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Frank Goldammer | Roter Rabe ♬

Frank Goldammer | Roter Rabe ♬

Im Sommer 1951 werden in der noch jungen DDR zwei Mitglieder der Wachturmgesellschaft wegen Spionageverdacht in Polizeigewahrsam genommen. Kurz nach der Verhaftung werden die beiden Zeugen Jehovas tot in ihren Untersuchungszellen aufgefunden. Sie sollen auf ziemlich ungewöhnliche Art Suizid begangen haben. Oberkommissar Max Heller zweifelt an den vermeintlichen Selbstmorden in getrennten Zellen, stößt aber während seinen Ermittlungen bei den misstrauischen Sektenmitgliedern auf Widerstände. Die Untersuchung der Todesfälle gestaltet sich auch so schwierig, denn die verschiedenen Geheimdienste scheinen ihre Finger im Spiel zu haben. Heller darf ermitteln, wird aber immer wieder zurückgepfiffen und vieles soll auch unter den Teppich gekehrt werden.

Angst vor der Atombombe

Max Heller trifft auf einen alten Bekannten, den jungen Russen Alexej Saizev, der mittlerweile für den russischen Geheimdienst tätig ist. Einst ein Freund, hat dieser sich total verändert, wirkt zynisch und verbittert und seine Handlungen sind für Heller nicht nachvollziehbar. Saizev ist auf der Suche nach einem amerikanischen Topspion und er warnt Heller eindringlich, ihm nicht in die Quere zu kommen. Der gefährliche Geheimagent, auch Der Rabe genannt, soll für den Westen spionieren und Sabotage betreiben. Es kursieren Gerüchte, die Amis wollen die Atombombe in Dresden einsetzen, um die Russen zu entmachten.

Heller und seine Mitarbeiter Werner Oldenbusch und Peter Salbach stoßen auf mysteriöse Zeitungsannoncen, in denen offenbar chiffrierte Nachrichten übermittelt werden und eine weitere Spur führt zu einem jugendlichen Schmugglerpärchen. Aufgrund einer Explosion in einem Kraftwerk wenige Monate zuvor, zieht Heller einen Zusammenhang mit dem Schmuggel von Uranerz. Dieses spezielle Erz wird für den Bau einer Atombombe benötigt. Die Angst vor einem Bombenattentat in Dresden ist allgegenwärtig. Nach und nach kommen alle Zeugen auf merkwürdige Weise zu Tode. Und zwar so viele, dass ich irgendwann aufhörte, zu zählen.

Kein Telegramm von Karin

Der Oberkommissar muss zeitgleich auch noch sein Privatleben organisieren. Er kehrte grade mit seiner Familie aus dem Ostseeurlaub zurück. Und während seine Frau Karin mit einer Ausreisegenehmigung gleich weiterreist, um zum ersten Mal den gemeinsamen Sohn Erwin und dessen kleine Familie im Westen zu besuchen, bleibt Heller schweren Herzens alleine mit der kleinen Pflegetochter Annie zu Hause. Sie wohnen bei Frau Marquardt und dass die alte Dame immer verwirrter wird, bedeutet eine weitere Sorge für Max. Er wartet sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen seiner Frau und weist brüsk alle Andeutungen zurück, dass Karin nicht vereinbarungsgemäß nach 14 Tagen zurückkommt. Er vertraut seiner Frau, doch auch an ihm nagen Zweifel, als das vereinbarte Telegramm nicht kommt. Dann taucht eine junge Frau namens Edeltraud Hermann auf, die sich als entfernte Verwandte von Frau Marquardt ausgibt und sich auch noch in der Wohnung einquartiert. Heller empfindet ihr Verhalten als merkwürdig.

Die Zeugen Jehovas

In der DDR waren die Zeugen Jehovas erst als Opfer des Faschismus anerkannt und als kleine Religionsgemeinschaft eingetragen. Doch schnell wurde die Glaubensgemeinschaft verboten und bis zum Ende der DDR standen die Mitglieder unter intensiver Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und lebten in ständiger Furcht vor staatlichen Repressionen. Als Staatsfeinde agierten sie im Untergrund, wurden verfolgt und verhaftet.

Diese Thematik arbeitet Frank Goldammer in dem 4. Teil der Krimireihe um den Dresdner Oberkommissar Max Heller ein. Dabei gelingt es ihm sehr eindrücklich, die Atmosphäre von Misstrauen und Angst aufzuzeigen, denn die junge DDR stand unter permanenter Beobachtung durch die Sowjetunion. Bespitzelung und Denunziation bestimmten den Alltag der Menschen und das Vertrauen zwischen Freunden oder sogar innerhalb der Familie wurde häufig auf eine harte Probe gestellt. Das wird am Beispiel von Hellers Kollege sehr anschaulich dargestellt. Oldenbusch wird durch das MfS drangsaliert, nachdem sich seine Verlobte in den Westen abgesetzt hat. Neu im Team ist der ehemalige Polizist Peter Salbach, dem Oldenbusch mit Misstrauen begegnet, da er ihn für einen Spion hält. Heller ist entsetzt über das paranoide Klima in den eigenen Reihen und attestiert Oldenbusch Verfolgungswahn. Die Versorgungslage hat sich nach Kriegsende verbessert, ist aber längst nicht so gut wie in der BRD. Des weiteren leben die Menschen mit der ständigen Befürchtung, der Spionage verdächtigt zu werden, dazu reichte es schon, wenn man dabei erwischt wird, westliche Radiosender zu hören.

