Kategorie: 4.5 von 5

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenhölle Bd. 14

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenhölle Bd. 14

„Ann Kathrin lief ein Schauer den Rücken runter. Die aufgescheuchten Vögel kamen ihr vor wie Vorboten einer Katastrophe. Eine Ahnung breitete sich in ihr aus wie eine Sickerblutung: Das hier war der Anfang von etwas Bedrohlichem. Sie kam in Kontakt mit einer dunklen Kraft. Mit etwas Bösem. Es ging nicht nur darum, den Jungen und die Frau zu finden. Sie musste verstehen, was hier wirklich los war.“ (Auszug Seite 47)

Auf Langeoog wird ein Jugendlicher vergiftet und stirbt vor den Augen seiner Mutter. Diese vermutet, dass sein Kumpel Marvin daran Schuld ist und versucht ihn zu entführen. Nun ist Marvin auf der Flucht und Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen, die den Fall übernimmt, ist sich nicht sicher, ob sie einen Mörder oder ein Opfer sucht. Das alles ist aber nur der Anfang eines viel größeren und sehr verstrickten Falles, dessen Ausmaße an dieser Stelle gar nicht erahnt werden können und bei dem die Lösung noch einige Opfer bringen wird.

Ungewöhnliche Vorgehensweise

Ostfriesenhölle von Klaus-Peter Wolf ist bereits der vierzehnte Fall um die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen, die sich mit ihrer unkonventionellen Ermittlungsweise, mit der sie sich nicht selten über alle Regeln und Vorschriften hinwegsetzt, mittlerweile einen Namen im ganzen Bundesgebiet gemacht hat. Auch in diesem Fall kann sie nicht nach „Schema F“ aus dem Polizeihandbuch vorgehen, um Marvin zu finden, sondern geht ihren ganz eigenen Weg und bezieht darin nur ihre engsten Vertrauten ein, was nicht ausschließlich ihre Kollegen sind, sondern auch Freunde und Nachbarn.

Konstante Spannung

Die Geschichte beginnt bereits mit einer ziemlich wilden Verfolgungsjagd, der Leser wird also gleich in das Geschehen hinein katapultiert, nichts entwickelt sich auf den ersten Seiten gemächlich. Mit gut fünfhundert Seiten ist dieser Krimi ein richtiger Schinken, aber ich empfand keinerlei Längen, die Spannung hält sich sehr konstant. Die gesamte Handlung entwickelt sich zudem recht schnell und in eine politische Richtung. Letzteres ist nicht unbedingt mein literarisches Lieblingsthema, ist hier aber interessant geschildert. Der Autor beschreibt Situationen und handelnde Personen sehr ausführlich, aber auch das brachte mir als Leser die Stimmung nur noch besser rüber. Auch eine gewisse Portion Humor fehlt nicht, das aber wohl dosiert.

Umfangreicher Fall

Der Fall insgesamt ist wirklich sehr komplex, aber doch so strukturiert und detailreich beschrieben, dass ich gut mitgekommen bin und nicht den Überblick oder die Zusammenhänge verloren habe. Die Ermittlungen stehen absolut im Vordergrund, private Baustellen der Kommissare gibt es so gut wie gar nicht, wenn man von kleineren alltäglichen Problemen absieht, was ich sehr angenehm finde. Der Schauplatz bekommt in allen Beschreibungen meiner Meinung nach genügend Raum, sodass man sich die Umgebung gut vorstellen kann.

Fazit: Spannung von der ersten bis zur letzten Seite und sehr detaillierte Beschreibungen, so dass man den Wind der Nordsee förmlich selbst spüren kann.

Klaus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden, im selben Viertel wie seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Wie sie ist er nach langen Jahren im Ruhrgebiet, im Westerwald und in Köln an die Küste gezogen und Wahl-Ostfriese geworden.

 

Rezension und Foto Andrea Köster.

Ostfriesenhölle | Erschienen am 20. Februar 2020 bei Fischer
ISBN 978-3-596-29928-7
528 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Weitere besprochene Titel von Klaus-Peter Wolf.

