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Daan Heerma van Voss & Thomas Heerma van Voss | Zeuge des Spiels

Daan Heerma van Voss & Thomas Heerma van Voss | Zeuge des Spiels

Die Leute glauben, dass ein Mord nur eine Tat ist. Das ist ein Irrtum. Mord ist in erster Linie ein Gedanke. Ein Gedanke, den man anfangs noch von sich weist. Was man aber auch tun mag, der Gedanke wird immer zu einem zurückfinden, es ist die permanente Einflüsterung von etwas Sublimem. Täglich werden Hunderte Mörder geboren, sie warten auf den einen überspringenden Funken. (Auszug Seite 115)

Während der Feiern am Mardi Gras wird in den Sümpfen vor New Orleans die junge Natalie Underwood brutal ermordet. Ein Fall mit hoher öffentlicher Aufmerksamkeit. An die Spitze der Verdächtigen rückt schnell der Freund der Toten, der Niederländer Alexander van Zandt. Hat er aus Eifersucht gemordet? Die Ermittlerin Hanna Vincennes bleibt skeptisch, doch als sich viele Indizien auf van Zandt verdichten, wird Anklage erhoben.

Da wird Aron Mulder, der Vater des Angeklagten, auf den Fall aufmerksam. Er lebt seit einigen Jahren in einer Feriensiedlung, hat sich dort regelrecht verkrochen. Vor fünf Jahren wurde seine Frau Nora ermordet, der Fall wurde nie aufgeklärt, Aron war sogar selbst kurzzeitig festgenommen worden. Nach seiner Freilassung war sein altes Leben vorbei, sein Sohn Alexander reiste in die USA aus und brach jeglichen Kontakt zu seinem Vater ab. Nun ist sein Sohn in Haft, in der gleichen Situation wie er damals. Aron reist in die Staaten, fest entschlossen, seinen Sohn vor der Verurteilung zu bewahren. Doch in New Orleans gibt es jemanden, der alles daran setzt, dass Alexander verurteilt wird.

Die beiden Brüder Daan & Thomas Heerma van Voss sind in ihrer Heimat Niederlande bereits seit einigen Jahren etablierte Autoren. Von Thomas erschien bereits der 2013 im Original veröffentlichte Roman Stern geht in deutscher Übersetzung (ebenfalls bei Schöffling), von Daan erscheint Ende 2018 Abels letzter Krieg (bei dtv). 2015 taten sich beide Brüder erstmals zusammen und veröffentlichten diesen literarischen Thriller (mit dem Titel „Ultimatum“ im Original).

Zeuge des Spiels beginnt mit der Schilderung des brutalen Mordes an Natalie Underwood und führt anschließend mit Detective Hanna Vincennes und Aron Mulder die beiden Protoganisten ein. Die Autoren erzählen im Folgenden die Geschichte im Wesentlichen aus diesen beiden Perspektiven. Der Spannungsbogen flacht nach dem Start allerdings merklich ab und steigt dann wieder erst langsam an. Die Identität des Mörders bleibt offen, es kristallisieren sich mehrere Verdächtige heraus, für die Polizei vor allem Alexander van Zandt, der sich zunächst sogar einer Befragung durch Flucht entzieht. Dennoch hat man als Leser schnell Zweifel an der Täterschaft van Zandts (genährt auch durch die Polizistin Hanna), doch ausschließen kann man ihn nicht. Weitere Fahrt nimmt die Story auf, als Aron in New Orleans einen Privatermittler auf den Mord ansetzt.

Großen Reiz erfährt dieser Roman aus der Konstellation zwischen Vater und Sohn, die beide eines Mordes (zu Unrecht?) beschuldigt werden oder wurden. Dieses nach dem Tod der Mutter/der Ehefrau zerrüttete Vater-Sohn-Verhältnis wird von den Autoren überzeugend in Szene gesetzt. Der eine flieht in die Staaten, lässt seinen Namen ändern und die Heimat hinter sich, der andere verkauft Haus und Hof, zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück (die ihm immer noch zurückhaltend begegnet, der Mörder seiner Frau ist schließlich noch nicht gefasst) und findet selbst über eine neue Beziehung nur langsam wieder Antrieb.

