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Ellen Sandberg | Das Erbe

Ellen Sandberg | Das Erbe

„Mona folgte seinem Blick. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckte sie ein wunderschönes Jugendstilhaus. Über mehrere Etagen Stuck, geschwungene Formen, florale Elemente, vergoldete Verzierungen und in der Rosette am Giebel ein Schwanenpaar, das die Köpfe Höcker an Höcker legte. Ein beeindruckendes und liebevoll instand gehaltenes Gebäude.
„Ihre Tante hat beinahe ihr ganzes Leben im Schwanenhaus gelebt“, sagte Sander.“ (Auszug Seite 23)

Mona Lang erfährt durch einen Brief, dass sie die Alleinerbin von Klara Hacker ist, der Großcousine ihrer Mutter. Mona hat Klara das letzte Mal vor einigen Jahren bei dem siebzigsten Geburtstag ihres Vaters gesehen und wusste nicht mal, dass sie verstorben ist. Klara geht davon aus, dass sie ein sehr wertvolles Gemälde geerbt hat und ist dann völlig überrascht, als sie beim Treffen mit Klaras Steuerberater erfährt, dass sie jetzt das Schwanenhaus in München besitzt. Das Haus ist 12 Millionen Euro wert und somit ist Mona reich. Sie hat sich noch gar nicht ganz an ihr neues Leben gewöhnt, da lässt Monas Mutter eine Bemerkung fallen, die Mona nicht nur ins Grübeln bringt, sondern die sie auch über Moral nachdenken lässt und sie weit in die Vergangenheit zieht. Welche Geheimnisse verbirgt dieses Haus?

Die Spannung nimmt stetig zu

Das Erbe von Ellen Sandberg ist der dritte Spannungsroman der Autorin Inge Löhnig unter diesem Pseudonym. Die ersten beiden Bücher (Die Vergessenen und Der Verrat) haben mir bereits sehr gut gefallen und auch dieses hat mich nicht enttäuscht. Bereits nach den ersten Seiten war ich mitten in der Geschichte, die sich leicht und flüssig liest und mit dem Kommentar von Monas Mutter stetig an Spannung zunimmt. Bei den knapp fünfhundert Seiten ist keine zu viel, beim Lesen gab es für mich keine Längen.

Blick in die Vergangenheit

Die Geschichte ist in drei Stränge unterteilt: Das Leben von Mona, Sabine und Klara, wobei von Klara in der Vergangenheit berichtet wird, angefangen 1938 bei ihrer Kindheit im Schwanenhaus, denn dort wohnte sie ihr gesamtes Leben. Es werden ziemlich viele Namen erwähnt und in der Mitte des Buches war es für mich nicht mehr ganz so einfach alle richtig zuzuordnen, da musste ich mich etwas mehr konzentrieren.

Protagonistin mit moralischem Kompass

Mona ist mir sehr sympathisch. Quasi mit dem Erbe hat sich ihr langjähriger Freund getrennt und so zieht sie von Berlin nach München ins Schwanenhaus. Dort gönnt sie sich von ihrem Reichtum dann auch etwas, aber ohne zu großspurig zu werden. Da sie einen „moralischen Kompass“ hat, hat Klara sie als Alleinerbin eingesetzt, doch dieser Kompass bringt Mona immer weiter an ihre Grenzen und eine Entscheidung fällt ihr, in Bezug auf das Haus und die Ergebnisse ihrer Recherchen dazu, sehr schwer. Beim Lesen habe ich mich auch immer wieder gefragt, wie ich in dieser Situation reagiert hätte.

Hartz IV-Klischees

Bei Sabine werden ziemlich viele Klischees bedient: Sie wohnt in Hamburg-Harburg in einer Sozialwohnung mit ihren beiden Kindern, sie ist von ihrem Mann getrennt, lebt von Hartz IV, nimmt ab und zu einen Job an, um sich dann aber gleich wieder in der Probezeit kündigen zu lassen, fühlt sich grundsätzlich von allen und jedem benachteiligt und verbringt ihre Tage zu Hause mit Dosenbier und Zigaretten. Trotzdem empfinde ich die Darstellung von Sabine als nicht überzogen.

Fazit: Klare Empfehlung! Eine Reise in die Vergangenheit des zweiten Weltkrieges und seine Folgen und eine spannende Frage der Moral.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Das Erbe | Erschienen am 28. Oktober 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10402-5
512 Seiten | 15.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Die Vergessenen und Der Verrat von Ellen Sandberg.

Deon Meyer | Beute Bd. 7

Deon Meyer | Beute Bd. 7

„Kommen Sie“, sagte er zu ihr, bot ihr die rechte Hand an, um ihr aufzuhelfen und sah, dass das Blut in Strömen daraus floss. Er wechselte den Schläger in die andere Hand und reichte ihr die linke. Er war sich nicht sicher, ob sie sie annehmen würde, denn er war ein großer schwarzer Mann mit Blut an den Händen, Kopf und Kleidern, mitten in der Nacht im dunklen Park. (Auszug Seite 15)

Dies ist der 7. Band aus der Bennie-Griessel-Reihe und ich möchte gleich vorweg schicken, dass der Thriller mir sehr gut gefallen hat und mich der südafrikanische Autor Deon Meyer aus einer kleinen Leseflaute geholt hat. Worum geht es?

In Bordeaux lebt Daniel Darret zurückgezogen unter falschem Namen und arbeitet als Hilfsarbeiter bei einem französischen Möbelrestaurator. Niemand in seiner Umgebung ahnt, dass der bescheidene und zurückhaltende Schwarze einst ein ehemaliger Freiheitskämpfer in Südafrika war. Durch den Geheimdienst zum gefürchteten Killer ausgebildet, galt Tobela ‚Tiny‘ Mpayipheli einst als einer der besten Scharfschützen und als wichtige Figur im Struggle, dem Befreiungskampf. Inzwischen hat der in die Jahre gekommene Auftragskiller das alles hinter sich gelassen und er will sein einfaches Leben auf keinen Fall aufgeben.

Doch seine Vergangenheit holt ihn ein in Form von Lonny May, einem alten Kampfgenossen. Dieser bittet ihn im Auftrag einer neu gegründeten Organisation von alten Kämpfern des ANC, den amtierenden südafrikanischen Präsidenten zu töten. Der alte Weggefährte macht ihm klar, dass die Demokratie bedroht ist und nur er, Tobela, das Erbe Mandelas retten und der allgegenwärtigen Korruption und Kleptokratie ein Ende bereiten kann. Tobela weigert sich lange standhaft und erst als Lonny in Lebensgefahr gerät, willigt er in den brisanten Plan ein. Dieser sieht vor, den Präsidenten in Paris auszuschalten. Spannung entsteht, da das Zeitfenster sehr klein ist und Tobela nicht mehr der Jüngste.

Die geschlossene Fallakte

Ein weiterer Erzählstrang führt den Leser nach Kapstadt. Hier werden etwa zur gleichen Zeit die Captains Bennie Griessel und Vaughn Cupido von der Valke, einer Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei, mit einem mysteriösen Mordfall befasst, den die Sicherheitsbehörden schon als Selbstmord deklariert haben. Die Aufklärung wird noch dadurch erschwert, dass das Docket, die Fallakte, schon erkaltet ist und die ersten wichtigen Stunden nach der Tat längst vergangen.

Aus einem Luxuszug in Südafrika verschwand ein Mann, der nach einigen Tagen tot neben den Gleisen gefunden wird. Johnson Johnson, genannt J.J. ist ein ehemaliger Polizist, der zuletzt als Sicherheitsberater gearbeitet hat. Als Personenschützer hatte er eine ältere wohlhabende Niederländerin auf der Fahrt begleitet. Seine Ex-Frau glaubt nicht an Selbstmord, zu sehr hing J.J. an seinen beiden Töchtern und auch am Leben. Und obwohl Stichwunden im Nacken eindeutig auf Fremdverschulden hindeuten, wird von oberster Stelle die Einstellung der Untersuchung angeordnet. Offiziell schließen Griessel und Cupido den Fall ab, doch setzen sie gemeinsam mit ihrer Chefin Kolonel Mbali Kaleni die Ermittlung verdeckt fort.

Dann gibt es einen weiteren Todesfall. Der Vater einer guten Freundin von Kaleni wird erschossen aufgefunden. Menzi Dikela, früher eine Legende im Struggle, soll sich das Leben genommen haben. Seine Tochter ist sich sicher, dass es Mord war und bittet ihre Freundin um Hilfe. In beiden Fällen können die drei Ermittler der Falken nur verdeckt, außerhalb des Dienstes ermitteln und riskieren ihre Existenzen.

Die beiden Handlungsstränge laufen lange nebeneinander her und man hat keine Ahnung, wie sie zusammen hängen. Das hat mich nicht gestört, denn beide funktionieren für sich. Da ist die dramatische Geschichte um Tobela, die ich sehr spannend und fesselnd fand. Deon Meyer ist ganz nah dran an seinem Protagonisten und dem unlösbaren Konflikt, in dem Tobela sich befindet. Mit dem hünenhaften früheren Xosa-Kämpfer hat der Autor eine Figur aus seinem Kosmos ausgewählt, der bereits zwei Mal auftauchte. In Der Atem des Jägers, dem ersten Band der Bennie-Griessel-Reihe, und in Das Herz des Jägers. Letzterer ist tatsächlich der einzige Roman, den ich vorher kannte – und den ich gut fand, aber auch sehr düster.

In Beute kommt es jedoch immer wieder durch die humorvollen Dialoge der beiden Captains zu befreiender Komik in einem ansonsten ernsthaften Werk. Auch Bennies Dilemma, er will seiner Liebsten einen Heiratsantrag machen und hat Angst abgewiesen zu werden, verfolgt man eher amüsiert. Die Charaktere waren für mich stimmig, es sind fehlbare Menschen, kleine Eigenarten werden fast beiläufig eingestreut. Eine Geschichte über Menschen mit guten Absichten, aber falschen Methoden.

Wie bereits in seinen früheren Werken zeichnet Deon Meyer ein Bild von Südafrika mit seiner aktuellen politischen Lage, welches auch mehr als zwanzig Jahre nach Beendigung der Apartheid voller Machtmissbrauch und Korruption ist. In dem raffiniert konstruierten Thriller bewegen sich beide Handlungsfäden auf einen hochspannenden Showdown zu. Dazu passt das farblich sehr schön gestaltete Cover mit einem Zug, der in die weite Steppe Afrikas fährt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Beute | Erschienen am 10. März 2020 bei Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-00941-9
444 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Icarus und Die Amerikanerin von Deon Meyer.

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenhölle Bd. 14

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenhölle Bd. 14

„Ann Kathrin lief ein Schauer den Rücken runter. Die aufgescheuchten Vögel kamen ihr vor wie Vorboten einer Katastrophe. Eine Ahnung breitete sich in ihr aus wie eine Sickerblutung: Das hier war der Anfang von etwas Bedrohlichem. Sie kam in Kontakt mit einer dunklen Kraft. Mit etwas Bösem. Es ging nicht nur darum, den Jungen und die Frau zu finden. Sie musste verstehen, was hier wirklich los war.“ (Auszug Seite 47)

Auf Langeoog wird ein Jugendlicher vergiftet und stirbt vor den Augen seiner Mutter. Diese vermutet, dass sein Kumpel Marvin daran Schuld ist und versucht ihn zu entführen. Nun ist Marvin auf der Flucht und Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen, die den Fall übernimmt, ist sich nicht sicher, ob sie einen Mörder oder ein Opfer sucht. Das alles ist aber nur der Anfang eines viel größeren und sehr verstrickten Falles, dessen Ausmaße an dieser Stelle gar nicht erahnt werden können und bei dem die Lösung noch einige Opfer bringen wird.

Ungewöhnliche Vorgehensweise

Ostfriesenhölle von Klaus-Peter Wolf ist bereits der vierzehnte Fall um die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen, die sich mit ihrer unkonventionellen Ermittlungsweise, mit der sie sich nicht selten über alle Regeln und Vorschriften hinwegsetzt, mittlerweile einen Namen im ganzen Bundesgebiet gemacht hat. Auch in diesem Fall kann sie nicht nach „Schema F“ aus dem Polizeihandbuch vorgehen, um Marvin zu finden, sondern geht ihren ganz eigenen Weg und bezieht darin nur ihre engsten Vertrauten ein, was nicht ausschließlich ihre Kollegen sind, sondern auch Freunde und Nachbarn.

Konstante Spannung

Die Geschichte beginnt bereits mit einer ziemlich wilden Verfolgungsjagd, der Leser wird also gleich in das Geschehen hinein katapultiert, nichts entwickelt sich auf den ersten Seiten gemächlich. Mit gut fünfhundert Seiten ist dieser Krimi ein richtiger Schinken, aber ich empfand keinerlei Längen, die Spannung hält sich sehr konstant. Die gesamte Handlung entwickelt sich zudem recht schnell und in eine politische Richtung. Letzteres ist nicht unbedingt mein literarisches Lieblingsthema, ist hier aber interessant geschildert. Der Autor beschreibt Situationen und handelnde Personen sehr ausführlich, aber auch das brachte mir als Leser die Stimmung nur noch besser rüber. Auch eine gewisse Portion Humor fehlt nicht, das aber wohl dosiert.

Umfangreicher Fall

Der Fall insgesamt ist wirklich sehr komplex, aber doch so strukturiert und detailreich beschrieben, dass ich gut mitgekommen bin und nicht den Überblick oder die Zusammenhänge verloren habe. Die Ermittlungen stehen absolut im Vordergrund, private Baustellen der Kommissare gibt es so gut wie gar nicht, wenn man von kleineren alltäglichen Problemen absieht, was ich sehr angenehm finde. Der Schauplatz bekommt in allen Beschreibungen meiner Meinung nach genügend Raum, sodass man sich die Umgebung gut vorstellen kann.

Fazit: Spannung von der ersten bis zur letzten Seite und sehr detaillierte Beschreibungen, so dass man den Wind der Nordsee förmlich selbst spüren kann.

Klaus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden, im selben Viertel wie seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Wie sie ist er nach langen Jahren im Ruhrgebiet, im Westerwald und in Köln an die Küste gezogen und Wahl-Ostfriese geworden.

 

Rezension und Foto Andrea Köster.

Ostfriesenhölle | Erschienen am 20. Februar 2020 bei Fischer
ISBN 978-3-596-29928-7
528 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Weitere besprochene Titel von Klaus-Peter Wolf.

Attica Locke | Heaven, My Home

Attica Locke | Heaven, My Home

Fernab von seiner täglichen Schinderei im Büro, dem ergebnislosen Durchforsten von Akten, das ihm vom Einsatz draußen abhielt, konnte er sich eingestehen, dass ein Teil von ihm diese Arbeit in den letzten Wochen völlig mechanisch getan hatte. In Wahrheit hatte er noch nie so sehr daran gezweifelt, dass die Bruderschaft und das, wofür sie stand, je ausgemerzt werden könnten. Es waren einfach zu viele; sie waren überall dort draußen, mit ihren Tattoos und Halstüchern. Das Land schien sie heimlich zu züchten, wie eine widerwärtige Pilzkrankheit, die sich an lichtlosen Orten ausbreitete, wo man nicht einmal hinzuschauen wagte. (Auszug Seite 97)

Ein paar Monate nach den Ereignissen in Lark (erzählt in Bluebird, Bluebird) bestreitet Darren Mathews, Texas Ranger, mehr oder weniger Innendienst, auch auf Wunsch seiner Frau. Als im Marion County in Osttexas an der Grenze zu Louisiana ein neunjähriger Junge verschwindet, schickt ihn sein Chef aber dorthin. Die Sache ist heikel: Levi King ist der Sohn von Bill King, Captain der Arian Brotherhood of Texas. Bill King ist zurzeit in Haft, aber nicht wegen eines Mordes, den er eigentlich begangen hat. Darrens Chef hofft, dass es in der Gemengelage mit einem verschwundenen Kind möglicherweise doch jemanden gibt, der das allgemeine Schweigen bei den Neonazis bricht.

Als Darren vor Ort eintrifft, ist die Situation unklar. Levi King ist von einem Ausflug mit dem Boot auf einem See nicht nach Hause zurückgekehrt. Levi lebt mit seiner Mutter, seiner Schwester und dem neuen, gewalttätigen Lebensgefährten der Mutter in einem Trailer im Weiler Hopetown am Caddo Lake. Hopetown wurde ursprünglich von schwarzen ehemaligen Sklaven gegründet, ebenfalls haben sich dort Indianer angesiedelt, die eigentlich nach Oklahoma vertrieben werden sollten. In den letzten Jahren haben sich dort aber zudem einige weiße Rassisten mit ihren Trailern niedergelassen, was die friedliche Nachbarschaft erheblich beeinträchtigt. Das Land gehört dem Schwarzen Leroy Page, der aussagt, Levi abends noch im Dorf gesehen zu haben, was Levis Mutter und den Lebensgefährten belastet. Andersherum wird schnell klar, dass auch Page ein Motiv hat, da er mehrfach von Levi rassistisch belästigt wurde. Ebenfalls eine Rolle spielt Rosemary King, die Großmutter von Levi, die als alte Patriarchin im nahe gelegenen Jefferson in einem Herrenhaus wohnt und die guten alten Zeiten heraufbeschwört. Sowohl Levis Mutter Marnie, ihr Lebensgefährte Gil als auch Rosemary King sind zunächst merkwürdig unbeteiligt, wohingegen Bill King aus dem Gefängnis heraus alles in Bewegung setzt, damit sein Sohn gefunden wird.

Doch er hatte sonst nichts in der Hand, hatte nur das Gefühl,dass jeder in diesem kleinen County den anderen in Verschleierung und Irreführung übertraf. Marnie King und Gil Thomason, Rosemary King und Sandler Gaines, Leroy Page, zum Teufel, sogar Margaret Goodfellow. Keiner von ihnen wird dir eine Geschichte so erzählen, wie sie sich zugetragen hat, dachte er. Dieser Ort hatte etwas Verschleierndes, wie das gräuliche Moos, das im Caddo Lake von den Zypressen hing. (Seite 200)

Auch ihrem zweiten Roman mit Texas Ranger Darren Mathews hat Autorin Attica Locke einen Teil aus einem Blues-Song gegeben. Die gesamte Zeile im Song lautet: „I make heaven my home, I shall not be moved“ und drückt ein eher schmerzhaftes Verhältnis zur Heimat aus. Und genau dies ist auch der Grundtenor des Romans, denn das schwierige Verhältnis zwischen Weißen, Schwarzen und Native Americans drückt sich vor allen in der Frage nach Land, Boden und letztlich Heimat aus. In Hopetown droht den ewig Benachteiligten wieder ein Verlust ihrer Heimat, diesmal zwar nicht mit vorgehaltener Waffe, sondern mit juristischen Tricksereien. Trotz aller Erfolge in Bürgerrechten und trotz eines schwarzen Präsidenten müssen die alten Kämpfe scheinbar immer wieder ausgetragen werden. Denn die Geschichte spielt zeitlich nach der letzten Präsidentschaftswahl und kurz vor der Amtseinführung Donald Trumps. Das Pendel schlägt zurück, das weiße Amerika der Vergangenheit zeigt nochmal sein Gesicht. Dies sorgt für Unsicherheit an allen Orten, sogar Darrens Chef will schnellstmöglich einen Erfolg gegen die Bruderschaft, denn wer weiß, wo demnächst die Prioritäten der neuen Regierung liegen. Ein sehr starkes Porträt einer zerrissenen, verunsicherten Gesellschaft!

Darren ist mittendrin und nach und nach dabei, die Übersicht und seine vermeintliche Neutralität zu verlieren. Spontan verdächtigt er Mutter und Stiefvater, White Trash und zutiefst rassistisch, am Verschwinden von Levi verantwortlich zu sein. Leroy Page, ein alter, schwarzer Mann, der jahrzehntelang Ungerechtigkeit erdulden musste, ist für ihn kein Verdächtiger. Im Gegensatz zu seinem alten Kumpel Greg vom FBI, der ebenfalls ermittelt. Doch Darren muss die Überzeugung in Frage stellen, dass die Schwarzen auf alle Ungerechtigkeit mit Versöhnung im Sinne Martin Luther Kings reagieren.

Dies ist eine weitere Stärke des Romans: Die Vielschichtigkeit der Figuren. Die weißen Rassisten, die ihre Kinder lieben, junge Schwarze, die mit der Bürgerrechtsbewegung nicht mehr viel anfangen können und ein Ermittler zwischen allen Stühlen. Denn eine Geschichte aus dem Vorgängerband schwelt auch hier noch weiter: Nach der Ermordung des Rassisten Malvo hat Darren seinen alten Freund Mack wider besseren Wissens gedeckt und die Tatwaffe versteckt. Nun hat seine Mutter, mit der ihn seit jeher ein schwieriges Verhältnis verbindet, die Waffe an sich genommen und erpresst Darren. Und auch privat ist es schwierig: Das Verhältnis zu seiner Frau Lisa hat sich oberflächlich gebessert, doch Darren denkt immer noch an die Witwe Randie Winston aus Lark (aus Bluebird, Bluebird) und hegt zudem Misstrauen, ob Lisa und Greg nicht etwas miteinander hatten.

Eine Vielzahl von Eindrücken, die die Autorin sehr leichtfüßig, mit einem sehr genauen Gespür für Figuren und Dialoge schildert. Zudem überzeugt der Roman in Wahl und Darstellung der Schauplätze in Osttexas. Besonders der Lake Caddo mit seinen Zypressen gesäumten Ufern wird eindrucksvoll in Szene gesetzt. Das hohe Niveau des mehrfach prämierten Vorgängers kann Attica Locke damit überzeugend halten. Heaven, My Home ist ein großartiger, zumeist leiser, aber dadurch umso eindrucksvoller Kriminalroman über Heimat, Rassismus und die Last der Vergangenheit.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Heaven, My Home | Erschienen am 1. Januar 2020 im Polar Verlag
ISBN 987-3-945133-91-0
322 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Bluebird, Bluebird von Attica Locke

Alfred Komarek | Polt muss weinen Bd. 1

Alfred Komarek | Polt muss weinen Bd. 1

Mit der Figur des Gendarmen Simon Polt aus der Feder von Alfred Komarek möchten wir euch eine weitere Kultfigur des österreichischen Kriminalromans vorstellen. Alfred Komarek, geboren 1945 in Bad Aussee, schrieb insgesamt fünf Kriminalromane um den gemütlichen und bedachten Inspektor. Polt muss weinen ist der erste Teil dieser Kultserie. Er erschien bereits 1998.

Simon Polt wird in das Wiener Weinviertel mit einem Toten konfrontiert, der mehr Feinde hatte, als er an zwei Händen abzählen könnte. In einem Preßhaus wird die Leiche des mehr als umstrittenen Albert Hahn gefunden, todesursächlich gilt eine Vergiftung mit Gärgas, welches durchaus in Preßhäusern zu bestimmten Zeiten auftreten kann, sozusagen ein normaler Prozess des Kelterns ist, für gewöhnlich aber herausgeleitet wird bzw. die Weinbauern wissen um die Gefahren und wie man sie umgeht.

Alfred Komarek führt mit diesem ersten Polt-Fall seine Figur ein und dafür nimmt er sich genügend Spielraum, es gelingt, dass man sich als Leser einfühlen kann in den genussfreudigen, genügsamen Inspektors. Er zeichnet das Bild eines Mannes, dem man sehr gerne folgt. Dabei pflegt er einen flüssigen Schreibstil, der mit regionalen Dialektikeinschüben und Spitzfindigkeiten gespickt ist, was den besonderen Humor der Reihe ausmacht.

Neben Simon Polt lernen wir auch die Figuren des Weinviertels kennen, Weinbauern, Wirte, Geistliche und wir erfahren durch die Befragungen von Preßhausbetreibern und anderen sehr viel über den verhassten Albert Hahn, dem jeder die Pest an den Hals bzw. direkt den Tod gewünscht hat. Daraus macht auch niemand einen Hehl und man spricht sowieso über nichts anderes im Ort. Die Motive sind unterschiedlicher Natur, aber alle eint die Erkenntnis, dass sein Abgang viel zu einfach war. Und für den Leser ist dies sehr unterhaltsam!

Alfred Komareks Polt-Romane sind pointierte Regionalkrimis, die ersten vier Teile wurden bereits erfolgreich verfilmt und als Hörbücher vom ORF vertont. Komarek machte sich auch als Kinderbuchautor einen Namen und wurde vielfach für seine gesellschaftlichen Beiträge geehrt. Für Polt muss weinen erhielt der Autor 1998 den Friedrich-Glauser-Preis.

 

Rezension und Foto von Nora.

Polt muss weinen | Erstmals erschienen 1998 im Haymon Verlag
Die gelesene Ausgabe „Polt – Die Klassiker in einem Band“ erschien am 15. Februar 2012 im Haymon Verlag
552 Seiten | 26.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.