Attica Locke | Heaven, My Home

Attica Locke | Heaven, My Home

Fernab von seiner täglichen Schinderei im Büro, dem ergebnislosen Durchforsten von Akten, das ihm vom Einsatz draußen abhielt, konnte er sich eingestehen, dass ein Teil von ihm diese Arbeit in den letzten Wochen völlig mechanisch getan hatte. In Wahrheit hatte er noch nie so sehr daran gezweifelt, dass die Bruderschaft und das, wofür sie stand, je ausgemerzt werden könnten. Es waren einfach zu viele; sie waren überall dort draußen, mit ihren Tattoos und Halstüchern. Das Land schien sie heimlich zu züchten, wie eine widerwärtige Pilzkrankheit, die sich an lichtlosen Orten ausbreitete, wo man nicht einmal hinzuschauen wagte. (Auszug Seite 97)

Ein paar Monate nach den Ereignissen in Lark (erzählt in Bluebird, Bluebird) bestreitet Darren Mathews, Texas Ranger, mehr oder weniger Innendienst, auch auf Wunsch seiner Frau. Als im Marion County in Osttexas an der Grenze zu Louisiana ein neunjähriger Junge verschwindet, schickt ihn sein Chef aber dorthin. Die Sache ist heikel: Levi King ist der Sohn von Bill King, Captain der Arian Brotherhood of Texas. Bill King ist zurzeit in Haft, aber nicht wegen eines Mordes, den er eigentlich begangen hat. Darrens Chef hofft, dass es in der Gemengelage mit einem verschwundenen Kind möglicherweise doch jemanden gibt, der das allgemeine Schweigen bei den Neonazis bricht.

Als Darren vor Ort eintrifft, ist die Situation unklar. Levi King ist von einem Ausflug mit dem Boot auf einem See nicht nach Hause zurückgekehrt. Levi lebt mit seiner Mutter, seiner Schwester und dem neuen, gewalttätigen Lebensgefährten der Mutter in einem Trailer im Weiler Hopetown am Caddo Lake. Hopetown wurde ursprünglich von schwarzen ehemaligen Sklaven gegründet, ebenfalls haben sich dort Indianer angesiedelt, die eigentlich nach Oklahoma vertrieben werden sollten. In den letzten Jahren haben sich dort aber zudem einige weiße Rassisten mit ihren Trailern niedergelassen, was die friedliche Nachbarschaft erheblich beeinträchtigt. Das Land gehört dem Schwarzen Leroy Page, der aussagt, Levi abends noch im Dorf gesehen zu haben, was Levis Mutter und den Lebensgefährten belastet. Andersherum wird schnell klar, dass auch Page ein Motiv hat, da er mehrfach von Levi rassistisch belästigt wurde. Ebenfalls eine Rolle spielt Rosemary King, die Großmutter von Levi, die als alte Patriarchin im nahe gelegenen Jefferson in einem Herrenhaus wohnt und die guten alten Zeiten heraufbeschwört. Sowohl Levis Mutter Marnie, ihr Lebensgefährte Gil als auch Rosemary King sind zunächst merkwürdig unbeteiligt, wohingegen Bill King aus dem Gefängnis heraus alles in Bewegung setzt, damit sein Sohn gefunden wird.

Doch er hatte sonst nichts in der Hand, hatte nur das Gefühl,dass jeder in diesem kleinen County den anderen in Verschleierung und Irreführung übertraf. Marnie King und Gil Thomason, Rosemary King und Sandler Gaines, Leroy Page, zum Teufel, sogar Margaret Goodfellow. Keiner von ihnen wird dir eine Geschichte so erzählen, wie sie sich zugetragen hat, dachte er. Dieser Ort hatte etwas Verschleierndes, wie das gräuliche Moos, das im Caddo Lake von den Zypressen hing. (Seite 200)

Auch ihrem zweiten Roman mit Texas Ranger Darren Mathews hat Autorin Attica Locke einen Teil aus einem Blues-Song gegeben. Die gesamte Zeile im Song lautet: „I make heaven my home, I shall not be moved“ und drückt ein eher schmerzhaftes Verhältnis zur Heimat aus. Und genau dies ist auch der Grundtenor des Romans, denn das schwierige Verhältnis zwischen Weißen, Schwarzen und Native Americans drückt sich vor allen in der Frage nach Land, Boden und letztlich Heimat aus. In Hopetown droht den ewig Benachteiligten wieder ein Verlust ihrer Heimat, diesmal zwar nicht mit vorgehaltener Waffe, sondern mit juristischen Tricksereien. Trotz aller Erfolge in Bürgerrechten und trotz eines schwarzen Präsidenten müssen die alten Kämpfe scheinbar immer wieder ausgetragen werden. Denn die Geschichte spielt zeitlich nach der letzten Präsidentschaftswahl und kurz vor der Amtseinführung Donald Trumps. Das Pendel schlägt zurück, das weiße Amerika der Vergangenheit zeigt nochmal sein Gesicht. Dies sorgt für Unsicherheit an allen Orten, sogar Darrens Chef will schnellstmöglich einen Erfolg gegen die Bruderschaft, denn wer weiß, wo demnächst die Prioritäten der neuen Regierung liegen. Ein sehr starkes Porträt einer zerrissenen, verunsicherten Gesellschaft!

Darren ist mittendrin und nach und nach dabei, die Übersicht und seine vermeintliche Neutralität zu verlieren. Spontan verdächtigt er Mutter und Stiefvater, White Trash und zutiefst rassistisch, am Verschwinden von Levi verantwortlich zu sein. Leroy Page, ein alter, schwarzer Mann, der jahrzehntelang Ungerechtigkeit erdulden musste, ist für ihn kein Verdächtiger. Im Gegensatz zu seinem alten Kumpel Greg vom FBI, der ebenfalls ermittelt. Doch Darren muss die Überzeugung in Frage stellen, dass die Schwarzen auf alle Ungerechtigkeit mit Versöhnung im Sinne Martin Luther Kings reagieren.

Dies ist eine weitere Stärke des Romans: Die Vielschichtigkeit der Figuren. Die weißen Rassisten, die ihre Kinder lieben, junge Schwarze, die mit der Bürgerrechtsbewegung nicht mehr viel anfangen können und ein Ermittler zwischen allen Stühlen. Denn eine Geschichte aus dem Vorgängerband schwelt auch hier noch weiter: Nach der Ermordung des Rassisten Malvo hat Darren seinen alten Freund Mack wider besseren Wissens gedeckt und die Tatwaffe versteckt. Nun hat seine Mutter, mit der ihn seit jeher ein schwieriges Verhältnis verbindet, die Waffe an sich genommen und erpresst Darren. Und auch privat ist es schwierig: Das Verhältnis zu seiner Frau Lisa hat sich oberflächlich gebessert, doch Darren denkt immer noch an die Witwe Randie Winston aus Lark (aus Bluebird, Bluebird) und hegt zudem Misstrauen, ob Lisa und Greg nicht etwas miteinander hatten.

Eine Vielzahl von Eindrücken, die die Autorin sehr leichtfüßig, mit einem sehr genauen Gespür für Figuren und Dialoge schildert. Zudem überzeugt der Roman in Wahl und Darstellung der Schauplätze in Osttexas. Besonders der Lake Caddo mit seinen Zypressen gesäumten Ufern wird eindrucksvoll in Szene gesetzt. Das hohe Niveau des mehrfach prämierten Vorgängers kann Attica Locke damit überzeugend halten. Heaven, My Home ist ein großartiger, zumeist leiser, aber dadurch umso eindrucksvoller Kriminalroman über Heimat, Rassismus und die Last der Vergangenheit.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Heaven, My Home | Erschienen am 1. Januar 2020 im Polar Verlag
ISBN 987-3-945133-91-0
322 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Bluebird, Bluebird von Attica Locke

Alfred Komarek | Polt muss weinen Bd. 1

Alfred Komarek | Polt muss weinen Bd. 1

Mit der Figur des Gendarmen Simon Polt aus der Feder von Alfred Komarek möchten wir euch eine weitere Kultfigur des österreichischen Kriminalromans vorstellen. Alfred Komarek, geboren 1945 in Bad Aussee, schrieb insgesamt fünf Kriminalromane um den gemütlichen und bedachten Inspektor. Polt muss weinen ist der erste Teil dieser Kultserie. Er erschien bereits 1998.