Der Plot ist durchaus reizvoll, Suspense vorhanden, die Figurenkonstellation interessant. Dennoch ist bei mir der Funke nicht komplett übergesprungen. Das liegt zum einen an der aus meiner Sicht langweiligen zweiten Hauptfigur Hanna Vincennes. Die Polizistin, die sich eigentlich nach einem Burnout in den Innendienst versetzen lassen will, bekommt hier ihren vermutlich letzten großen Fall auf den Tisch. Zunächst auch durchaus engagiert und mit Zweifeln, ob es von ihren Vorgesetzten richtig ist, van Zandt so schnell als Mörder anzuklagen, macht sie einfach zu viele Fehler in ihren Ermittlungen und erweist sich zu schnell in diesem Spiel (und dazu wird es tatsächlich) als eindeutig Unterlegene. Zum anderen bin ich mit dem Plot an einigen Stellen einfach unzufrieden, insbesondere wenn der Klappentext mit dem Begriff des „perfekten Verbrechens“ spielt. Das war es aus meiner Sicht nämlich nicht, mehr darf ich aber auch nicht sagen, ohne zu spoilern. Aber es trübt halt meinen Gesamteindruck dieses ambitionierten Thrillers.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Zeuge des Spiels | Erschienen am 7. August 2018 im Verlag Schöffling & Co.
ISBN 978-3-89561-208-4
302 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Solveig Engel | Neondunkel

Solveig Engel | Neondunkel

„Während ich meinen Kaffee schlürfe, habe ich das Gefühl, die Antwort könnte in Georges Todesursache liegen. Wahrscheinlich gibt es eine völlig harmlose Erklärung, eine, die alle Anschuldigungen, vor allem auch die nicht ausgesprochenen, entkräftet und jeden Klaus-Peter entwaffnet.“ (Auszug Seite 95)

Dr. Melanie Glanz arbeitet als Astrophysikerin in Bochum. Gerade haben die drei Professoren, mit denen sie eng zusammengearbeitet und geforscht hat einen Nobelpreis erhalten. Kurze Zeit nach der Preisverleihung sterben zwei der Professoren und immer mehr Zweifel schleichen sich ein, ob es wirklich eine natürliche Todesursache war, da es zu vielen merkwürdigen Zufällen kommt. Aber wer hätte ein Motiv gehabt?

Einblick in die Forschung

Neondunkel von Solveig Engel ist selfpublished und als ich in der Romanbeschreibung gelesen habe, dass es sich um einen Wissenschaftsthriller handelt, war für mich schnell klar, dass das nicht zu meinen Genres zählt. Dann habe ich aber einige Rezensionen gelesen, in denen stand, dass es nicht vordergründig um die Wissenschaft und speziell Physik geht und nicht mit Fachbegriffen um sich geworfen wird, und wurde neugierig. Ich habe mich entschieden, dem Buch eine Chance zu geben.

Nach dem Lesen kann ich bestätigen, dass die Forschung eher den Hintergrund bildet und interessant geschildert ist. Ich hatte vorher keine Vorstellung davon, wie es in einem Labor zugeht und fand diesen Einblick wirklich gut. Da die Autorin selbst Physikerin ist, gehe ich davon aus, dass es auch der Wahrheit entspricht. Die Fachbegriffe werden außerdem für Laien gut erklärt.

Zwei Sichtweisen

Die Geschichte wird aus zwei Sichtweisen erzählt, jeweils in Ich-Form. Einmal beschreibt Mel ihre Erlebnisse und ihr Leben, zum anderen kommt Anni zu Wort. Hier wird es interessant, denn Anni ist ein achtjähriges Mädchen, das keiner sieht, sondern zu Mel gehört. Sie folgt Mel auf Schritt und Tritt und hat die Möglichkeit auf sie Einfluss zu nehmen. Mel bekommt es anfangs nur unbewusst mit, später immer stärker. Das klingt jetzt vielleicht spooky, geht aber eher in die psychologische Richtung.

Dr. Melanie Glanz

Die Protagonistin ist 35 Jahre alt, liebt ihr Fachgebiet und die Forschung und ist ein wahrer Kaffeejunkie. Ihre Mutter ist früh gestorben und seitdem hat sie ihr Vater unter den Fittichen, der ebenfalls Professor der Physik ist. Beide haben kein sehr gutes Verhältnis, da er sie oft mit Leistungsdruck und Schuldgefühlen lenkt.