Verworrener Plot und grundanständiger Protagonist

Während der Autor den einzelnen Figuren sehr viel Sorgfalt widmet und die Zeit stimmig eingefangen wird, war mir der Plot zu komplex und verworren. Ich hatte Mühe, allenVerdächtigungen und Geschehnissen zu folgen. Irgendwann habe ich den Faden verloren, und auch die Auflösung zum Schluss ist nicht wirklich gelungen, da einige Fragen nicht schlüssig beantwortet werden. Vielleicht habe ich sie auch überhört und hier wäre das Printmedium besser gewesen, um noch mal zurückzublättern. Obwohl der Schauspieler und bekannte Hörbuchsprecher Heikko Deutschmann mit sonorer Stimme seine Sache wirklich sehr gut macht. Für mich wurde die Handlung mit zu vielen unnötigen Todesfällen überfrachtet.

Als Hörer weiß man nie mehr als Heller, da aus seiner Sicht erzählt wird. So ist man der Gedanken- und Gefühlswelt des sympathischen Protagonisten immer sehr nah. Und der unbestechliche Max Heller ist wirklich ein grundanständiger aber auch ziemlich dröger Zeitgenosse mit hohen Moralvorstellungen. Er hält an seinen Prinzipien fest und will soweit wie möglich unpolitisch bleiben. Die Begegnungen zwischen dem stocksteifen Max Heller und der übergriffigen Edeltraud Hermann haben mich jedenfalls sehr amüsiert.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Roter Rabe | Das Hörbuch erschien am 21. Dezember 2018 bei Der Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-0643-9
1 mp3-CD | 19.99 Euro
Laufzeit: 11 Stunden 9 Minuten
ungekürzte Lesung von Heikko Deutschmann
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Krischan Koch | Flucht übers Watt

Krischan Koch | Flucht übers Watt

„Aus Angst, der Polizei ins Netz zu gehen, hatte er sich heute Morgen im Bauwagen entschlossen, dem Festland den Rücken zu kehren und über die Nordsee zu fliehen. Er war im Morgengrauen regelrecht berauscht von dieser Idee gewesen. Statt auf schnellsten Weg nach Hamburg zu kommen, wo vermutlich eher nach dem Täter gefahndet wurde als in Nordfriesland, wollte er eine Weile auf einer der Inseln untertauschen, um dann später über Hamburg möglichst schnell nach New York zu kommen.“ (Auszug Seite 41)

Harry Oldenburg hat vier wertvolle Nolde-Gemälde aus einer Ausstellung geklaut und ist damit nach Amrum geflüchtet, um vorerst unterzutauchen. Auf der beschaulichen Insel ist das aber nicht so einfach, wie Harry dachte, denn die Inselbewohner sind misstrauisch und er bekommt einige Probleme. Außerdem kommt es zu einigen, mehr zufälligen, Todesfällen bei dem Versuch unentdeckt zu bleiben. 18 Jahre später reist Harry mit seiner Freundin Zoe erneut nach Amrum. Sind die Noldes noch an Ort und Stelle?

Der Anfang einer Karriere

Harry ist bei dem Raub der Noldes Kunststudent, mit seinen eigenen Werken allerdings nicht sehr erfolgreich. Die Noldes sind sein erster Kunstraub und schnell entdeckt er, dass sich auf diese Weise einfach Geld machen lässt. Jetzt lebt er mit Zoe und einer gemeinsamen Tochter in Amerika in einem Leuchtturm und zusammen betreiben sie eine Galerie, die sie am Anfang nur als Tarnung für ihr Geschäft mit geklauten und gefälschten Gemälden brauchten, die aber mittlerweile ebenfalls mit legalem Kunsthandel gut läuft.

Aus Sicht des Täters

Flucht übers Watt von Krischan Koch ist der zweite Krimi, den ich von dem Autor gelesen habe und hatte mich gedanklich auf eine weitere Ermittlung um den Dorfpolizisten Thies Detlefsen eingerichtet, wurde dann aber positiv überrascht, dass das nicht der Fall war und es sich hier auch nicht um einen klassischen Krimi handelt, sondern die Geschichte aus Sicht des Täters geschildert wird.

Eine lange Mitte

Der Roman ist in zwei Zeitebenen unterteilt, einmal in den Kunstraub von vor 18 Jahren und dann die Wiederkehr auf die Insel mit Zoe heute. Dabei finde ich die Abtrennung dieser Ebenen optisch nicht gut gelungen, denn es ist nicht vor Beginn des Kapitels erkennbar, um welche Zeit es sich gerade handelt und dadurch kam bei mir der Lesefluss oft ins Stocken. Den Anfang der Geschichte habe ich gern und zügig gelesen. In der Mitte empfand ich eine Länge, denn Harry trifft auf alte Studienkollegen und wird zu einer Party eingeladen, aber es bringt die Handlung nicht weiter. Zum Ende hin hat dann aber alles einen Sinn. Nach der Mitte liest es sich für mich wieder deutlich spannender, obwohl man durch die Kapitel von heute schon weiß, dass Harry unbeschadet aus der Sache kommt. Allerdings ist mir zum Schluss ein bisschen viel Zufall im Spiel.

Insel-Schauplatz

Der Protagonist ist mir weder sehr sympathisch noch ist er mir unangenehm. Ich habe ihn eher unemotional durch seinen Raub begleitet, was für mich aber kein negatives Ergebnis war. Besonders schön finde ich wieder einmal die Beschreibung des Schauplatzes. Ich war noch nie auf Amrum, konnte aber einen guten Eindruck gewinnen und bin nicht abgeneigt, auch selbst mal Urlaub dort zu machen. Allerdings nur, weil der Autor zu Beginn des Buches darauf hinweist, dass die Bewohner im wahren Leben nicht so unfreundlich sind, wie hier beschrieben.

Fazit: Aus Sicht des Täters geschriebene Krimis sind mal was anderes und wenn sie dann noch vor so schöner Kulisse spielen, sind sie einen Versuch wert. Hier ist der Versuch geglückt und ich hatte kurzweilige Unterhaltung.

Krischan Koch wurde 1953 in Hamburg geboren. Die für einen Autor üblichen Karrierestationen als Seefahrer, Rockmusiker und Kneipenwirt hat er sich geschenkt. Stattdessen macht er Kabarett und Kurzfilme und schreibt seit vielen Jahren Filmkritiken u.a. für die Die Zeit und den Norddeutschen Rundfunk. Koch lebt mit seiner Frau in Hamburg und auf der Nordseeinsel Amrum, wo er mit Blick aufs Watt seine Kriminalromane schreibt.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Flucht übers Watt | Erschienen am 7. April 2017 bei dtv
ISBN 978-3-423-21673-9
304 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andreas Rezension zu Mörder mögen keinen Matjes von Krischan Koch.

Yrsa Sigurdardóttir | R.I.P.

Yrsa Sigurdardóttir | R.I.P.

Stella musste auf einmal an den Snap denken, den sie kurz nach der Pause erhalten hatte. Sie hatte keine Ahnung, wer der Absender war, hatte ihn nie geadded. Sie musste endlich mal einstellen, dass Unbekannte ihr keine Nachrichten mehr schicken konnten, jetzt, wo auch die Erwachsenen diese App entdeckt hatten. Erst hatten sie Facebook kaputt gemacht, und jetzt rissen sie auch noch Snapchat an sich. (Auszug Seite 6)

R.I.P. ist der dritte Teil einer isländischen Thriller-Serie um Kommissar Huldar und Kinderpsychologin Freyja von Yrsa Sigurdardóttir. Die Autorin startet wieder mit einem hochspannenden und verstörenden Prolog. Die 16-jährige Stella verdient sich nach der Schule in einem Kino etwas dazu. Nach der letzten Vorstellung ist sie alleine im Kino, als sie auf der Toilette von ihrem Mörder überrascht wird. Bevor das Mädchen brutal erschlagen wird, filmt der Täter sie mit ihrem eigenen Handy. Ihre letzten Minuten und ihr flehentliches Bitten um Gnade werden per Snapchat an ihre Kontaktliste geschickt. Das Besondere an dem kostenlosen Message-Dienst Snapchat ist, dass die aufgenommenen und verschickten Videos sich nach einmaligem Ansehen automatisch und für immer löschen.

Was haben die Jugendlichen verbrochen?

Von dem toten Mädchen und dem Handy fehlen jede Spur und der einzige Anhaltspunkt ist ein Überwachungsvideo, auf dem eine Person mit einer Darth-Vader-Maske zu sehen ist. Für die Kriminalpolizei aus Reykjavík unter der Leitung von Erla beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, um jemanden aus Stellas Kontakten zu finden, der das Video noch nicht gesehen und damit gelöscht hat. Die Befragungen beginnen bei den Jugendlichen aus Stellas Freundeskreis und Huldar setzt sich dafür ein, dass Freyja wieder mit einbezogen wird.

Kurz darauf wird ein weiterer Jugendlicher direkt aus seinem Elternhaus entführt. Auch der 15-jährige Egill wird gezwungen, vor laufender Handy-Kamera um Entschuldigung zu bitten. Auch hier findet man keine Leiche, aber eine riesige Blutspur deutet an, dass der Junge nicht mehr leben kann. Das Ermittlerteam steht unter großem Druck, da sich keine Verbindungen zwischen den beiden Teenagern finden lassen. Zusätzlich deuten Zahlen an den Tatorten darauf hin, dass es noch weitere Opfer geben wird. Die oft frustrierende und mühselige Polizeiarbeit wird detailliert und realistisch dargestellt, zum Beispiel die Schwierigkeiten bei der Einsichtnahme in Chatprofile oder in die isländische Gendatenbank.

Mobbing auch im Polizeialltag

Freyja gibt den guten Hinweis, dass das verbindende Element Mobbing sein könnte. Aber die aktuellen Ermittlungen leiden unter dem schlechten Verhältnis der Kollegen. Besonders die Spannungen und Zwistigkeiten zwischen Huldar und seiner direkten Vorgesetzten Erla aufgrund einer Vorgeschichte bringen eine negativ besetzte Grundstimmung, die ich als derart anstrengend empfand und die für mich den Lesespaß doch erheblich trübte. Erla nutzt ihre Position aus, um Huldar das Leben schwer zu machen und ihn kaltzustellen. Hier hätte ich mir mehr Professionalität gewünscht. Auch das Verhältnis zwischen Huldar und Freyja ist seit Beginn vorbelastet und das Ringen der beiden mit ihren widersprüchlichen Gefühlen nervt irgendwann nur noch. Fand ich im ersten Teil die Kabbeleien noch ganz amüsant, fehlt mir hier eine Weiterentwicklung der Charaktere.

„Wenn ich das richtig sehe, gibt es genug zu tun. Mehr als wir bewältigen können. Warum kriegen Guðlaugur und ich nichts zu tun? Wir kennen den Fall. Wir haben am wenigsten Überstunden im ganzen Team, es liegt also auf der Hand, dass du uns einspannst. Und darf ich dich daran erinnern, dass wir durchaus gute Polizisten sind?“ (Seite 170)

Mobbing sowie im Besonderen Cybermobbing und dessen Auswirkungen sind das zentrale Thema, das Sigurdardóttir auf ihre schonungslose Art aufgreift. Mobbing hat es immer gegeben, aber mit den elektronischen Kommunikationsmitteln der heutigen Zeit, ist es viel leichter und schneller geworden, Menschen abzuwerten, zu verunglimpfen oder lächerlich zu machen. Die Auswirkungen auf die Opfer werden dramatisch durch Blog-Einträge demonstriert, die die Handlung mehrfach unterbrechen. Hier erzählt eine Betroffene über Schikanen und Ausgrenzungen in ihrer Jugend.

Meine Meinung

Trotz der Einbindung eines hochbrisanten, gesellschaftlichen Problems gibt es einige Schwächen in diesem leider nur durchschnittlichen Thriller. Die persönlichen Befindlichkeiten der Protagonisten nehmen zu viel Raum ein und drängen das sensible Thema fast in den Hintergrund. Es war mir an vielen Stellen zu plakativ und die Charaktere wenig nachvollziehbar und übertrieben herausgearbeitet. So heißt es zum Beispiel über Huldar an einer Stelle:

Helgi hielt nach einem Fluchtweg Ausschau, für den Fall, dass Huldar auf ihn losging. Das überrascht Huldar nicht. Seit er eine Zigarette im Auge eines Verhafteten ausgedrückt hatte, galt er unter den Kollegen nicht gerade als der Sanftmütigste.

Der Plot des Island-Thrillers ist handwerklich solide aufbereitet und durch den fesselnden Schreibstil auch schnell und flüssig zu lesen. Zahlreiche Wendungen überraschen und wissen zu unterhalten. Andrerseits kommt es durch einige ermüdende Wiederholungen zu Längen. Typisch für einen Thriller aus dem Hohen Norden ist die Stimmung durchgehend düster und dass sich alle mit Vornamen ansprechen gewöhnungsbedürftig. Die Auflösung zum Schluss ist schlüssig, wirkt auf mich aber auch etwas konstruiert und zu weit hergeholt.

R.I.P. ist nach DNA und Sog wieder ein Drei-Buchstaben-Titel, der zusammen mit dem Coverbild keinen Zusammenhang zur Handlung erkennen lässt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

R.I.P. | Erschienen am 24. Juni 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-75665-0
448 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zum Roman DNA von Yrsa Sigurdardóttir.

Abgehakt Juni 2019

Abgehakt Juni 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 2. Quartalsende 2019

 

Petra Reski | Mafia. 100 Seiten

Die Mafia ist sicherlich die bekannteste kriminelle Organisation der Welt. Inzwischen hat der Begriff „Mafia“ sogar popkulturellen Status: Bücher, Filme, Videospiele, Mafiamusik, sogar eine Gastronomiekette. Doch dahinter verblasst ein wenig die Realität: Gewalt, Drogenhandel, Korruption, Mord. Für die Reihe 100 Seiten des Reclam Verlags versucht die in der Thematik bekannte Journalistin und Autorin Petra Reski mit allerlei Mythen rund um die Mafia aufzuräumen.

Die 100 Seiten werden keineswegs sachbuchartig mit Tabellen oder Grafiken gefüllt, sondern Reski schreibt in mehreren Beiträgen über Aufbau, Vergangenheit und Gegenwart der Mafia. Dabei legt sie einen besonderen Fokus auf Deutschland, das ja gern immer nur als Rückzugsraum und nicht als Operationsraum der Mafia bezeichnet wird. Diesen Beschwichtigern sagt Reski:

„Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies auf Erden: Die Mafia will nicht auffallen und die Deutschen wollen die Mafia nicht sehen. Eine Win-Win-Situation.“ (Seite 67)

Insgesamt muss man schon konstatieren, dass die Thematik in einem so begrenzten Format nur schwer unterzubringen ist. Ein wenig Stirnrunzeln musste ich, als die Autorin mehrere Bücher, Filme und Serien in Zusammenhang zu Folklore und Propaganda setzt. Aber alles in allem sicherlich eine lesenswerte Zusammenstellung.

 

Mafia.100 Seiten | Erschienen am 28. August 2018 im Reclam Verlag
ISBN 978-3-15-020525-9
100 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: True Crime
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jules Grant | Die Nacht ist unser Haus

Donna und Carla sind beste Freundinnen, lesbisch und leiten eine Frauengang in Manchesters rauer Unterwelt. Als Carla die Frau eines konkurrienden Gangleaders abschleppt, eskaliert die Situation. Carla wird in einem Club erschossen und hinterlässt ihre zehnjährige Tochter Aurora. Donna muss nun für Aurora sorgen und ihre Gang retten. Und natürlich sinnt sie auf Rache für Carlas Tod.

Frauen als Gangleader ist gerade ein wenig en vogue in der Kriminalliteratur (z.B. bei „Lola“ von Melissa Scrivner Love oder „River of Violence“ von Tess Sharpe). Autorin Jules Grant treibt es in diesem Roman sogar noch auf die Spitze und führt hier eine Frauengang aus lauter Lesben ein. Die Frauen haben dabei eine nette Marktlücke entdeckt: Liquid Ecstasy in Parfümflaschen. Was mich dabei aber etwas gelangweilt hat: Im Grunde verhalten sich die Ladys die meiste Zeit nicht viel anders als irgendwelche Typen – sie saufen, vögeln und prollen rum.

Ungewöhnlich und durchaus ein Pluspunkt ist die Erzählstimme. Sowohl Donna als auch Aurora (seltener) führen als Ich-Erzähler durch das Buch – schnoddrig, vorlaut und manchmal auch etwas ordinär. Auf der Rückseite prangt eine Empfehlung von Simone Buchholz („Hart und zart zugleich“). Selber schuld, wer darauf hereinfällt, mag man sagen, aber die Deutsche Krimi Preis-Trägerin ist natürlich eine Koryphäe. Und tatsächlich bemüht sich die Autorin, aber das Ergebnis vermag mich letztlich nicht so richtig zu überzeugen. Sie haut manchmal sehr auf den Putz, aber vieles ist zu vorhersehbar, zu klischeehaft und leider auch nur bedingt authentisch. Schade drum.

Die Nacht ist unser Haus | Erschienen am 11.03.2019 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43915-3
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Gangsterroman
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Judith Arendt | Helle und der Tote im Tivoli

Helle Jespers hat einen beschaulichen Dienst als Chefin der Polizeidienststelle in Skagen an der Nordspitze Jütlands. Da trifft die Nachricht ein, dass der pensionierte Direktor des örtlichen Gymnasiums brutal ermordet in Kopenhagen aufgefunden wurde. Das Motiv bleibt zunächst unklar, eventuell Kindesmissbrauch? Dies bestätigt sich, als ein bekannter Päderast ebenfalls von gleichen Mörder umgebracht wird. Die Mordermittler aus Kopenhagen belächeln die Dorfpolizisten, doch Helle spürt, dass die Lösung des Falls in Skagen zu finden ist und lässt sich nicht aus den Ermittlungen drängen.

„Helle und der Tote im Tivoli“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die sympathische dänische Kommissarin Helle Jespers. Dieser Roman versucht den Spagat zwischen „hyggeligem“ dänischen Krimi und einem Rachethriller aufgrund eines alten Falls von Kindesmissbrauch. Leider geschieht dies stilistisch ziemlich konventionell und mit dem Motiv des gestörten Opfers als Serienmörder auch etwas unoriginell. Ich gebe zu, dass der Ermittler als kaputtes Wrack auch nicht gerade kreativ ist, aber die Welt der Helle Jespers mit Haus in den Dünen, halbtags arbeitendem Wikinger-Ehemann, schwulem Teenagersohn und studierender, in einer Kiffer-WG wohnender Tochter war mir dann doch auch ein wenig zuviel der modernen heilen Welt. Und wenn der Familienhund an der Ergreifung des Täters mitwirkt und am Ende herzhaft in eine Zimtschnecke gebissen wird, dann finde ich das auch dem Thema nicht angemessen. Sagen wir es mal ganz neutral: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe dieses Krimis.

Helle und der Tote im Tivoli | Erschienen am 15. September 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00271-3
288 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

 

Helon Habila  | Öl auf Wasser

Nigeria: Das Delta des Niger wird von Ölkonzernen konsequent ausgebeutet. Die ansässige Bevölkerung wehrt sich zunehmend dagegen und gründet Rebellengruppen, die gegen die Regierung und die Ölmultis kämpfen. Ein bewährtes Mittel zur Finanzierung ist die Entführung von ausländischen Konzernmitarbeitern oder deren Angehörigen. Der junge Reporter Rufus und sein erfahrener Kollege Zaq wittern im Zusammenhang mit der Entführung einer Engländerin eine gute Story, zudem hat auch ihr Mann die beiden um Hilfe gebeten hat. Mit Hilfe von einheimischen Bootsführern dringen die Journalistin immer tiefer ins Delta vor und damit in eine undurchsichtige, umkämpfte und zunehmend geschundene Umgebung.

Öl auf Wasser erschien erstmals 2012 im Verlag Das Wunderhorn und gewann überraschend auch den Deutschen Krimipreis. Das Besondere am Roman ist sicherlich auch das Thema, über das man in Europa zumindest in fiktionaler Form nur selten liest: Die innerstaatlichen Konflikte im nigerianischen Nigerdelta vor dem Hintergrund der dortigen großflächigen Ölexploration ausländischer Konzerne mit erheblichen negativen Umwelteffekten. Was dieser Roman denn auch sehr gut beherrscht ist die Balance zwischen politischen und gesellschaftlichen Themen und den Stimmungen der Hauptpersonen. Der Autor verzichtet auf allzu plakativen moralischen Darstellungen, schildert vielmehr die Realitäten von Gewalt und Gegengewalt und vor allem der Zerstörung einer Lebensgrundlage für die dort lebenden Menschen.

Zu Beginn erinnert der Roman an Joseph Conrad Herz der Finsternis. Eine Fahrt auf einem kleinen Boot im Nigerdelta, ölverschmutzte Ufer, verlassene Dörfer, hell leuchtende Abgasfackeln. Erzählt wird aus der Perspektive von Rufus, allerdings nicht chronologisch, immer wieder werden Einschübe aus der Vergangenheit eingeschoben. Das macht den Roman etwas sperrig und lässt die Spannungskurve abflachen. Somit ist dieses Buch weniger etwas für Fans klassischer Krimis, sondern eher für literarisch anspruchsvollere Liebhaber hintergründiger Darstellungen. Ich fand es aber auf jeden Fall lesenswert.

Öl auf Wasser | Die Taschenbuchausgabe erschien am 28. Januar 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20829-2
256 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

André Pilz | Der anatolische Panther

Der Kleinkriminelle und Dealer Tarik Celal ist auf Bewährung auf freiem Fuß, als bei ihm zu Hause Diebesgut gefunden wird. Er ist gezwungen, auf einen Deal einzugehen: Er soll sich in der Moschee und im Umfeld des islamischen Hasspredigers Abdelkader al-Anbari, genannt „Der Derwisch“, einschleichen und dort Beweismaterial sammeln. Doch als Tarik in die Moschee einbricht und Geld stiehlt, überschlagen sich die Ereignisse und er ist auf der Flucht vor der Polizei und dem Derwisch.

Autor André Pilz hat ein offenbar Faible für Underdogs. Tarik Celal war mal ein vielversprechender Jungprofi bei 1860 München. Aus der Karriere ist nichts geblieben außer dem Spitznamen. Inzwischen ein kleiner Gangster mit ebenso kriminellem Freundeskreis, aber dennoch ein Sympathieträger mit großem Herz. Rettungslos verliebt in die schöne Kubanerin Nteba, zu Hause sein schwer kranker Großvater, den er pflegt. Die Stimmung ständig himmelhauchjauchzend, zu Tode betrübt.

Rund um diese tolle Hauptfigur konstruierte Pilz eine spannende, thrillerhafte Story mit vielen aktuellen Bezügen und sehr cleveren gesellschaftlichen Einblicken. Von Multikulti und Vorurteilen, islamischen Extremisten und Terrorhysterie, von Heimat und Ausgrenzung. Sicherlich einer der besten deutschsprachigen Krimis zu diesem Thema.

Der anatolische Panther  | Erschienen am 22. September 2016 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7861-0
448 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Alle fünf Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.

Rezensions-Doppel: Saison der Wirbelstürme & Die Verschwundenen

Rezensions-Doppel: Saison der Wirbelstürme & Die Verschwundenen

Doppelrezension Mexiko

„Hoch in den Bergen erhebt sich der Adler auf silbernen Flügeln/Die Lieder der Indios/das Schweigen der Sierra/das Mondlicht auf den Hügeln“: Mexico mi amor – das Sehnsuchtsland deutscher Schlager. Rote Sonne, Sombreros, Latino-Frauen. Doch das Bild vom realem Mexiko sieht ein wenig anders aus. Heutzutage gilt das Land in Mittelamerika vielen als „failed state“, als ein Land, in der die Staatsmacht die Kontrolle längst verloren hat. In seinem Essay „Der rote Teppich“ beschreibt Juan Villoro die Machtausübung in Mexiko als „Gewerbe der Finsternis“, das „weder Transparenz noch Rechenschaftspflicht kennt“. In der ersten Dekade des neuen Jahrtausends „wurde Mexiko ein Land von Blut und Blei“, ohne dass der Staat die Drogenkartelle letztlich ernsthaft schwächen konnte. Korruption, Seilschaften und Gewalt gehören seit jeher zum mexikanischen Alltag. Villoro zitiert den Schriftsteller Martín Luis Guzmán: „Wer zuerst schießt, tötet zuerst. Denn die mexikanische Politik, eine Politik der Pistole, konjugiert nur ein Verb: früh aufstehen.“ In einem solchen Rahmen ist ein literarischer Blick auf die mexikanische Gesellschaft interessant. Dabei muss nicht zwangsläufig der Rahmen eines Kriminalromans gewählt werden. Fernanda Melchor, junge Autorin aus dem Bundesstaat Veracruz, schrieb mit Saison der Wirbelstürme einen wütenden, noiresken Gesellschaftsroman aus einem Dorf irgendwo im Nirgendwo. Antonio Ortuño, bereits etablierter Autor, in Deutschland vor allem durch seinen Roman Die Verbrannten, hingegen siedelt seinen Roman in der Millionenstadt Guadalajara an. Zeit für eine Doppelrezension.

Fernanda Melchor | Saison der Wirbelstürme

In La Matosa, einem fiktiven Kaff in der mexikanischen Provinz, wird im Schilf eines Bewässerungskanals eine Leiche gefunden. Es ist die „Hexe“, die berühmt-berüchtigte „Heilerin“ des Dorfes, gefürchtet, verachtet und doch umgarnt. Die „Hexe“ war ein Transvestit, lebte in einem abgeschotteten Haus, wurde von den Frauen wegen ihrer Geheimtränke, von den Männern wegen sexueller Ausschweifungen und berüchtigter Drogenpartys aufgesucht. Wer sie ermordete, ist eigentlich weniger interessant, vielmehr wollen viele wissen, was es mit dem Schatz auf sich hat, der angeblich in ihrem Haus versteckt sein soll.

Fick deine Mutter, zischte Luismi. Stell dich nicht blöd, spöttelte Munra, du weißt genau, wovon ich rede. So sind die Weiber, wenn sie einen festzurren wollen: Sie nehmen ein paar Tropfen von ihrem schmutzigen Blut und träufeln es dir heimlich ins Wasser oder in die Suppe oder schmieren dir einen Tropfen auf die Ferse, während du schläfst, und das reicht, um dich ganz vernarrt zu machen, so wie du es jetzt in die Norma bist, merkst du nicht? (Seite 81).

Der Roman beginnt mit dem Fund einer Leiche, doch ein Krimi wird sich daraus nicht entwickeln, obwohl der Leser am Ende auch die Mörder kennen wird. Vielmehr entwickelt Autorin Fernanda Melchor ein kraftvolles Statement, ein wütendes Porträt einer rohen, mitleidlosen Gesellschaft voller Armut, Gewalt und Vorurteile. Melchor stellt in den Kapiteln immer eine neue Person in der Mittelpunkt und berichtet aus ihrer Perspektive. Dabei tauchen weitere Figuren auf, die dann im nächsten Kapitel im Vordergrund stehen. So schält sich nach und nach ein Gesamtbild heraus.

Die Geschichten aus La Matosa handeln von äußerst präkeren Verhältnissen, von Eifersucht, Neid und Missgunst innerhalb der Familie, von herumhurenden Männern, vom Missbrauch von Minderjährigen, von Aberglauben, von Alkohol- und Drogenexzessen und Gewalt gegen Homosexuelle und Frauen. Sie sind immer sehr direkt und intim, teilweise obszön. Melchor erzählt die Geschichten in einem rasenden, atemlosen Ton; reiht Satz um Satz aneinander, ohne Absatz, mit einer Vielzahl an Kommas und Semikolons. Es entsteht dadurch eine Art Wutrede über die beschriebenen gesellschaftlichen Verhältnisse. Saison der Wirbelstürme ist ein Buch, der dem Leser einiges abfordert, bei dem man allerdings auch beeindruckt feststellt, dass man einen solchen Roman mit dieser Wucht nur selten liest.

Antonio Ortuño | Die Verschwundenen

Aurelio, genannt Yeyo, Blanco kommt aus dem Gefängnis frei, in dem er fünfzehn Jahre Haft abgesessen hat. Blanco war damals der Sündenbock, der als Buchhalter die Unregelmäßigkeiten bei einem Immobiliengeschäft für seinen Schwiegervater Don Carlos Flores auf sich genommen hat, um das Geschäft und das Wohl der Familie nicht zu gefährden. Seine Frau hat sich scheiden lassen, seine Tochter hat er zuletzt gesehen, als sie fünf Jahre alt war. Sein Anwalt warnt ihn, dass Flores ihn womöglich beseitigen will, wenn er frei kommt, um einen Mitwisser loszuwerden. Doch Blanco will seinen ihm zustehenden Anteil einfordern und begibt sich auf Konfrontationskurs.

„Ich brauche wieder deine Hilfe, mein Junge. Noch ein Mal. […] Wir haben dir Alicia gegeben, die wir mehr als alles auf der Welt lieben. Merkst du was? Es ist ein ewiges Geben und Nehmen. Wir sind eine Familie.“ Und Yeyo, der jeden Morgen mit dem Gefühl aufstand, er verdiene das gute, unbeschwerte, fantastische Leben, das er führte, eigentlich gar nicht, sagte Ja, bevor er wusste, was von ihm erwartet wurde. Sein Ja kostete ihn fünfzehn Jahre Gefängnis. (Seite 159)

Blanco ist eigentlich ein eher zurückgezogener, besonnener Mann, der als Kind auf dem Grundstück der Flores gewohnt hat und schon früh als Handlanger engagiert wurde. Später wurde er auch von der etwas älteren Alicia verführt. Er zeigt wenig eigenen Antrieb, lässt sich bereitwillig einspannen und ist schließlich derjenige, der in verschiedenen Situationen die Ehre der Familie retten soll und dies auch beinahe devot erfüllt. Selbst als er im Gefängnis geschieden wird und ihm seine Tochter vorenthalten wird, behält er eine gewisse Resthoffnung und legt sich sogar ein Enthaltsamkeitsgelübde auf, für das er von allen Seiten verspottet wird, wie er irgendwann feststellt. Doch sein Gefängnisaufenthalt endet etwas plötzlich kurz vor Heiligabend. Seine Familie hat erst später mit seiner Freilassung gerechnet. Blanco will nicht mehr nur derjenige sein, mit dem alles gemacht werden kann, sondern selbst agieren. So kommt es letztlich zu einer Familienzusammenkunft als Showdown an Heiligabend.

Die Entlassung aus dem Gefängnis und die Annäherung an die Familie bilden den Hauptteil der Geschichte, immer wieder unterbrochen von Rückblicken in die Vergangenheit. Dort beleuchtet der Autor, wie es zu dieser Familienkonstellation kam und löst auch auf, was mit dem (deutschen) Titel gemeint ist. Bauunternehmer Don Carlos hatte den Plan für eine exklusive Wohnsiedlung mit dem Namen „Olinka“, basierend auf Ideen eines utopistisch-esoterischen Künstlers. Genug Geld aus illegalen Kanälen war vorhanden, doch der Grund und Boden für Olinka ließ sich nicht so einfach beschaffen, gab es an dieser Stelle eine kleine Siedlung von sozial Schwachen. Doch Don Carlos war zu einigem bereit, um sich diese Grundstücke anzueignen und das hatte Auswirkungen, für die ganze Familie Flores.

Die Verschwundenen ist ein clever konstruierter Roman, der allerdings im Mittelteil ein wenig schleppend verläuft. Über weite Strecken verzichtet der Autor auf konventionelle Spannungselemente, sondern erzählt relativ nüchtern. Ortuño wirft einen scharfen Blick in die Mitte der mexikanischen Gesellschaft, mal abseits von Drogen oder Flüchtlingen, aber natürlich im Spannungsverhältnis von arm und reich, konkret am Beispiel von Guadalajara, der Heimatstadt des Autors. Der Roman zeigt die alltägliche Korruption, planlose Stadtentwicklung, Gier nach Geld und Macht sowie staatlich gedeckte Ausbeuterei und Gewalt. Doch wie es oft so ist, richten sich diese Dinge letztlich gegen die Familie des skrupellosen Bauunternehmers und der Leser wohnt mehr oder weniger einer Familientragödie bei.

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Saison der Wirbelstürme | Erschienen am 14. März 2019 im Verlag Klaus Wagenbach
ISBN: 978-3-803-13307-6
240 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Roman
Wertung: 3.0 von 5.0

Die Verschwundenen | Erschienen am 6. März 2019 im Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-285-7
256 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

Weiterlesen: Juan Villoro „Der rote Teppich“, erstmals erschienen in Le Monde diplomatique (November 2008), aktuell in: Edition Le Monde diplomatique: Mittelamerika. Zwischen Panamakanal und Río Bravo.