Simon Polt wird in das Wiener Weinviertel mit einem Toten konfrontiert, der mehr Feinde hatte, als er an zwei Händen abzählen könnte. In einem Preßhaus wird die Leiche des mehr als umstrittenen Albert Hahn gefunden, todesursächlich gilt eine Vergiftung mit Gärgas, welches durchaus in Preßhäusern zu bestimmten Zeiten auftreten kann, sozusagen ein normaler Prozess des Kelterns ist, für gewöhnlich aber herausgeleitet wird bzw. die Weinbauern wissen um die Gefahren und wie man sie umgeht.

Alfred Komarek führt mit diesem ersten Polt-Fall seine Figur ein und dafür nimmt er sich genügend Spielraum, es gelingt, dass man sich als Leser einfühlen kann in den genussfreudigen, genügsamen Inspektors. Er zeichnet das Bild eines Mannes, dem man sehr gerne folgt. Dabei pflegt er einen flüssigen Schreibstil, der mit regionalen Dialektikeinschüben und Spitzfindigkeiten gespickt ist, was den besonderen Humor der Reihe ausmacht.

Neben Simon Polt lernen wir auch die Figuren des Weinviertels kennen, Weinbauern, Wirte, Geistliche und wir erfahren durch die Befragungen von Preßhausbetreibern und anderen sehr viel über den verhassten Albert Hahn, dem jeder die Pest an den Hals bzw. direkt den Tod gewünscht hat. Daraus macht auch niemand einen Hehl und man spricht sowieso über nichts anderes im Ort. Die Motive sind unterschiedlicher Natur, aber alle eint die Erkenntnis, dass sein Abgang viel zu einfach war. Und für den Leser ist dies sehr unterhaltsam!

Alfred Komareks Polt-Romane sind pointierte Regionalkrimis, die ersten vier Teile wurden bereits erfolgreich verfilmt und als Hörbücher vom ORF vertont. Komarek machte sich auch als Kinderbuchautor einen Namen und wurde vielfach für seine gesellschaftlichen Beiträge geehrt. Für Polt muss weinen erhielt der Autor 1998 den Friedrich-Glauser-Preis.

 

Rezension und Foto von Nora.

Polt muss weinen | Erstmals erschienen 1998 im Haymon Verlag
Die gelesene Ausgabe „Polt – Die Klassiker in einem Band“ erschien am 15. Februar 2012 im Haymon Verlag
552 Seiten | 26.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Alex Beer | Der zweite Reiter Bd. 1

Alex Beer | Der zweite Reiter Bd. 1

„Der erste Reiter hat die Tyrannei gebracht, der zweite den Krieg, der dritte den Hunger, und wenn Sie mir nix geben, wird bald der vierte kommen.“ „Zu mir allein?“ Emmerich lachte. „Jawohl. Furcht, Niedergang und… „ Sie legte eine theatralische Pause ein. „Und?“ „…Tod.“ Sie berührte mit den Fingerspitzen Emmerichs Bauch. „Sie werden sterben.“ Ihr Blick war so voller Überzeugung, dass ihm das Lachen im Hals stecken blieb. „Oder jemand, der Ihnen nahesteht, wird sein Leben verlieren.“ (Auszug Seite 194)

1919 ist die einstige Weltmetropole Wien, die ehemals glanzvolle Residenz, nur noch ein schmutziges Moloch. Kurz nach dem ersten Weltkrieg frieren und hungern die Wiener, während Kriegsheimkehrer humpelnd die Straßen bevölkern. Es fehlt an allem, nicht nur an Lebensmitteln, Kohle, Seife und Kleidung, sondern auch an Medikamenten und vor allem an Arbeit.

Kriegszitterer

Dagegen blühen die Kriminalität und der Schwarzhandel mit Versorgungsgütern aller Art. Bei dem Versuch einen Schwarzhändlerring auszuheben, stolpern Rayonsinspektor August Emmerich und sein junger Assistent Ferdinand Winter eher zufällig über den Leichnam des ehemaligen Soldaten Dietrich Jost, der sich selbst erschossen haben soll. Der verzweifelte Kriegsheimkehrer Jost träumte davon, nach Brasilien auszuwandern. Emmerich zweifelt am Selbstmord des sogenannten Kriegszitterers. Denn wie soll dieser die Waffe ruhig gehalten haben, wenn er seine Hände nicht eine Sekunde still halten konnte? Trotz Verbots seines Vorgesetzten, eines hochdekorierten Offiziers der K.-u.-K.-Armee, der von Polizeiarbeit nicht viel versteht, ermittelt Emmerich weiter.

Der erfahrene Polizist sieht die Chance sich zu profilieren, denn er träumt davon, als Kriminalbeamter zum Dezernat Leib und Leben wechseln zu können. Er wünscht sich ein besseres Leben für sich und Luise, eine Kriegswitwe und deren drei kleinen Kindern, mit denen er zusammen auf engstem Raum zusammenlebt. Emmerich, der durch seine Kindheit in einem Waisenhaus, manchmal zynisch und abgebrüht wirkt, ist mit allen Wassern gewaschen und operiert oft an der Grenze der Legalität. Er verschweigt einen Granatsplitter in seinem Bein, um nicht in den ungeliebten Innendienst versetzt zu werden. Dabei macht ihm die Kriegsverletzung schwer zu schaffen und als er das neue Wundermittel Heroin kennenlernt, treibt ihn das fast in die Heroinsucht.

Den ihm unterstellten Assistenten Winter, ein feines, zartbesaitetes Bürschchen, empfindet er eher als Bürde denn als Hilfe. Der verweichlichte Spross aus einer adligen Wiener Familie lebt mit seiner vom Standesdünkel geleiteten Großmutter in einer großen Villa in einem besseren Viertel von Wien. Doch der ängstliche, oft naiv und nervös agierende Jungspund wächst im Laufe der Geschichte noch über sich selbst hinaus. Grade die Interaktion zwischen Emmerich und Winter sorgt für manchen Schmunzler und bringt ein bisschen Leichtigkeit in die düstere Geschichte.

Packende Jagd durch die Unterwelt Wiens

Die Ermittlungen führen die beiden in einer packenden Jagd durch ein winterliches, kriegsgebeuteltes Wien, in miese Spelunken, versteckte Bordelle, in die Kanalisation, in eine ominöse Auswanderungsagentur und nach Schloss Schönbrunn. Bei ihren Nachforschungen laufen Emmerich und Winter in manche Sackgasse und bringen sich selbst in Lebensgefahr. Bis zum unerwarteten Finale kommt es zu manch überraschenden Volten, die die Handlung am Laufen halten, ohne dass zu Längen kommt.

Alex Beer hat gut recherchiert und lässt den Leser mit vielen plastischen Belegen Anteil nehmen an dem Elend, zum Beispiel wenn aufgrund der Kohlennot jeder Patient ein Brikett mit in Spital bringen muss, um damit das Krankenzimmer zu beheizen. Wenn sich die Menschen um verschimmelte Lebensmittel prügeln oder sich bei der Kälte in die geheizten Straßenbahnen flüchten, macht das die Geschichte sehr lebendig und sorgt für weitere Spannung und Dramatik im Plot. Der Autorin gelingt es mit großer Erzählkunst und auch mit dem teilweisen Einsatz des Wiener Dialektes einen atmosphärisch dichten Kriminalroman zu kreieren. Die historischen Details sind hervorragend eingeflochten, auch die Trost- und Hoffnungslosigkeit der damaligen Zeit wird gekonnt eingefangen. Dadurch zieht sie den Leser in die Geschichte rein und man kann sich vorstellten, dass es genauso gewesen sein muss.

Rasante Zeitreise

Der zweite Reiter ist eine rasante Zeitreise, die mich schon auf den ersten Seiten abgeholt hat! Die Charaktere, wie die schwindsüchtige Prostituierte, die Schmugglerbande um Unterweltboss Veit Kolja, die Obdachlosen oder auch die snobistische Großmutter sind vielleicht an der ein oder anderen Stelle ein bisschen überzeichnet, das tat dem Vergnügen aber keinen Abbruch.

Alex Beer ist das Pseudonym von Daniela Larcher, sie wurde 1977 in Bregenz geboren. Mittlerweile lebt die Autorin in Wien und schreibt unter ihrem bürgerlichen Namen Regionalkrimis und unter ihrem Pseudonym Alex Beer historische Krimis, die in Wien der 1920er Jahre spielen. Mit Der zweite Reiter, dem ersten Teil einer Serie um Kriminalinspektor Emmerich gewann sie den Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur. Im Mai 2020 erscheint bereits der vierte Teil der Serie.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der zweite Reiter | Erschienen am 21. Mai 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-734-1059-99
416 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Simone Buchholz | Hotel Cartagena Bd. 9

Simone Buchholz | Hotel Cartagena Bd. 9

Diese Bar hier macht so sehr einen auf Ausblick, dass ich eigentlich keinem Drink, den ich nicht selbst gemixt habe, über den Weg trauen sollte. Zu viel aufdringliche Schönheit, zu viele Sieh-mich-an-Sachen, zu viel Ablenkung. (Auszug Seite 15)

Die Ausgangssituation des 9. Bandes der Chas-Riley-Reihe könnte aufregender und verheißungsvoller nicht sein. Der ehemalige Hauptkommissar Faller feiert seinen 65. Geburtstag ganz groß in einem Nobelhotel am Hamburger Hafen. Und sie sind alle gekommen, die ganze Bagage rund um Staatsanwältin Chastity Riley und sitzen nun beim Cocktail, hoch oben im 20. Stock in der Hotelbar. Auch wenn Chas findet, dass sie hier eigentlich nicht richtig reinpassen. Nur Ivo Stepanovic vom LKA und Chas aktueller Lover verspätet sich etwas.

Es ist mir ein Rätsel, warum der Faller seinen Geburtstag ausgerechnet hier feiern muss, wir passen doch schlechter an so einen Ort als ein Rudel Straßenköter in einer Plastiktüte, warum stehen wir nicht im Silbersack am klebrigen Tresen und trinken Flaschenbier, warum sitzen wir nicht in einer dunklen Pizzeria und sind laut … (Seite 15)

Wir haben hier eine Situation

Dann stürmen ein Dutzend schwerbewaffnete Geiselnehmer die Bar und bringen alle Gäste sowie das Personal in ihre Gewalt. Forderungen werden keine gestellt, so dass das Motiv der Geiselnahme lange Zeit rätselhaft bleibt. Aus der Perspektive von Riley beobachtet der Leser die Geschehnisse, die sich immer mehr zuspitzen. Während unsere Heldin in diesem Ausnahmezustand am Anfang noch versucht, einen Kontakt zu dem charismatischen Anführer aufzubauen, kommt es wegen einer sich entzündenden Schnittverletzung zu einer Blutvergiftung und ihre Wahrnehmungen werden zunehmend getrübter.

In einem zweiten Erzählstrang geht es rückblickend um das Schicksal von Henning Garbarek, der auf St. Pauli in ärmlichen Verhältnissen ohne große Zukunftsperspektiven aufwächst. Henning ist ein kluger Junge und sieht für sich keine Hoffnung auf dem Kiez. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben ist so groß, dass er eines Tages Mitte der 80er Jahre ziemlich spontan auf einem Schiff Richtung Südamerika anheuert und wenig später in Cartagena, Kolumbien an Land geht. Und zuerst läuft es auch gut für ihn, er findet Arbeit, Freunde und gründet eine Familie. Aber dann gerät er an die falschen Leute und wird zum Mittelsmann eines kolumbianischen Drogenbosses. Nachdem er jahrelang jede Menge nicht ganz saubere Kohle verdient hat, kommt es unwiderruflich zur Katastrophe.

Wo die jungen Leute sich hier treffen? Am Strand. Wo er Arbeit finden könnte? Am Strand. Wo er günstig essen könnte? Am Strand. Worauf er achten müsste, wegen Gefahren und so? Auf das Treiben am Strand. (Seite 36)

Während erst nach und nach klar wird, wie die dramatische Schicksalsgeschichte von Henning mit der Geiselnahme zusammenhängt, überlegt sich Ivo Stepanovic einen waghalsigen Befreiungsversuch. Er gesellt sich vor dem Hotel zu den versammelten Einsatzkräften und wird kurzerhand zu den Verhandlern gesteckt.

In Hotel Cartagena spielen die bekannten Charaktere fast nur eine Nebenrolle, denn die Geschichte, die Simone Buchholz hier auf etwas mehr als 200 Seiten aufblättert, ist eher eine 80er Jahre Koksgeschichte. Und mein einziger kleiner Kritikpunkt ist dann auch folgender: Dass sich unter den Geiseln zufälligerweise ein eingespieltes Team von Kriminalbeamten befindet, oder LKA-Mann Ivo Stepanovic von außen operieren kann, spielt für den Krimi-Plot überhaupt keine Rolle. Dieser ist raffiniert und klug inszeniert, die bedrohliche Situation wird immer verfahrener und langsam läuft es in beiden Erzählsträngen auf eine Eskalation raus. Aber Chastity kann ihren inneren John McClane gar nicht aktivieren, wie im Klappentext vollmundig versprochen wird, da sie das Geschehen durch die Blutvergiftung in einem Fiebertraum fast handlungsunfähig miterlebt.

Nur ein kleiner Kritikpunkt denn ich rauschte nur so durch die kurzen Kapiteln bis zum großen Showdown. Buchholz besticht wieder mit messerscharfen, schnoddrigen Dialogen, die auf den Punkt geschrieben sind. Fasziniert hat mich die Mischung aus Ironie, stakkatohaftem Schreibstil und dann wieder Melancholie und poetische, fantasievolle Sprachbilder, die sie kreiert.

Vermutlich ist er der einzige im Raum, der mit jeder Faser seines Herzens weiß, wie unübersichtlich nicht nur ich bin, sondern wir alle sind, ja sogar alle Menschen auf der ganzen verdammten Welt. Der Faller weiß um den großen Knoten, den wir bilden und den ich manchmal nur erahnen kann, wenn ich an jemandem vorbeistolpere und dabei eine Hand zu fassen kriege und die kleinen Risse, die Beschädigungen in der Oberfläche spüre und denke: wow, du auch? (Seite 17)

Die Autorin pfeift auf alle Krimiregeln und zieht ihren eigenwilligen, lässigen Erzählstil kompromisslos durch. Es geht hier nicht um das klassische Falllösen. Es finden keine Ermittlungen statt und die Aktionen der Polizei sind auch eher Nebenschauplätze. Simone Buchholz interessiert sich sehr viel mehr für ihre Charaktere mit ihren Ecken und Kanten und hat einen ganzen Haufen ambivalenter Figuren – ja Freaks – am Start, wobei der Fokus auf der sperrigen Staatsanwältin liegt. Viele ihrer Ideen habe ich gefeiert, wie um mal beispielhaft das Kapitel Columbohaftigkeit zu nennen, in dem Stepanovic auf einen der Verhandler trifft und die beiden sich erst mal wie Westernhelden abtaxieren. Fast schon zu cool!

Ich finde Simone Buchholz läuft hier zur Hochform auf, und ich habe diesen Kriminalroman abseits des Mainstreams sehr genossen.  Das Coverbild ist wieder von ihrem Freund Achim Multhaupt dem Retro-Look der 80er Jahre nachempfunden und reiht sich stilistisch perfekt in die Reihe der letzten vier im Suhrkamp-Verlag erschienen Bände ein.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Hotel Cartagena | Erschienen am 29. September 2019 bei Suhrkamp
ISBN 978-3-518-47003-9
228 Seiten | 15.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Blaue Nacht und Mexikoring (Bd. 8) von Simone Buchholz.