Spannungsbogen bleibt flach

Am Anfang war der Thriller wirklich interessant und ich habe das Leben von Mel gern gelesen. Nach zweihundert Seiten beginnen dann endlich die ersten wirklichen Zweifel an den Todesursachen der beiden Professoren, es gibt einen weiteren Anschlag und die Polizei beginnt zu ermitteln. Diese beginnende Spannung kann sich leider nicht halten, es geht weiterhin mehr um das aktuelle Projekt, um Anni und um ein bisschen Liebe. Im letzten Drittel hat das Buch wirkliche Längen und mich verließ etwas die Motivation weiterzulesen, da es kaum noch um die vermutlichen Morde ging. Zum Ende hin wird es wieder etwas besser und ich als Leser habe langsam eine Ahnung bekommen, worauf die Geschichte abzielt.

Insgesamt ein interessantes Buch, wenn man noch nie mit Forschung in Berührung gekommen ist, aber der Spannungsbogen ist nicht geglückt. Sehr nett fand ich die Geste der Autorin, mir eine persönliche Widmung ins Buch zu schreiben, in der sie mir schauriges Lesevergnügen wünscht. Nur hat sich das leider nicht eingestellt.

Solveig Engel ist das Pseudonym von Sabine Engel. Sabine Engel hat Physik studiert, an der Bochumer Uni und am TRIUMF-Lab promoviert und nebenbei für Spektrum der Wissenschaft geschrieben. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Kindern bei Berlin. 2013 erschien ihr Kinderbuch Mission mit Schwein im Baumhaus Verlag.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Neondunkel | Erschienen am 10. Januar 2018 als Self-Publishing bei epubli
ISBN 978-3-74507978-4
524 Seiten | 15.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Uwe Wilhelm | Die 7 Kreise der Hölle

Uwe Wilhelm | Die 7 Kreise der Hölle

„Er wusste, soeben hatte er das vierte Kapitel der sieben Kreise der Hölle beschrieben. Er würde es ausformulieren und aufschreiben. Es sollte den Titel Wut tragen.“ (Auszug Seite 274)

Helena Faber tritt gerade aus der Tür, als sie gerade noch sieht, wie ihre beiden Töchter in einen Transporter einsteigen, der anschließend wegfährt. Sie versucht noch, den Wagen zu stoppen, aber vergeblich. Was hat das zu bedeuten? Warum steigen ihre Kinder in ein fremdes Auto und wo werden sie hingebracht? Helena und ihr Mann Robert setzen sofort alle Hebel in Bewegung, um die Entführung zu verhindern.

Helena Faber wohnt in Berlin, ist Staatsanwältin und ist von ihrem Mann Robert seit vier Jahren getrennt. Robert arbeitet bei der Polizei. Die beiden gemeinsamen Töchter Katharina und Sophie sind dreizehn und elf Jahre alt.

Teil zwei der Trilogie

Die 7 Kreise der Hölle von Uwe Wilhelm ist der zweite Krimi um die Staatsanwältin Helena Faber. Im ersten Buch, Die 7 Farben des Blutes, verfolgt sie einen Serienmörder. Diese Geschichte baut stark auf den ersten Teil auf. Ich habe mit dem zweiten Fall begonnen und fand es schwer, die gesamten Vorgänge aus dem ersten zu erfassen, die für das Verständnis der Entführung notwendig gewesen wäre. Meiner Meinung nach wurde die Vorgeschichte hier nicht ausreichend beleuchtet und nur häppchenweise zur Verfügung gestellt, sodass ich empfehle, mit dem Anfang der Serie zu beginnen.

Pädophilie in Istanbul

Die Spur der Mädchen führt Helena und Robert in die Türkei. Hier geht es um Kindesmissbrauch und Kinderhandel. Die Details dazu kamen mir gut recherchiert vor, aber sie werden auch genauso unbarmherzig beschrieben, wie sie sind. Außerdem geht es viel um Korruption und dass dieser Ring, deren Mitglieder sich als Kunsthändler und Kunstkenner ausgeben, überall seine Kontakte hat und Helena und Robert selbst ihren engsten Kollegen bei der Polizei nicht mehr trauen können. Für meinen Geschmack ist mir die Geschichte zu politisch.

Ein konstanter Spannungsbogen

Der Thriller ist in vier Abschnitte unterteilt und die kurz gehaltenen Kapitel in Tage gegliedert. Der Text liest sich grundsätzlich flüssig, mich haben aber die türkischen Passagen gestört. Diese sind zum Glück übersetzt worden und ich habe diese Zeilen dann überflogen und habe gleich die Übersetzung gelesen. Der Autor arbeitet mit vielen kurzen Sätzen und dieser Schreibstil hat mich an Bernhard Aichner erinnert. Das mochte ich, denn dadurch wird die Geschichte rasanter. Der Spannungsbogen ist über viele Seiten präsent, denn immer wenn die Protagonisten das Gefühl haben, sie sind nur noch eine Handbreit von ihren Kindern entfernt, passiert etwas, so dass die beiden doch nicht gerettet werden können. Als Helena dann auch noch in Gefahr gerät und ebenfalls gerettet werden muss, wurde es mir ein bisschen zu dramatisch.

Abgebrochen

Ich habe mich entschieden, die letzten einhundert Seiten nicht mehr zu lesen, da das Buch im Großen und Ganzen nicht meinem Geschmack entspricht. Ich lese nicht gern politische Romane und leider war das Thema so nicht auf dem Klappentext erkennbar. Zudem bin ich mit Helena nicht richtig warm geworden. Sie ist zwar mutig und tut wirklich alles, um ihre Mädchen zu retten, lässt sich aber auch immer wieder mit Männern ein, die ihr am Ende schaden.

Uwe Wilhelm wurde 1957 in Hanau geboren, hat Germanistik und Schauspiel studiert und anschließend Drehbücher (unter anderem Polizeiruf und Tatort), Theaterstücke und Sachbücher geschrieben. Nach einem Schicksalsschlag ist der Autor mehrere Monate durch die Welt gereist und hat begonnen Romane zu schreiben. Mit Helena Faber hat er seine erste Trilogie begonnen. Auf der Homepage des Autors gibt es einen Videoblog der Protagonistin zu ihrem ersten Fall, der auf jeden Fall einen Besuch wert ist und den ich sehr gut finde.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die 7 Kreise der Hölle | Erschienen am 21. Mai 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-734-10345-2
480 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

A. J. Finn | The Woman in the Window ♬

A. J. Finn | The Woman in the Window ♬

Agoraphobie ist die übertriebene Angst, die durch bestimmte Orte oder Situationen, wie das Überqueren eines Marktplatzes ausgelöst wird. Im Extremfall können die Betroffenen die eigene Wohnung nicht mehr verlassen. Tatsächlich ist diese grundlose, unrealistisch starke Furcht die am häufigsten vorkommende Angststörung. Das Wort bildet sich aus dem Altgriechischen: Agora = der Marktplatz und Phobie = die Furcht. Die in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommene Platzangst meint ganz etwas anderes und beschreibt eher das Gegenteil.

Mord am Fenster

Unter dieser Angststörung leidet Anna Fox, die nach einem traumatischen Erlebnis ihr großes Haus in Harlem in New York seit circa zehn Monaten nicht mehr verlassen hat. Sie lebt von ihrer Familie getrennt und ist mit ihrem Mann Ed und Tochter Olivia nur telefonisch in Kontakt. Die Souterrain-Wohnung hat sie an den gutaussehenden David untervermietet, der ihr mit handwerklichem Geschick zur Seite steht. Die ehemalige Kinderpsychologin hat nicht viele soziale Kontakte und verbringt ihre Zeit mit Online-Schach, alten Schwarz-Weiß-Filmen und dem Beobachten ihrer Nachbarn, vorzugsweise durch ihre Nikon. Außerdem chattet sie mit Gleichgesinnten in einem Online-Forum, in dem sie psychologische Ratschläge gibt und mit ihrem Fachwissen zur Verfügung steht. Anna selbst ist in ärztlicher Behandlung und bekommt regelmäßig Besuch von ihrem Psychiater Dr. Fielding und ihrer Physiotherapeutin Bina.

Eines Tages beobachtet sie, wie gegenüber eine neue Familie einzieht. Jane und Alistair Russel mit ihrem schlaksigen Teenagersohn Ethan, die sie auch alle nacheinander kennenlernt. Mutter und Sohn sind ihr sofort sympathisch und das bringt ein bisschen Abwechslung in das Leben der einsamen Frau.

Kurz darauf wird Anna Zeuge, wie ihre Nachbarin Jane überfallen wird und blutend vor dem Fenster zusammen bricht. Sie ruft die Polizei und versucht zu helfen. Als sie sich tatsächlich überwindet, das Haus zu verlassen, bricht sie zusammen und wacht im Krankenhaus wieder auf. Niemand glaubt ihr, da keine Leiche gefunden wird. Und man präsentiert ihr eine Jane Russel, die sie aber nicht kennt. Anna ist auch keine besonders glaubwürdige Zeugin, da sie aufgrund ihrer Erkrankung täglich Unmengen an Psychopharmaka nimmt, die sie mit literweisem Rotwein runterspült. Auch Anna selbst zweifelt und weiß nicht, ob sie sich nicht alles nur eingebildet hat.

Im letzten Drittel des Romans stellt eine überraschende Enthüllung, die ich als pfiffiger Krimileser schon auf dem Plan hatte, noch mal Annas Glaubwürdigkeit total auf den Kopf.

Das Fenster zum Hof

Man denkt natürlich sofort an „Das Fenster zum Hof“, den Hitchcock-Klassiker mit James Stewart von 1954, in dem ein Fotograf wegen eines gebrochenen Beines ans Haus gefesselt ist und aus Langeweile seine Nachbarn beobachtet. Oder die Jüngeren unter uns vielleicht an Disturbia, dem US-amerikanischen Remake von 2007 mit Shia LaBeouf. Auch wenn man zugeben muss, dass es sämtliche Storykomponenten schon mal so oder ähnlich gab, finde ich nicht, dass A. J. Finn hier phantasielos abkupfert. Mit seiner Schilderung von Annas großer Liebe zu den Filmklassikern sehe ich es eher als eine Art Verbeugung. Finn erfindet das Genre nicht neu, er spielt mit den einzelnen bekannten Formen wie der unzuverlässigen Erzählerin, falschen Wahrnehmungen, dem gutmütigen Polizisten und einigen anderen zwielichtigen Figuren.

Mädchen und Frauen kommen ja zur Zeit inflationär in Buchtiteln vor und in dieser Tradition der Girl/Women-Thriller setzt der Autor die Protagonistin Anna perfekt in Szene. A. J. Finn nimmt sich in seinem Debüt viel Zeit, um den Tagesablauf der psychisch Kranken minutiös zu beschreiben. Man schlüpft in Annas Haut, da aus ihrer Perspektive erzählt wird und begleitet sie durch das große Haus. Zum Schluss zieht die Spannungskurve noch mal an und es kommt zu einem dramatischen Showdown mit überraschender Auflösung.

Trotz ausführlicher Darstellungen und detaillierter Beschreibungen hatte ich nie ein Gefühl von Langeweile. Das kann aber auch daran liegen, dass es sich bei dem Hörbuch um eine gekürzte Version handelt, wobei auch der hervorragende Vortrag der Schauspielerin Nina Kunzendorf maßgeblich ihren Anteil hat.

Der Autor A. J. Finn ist tatsächlich ein Mann, womit ich nicht gerechnet hatte. Als der in New York lebende Journalist 2015 erfuhr, dass er an einer bipolaren Störung leidet, fing er mit dem Schreiben an dieser Story an. Er verarbeitet mit seinem Debüt The Woman in the Window seine eigenen Depressionen. Dabei gelingt es ihm sehr glaubwürdig und präzise, die inneren Ängste zu beschreiben. Die Panik vor der Welt außerhalb der eigenen vier Wänden ist jederzeit greifbar und ich konnte sie regelrecht nachempfinden. Er schreibt flüssig, in kurzen Kapiteln und mit trockenen Humoreinschüben.

Ich bin sicher, dass die Verfilmung nicht lange auf sich warten lässt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

The Woman in the Window | Erschienen am 19. März 2018 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-4148-1
gekürzte Lesung von Nina Kunzendorf
Laufzeit 9 Stunden 15 Minuten
2 mp3-CDs
Bibliografische Angaben & Hörprobe | Trailer

Greer Hendricks & Sarah Pekkanen | The Wife Between Us

Greer Hendricks & Sarah Pekkanen | The Wife Between Us

„Doch Richard hatte noch etwas gesagt, und das erschien ihr jetzt besonders bedeutsam: Sie war nicht die, für die ich sie gehalten hatte.“ (Auszug Seite 114)

Vanessa wurde gerade von ihrem Mann Richard verlassen. Er hat sich in seine jüngere Assistentin verliebt und die beiden wollen heiraten. Vanessa möchte das verhindern, da sie weiß, dass ihre Nachfolgerin in der Ehe unglücklich werden wird. Mit aller Macht versucht Emma die Hochzeit zu verhindern…

Vanessa ist Mitte dreißig und war sieben Jahre mit Richard verheiratet. Richard ist ebenfalls Mitte dreißig und Hedgefondsmanager. Durch seinen Beruf ist er oft verreist. Nach der Hochzeit hat Richard ein großes Haus in einem Vorort gekauft, in dem Vanessa nach und nach vereinsamt ist. Außerdem wollten beide ein Kind bekommen, was trotz medizinischer Behandlung nicht geglückt ist. Dann kam Richards neue Assistentin.

Der erste Eindruck täuscht

Als ich die ersten Seiten von The Wife between us von Greer Hendricks und Sarah Pekkanen gelesen habe, dachte ich, dass es eine psychische und vielleicht etwas ausufernde Geschichte einer verlassenen Frau wird. Der Titel des Buches lässt so etwas ebenfalls vermuten. Wer ist die Frau, die sich zwischen uns gedrängt hat? Die Geschichte ist aber viel tiefgründiger. Es geht im Grunde um drei Frauen, die mit Richard zusammen sind oder waren: Nellie, Emma und Vanessa. Und das eigentliche Geheimnis ist Richard.

Eine Wendung, die verpufft

Teil eins des Romans wird abwechselnd aus Sicht von Nellie und Vanessa erzählt. In Teil zwei „platzt die Bombe“ und ich musste kurz innehalten, um die Geschehnisse zu sortieren und mich zu fragen, was gerade passiert. Leider war hier die angedeutete Wendung im Nachhinein doch nicht so spektakulär, wie ich gedacht und gehofft hatte. Zusammengefasst wird nur das Geheimnis um Nellie gelüftet. Die zweite Hälfte des Buches wird ausschließlich aus Sicht von Vanessa berichtet. Dabei kommt sie mir keineswegs als die „durchgeknallte Ex“ vor, sondern wird mir von Seite zu Seite sympathischer. Ich konnte mich gut in sie hineinversetzen und mitfühlen. Hier wird der Leser trotzdem weiterhin in Verwirrung gebracht und ich habe mich immer wieder gefragt, was denn jetzt echt ist und was inszeniert wurde. Das Ende plätschert für mich so dahin, obwohl auch hier nochmals mit Täuschung gearbeitet wurde und weder der Leser noch die Protagonistin sich in allem wirklich sicher sein konnten. Der Epilog weiß dann aber nochmal zu überraschen.

Fazit: Insgesamt liest sich die Geschichte flüssig und mir wurde zu keiner Zeit langweilig, aber ich hatte eine dramatischere Wendung und noch mehr Spannung erwartet.

Greer Hendricks arbeitete über zwei Jahrzehnte als Lektorin und tat dies auch für Sarah Pekkanen. Greer lebt mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Manhattan. Dieses Buch ist ihr erster Roman.
Sarah Pekkanen ist eine internationale Bestsellerautorin und hat bereits sieben Romane veröffentlicht. Als investigative Journalistin und Autorin schrieb sie unter anderem für die Washington Post und USA Today. Sie ist Mutter von drei Söhnen und lebt außerhalb von Washington, D.C.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

The Wife Between Us | Erschienen am 15. Mai 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-29117-3
448 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe