | Lazarus

Im bereits siebter Fall für Joona Linna wird es persönlich, denn unerwartet taucht in der Wohnung eines Grabschänders der Schädel seiner verstorbenen Frau in einer Gefriertruhe auf, zwischen Leichenteilen anderer. Als er dann noch Parallelen hinter einigen grausamen Morden vermutet, deren Opfer an verschiedenen europäischen Schauplätzen auftauchen, ahnt Joona, dass ein längst tot geglaubter schwedischer Serienmörder zurückgekehrt ist, um einen neuen Partner zu rekrutieren. Seine Theorie: Jurek Walter ermordet Kandidaten, die seinen Ansprüchen nicht genügten, was wiederum zur Verknüpfung der Einzeltaten zu einem Ganzen führte. Durch die Ereignisse und seine Hypothese alarmiert, setzt Joona umgehend einen wohlfein ausgearbeiteten Notfallplan für sich und seine Tochter in Gang, in den er am liebsten auch seine Freundin Saga einbeziehen möchte, aber es ist nicht jedermanns Sache, von jetzt auf gleich alle Brücken einzureißen und auf der Flucht zu leben, möglicherweise ohne die Möglichkeit auf Rückkehr ins gewohnte Leben. Joona akzeptiert Sagas Entscheidung, doch sein Vorhaben steht, denn er muss um jeden Preis seine Tochter vor Jurek Walter schützen.

Die Rahmenhandlung stimmte für mich, das Buch hat ein schönes, aufwendig gestaltetes Cover, das Auge liest mit. Leider nicht lange, denn mit Fortschreiten der Geschichte stellte sich bei mir immer mehr Unlust zum Weiterlesen ein, denn Autor Lars Kepler scheint seinen Spannungsbogen auf besonders grauenvolle Taten aufzubauen, die geradezu brutal sind (höher, schneller, weiter?). Das ließe sich noch überlesen, wenn es wenigstens flüssig voran ginge. Aber Kepler arbeitet mit teils seltsamen Satzkonstrukten und besonders die Gedanken so mancher Figur erschienen mir doch recht unlogisch.

„Der Täter muss einen gehörigen Serotoningehalt im präfrontalen Kortex und eine gesteigerte Aktivität der Amygdala haben, denkt Saga.“ (Auzug Seite 189)

Als dann auch immer häufiger noch Kommissar Zufall mitspielte, fühlte ich mich veralbert. Hätten wenigstens die Figuren ehrlichen Tiefgang, aber auch hiernach sucht man vergebens. Ich kann leider nicht beurteilen, ob sich Lazarus nur nach vorheriger Lektüre der sechs Vorgängerbände empfiehlt.

Lars Kepler ist das Pseudonym der Autoren Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril.

Lazarus | Erschienen am 28. Februar 2019 im Verlag Bastei Lübbe
ISBN 978-3-785-72650-1
640 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

Rezension und Foto von Nora.

 

Susanne Saygin | Feinde

Der Kölner Kommissar Can Arat und seine Chefin Simone Kerkmann ermitteln in einem brutalen Doppelmord an zwei bulgarischen Roma, die offenbar auf dem Schrottstrich gearbeitet haben. Die Kommissare stellen eine Verbindung zum Bauunternehmer und Mäzen Nolden fest. Doch der einzige Zeuge, der sich bereit erklärt zu reden, landet vor einer U-Bahn. Der Staatsanwalt ist außerdem ein Karnevalskumpel von Nolden. Der Fall droht im Sande zu verlaufen, doch Can ist nicht bereit, dies zu akzeptieren und ermittelt weiter – auf Teufel komm raus.

Autorin Susanne Saygin wohnte in Köln selbst in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem „Bulgarenhaus“, einer völlig überfüllten, heruntergekommenen Immobilie voller Arbeitssklaven. Dies inspirierte sie zu diesem packenden Krimi über Menschenhandel, Korruption und Ausbeutung, der auch sprachlich keine Kompromisse macht und die Dinge beim Namen nennt. Interessant fand ich die Wandlung des Romans, der erst als typischer Ermittlungskrimi beginnt und dann sich immer mehr auf den von Migräne geplagten und persönlich betroffenen Can fokussiert, bis hin zu seinem Road Trip nach Bulgarien auf der Suche nach der Wahrheit. Dabei beinhaltet die Story auch noch eine komplizierte Liebesgeschichte. Nur das Ende kam mir etwas zu kunstvoll oder märchenhaft vor in dieser sonst so knallharten Geschichte. Doch insgesamt ein richtig starkes, intensives Krimidebüt.

Feinde | Erschienen am 10. September 2018 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43889-7
352 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Alex Pohl | Eisige Tage

Die Leipziger Kommissare Hanna Seiler und Milo Novic ermitteln im Fall eines ermordeten russischen Anwalts. Dieser war bis vor einigen Jahren im Dunstkreis des Paten Vadim Iwanow, war danach in Ungnade gefallen. Doch der Anwalt scheint ein neues Betätigungsfeld gefunden zu haben, findet man doch in seinen Hinterlassenschaften eindeutige Bilder von minderjährigen Mädchen. Der Tote war offenbar in Mädchenhandel verstrickt und Seiler und Novic ziehen schließlich eine Verbindung zu mehreren aktuellen Vermisstenfällen in Leipzig.

Eisige Tage ist das Verlagsdebüt des erfolgreichen (Selfpublisher-)Autors Alex Pohl, bisher bekannt unter dem Pseudonym L.C. Frey. Ein grundsolider Kriminalroman mit düsterem Einschlag, für den nicht nur das Thema, sondern auch der russische Gangster Onkel Vadim sorgt, der als Bedrohung ständig im Hintergrund mitschwingt und zu dem die Polizisten eine ungesunde Beziehung entwickeln. Beide Ermittler haben wie üblich ihr Päckchen zu tragen. Der etwas monkhafte Novic, der eine grauenvolle Vergangenheit im Kosovokrieg hatte, ist (eher als seine Kollegin) aber durchaus als interessante Figur angelegt. Eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen auch die jungen Neffen Iwanovs, die Gebrüder Karamasow (ernsthaft?). Nicht so ganz gelungen fand ich die merkwürdigen Zeitsprünge, die der Autor in der Geschichte einbaut, und die stellenweise etwas aufgesetzt wirkende Härte. Insgesamt war es aber ein durchaus ordentlicher und kurzweiliger Kriminalroman.

Eisige Tage | Erschienen am 11. Februar 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10323-3 (Taschenbuch) | ISBN 978-3-641-22801-9 (eBook)
432 Seiten | 10.- Euro | 8.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jurica Pavičić | Die Zeugen

Während des Kroatienkriegs im Juni 1992 führt Kreso seinen kleinen Trupp versehentlich durch ein von ihm selbst gelegtes Minenfeld. Zwei Männer sterben, Kreso selbst verliert ein Bein. Kurz bevor Kreso aus der Rehabilitation zurückkehrt, begehen einige seiner Kameraden aus Wut, Frust und Hass einen Mord an einem serbischen Unternehmer. Die 12-jährige Tochter wird Zeugin des Mordes, die Täter entführen und verstecken sie. Über Beziehungen zum angesehenen Arzt Matić gelingt es ihnen zunächst, die Tat zu vertuschen. Doch was sollen sie mit dem Mädchen machen? Kreso und auch seine Schwester, die Journalistin Lidija, werden auf den Fall aufmerksam.

Die Jugoslawienkriege waren der letzte bewaffnete Konflikt in der Mitte Europas. Ein brutaler Konflikt, dessen traumatische Ereignisse bis heute in der Region nachwirken. Die Zeugen spielt 1992 überwiegend in Split, dessen Hinterland zwischen Kroaten und Serben noch umkämpft war. Eine beengte, fast kleinstädtische Szenerie, ständig weht der Wind. Korruption und Vetternwirtschaft. Von den Bergen grollt der Krieg herunter. Der Roman ist ein aus verschiedenen Perspektiven erzählter Gesellschaftsroman, gleichwohl spannend. Sehr überzeugend ist der Blick auf die verschiedenen Figuren. Vor allem die Sicht auf die Reservisten, die perspektivlos und traumatisiert sich den niederen Instinkten ergeben, dabei aber in Kriegszeiten auf Rückendeckung von oben hoffen dürfen.

„Seit der Granatsplitter Luka umgebracht hatte, waren sie zu unbarmherzigen, männlichen Hass verurteilt. […] Sie mussten entschlossen und unbeirrbar sein, ihrem Zorn ergeben. Für andere mochte Hass eine Tugend sein, für sie war er eine Pflicht.“ Auszug Seite 40

Ein lesenswerter Roman über Hass, Wut, Scham, Schuld und Sühne, der sich aber der völligen Schwärze verweigert, sondern auch ein wenig Hoffnung verbreitet. Die Verfilmung, Svjedoci, gewann 2004 den Friedenspreis der Berlinale.

Die Zeugen | Erstveröffentlichung 1998
Die überarbeitete Neuauflage erschienen am 11. Februar 2019 im Verlag Schruf & Stipetic
ISBN 978-3-944359-44-1 | ISBN 978-3-944359-54-0 (eBook)
288 Seiten | 12.90 Euro | 5.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Antti Tuomainen | Palm Beach, Finland

Jorma Leivo hat eine Vision: Ein Ferienparadies mit Palmen, Sandstrand und Miami-Feeling – an der finnischen Ostsee. Er hat schon einiges investiert in „Palm Beach, Finland“. Aber er braucht Haus und Grundstück von Olivia Koski. Die will allerdings nicht verkaufen. Deshalb heuert er Chico und Robin an, um Olivia ein wenig einzuschüchtern. Die treffen in Olivias Haus allerdings nicht auf Olivia, sondern auf einen Einbrecher und töten diesen versehentlich. Damit nehmen die Dinge ihren Lauf und rufen nicht nur Undercover-Cop Jan Nyman, sondern auch einen Auftragskiller, den Bruder des Getöteten, auf den Plan.

Mit Die letzten Meter bis zum Friedhof hatte mich Autor Antti Toumainen im letzten Jahr sehr überzeugt. Ein skurriler, melancholischer Roman mit interessanten Figuren, der eine gelungene Mischung aus Humor und Ernst war. Typisch finnisch. Umso mehr muss ich nach der Lektüre des aktuellen Romans Palm Beach, Finland feststellen, dass diese Mischung für mich leider bei weitem nicht erreicht wurde. Der Humor tendiert teilweise eher zu albern, die ernsthaften Momente plätschern dahin. Auch der Plot bietet nur wenig echte Überraschungen, sondern sorgt eher für Stirnrunzeln, zum Beispiel, ob der Profikiller wirklich hätte sein müssen. Am bedauerlichsten ist jedoch, dass die Figuren diesmal irgendwie blass bleiben, die Tiefe der Figuren des Vorgängers erreichen sie zu keiner Phase. So bleibt am Ende ein relativ unwitziger „komischer“ Krimi. Klingt unbefriedigend, las sich auch so.

Palm Beach, Finland | Erschienen am 22. Januar 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-06556-0
368 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: komischer Krimi
Wertung: 1.5 von 5.0

Auch bei uns: Gunnars Rezension zum Krimi Die letzten Meter bis zum Friedhof von Antti Tuomainen.

Rezension 3 bis 6 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weitere Ausgaben unserer Rubrik Abgehakt, Krimis kurz besprochen, findet ihr hier.

Attica Locke | Bluebird, Bluebird

Attica Locke | Bluebird, Bluebird

„Hab’n Sie sich verlaufen?“, fragte sie.
„Überhaupt nicht“, sagte er und hob die linke Hüfte, als er sich auf den Barhocker setzte, damit man sein Holster mit seiner 45er sah. Die Barkeeperin registrierte es mit finsterem Blick. Darren beobachtete sie dabei, wie sie einschenkte und darauf achtete, dass es ja nicht zu viel war. Als sie ihm den Drink hinschob, hob er das Glas und sagte: „Auf das offene Tragen von Waffen.“ Er legte einen Zwanziger auf den Tresen, um zu signalisieren, dass er eine Weile bleiben würde, drehte sich dann um und suchte sich weiter hinten einen Platz. (Auszug Seite 94)

Darren Matthews ist Texas Ranger und aktuell vom Dienst suspendiert. Ein Kumpel vom FBI bittet ihn, in das kleine Nest Lark in Osttexas zu fahren, um sich dort ein wenig inkognito umzusehen. In Lark, einem Ort mit weniger als 200 Einwohnern, wurde eine weiße Kellnerin ermordet, nachdem zwei Tage zuvor der schwarze Anwalt Michael Wright im örtlichen Bayou tot aufgefunden wurde. Der Sheriff hat keine Unterstützung angefordert, aber der Freund beim FBI vermutet einen Zusammenhang und ein Rasseverbrechen: Ein Thema, auf das der dunkelhäutige Ranger anspringt. Darren lässt sich überreden und bricht nach Lark auf.

Dort angekommen begibt sich Darren zunächst in ein kleines Café, das von der eher ruppigen älteren Besitzerin Geneva geführt wird und das eine Art Anlaufpunkt für die schwarzen Einwohner ist. Michael Wright ist an jenem Tag wohl auch dort eingekehrt ist, doch allzu gesprächig ist man dort nicht. Etwas weiter die Straße hinauf gibt es noch eine Redneck-Kneipe mit härteren Getränken. Offenbar war Wright dort ebenfalls und traf auf die Kellnerin Missy Dale. Wenige Stunden später war er tot, sie zwei Tage später. Darren bekommt mit, dass der Sheriff bei Wright keinen Mord, sondern Ertrinken vermutet und die Ermittlungen mehr auf den offensichtlichen Mord an der Kellnerin konzentriert.

Er kniff Augen und Mund zu und ruderte mit den Armen, um an der Oberfläche zu bleiben. Einmal treten mit dem anderen Bein genügte, um den Grund des Bayous zu berühren. Dabei stieß er sich den Zeh in seinem Stiefel. Dem Schmerz folgte ein Erkenntnisblitz. Steh einfach auf, Mann. Steh auf. Innerhalb von Sekunden stand Darren, und das Wasser des Bayou reichte ihm gerade mal bis zur Hüfte. Da wusste er, dass Michael Wright unmöglich im Bayou gelandet und dort ertrunken war. (Seite 111)

Darren muss relativ schnell seine Tarnung aufgeben, erhält aber plötzlich Unterstützung von seinem Vorgesetzten. Seine Suspendierung wird vorläufig aufgehoben und er darf offiziell weiter ermitteln. Er hat schnell eine Theorie zu einem rassistisch motivierten Doppelmord, er vermutet nicht zu unrecht, dass es im Ort Verbindungen zur Aryan Brotherhood of Texas gibt. Doch je mehr er in den Fall eintaucht, um so mehr gerät er in ein undurchsichtiges Geflecht von Beziehungen und Abhängigkeiten. Die Ehefrau des toten Wright taucht mit Reportern im Schlepptau auf, um den Tod ihres Mannes zu klären. Der Sheriff arbeitet gegen Darren. Der Patron des Ortes, Wally, zieht im Hintergrund die Fäden. Und auch die schwarze alte Dame aus dem Café, Geneva, spielt eine Rolle in dieser Geschichte. Der Fall wird zusehend kompliziert und die Stimmung heizt sich auf.

Autorin Attica Locke stammt aus Texas, lebt inzwischen in Kalifornien. In den Staaten ist sie bereits eine renommierte Autorin. Sie arbeitet auch als Drehbuchautorin und Produzentin, u.a für die Fernsehserie Empire. Bluebird, Bluebird ist ihr vierter Roman und wurde ihr bis dato größter Erfolg. Unter anderem gelang ihr das seltene Kunststück, für diesen Roman sowohl einen Edgar Award for Best Novel als auch einen Ian Fleming Steel Dagger für den besten Thriller des Jahres zu gewinnen, so etwas wie ein Grand Slam der Krimipreise. Bluebird, Bluebird (der Titel bezieht sich auf einen Song von John Lee Hooker) ist der erste Roman von Attica Locke, der auf Deutsch erscheint, in der sehr gelungenen Übersetzung von Susanne Mende.

Protagonist Darren Matthews ist zum Zeitpunkt seines Eintreffens in Lark sowohl privat als auch beruflich an einem Scheideweg angelangt. Er ist als Texas Ranger in die Fußstapfen seines väterlichen Onkels getreten, der diesen Dienst als einer der ersten Schwarzen ausübte. Doch seine Frau Lisa (und sein anderer Onkel) möchten lieber, dass Darren ein Jurastudium beendet. Vor allem seitdem Darren sich innerhalb der Behörde um die Verfolgung rassistischer Krimineller wie der Aryan Brotherhood of Texas kümmert, hat seine Frau Angst um ihn. Doch Darren will davon nichts wissen, es kriselt in der Ehe. Als Darren in Lark ankommt, hofft Lisa eigentlich, dass er nach Hause zurückkehrt und endgültig den Dienst quittiert. Letzteres droht Darren von anderer Seite: Seine Suspendierung rührt daher, dass Mack, ein Freund der Familie, ein gefährliches Aufeinandertreffen mit dem weißen Rassisten Ronnie Malvo hatte, der Macks Grundstück betreten und dessen Nichte belästigt hatte. Darren konnte Mack gerade noch davon abhalten, Malvo zu erschießen. Doch zwei Tage später war Malvo trotzdem tot, Mack der Hauptverdächtige und Darren unter Verdacht, Mack gedeckt zu haben. Mit diesem Nebenstrang beginnt das Buch und er wird am Ende wieder aufgegriffen.

Mit diesen inneren Konflikten ist Darren nicht alleine. Mit einem präzisen Blick für die Figuren zeichnet Autorin Locke ein Bild von schwierigen Beziehungen, von Liebe, Eifersucht, Hass und Verrat. Und das ist es doch schließlich, was einen exzellenten Kriminalroman vom Durchschnitt abhebt. Diese Geschichte riecht nicht nur für Darren nach einem Rasseverbrechen, auch der Leser ist geneigt, sich schnell dieses Urteil zu bilden. Und natürlich geht es hier auch um Rassismus. Die Macht ist in Osttexas immer noch sehr ungleich verteilt, die neuen und alten Rassisten pflegen weiterhin ihr Image. Aber die Welt ist komplizierter – und genau das bringt Locke in diesem Roman eindrucksvoll zum Ausdruck.

Bluebird, Bluebird ist neben dem Kriminalroman, bei dem am Ende tatsächlich ein Täter ermittelt wird, auch ein klassischer Südstaatenroman, in dem die Figuren durch verschiedene Ereignisse aus der Vergangenheit miteinander verbunden sind und dadurch neue Konflikte hervorbringen. Ganz getreu nach Faulkners Motto: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Und etwas überraschend ist es auch ein Roman über Heimat. Hier wird nämlich klar gemacht, dass die Schwarzen ihre Heimat Texas lieben, ungeachtet der Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren sein mögen, und dass sie ihre Heimat nicht den Rednecks überlassen wollen. Und natürlich (der Titel deutet es schon an) spielt auch die Musik, der Blues, eine nicht unerhebliche Rolle in diesem Buch.

Insgesamt ein wirklich hervorragender Roman, der zurecht preisgekrönt wurde (warum in UK allerdings in der Kategorie Thriller ist mir nicht ganz klar). Mögen sich auch in Deutschland genügend Leser finden, das Krimijahr 2019 hat für mich jedenfalls ein erstes Highlight.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Bluebird, Bluebird | Erschienen am 1. Februar 2019 im Polar Verlag
ISBN 987-3-945133-71-2
330 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

JP Delaney | Believe Me

JP Delaney | Believe Me

Believe Me ist der Nachfolgeroman des erfolgreichen Titels „The Girl Before“ des Autors JP Delaney und spielt in New York. Und gleich vorab ein Hinweis, entnommen aus der Danksagung: dieses Buch ist eine Neufassung eines vor 17 Jahren bereits erschienen Romans, gleiche Grundidee, aber neue Personen, Handlung etc. Ich kann nur sagen: sehr gute Idee des Autors, es ist ein für mich außergewöhnlicher Psychothriller dabei herausgekommen. Der Aufbau ist passend zu der Hauptperson Claire Wright, einer Schauspielerin, in einigen Kapiteln wie ein Drehbuch aufgebaut, mal etwas ganz anderes.

Claire Wright, eine englische Schauspielerin, ist nach New York gekommen, um dort eine Schauspielschule zu besuchen und ihr Können zu vervollkommnen. Sie will lernen, eine Figur nicht nur zu spielen, sondern „zu sein“. Um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern (und in Ermangelung einer Green Card, die ihr eine offizielle Arbeit ermöglichen würde) flirtet sie im Auftrag einer Agentur mit verheirateten Männern, deren Frauen wissen wollen, ob sie treu sind.

Eines Tages will die beauftragende Ehefrau Stella Fogler sie vorab kennenlernen. Das ist an sich schon ungewöhnlich, erklärt aber noch nicht die Nervosität der Kundin und deren mehrfache Bitte an Claire, besonders vorsichtig zu sein. Claires Job endet diesmal jedoch anders als sonst üblich: Patrick Fogler geht nicht auf ihren Flirt ein. Nach einem Gespräch, bei dem es um das von Fogler mitgeführte Buch Die Blumen des Bösen von Charles Baudelaire geht, verlässt Fogler die Bar, in der Claire den Flirtversuch gestartet hatte. Stella Fogler ist jedoch weit davon entfernt, sich über das Ergebnis zu freuen, sie ist eher entsetzt! Für Claire ist das nicht nachvollziehbar, es sei denn, es sollte eine Erpressung stattfinden. Claire verlässt daraufhin ziemlich sauer die Hotelsuite, in der sie sich mit Stella getroffen hatte. Drei Tage später wird sie allerdings aufs Polizeipräsidium gebracht. Wie sie im Laufe einer Befragung erfährt, ist Stella Fogler in ihrer Suite ermordet worden. Monate später wird Claire von der Polizei, die in Patrick Fogler den Mörder vermutet, eine Mitarbeit angeboten: sie soll den Lockvogel spielen und dabei helfen, Fogler zu überführen.

Was sich weiter abspielt, ist ein einziges Verwirrspiel. Der Autor hat es geschafft, den Spannungsbogen der Handlung immer höher zu schrauben. Immer, wenn der Leser denkt, er ist auf dem richtigen Weg zur Lösung, kommt die nächste Abzweigung und das Ratespiel fängt von vorne an.

Die Person Claire als Schauspielerin ist gekonnt skizziert, ihre Vergangenheit als Waise und ihr Aufwachsen in Pflegefamilien, ihr schauspielerisches Talent, mit dem sie die ihr aufgetragene Figur „lebt“ statt nur darzustellen, lassen den Leser bis zum Schluss im Ungewissen: Engel oder Teufel (oder irgendwas dazwischen)? Patrick Foglers Figur ist ambivalent aufgebaut, vom verfolgten Täter wird er im Laufe der Handlung zum Helfer der Polizei, die Rollen drehen sich komplett. Aber stimmt die Realität mit dem Augenscheinlichen überein?

Einen roten Faden stellt das bereits erwähnte Buch von Baudelaire dar, ein Gedichtezyklus, der bei seinem Erscheinen aufgrund seiner bizarren und morbiden Texte und gewagter Erotik einen Skandal auslöste. Diese immer wieder zitierten Texte bestimmen auch einen großen Teil der Atmosphäre zwischen Claire und Patrick, lassen aber immer noch zweifeln, welche Bewandtnis sie für die Auflösung darstellen. Bis letztendlich Klarheit geschaffen wird, geht der Leser durch ein Wechselbad der Vermutungen, was Spannung bis zum Schluss garantiert!

Wer gerne Thriller bzw. Psychothriller liest, ist mit diesem Buch gut bedient. Man möchte nicht mehr aufhören zu lesen, bis man die Lösung endlich kennt.

JP Delaney ist einer der Namen, unter dem Anthony Capella, geboren 1962 in Uganda, ein englischer Krimi- und Drehbuchautor, seine Romane schreibt. Er studierte englische Literatur in Oxford und arbeitete auch als Werbetexter. Unter dem Namen Tony Strong veröffentlichte er von 1997 bis 2003 Kriminalromane im Zweijahres-Rhythmus.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Believe me | Erschienen am 10. September 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10326-4
416 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe